Diese ungewöhnliche Handlung und rasche That eines sonst so scheuen stillen

Mannes, machte in dem kleinen Kreise einen verschiedenen Eindruck. Das

Gesicht des Pastors wurde sehr roth. -- -- »Was fällt Dir ein, Neffe,«

rief er halb verwundert halb zornig. »Hast Du nicht gehört, daß ich die

Zeichnung sehen wollte?« -- »Sie war aber nicht des Ansehens werth!«

lautete die ruhige Antwort. -- »Nun, das wäre doch die erste schlechte

Zeichnung die Elisabeth gemacht!« sagte da die Mutter gereizt. -- »Sie war

auch nicht schlecht!« murmelte jetzt das junge Mädchen und warf dem

Vetter einen trotzigen Blick zu. »Du hattest wenigstens kein Recht sie

zu zerreißen.« -- »Du wirst eine bessere Zeichnung machen, Elisabeth!«

antwortete er begütigend. -- »O gewiß nicht! In meinem ganzen Leben habe

ich noch niemals mit solcher Lust gezeichnet wie diesmal.«

»Und was war's, was Dich so gefangen nahm?« fragte der Vater milder

und streckte den Arm aus, um die Tochter näher zu sich hinzuziehen. Die

Zuversicht des verzogenen Kindes erwachte wieder in Elisabeth. Sie näherte

sich dem Vater, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte mit

heiterem Lächeln: »ich hatte die Prozession gezeichnet, wie sie vor dem

Allerheiligsten auf den Knieen lag.«

Wie von einem Dolchstich getroffen sprang der Pastor auf. »Also mein

eigenes Kind macht solche Dinge mit?« rief er bebend vor Zorn. »Und das muß

ich erleben? Ich?« -- Er schritt mühsam athmend auf und ab. -- Keiner regte

sich. -- Da fragte die weiche Stimme des jungen Mädchens bebend: »War

das denn ein Unrecht, daß ich _Betende_ zeichnete? Ich habe sie ja nicht

gestört, sondern kniete mitten unter ihnen, Vater!« --

Niemand antwortete. -- Der Pastor preßte, gewaltsam nach Fassung ringend,

die Lippen zusammen -- wandte sich dann plötzlich um und schritt dem Hause

zu.

-- »Sie haben das Beste des Kindes gewollt, Gottfried,« sagte die Pastorin

freundlicher als gewöhnlich, indem sie die Tassen zusammenräumte; »ich

sehe das jetzt ein. Ihre Schuld war es nicht, daß der Versuch, das Kind

aufmerksam zu machen, mißlang. Du hast Deinem Vetter den trotzigen Blick

von vorhin abzubitten, Elisabeth!«

»Ich mag mich lieber schelten lassen vom Vater, als zusehn wie man mir

meine Zeichnungen zerreißt,« antwortete sie mehr traurig als trotzig. »Daß

es der Gottfried _gut_ meinte, sehe ich ein.« -- Dabei nahm sie aber ihren

Hut und ihr Zeichenbuch und ging den Kiesweg hinab, schlug dann einen

Seitenweg ein und stand nun vor der niedern Kirchhofmauer. Sie setzte sich

auf den Rand des Gemäuers und sah hinüber in den stillen Garten der Todten,

und wohl kein Lebender hätte jene Fragen beantworten können, von denen eben

jetzt dies junge heftig schlagende Herz übervoll war.

* * * * *

Dies anscheinend unbedeutende Ereigniß hatte gewichtigere Folgen als

Elisabeth träumte. -- Von jenem Tage an durfte sie nämlich nicht mehr

allein spazieren gehen. Der Vater erlaubte ihr nur im Garten, auf dem

Kirchhofe oder im Hause zu zeichnen, ihre Spaziergänge unternahm sie

fortan nur in seiner Begleitung und ohne ihr Zeichenbuch. Alle jene

Heiligenbilder, die sie so gern in ihren kleinen Landschaftsskizzen

anzubringen pflegte, wurden auf Befehl des Vaters daraus verbannt, selbst

kein einfaches Kreuzlein am Wege duldete seine strenge Kritik mehr. Alles,

was nur im Entferntesten an den Katholicismus erinnern konnte, sollte auf

das Bestimmteste vermieden werden. Er hatte mit seiner Tochter nicht ein

Wort über jenen Vorfall mit der Zeichnung geredet, ihr jedoch einfach

gesagt, daß er selbst fernerhin ihr Begleiter sein werde auf ihren, sonst

so zwanglosen, Spaziergängen.

