nach, während auf der Bühne _seine_ Worte geredet wurden und die Gestalten
_seiner_ Schöpfungen sich vor seinen leiblichen Augen auf und ab bewegten.
-- Und als endlich der Vorhang fiel und die Zuhörer jubelten, da flog
ein Lorbeerkranz auf die Bühne. -- Wessen Hand hatte ihn wohl dem jungen
Dichter gewunden? --
Am nächsten Tage aber nahm Victoria Adelgunde einen feierlichen Abschied
von ihrem Vorleser und Lehrmeister und bat ihn ferner nur in Gesellschaft
seines Freundes, nimmer wieder allein, und an fest bestimmten Abenden zu
ihr zu kommen. Was sie ihm dann noch erzählt -- was sie zu ihm gesprochen
-- was er ihr erwidert -- Niemand weiß es, -- aber die Beiden schieden in
tiefster Erschütterung von einander und sahen sich fortan selten und immer
seltner. -- Und wie viele Späheraugen die schöne Frau und den Jüngling
auch fort und fort beobachteten wenn man sie mit einander in Gesellschaften
unter Andern sah, Niemand konnte in Haltung und Wesen der Beiden gegen
einander auch die kleinste Ungehörigkeit entdecken. Denn das leise Zittern,
das wohl auf einen Augenblick die Gestalt der liebenswürdigen Gefährtin
Gottsched's durchflog wenn der junge Dichter eintrat, -- fühlte zum Glück
nur _sie_ allein, und das verrätherische Beben _seiner_ Stimme, wenn er mit
_ihr_ redete, vernahm Niemand denn _sie_ allein. Aber Beide erkannten aus
diesen Zeichen doch daß sie -- an einem Abgrund gespielt, wie Kinder, die
Gefahr nicht ahnend, -- und daß die Hand, die sie zurückgezogen, die Hand
eines Mannes war, den Beide verehrten. -- -- Den Studenten Lessing jedoch
litt es nicht mehr lange in Leipzig -- -- _was_ ihn forttrieb hat wohl
Niemand je erfahren.
Victoria Adelgunde aber schloß sich inniger an ihren Mann an, der nun
auch nicht ermüdete ihr öffentlich wie unter vier Augen die Beweise einer
zärtlichen und anbetenden Liebe zu geben. Es war als fühle er, daß er ihr
Etwas zu ersetzen habe, und sie fühlte wiederum daß sie ihm Dank schulde.
Wofür -- wagte sie sich kaum zu gestehn. -- Großes Aufsehn machte aber
das Zurückziehn des berühmten Gelehrten von seinen Freundinnen. Gottsched
besuchte plötzlich jene »himmlischen« Kreise nicht mehr, und brach allen
Verkehr mit den Musen Leipzig's ab. Dagegen öffnete er nun sein Haus
jedem jungen strebsamen Talent, und wandte sich jetzt mehr denn je der
studirenden Jugend zu, was ihm viele dankbare Herzen erwarb, obgleich er
nicht, wie der liebenswürdige Gellert, jenes mild ernste und doch warme
Wesen zeigte, das die Jugend so unwiderstehlich anzieht und fesselt. --
Victoria Adelgunde nun, fand den leitenden Faden aus dem Labyrinth ihrer
aufgeregten Gedanken und Gefühle zunächst in der _Arbeit_, die schon
Manchen davor bewahrt Schaden zu nehmen an Leib und Seele. Sie hörte alle
Privat-Vorlesungen ihres Gatten über Philosophie, Poesie und Rhetorik, an
der verschlossenen Thüre ihres Schlafzimmers sitzend an, -- sie übersetzte
aus dem Englischen und Französischen, sie wurde dem Gelehrten eine treue
umsichtige Helferin bei all seinen ernsten Arbeiten, sammelte, sichtete,
und stellte für ihn die verschiedenen Stoffe zusammen, überraschte ihn auch
zu seinem Geburtstag, oder zum Christfest, regelmäßig mit einem kleinen
Drama, wie z. B. »Die ungleiche Heirath,« »Die Hausfranzösin,« »Der
Witzling« u. A. m. -- Nur das Lateinische und Griechische hatte sie,
seltsamer Weise, bei Seite geschoben und begraben, trotz aller leisen
Mahnungen ihres Gatten. -- Ihr Hauswesen dagegen hielt sie nach wie vor in
musterhafter Ordnung, sah fleißig in Küche und Keller nach und zeigte eine
ungleich lebhaftere Freude wenn ihr Gatte ein von ihr selbst verfertigtes
_Gericht_ denn ein _Gedicht_ lobte, und alle ihre Freunde wußten daß sie
lieber über ihre Spitzen Bewundrung einerntete als über ihre Feder. --
Noch in ihren letzten schmerzensvollen Lebenstagen sagte sie lächelnd zu
Gottsched: »Gottlob daß ich mein Bischen Latein und Griechisch jetzt völlig
vergessen, nun darf ich doch sterben wie ich gelebt: eine _ungelehrte_
Frau!« --
Auf ihrem Schreibtisch fanden sich nach ihrem Tode -- den 26. Juni 1762 --
folgende rührende Verse:
»Mein Gottsched -- Du allein
Und daß Du mich geliebt das soll mein Lorbeer sein!
