Von nun an war es stille, sehr stille im Pfarrhause. -- Zwar kamen noch

einige Briefe aus F. an die Pastorin, nach deren Empfang sie mehrere Tage

mit verweinten Augen umherging, -- auch an Elisabeth kamen Briefe, die sie

aber uneröffnet verbrannte. Gesprochen wurde über den Besuch Plessow's nie

wieder, nach des Mädchens ausdrücklichem Wunsch. Ihre Staffelei hatte

sie in dem sogenannten Gartenzimmer aufgestellt und arbeitete unermüdlich

fleißig, -- aber sie malte nur Blumen, gepflückt auf jenen einsamen

Spaziergängen die der Vater ihr jetzt schweigend gestattete. Die

Zusammenstellung der einzelnen Blumen und Gräser beschäftigte sie oft Tage

lang -- sie saß wie in tiefen Träumen verloren zwischen all dem Grün und

den Blüthen, die sie gesammelt.

Die Bilder aber die dann entstanden, hätte man nicht »Stillleben,«

sondern »Seelenleben« nennen mögen, es mußten dem warmherzigen Beschauer

lieblich-wehmüthige Gedanken kommen, beim Anblick dieser Schöpfungen.

Aus dem kleinen Stückchen frischen Rasen z. B., auf dem eine Hand

voll Feldblumen hingestreut war, standen Märchen auf, und das in einem

zerbrochenen Glase geordnete Bouquet Astern, an deren schönster ein todter

Falter hing -- war ein gemaltes Gedicht.

Vater und Mutter standen oft bewundernd vor ihres Kindes Staffelei --

aber Elisabeth nahm nicht mehr wie sonst ihr Lob mit freudigem Erröthen

entgegen. Es war überhaupt etwas Fremdes zwischen Eltern und Tochter

getreten, für das Niemand einen Namen wußte, und das auch Keiner dem Andern

gestehen mochte. -- Nur das Verhältniß Elisabeths zu Gottfried gestaltete

sich unerwartet freundlich, zur großen Genugthuung des Pastors, der

allmählich im Stillen seine alten Lieblingsideen wieder aufnahm. -- Sie

bat den Vetter zuweilen ihr vorzulesen, sie plauderte mit ihm in den

Dämmerstunden, sie zeigte ihm ihre Bilder, sie verkehrte mit ihm recht

wie eine zärtliche Schwester mit einem Bruder, von dem sie lange getrennt

gewesen. Und er? -- Nun er war still wie immer, aber er schien heiterer als

seit langer Zeit. Keinen Moment ließ er sie aus den Augen, allezeit bereit

für sie zu thun was sie eben von ihm begehren mochte, und nur zuweilen

bekümmert daß sie eben so wenig begehrte.

»Die Kinder finden sich endlich,« flüsterte der Pastor einmal seiner Frau

zu, »und wenn ich den Gottfried bewegen könnte, sich einstweilen um

eine kleine Pfarre zu bewerben und wegzugehn, so hoffe ich das Beste. --

Trennung ist allezeit ersprießlich für die Liebe. Elisabeth wird sich in

einem Jahre nicht mehr weigern Frau Pastorin zu werden, und wenn ich einmal

todt bin entgeht dem Gottfried diese Pfarre nicht. Ihre Zukunft ist nun

geordnet -- wir werden Freude an dem Mädchen erleben! Sie ist ja auch mein

starkgläubiges vernünftiges Kind!«

Das »starkgläubige« Kind war seltsamer Weise nur nicht zu bewegen in die

Kirche zu gehn, auch spielte sie nie mehr mit dem Vetter jene vierhändigen

geistlichen Lieder, die zu hören dem Vater immer so viel Freude gemacht.

-- Dagegen hatten manche Leute sie am Marienbilde gesehn, und auch im

Gespräche getroffen mit der freundlichen Jungfer Marianne, der alten

Schwester des katholischen Pfarrers.

* * * * *

Es geschieht oft, daß ein Stück Leben hinschleicht, Jahre lang, wie ein

schwüler Sommertag, daß man immerfort ein Gewitter ahnet und doch noch

keine Wolke sieht, von der herab der zerschmetternde Blitzstrahl zucken

soll.