Anfangs fühlte Elisabeth in dieser Neuerung einen unerträglichen Zwang,

bald aber fügte sie sich in das Unabänderliche, und kurze Zeit darauf war

sie wieder das heitere, lebensfrohe Mädchen das sie bisher gewesen.

Auch ihr Verhältniß zu ihrem Vetter behielt nur wenige Tage lang eine

eigenthümliche Spannung, dann warf sie ihm wieder, wie zuvor, ihren

Blumenstrauß in's offene Fenster, wenn sie Morgens aus dem Garten kam,

und quälte sich redlich, um keine Schelte von ihm zu bekommen, mit ihren

französischen Aufgaben. Auch zeichnete sie ihn wieder, zu ihrer Uebung, wie

schon hundertmal wenn er mit dem Vater Schach spielte, im Profil, =en face=

und Dreiviertel, und übte geduldig jeden Tag vierhändige Kirchenlieder mit

ihm.

So ging ein Tag nach dem andern hin, die Morgen, Mittage und Abende

sahen sich gleich wie ein Ei dem andern. Und dennoch fühlte Elisabeth nie

Langeweile oder irgend eine Sehnsucht nach Abwechslung. Zuweilen hätte sie

wohl gern einmal andere Bücher gehabt, als Friederike Bremer's Werke und

Schiller's Geschichte des dreißigjährigen Krieges, -- seine Dramen gab ihr

der Vater nicht -- und die verschiedenen Reisebeschreibungen, aus denen

Vetter Gottfried Abends vorzulesen pflegte, machten sie oft gewaltig müde,

es schlief sich aber auch um so besser darauf. Zudem drängte ein sonniger

Tag oder eine Partie in den Wald diese Wünsche wieder für eine Weile in den

Hintergrund. -- Freilich standen dafür andere auf, wie z. B. das Verlangen

jene alte Kapelle auf der buschigen Anhöhe einmal zu besuchen, wo ein

wunderthätiges Marienbild stand, welchen Ort zu betreten ihr der Vater

jedoch schon vor Jahren ein- für allemal streng untersagt.

Seltsam, seitdem jene Geschichte mit der Zeichnung vorgefallen, war

eben dieser halb vergessene Wunsch plötzlich in ihr mit fast ungestümer

Lebhaftigkeit wieder erwacht. -- Sie träumte sogar die Nacht von jener

stillen Kapelle mit den bunten Scheiben, und von den vielen Herzen von

Wachs, die man der Maria geschenkt, wie ihr ein kleines Mädchen aus N., der

sie einmal verstohlen einen Maiblumenstrauß abgekauft, erzählt hatte. --

Mit der Mutter wagte sie schon eher über diesen Herzenswunsch zu reden --

aber helfen konnte ihr die Pastorin auch nicht, sie ehrte in allen Dingen,

die sich auf Religion bezogen, ihren Mann sehr, und bemühte sich nach

Kräften der Tochter dies »tolle Verlangen«, wie sie es nannte, aus dem

Kopfe zu bringen. -- Dabei schien sie aber in der letzten Zeit

häufiger denn je mit ihren fernen Freunden zu korrespondiren, und die

eigenthümliche, halb frohe, halb sorgenvolle Art, mit der sie zuweilen ihre

Tochter anblickte, gab dem ruhig beobachtenden Kandidaten viel zu denken.

