unbarmherzig die schönsten Taxuswände, Fuhrleute und arme Wanderer
zogen darüber hin, unbekümmert um die gestürzten steinernen Helden und
Göttergestalten, die hart an der Straße, überwuchert von Gras und
Kräutern, lagen. -- Herbstblätter bedeckten den Weg, den jetzt die elegante
Gesellschaft betrat. -- Der Himmel hing blau über ihnen, die Sonne schien
warm, und fröhliches Lachen klang durch die heitere Luft. Die geschmückten
Frauen, leicht über den rauhen Pfad hinschreitend, erschienen so glücklich
und anmuthig, die Männer so liebenswürdig -- die Unterhaltung war so
lebhaft und glänzend, der landschaftliche Hintergrund so reich -- es war
ein lebendiges Wouvermann'sches Bild in moderner Tracht.
Elisabeth erschien ungewöhnlich lebhaft, sie plauderte hastig mit ihrem
Begleiter, aber ihre Wangen glühten, ihre Augen schimmerten feucht. In
all dieses Schwirren fröhlicher Menschenstimmen klang jetzt plötzlich ein
fremder trauriger Ton -- das Glöcklein des Monstranzdieners. -- Aus dem
Walde hervor schritt ein ehrwürdiger Priester, gefolgt von dem Meßner, der
die letzte heilige Labung einem Sterbenden entgegen trug -- Alle traten
zur Seite -- der einzige Katholik unter ihnen -- Paul Albano -- beugte das
Knie. -- Aber -- war es eine weiße Wolke die neben ihm zur Erde sank in
demselben Augenblick? -- Er hob die Augen -- dicht an seiner Seite kniete
Elisabeth am Rande der Straße, die Hände gefaltet -- das holdselige Gesicht
überströmt von einem verklärenden Schimmer von Andacht und -- Liebe. --
Warum sie niedergesunken -- sie wußte es nicht; sie betete, weil sie eben
ihren Geliebten beten sah; sie warf sich mit ihm, neben ihm in den Staub
vor dem Gotte der ihr reines Herz -- ihre Liebe kannte; sie hatte in diesem
einen überwältigenden Moment alles vergessen, nur das Eine nicht: daß sie
neben ihm, _mit ihm_ auf den Knien lag. -- Der Priester lächelte gütig,
machte das Zeichen des Kreuzes über diese beiden jungen Häupter -- und
wandelte weiter. -- Das Glöcklein verhallte, die ganze Scene ging vorüber
wie ein Schattenspiel. --
Elisabeth kam erst wieder zu sich bei dem Klange einer scharfen
Frauenstimme, die folgende Worte sagte: »seit wann kniet die Tochter eines
protestantischen Geistlichen vor einem katholischen Kaplan? Sie spielen
ja recht artig Komödie, Fräulein Müller!« -- Frau von Plessow war es, die
spöttisch lachend neben Elisabeth stand.
Das junge Mädchen erhob sich. Verwirrt blickte sie umher; sie begegnete
überall neugierigen Augen; man flüsterte mit einander -- man flüsterte über
sie! -- Jetzt erst besann sie sich _was_ sie gethan; aber ihre plötzliche
Verwirrung, ihr Erröthen und Erblassen galt nicht jener Gesellschaft, der
sie unbewußt »eine artige Vorstellung« gegeben -- Elisabeth dachte einzig
und allein in diesem Moment an ihren Vater. -- Was würde er empfunden
haben, hätte er sein Kind _so_ gesehen! -- Sie fühlte ihr Herz heftig
schlagen -- sie fühlte, wie eine namenlose Angst herankroch: -- sie rang
nach Athem. »Komm, mein Kind,« sagte jetzt die gedämpfte Stimme Plessow's.
»Es ist besser, wir fahren nach Hause -- Du und ich. -- Meinst Du nicht
auch Elisabeth?« -- »Ja, ja, nach Hause!« wiederholte sie und athmete auf.
-- Noch einmal wandte sie im Fortgehen den Kopf zurück -- Albano stand
neben Frau von Plessow, -- seine Augen trafen die ihren mit einem tiefen
dunklen Blick.
