Plessow wieder, und die Empfangsabende in ihrem Hause waren eben so
besucht als amüsant, wie besonders die junge Welt behauptete. -- Die
verschiedensten Stände fanden dort ihre Vertreter, und wenn auch die Zahl
der jungen Mädchen, denen man erlaubte in diesem Salon erschienen, nur
klein war, so traf man desto mehr hübsche Frauen dort, mit denen sich's ja
ohnehin nach der Ansicht der jungen Elegants, ungleich »bequemer« verkehrt.
Die hübsche Enfilade von fünf Zimmern war glänzend erleuchtet, die
Einrichtung zeigte Comfort und feinen Kunstgeschmack. -- Große Tische
mit prächtigen Mappen und Büchern, davor bequeme Fauteuils und kleine
Ottomanen, im Mittelsalon ein aufgeschlagener Flügel, halbversteckte
Büffets mit Erfrischungen, und einer leise auftretenden Bedienung, --
nirgends betäubend duftende Blumen, überall verschleierte Kugellampen,
deren Licht für den Teint so vorteilhaft, überall Winkel zum Plaudern, und
in keiner Ecke jene lästigen Nippes, die nur aufgestellt sind um angestoßen
zu werden.
Die Räume waren schon ziemlich gefüllt von jungen und alten Künstlern,
einigen wenigen Uniformen und ungewöhnlich vielen Frauen in glänzenden
Toiletten.
Zu einer heitern Gruppe in der Nähe einer sehr schönen, kleinen Copie
der Diana aus dem Louvre, in Marmor ausgeführt, die künstlerisch zwischen
dunklem Grün aufgestellt war, trat jetzt der Hausherr. »Ich habe Dir einen
angenehmen Gast anzukündigen, liebe Amélie,« sagte er zu einer zarten
Frau in blaßblauen Tafft und langen blonden Locken, offenbar eine der
elegantesten Erscheinungen im Salon; »Paul Albano ist von Griechenland
zurückgekehrt, seit vorgestern, und wird sich selbst und einige seiner
Skizzen diesen Abend wieder hier einführen.« -- »Albano zurück?« rief Frau
von Plessow ungewöhnlich lebhaft, und ihre aristokratisch bleiche Wangen
überflog ein verrätherisches Roth. »Ich glaubte er würde den Winter über
in Athen bleiben!« -- »Wer weiß, welcher Magnet ihn zurückzog,« antwortete
Plessow gleichgültig. »Er hat freilich zu Vielen den Hof gemacht, als
daß man an eine »Einzige« glauben könnte der solche Macht über den
Schmetterling verliehen.«
»Deßhalb also der ungewöhnlich reiche Damenflor!« flüsterte ein bekannter
sarkastischer Portraitmaler dem Hausherrn ins Ohr. »Die Kunde seiner
Rückkehr hatte sich im Fluge heut in dem guten F. verbreitet. -- Welche
Macht ist nun ausgerückt den gefährlichen Feind zu bekämpfen.« -- »Oder
sich besiegen zu lassen!« lachte Plessow. »Seine Skizzen sind mir aber
viel werth,« setzte er laut hinzu; »geistvoll und glühend ist alles was aus
seinem Pinsel fließt. -- Nicht so Amélie?« -- Frau von Plessow, anscheinend
sehr vertieft in ein Gespräch mit ihrer Nachbarin, der alten Gräfin
Darschau, über die Eleganz der Hofmäntel, antwortete nachlässig: »meinst Du
die Skizzenblätter Albano's, =cher ami=? Sie sind allerdings hübsch, aber
zu unruhig und phanthastisch für meinen Geschmack. Wie könnten sie auch
anders sein da der, der sie schafft --« -- »Du hast nun einmal ein kleines
Vorurtheil gegen ihn,« unterbrach Plessow die Rede seiner Frau, die in
demselben Augenblick in vollendeter Haltung einigen ankommenden Gästen
entgegen ging.
Man ging und stand umher, man empfing und theilte Huldigungen aus wie
immer. -- Die Frau vom Hause war sehr umringt -- aber man wollte bemerken
daß sie zerstreut war, und mehr als einmal sah man, daß ihre Augen sich auf
die Thür richteten mit dem Ausdruck einer gewissen Unruhe. -- Auch weigerte
sie sich heut ihre graziösen Mazurka's und Notturno's zu spielen, mit denen
sie sonst zu brilliren liebte.