Da kam eines Tages, Niemand schien sich dessen zu versehen, Besuch ins

stille Pfarrhaus, nämlich ein entfernter Verwandter der Pastorin. Herr

von Plessow, der Direktor der Malerakademie in F., war auf einer Badereise

begriffen und sprach für wenige Stunden in M. ein, um die »liebe Cousine«

zu begrüßen. Beide hatten einander viel zu fragen, sich so vieler Dinge und

Personen zu erinnern daß es beinahe nicht dazu gekommen wäre, Elisabeth's

Skizzenbuch zu durchblättern, nach welchem der »Herr Cousin« doch sogleich

gefragt. -- Der ältliche freundliche Herr fand sehr viel Wohlgefallen an

den artigen Bilderchen, noch größeres aber an der Zeichnerin selber und

sagte endlich, im Beisein des Pastors, sehr ernsthaft: »ich möchte Dich

wohl mit nach F. nehmen, Elisabeth, wenn ich aus dem Bade komme, -- aus Dir

kann eine tüchtige Malerin werden. Ueberlege Dir die Sache und schreibe

mir nach T., wenn Du willst daß ich Dich abholen soll. Ein halbes Jahr lang

unter einem tüchtigen Lehrer und Du würdest Bedeutendes leisten!« --

Ein Wort zu guter oder böser Stunde ist ein Samenkorn, -- und der Wind

weht selten es auf einen steinigen Boden. Es fällt in warmes Erdreich --

es schießt auf -- gepflegt in stillen Nächten, getränkt von heimlichen

Thränen, und wächst empor, oft eine üppige Giftpflanze -- oft ein

Rosenstrauch voll Dornen und süßen Knospen -- oft eine »blaue Blume,«

jene mährchenhafte Blüthe, die demjenigen, der sie einmal erblickt, nie zu

stillende Sehnsucht bringt.

Die Worte des Direktors aus F. ließen in dem Herzen des jungen Mädchens

jene blaue Blume erwachsen. Eine leise Sehnsucht beschlich sie urplötzlich

nach einem Etwas, das sie nicht hatte. -- Sie vermochte selbst mit ihrer

Mutter nicht darüber zu reden, -- sie saß in tiefen Gedanken vor ihrem

Zeichenbrettchen, -- keine ihrer kleinen Schöpfungen wollte ihr mehr

gefallen -- und es geschah ihr nicht selten daß sie mitten im Zeichnen

unlustig den Stift von sich warf und das angefangene Blatt zerriß. Es begab

sich auch, daß sie in der Nacht erwachte und lange, lange schlaflos da lag,

und mit ihren Gedanken weit wegflog über den Garten des Pfarrhauses --

weit über Hügel und Wälder fort -- »wohin -- ach wohin?« -- Nur einmal, auf

einem Spaziergange mit dem Vater, gab sie ihren Gedanken Worte. Sie hatte

sich einen Feldblumenstrauß gepflückt. Plötzlich blieb sie stehen, legte

ihre Hand auf den Arm des Vaters und sagte, bebend vor Erregung: »Sieh,

wenn ich diese Blumen da malen könnte, wie ich sie so vor mir sehe in

ihren sanften köstlichen Farben, -- ich glaube, ich wäre das glücklichste

Geschöpf der Welt!« -- Der Pastor lächelte über den Ausdruck strahlender

Freude in ihrem Gesicht, antwortete aber nichts.