Als sie im Wagen neben ihrem stummen Begleiter saß, wandte sie sich
plötzlich gegen ihn und sagte: »ich will aber wirklich nach Hause, Herr
Onkel!« -- »Du thust wohl daran, mein Kind!« lautete die Antwort. --
»Morgen früh will ich fort! Ich muß dem Vater alles sagen!« -- »Wußtest Du
nicht, daß Albano ein Katholik sei?« -- »Nein! Ich sah nur daß er betete
und -- ich betete mit ihm.« --
»Aber Elisabeth, glaubst Du, der Vater, _Dein_ Vater, würde zugeben, daß
Du, sein einziges Kind, eines Katholiken Weib würdest?«
Sie sah ihn erblassend an -- ein Ausdruck von so unendlicher Angst breitete
sich über das Gesicht, daß Plessow mitleidig seinen Arm um sie schlug und
sehr weich sagte: »sei nur ruhig, Elisabeth, ich schreibe selbst an Deinen
Vater -- es wird schon alles gut werden. Albano hat doch sicher längst
mit Dir geredet?« -- »Er hat mir nie gesagt daß er mich zu seiner Frau
begehre,« antwortete sie, und ihr Auge strahlte wieder, »aber ich weiß ja
-- daß er mich lieb hat, denn --« -- »Was denn?« -- »Denn -- _ich_ liebe
ihn ja so über alle Maßen!« Sie war in diesem Augenblicke wunderschön in
ihrer einfachen starken Zuversicht. -- »Armes Kind!« murmelte Plessow. --
Sie sprachen nun Beide kein Wort weiter miteinander auf der Rückfahrt,
und als sie aus dem Wagen gestiegen, ging Elisabeth sogleich in ihr Zimmer
hinauf. -- Herr von Plessow hielt sie nur noch einmal zurück, um ihr zu
sagen: »Morgen Mittag, sobald ich aus der Stadt komme, sprechen wir weiter
mit einander. Bringe Deine Sachen nur einstweilen in Ordnung, vielleicht
begleite ich Dich selber nach M. -- Mit der Post kannst Du nicht reisen,
die fährt des Nachts um zwei Uhr hier vorbei.« --
Die übrige Gesellschaft kam erst mit Dunkelwerden zurück -- Elisabeth
ließ sich zum Souper entschuldigen, und bald nach neun Uhr zogen sich die
verschiedenen Gäste in ihre Gemächer zurück. --
Es war fast zehn Uhr als Elisabeth, inmitten ihrer fast krankhaften
Geschäftigkeit, sich plötzlich erinnerte, ihr Skizzenbuch im Salon
vergessen zu haben. Es mußte auf dem Klavier liegen, Albano hatte diesen
Morgen noch darin geblättert. -- Sie nahm ein Licht und ging geräuschlos
die teppichbelegten Treppenstufen hinunter. Im Vorzimmer war es leer, die
Thür des Salons nur angelehnt, -- es war noch Licht da, auch in dem Boudoir
der Frau vom Hause, das dicht daran stieß. Das junge Mädchen fand die Mappe
und wollte eben wieder den Rückweg antreten, als eine tiefe, ach nur zu
sehr geliebte Männerstimme gedämpft, von dem Nebenzimmer her, an ihr Ohr
schlug. Sie hörte Albano reden und stand still, keine Macht der Welt hätte
sie jetzt dazu gebracht von dieser Stelle zu weichen. Starr, ein schönes
Steinbild, das Buch an die Brust gedrückt, den kleinen silbernen Leuchter
mit der brennenden Kerze in der Hand, stand sie und lauschte: -- _er_
redete ja! -- Bleicher als das weiße Kleid, das sie trug, wurden ihre
Wangen, ungestüm schlug ihr Herz -- aber sie wankte nicht -- es war ja
_seine_ Stimme! --
»Aber ich will sie nicht länger dulden in meinem Hause -- sie ist eine
gemeine Kokette!« sagte die bebende Stimme der Frau von Plessow. --
»Erlauben Sie mir zu bemerken daß meiner Ansicht nach Elisabeth sich grade
in _dieser_ Hinsicht bis jetzt wunderbar ungelehrig gezeigt hat!« -- »Wie?
Sie wagen es mir gegenüber dies Mädchen in Schutz zu nehmen?« -- »Sie
bedarf meines Schutzes nicht, meine Gnädige. Wer so rein und blumenhaft wie
dieses junge Wesen --.« »Ich verbitte mir alle sentimentalen Phrasen! Sie
langweilen mich!« -- »Aber um Gotteswillen Ruhe, Adele! Sie sind ja außer
sich -- Sie sind -- -- verblendet!« -- »O! Sie meinen ich sei eifersüchtig?