Daß Du mich hochgeehrt, daß Du mich unterwiesen,
Das wird der Nachwelt noch durch manches Blatt gepriesen.
Wer _solchen_ Meister hat, da stirbt der Schüler nicht.
So leb ich denn durch Dich -- wie könnt' ich schöner leben?
Dein Ansehn wird mir schon Lob, Ruhm und Ehre geben.«
* * * * *
Eine Sammlung ihrer bewunderungswürdigen Briefe gab eine ihrer Freundinnen,
Frau von Runkel, in drei Bänden heraus. In diesen Blättern hat sich die
geistvolle warmfühlende Frau das schönste Denkmal gesetzt, und sonnenklar
bewiesen, daß nicht _jede_ Frau, die einmal die Feder zu andern Dingen
in die Hand nimmt als um Tagesausgaben oder Waschzettel zu schreiben,
dintengeschwärzte Finger, und nachlässige Kleidung zur Schau tragen, und
eine schlechte Hausfrau _sein muß_. Es sind reizende Briefe, das Abbild
einer wahrhaft schönen Frauenseele, -- der zu ihrer vollen Befriedigung
vielleicht nur _Eines_ fehlte: -- das selige Gefühl Mutter zu sein. --
Die _lateinischen_ Uebungsbriefe, die Victoria Adelgunde an ihren jungen
Lehrmeister schrieb, sind aber _nicht_ unter jenen gesammelten Blättern.
Die hat der Lessing so wie jenen Lorbeerkranz, den _ihre_ Hand damals für
den jungen Dichter auf der ersten Stufe des Ruhmestempels niederlegte, --
und _so gut_ verwahrt, daß nur _ein_ Augenpaar sie erblickt: nämlich das
der Erzählerin
Elise Polko.
Elisabeth.
(1859.)
Kein Dorfgeschichtenschreiber hätte eine hübschere Lage für die Heimath
seiner Lieblingsgestalten erfinden können als die Lage der beiden Dörfer
M. und N. Die niedern Häuser mit den rothen Dächern standen in dem Schatten
von Obstbäumen, im Vordergrunde breiteten sich fette Wiesen und Kornfelder
aus, im Hintergrunde zeigte sich ein frischer Laubwald, dem die dunkleren
Parthien, kleine Tannengruppen, auch nicht fehlten, und den Horizont
begrenzte jene malerische Bergreihe, die sich längs dem Rheinufer zwischen
St. Goar und Bingen hinzieht. Jedes Dorf hatte einen schlanken Kirchthurm,
auf dem einen schimmerte ein Kreuzlein, auf dem andern blitzte ein
Wetterhahn. Die Kirchthüre in N. stand allezeit weit offen und trug die
Inschrift: »Kommt her zu mir Alle, die ihr müheselig seid und beladen --
ich will euch erquicken.« Ueber der Kirchthüre des andern Dorfes stand
keine Inschrift, und der alte Küster, der zugleich Schullehrer war, schloß
sie nur des Sonntags auf, oder zu Trauungen und Kindtaufen. In jener
offenen Kirche waren buntgemalte Fenster, die einen warmen lieblichen
Schein warfen auf die dunkelbraunen geschnitzten Betstühle und die Steine
des Bodens; auf dem sinnig geschmückten Altar standen im Sommer frische
Blumen, in silbernen Gefäßen, um das Crucifix, und brennende Kerzen, und
inmitten der Kirche hatte man eine lebensgroße heilige Mutter aufgestellt,
mit dem Jesuskind im Arme, in einem blauen Mantel, dessen Saum mit
silbernen Sternen gestickt war. Die ewige Ampel schimmerte sanft, und graue
Weihrauchwolken zitterten wie Nebelschleier durch den geweihten Raum. Kühl
und würzig war die Luft in dem Kirchlein, denn die liebe Sonne kam durch
die weit offene Thür mit den frommen Betern zugleich herein.
