Versprechen gleiche, Erklärung eine nicht geringe Aufregung hervor und Jede
sah sich schon im Geiste dort oben an jenem Ende der Tafel, geschmückt mit
Brillanten und Blumen, in weißem schimmerndem Atlas, eingerahmt von
hohen silbernen Vasen, bestrahlt vom Lichterglanz des vielarmigen
Kronenleuchters. Graf Alfred hielt nämlich alle seine Diners auch zur
Frühlingszeit, wie eben jetzt, bei Kerzenlicht.
Es war dies eigentlich ebensowohl eine Beleidigung als eine Galanterie, dem
schönen Geschlecht gegenüber. Er behauptete, daß keine vornehme Dame über
sechszehn Jahre hinaus, keine Aristokratin der Kaiserstadt wenigstens, die
Beleuchtung durch Sonnenstrahlen zu ertragen vermöchte ohne bedenkliche
Beeinträchtigung ihrer Reize, und er liebte nun einmal, wie bei den Blumen,
vor Allem die Frische in der Erscheinung einer Frau. Keine der Damen seiner
Bekanntschaft konnte sich übrigens einer besondern Bevorzugung von ihm
rühmen, er war leider liebenswürdig und aufmerksam gegen Jede. Er vergaß
keinen Namenstag seiner zahlreichen Freundinnen und knauserte nie mit den
Blumen seiner Treibhäuser und seines Gartens. Hatte er auf einem Balle
mit der blonden Comtesse Delphine zwei Mal getanzt (die seit ihrer
Bekanntschaft mit ihm sehr oft rothe Blumen und rothe Schleifen trug), und
dagegen das stolze Freifräulein Melanie zu Tische geführt, so bat er
bei der nächsten Gelegenheit sicher die hübsche Comtesse um den
»beneidenswerthen« Platz an ihrer Seite, und ließ sich beim Tanze von den
Augen der dunkellockigen Melanie heldenmüthig verbrennen. Kein Kaufmann
konnte gewissenhafter seine Waare seinen verschiedenen Kunden zuertheilen
und abwiegen, als Graf Alfred seine Aufmerksamkeiten, und selbst seine
genauesten Freunde hatten keine auf irgend eine derartige Bevorzugung
gegründete Vermuthung, welche Erscheinung aus der Reihe der
aristokratischen Schönheiten den Platz als Wirthin beim nächsten Diner
einnehmen dürfte.
Schon kurze Zeit nach diesem Feste schien jedoch Graf Alfred sein
öffentlich gegebenes Versprechen ernstlich zu bereuen, er zeigte
sich unruhig, ungleich in seiner Stimmung, verlor seine gute Laune,
vernachlässigte seine Blumen, wurde bleich und einsiedlerisch und die
Aerzte, so wie seine erschreckten Freunde, riethen ihm dringend und
einstimmig zu reisen. Gar mancher bot sich ihm sogar in rührender
Opferwilligkeit zum Reisegefährten an, was jedoch der Graf dankend
ablehnte. Niemand wußte, ob er wirklich den Rath, den man ihm ertheilt,
befolgen werde -- als eines Tages die Fenster seines Hauses sich mit grauer
Leinwand verhangen zeigten und Abschiedskarten mit der zierlichen Krone und
dem Namen »Alfred Graf Saldern« sich in schönen weißen Händen befanden
und eben so schöne Augen nachdenklich das bedeutungsvolle »=p. p. c.=«
betrachteten. -- Der elegante Cavalier war entflohen. Der sonst so glänzend
geschmückte Portier stand in einem unscheinbaren Rocke gähnend in der Thür,
der Gärtner lief mit Blumentöpfen aus den Zimmern in das Treibhaus, im
Hofe klopften Diener langsam und pfeifend Teppiche aus, die Orangerie
des Balcons war verschwunden -- es blieb kein Zweifel: Graf Saldern war
abgereist -- aber _wohin_ wußte Niemand.