Lassen Sie mich lachen! Und recht von Herzen! -- Nein, Paul, _solche_
Nebenbuhlerin fürchte ich noch nicht!« -- »Aber Sie dürften sie vielleicht
zu fürchten haben, wenn Sie -- Elisabeth beleidigten, wenn Sie das Mädchen
zwängen Ihr Haus zu verlassen!« -- »Auf diese Drohung hin wage ich es,
mein Herr! -- Oder hätten Sie vielleicht Lust die kleine Pastorstochter
zu heirathen? Eilen Sie -- Papa und Mama in M. werden Sie mit offnen Armen
aufnehmen. Ein Schwiegersohn ist allzeit willkommen. Gehen Sie -- versäumen
Sie keine Zeit mein Herr -- wer möchte Sie halten?« -- »Und wenn ich nun
diese Erlaubniß benutzte?« -- Ein halb unterdrückter Schrei -- der Name
»Paul!«, ausgestoßen in Verzweiflung und Zorn, drang in Elisabeths Ohr.
Das junge Mädchen glitt hinweg, geräuschlos wie sie gekommen. --
Als die Postkutsche in der zweiten Morgenstunde langsam heranrollte, stand
eine verhüllte Frauengestalt, ein kleines Bündel in der Hand, am Wege, hart
am Thore des Plessow'schen Gartens. -- »Nach M.« sagte eine schüchterne
Stimme. -- Der Wagen war leer. -- Die Dame stieg ein, die Pferde trabten
weiter, und das Geräusch der Räder verlor sich allmählich in der tiefen
Stille der Nacht. -- --
Elisabeths kleine Dienerin brachte am frühen Morgen dem Herrn des Hauses
folgenden Brief:
»Lieber Herr Onkel! -- Zürnen Sie mir nicht, daß ich eher abgereist bin als
ich wollte. Ich _mußte_ fort, ich würde gestorben sein wenn der Postwagen
nicht gekommen wäre. O wäre ich nur schon zu Haus! -- Fragen Sie mich aber
nie, weßhalb ich so schnell fortlief, schreiben Sie mir auch nie,
auch nicht dem Vater -- schicken Sie mir nur meine Staffelei und mein
Malergeräth. -- Ich will wieder fleißig sein, recht fleißig, damit ich es
auch verdiene, daß Sie mich lieb haben. -- Dank für Ihre Güte -- Dank für
alles -- Gott segne Sie! -- Elisabeth.«
* * * * *
Wie still waren die langen Herbstabende in dem Pfarrhause! -- Die
Schwarzwälder Uhr in der Wohnstube tickte einförmig, der Pastor saß
rauchend und sinnend in einem Sessel, die Pastorin strickend auf dem harten
Sopha, Gottfried Berger auf einem Strohsessel ihr gegenüber. Zwar lagen
zwei Bände »Lebensbeschreibungen berühmter Deutschen« auf dem Tische, zwar
fing der Kandidat regelmäßig nach dem Nachtessen an darin zu lesen -- er
wurde aber sicher, noch ehe er zwei Seiten vollendet, von irgend einem
Etwas unterbrochen. Entweder fiel nämlich die Nadel der Frau Pastorin unter
den Tisch, und er bückte sich sie aufzuheben, oder die Pfeife des Pastors
erlosch, und der Lesende war es der es zuerst bemerkte und einen Fidibus
anzündete, und bei solchen Gelegenheiten war man ehe man sich dessen
versah, in das allgemeine Lieblingsgespräch vertieft, das sich immer und
immer wiederholte und dessen doch niemand müde wurde: man redete über
Elisabeth. -- Ihre Briefe wurden aus dem Strickkörbchen, wo sie jederzeit
lagen, hervorgeholt, und wieder und wieder durchgegangen und hin und her
besprochen.
