so bald als wir dachten, aber doch, so Gott will, bestimmt im nächsten
Herbst. Wer hätte geglaubt, daß so sehr viel zu lernen sei! -- Zu den
Farben bin ich noch gar nicht gekommen! -- Ich begreife nicht, daß Albano
nicht die Geduld mit mir verliert. Aber er ist eben so unendlich gut --
ich könnte mir keinen bessern Lehrer wünschen. -- Im Sommer wollen mich
Plessow's mit auf ihr Gut nehmen, da will ich aber doch ganz heimlich
wieder Baumschlag und Landschaft studieren. Ein kleines Atelier soll ich
dort haben, und mich malen zu lehren, hat mir der Onkel versprochen. Das
sind wunderschöne Aussichten. Und Stoff zu Porträts werde ich genug finden,
denn es soll immer sehr viel Besuch dort sein. -- Obgleich man sagt, daß
man mit dem Porträtiren sich viel Geld verdienen könne, so möchte ich doch
lieber -- arm bleiben, wenn ich dafür nur einen kleinen Theil so warm, so
leicht, so lebendig skizziren könnte wie Albano. Ach! wenn ich Euch einmal
ein Stückchen Landschaft von ihm zeigen könnte!
»Ein recht unruhig Leben haben wir hier -- ich möchte manchmal davonlaufen
vor all den Besuchenden. Sitze ich in meinem Stübchen, so schickt Frau von
Plessow wohl zehnmal im Vormittag herauf, bald soll ich eine neue Mantille,
die mir der Herr Onkel gekauft, anprobiren, bald mir vom Schneider Maß
nehmen lassen zu einem neuen Kleide, das mir Frau von Plessow schenkt, bald
muß ich mit ihr in die Läden fahren, bald mich einigen Fremden vorstellen
lassen. Deine lieben Kleider, gute Mutter, und die langen Shawls habe ich
aber nicht etwa aufgetragen, behüte mich der Himmel, ich soll sie nur
jetzt eine Weile liegen lassen, Frau von Plessow hat einen so wunderlichen
Geschmack.
»Um sie nicht böse zu machen, ziehe ich die Sachen an, die sie mir giebt,
aber will ich mich einmal recht nach meinem Sinne putzen und vergnügt sein,
so schließe ich meine Thür zu und ziehe eines der Kleider an die Du mir
gegeben. Besonders lieb habe ich das blaßblaue Seidenkleid -- ich trug es
ja an meinem ersten Tanzabend! -- Weißt Du, wann ich nur ganz allein bin,
liebe Mutter? -- Nach Tische, von 3--4, zuweilen sogar bis 5. Dann aber
fahren wir aus, und Abends besucht Frau von Plessow Gesellschaften oder das
Theater, und ich spiele mit dem Herr Onkel und zwei seiner alten Schwestern
Whist, oder wir bleiben ganz einsam und spielen Schach.
Auf einen Ball wollten mich Plessow's zuweilen mitnehmen, aber ich habe ja
dem guten Vater versprochen niemals in öffentlichen Sälen zu tanzen, und
werde mein Versprechen auch gewissenhaft halten. Aber schön mag's dort
sein, Albano erzählt mir oft davon, und wenn Frau von Plessow so strahlend
hervorschaute aus einer Wolke von leichten und glänzenden Stoffen, Blumen
und Perlen, da -- nun, Dir darf ich's ja leise in's Ohr sagen, Mütterchen,
da wurde ich so traurig, wie wohl Aschenbrödel gewesen sein mag, wenn sie
ihre Stiefschwestern zum Balle schmückte. Wenn dann der Wagen fortgefahren
war und ich so allein saß -- lauschte ich doch heimlich, ob nicht aus
irgend einem Winkel eine gute Fee hervortreten würde, ein Gewand von
Silberstoff für mich in der Hand tragend. -- Im Theater sehe ich immer nur,
wie ich's ja gleichfalls dem Vater versprochen, lauter ernste Stücke. Wie
im Traume bin ich wenn der Vorhang aufgegangen, und es ist mir, als lebte
ich wirklich mit denen, die da auf- und niedergehen vor mir, und hätte auch
ein Wörtchen darein zu reden. Wenn Albano in der Plessow'schen Loge nicht
immer hinter mir säße und mich mit ruhigen Worten und Erklärungen zur
rechten Zeit aufweckte, wer weiß welchen Unsinn ich begehen würde. --
Nur das Weinen kann ich nicht unterdrücken; neulich in der Maria Stuart
stürzten mir die Thränen unaufhaltsam aus den Augen. Es war mir, als
fühlte ich mein Herz in Stücke brechen, wie sie von dem treulosen Leicester
scheidet. Sie hat ihn nämlich noch lieb, Mutter, Du kannst mir's glauben,
ich fühlte das. Ich war nur froh, daß sie bald ausgelitten hatte, -- der
Gang zum Tode kann ihr nicht schwer geworden sein -- das Leben wäre ja
doch viel schwerer gewesen. -- Warum hat uns Gottfried niemals Maria Stuart
vorgelesen?