So waren im Pfarrhause fast zwei Jahre vergangen. Gottfried Berger war

schon seit Monaten wohlbestallter Paster in L., kaum zwei Stunden von M.

-- Einen anderen sehr steifen und sehr trockenen Kandidatus Theologiä hatte

man in seine Stelle geschoben, der mit der Familie in gar keiner Verbindung

stand. Die Pastorin kränkelte, Elisabeth lebte malend und still einen Tag

wie den andern fort. -- Sie ging umher mit ernsten Augen und traurigem

Lächeln, und die alte Brigitte pflegte von ihr zu sagen, sie schaue aus wie

Jemand, dem man einen kalten schweren Stein auf's Herz gebunden. Regelmäßig

jeden Morgen in der ersten Frühe trat sie ihren Spaziergang an, Winter und

Sommer, und kam um acht Uhr wieder heim. --

So war denn wieder einmal ein Frühling gekommen. Die Laube that diesmal ihr

Möglichstes, kein Sonnenstrahl vermochte durch die dichten Geisblattranken

zu dringen, die Goldregensträuche legten sich noch zum Ueberfluß darüber

hin und schmückten den Eingang mit ihren Trauben, der Flieder blühte blau

und weiß, und die alte Linde mit ihren hellgrünen Blättern rauschte ganz

vernehmlich: »das Leben ist doch schön!« und die Vögel sangen auf dies

Thema die kunstvollsten Variationen. Da kam an einem Sonntag-Nachmittag

Gottfried Berger von L. herüber und hielt feierlich, und sichtlich

tiefbewegt, um Elisabeth an. -- Alles Blut wich aus ihren Wangen als er

seine Worte an sie richtete -- sie waren allein in der Laube. -- Hastig und

verwirrt dankte sie ihm für seinen Antrag und -- wies ihn bestimmt und kurz

ab. --

Er schien im ersten Augenblick völlig fassungslos über solche Antwort.