* * * * *
Ein warmer Junitag neigte sich seinem Ende zu als der bequeme Reisewagen
des Grafen Alfred durch den vielgerühmten Bakonyer Wald rollte in der
Richtung nach Raab. Die Sonne blitzte noch durch die Zweige der Bäume und
huschte über das Moos, Kräuter und Gräser dufteten, Vögel zwitscherten
ihr Abendlied, Bienen taumelten schwer beladen durch die Luft --
aufgescheuchtes Wild lief über den Weg, blieb wohl auch in geringer
Entfernung keck zwischen den Gebüschen stehen und schaute mit großen
glänzenden Augen herüber, -- man hörte die Räder des Wagens kaum im tiefen
Moose rollen. Der Kutscher hielt die Zügel lässig, der Diener nickte auf
seinem schwankenden Sitze und der Graf selber hatte sich noch nie in
seinem Leben so wohl gefühlt als eben jetzt. Es war aber nicht ein blos
körperliches Wohlsein, auch über sein Herz kam es wie ein Hauch süßer
Freude und köstlichen Friedens. Eine wonnevolle Müdigkeit ergriff ihn, er
blinzelte schläfrig zwischen den Wimpern hervor und athmete in langen und
immer längeren Zügen die berauschende Waldluft ein. Es war ihm zu Sinne als
sei er in jenen verzauberten Wald gerathen, von dem ihm die Mutter so oft
in seiner Kindheit erzählt, und er müsse nun fahren und fahren und könne
doch nimmermehr an's Ende kommen. Aber dieser Gedanke erfüllte ihn nicht
mit Furcht wie damals, als er an den Knien der Mutter seinen kleinen Kopf
verbarg, er hätte vielmehr immer und immer weiter rollen mögen, an den
uralten Baumstämmen vorüber, die ihre Wipfel hoch über seinem Haupte
rauschend gegeneinander neigten in die endlose grüne Dämmerung hinein.
Die Erinnerung an die prunkende Kaiserstadt, die er verlassen, lag wie
ein ferner Traum hinter ihm und nebelhaft wandelten die Gestalten seiner
Freunde an ihm vorüber. Er fühlte sich so jung, so kräftig, so lebensfrisch
wie noch nie, und doch hätte er sich um die Welt jetzt nicht wieder in
jenes Leben hineinstürzen mögen, das er so eben verlassen.
Es geschehen trotz aller Zweifel noch Wunder an uns und Lebenselexire
werden trotz aller medicinischen und andern Aufklärung noch täglich
gebraut und getrunken. Die _Mutter Natur_, diese uralte Zauberin, die
sich glücklicherweise nicht verbrennen läßt, braut sie aus den einfachsten
Mitteln für ihre eigensinnigen störrischen Kinder. Ein Wald, eine
Bergwiese, ein Schweizersee, das Alpglühen vollbringen an den
verstocktesten Herzen die größten Wunder, -- Ketten und Schlacken fallen
ab, die Seele athmet Genesungsluft, das Herz verliert seine Runzeln und
schaut wieder mit Kinderaugen und Kinderglauben in die schöne reiche Welt
hinaus. -- Wie lange der Graf in dem köstlichen Eichenwalde umhergefahren
-- er wußte es nicht, er richtete sich nur rasch auf, als der Kutscher
plötzlich die Pferde anhielt und sagte:
»Wir haben uns verirrt, der Weg hat hier ein Ende!«
Der arme Schelm sah leichenblaß aus, denn er kannte die Heftigkeit seines
Herrn. Zu seiner großen Verwunderung sprang dieser aber heiter aus dem
Wagen und anwortete:
»Wartet nur hier auf mich, ich werde den Weg suchen und Franz soll auch
bleiben, ich will allein gehen!«
Und eine lustige Melodie pfeifend schlug er den ersten schmalen Fußweg ein,
der vor ihm lag. Wie köstlich ließ sich's hier wandern in dem Purpurschein,
der jetzt den Wald durchzitterte. Leichter war er nie über die glänzenden
Parquets der Tanzsääle Wiens geschritten. Da war es ihm mit einem Male als
trüge der Wind die abgerissenen Klänge einer fremdartigen Musik zu ihm.
Unwillkürlich blieb er stehen und lauschte. -- Dann folgte er rascher
der Richtung, aus welcher die Töne ihm zuströmten. Immer deutlicher,
zusammenhängender schlug es an sein Ohr, endlich unterschied er eine
wunderliche wilde Tanzweise im Zweivierteltact. Weiter schreitend lösten
sich die Töne von Violinen, Violen, einer Clarinette und Cymbal aus dem
Chaos.