»Liebe, liebe Mutter, schreibe mir nur bald und erzähle mir recht von Euch.
Knurrt der alte Caro noch immer so, wenn Gottfried vorübergeht? --
»Wie mir's nur sein wird, wenn ich wieder einmal in der Laube sitze oder an
der Mauer lehne, wo ich auf den Kirchhof sah! -- Nun, zu Deinem Geburtstag
im Oktober bin ich wieder bei Euch. Liebe Mutter, ich kann dem Gottfried
nicht mehr besonders gratuliren, thu Du's recht von Herzen für mich. Albano
wird gleich hier sein, und ich muß hinuntergehen um Papier und Stifte
zurecht zu legen. Lebe wohl, Du Liebe, Gute! Ich denke oft daran, wie
einsam es Dir sein mag in unserm stillen Dorfe, da Du ja auch weißt wie
bunt und schön sich's in der Stadt lebt. --
»Wie viel werde ich Euch zu erzählen haben, wenn ich heimkehre! Der
Gottfried braucht dann nicht vorzulesen, den ganzen Winter lang nicht. --
Ich grüße Euch alle und umarme Dich und den Vater in Gedanken viel hundert
tausendmal. -- Elisabeth.
»Nachschrift. -- Ich gehe auch alle Sonntage in die Kirche, aber der alte
Konsistorialrath hat keine Zähne mehr, und da können nur die ihn verstehn,
die dicht unter der Kanzel, oder ihr gerade gegenüber sitzen. Sie haben
hier auch auf allen Bänken Schilder mit Namen, wie bei uns, auch klappert
der Küster gerade so hart mit dem Klingelbeutel wie in unserer Kirche. Aber
viele geputzte Damen gehen hin, und die Herren stehen in den Gängen umher
und gucken sich keck frei die verschiedenen Gesichter an. -- Ich bin recht
traurig immer auf dem Heimwege, daß ich nie dort von Herzen andächtig sein
kann. Wenn mir der Vater nur nicht böse wird deßhalb!« --
Mit strahlenden Augen reichte die Mutter den Brief dem Vater hin. »Sie ist
da wie Kind im Hause,« sagte sie freudig, »sie hat ein gutes Leben dort!«
-- »Und wird als tüchtige Malerin zurückkommen,« meinte der Pastor, nahm
die Brille aus dem Futteral und setzte sich behaglich an das Fenster,
um die Epistel noch einmal zu lesen. »Ich wundere mich nur,« murmelte
er zwischen dem Lesen, »daß sie gar nichts von meinen alten
Universitätsfreunden schreibt, für die sie doch dicke Briefe mitgenommen --
von dem muntern Fritsche, ehemaligem Calculator, und vom dicken Senf,
der uns immer Predigten hielt und nun Nachmittags-Prediger an der F.