Wochen waren vergangen, seit der letzte Brief ins Pfarrhaus geflogen. Und
diese Zeilen waren so jubelvoll gewesen, und doch so kurz, daß der Vater
über das theure Porto schalt. Nachher meinte er aber doch das Blättchen
habe ihm Freude gebracht, obgleich im Grunde nichts darin gestanden, es
sei ihm gewesen, als ob Elisabeth in alter Weise ihm heimlich einen
Blumenstrauß ins Studierzimmer gestellt. -- Der Mutter Herz hatte im
Stillen gejubelt und in ihr Abendgebet jenen Mann eingeschlossen, dessen
Namen ihr Kind _nicht_ in diesem letzten Zettelchen genannt. -- »Sie wird
die Frau eines berühmten Künstlers, der Himmel hat meine Pläne gesegnet.
Gott behüte das Plessow'sche Haus.«
An demselben Abend hatte sie eine lange Unterredung mit ihrem Gatten, und
als sie sein Studierzimmer verließ, nahm sie die Genugthuung mit hinweg,
daß der Pastor, anscheinend wenigstens, von einer seiner Lieblingsideen
völlig zurückgekommen sei. Er hatte nämlich am Schlusse jenes wichtigen
Gespräches geäußert: »es sei ihm jetzt ganz lieb und recht, daß der
Gottfried die Pfarrstelle in S. erhalten und in einem Monat dahin abgehe.«
-- Seitdem war aber eine Pause eingetreten, die allmählich anfing auf alle
zu drücken: -- Elisabeth schrieb nicht.
Es war am Abend vor Gottfried Bergers Abgang nach S. -- draußen pfiff ein
schneidender Herbstwind, der Himmel zeigte sich grau verhangen, die welken
Blätter retteten sich in wilder Flucht von den Bäumen, als fürchteten sie
noch einen schlimmern Feind als -- den Tod. Drinnen in der Wohnstube hatte
man schon längst die grüne Schirmlampe angesteckt, auch brannte ein kleines
Feuer im Ofen, -- die Drei saßen wie immer um den runden Tisch.
»Ob die Postkutsche schon durchgekommen sein mag?« fragte die Pastorin
eben. -- »Sie wird in zehn Minuten hier sein,« antwortete Berger mit
melancholischer Stimme, »ich will hinunter gehn zum Postverwalter,
vielleicht ist heute ein Brief da.« -- Und er rückte seinen Stuhl, wie
jeden Abend, und stand auf um seinen Hut zu nehmen. Da klinkte es an
der Hausthür -- da kamen Schritte -- da klopfte es wie im Fluge an die
Stubenthür -- eine hohe Mädchengestalt im verhüllenden Mantel und Hute
trat ein, ehe Jemand »herein« gerufen, -- eine sanfte Stimme sagte: »Vater!
Mutter! Gottfried!« -- Herr Gott des Himmels -- es war das Kind, -- es war
Elisabeth!
Als Vater und Mutter sie umfaßt hielten, da begriffen Beide nicht daß sie
dies Kind so lange entbehren konnten. -- Aber als die Mutter ihr den Mantel
und den Hut abnahm und der Vater den Schirm von der Lampe abhob, damit der
volle Lichtschein das geliebte junge Angesicht treffe, da war es ihnen, als
sei das nicht mehr jenes Mädchen, das damals von ihnen gegangen. -- Größer
war sie geworden, doch blaß -- recht sehr blaß -- und ihr Lachen war nicht
mehr so fröhlich -- ihre Stimme klang anders.
»Und Du kommst allein, -- und so überraschend, -- warum schriebst Du
nicht vorher?« fragte die Mutter und küßte sie wieder und wieder. -- »Der
Gottfried wollte ja fort, und da mußte ich wohl kommen,« antwortete sie
scherzend, aber die Augen standen ihr voll Thränen. -- »Er geht auch morgen
nach S. zur Probepredigt für nächsten Sonntag,« sagte der Vater. Sie sah
ihn erstaunt an. »Also wirklich? Auch nicht noch einen Tag sollen wir mehr
mit einander plaudern, Gottfried?« -- »Willst Du es -- so kann ich noch
einen Tag bleiben.« -- »Ich bitte Dich darum!«
Die Pastorin konnte es diesen Abend kaum erwarten ihr sichtlich ermüdetes
Kind in die Schlafkammer zu führen, -- sicherlich hatte Elisabeth eine Last
froher Mittheilungen auf dem Herzen. Sie sah ja ganz aus wie eine heimliche
Braut -- so ernst, so gedankenvoll, sie wechselte die Farbe so jählings! --
Endlich waren die Stunden des Hin- und Herfragens, und das Nachtessen,
vorüber, -- Brigitte hatte in der Freude ihres Herzens den Eierkuchen
verbrannt -- und Mutter und Tochter waren allein im stillen Kämmerlein.