»Da ist Albano,« sagte plötzlich ein junger Mann in ihrer Nähe und trat
zur Seite. Wieder flog jenes feine Roth über Frau von Plessow's Wangen,
-- einen Augenblick nachher begrüßte sie aber mit vollkommener Ruhe einen
jungen Mann, der rasch durch den Salon geschritten war und ihr jetzt
gegenüber stand. -- Es war in der That der bekannte und vielgesprochene
Landschaftsmaler, dessen Talent selbst in den allerhöchsten Kreisen die
schmeichelhafteste Aufnahme gefunden, dessen reizende Skizzenblätter zu
kennen zum guten Ton gehörte. Er hatte ein halbes Jahr in Griechenland
verträumt, und war so plötzlich zurückgekehrt wie er aufgebrochen. Die
Frauen beteten ihn an, nicht _obgleich_, sondern grade _weil_ er sie
unbarmherzig behandelte. Ihn wirklich zu fesseln war noch Keiner gelungen,
-- an Versuchen dazu ließen es wenige fehlen.
Kurz vor seiner Abreise bezeichnete das Gerücht Frau von Plessow selbst als
den ausschließlichen Gegenstand seiner flüchtigen Huldigungen. Seine Flucht
gab aber damals kaum mehr Stoff zur Unterhaltung als eben jetzt seine
unerwartete Rückkehr. -- Unbarmherzige Augen waren von allen Seiten auf die
Wirthin gerichtet, feine Ohren lauschten auf jedes ihrer Worte. Frau von
Plessow war aber Weltdame genug um das zu wissen. -- Vollkommen unbefangen
rief sie dem Ankommenden scherzend entgegen: »willkommen im Winterquartier!
Nicht wahr, unsere Kamine haben auch ihren Reiz?« -- »Sagen Sie lieber,
unsere Oefen, gnädige Frau!« antwortete er eben so und küßte ihre Hand. An
dem Blick der über ihr Gesicht glitt, an dem conventionellen Lächeln das
sie ihm zurückgab, konnte Niemand etwas aussetzen. Auch der übliche Handkuß
konnte nicht flüchtiger ausgeführt werden. -- »Weßhalb schon zurück,
Unstäter?« fragte hinzutretend Plessow, dem Maler die Hand schüttelnd.
»Ich fror!« lautete die einfache Antwort. -- Man lachte -- eine halbe
Stunde verging mit verschiedenen Begrüßungen, -- endlich sah man, wie der
junge Mann sich an der Seite der Frau vom Hause niederließ. Die Comtesse
Feldern, die sich nur zögernd hinweg begab um, wie sie boshaft gegen einen
Freund bemerkte, »das Pärchen nicht zu stören,« wollte gehört haben, daß
Albano ein »Endlich!« geseufzt. -- In Wahrheit sagte er aber in demselben
Augenblick, in elegantem Französisch: »nun erzählen Sie mir, angebetete
Freundin, wie man hier gelebt hat.«
Ehe sie zu antworten vermochte, kam ein junges Mädchen in einem etwas
engen, etwas verblichenen, etwas unmodernen blauen Seidenkleide hastig
zu ihr und fragte, nach flüchtiger Verbeugung vor dem Fremden, sichtlich
freudig erregt: »liebe Frau Tante, erlauben Sie, daß heute getanzt wird?