Darüber war er aber sehr lange gegangen, -- endlich überfluthete es ihn
wahrhaft mit Tonwellen und zugleich wandte sich der Weg, die Büsche traten
zurück, als ob ein grüner Vorhang zerrisse, und Graf Alfred blieb wie
erstarrt stehen. Er befand sich vor einem großen freien Platze mitten im
Walde. Kaum zwanzig Schritte von ihm hatten ungarische Zigeuner ihr Lager
aufgeschlagen. Auf der andern Seite sah man durch eine Lichtung die Umrisse
der wunderschönen Cisterzienserabtei bei Zircz im Abendroth schimmern.
Kleine Zelte waren aufgeschlagen, ein lustiges Feuer brannte in der Mitte,
um das sich einige alte Frauen gesammelt hatten. Nackte braune Kinder,
schön geformt wie antike Statuen von Bronce, haschten sich unter den
Bäumen, Männer lagen und standen müssig umher und hörten der Musik des
Zigeunerorchesters schweigend zu. Die zwölf Musikanten selbst saßen in
einem Halbkreise. Sechs von ihnen spielten erste und zweite Geige, zwei die
Viola, Einer eine Baßgeige, ein Anderer eine Art von Cello und die beiden
Letzten Clarinette und Cymbal. Junge Männer und Mädchen knieten und
kauerten am Boden, der kecken Musik lauschend und dem Tanz eines jungen
Mädchens zuschauend, das eben in die Mitte des Kreises getreten war, und
anfing nach dem Tacte der Musik sich hin und her zu bewegen.
Als der Graf jetzt die Tanzende anschaute, fiel ihm plötzlich seine
Lieblingsblume ein, die glühende leuchtende Purpurblüthe der =Cactus
speciosissimus=, und es war ihm als ginge das warme rothe Licht, das jetzt
die ganze lebensvolle Gruppe überstrahlte, von dieser einen zarten Gestalt
aus. Die Kleine war wohl kaum fünfzehn Jahr alt und reizend gewachsen. Sie
trug einen scharlachrothen kurzen Rock und rothe Stiefeln an den kleinen
Füßen. Den schlanken Oberkörper umschloß ein blendend weißes faltiges Hemd,
das unter dem Halse mit einer Schnur zusammengezogen war. Ein Korallenkreuz
hing an einem schwarzen Bande auf ihrer Brust. Eine lose Jacke, die vorn
offen war, mit kurzgeschnittenen weiten Aermeln trug sie noch über dem
Hemde. Ihr Haar fiel in schweren schwarzen Flechten fast bis zu ihren Knien
herab, und an die Enden der Zöpfe hatte sie rothe Schleifen gebunden. Um
beide Handgelenke der zarten, aber tadellos geformten Arme trug sie schmale
silberne Ringe. Ihr feines, leicht gebräuntes Gesicht mit den köstlich
frischen Lippen, lachte wie das Gesicht der glücklichen sorglosen Jugend
lacht. Sie hob die Augen und blickte in das Grün der Bäume oder gerade in
den Himmel hinein, wer konnte das wissen? Das waren Augen! Ja, von ihnen
mußte jener Lichtstrom ausgehen in dem die ganze köstliche Gestalt schwamm,
und auf- und niedertauchte, es konnte nicht anders sein! Das war ein
Leuchten, Glühen, Schmachten, Funkeln, Drohen und Lächeln dieser zwei
großen schwarzen Sterne! -- Jenem lautlosen Zuschauer, der Jahre lang
ungeblendet in die Augen der berühmtesten Schönheiten der üppigen
Kaiserstadt geschaut, kam ein Schwindel an, eine seltsame Angst und
Seligkeit zugleich den Augen der kleinen Zigeunerin gegenüber. Und dazu die
kleinen beweglichen Füße, dieser von Jugendlust und Jugendkraft geschwellte
und getragene Körper! Was war dieser lebensvolle Tanz gegen jenes seltsame
Schlürfen und Drehen, gegen jenes Hüpfen und Rasen in den Tanzsälen des
großen Wien? Und dies junge, von Luft und Sonne gebräunte Angesicht konnte
sich den vollen Sonnenstrahlen aussetzen und wurde nur schöner je heller
es beleuchtet. Ein Schauer des Entzückens durchrieselte den Grafen, als
endlich die tanzende Kleine mit dem Ausdruck höchster kecker Lust jenen
bedeutungsvollen Zigeunerruf: »jah!« herausjubelte, den ebenso das höchste
Leid als die höchste Freude von den Lippen gleiten läßt, -- und dann mit
einem kühnen Sprunge ihren Tanz schloß. Als das Orchester nun mit einem
vollen kurzen Accord abbrach, da war es aber dem Grafen plötzlich als sei
er im Theater an der Burg und habe eben die schönsten Tänzerinnen gesehen.
