Sie schlug die Augen nieder und nickte kaum merklich mit dem Kopfe. Da flog

ein Lächeln über sein dunkles Gesicht wie ein Sonnenstrahl über die braune

Haide. Und nach einem köstlichen Ritornell fiel Czinka mit ihrer schwachen,

aber süßen Stimme ein und sang mit der Geige um die Wette ein wehmüthiges

Lied im Vierachteltact in sehr langsamem Tempo. Fremd und ergreifend war

der Accent der leichten Tacttheile des zweiten und vierten Achtels, den der

Geiger mit voller Gewalt unterstützte. Die Textesworte verstand der Graf

nicht, die leidenschaftliche klagende Melodie traf aber mächtig sein Herz.

»Wie heißt das Lied?« fragte er am Schlusse die Sängerin.

»Ich will versuchen es Euch zu übersetzen,« antwortete Czinka. »Es ist

meine Lieblingsnota, die Worte und die Melodie hat Anthony gemacht:

»O meine müden Füße, ihr müßt tanzen

In bunten Schuhen

Und möchtet lieber tief

Im Boden ruhen.

»O meine armen Augen, ihr müßt blitzen

Im Strahl der Kerzen

Und möchtet im Dunkel lieber

Schlafen von euren Schmerzen.«

»Was kann ich Euch schenken?« fragte der Graf an diesem Abende freundlich

den jungen Geiger. »Bis zur Stunde haben sie Alle von mir irgend eine

kleine Gabe angenommen, nur Ihr allein nicht! Meint Ihr, es sei mir

entgangen, wie Ihr die silberne Kette, die ich Euch durch Czinka

überreichen ließ, zerrissen und von Euch weggeschleudert? Erlaubt mir doch

endlich Euch zu zeigen wie wohl mir Euer Spiel gefällt!«

»Nun, so schenkt mir den kleinen Dolch, den Ihr immer mit Euch führt!«

antwortete Anthony nach kurzem Besinnen.

Alfred zog die zierliche Waffe aus ihrem Futterale und überreichte sie nach

kurzem Zaudern dem Geiger. »Laßt uns nun auch Freunde sein,« sagte er.

Die Augen des Knaben blitzten. Er prüfte die feine Klinge und musterte mit

Wohlgefallen den zierlich ausgelegten Griff. Dann schob er die Waffe in

die lederne Scheide und verbarg sie an seiner Brust. Mit heiterem Lächeln

dankte er nun dem Grafen und war von Stund an minder scheu und fremd zu

ihm, aber wahrhaft zutraulich wurde er dennoch keinen Augenblick, so viele

Mühe sich auch Alfred Saldern gab seine Zuneigung zu erwerben.

* * * * *

Tage und Wochen vergingen -- das Leben des Grafen glich einem

phantastischen Märchen, und er verspürte zuweilen den Drang sich an

Nase und Ohren zu zupfen, um zu erproben ob er wirklich wache. -- Jene

nächtlichen Träume, in denen er die schöne Czinka in seinem eleganten

Hause in Wien sah, träumte er jetzt auch sogar am Tage: immer unabweisbarer

tauchte der Gedanke in ihm auf, dies köstlich frische Kind als sein

Weib heimzuführen. Zerflossen waren alle Bedenken, verstummt die

widerstreitenden Stimmen in seiner Brust; die Stimme der Liebe hatte sie

alle zur Ruhe gebracht. Das leidenschaftliche Verlangen nach dem Besitze

eines Etwas das er _nicht_, wie sonst Alles was ihm gefiel, durch die Macht

seines Reichthums zu erkaufen vermochte, entzückte ihn, -- er schwelgte in

diesem neuen Gefühl und empfand zu Zeiten kaum die Sehnsucht sich durch

ein entscheidendes Wort aus diesem, für ihn so neuen, köstlichen Zustand zu

erlösen. Ob Czinka seine Empfindungen ahnte? Er wagte es nicht zu hoffen.