Seine Züge verzerrten sich -- seine Augen flammten. »Also _das_ meiner

langjährigen Liebe?« stammelte er. »Habe ich noch nicht geduldig und lange

genug gewartet und geschwiegen? -- Beherrscht sie Dich _noch_ unumschränkt

die Erinnerung an jenen Mann der Dich so leichten Kaufes aufgab, daß er

nicht einmal kam um -- Abschied von Dir zu nehmen?«

»Quäle mich nicht!« sagte sie mit bleichen Lippen; »ich bin kaum fertig

geworden mit meinem Herzen, und habe zur Noth so viel Frieden gefunden wie

ich brauche, um weiter zu leben. -- Ich werde aber nie eines Andern Weib,

da ich nicht das Weib dessen werden konnte den ich liebte.« -- »O ich

weiß Alles! Sein Glaube allein trennte Dich nicht von ihm. Er war ein

Nichtswürdiger, der Dich nur zur Ehe begehrte weil er seiner Geliebten,

einer verheiratheten Frau, überdrüssig war. Hörst Du nun, daß ich Alles

weiß? -- Und früher als Du selbst es wußtest -- und mein _Herz_ allein hat

mir das verrathen!« -- »Und trotzdem gehöre ich ihm doch!« -- »Und trotzdem

lasse ich Dich nicht! Das ist auch Liebe, Elisabeth! Jetzt wollen wir

sehen, welche Liebe festeren Stand hält, die Deine oder die meine. Die Zeit

des Duldens, Harrens und Schweigens ist jetzt für mich vorbei -- es ist

eine Kampfeslust über mich gekommen, die mir das Blut wild durch die Adern

jagt. -- Immer und immer werde ich wieder kommen, Dich bitten, Dich

quälen mein Weib zu werden -- so lange, bis Du gemartert von meiner Treue,

gemartert von Deinem armen öden Leben, gemartert von den Bitten

Deiner Eltern, die jetzt Beide zu mir stehen, -- die Meinige zu werden

einwilligst. -- Ich weiß, daß Du mir ein krankes Herz zubringst, eine

zerquälte Seele, einen müden Leib, -- aber ich will mich begnügen

Krankenpfleger zu sein. -- Sieh, _so_ liebe ich Dich!« --

War das Gottfried, der Stille, Sanfte, der _so_ sprach, so blickte? Einen

Zug von Energie hatte die Leidenschaft in dies Johannesgesicht gezeichnet,

der es völlig verwandelte. -- Er sah jetzt aus wie -- ein Mann. -- »Ich

nehme den Kampf an -- auf Leben und Tod!« sagte Elisabeth nach einer Weile

fest. »Gut. Wer unterliegt, dem möge Gott helfen.« -- Sie trennten sich. --

Von diesem Tage an begann ein Leben voll Qual für Elisabeth. -- Die Eltern

fingen an, in Anspielungen und Andeutungen, bald in sanfter, bald in

gereizter Weise ihr den Wunsch zu erkennen zu geben, sie nun als Gottfrieds

Braut zu sehn. -- Des Mädchens ruhiger und beharrlicher Weigerung folgten

immer dringendere Versuche. Sie waren ebenso erfolglos. -- Lange peinliche

Ermahnungen des Vaters kamen nun, und thränenreiches Zureden der Mutter. --

Elisabeth setzte jedoch dem allen eine abweisende Kälte entgegen, sie

ließ sich weder auf Gründe, noch Erklärungen ihrer Weigerung ein, sondern

wiederholte nur immer einfach: »ich will nicht heirathen.« Nach und nach

wurden dergleichen Scenen heftiger, die Gereiztheit des Vaters, die Thränen

der Mutter nahmen überhand, dazu kam jeden Sonntag Gottfried herüber und

warb mit Blicken und Worten unermüdlich. -- Sie blieb scheinbar ruhig,

unbewegt wie ein Fels, den die Wogen umbrausen, aber sie wurde bleich, ihre

Augen verloren an Glanz, ihre Gestalt an Fülle. -- So schleppte sie ihr

Dasein weiter. Halbe Tage lang verweilte sie vor ihrer Staffelei und die

übrige Zeit ließ sie sich geduldig quälen. --

Es schien, als ob die Verheirathung der Tochter plötzlich der alleinige

Lebenszweck beider Eltern geworden und kein anderes Interesse, außer dieser

einen Angelegenheit, mehr ihre Seelen zu beschäftigen vermöchte. Die Mutter

quälte allerdings zunächst die Sorge, die Tochter möchte unverheirathet

bleiben in dieser Abgeschiedenheit, ein Gedanke, der ihr wie vielen Müttern

unerträglich war. Seitdem sie ihre so kühnen Hoffnungen hatte begraben

müssen, ängstigte sie sich allen Ernstes um die Zukunft Elisabeths. Zudem

fühlte sie eine Art rastloser Unruhe ihr einen Halt zuzuweisen, da sie sich

als die Veranlassung zu dem geheimen Herzleid ihres Kindes ansah. Hätte

sie das Mädchen ruhig in M. gelassen, sie wäre ja jetzt ohne Zweifel längst

Frau Pastorin Berger. An einem eigenen Heerd, an der Brust eines Mannes

der sie auf seinen Händen zu tragen verheißen, würde Elisabeth schon wieder

froh werden und sich aufrichten, meinte sie. Der Gottfried war ja in der

That auch keine schlechte Partie, so jung und schon eine so gute Pfarre und

dazu die sichere Anwartschaft auf M.! Und vor allen Dingen liebte er ihr

Kind, gewaltig, unermüdlich, das hatte er in Worten und Thaten bewiesen.

Elisabeth mußte das endlich einsehen! Ein Tropfen, der immer und immer

auf dieselbe Stelle fällt, höhlt ja den härtesten Stein aus: -- die

Mutterthränen mußten ihre Wirkung thun mit der Zeit. --

Der Vater marterte sein Kind aus ganz andern Gründen. Es handelte sich bei

ihm um Erfüllung eines lange gehegten Wunsches, um eine Bitte die er

ja, kraft seiner väterlichen Autorität, in einen Befehl hätte verwandeln

können, ohne daß es ihm Jemand zu verwehren vermocht. Und seine Tochter

stellte sich trotzig ihm, einem Bittenden, gegenüber! Er war an

keinerlei offene Widersetzlichkeiten gewöhnt, weder in dem Verhältniß als

Familienvater zu den Seinen, noch als Pastor zu seiner Gemeinde. -- Die

Störrigkeit seines Kindes betrübte ihn nicht, sie empörte ihn. Als er

ihr damals mit dürren Worten gesagt daß er niemals in eine gemischte Ehe

willigen und selbige segnen werde, war sie doch so ruhig gewesen, wie es

sich für eine gehorsame Tochter ziemte. -- Und nun? Doch er verzagte keinen

Augenblick, er war sich der Mittel bewußt, diesen Trotz zu brechen.