Frauenkirche ist, so viel ich weiß.«
»Elisabeth lebt in einem gar vornehmen Hause,« fiel hier Gottfried Berger
ein, und seine sonst so sanfte Stimme klang so bitter und verändert, daß
beide Eltern aufsahen. Er stand abgewendet von ihnen an dem Fenster und
trommelte leise an die Scheiben. -- »Sie haben ganz recht! Ich
glaube nicht, daß eine Frau wie die Plessow, mit Calculatoren und
Nachmittags-Predigern verkehrt!« sagte die Pastorin kühl. -- »Nun, ein
Nachmittags-Prediger ist doch immer ein Prediger, und wer steht denn höher
in der menschlichen Gesellschaft als ein geweihter Diener des Herrn?«
rief der Pastor, sich hoch aufrichtend mit allem Stolz jenes souveränen
Herrschers, dem die Macht gegeben »zu binden und zu lösen.« -- »Wer höher
steht?« wiederholte der junge Kandidat und wandte langsam sein bleiches
Gesicht dem Fragenden zu. »Hier in M. freilich niemand, lieber Onkel; in
großen Städten aber gilt jeder Pinsel mehr heut zu Tage.« --
»Herr Kandidat -- die Kinder mit dem Geburtstagsstrauß sind draußen!«
meldete Brigitte. »Sie haben aber gewaltig schmutzige Klumpen (Holzschuhe)
an; in die Wohnstube kann ich sie nicht lassen, die ist gestern erst
gewaschen.« -- »Sie mögen in meine Stube kommen!« antwortete Gottfried und
verließ das Zimmer.
Draußen begrüßte ihn eine kleine Schaar mit Händedrücken und frohem
Gemurmel. Das größte Mädchen trug einen Strauß von Tannenreisern und
Märzveilchen in der Hand. Er nickte ihnen freundlich zu und schloß seine
Stube auf. Nach kurzem Kampf mit Brigitten, die ihnen gewaltsam die
beschmutzte Fußbekleidung abnahm, drängte sich die kleine Schaar in
Strümpfen nach. -- Der junge Mann hörte geduldig allerlei stockende
Glückwünsche an, versprach den Ueberbringern für nächsten Sonntag einen
Kuchen, und die Kinder gingen vergnügt wieder weg.
Da saß er nun allein, -- den Strauß von Tannenzweigen in den Händen, in
tiefe Gedanken versunken. Der starke Duft des winterlichen Grüns durchzog
die kleine Stube. Das Feuer im Ofen warf seinen flackernden Schein auf
den Fußboden, der mit weißem Sand, von Brigittens kunstfertiger Hand in
allerlei Schlangenwindungen, bestreut war, Regentropfen schlugen an die
Scheiben, Frühlingswinde fuhren draußen durch die kahlen Bäume -- er hörte
es nicht. -- Seine geistigen Augen sahen eben jetzt einen hellen Sommertag
-- die Rosen blühten und die Linde -- ein warmer Abendschein lag auf dem
stillen Garten. Er sah sich auf dem Rande jener Mauer, welche die Gräber
abgrenzte von den Blumenbeeten, und -- den breiten Kiesweg hinab kam eine
schöne junge Gestalt in einem blaßrothen leichten Kleide, eine Epheuranke
um die schweren braunen Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im
Gürtel.
»Zum Nachtessen, Herr Kandidat!« rief die harte Stimme Brigittens ins
Stübchen. -- Hatte er denn so lange geträumt? --
* * * * *
Jedes Geschöpf hienieden hat seinen Sonnentag -- jedes Menschenherz seinen
Frühling. Aber wie ein nordischer Frühling verschieden ist von dem Lenz des
Südens, so sind auch die Frühlinge der Herzen verschieden. Wie viele liegen
im Norden -- in wie wenigen glüht die Wärme des Südens! -- Wohl aber, --
tausendmal wohl jenen Wenigen! Für _sie_ ist aller Blüthenreichthum da,
aller Glanz, alles Licht, wie in jenen gesegneten Ländern des ewig blauen
Himmels, und vernichten auch furchtbare Erdstöße oft mit einem Schlage die
ganze Herrlichkeit -- ist es nicht besser, neidenswerther, _einen_ Tag
lang überreich gewesen zu sein -- als sich mondenlang zu begnügen mit einer
Handvoll kargen Grüns, blasser Blumen, spärlicher Sonnenstrahlen? --
Ueber Elisabeths Herz hing der Himmel des Südens -- es war, als sei _sie_
beschenkt worden mit all jener Wärme, die sowohl der Natur des Vaters, wie
dem Wesen der Mutter fehlte -- und in diesem jungen Herzen blühte eben der
erste köstliche Frühling. -- Es war Sonnenschein da und Blumenpracht und
Lerchenjubel und Nachtigallenklage: -- ein junges Herz liebte mit aller
Kraft, aller Gläubigkeit und aller Sorglosigkeit einer ersten Liebe. --