-- Der grüne Wald wurde zur täuschend gemalten Coulisse, die stattlichen,
seltsam gekleideten Männer, mit den langen schmalen Schnurrbärten und
schwarzen, glatt herabhängenden Haaren, zu trefflich costümirten
Choristen, die üppigen, nachlässig verhüllten Frauengestalten zu koketten
Choristinnen, die nackten Kinder, das Feuer, die kochenden brodelnden alten
Weiber zu meisterhafter Staffage, -- Graf Alfred klatschte mit dem Feuer
eines echten Balletenthusiasten in die Hände und rief:
»=Brava, Brava!=«
Da geschah es fast wie in jenen Märchen von den Elfentänzen, wenn die
Elfenkönigin plötzlich einen unberufenen Lauscher entdeckte: wie ein
Wirbelwind fuhr es über das ganze Zigeunerlager hin und die Scene
veränderte sich rascher wie auf einem Pariser Theater. Die Frauen drängten
sich hinter die Männer, die Kinder hingen sich an ihre Mütter, die Hexen
des Feuers kauerten sich nieder wie zum Sprunge bereite Katzen, die
Musikanten hörten auf zu spielen und nahmen eine trotzig drohende Haltung
an und wohl hundert flammende Augen richteten sich plötzlich auf den
Grafen. Die kleine Tänzerin allein war ruhig geblieben und blickte
neugierig zu dem kühnen Fremden hin. Ein dunkler hochgewachsener Knabe,
die Geige im Arm, war aber dicht an sie heran getreten in einer so
herausfordernden Haltung, so schutz- und kampfbereit, daß der Graf sich
eines Lächelns nicht erwehren konnte.
Da wendete sich die Kleine an ihn und fragte in gebrochenem Deutsch mit
gerunzelter Stirn:
»Was willst Du hier?«
»Dich bewundern!« antwortete er und sah sie mit seinen hübschen blauen
Augen leidenschaftlich an.
Jede Frau, sie gehöre welchem Volke und Stande sie auch wolle,
unterscheidet mit einem Blicke die wahrhafte Bewunderung ihres Selbst von
leichtem Wohlgefallen und tändelndem Spiel und ist niemals unempfindlich
gegen dieselbe. Die junge Zigeunerin nahm daher auch die Hand des Grafen
und sagte freundlich:
»Kommt mit mir und bleibt bei uns eine Weile. Seid ohne Sorge, Czinka wird
Euch schützen!«
Sie rief ihren Gefährten einige ungarische Worte zu, und führte dann ruhig
ihren neuen Bewunderer mitten in den Kreis.
Es war auch kaum eine Stunde vergangen, da saß der Graf wie ein echter
Czigàny unter ihnen, plauderte mit den Männern, die sich mit deutscher
Zunge einigermaßen verständlich zu machen wußten, scherzte mit den
Frauen, sah dabei die schöne Czinka an, die ihm gegenüber saß neben dem
finsterblickenden Knaben, und sprach dem großen Becher mit jenem süßen
Tranke, den die Weiber trefflich zu bereiten verstanden, tapfer zu. Erst
als die Nacht hereinbrach, dachte er wieder an seinen Wagen und an den
armen wartenden Kutscher. Zögernd brach er auf und bat um einen Führer, um
ihn an den Wagen und dann auf den Weg nach Zircz zu bringen, welcher Ort
kaum eine halbe Stunde entfernt sein konnte.