Sie war und blieb unbefangen gegen ihn wie ein Kind. Seine Geschenke hatte

sie mit harmloser Mädchenfreude entgegengenommen, seinen Erzählungen von

der großen Kaiserstadt, von seinem Palaste, von den Genüssen des Reichthums

mit glühenden Wangen und leuchtenden Blicken gelauscht, wenn aber Anthony

Czermak seine Geige stimmte, schnellte sie doch empor, wurde zerstreut und

unachtsam, und spielte er in seiner kecken wilden Manier gar den ersten

Tact irgend eines Tanzes, so hatte Alfred das Gefühl als ob diese Töne

Czinka von einem offenen Grabe, worin man ihr Liebstes so eben versenkt,

wegzulocken vermöchten. Fast mit einem Schauer sah er zu, wie sie dann auf

und dahin flog: ihr Busen wogte, ihre Füße berührten kaum den Boden, ihre

Augen lachten und die leichte Gestalt schwebte dahin, als sei eben die

Bewegung des Tanzes ihr einziges Element. Ließ sie endlich mit dem letzten

Strich der Geige des braunen Knaben die Arme sinken und warf sich in's

Gras, halberschöpft, halb selig von der eben genossenen Lust, da hätte der

Graf sein Leben und seine Habe ihr zu Füßen werfen mögen und doch war

es ihm, als könne er dreister der stolzesten Herzogin in Wien einen

Heirathsantrag machen, als zu dieser kleinen Zigeunerin von Liebe reden.

Eines Tages jedoch, der Abend dunkelte bereits, saß er mit ihr auf einem

kleinen freien Platze unfern des Lagers unter einer großen Eiche. Die

Musikbande war schon am Morgen fortgezogen, um zu dem Hochzeitfeste eines

reichen Bauern aufzuspielen, mehrere der Männer und Frauen hatten sie

begleitet. Es war still im Zigeunerlager. Das Feuer schimmerte durch die

Büsche, das Lärmen und Lachen der spielenden Kinder drang gedämpft herüber.

Czinka war ungewöhnlich ernst. Alfred Saldern saß stumm an ihrer Seite. Als

die Sonne sank, brach das junge Mädchen plötzlich in Thränen aus und sagte:

»Um diese Stunde, heute vor fünf Jahren, starb meine Mutter und ließ mich

allein. Den Vater habe ich nie gekannt, der starb ehe ich geboren war!«

Nach diesen Worten küßte sie ein kleines Kreuz, das sie am Halse trug.

»Ich möchte so gern wieder einmal in meiner Kirche beten,« fuhr sie dann

gedankenvoll fort, »nehmt mich doch einmal mit nach Zircz! Die Andern

lassen mich nicht allein fort und sind keine guten Katholiken! -- Wenn

die Mutter noch lebte, wäre ich auch wohl nicht mehr hier unter ihnen! Wir

wollten damals nach Raab ziehen oder vielleicht gar in's österreichische

Land mit dem Anthony, damit er tüchtig Geige spielen lerne und ein großer

Musikant werde. Armer Anthony!«

»Beklagt ihn nicht, Czinka, für ihn ließe sich noch Hülfe finden -- noch

ist es Zeit, ich will ihn mit nach Wien nehmen, wir haben dort hochberühmte

Meister bei denen er Tüchtiges lernen könnte.«

Sie fuhr empor mit leuchtenden Augen. »O wie gut Ihr seid!« rief sie

freudig und faßte seine Hände. »Wollt Ihr das wirklich? -- Dann ginge ja

die böse Weissagung der Czinka Panna, meiner Großmutter, nimmermehr in

Erfüllung! -- Habt Ihr niemals von jener vielgefeierten Zigeunerin und

Quartettspielerin reden hören? Nun seht, sie starb an dem Tage meiner

Geburt. Aber man brachte mich an ihr Bette und da legte sie ihre kalten

Hände auf mein Haupt und murmelte: »Armes Kind! Du wirst leben müssen

ohne die berauschende Musik unseres Volkes und wenn eines Tages der größte

Geiger unsers Stammes die =siralmas nota= vor Dir spielt, wird es -- in

Deiner Todesstunde sein!« Wenn nun aber der Anthony Czermak wirklich ein

_großer Geiger_ wird, so werde ich ihn alle Tage spielen hören, denn er

wird mir oft genug die =siralmas nota= geigen wenn ich erst seine Frau

bin.«

»Ihr des Anthony Frau?«

»Ja, so wollte es die Mutter, um die Prophezeiung der Großmutter zu nichte

zu machen. Sie liebte den Anthony, der auch schon längst keine Eltern mehr

hat, und Anthony liebt mich sehr!«

»Und Ihr, Czinka -- Ihr selbst -- redet doch -- möchtet _Ihr_ denn solch

eines wandernden Zigeuners Weib werden?«

Sie sah ihn erstaunt an, des leidenschaftlichen Tones wegen, in dem er

geredet. Er war so bleich geworden daß sie erschrak und eine Bewegung

machte sich zu erheben. Mit Heftigkeit aber schlang er seinen Arm um ihren

schlanken Leib, zog sie zu sich nieder und rief:

»Nicht eher weicht Ihr, Czinka, als bis ich Euch Alles gesagt!« Und als sie

bebend es geschehen ließ daß er ihren Kopf an seine Brust lehnte, da redete

er mit leisen glühenden Worten von seiner unbesiegbaren Liebe zu ihr, zu

der wilden Rose, die da so dicht an seinem Herzen blühte und strahlte.

Was er ihr sagte und versprach -- sein Kopf wußte nichts davon, sein Herz

allein redete. -- Lange währte es auch nicht -- dann kam die Endfrage, die

er aber mit fester, fast feierlicher Stimme aussprach: »Czinka, wollt Ihr

mein Weib werden und mir in meine Heimath folgen?«

Er schwieg wie von einer schweren Last befreit, und lehnte mit dem Ausdruck

der Erschöpfung seinen Kopf an den Stamm des Baumes, dessen Zweige sie

Beide beschattete.

Da richtete sie sich langsam aus seinen Armen auf, sah ihn traurig an und

antwortete mit langsamem Kopfschütteln nur das eine Wort: »Nein!« aber so

ruhig, so unabweisbar, daß er fühlte, wie keine Bitten und Klagen diesen

Laut in ein »Ja« zu verwandeln vermöchten. -- Ein unendlicher Schmerz zog

durch seine Seele. Schweigend senkte er die Stirn. -- Was kümmerte es

ihn zu wissen, was sie zu diesem »Nein« getrieben? Wozu noch ein

Auseinanderreißen der Wunde, die er empfangen? Er sah sie noch einmal an,

wie sie in ihrer sinnverwirrenden fremdartigen Schönheit vor ihm saß, die

Fleisch gewordene Blüthe des =Cactus speciosissimus= -- dann riß er ihre

Hände an seine Lippen und sagte einfach:

»Lebt wohl, Czinka!«

Da neigte sie ihr liebliches Haupt herab und küßte ihn leicht wie ein Hauch

auf die Stirn. »Lebt wohl!« flüsterte auch sie. Aber plötzlich fuhr sie

empor und wurde todtenbleich. »Hörtet Ihr nicht einen Seufzer, wie das

Todesächzen eines getroffenen Rehs?« fragte sie leise und ängstlich.

Er schüttelte den Kopf und stand auf. Wirre Töne, Rufen und Lachen, klangen

vom Lager her.

»Sie sind wiedergekommen!« sagte Czinka tiefaufseufzend. »Anthony sucht

mich gewiß!« Dann legte sie ihre Hand auf den Arm Alfreds und flüsterte:

»Jetzt weiß ich, daß ihr den Anthony _nicht_ mit nach Wien nehmen könnt,

-- aber ich danke Euch doch daß Ihr es gewollt! Vergeßt mich und ihn, ich

bitte Euch!«

Sie verschwand im Gebüsch. Er blieb noch einen Augenblick in tiefen

Gedanken stehen, dann schlug er einen Seitenweg ein, der ihn zu seinem

Wagen leitete.