Herr von Winter will Tänze spielen, wir sind sechs Paare.« -- Sie sah so
ernsthaft bittend Frau von Plessow an, als hinge Leben und Seligkeit von
ihrer Gewährung ab. -- Mit einem ungeduldigen Wink der Hand sagte die
schöne Frau: »=mais mon Dieu= -- tanzt so viel ihr wollt! Nur erhitzen Sie
sich nicht noch mehr -- das =echauffement= ist für Sie nicht vortheilhaft.«
-- Aber das junge Mädchen war schon verschwunden, ehe sie die zweite Hälfte
des Satzes völlig beendet, und mit einem Spottlächeln wandte sich Frau von
Plessow wieder zu ihrem Nachbar. -- Der aber war aufgestanden und folgte
verwundert mit den Augen jener jugendlichen Erscheinung. Dann neigte er
sich zu seiner Dame und fragte lebhaft: »Wer war denn dies wunderlich
angezogene, reizende Mädchen das Sie »Tante« zu nennen das Glück hat? Sie
erzählten mir nie zuvor von dem Dasein einer Nichte.«
»Ich würde auch in Verlegenheit gerathen sein, solch einen Ausbund von
Uneleganz als zu _mir_ gehörig präsentiren zu müssen. Die Kleine gehört
zur Verwandtschaft meines Mannes. Sie heißt Elisabeth Müller und ist ein
Gänseblümchen vom Lande, abgepflückt aus dem Garten einer schlichten Pfarre
durch Plessow's Hand. -- Er wird sich freuen, daß Sie seinen Geschmack
theilen. Die Kleine soll Malerin werden. Sie ist übrigens, glaube ich, ein
gutes Kind. Seit September oder Ende August ist sie hier. -- Wünschen Sie
noch weitere Details?« -- Sie sah ihn spottend an und lachte. Sie wußte,
daß sie doppelt reizend war wenn sie lachte. -- Albano setzte sich wieder.
»Erlauben Sie mir diese »Details,« für jetzt wenigstens, ausreichend zu
nennen. -- Wie schön kleidet Sie dies schelmische Lachen! -- Das Lachen
einer Frau ist doch tausendmal bestrickender als ihre Thränen. Ich möchte
Sie nie weinen sehen, gnädige Frau!« -- »Eine kluge Frau gönnt Euch
wahrhaftig solchen Triumph auch nicht so leicht. Denn ein Triumph ist es ja
nun doch einmal für einen Mann eine Frau zu Thränen zu bringen! Eine kluge
Frau weint daher im Stillen.« -- »Vielleicht nur weil sie weiß daß wir es
ihren Augen dennoch später ansehen, und daß wir »Augen, die sich im Weinen
übten,« um so heftiger lieben. Nur die Thränen selbst zu sehen lieben
wir nicht -- das wirkliche Weinen macht häßlich!« -- »Mich dünkt, niemand
verdiene weniger daß eine Frau um seinetwillen häßlich werde, als eben Paul
Albano.« -- »Sie mögen Recht haben. Ich verlange es aber auch von Keiner --
und doch müßte es schön sein wenn eine Frau --.« -- »Bitte, nur keine Ihrer
alten Paradoxen! Ich vergesse sonst daß Sie sechs Monate fern waren, und
also als ein eben Zurückgekehrter noch einigen Anspruch auf Nachsicht
haben.« -- »Sechs Monate, 15 Tage, 13 Stunden, gnädige Frau -- ich rechne
besser! -- Aber -- sagen Sie mir doch, wie lange soll denn jene Kleine in
dem seltsamen Kleide bei Ihnen bleiben?« -- »So lange wahrscheinlich, bis
sie ein wenig pinseln gelernt. Mag sie -- mich genirt sie nicht -- sie hat
ihre eignen kleinen Zimmer und erscheint, außer zum Diner und Souper, nur
wenn ich sie rufen lasse.«
Eben trat Plessow heran. »Wollen Sie ein allerliebstes Genrebild sehen,
Albano?« fragte er. »Werfen Sie einen Blick in den Tanzsaal dort. Es ist
eine wahre Herzenserquickung Elisabeth tanzen zu sehen. Könnte ich ihr
diese Freude am Leben doch erhalten!« Albano erhob sich sofort und bot der
Frau vom Hause den Arm um sie in den Salon zuführen, wo die jungen Leute
tanzten. Aber sie lehnte kühl ab, und trat rasch zu einer Gruppe von Damen,
die sich um ein Album gesammelt hatten.
»Mein Gott wie schön ist dies Mädchen!« murmelte Albano, die Tanzende mit
glühenden Blicken verfolgend, »wahrhaft leuchtend schön in ihrer Freude!«
-- »Und wie lieblich sind diese ungeschulten Bewegungen!« fügte Plessow
hinzu.