-- Hatten Nadelstiche doch schon einen Elephanten getödtet -- diesem

unablässigen Mahnen und Drohen mußte der Teufel des Eigensinns weichen.

Aber er war trotz alledem noch nicht gewichen, als der Herbst kam -- und

so befahl denn der Pastor eines Tages seinem Kinde, unter Vorhaltung des

Spruches: »ehre Vater und Mutter, auf daß Dir's wohl gehe und Du lange

lebest auf Erden,« -- am nächsten Sonntage Gottfried Bergers Antrag, falls

er denselben wiederholen werde, anzunehmen. --

Elisabeth erwiederte kein Wort -- sie ging umher wie sonst, mit ernsten

milden Augen -- sie blieb nur am Sonnabendmorgen länger als gewöhnlich auf

ihrem Spaziergange. Als dann nun am Sonntage Gottfried Berger kam und,

in Gegenwart von Vater und Mutter, sie wiederum bat sein Weib werden zu

wollen, sah sie ihn kalt an und sagte: »Frage den Vater, ob er eine Ehe

einsegnen wolle zwischen mir und Dir! -- Seit gestern Morgen gehöre ich

nicht mehr zu Euch -- seit gestern nahm mich eine Kirche auf, die mir

tröstend zurief: »wer viel geliebt, dem wird viel vergeben werden.« -- Ich

bin Katholikin.« --

* * * * *

Etwa zehn bis zwölf Jahre später sprach man in F. viel von einer

Blumenmalerin, deren reizende »Stillleben« ein bedeutendes Aufsehen

machten, in den Ausstellungen wie in den Kunsthandlungen. Die kleinen

Blumenstücke athmeten eine überwältigende Fülle von trauriger, süßer

Poesie. Der Name der Malerin war Elisabeth Müller. -- Vorzüglich rühmte man

ihre Darstellung verwelkter Blumen. Ueber ihren todten Blättern, geknickten

Knospen, sterbenden Rosen, schwebte ein Hauch der Verklärung. -- Kleine

Skizzen von ihr, in Wasserfarben, wurden sehr gesucht. Elisabeth Müller

lebte aber so still und eingezogen in F., daß man dort längst schon ihre

Schöpfungen bewunderte, ehe man ahnte, daß die Schöpferin in derselben

Stadt wohnte, in der man sich für ihre Bilder so warm begeisterte.

Bei der Comtesse Feldern war »=reunion=.« Viel Lichterglanz, viel

Uniformen, viel blendende Arme und weiße Schultern, viel Blumen und

Federn, viel Zuthaten aller Art, wenig Natur, viel hübsche Gesichter, wenig

bedeutende, viel nichtssagendes Geplauder, viel versteckte Langweile, viel

forcirte Heiterkeit -- =et voila tout=. --

Aber dort, in der Nähe des Kamins, wer war der stattliche Mann mit dem

leicht ergrauten Haar und dem schönen Kopfe, mit jener leisen Linie von

Lebensüberdruß, die sich an den beiden feinen Mundwinkeln herabzog? Er

saß allein und durchblätterte eben mit einem leichten Spottlächeln das

Prachtalbum der Gnädigen. Man streifte an dem Einsamen mit besonders

freundlichem Gruße vorüber, manche reizende Frau blieb wohl auch neben ihm

stehen, einige flüchtige Worte an ihn richtend. Man schien ihn allgemein

zu kennen. Es war der berühmte Landschaftsmaler Paul Albano, der erst seit

zwei Tagen wieder in F. lebte, nachdem er seit länger als einem Jahrzehnt

sich im Orient und Italien umhergetrieben, und bald hier bald dort, sein

Künstlerzelt aufgeschlagen.