In Zircz angekommen, befahl er seine Sachen sogleich zu packen und fuhr

in derselben Nacht noch nach Raab. Dort blieb er einige Tage, trieb sich

ruhelos umher und schwankte stündlich zwischen Abreisen und Bleiben. Die

Festungsmauern beengten ihn, die düstern Straßen erhöhten seine Schwermuth,

nur in dem Stadtviertel der Juden und Zigeuner, und in dem herrlichen

alten Dom athmete er auf. Stunden lang konnte er in den schlechten Schenken

sitzen und die Gestalten der ungarischen Zigeuner anstarren, die dort

zechten, scherzten und ihr wildes Wesen trieben. Nur wenn irgend Einer

der Bande seine Geige stimmte, üppige Frauengestalten aus den Winkeln

auftauchten und der Wirth die Bänke zusammenrückte, um die niedere schmale

Stube in einen Tanzsaal zu verwandeln, floh er, aber die tolle Musik,

das Jauchzen und Stampfen folgte ihm bis an das Portal des ernsten

Gotteshauses, allwo erst der böse Spuk wich. Wie viele Tage er in Raab

verträumt -- er hatte sie nicht gezählt -- eines Abends aber stand Alfred

Saldern an dem Fenster des Gasthauses mit dem festen Entschlusse, am

nächsten Morgen nach Wien abzureisen. Der Regen schlug an die Scheiben,

der Wind heulte, im Hofe irrten Laternen umher, -- auf den Straßen war

es stille, -- auf Flur und Treppen nicht minder, obgleich es noch früh am

Abend war. Die Lampe brannte düster auf dem Tische, gespenstische Schatten

zuckten an den Wänden auf und nieder. Ein unsagbares Heimweh überkam den

Verlassenen -- aber kein Heimweh nach seinem in all seiner Pracht doch

öden Hause in Wien, oder nach den Gestalten der Genossen seiner rauschenden

Freuden, nein, eine verzehrende Sehnsucht nach der längst gestorbenen

Mutter, nach der längst begrabenen Schwester, -- ja nach dem kaum gekannten

Vater, und in tiefer Wehmuth legte er seine Stirn in die Hände und fühlte

Thränen -- seltene Gäste -- in seinen Augen. Da klopfte es rasch an die

Stubenthür, sein Diener trat ein und meldete einen Knaben, der nach ihm

gefragt. Zerstreut winkte der Graf ihn einzulassen. Er blickte kaum auf, in

seine Erinnerungen versenkt, als die schlanke Gestalt eintrat -- er zuckte

erst mit einem Schrei empor als eine kleine Hand, deren Pulsschlag ihn

sympathisch berührte, die seine erfaßte. Hastig wandte er sich nun und

erkannte, trotz der entstellenden Tracht, trotz des verschnittenen Haars

-- Czinka, das geliebteste Geschöpf der Erde. Mit einem Laut des Entzückens

riß er sie an seine Brust, er sah nicht wie bleich sie war und wie sie

zitterte.

»Hier bin ich,« sagte sie mit leidenschaftlichem Trotze, »ich will Dein

Weib werden -- vergiß, daß ich Dir einst »nein« gesagt, aber Eins mußt Du

mir zuvor versprechen: Du mußt ihn mir suchen helfen, den Anthony. Er ist

in derselben Nacht da Du uns verlassen, mit seiner Geige entflohen, hinaus

in die weite Welt! Niemand wird und kann mir suchen helfen als Du, Du

allein! _Und wir werden ihn finden_ -- nicht wahr?«

* * * * *

Der Namenstag des Grafen Alfred rückte heran und noch wußte Niemand, wo

der wunderliche Flüchtling sich umhertrieb. Manche glaubten ihn auf seinem

schönen Gute in der Steyermark, Andere in Italien, wieder Andere wollten

gehört haben, daß er sich am Rhein niedergelassen, und Alle bedauerten

den Ausfall des sonst allezeit so glanzvollen Festes, als plötzlich die

Einladungen für diesen Tag in gewohnter Weise ergingen, die fast ein Jahr

lang verschlossenen Fenster und Thore des Saldern'schen Palastes sich

öffneten, und bald in ihrem sonstigen Schmuck an Blumen und kostbaren

Umhängen wiederum strahlten. Neugierige Freunde eilten herbei, aber der

alte Haushofmeister wies einen Jeden ab mit der ruhigen Bemerkung, sein

Herr sei noch bis zur Stunde nicht zurückgekehrt. Mit welcher Spannung man

endlich am bestimmten Tage die prächtigen Raume des Festgebers betrat, läßt

sich denken.