Eben stand sie unfern von ihnen still. Sie bemerkte ihren »Herrn Onkel« und
in überwallender Lebhaftigkeit ihm die Hand hinreichend, sagte sie so
recht aus tiefster Seele: »ach ich bin so vergnügt! Wie schön ist's doch
zu tanzen! Ich hätte es nimmer gedacht!« Aus dem Ton der Stimme klang
der innere Jubel durch, ihre wunderschönen Augen, mit den Wimpern einer
Murillo'schen Madonna, strahlten vor Glück, ihr reizender Mund lachte, und
ihre junge Gestalt erschien wie getragen von Lust und Freude. -- Albano
beneidete plötzlich ihren Tänzer, er, der seit Jahren schon den Blasirten
gespielt auf allen Bällen. Er bat Herrn von Plessow ihn seiner Nichte
vorzustellen. -- »Hatte das meine Frau nicht schon gethan?« fragte der
verwundert indem er ihn zu Elisabeth führte. »Herr Albano kann jetzt Deinen
Onkel ein wenig ablösen bei Dir, liebes Kind, und Dein Zeichnen und Malen
überwachen. Er ist unser erster Landschaftszeichner. Du mußt ihn aber recht
freundlich bitten daß er Dir helfe, er ist gewohnt gebeten zu werden,«
setzte er scherzend hinzu.
Ein Schatten von Ernst flog plötzlich über die Stirn des jungen Mädchens.
»Dazu hätte ich nicht den Muth, Herr Onkel,« antwortete sie. »Sie wissen,
wie verzagt ich geworden bin mit meinem Zeichnen! Ich habe nie geträumt daß
man soviel dabei zu lernen hätte. -- Ach, ich kann ja noch gar nichts, und
niemand wird so viel Geduld haben mit mir als Sie!« -- »Sie erlauben,
daß wir darüber zu einer andern Zeit ausführlicher reden,« sagte Albano
verbindlich. »Morgen z. B., wenn ich meine Mappe bringe. Jetzt aber möchte
ich Sie nur bitten den nächsten Tanz mit mir zu tanzen.« -- »O! ich bin
schon für den ganzen Abend versagt!« entgegnete sie plötzlich wieder in
heller Freude aufleuchtend, mit einem triumphirenden allerliebsten Lächeln.
»Nun, dann muß ich eine Extratour haben!« bat er, sich zuerst vor ihr, dann
vor ihrem Tänzer verneigend. Ueber und über erglühend nahm sie seine Hand.
Wie lange hatte er nicht getanzt. In diesem Augenblicke dachte er daran,
aber er empfand zugleich ein süßes Behagen, eine Wiederkehr längst
entschwundener jugendlicher Lebenslust, als er seinen Arm um ihre schlanke
Taille legte und ihre kleine, rasch pulsirende, Hand in der seinen
fühlte. Wie leicht flog sich's mit diesem Kinde! Wie flüchtig berührt ein
siebzehnjähriger Fuß den Boden! -- Wie anmuthig waren die Bewegungen seiner
jungen Tänzerin die noch nie den glatten Boden eines Tanzsaals betreten, ja
die noch kein französischer Tanzmeister geschult!
Albano hatte früher für einen der besten Tänzer gegolten, er mühte sich in
diesem Augenblick diesen Ruhm aufzufrischen, und als er seine Tänzerin an
ihren Platz zurückgeführt, begriff er nicht warum er dem angenehmen Reiz
des Tanzes so lange entsagt. »Sie tanzen gut!« sagte sie und sah mit ihrem
Kinderlächeln dankend zu ihm auf. -- Dies naive Lob entzückte ihn so daß er
den Rest des Abends im Tanzsaal verbrachte, abwechselnd zuschauend oder mit
Elisabeth plaudernd. Als die jungen Leute endlich aufhörten zu tanzen, und
die jungen Damen sich um Elisabeth drängten -- sie war ja die Nichte des
Hauses wo man sich so gut amüsirte, und viel zu unelegant um ihnen zu
schaden -- da verschwand Albano.
»Modernisiren Sie doch Ihre artige Verwandte ein wenig, Liebe!« sagte die
Gräfin Darschau bittersüß scherzend, als eben Albano zu Frau von Plessow
herantrat um sich zu verabschieden. »Geben Sie ihr ein wenig Unterricht in
jener Kunst, in der Sie unser aller Meisterin sind, -- die böse Welt könnte
sonst auf den Gedanken gerathen Sie fürchteten eine Nebenbuhlerin!« --
»Unsere Darschau hat Recht!« setzte die überschlanke Comtesse Feldern
hinzu. »Etwas mehr Stoff für das Kind, liebe Plessow -- -- mein Gott, das
blaue Taffetfähnchen ist ja kaum vier Ellen weit!« -- »Und dennoch ist
Fräulein Elisabeth ganz unbeschreiblich reizend!« Mit diesen neckisch
hingeworfenen Worten, und einer tiefen Verbeugung vor der Dame des Hauses,
entfernte sich Albano.