An einem Sonnabend Abend lehnte sie wieder, wie so oft, an der

Kirchhofmauer und schaute hinüber auf die Gräber der Geschwister. Der

Pastor ging in seinem Studirzimmer auf und ab, bei geöffnetem Fenster seine

Predigt memorirend, denn die Stube war in der Sommerwärme diesmal schon

vollständig getrocknet. Die Pastorin stand auf einer kleinen Leiter an dem

Pfirsichspalier und pflückte behutsam die ersten reifen Frühpfirsiche. Der

Kandidat Berger kam eben von seinem Abendspaziergang zurück. Er trug einen

Strauß von Waldblumen in der Hand, blieb erst einen Augenblick bei der

»Frau Tante« stehn, ging dann weiter und setzte sich nahe zu dem jungen

Mädchen auf die niedrige Mauer. Er reichte ihr den Strauß hin wie

immer, sie nahm ihn freundlich nickend wie immer. -- Eine Weile sah sie

gedankenvoll in die Blumen, dann wandte sie sich plötzlich gegen ihn und

sagte mit halberstickter Stimme und schnellem Athem: »ich kann es nicht

mehr aushalten hier!« -- --

In sprachlosem Erstaunen starrte er sie an. Ihr Gesicht war wie mit Purpur

übergossen, ihre Augen standen voll Thränen. »Ja ja, es ist so!« fuhr sie

fort und trat ihm näher, »ich weiß es jetzt ganz genau und Dir kann ich's

auch zuerst sagen. Ich will nach F. und Malerin werden. In vier Wochen

kommt der Direktor wieder hier durch und ich -- werde mit ihm gehn!«

-- »Aber mein Gott, welch ein Gedanke!« -- »Und Du mußt mir helfen ihn

auszuführen, Du mußt mir beistehen die Eltern zu bereden mich auf ein

Jahr, -- auf ein halbes vielleicht nur, -- von sich zu lassen.« -- »Ich,

Elisabeth?« -- »Eben Du. Warst Du nicht allezeit gut zu mir? Seit Du jene

Zeichnung zerrissen habe ich das erst gewußt, aber nun vergesse ich's auch

nimmermehr.« -- »Aber es ist ja ganz unmöglich daß Du fortgehen kannst von

hier!«

»Warum denn? Die Mutter braucht mich nicht so nöthig, sie liebt es gar

nicht wenn man ihr im Hause hilft. Und der Vater -- wird mit _Dir_ fortan

spazieren gehen, bis ich wiederkomme. Du wirst der Einzige sein der mehr

Last und Arbeit davon haben wird daß ich gehe, denn ich werde Dir allerlei

Aufträge hinterlassen. Du mußt die Vögel füttern und nach meinen Blumen

sehn und jede Woche einmal meine Epheuwand abwaschen. Daß Du die Eltern

aufheitern mußt, versteht sich ganz von selbst.« -- »Ich soll den Eltern

rathen, Dich fortzulassen?« wiederholte er noch einmal wie im Traume.

»Nein, Elisabeth, das thue ich nicht -- das kann ich nicht!« setzte er fast

heftig hinzu und richtete sich hoch auf.

Mehr betrübt als erstaunt über seine Weigerung hatte sie langsam ihre Hände

zusammengelegt und sah ihn stumm und bittend an. -- Es gibt Momente, in

denen uns das Bild eines Menschen, wie er eben vor uns steht, plötzlich

gleichsam in's Herz gepreßt wird. Die Seele nimmt ein Photographie-Portrait

auf, und dies Portrait ist unverwischbar, wir sehen fortan diese Gestalt

_nur_ so wie sie uns in jenem Augenblick erschien, und weder Trennung, noch

Alter vermag einen Zug in solchem Bilde zu verändern.

Wenn der junge Kandidat von dieser Stunde an des Mädchens gedachte, so

sah er sie in einem blaßrothen weiten Sommerkleide, eine Epheuranke um die

Flechten geschlungen, eine verwelkte Rose im Gürtel, das kleine seidene

Tuch, das sie eben vom Halse genommen, spielend um das Handgelenk

geschlungen, mit dem wunderbaren Ausdruck von Sehnsucht und Erwartung in

dem blühenden Gesicht, die Augen auf ihn gerichtet, deren lange dunkle

Wimpern ihrem Aufschlag einen so eigenthümlichen Zauber gaben.

Da er nicht antwortete, so fragte sie noch einmal, aber ungeduldiger: »Und

warum nicht?« Da zuckte es über sein Gesicht -- sein Athem stockte -- die

Lippen öffneten sich -- --

»Herr Neffe, wollen Sie mir den Korb heraufreichen? Elisabeth, der Vater

verlangt nach einer neuen Pfeife!« rief die Pastorin. -- Der junge Mann

fuhr auf, wandte sich mechanisch und schritt auf das Spalier zu. --

Elisabeth folgte gedankenvoll.

* * * * *

An demselben Abend, vor Schlafengehen, fiel die Tochter der Mutter um

den Hals, und bat sie ihr zu erlauben das Anerbieten des Direktors aus

F. anzunehmen. »Ich möchte gar zu gern eine Malerin werden!« sagte sie

aufgeregt.

Die Pastorin war hocherfreut, obgleich nicht erstaunt -- sie hatte

ihre Tochter seit des »Cousins« Weggang wohl beobachtet und diese Bitte

erwartet. Ihre Gedanken nahmen aber sofort einen hohen Flug. Sie sah

für Elisabeth eine Zeit des Glanzes voraus wie sie sie selbst kaum einst

erlebt. Wie groß war F., wie lebendig und interessant mußte das Haus des

Cousins sein, besonders seit er sich zum zweiten Mal verheirathet! -- Wie

entscheidend konnte dieser Besuch für die Zukunft Elisabeth's werden! --

Von alledem sagte sie aber kein Wort, sie küßte nur ihr Kind und meinte:

»ich kann mir wohl denken, wie sehr Dich's verlangen mag eine ordentliche

Malerin zu werden. Deine arme Mutter könnte Dich ja doch nicht weiter

bringen im Zeichnen, Du hast sie schon längst überholt, und Du kannst nun

viel zu viel um es liegen zu lassen. Als meinen Vater das Unglück traf,

sollte ich eben auf Porzellan malen lernen -- wer weiß, zu was mir das

genützt haben würde! Laß mich mit dem Vater reden -- und rede Du nicht eher

mit ihm über Deinen Wunsch, als bis ich Dir einen Wink gebe.« --

Wie es die Beiden in den nächsten Tagen angefangen, den Pastor zu bereden

-- wer konnte es sagen? -- Gewiß war nur, daß genau eine Woche nach

jenem Gespräch zwei Wäscherinnen und zwei Schneiderinnen im Pfarrhause

beschäftigt waren, und daß wenige Tage darauf noch eine Büglerin zu Hülfe

genommen werden mußte. --

Die Pastorin aber nahm eines Morgens ihre Tochter mit herauf in eine

abgelegene Kammer, schloß dort eine große Truhe auf, und zog vor den

staunenden Augen des Kindes allerlei Schätze an's Tageslicht. Da kam ein

hellblaues Taffetkleid zum Vorschein und ein dunkelgrünes, ein

weißes gesticktes Mousselinkleid mit rosenrothen Schleifen, und ein

buntschillerndes Seidengewand. Auch wunderliche Echarpen und Umhängsel,

die ebenso unmodern aussahen wie die Kleider, zu denen sie getragen worden

waren. Elisabeth jubelte aber über Alles. Sie hätte diese Ueberbleibsel aus

der so oft beseufzten und betrauerten Glanzzeit ihrer Mutter am liebsten

gleich so angezogen, trotz der bauschigen Falten, puffigen Aermel und

kurzen Taillen, hätte es die Pastorin gelitten.

In kurzer Zeit aber waren alle diese Kleider durch die Hände der

Nadelkünstlerinnen in die prächtigsten Toiletten umgewandelt worden, so

meinten wenigstens Mutter und Tochter, -- und mit wahrem Stolz packte

die Pastorin eigenhändig die Koffer ihres Kindes, ehe noch die bejahende

Antwort des Direktors auf die feierliche Anfrage des Pastors eingelaufen

war. Elisabeth stand dabei und reichte ihr jedes Stück mit kindlicher

Freude hin. -- Das war eine anmuthige Arbeit. Zuletzt war aber alles fertig

-- Schneiderinnen, Wäscherinnen und Büglerin verschwanden, und es gab

endlich nichts mehr zu thun als -- auf den aus dem Bade Heimkehrenden zu

warten. -- Seine Antwort war längst da -- er beabsichtigte, im Laufe der

nächsten Woche in M. einzutreffen. »Es wartet sich doch gar schwer,« meinte

Elisabeth. Sie hatte nirgends mehr Rast noch Ruh, selbst nicht auf der

Kirchhofmauer. -- Die vierhändigen Kirchenlieder spielte sie längst nicht

mehr, sie hielt keinen Takt, und der Vater wurde ungeduldig beim Zuhören,

sie las auch nicht, -- höchstens zeichnete sie dann und wann ein wenig.

Am liebsten ließ sie sich von der Mutter von dem Leben und Treiben in F.

erzählen, wie es die Pastorin, als sie noch die schöne Amgard Albert war,

kennen gelernt.