»Haben Sie das Letzte der Blätter schon eines Blickes gewürdigt?« fragte

die sehr alt gewordene Comtesse heranrauschend. -- Als er verneinte, schlug

sie das Buch ganz auf. Ein Blatt von neuem Datum war sorgfältig angefügt.

Man sah einige Feldblumen aus einem Stück Rasen sprießen, unter ihnen

ein Vergißmeinnicht das welkend das Haupt neigte. Rings umher blühten

Löwenzahn, Schlüsselblumen und Veilchen, frisch und lebendig, trotz des

Todes in ihrer Nähe. -- Albano stand plötzlich betroffen auf. »Wer hat dies

Blatt gemalt?« fragte er hastig und gedämpft.

»Eine gewisse Elisabeth Müller. O, Sie entsinnen sich ihrer gewiß nicht

mehr! Sie war mit Plessow's verwandt und einmal, vor vielen Jahren, eine

kurze Zeit im Plessow'schen Hause. Daß Sie die Kleine vergaßen, ist ganz

natürlich -- Sie waren eben damals etwas angelegentlich mit der guten

Plessow beschäftigt. =Mais -- en passant= -- war die schöne Adele nicht

tausendmal liebenswürdiger in jener Zeit als jetzt, wo sie zum Orden der

strengen Betschwestern gehört? -- Sie haben sie doch wohl schon auf ihrem

Landsitz aufgesucht, den sie weder Sommer noch Winter verläßt? Fanden

Sie nicht daß die Arme bedeutend gealtert, und daß Plessow etwas mürrisch

geworden?« -- »Elisabeth Müller -- sagten Sie?« wiederholte Albano wie im

Traume, und legte die Hand auf das Herz.

»=Mon Dieu!= -- Sie erinnern sich wirklich ihrer? Dann kommt es daher, weil

die Kleine sich damals auf die abscheulichste Weise trug. Unvergeßlich ist

mir auch eine hellblaue Seidenfahne, kaum vier Ellen weit.« -- »Aber sie

lebt wirklich hier -- hier in F. und -- allein?« -- »So viel ich weiß.

Aber hübsch ist sie nicht mehr, ich sah sie einmal auf der Straße im

Vorüberfahren. Kränklich soll sie sein -- irre ich nicht, so sprach man

neulich bei der Gräfin Reiner von einer auszehrenden Krankheit. Sie trägt

sich aber jetzt weit besser -- ziemlich elegant im Schnitt, aber immer in

Grau oder Schwarz. Künstlermarotte!«

Albano griff nach seinem Hut. »Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau, ich

muß fort.« -- »Doch nicht etwa um sich der kleinen Müller vorstellen zu

lassen?« lachte die Dame. »Sie irren sich in der Zeit, lieber Albano! Sehen

Sie, meine Uhr zeigt eben Mitternacht. Warten Sie zwölf Stunden länger!«

-- »Sie haben recht -- ich warte. -- Vergessen Sie mein lächerliches

Auffahren, aber -- erzählen Sie mir noch was man von dieser Elisabeth hier

sagt.«

Die Feldern lehnte sich in den dunkeln Fauteuil zurück, winkte Albano zu

sich und flüsterte geheimnißvoll: »sie soll katholisch geworden sein -- aus

Interesse für einen jungen hübschen Kaplan wahrscheinlich, der in der Nähe

ihres Heimathdorfes Pfarrer war, dergleichen Geschichten ereignen sich ja

häufig. Der Uebertritt führte natürlich einen Bruch herbei mit Papa

und Mama. Sie verließ ihre Heimath, Plessow verschaffte ihr hier ein

Unterkommen in einer Familie, und veranstaltete zuerst eine kleine

Ausstellung ihrer Bilder. Plötzlich verschwand sie wieder und pflegte ihre

erkrankte Mutter bis zum Tode, brachte dann einen gichtbrüchigen, halb

blinden Vater mit zurück, für den sie mit unermüdlicher Treue gesorgt haben

soll, bis vor einem Jahre, wo er endlich starb. Ihre Staffelei stand in

seinem Krankenzimmer, und sie verließ den Kranken nur zuweilen in den

Abendstunden, um frische Luft zu schöpfen in dem kleinen Garten vor dem

Hause. -- Sie hat ihm seine Verzeihung nach und nach wirklich abringen

müssen, -- er soll im Anfang sein Kind entsetzlich gequält haben.