Elisabeth konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen vor lauter Freude.
Zwar hatte die »Frau Tante« sie ungewöhnlich unfreundlich entlassen zur
guten Nacht, und sie ein tolles Landmädchen gescholten, -- es war aber doch
schön hier. -- Sie hätte nie gedacht, daß solche »=soiréen=« so angenehm
wären. Köstlich lebte sich's in diesen schimmernden Räumen, unter diesen
liebenswürdigen Menschen, die ja alle ein Lächeln für sie hatten. An all
dieser Freundlichkeit hatte gewiß auch das schöne hellblaue Taffetkleid der
guten Mutter seinen Theil -- wie hübsch sah es doch aus am Abend! --
Sie sah sich noch einmal aufmerksam im Spiegel an. »Wenn die Mutter
mich gesehen hätte!« seufzte sie. »Die beiden Fräulein Warburg fanden es
freilich nicht genug ausgeschnitten, sie meinten, die Schultern dürften
nie bedeckt sein, das mache eine schlechte Figur. Und Alle trugen ein
Blumenbouquet vor der Brust, das möchte ich wohl auch künftig tragen. Aber
es könnte Flecken geben auf der schönen Seide. Wie habe ich das Kleid lieb
-- wie köstlich tanzte sich's in dem Kleide, aber am Besten doch mit -- --
mit wie hieß er doch?«
Seinen Namen hatte sie vergessen, aber seine Augen nicht. Schönere hatte
sie nie gesehen! -- Und sie träumte von diesen Augen und der Tanzmusik und
dem blauen Kleide die ganze Nacht.
* * * * *
Am nächsten Tage, -- Elisabeth saß in ihrem Stübchen und arbeitete an den
Zeichenvorlagen die ihr Herr von Plessow gegeben, -- rief man sie hinab in
das Boudoir der »gnädigen Frau.« -- Albano war da mit seinen neuen Skizzen.
Das junge Mädchen begrüßte ihn erröthend und nahm an dem Tische Platz,
worauf man die kostbaren Blätter gelegt. -- Frau von Plessow, im
Sammetsessel lehnend, in ihrem dunkelblauen Atlaskleide und coquettem
Häubchen, wandte sich nur wenig nach ihr um und sagte vornehm nachlässig,
indem sie mit ihrem goldenen Lorgnon spielte: »Berühren Sie diese Blätter
nicht, Elisabeth -- Sie verstehen nicht mit dergleichen Dingen umzugehen!«
Eine Purpurgluth überströmte das junge Gesicht. Albano, der in diesem
Augenblick zu ihr herübersah, begriff nicht wie er sie gestern so
bezaubernd gefunden. Wie übermäßig frisch sah sie aus, und wie unmodern
war sie angezogen! -- Dies abscheulich grüne Wollkleid mit dem schwarzen
Moireegürtel, und diese dichten weißen Aermel mit den unächten Spitzen
an dem Handgelenk! Und dazu eine stehende kleine Halskrause von einem
dunkellila Bande zusammengehalten! -- =Quel horreur!= -- Wie konnten
nur die Hände so ausgezeichnet hübsch aussehen, die aus solchen Aermeln
hervorsahen? -- Er wunderte sich aber auch als er das offenbar gekränkte
Mädchen jetzt so freundlich sagen hörte: »Sie irren, Frau Tante! Der Vater
hat eine große Kupferstichsammlung, und ich weiß gar wohl, wie behutsam man
dergleichen berühren muß!«
Albano reichte ihr ein Blatt hin und sagte: »ich bin nicht so ängstlich
mit meinen kleinen Skizzen, mein Fräulein.« -- Sie lächelte wieder und sah
plötzlich in diesem Lächeln so hübsch aus, wie man in einem »abscheulichen
grünen Wollkleide« nur aussehen kann. -- Allein sie blieb still, während
die Andern sehr viel und lebhaft von »Tönen -- Tinten -- Lichteffekten und
Uebergängen« redeten, aber ihre ganze Seele war in ihren Augen, indem sie
diese reizenden Farbenskizzen anblickte. -- Als man das letzte Blatt in
die Mappe gelegt, saß sie seinen Augenblick wie in tiefe Gedanken verloren,
dann schlug sie plötzlich die Hände vor's Gesicht und Thränen drangen
zwischen ihren Fingern hervor, während die junge Brust sich von
unterdrücktem Schluchzen hob.