»Ob er wohl jenes Versprechen halten wird, das er vor einem Jahre der

Versammlung gegeben, ob er sich verlobte auf seiner langen Reise, oder ob

er irgend einer der geladenen Schönen öffentlich Herz und Hand anzubieten

gedenkt?« diese Fragen beschäftigten die meisten der Gäste. Treppen, Flur

und Vorzimmer waren ungewöhnlich glänzend decorirt, aber im Empfangzimmer

wurden Viele unangenehm überrascht: _Tageshelle_ statt des gewohnten

Kerzenlichts strömte ihnen entgegen; doch verschwand diese kleine fatale

Empfindung bald bei dem überaus liebenswürdigen Empfang des Grafen, der

dies Mal seine Gäste mit dem Ausdrucke wahrer Freude begrüßte, und jedem

Einzelnen zu verstehen zu geben sich sichtlich mühte, wie sehr angenehm

ihm gerade seine Erscheinung sei. Jeder und Jede sagte sich: »so freundlich

lächelte er noch nie, so verbindliche Worte hörte ich noch nie von ihm!«

Die Stimmung der Versammlung war deshalb sofort eine heitere, trotz

aller Spannung. Als der Speisesaal geöffnet wurde, der auch im vollsten

Tagesglanze strahlte, bewunderte man die geschmackvoll aufgehäufte Pracht

der Geräthe und seltenen Blumen. Der Hausherr führte seine Tante zur Tafel,

die alte Marquise d'Anville, die aber dies Mal ihre starre Miene abgelegt

und mit schlauem Lächeln um sich schaute; ihm zur Rechten saß die schöne

Gräfin Delphine -- der Platz auf seiner linken Seite blieb ganz frei -- ein

leerer rother Sammetsessel stand dort und statt des Couverts erblickte

man eine silberne Vase von herrlicher Arbeit, aus der ein selten schönes

Exemplar des =Cactus speciosissimus= seine feurigen Blüthen durch den Saal

leuchten ließ. Das Diner war glänzend, doch wollte die Unterhaltung, trotz

der Lebhaftigkeit des Wirthes und der ungewöhnlichen Redseligkeit der alten

Marquise, nicht recht in Fluß kommen, sie stockte öfter als der gute Ton

es erlaubt, die Erwartung und Ungeduld der Gäste wuchs zusehends, man

flüsterte unverhohlen mit einander, die Blicke der Männer wurden immer

zerstreuter, das Lächeln der Frauen immer gezwungener. Endlich wurde das

Desert aufgetragen, der feurige Cliquot löste die Zungen, der erste Toast

auf den Hausherrn flog durch den Saal. Da erhob der Graf dankend sein Glas,

ließ seine stolzen blauen Augen heiter über die Versammlung wandern, und

sagte mit heller Stimme:

»Ich kam nur zurück von meiner Reise um meinen liebenswürdigen Gästen ein

Versprechen zu halten, das ich Ihnen vor einem Jahre an eben dieser Stelle

gegeben. Darf ich also bitten die Gläser auf das Wohl meiner _Hausfrau_ zu

füllen?« Stürmischer Beifallsruf war die Antwort. Als der Jubel verhallt,

verlangte man einstimmig die schöne Wirthin zu sehen. »Dieser leere Sessel

ist für die Königin dieses Hauses bestimmt, wie Sie Alle wohl schon längst

vermuthet, ich hoffe, sie weigert sich nicht ihn einzunehmen!« sagte nun

Alfred und erhob sich.