»Anthony mag mitgehen!« sagte da Czinka gebietend und wandte sich zu jenem
dunkellockigen Burschen mit der Geige, der noch nicht von ihrer Seite
gewichen. Er stand auf, nickte gleichgültig, hing seine Geige an den
nächsten Baum, und warf seinen Mantel um die Schultern.
»Wie lange bleibt und lagert Ihr hier an dieser Stelle?« fragte ihn der
Graf.
»So lange es uns gefällt,« lautete die kurze Antwort des Burschen.
»Ich möchte Euch noch oft besuchen,« sagte der Graf zur schönen Czinka
gewendet, »wenn Ihr es erlauben wolltet.«
Sie neigte freundlich gewährend mit stolzer Grazie den zierlichen Kopf.
Dann nahm Alfred Saldern Abschied von den Vornehmsten der Bande und folgte
seinem Führer, der eine Fackel angezündet hatte.
Das war ein seltsamer Spaziergang! Mit der Behendigkeit einer Schlange
schlüpfte der Knabe voraus durch die Gebüsche, und sprang über Wurzeln
und Baumstämme, über Gräben und Bäche, ohne sich zu kümmern ob der Fremde
folgte.
Der elegante Cavalier hatte die größte Mühe nachzukommen und blieb überall
hängen. Aber das ganze Abenteuer und die seltsame Waldfahrt hatten ihn in
eine ungewöhnlich glänzende Laune versetzt und so ließ er sich denn Alles
ohne ein Wort des Aergers gefallen.
Nur einmal mußte er athemlos inne halten, er konnte nicht weiter, rief
seinen Führer zurück und gebot ihm eine kleine Weile zu warten.
Der Knabe gehorchte und setzte sich mit einem spöttischen Auflachen unfern
von dem Erschöpften nieder. Sein seltsames unschönes Gesicht sah in der
Fackelbeleuchtung fast koboldartig aus.
»Seid Ihr unter den Musikanten?« fragte der Graf, indem er sich eine
Cigarrette anzündete. »Es ist mir als hätte ich Euch im Orchester gesehen
als die kleine Czinka tanzte.«
»Ich spiele die Geige,« antwortete der Knabe mürrisch.
»Wie heißt Ihr?«
»Anthony Czermak.«
»Liebt Ihr die Musik?«
»Wie meint Ihr das?«
»Nun -- ob Ihr gern Tänze spielt?«
»Wenn die Czinka tanzt -- sonst spiele ich lieber Lieder.«
»Habt Ihr die Czinka lieber oder Eure Geige?«
»Wenn Ihr so fragen könnt, so wißt Ihr nichts von einer Geige,« antwortete
der Knabe verächtlich. »Mir ist meine Geige lieber als zehn Czinkas.«
Damit stand er trotzig auf und ging weiter. Wie ein Irrlicht huschte er hin
und her und den Grafen überkam oft ein unheimliches Gefühl wenn er ihn
so auftauchen und verschwinden sah zwischen dem dunklen Grün. Plötzlich
verlöschte die Fackel und aus dem Dunkel heraus kicherte wie aus weiter
Ferne der Knabe:
»Versuchts noch zehn Schritte weiter -- da steht Euer Wagen, Eurem Kutscher
habe ich gesagt wie er fahren soll, um nach Zircz zu kommen!«
Dann rauschte Etwas durch die Büsche, streifte hart an ihm vorbei, ein
spöttisches Gelächter wurde laut und Graf Alfred stand im tiefsten Dunkel.
Mit einem derben Fluch rief er den Namen seines Dieners, der denn auch in
geringer Entfernung antwortete und nach einiger Mühe und nachdem er über
verschiedene Wurzeln gestolpert, an verschiedene Bäume gerannt, wobei er
immer ein leises boshaftes Kichern zu hören glaubte, athmete er wie von
einem bösen Traume befreit auf, als er wieder in seinem Wagen saß. Nach der
Weisung, die in der That der Kobold Anthony dem Kutscher gegeben, rollte er
nun auch auf der Straße nach Zircz fort, und noch vor Mitternacht erreichte
er glücklich das Städtchen.