-- Die Pastorin stellte den Leuchter auf den Tisch, und nestelte wie
sonst ihrem Kinde das Kleid los. Aber Elisabeth sprach und fragte nur
gleichgültige Dinge, wenngleich sie sich's gefallen ließ daß die Mutter,
wie vormals, sie auskleidete, ihr das Haar einflocht und das Nachtkleid
überwarf. -- »Dein Haar ist viel schöner geworden, sieh, ich bringe die
Flechten kaum unter das Häubchen!« sagte die Pastorin mit mütterlichem
Stolz. »Und wie viel hübscher verstehst Du Dich zu kleiden! Du hast auch
gewiß allerlei Schönes mitgebracht. Plessow's waren ja so gut gegen Dich.
Wann kommen Deine Sachen?«
Als ihr Kind den Kopf auf die Kissen gelegt, setzte sich die Mutter auf
den Rand des Bettes, und herab sich beugend zu der lang entbehrten jungen
Gestalt, flüsterte sie bewegt: »hat meine Tochter auch ihr altes schönes
Vertrauen zur Mutter wieder mitgebracht?« -- Da schlang Elisabeth ihre
beiden Arme um den Nacken der Mutter und brach in ein heißes Weinen aus.
Lange lange kam kein Wort über ihre Lippen, das Schluchzen sänftigte sich
nur allgemach, und als die Thränen endlich milder flossen, konnte sie nur
kaum vernehmbar murmeln: »es ist alles -- alles vorbei. Aber bitte, bitte,
frage mich nicht -- ich muß sterben wenn ich davon reden soll! Es
ist vorbei und ich bleibe bei Euch für immer.« -- Sie hatte die Hände
zusammengepreßt und sah mit dem Ausdruck tiefsten Leides zu ihr auf.
»Ich verspreche es, wenn Du wieder ruhig werden willst,« antwortete die
weinende Mutter. -- »Nun gute Nacht denn, Mütterchen,« sagte sie mit der
Zärtlichkeit früherer Tage, »aber bete, ehe Du gehst, noch einmal mein
Kindergebet mit mir. Ich habe es lange nicht mehr gebetet.« Und leise
flüsterten nun zwei bewegte Stimmen:
»Müde bin ich, geh' zur Ruh,
Schließe meine Augen zu,
Vater laß das Auge dein
Ueber meinem Bette sein.
Hab' ich Unrecht heut gethan,
Sieh' es lieber Gott nicht an,
Deine Gnad und Christi Blut
Macht ja allen Schaden gut.
Kranken Herzen sende Ruh,
Nasse Augen schließe zu,
Alle Menschen groß und klein
Sollen Dir befohlen sein.«
Die Mutter küßte die Tochter noch einmal und ging. -- Ob der liebe
Gott wohl diese nassen jungen Augen schloß, in dieser ersten Nacht im
Vaterhause?
* * * * *
Seltsame Tage waren es, die nun kamen und gingen im Pfarrhause. Es war
scheinbar alles wie sonst und doch alles anders. Zuerst kam der Gottfried
schon am zweiten Tage und erklärte, daß er nicht nach S. zur Probepredigt
reisen werde. Er gab an, einen Brief erhalten zu haben, der die Aussicht
auf Erfolg dort seinerseits zweifelhaft gemacht. Der Pastor und seine
Frau sahen ihn zwar zuerst mit großen Augen an, freuten sich aber dann
aufrichtig den gewohnten Hausgenossen behalten zu dürfen. Elisabeth reichte
ihm stummdankend die Hand.