Die schöne Delphine warf schnell einen schmachtenden Blick in den gegenüber

hängenden Spiegel: das weiße, theure Spitzenkleid, in Paris gemacht,

saß vortrefflich, der blaßrothe Atlas des Unterkleides schimmerte wie

Morgenroth durch die köstlichen Kanten, die Rose an der linken Seite der

langen Locken hätte freilich noch etwas tiefer, mehr wie herabgesunken,

stecken können, die dumme Margot verstand doch gar Nichts! Das Freifräulein

Melanie aber, das dem Grafen gegenüber saß, warf ihm zu derselben Zeit

einen kecken Blick zu und lachte, -- sie wußte nämlich genau daß sie nie

hübscher war, als wenn sie lachte. Beide Damen knüpften jedoch ein eifriges

Gespräch an mit ihren Nachbarn, denn sie hörten, daß der Graf seinen

Sessel rückte und -- man mußte ja die _Ueberraschte_ spielen, wenn man

ihn plötzlich vor sich sah! Allein sie sprachen und sprachen -- was sie

redeten, wußten weder sie selber noch verstanden es ihre Nachbarn, -- es

dauerte auch allzu lange! Endlich mußten doch Beide ein wenig zur Seite

blinzeln und da sahen sie -- wie die Sammetportière eines Seitencabinets

zurückgeschlagen wurde, und der Graf auf dessen Schwelle erschien. --

Aber an der Hand führte er eine Frau, die er zu jenem leeren Sammetsessel

geleitete und mit den einfachen Worten: »Czinka, Gräfin von Saldern,«

jetzt der Versammlung vorstellte. Die neue Gräfin verneigte sich mit der

schüchternen Grazie eines Kindes, und nahm den Platz an der linken Seite

ihres Gemahls neben der alten Marquise ein, die sie mit mütterlicher

Zärtlichkeit empfing. »Da meine Frau als Ungarin unsere deutsche Sprache

nur mangelhaft versteht und kaum redet, so sieht sie sich für heute zu

ihrem Bedauern noch genöthigt auf das Vergnügen der Unterhaltung mit meinen

Freunden zu verzichten,« sagte der Graf noch, dann knüpfte er sofort

mit seiner schönen, fast zu Stein erstarrten Nachbarin so unbefangen ein

Gespräch an, als gäbe es keine Gräfin Saldern in der Welt und die stolze

Delphine war Weltdame genug, um scheinbar heiter auf seine Unterhaltung

einzugehen. Dann und wann wandte sich jedoch Alfred Saldern mit einem

sonnigen Blick und Lächeln zu seiner jungen Frau, ihr einige leise Worte

zuflüsternd, die sie eben so leise und mit einem lieblichen Erröthen

beantwortete. Redete er nicht mit ihr, und gönnte die Marquise d'Anville

ihr Ruhe, so saß sie ernst und gedankenvoll da und betrachtete mit dem

Staunen eines jungen Mädchens das zum ersten Mal den Ballsaal betritt, jene

glänzenden Gestalten der Gäste, die sich um die Tafel reihten. Aber überall

begegnete ihr Blick dem Ausdruck so lebhafter Bewunderung und Neugier, daß

sie endlich ihre dunklen traurigen Augen senkte, und nicht anders wieder

erhob als um ihren Gemahl anzusehen, oder jene stolze Purpurblüthe in der

silbernen Vase vor ihrem Sitze. -- Die junge Gräfin trug ein Kleid von

kostbarem indischen Mousselin, mit Spitzen reich verziert, der zarte Hals,

die feinen Schultern und Arme schimmerten durch den klaren Stoff doppelt

reizend. Die Aermel waren mit Korallenagraffen zurückgenommen, eine Kette

von Korallen mit einem prachtvollen Schloß schlang sich um ihren Hals,

eine andere um die zierlichen Handgelenke. In dem schwarzen lockigen,

kurzverschnittenen Haar trug sie einen Kranz von Granatblüthen. Ihr

Gesicht, leicht angehaucht von einem köstlich feinen Bronceton, war

bezaubernd in seinen Linien und in dem Ausdruck einer sanften Melancholie.