Seit drei Monden waren sie alle auf dem reizenden Plessow'schen Gute, zwei
Stunden von der Stadt gelegen, -- seit drei Monaten fand das junge Mädchen
einen Tag schöner als den andern, seit drei Monaten lebte sie mit Albano
unter einem Dache und sah ihn täglich. -- Sie war freilich niemals allein
mit ihm, -- er redete kaum zehn Worte mit ihr, und sie sah ihm auch oft
mit stiller Trauer nach, wenn er an der Seite der Frau vom Hause seine
regelmäßigen Spazierritte unternahm. Denn wie vortheilhaft erschien die
zierliche Gestalt der eleganten Reiterin, wie keck saß der braune Hut mit
Feder und Schleier auf den blonden Locken, und wie schön war Albano zu
Pferde! -- Recht lange währten diese Ausflüge, meinte Elisabeth, und so gut
sie dem »Herrn Onkel« war, der dann immer mit ihr spazieren ging, oder auf
der Terrasse saß und ihre Zeichnungen korrigirte, so hätte sie es -- sie
wußte nicht recht warum -- doch lieber gehabt, wenn er sie ganz allein
gelassen. -- O, sie war so gern allein! -- Es ließ sich so köstlich -- an
_ihn_ denken. --
Ob er sie wieder liebte, daran dachte sie lange nicht; sie hatte genug an
ihre eigene Liebe zu denken. Später -- es war an einem schönen Sommerabend,
viele Fremde waren da, und sie hatte viel hin und wider zu gehn und für
Jeden zu sorgen -- da hatte er ihr wohl klar gezeigt, daß auch er sie
liebe. -- Man war nämlich ein wenig in den nahen Wald gegangen -- Frau
von Plessow am Arm des schönen Grafen Reinberg voraus, hinter ihnen
verschiedene Paare, der »Herr Onkel« war mit einigen gichtischen alten
Herren zurückgeblieben. Wer war da plötzlich an die einsam nachschlendernde
Elisabeth herangetreten? Wer hatte ihr da einen Waldblumenstrauß gepflückt
und Grashalmenkränze im Weiterwandeln für sie gebunden? Und als sie auch
_ihm_ einmal die Halme zum Kranz gehalten und ihm gesagt, daß er sich nun
etwas Ernstes, Großes wünschen könne, da hatte er leise geantwortet: »ich
wünsche mir nur _Eines_ für mein Leben -- wollen Sie's wissen, Elisabeth?«
-- Aber von einer süßen Angst ergriffen, hatte sie da den Kopf schütteln
und dann langsam die Augen zu ihm aufschlagen müssen. -- Da war sie denn
seinen Augen begegnet, die ihre Seele an sich gezogen mit unwiderstehlicher
Gewalt -- und es war über sie gekommen wie Seligkeit und Entsetzen
zugleich, und sie hätte in den Wald hineinlaufen mögen, so weit als ihre
Füße sie getragen. -- Und doch war sie nicht entflohen, sie hatte vielmehr
ihren Arm in den seinen gelegt, und so waren sie neben einander schweigend
hergegangen, bis sie die Gesellschaft erreicht.
Das war Alles gewesen -- aber dieser Waldgang erschien in ihren schönsten
Träumen -- an dieser Erinnerung hing sie mit Seele und Gedanken. -- In
dieser zauberschönen Zeit bemerkte sie nicht, daß Frau von Plessow immer
kälter und härter gegen sie wurde, -- sie lebte eben in einer andern
Atmosphäre. Keiner Wolke aus der Alltagswelt gelang es, ihren Himmel zu
trüben. -- Nie war sie lieblicher gewesen, nie heiterer, nie hatte sie
von allen, die das Plessow'sche Haus besuchten, größere Aufmerksamkeit
erfahren. Wäre sie kein armes Predigerstöchterlein gewesen -- viele hätten
ihr zu Füßen gelegen, viele hätten um ihre Gunst geworben, viele hätten
es für ein Glück gehalten, eine so reizende junge Braut zu erringen! -- So
aber -- unsere Geschichte spielt in der Neuzeit, -- war »die Kleine« vor
allen Dingen nicht reich, zweitens hatte sie einen abscheulich plebejischen
Namen, drittens sprach sie nicht Englisch, und viertens war sie durchaus
nicht musikalisch. -- Sie war also, nach Ansicht der heirathsfähigen
Männer, eine Null im Plessow'schen Salon, freilich hübsch genug »=pour
passer le temps= mit der Kleinen.« --
Während dessen träumte aber im stillen Pfarrhaus von M. eine Mutter
wunderbare Träume vom einem vierspännigen Wagen mit gräflichem Wappen am
Schlage -- von einer strahlenden Braut im weißen Spitzenkleide, die in der
Dorfkirche getraut wurde, um gleich darauf mit ihrem jungen Ehegemahl eine
Reise nach Italien anzutreten, von Koffern, Hutschachteln, Kisten u. s. w.