»Was soll diese Kinderei?« fragte unwillig Frau von Plessow, während ihr
Mann einige mitleidige Worte an die Weinende richtete. -- »Ach!« sagte
Elisabeth nach einer Pause mit der Stimme eines tieftrauernden Kindes dem
man sein liebstes Spielzeug zertreten, »als ich diese Bilder sah, da wurde
es mir erst klar, daß ich -- doch _nie_ eine rechte und ordentliche Malerin
werden kann!« -- »Liebe Kleine,« lachte die schöne Frau, »das hätte ich
Ihnen schon früher sagen können. Eine Malerin wird nicht aus einer Jeden
die ein bischen zeichnen kann, -- und wenn auch vielleicht eine Malerin,
doch sicher noch keine Künstlerin.« -- »Die Tante scherzt,« sagte Herr
von Plessow sehr mild; »Du zeichnest ganz artig und machst tüchtige
Fortschritte. Mit den Farben hast Du es ja noch gar nicht versucht. Die
Meister fallen nicht mehr vom Himmel, sie müssen sehr langsam zu Meistern
werden.« -- »Darf ich Herrn Albano bitten daß er einmal meine Skizzenbücher
und Zeichnungen durchsieht?« fragte Elisabeth plötzlich sich aufrichtend.
»Er soll mir sagen, ob ich -- noch länger hier bleiben oder -- nach
Hause gehen soll. Ich weiß, er wird aufrichtig sein!« -- »Hier meine Hand
darauf!« antwortete Albano rasch, den diese Scene seltsam berührt hatte.
»Lassen Sie mich Ihre Zeichnungen sehn und vertrauen Sie mir!« -- Das
junge Mädchen verließ das Zimmer. »_Er_ wird aufrichtig sein?! -- =Pauvre
enfant!=« flüsterte Frau von Plessow mit einem Seitenblick auf den
Maler. --
Es war ein ziemlich dickes Buch und mehrere einzelne Blätter, das Elisabeth
brachte. Ehe jedoch Albano einen Blick darauf warf, sagte er: »Aber ich
gebe mein unumwundenes Urtheil nur unter _einer_ Bedingung, mein Fräulein.
Sie dürfen mir nämlich durchaus nicht böse werden, wenn es nicht nach
Ihren Wünschen ausfällt.« -- Sie schüttelte, blässer werdend, den Kopf
und verließ dann mit ihren Blicken sein Gesicht nicht mehr. -- Während er
langsam Blatt für Blatt umschlug, wechselte sie oft die Farbe und athmete
schnell.
Endlich klappte der Maler das Buch zu und sagte lächelnd: »wenn Sie mir
versprechen wollen, eine gehorsame Schülerin zu sein -- so möchte ich wohl
Herrn von Plessow um die Erlaubniß bitten, ihn einigemal in der Woche bei
seinem Unterricht unterstützen zu dürfen. Ich weiß, wie beschränkt seine
Zeit ist!« -- Elisabeth unterdrückte einen Freudenschrei -- aber sie ließ
ihre seligen Augen leuchten. »Erlauben Sie es auch, lieber Herr Onkel?«
fragte sie dann, und als Herr von Plessow lachend sagte: »ich muß mich
sogar bei ihm bedanken für solch großmüthiges Anerbieten!« -- da neigte sie
mit dem Ausdruck reizendster Demuth ihre Lippen auf die Hand der »gnädigen
Frau« und bat: »nicht wahr, auch _Sie_ werden es erlauben?«
»Wie wunderbar hübsch sie jetzt ist!« dachte Albano, während Frau von
Plessow kalt ihre Hand zurückzog und in gezwungen scherzhaftem Tone sagte:
»Meine Erlaubniß ist überflüssig -- ich selbst möchte vielmehr um Erlaubniß
bitten, in diesen Unterrichtsstunden als Zuschauerin figuriren zu dürfen,
=ma chère=. Wer weiß, vielleicht nehme ich selbst noch den Pinsel in
die Hand und wetteifere mit Ihnen!« -- Die Sache war abgemacht. -- Man
betrachtete noch einmal die Skizze mit der Akropolis, plauderte, kritisirte
-- Albano erzählte -- der kleine Zwischenfall schien vergessen.