Sie saß jetzt wieder wie früher mit der Mutter im Wohnstübchen, -- Abends
versammelte man sich um den runden Tisch, Gottfried las, als ob man gar
nichts zu Plaudern hätte, aber es war etwas Fremdes zwischen Allen, das
keiner mit Namen zu nennen wußte. Das junge Mädchen trug Kleider von
anderm Schnitt, ihr Haar war in anderer Weise geordnet, aus den Schläfen
weggestrichen, in Puffen zurückgeschlagen und hinten in einen tiefen Knoten
zusammengenommen. Die edlen Linien ihres jugendlichen Profils traten so
sehr blendend hervor. Die Rundung ihres Gesichts war aber verschwunden, die
Wangen zeigten eine merkliche Verminderung ihrer sonstigen Fülle, und
leise Schatten lagen unter den Augen. Das fröhliche Singen durchs Haus,
das leichte Springen Trepp ab, Trepp auf, das helle Auflachen -- alles war
nicht mehr da. Ernst glitt die junge Gestalt durchs Haus und sah man sie
die Treppe hinaufsteigen, so meinte man, sie müsse müde sein, sehr müde. --
Zu den Poststunden zeigte sie eine gewisse fieberhafte Spannung, die Keinem
entging. »Ich erwarte meine Staffelei und mein Malergeräth,« sagte sie dann
wie zur Entschuldigung.
Eine Woche war vergangen -- da kam Gottfried Berger eines Abends nicht
allein von der Post zurück; Männer, die verschiedenes Gepäck trugen,
folgten ihm, und Allen voraus eilte ein kleiner starker Herr in einen
Mantel gehüllt. Er war schon in der Wohnstube, ehe Berger das Pfarrhaus
erreichte.
»Plessow!« rief die Mutter freudig überrascht. Der Pastor stand auf
und legte seine Pfeife bei Seite. Aber Plessow beachtete keinen Gruß.
»Elisabeth, liebes böses Kind!« rief der Eintretende mit dem heitersten
Gesicht, »ich bin Dir nachgelaufen! Nicht nur Deine Sachen mußte ich Dir
selbst bringen, sondern auch eine gar gute Nachricht dazu!« -- Und damit
wollte er sie umarmen, aber sie sah ihn mit weitgeöffneten Augen, ohne sich
zu regen an, wurde todtenblaß und sank dann plötzlich zurück. Sie war zum
erstenmal in ihrem Leben ohnmächtig geworden.
Das gab denn eine gewaltige Bewegung und viel rathloses Hin- und Herrennen,
bis endlich Gottfried das Fenster öffnete, und die Bewußtlose dem frischen
Luftstrom entgegentrug. -- Sie kam wieder zu sich und streckte auch gleich
mit freundlichem Lächeln dem »Herrn Onkel« die Hand entgegen. Er neigte
sich zu ihr herab und flüsterte ihr zu: »so sei doch ruhig, wunderliches
Kind! Mein Kommen bedeutet das Beste. Ich selbst bin jetzt mit der ganzen
Geschichte ausgesöhnt. -- Denke Dir, der Schmetterling hat gestern bei mir
um Dich angehalten -- wirklich angehalten -- und ich trage Briefe an Dich
und den Vater in der Tasche!«
Da brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen, da stand ein siegendes Lächeln
auf, in ihrem Angesicht -- aber nur einen Moment lang -- dann erwiederte
sie leise aber fest: »Und Sie sind doch _umsonst_ geschrieben, diese
Briefe!« -- Er sah sie ungläubig an, -- dann bat er den Pastor in
scherzhafter Feierlichkeit um eine Unterredung unter vier Augen,
überreichte ihm ein Schreiben, drückte Elisabeth einen Brief in die Hand
und setzte sich in der Sophaecke zurecht. -- Das junge Mädchen verließ
sofort das Zimmer.
»Ich denke, wir können diese Unterredung hier abmachen,« sagte der Pastor
etwas unruhig. »Vor meiner Frau kann ich kein Geheimniß haben, und vor dem
Gottfried da _mag_ ich keins haben, besonders, wenn es unsern gemeinsamen
Liebling, die Elisabeth angeht, wie ich vermuthe.« Aber Berger war schon
aufgestanden, schützte einen dringenden Krankenbesuch im Dorfe vor, und
ging hinaus.