Albano war sehr gewissenhaft in seinen Unterrichtsstunden, alles Neue
reizte ihn. Regelmäßig jeden Vormittag verbrachte er bei den beiden Frauen,
mit der Einen plaudernd -- die Andere unterweisend. -- Elisabeth war eine
talentvolle Schülerin und unermüdlich fleißig. Die Welt der Farben, in die
sie jetzt die Hand des Geliebten einführte, entzückte sie. Es war ihr,
als schmölzen sie alle zusammen zu einem prächtigen Farbenbogen, einem
strahlenden Bande, dazu bestimmt ihre Herzen fester aneinander zu ziehen.
-- Ueber das erste, nach der Natur gemalte Bouquet jubelte sie, um in
der nächsten Stunde traurig die unerreichbare Wärme, den unnachahmlichen
Schmelz der wirklichen Blumen mit ihren gemalten zu vergleichen. -- Und
dennoch sagte ihr Albano: »Sie könnten eine der ersten Blumenmalerinnen
werden -- aber dann müßten Sie auch einen andern bessern Lehrer haben,
_ich_ verstehe nichts davon. Wenn wir wieder in die Stadt kommen, muß S.
Ihnen Unterricht geben.« -- Sie hörte schweigend zu; aber seit jenem Tage
wurde sie lässiger im Malen der Blumen und fing, zu seiner Ueberraschung,
an sich in Aquarell-Landschaften zu versuchen. Auch hierin zeigte sie
Talent, auch hierin machte sie Fortschritte -- Albano war ja ihr Lehrer.
Einmal hörte sie von ihm den Ausspruch: »Frauen sollten _nur_ Blumen malen
lernen, wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen, sie würden sicher sein uns
auf diesem Felde allezeit zu besiegen. -- Eine Frau, die historische Bilder
und Landschaften schaffen will, erreicht im besten Falle nur dasselbe, was
eine Frau erreicht, die -- einen Roman schreibt. -- Wir Männer bilden uns
nämlich doch immer ein es tausendmal besser zu verstehn als sie. Und nicht
ganz mit Unrecht! -- Ein ächter Mann wird übrigens in unserer Zeit ebenso
selten Blumenmaler, wie eine kräftige Feder sich herabläßt Lilien- und
Rosenmärchen zu schreiben.« --
Zwei Tage nachher brachte sie ihrem Lehrmeister eine wilde Rose in
Wasserfarben, halb vom Stengel gebrochen, einen Thautropfen auf den
Blättern, mit einer so reizenden Grazie und Wärme gemalt, daß er sie bat,
ihm das Blatt zu schenken. -- Wie stolz und freudeglühend sah sie zu, als
er es in seine Mappe legte! --
Die erste Liebe eines reinen jungen Mädchenherzens ist doch das
unschuldigste, lieblichste, traurigste Ding der Welt, -- ein Strahl, der
dem Gegenstand den er trifft, erst Farben, Glanz und Wärme verleiht. --
Und wie der Sonnenstrahl zerfallenes Gemäuer, zerbröckelte Felsen, die
alltäglichsten und ärmlichsten Dinge rosig verklärt, -- so die erste
Mädchenliebe die unbedeutendsten Gestalten. -- Ein ächtes Mädchenherz liebt
es eben zu malen und zu schmücken, und je mehr graue Flächen vorliegen,
desto freudiger geht es an die Arbeit und malt und malt, bis die wirkliche
Erscheinung jenem reizenden Fantasiebilde, wie es jede junge Seele mit
sich herumträgt, täuschend ähnlich sieht. -- Nur Schwärmer reden von einem
unwiderstehlichen Zuge der Seele zur Seele in solcher Zeit. -- Hand auf's
Herz -- die feurigsten reinsten Mädchenherzen lieben fast immer zuerst um
Nichts. --
In einem flüchtigen Beobachter wäre wohl kaum noch ein Zweifel aufgestiegen
daß Elisabeth und Albano sich liebten. Das junge Mädchen verrieth sich zwar
nur durch ihr strahlendes Erröthen, durch ihr freudiges Aufleuchten, wenn
er sich zu ihr wandte, durch ihre Begeisterung, wenn von seinen Bildern
gesprochen wurde; Albano dagegen zeigte bei jeder Gelegenheit die
lebhafteste Theilnahme an ihrem Sein und Wesen, und seine wirklich schönen
dunklen Augen hingen an der jungen Gestalt mit sichtlichem Entzücken.