Die Lippen strahlten in köstlicher Frische, und es war nicht möglich

sich schönere Augen mit vollkommnerer Zeichnung von Brauen und Wimpern zu

denken, so behaupteten wenigstens alle männlichen Gäste des Grafen, während

die Frauen den Augen der Gräfin Saldern wenigstens in so fern Gerechtigkeit

widerfahren ließen, als sich eine Jede gestand, sie seien, ihre _eigenen_

Augen natürlich ausgenommen, die »hübschesten« im Saale. -- Zu diesem

glänzenden Vorzug der jungen Frau kam aber noch ein Jugendschein, eine

Frische, die in den Herzen der sämmtlichen Schönheiten der Tafelrunde die

heißeste Sehnsucht erweckten nach -- dem verbannten _Kerzenlicht_, die

Herzen der Männer dagegen in lebhafte Bewegung versetzte. Das war der

wirkliche Frühling der sechszehn Jahre der auf dieser Stirn, auf diesen

Wangen seinen Siegerthron aufgeschlagen, jener reiche Frühling mit seinem

üppigen Grün, seinen Knospen und Verheißungen, seinem Duft und Schimmer. --

Ein sechszehnjähriges liebliches Mädchen ist ja eine wilde Rose im Walde,

eine Siebzehnjährige eine Moosrosenknospe, die Achtzehnjährige die Moosrose

selbst -- -- die Neunzehnjährige aber schon meist -- -- eine Theerose -- --

zuweilen reizend zart, schmachtend -- -- und Theerose bleibt sie dann bis

-- -- -- die Liebe kommt, sie in eine Centifolie zu verwandeln und sie vor

dem bittern Loose zu schützen eine -- Klatschrose zu werden. --

Als die Tafel aufgehoben war und die Gäste sich zurückgezogen hatten,

entließ die junge Frau die glänzende Versammlung mit so vollendeter

Haltung, daß Niemand _laut_ gewagt hätte -- wenigstens an demselben Tage

noch nicht -- -- die überraschende Wahl des Grafen zu bekritteln. --

* * * * *

»O meine müden Augen,

Ihr müßt blitzen

Im Schein der Kerzen

Und möchtet doch im Dunkeln

Schlafen von euren Schmerzen.«

Jahre waren hingegangen. Aus der sechszehnjährigen wilden Rose war

eine bleiche vornehme Theerose geworden, Czinka Saldern trat als

sechsundzwanzigjährige Frau so sicher auf, in der großen Welt, als hätte

sie sich von Kindheit an in derselben bewegt. Man bewunderte die junge

Frau, man machte ihr den Hof, sie war eine gefeierte Erscheinung wo sie

sich zeigte, und die Eigenthümlichkeit ihres Wesens und das Fremdartige

ihrer Schönheit rechtfertigte diese Bewunderung vollkommen. Ihre Gestalt

war noch immer schlank und zierlich, aber von vollendeten Formen, ihr

Gesicht mit dem Ausdrucke geduldiger Trauer um den Mund, und den Augen

voll verschleierter Leidenschaft war hinreißender denn je. Sie lernte die

deutsche Sprache nie vollkommen und schien sie auch nicht gern zu reden;

dieser Mangel und ein unbezwinglicher, fast trotziger Stolz, allen

Huldigungen gegenüber, erwarben ihr den Namen die »fremde Königin.« Als

eine auffallende Seltsamkeit bezeichnete man ihre Abneigung gegen den Tanz.

Niemand konnte sie bewegen auf den Bällen einen Fuß zu heben zu irgend

einem Walzer oder Galopp. Sie saß dann ruhig und träumerisch auf der

Estrade und schaute zu.

»Solche Musik macht mich nicht tanzen, sie schläfert mich ein,« sagte sie

einmal.

Eine zweite Eigenthümlichkeit nannte man ihre unbezwingliche Reiselust. In

jedem Frühjahr wurde sie nämlich von einer Unruhe und Sehnsucht nach der

Ferne befallen, die nicht eher endete als bis sie in den Reisewagen

stieg. Man tadelte den Grafen, daß er alljährlich immer wieder diesen

kostspieligen Launen nachgab, den größten Theil des Jahres mit seiner Frau

auf Reisen zubrachte und Europa nach allen Richtungen hin durchstreifte.

Wie ein Kind froh, lachend und strahlend nahm sie allezeit Abschied, und

müde und bleich kehrte sie zurück. Allmählich munkelte man deshalb auch,

daß der Graf doch vielleicht nicht ganz glücklich sei, und bemerkte

mit weisen Mienen, wie es doch wohl nimmer rathsam sein könne sich eine

»Curiosität« als sein Weib heimzuführen. Der Graf selbst gab durch sein

Wesen durchaus keinen Grund zu dergleichen Bemerkungen, er erschien

alle Zeit heiter und angeregt, arrangirte und besuchte Feste wie sonst,

begegnete seiner Gemahlin mit der ausgezeichnetsten Aufmerksamkeit, hatte

nur Augen für sie, schien es aber doch nicht zu sehen, daß die junge

Frau, trotz ihres Lächelns, einer welken Blume glich oder einer an Heimweh

Erkrankten. Wie man aber in _Wien_, der unvergleichlichen Kaiserstadt, sich

nach irgend etwas zu sehnen vermochte das Draußen lag, das begriff eben

Niemand.

Neue Novellen · 第 10 / 12 段