* * * * *
Am nächsten Tage besuchte Graf Alfred das Zigeunerlager wieder und so noch
viele Tage, nur daß er sich Abends nie wieder von jenem trotzigen Burschen,
sondern von seinem eigenen Diener zurückgeleiten ließ nach seinem Wagen,
der ihn stets am Ausgange des Waldes erwartete. Schon beim dritten seiner
Besuche nahm er allerlei Geschenke für die Frauen mit, die er von Raab sich
kommen ließ, glänzenden Tand, der mit noch glänzenderen Augen empfangen
wurde. Für die schöne Czinka brachte er zwei Korallenschnuren, die sie eben
lächelnd um ihre Arme zu schlingen sich anschickte, als Anthony, der kleine
Geiger, plötzlich herbeisprang, die Ketten aus des Mädchens Händen riß und
mit den Worten: »Czinka trägt nur die silbernen Ringe ihrer Großmutter!«
die Perlen ins Moos streute.
Da sprang die Kleine mit einem Ruf des Zornes auf -- stampfte mit dem Fuße
und blitzte den Frevler mit einem Blick an, der den Grafen erschreckte und
entzückte. Dann drehte sie ihm langsam fast königlich stolz den Rücken ohne
ein Wort zu reden, machte aber auch keine Bewegung die Korallen aufzuheben.
-- Allein sie erlaubte ihrem fremden Bewunderer den ganzen Abend an ihrer
Seite zu sitzen und mit ihr zu plaudern.
Als der Graf endlich den Heimweg antrat, streifte er an dem kleinen Geiger
vorüber, der einsam auf einem umgestürzten Baumstamm saß. Die nackten Füße
hatte er über einander geschlagen, den Kopf auf den linken Arm gestützt,
seine Geige lag neben ihm im Grase. Sein Gesicht war todtenblaß und der
Ausdruck um Lippen und Augen ein so verzweifelter, daß Alfred Saldern
erschrak. Unwillkürlich blieb er neben dem Knaben stehen in der Absicht
ihn anzureden. Aber wie vor dem plötzlichen Anblick einer giftigen Schlange
fuhr Anthony Czermak da empor, raffte seine Geige auf und war in zwei
Sprüngen verschwunden.
Wenige Tage später sah man nicht nur zwei herrliche Korallenbänder an den
Armen Czinka's, sondern sie trug auch eine Korallenkette um ihren Hals. An
demselben Abend als Alfred Saldern sie der kleinen Zigeunerin in den Schoß
warf, tanzte sie freiwillig vor dem Grafen. Aber Anthony Czermak spielte
nicht mit, wie damals. Er warf seine Geige gleich nach den ersten Tacten zu
Boden und lief in den Wald.
Ungarische Zigeunermusik! Wer sie je einmal hörte in ihrer melancholischen
Wildheit, in ihrer hinreißenden Gluth, ihrem fremdartigen Reiz und
wunderbaren Rhythmus, der vergißt sie so wenig wie man eine Masurka, oder
einen jener zauberischen traurigen Walzer des Chopin vergißt, wo die
Lust mit dem Leid zum Tanz antritt. -- Beide Musikarten rufen ähnliche
Empfindungen hervor: unsagbare Traurigkeit, die sich gleich darauf in
rasende Lust verwandeln möchte, Wohlgefühl wie es den Gefangenen beim
Anblick einer Schwalbe durchbebt, und zitternde Seligkeit wie beim Hauche
des Wortes: »Ich liebe Dich!« Diese häufigen Synkopen, punktirten Achtel,
entgegengesetzten rhythmischen Bewegungen reißen uns in einen Wirbel von
Leidenschaft hinein, und die harmonischen kecken Licenzen in Bezug auf
Octav und Quintenfortschreitungen, die unvorbereitete Anwendung von
Septimen und Nonenaccorden, die seltsamen Halte und Figurirungen auf
der Dominante, wirken fast wie der Genuß des Champagners in toller
Gesellschaft, wenn wir eben für immer von der Geliebten Abschied
genommen. --
Alfred Saldern fühlte sich von einem Taumel befangen, seit er unter und
mit diesem seltsamen Völkchen der Zigeuner lebte, gegen dessen täglich
wachsende Macht er sich so vergebens wehrte, wie ein des Schwimmens
Unkundiger gegen die Gewalt der Wellen. Ein neuer Tag ging allmählich vor
den Augen seiner Seele auf und die Sonne dieses Tages hieß: Czinka.