Zuletzt starb er in ihren Armen, die Tochter segnend. -- Da haben Sie die

Geschichte. -- Mir erzählte sie vor längerer Zeit die Baronin Eichstädt,

die dem Hause der Kleinen gegenüber wohnt und sie sehr protegirt. --

Apropos, mein Herr -- wollen wir etwa morgen zusammen zur Eichstädt fahren?

Sie citirt uns dann vielleicht die Malerin herüber?«

»Ich danke, gnädige Frau. Ich reise wahrscheinlich morgen früh auf einige

Tage nach D.« -- »Unstäter! Aber Sie sehen recht angegriffen aus, Albano,

-- ich bitte Sie, nehmen Sie ein Glas Eis.« -- »Sie sind sehr gütig --

meine Gnädige. Sie erlauben -- --«

Er stand auf und verließ den Saal. -- Als die Comtesse sich nach einer

Weile in den andern Zimmern nach ihm umsah, war er verschwunden. --

* * * * *

In der nächsten Woche hatte man nach langer Dürre wieder einmal einen recht

pikanten Unterhaltungsstoff in den Salons von F. Die kleine Blumenmalerin

war gestorben, an einem schleichenden Fieber, und hatte sich in einem

wunderlichen altmodischen hellblauen Seidenkleide begraben lassen. -- Ihrem

Sarge folgte der katholische Priester, der tieftrauernde Albano, -- und

die Wagen vieler Vornehmen. Ihre nachgelassenen Bilder übergab eine alte

würdige Frau, die schon seit längerer Zeit bei der Verstorbenen gewohnt,

und die man im Hause unter dem Namen »Jungfer Marianne« kannte, dem

berühmten Maler im Auftrage der Heimgegangenen. Albano ließ ein kostbares

Marmorkreuz an dem Grabe aufstellen, auf dem mit goldenen Lettern nur zu

lesen war:

_Elisabeth._

Man zerbrach sich die Köpfe über den Zusammenhang des Ganzen. -- Es war

nur leider Niemand da den man ausfragen konnte; Albano reiste am Tage der

Kreuzaufstellung nach Italien, ohne von Jemand Abschied zu nehmen, und ließ

nie wieder von sich hören. --

Die alte Marianne fand eine neue Heimath in dem Hause des neuen

protestantischen Pastors in M. Er kam selbst, um sie von F. abzuholen. Sie

sollte ihm den Haushalt führen, da er unverheirathet war und blieb. Sein

Name war Gottfried Berger.

Mit seinem neuen Kollegen in N., denn Elisabeths alter Freund ruhte ja

längst schon aus von seiner Arbeit in der kühlen Erde, verkehrte er auf das

Freundlichste. -- Gottfrieds Lieblingsplatz blieb jene Stelle an der Mauer

des Gartens, wo man auf die grünen Gräber des Friedhofes schaute, und zu

seiner Grabschrift hatte er sich den Spruch bestellt: »Wer viel liebet, dem

wird viel vergeben werden.«

Czinka.

(1859.)

»=Huzdra Cziganny!=«

»Spiel auf, Zigeuner!«

In Wien, der schönen glänzenden Kaiserstadt, lebte vor etwa sechszig Jahren

ein junger eleganter Cavalier, der sich durch seinen Reichthum und seine

Unabhängigkeit (Eltern und Geschwister waren ihm gestorben) mit leichter

Mühe, ohne sonderliches Zuthun gar viele Freunde und Freundinnen erworben.