Gottfried Berger ließ sich jetzt selten sehen, auch Abends zog er sich

unter dem Vorwand dringender Studien in sein Zimmer zurück. Man vermißte

ihn auch wenig oder gar nicht, denn Elisabeths Abreise war das fesselnde

und unerschöpfliche Thema aller Gespräche. Der Pastor erinnerte sich dabei

eines alten Universitätsfreundes nach dem Andern, der in F. leben mußte,

und denen er sein Kind zu empfehlen gedachte. Der alte Herr hatte übrigens

von jeher für das Zeichentalent seines Kindes eine Art von Bewunderung

gefühlt, er war stolz auf seine Tochter, und seit jenem Besuche des Cousins

war ihm selber der Gedanke gekommen, daß ja sogar die Bibel gebot: »Du

sollst dein Licht leuchten lassen vor den Leuten.« Die Idee, sein Kind sei

vielleicht dazu bestimmt eine große Malerin zu werden, beschäftigte ihn

lebhaft, so daß er sehr bald fest überzeugt war, es bedürfe nur eines

Winteraufenthalts in der Stadt, um aus ihr mindestens eine zweite Angelika

Kaufmann zu machen. Er blickte so recht eigentlich in Bezug auf Elisabeth

in einen »goldenen Kelch« -- wie das Volk so poetisch zu sagen pflegt --

und in der Tiefe dieses Kelchs lag -- eine Perle, ihr Talent, zwar ein

Talent, an dessen Ausbildung er auch seinen Antheil zu haben glaubte. Hatte

er doch dem Kinde erlaubt alle seine Papiere vollzukritzeln, selbst die

Ränder seiner Predigt-Manuscripte! Brachte er ihr doch jedes leere Blatt,

das er von eingegangenen Briefen abgeschnitten, und ließ ihr endlich gar

ein Zeichenbrett zimmern! --

Obgleich ihm die Trennung von Elisabeth nahe ging, so war es ihm doch

äußerst angenehm, sie dann in einer so protestantischen Stadt zu wissen

wie eben F. -- Es war ihm lieb, sie aus der Nähe der Marien- und

Heiligenbilder, der Prozessionen und Kapellen für eine Weile verbannen zu

können. Das Kind stand in einem gefährlichen Alter: -- eben 17 Jahre alt!

»Und was sie da drüben machen sieht sich mit siebzehnjährigen Augen ganz

anders an als mit siebzigjährigen!« meinte er.

Als der Direktor der Malerakademie wirklich da war und der Wagen endlich

vor der Thür stand, der Elisabeth, und ihren neuen Beschützer fortbringen

sollte, da wurde ihr junges Herz mit einemmale centnerschwer. -- Während

die Andern beim Frühstück saßen, ging sie noch einmal wie im Traume durch's

Haus, vom Boden bis zum Keller, öffnete alle Thüren und schaute hinein,

besonders lange aber in des Vaters Studierzimmer, allwo die blaue

Rauchwolke nimmer wich, die über dem Schreibtisch hing, und wo die vielen

gottesgelehrten Männer unter Glas und Rahmen so grämlich dreinschauten, als

hätten sie wenig Freude gehabt im Leben. Sie ging auch in die große

düstere Küche, wo die alte, sonst so rauhe und zänkische Magd hinter dem

Küchenschrank in Thränen zerfloß, weil die »Mamsell Lieschen« fort

wollte. Im Gange draußen begegnete ihr die große schwarze Katze, die sonst

nimmermehr ihr Liebling war, heute aber lockte sie das Thier und strich ihm

sogar schmeichelnd über den Rücken. Draußen auf dem Hofe warf sie dem

alten Kettenhunde, der nur noch bellen, nicht mehr beißen konnte, ihr

Frühbrödchen zu, trat an ihn heran, nahm seinen rauhen Kopf in ihre

Hände, und drückte ihre Wange einmal gegen ihn. Dann ging sie nach der

Kirchhofmauer und winkte den Gräbern der Geschwister den Abschiedsgruß zu.

Als sie auf dem Rückwege an der Laube vorüber kam, trat ihr Gottfried

entgegen und sagte: »laß mich hier Dir Lebewohl sagen, Elisabeth!« Er sah

sehr blaß aus, und die Hand, die er ihr gab, war eiskalt. -- »Mache mir

doch nicht mit Gewalt das Herz noch schwerer,« antwortete sie; »ich komme

ja aus dem Abschiednehmen nicht heraus. Laß es doch in Einem hingehen,

lieber Gottfried!«

Stumm ging er an ihrer Seite weiter -- denn sie war nicht stehen geblieben.

Mild und lieblich bat sie nach einer Weile: »sorge gut für die Eltern!« --

Er gab keine Antwort, sondern fragte nur nach einer Pause gepreßt: »wirst

Du oft schreiben?« -- »So oft ich kann!« -- »Wird auch ein Gruß in Deinen

Briefen sein für mich?« -- »Tausend für einen!« versicherte sie. »Aber

weißt Du, ich könnte Dir wohl französisch schreiben, das wäre eine gar gute

Uebung -- und Du antwortetest mir dann auch so und schriebst mir was ich

für Fehler gemacht. -- Willst Du?« -- Er nickte.