Frau von Plessow selbst war es, die ihren Mann zuerst scherzend aufmerksam
machte auf die Vorliebe des Malers für die »kleine Feldblume.« Plessow
zuckte nur die Achseln und antwortete: »eine Laune -- wie wir sie von
ihm gewohnt sind! Elisabeth wird aber vernünftig genug sein, das
herauszufühlen. Um ihren verlorenen Frieden wäre es schade. Ich werde auf
sie achten!« --
Die Plessow'sche Ehe galt schon mehrere Jahre lang für ein Musterverhältniß
in den höheren Kreisen F.s. Der stattliche Fünfziger hatte nach
zwölfjährigem Witwerstande seinen Namen und sein Vermögen der armen, aber
reizenden Adele Felsen zu Füßen gelegt. Sie brachte ihm zwar kein freies,
aber ein dankbares Herz zu -- er hatte sie ja aus einer drückenden Lage im
Hause hochmüthiger Verwandten erlöst, und eine Jugendliebe zu einem armen
Offizier war ohnehin hoffnungslos. -- Fast zehn Jahre lang stand sie als
anmuthige Wirthin und liebenswürdige Frau dem Hause ihres Mannes vor, der
sie schmückte und werth hielt wie ein Lieblingsspielzeug. Er versagte ihr
keinen Wunsch, aber sie war auch so artig, nur die billigsten Wünsche zu
äußern -- die unbilligern höchstens errathen zu lassen. -- Die Gesellschaft
hatte bis vor einem Jahre über Frau von Plessow nicht mehr zu flüstern
gewagt, als sie eben über jede hübsche Frau, die einen ältern Mann
geheirathet, zu flüstern gewohnt ist. -- Da erschien Albano, der junge
elegante Maler, im Plessow'schen Hause -- die Scenerie veränderte sich --
die Beleuchtung wechselte. -- Die Männer spöttelten, die Frauen munkelten,
verdammten, kreuzigten -- aber nicht, weil hier eine Frau heilige Pflichten
zu verletzen schien -- sondern nur -- weil der schönste Mann F.s den
kunstreichsten Netzen sich entzogen hatte, um in den Locken der »kleinen
koketten Plessow« hängen zu bleiben! --
Eines Tages -- der Herbst kam heran, man redete schon davon in die Stadt
zurückzukehren -- unternahmen Plessow's mit einigen ihrer Gäste einen
Ausflug nach einer, wenige Stunden vom Gute entfernten Ruine. -- Mehrere
Damen, unter ihnen Elisabeth, fuhren, -- Frau von Plessow und die Männer
ritten. Wieder war Albano an ihrer Seite -- wieder wehte die braune Feder
und der lange Schleier, und stolz lächelnd, mit flüchtigem Kopfnicken und
fliegenden Locken, sprengte die graziöse Frau vorüber. -- Ein Seufzer flog
ihr nach -- ein schöner Mädchenkopf unter einem runden Hute neigte sich
weit über den Wagenschlag, um ihr nachzusehen. -- Als der Wagen aber nach
kurzer Fahrt vor dem Wirthshause hielt, trat Albano an den Schlag -- und
einen Augenblick lang nur zitterte Elisabeths Hand in der des Geliebten --
und fühlte einen kurzen heißen Druck, -- aber solche Augenblicke werden
zu seligen Jahren in der Erinnerung, Dank dem Gotte der uns die Erinnerung
gönnte! -- Nachdem man eine Erfrischung genommen, bestieg man die
romantische Burg, Elisabeth am Arme ihres »Herrn Onkels« war die Letzte
im Zuge. -- »Erspare mir die steile Bergtreppe, mein Kind,« sagte Herr von
Plessow plötzlich, »im Burggarten ist die Aussicht ebenso schön -- komm,
ich will Dir's beweisen, auch möchte ich gern mit Dir ein Wort allein
reden.«
Sie sah ihn ahnungsvoll an und ließ sich schweigend von ihm führen. -- Der
Burggarten war groß, romantisch verwildert, und voll poetischer Plätzchen,
die einen Blick in das weite Land gestatteten. An Grotten, verfallenen
Bassins und eingestürzten Brücken fehlte es nicht, Herr von Plessow zog
es aber vor sich auf eine neugezimmerte Bank zu setzen, die der Wirth
der naheliegenden Waldschenke für die Besucher der Ruine an einer der
lieblichsten Stellen hatte aufführen lassen.