* * * * *
»Der Gottfried hat wieder einen Brief mitgebracht von Elisabeth!« rief
die Pastorin durch die halbgeöffnete Thür in ihres Mannes Studierstube.
-- »Endlich! Sie ließ diesmal lange warten!« -- »Nun wir haben heut den
12. März und der letzte Brief war vom 1. Februar. Du vergißt immer, wie
viel die Kleine mit ihrem Zeichnen zu thun hat.« -- »Gieb nur schnell das
Schreiben her.« -- »Die Aufschrift ist an mich, Väterchen. Ich muß zuerst
lesen. Komm Du lieber in die Wohnstube hinunter, da will ich Euch vorlesen.
Hier treibt mir der Tabaksqualm ohnehin das Wasser in die Augen. Und der
Gottfried möchte doch auch gern zuhören.« -- »Gut, so laß uns gehn.«
Während er aber langsam hinter der Voraneilenden die knarrende Treppe
hinabstieg, murmelte er doch ärgerlich: »daß sie diese Tabaksempfindelei
nicht ablegen kann! Qualm! Als ob je aus einer einzelnen Pfeife ein Qualm
aufsteigen könnte!« --
Der Pastor und dessen junger Substitut mußten sich jedoch noch lange
gedulden und schritten, in zwar sehr einsilbigen, aber doch kirchlichen
Gesprächen auf und nieder. Die Mutter mußte ja erst den Brief allein lesen,
ganz allein, dann wurde ein Weilchen geweint, nachher kamen verschiedene
Ausrufe und endlich las sie dann, oft unterbrochen von eigenen und fremden
Bemerkungen, folgenden Brief:
»Geliebte Mutter! -- Böse mußt Du mir nicht sein, und auch der Vater darf's
nicht, daß ich so lange nicht geschrieben -- ich hab's selber bis zu dieser
Stunde nicht gewußt daß es so viele Tage her war. Es fiel mir nur auf, daß
Frau von Plessow mich heute fragte, ob ich nicht daran denken wolle meine
Kleider und Hüte für das Frühjahr zurecht machen zu lassen. Da erfuhr
ich denn erst, welches Datum wir schreiben. In der Stadt merkt man ja den
Frühling nicht, wie Ihr ihn merkt da draußen. Am 12. ist ja Gottfrieds
Geburtstag -- wenn ich Zeit habe, schreibe ich ihm eine französische
Gratulation unter den Brief.
»Recht viel habe ich zu thun, liebe Mutter, und doch, wenn ich am Abend zu
Bette gehe, bin ich oft recht traurig, denn es kommt mir dann vor, als ob
ich nichts gethan. Eine ganze große Mappe voll Zeichnungen habe ich, die
ich Euch einst mitbringen werde, aber es stehen nicht wie sonst Bäume,
Felsstücke, Wasserfälle, sondern Arme, Beine, Füße und Köpfe darauf. Albano
behauptet ich hätte mehr Talent zum Porträt als zur Landschaft. Ich habe
nämlich seinen Kopf aus dem Gedächtniß nachgezeichnet, und den fand er in
meiner Mappe. Selbst Frau von Plessow fand ihn ähnlich und hat ihn in ihr
Album gelegt. Er ist aber auch so leicht zu treffen, die Linien sind alle
so schön und regelmäßig. Ich freue mich eigentlich, daß ich Porträtirtalent
haben soll, es ist so hübsch ein liebes Gesicht so festzuhalten. Euch Alle
will ich zeichnen, Dich, liebe Mutter, in der Blondenhaube mit den
breiten Bandschleifen, die Du immer des Sonntags trägst, den Vater im
Sammetkäppchen und mit der Pfeife, und den Gottfried? -- Ja, wie zeichne
ich den gleich? -- Am besten wohl über ein Buch geneigt, die Augen tief
niedergeschlagen, wie ich ihn immer Abends beim Vorlesen sah. -- Auch
Brigitte wird gezeichnet im Sonntagsputz, die Katze auf dem Schooße.