Sie ermüdeten nicht ihm immer und immer zu wiederholen, daß er ohne alle

Frage nicht nur der liebenswürdigste Wirth, der angenehmste Gesellschafter,

der kühnste Reiter und beste Tänzer, sondern auch der geistvollste und

eleganteste Cavalier zehn Meilen in der Runde sei, und seltsamer Weise

hörte Graf Alfred diese Versicherungen, so oft sie ihm auch zu Ohren kamen,

mit demselben Vergnügen an. Er glaubte seinen Freunden auf's Wort, und mit

solcher festen Ueberzeugung der Wahrheit ihrer Behauptungen ließ sichs ganz

angenehm leben. Der allgemeine Liebling war daher stets heiterer Laune,

hielt offene Tafel, gab reizende kleine Feste und half, wo man ihn um Hülfe

ansprach. Die Gesellschaften, die er in seinem mit vollendetem Geschmack

eingerichteten Hause veranstaltete, wurden von den vornehmsten Frauen

besucht, da eine alte Tante des Grafen, die verwitwete Marquise d'Anville,

bei solchen Gelegenheiten die Honneurs auf die feinste Weise zu machen

pflegte. Freilich munkelte man auch von manchen andern üppigern Gelagen,

bei denen keine Marquise präsidirte, bei denen man aber dennoch nicht

minder schöne Gestalten, nicht minder werthvolle Diamanten und Spitzen zu

bewundern fand als bei jenen Soupers und Bällen der vornehmen Aristokratie.

Trotz diesen Extravaganzen war der junge Graf durchaus kein Roué, er lebte

eigentlich nur _äußerlich_ wie ein vornehmer Cavalier. In seinem Herzen

achtete er die Frauen hoch, denn eine engelgleiche Mutter hatte

seine Kindheit gehütet und eine zärtlich geliebte, früh verklärte,

Zwillingsschwester stand noch wie eine Heilige vor den Augen seiner

Seele. Im Grunde war ihm, wie er seinen vertrauten Freunden gestand, der

Frauenumgang zu unbequem, er liebte ein lustiges Zechgelage unter

Männern weit mehr als jene fantastisch-wilden »gemischten« Feste und die

reizendsten Frauen vermochten ihn kaum eine flüchtige Stunde zu fesseln.

Wunderliche Geräthschaften verschollener Zeiten, alte Waffen und

seltene Blumen interessirten ihn mehr als menschliche Gestalten, eine

Eigenthümlichkeit, die er von seinem Vater geerbt, und er reiste viel eher

Stunden weit, um eine alte ausgegrabene Vase zu sehen, als daß er um einer

hübschen Frau Willen einen Weg von wenigen Minuten gemacht hätte. Tropische

Gewächse, und vorzüglich die so mannigfach und seltsam geformten Cacteen

waren es denen er eine besondere Zärtlichkeit widmete, seine Wohnzimmer

glichen Treibhäusern, und je wunderlicher die Form der Pflanze, je

brennender die Farbe der Blüthen, desto leidenschaftlicher liebte er sie.

Seine Freunde baten ihn im Scherze oft inständig sich nicht dermaleinst mit

einer Blumenfee zu verheirathen, und Diners und Soupers von Sonnenstaub und

Thautropfen zu veranstalten, und warnten ihn ganz besonders dringend vor

der gluthäugigen Purpurblüthe des =Cactus speciosissimus=, welches seltsame

Gewächs sein bevorzugter Liebling war. Er pflegte darauf heiter lachend

zu antworten, daß er jedenfalls dermaleinst nur eine Frau heimzuführen

gedenke, deren Blick ihn an jene geliebte Blume erinnere.

Daß sich der Graf Alfred bis zu seinem neunundzwanzigsten Jahre

nicht verheirathete, fand Jeder, wenn auch vielleicht nicht _Jede_,

cavaliermäßig, als man aber seinen dreißigsten Namenstag mit einem

lucullischen Mahle feierte, wagten sich schon einige schüchterne

Trinksprüche hervor mit deutlichen Anspielungen auf eine junge reizende

Hausfrau. Sie veranlaßten manches Erröthen, manchen schmachtenden

Augenaufschlag, manches kokette Fächerspiel. Diese Mahnungen wurden

mit jedem Jahre lauter und dringlicher, und glichen bei der Feier der

dreiunddreißigjährigen Wiederkehr des ominösen Tages fast einer Bestürmung.

Da erhob sich endlich der Graf und erklärte, daß er noch in diesem

Jahre sein Möglichstes zu thun bereit sei, um den Wunsch seiner Gäste

zu erfüllen. Er versicherte feierlich daß er Alles aufbieten werde den

Speisezettel des künftigen Festdiners mit einem neuen Gerichte, freilich

nur einem Schaugerichte zu vermehren: mit einer schönen Wirthin nämlich.

Neue Novellen · 第 8 / 12 段