Czinka's fremdartige Schönheit, ihr schillerndes seltsames, halb scheues,
halb zuthunliches Wesen bestrickte ihn täglich mehr. Sie verkehrte fast mit
ihm wie eine junge Schwester mit einem ältern Bruder verkehrt, dessen Liebe
sie verwöhnt, indem sie allen Launen nachgab. Sein Herz fühlte sich von
einem Feuer ergriffen das ihn mehr entzückte als marterte, und seine Seele
träumte am Tage davon wie es doch eigentlich das Beste und Kurzweiligste
sei, eine Zeit lang Zigeuner zu werden, und mit dieser kecken Bande schöner
Frauen und fröhlicher Männer, frei und ungebunden in der schönen Gotteswelt
umherzuziehen. In den Nächten träumte er aber noch viel seltsamere Dinge,
an die er mit wachen Augen kaum zu denken wagte: er sah sich selbst nämlich
wieder in Wien in seinem eleganten Hause. -- Seine Blumen dufteten ihm
entgegen, der Speisesaal war mit Guirlanden geschmückt, auf der gedeckten
Tafel schimmerten kostbare Geräthe, -- aber es brannten keine Kerzen, wie
sonst bei den glänzenden Festen im Saldern'schen Hause, -- die Vorhänge
waren nicht geschlossen, die Sonnenstrahlen hielten ungehindert Musterung
über die Schaar der versammelten Gäste. Und oben an der Tafel saß der
Festgeber -- und ihm zur Seite -- -- sein Weib: -- die lebendig gewordene
fremde, leuchtende Purpurblüthe des =Cactus speciosissimus=, _Czinka_, die
reizende Zigeunerin.
* * * * *
Das ungewöhnliche Musiktalent des wunderlichen Anthony Czermak erregte
selbst die Aufmerksamkeit des vielbeschäftigten Grafen. Unwillkürlich mußte
er lauschen, sogar mitten im Gespräch mit dem jungen Mädchen, wenn der
Knabe, was jetzt öfter geschah, auf seiner Geige seine phantastischen
Stücke vortrug. Die übrigen Musikanten ruhten dann aus, die Frauen zogen
die spielenden Kinder auf ihre Knie, die Männer lagerten sich im Kreise,
und so schwebte der großartige Ton seiner Geige wie ein Vogel über alle
Häupter dahin. Aber es war dieser Ton keine fröhlich himmelan steigende
Lerche, sondern eine Nachtigall, die ihr Lied in die dunklen Gebüsche
trägt, oder ein sterbender Schwan, der seine Todesseufzer mit dem Gemurmel
der Wellen mischt. Einmal, bei einer besonders elegischen Melodie, welche
unter allerlei selbstgeschaffenen wilden Verzierungen und Wendungen immer
wieder, wie ein blasser Mond durch zerrissene Gewitterwolken, auftauchte,
bemerkte Alfred Saldern eine besondere Traurigkeit auf den Gesichtern
aller Hörer. Er selbst neigte sich seltsam bewegt zu der schönen Czinka und
fragte sie um die Bedeutung jener Melodie.
»Das ist die =siralmas nota= -- die weinende Melodie« sagte sie ernst, »die
uralte Klage der Zigeuner um ihr verlorenes Reich.« Und als Anthony geendet
rief sie ihm zu: »spiele jetzt die Rakoczy Nota!« Der Ton ihrer Stimme war
zwar herrisch, aber ihre Augen baten.
Der junge Geiger streifte das junge Mädchen einen Moment mit einem halb
wilden, halb zärtlichen Blick, dann ließ er ein rührendes Adagio, dem ein
feuriges Allegro folgte, über die Saiten seiner Geige ziehen. Als er nun
geendet, kam er zu Czinka, neigte sich zu ihr und fragte:
»Wirst Du nun auch wieder einmal mit mir singen?«