* * * * *
Das Gespräch der Drei währte lange, lange. -- Die Mitternachtstunde war
vorüber, als sie sich trennten. Die Pastorin geleitete mit rothgeweinten
Augen ihren Gast in die Fremdenstube. An der Thür gab Plessow ihr noch die
Hand und sagte verdrießlich: »Dein Mann ist ein Starrkopf, wie ich ihn
nie gesehn! Heut zu Tage macht kein Mensch mehr einen Unterschied zwischen
einem katholischen oder protestantischen Schwiegersohn. Hätte ich eine
Tochter, und sie wollte einen Juden oder Türken heirathen -- und er wäre
brav und das Kind hätte sein Glück in ihm gefunden, -- ich sagte Ja. Und
ein Prediger will intoleranter sein als wir gewöhnlichen Menschenkinder,
die wir dem lieben Herrgott doch lange nicht so nahe stehen? -- Er mag sich
in Acht nehmen, daß ihm diese Starrköpfigkeit nicht seine Tochter kostet.
Ein Mädchenherz ist ein zerbrechlich Ding.« -- »Warum habe ich sie je von
mir gelassen!« schluchzte die Pastorin.
»Versuche Du Dein Heil mit ihm -- wir Beide sind fertig mit einander.
Morgen spreche ich noch einmal mit Elisabeth, und dann reise ich ab. Gute
Nacht!«
Die tiefbetrübte Mutter schlich noch einmal an Elisabeths Kämmerlein und
drückte auf die Klinke. -- Die Thür war jedoch abgeschlossen, auf ihr
leises Rufen kam keine Antwort. »Gott sei Dank! Sie wenigstens schläft,«
dachte sie und ging wieder hinab.
Das junge Mädchen saß aber völlig angekleidet vor einem kleinen Tische, und
hatte eben unter tausend, tausend Thränen folgende Zeilen an Paul Albano
niedergeschrieben:
»Sie haben mir in Ihrem Briefe gesagt, daß Sie mich liebten, und mich
gefragt, ob ich Ihr Weib werden wolle. Vor wenig Wochen hätte mich solch
ein Geständniß und solch eine Frage selig gemacht -- jetzt machen mich Ihre
Worte nur ganz unsagbar traurig. -- Vor wenig Wochen glaubte ich ja noch,
daß _Sie_ mich liebten wie _ich_ Sie liebte -- -- das ist nun vorbei. --
Ich weiß jetzt daß Sie mir nur geben, was Sie einer Andern genommen, oder
-- was eine Andere verschmäht, -- und die kleine Predigerstochter ist zu
ehrlich und zu stolz solche Geschenke anzunehmen. -- Fragen Sie nicht woher
mir dies traurige Wissen kommt, -- ich würde es Ihnen doch nie gestehen,
wie ich es wohl keinem Menschen gestehen werde.
»Ob mein Vater seine Einwilligung geben würde zu einer Heirath seines
Kindes mit einem Katholiken, weiß ich nicht, -- Alle, die ihn kennen
zweifeln daran. Wäre Ihre Frage aber vor Wochen gekommen, Albano, Gott weiß
es daß meine Liebe stark genug gewesen ihm zu trotzen mit jenem Spruche,
der allen Gläubigen gleich heilig sein muß: »_Du sollst Vater und Mutter
verlassen und Deinem Manne anhangen._« -- Jetzt hat meine Liebe eines
verloren: -- den Muth.
»Leben Sie wohl, Albano! Ich liebe Sie -- also glaube ich an ein
Wiedersehn, und da ich hier auf Erden nicht Ihr Weib werden sollte, so
vergessen Sie nicht, daß ich Sie im Himmel mein nennen will. Leben Sie
wohl, tausend, tausendmal, lieber, geliebter Albano! -- Elisabeth.«
»Ein Narr mag eine Mädchenliebe begreifen!« murmelte Plessow, als er am
andern Tage in dem Wagen saß und nach F. zurückrollte. »Die Kleine ist,
seit sie die Luft im Elternhause athmet, wie verwandelt und noch toller
als der Alte. -- Nun, meintwegen mag sie heirathen wen sie will. Im Grunde
gönne ich dem Schmetterling Albano diese Zurückweisung -- das Herz
bricht ihm nicht darüber! Aus dem Kinde werde ich aber nicht klug.
Erst kompromittirt sie sich aus Liebe zu dem Wildfang vor einer ganzen
Gesellschaft -- kaum eine Woche darauf weist sie den regelrechten
Heirathsantrag desselben Mannes zurück, weil -- ihr Vater nicht will daß
sie die Frau eines Andersgläubigen werde! Und mit welcher Ruhe giebt sie
ihm den Abschied! Da glaube einmal Einer noch an die Beständigkeit eines
Frauenherzens.«
* * * * *