Als Elisabeth neben ihm Platz genommen, sagte er ohne alle Einleitung: »ich
habe heute einen Brief von Deinem Vater erhalten. Die Eltern wünschen, daß
Du vor dem Winter nach Hause kommst, -- die Mutter wird Dir wohl selbst in
diesen Tagen schreiben. Der junge Berger will fort. Er hat sich zu einer
Pfarrstelle in S. gemeldet und wird bald dort eine Probepredigt halten.«
-- »Gottfried will den Vater verlassen?« rief Elisabeth und schlug staunend
die Hände zusammen. -- »Ueberrascht Dich das so sehr?« -- »Wie sollte es
nicht, Herr Onkel! Und Unrecht ist es auch vom Gottfried!« -- »Warum?«
-- »Nun, er hat mir ja versprochen die Eltern nicht zu verlassen, bis
ich heimkomme.« -- »Hast Du ihm denn alle _Deine_ Versprechungen so
gewissenhaft gehalten, daß Du ihn so streng richtest?« -- »Ich habe dem
Gottfried im Leben noch nichts versprochen als das Eine: bald möglichst
nach M. zu kommen. Sie wissen ja selbst, Herr Onkel, daß ich das nicht
halten konnte.«
»Aber -- Elisabeth, sieh mich nicht so erschreckt an! -- der Vater schreibt
ganz so als ob ihr Beiden euch _näher_ anginget, der junge Berger und Du --
als ob --« -- »Gottfried und ich? Gewiß gehen wir uns nahe an -- wir haben
uns lieb wie Bruder und Schwester.« -- »Nein, Elisabeth -- so ist's nicht!
Und wenn Du's nicht weißt oder nicht wissen willst, so laß mich Dir's nur
rund heraussagen: -- Dein Vater will, daß Du den Gottfried heirathest,
und der Gottfried will Dich auch zur Frau, -- aber jetzt denkt er daß
ein Anderer Dich ihm streitig gemacht hat, und da will er denn, nach Art
unglücklicher Liebhaber, allsogleich auf und davon gehen.« --
Todtenblaß schaute das Mädchen dem Sprechenden ins Gesicht und ihre Hand
zitterte, als sie nach einer Weile die Hand Plessows berührte und mit
veränderter Stimme bemerkte: »Herr Onkel, _das_ kann der Vater nicht
wollen!« -- »Lies den Brief selber, mein Kind! Der Vater ist plötzlich
ängstlich geworden um Dich und verlangt Dich heim. -- Und wenn Du meinen
Rath hören willst, mein Kind -- Du weißt, ich habe Dich lieb, sehr lieb
sogar -- so geh! -- Geh, Elisabeth, so lange es noch Zeit ist.« --
Er verstummte, denn Stimmen wurden laut und Fußtritte, die Gesellschaft
überraschte die Zurückgebliebenen. Elisabeth steckte den Brief wie im
Traume zu sich -- sie schrack zusammen, als neben ihr Albano's Stimme
leise, halb scherzend, sagte: »jetzt weiche ich nicht mehr von Ihrer
Seite!«