Sie waren bis an das Ende des Kiesweges gekommen. »So leb denn wohl!« brach

er plötzlich hervor und die Thränen stürzten aus seinen Augen. -- »Aber

Gottfried! -- Sei doch vernünftig!« bat sie -- und seltsam -- ihre weiche

Stimmung verschwand plötzlich, als sie seine Thränen sah. -- »Wenn Du Dich

wunderst, daß ich weinen kann, so weißt Du auch nicht --« -- »Was denn?«

-- »Wie unsagbar lieb Du mir bist!« -- »Lieber guter Gottfried, ich weiß ja

Alles -- aber trotzdem sehe ich nicht ein warum Du weinst, wenn ich auf ein

paar Monate weggehe, um etwas zu lernen was mich glücklich machen wird!«

Sie hatte sehr ruhig gesprochen. -- Er sah sie schmerzlich lächelnd an.

»Glücklich machen wird!« wiederholte er. »Ja, so glücklich, daß Du -- _uns_

(mich hatte er sagen wollen) darüber vergißt!« -- »Das thue ich nimmermehr!

Da, meine Hand darauf,« sagte sie rasch und innig. »Und nun auf Wiedersehen

im nächsten Frühling.«

Sie pflückte eine volle Rose von dem Bäumchen, an dem sie eben standen,

und gab sie ihm. Aber als er die Blume ergriff und an sich zog, fielen die

rothen Blätter auf den Boden. -- Elisabeth sah es nicht mehr -- sie hatte

sich abgewandt und ging -- sich ohne noch einmal umzuschauen, dem Hause zu.

Als aber eine Stunde später das junge Mädchen den Abschiedskuß und die

Segensworte des Vaters empfing, weinte sie. -- »Geh fleißig in unsere

Kirche und berichte mir ausführlich über die Predigten meiner Collegen,«

sagte der Pastor noch zum Schluß. »Geh nur fremdem Gottesdienst aus dem

Wege, wenn Dir an meinem Segen noch etwas gelegen, -- und meide sogar den

Umgang mit Andersgläubigen. Enthalte Dich aller religiösen Gespräche und

verschließe Deine Ohren vor den Worten der Spötter.« -- »Vater, so hübsch

wie Heute ist mir unser Pfarrhaus noch nie vorgekommen!« sagte sie als

er sie an den Wagen führte. -- »So ist's recht!« antwortete er leise. »Du

sollst es auch lieb haben! Komm Du nur bald und gern wieder. -- Es ist ja

Deine eigentliche Heimath, denn so der Herr will, sollst Du Dein Lebenlang

hier bleiben, aber nicht etwa als altes Jüngferlein, sondern als junge

hübsche Pastorsfrau! -- Der Gottfried würde dermaleinst ein prächtiger

Ehemann werden! Nur gar _zu gut_, fürchte ich, für Dich, kleiner

Trotzkopf!« -- Sie sah ihn überrascht an und blieb einen Augenblick stehen.

Die Farbe wich von ihren Wangen. Dann aber lachte sie, wie ein junges

Mädchen lacht das man eben geneckt, und meinte: »ja, _der_ wäre wahrlich zu

gut!«

Die Mutter, die mit dem Cousin vorausgegangen und bis jetzt sehr gefaßt

gewesen, zerfloß nun doch in Thränen und ließ ihr Kind sehr schwer aus

den Armen. Aber mitten im Schluchzen, als der Wagen schon sich in Bewegung

setzen wollte, rief sie ihr noch zu: »merke es Dir, Elisabeth, das Blaue

nur für Abendgesellschaften, das Grüne kannst Du aber jeden Sonntag

anziehen! -- Die gelbe Echarpe --!« Die Pferde zogen an -- ein Winken

herüber und hinüber -- und Alles war vorbei.

Eine Weile nachher hatte Elisabeth schon die Heimath im Rücken und lachte

recht herzlich über die lustigen Geschichten, die der »Herr Onkel,« denn so

nannte sie ihn jetzt, ihr von seinen ersten Portraitversuchen erzählte.

Zur selbigen Zeit ging der Pastor, von einer seltsamen Unruhe befallen,

in seinem Studierzimmer auf und ab, und ließ ein über das andere mal seine

Pfeife ausgehn -- und in dem kleinen Schlafstübchen saß die Mutter auf dem

verlassenen Lager der Tochter und weinte sich satt. -- Aber draußen in der

Fliederlaube saß Einer -- der keine Thränen mehr hatte in seinem Leid.

* * * * *

Neue Novellen · 第 4 / 12 段