In der viel größeren Sonntagskirche waren die Wände recht hübsch weiß
getüncht. Den Mittelraum füllten lange Reihen von braunen Holzbänken,
mit braunen Holzwänden davor, die einen vorspringenden Rand hatten um die
Gesangbücher darauf zu legen. An diesen Holzwänden, sowie an der Rücklehne
der Bänke, waren viele grüne, rothe und blaue Schilder angebracht, worauf
mit Goldschrift verschiedene Namen standen. Auf solche Schildplätze durfte
sich Sonntags kein anderes Menschenkind setzen als jenes, so den Namen
trug der darauf zu lesen war. -- Der Altar hatte eine verblichene grüne
Tuchdecke auf der die Bibel lag, zwischen zwei Leuchtern deren Kerzen
niemals brannten. An der Wand hinter dem Altar war ein großes Bild
eingefügt, Gott der Herr, strenges Gericht haltend über die Guten und die
Bösen, und die Schafe sondernd von den Böcken. Der unbekannte Maler hatte
am Ende des Bildes, mit bedeutendem Farbenaufwand, den leibhaftigen Bösen
mit Hörnern, Ofengabel und ellenlangem Schwanz dargestellt, wie er eben
mit frohem Grinsen seines feuerspeienden Rachens einige verstoßene Seelen
aufspießt. Diese höllische Fratze hatte schon manche fromme Beterin in
ihrer Andacht gestört, und sogar manche zu frühe Entbindung veranlaßt. --
Die hohen trüben Fenster waren theilweise verhangen mit grauleinenem Zeuge,
damit die andächtige Gemeinde nicht von den zudringlichen Sonnenstrahlen
verhindert wurde den Herrn Pfarrer auf der Kanzel zu sehen.
Mit einem Worte -- das eine Dorf war katholisch, das andere protestantisch,
und das hätte man schon allein den Pfarrhäusern anmerken können. In dem
protestantischen Pfarrhause in M. standen allezeit die Hausthür und die
Hinterthür, die in den Hof und in den Garten führte, gegen einander offen,
was einen argen Zug gab, in dem aber verschiedene muntere Knaben und
Mägdlein aufwuchsen. Der hübsche Garten, in dem viel Gemüse gedieh, hing
die ganze Woche voll Kinderwäsche, bunte Gardinen verhüllten die Fenster,
und an den Sonnabenden pflegte der Herr Pastor, bei leidlich gutem Wetter,
immer seine Predigt auf dem Spazierwege oder in der Fliederlaube zu
memoriren, weil das ganze Haus sodann unter Wasser stand. --
Des andern Pfarrhauses breite dunkelgrüne Thür war immer wohl verschlossen,
wer Einlaß begehrte, mußte an ein Seitenpförtchen klopfen, das man im
grünen Weinlaube kaum sah. Blendend weiße Gardinen bauschten sich an den
hellen Scheiben, sanft singende Vögel hingen in zierlichen Käfigen vor den
Fenstern. Im Gärtchen, das so niedlich aussah, daß man es hätte gleich in
einem Salon als Zierrath aufstellen mögen, blühten die schönsten Blumen in
jeder Jahreszeit, der wohleingerichtete Küchengarten lag versteckt hinter
üppigem Strauchwerk, in dem Hof und Hühnerstall sich umzusehen, war
eine Lust, und das Taubenhaus sah einem hübschen Pavillon gleich. -- Die
freundliche alte Schwester des Pfarrherrn trug zwar nur Kattunkleider und
weiße, eng anschließende Hauben, sie sah aber doch allezeit aus, wie die
Leute im Dorfe meinten, wie eine »Weihnachtspuppe.«
Daß sich »die Herrn Collegen« von M. und N. niemals anders als mit einem
sehr steifen Kopfnicken grüßten, und die Frau Pastorin und die »alte
Mamsell« gar nicht, verstand sich von selbst. Die M'sche Pfarre war
ausgezeichnet, aber der »Herr Pastor« sagte oft zu seiner Frau, daß er mit
der Hälfte der Einnahmen zufrieden sein würde, wenn er die Katholiken nicht
zu Nachbarn hätte. -- Er war sonst, wenigstens nach seiner eignen Meinung,
äußerst »tolerant,« nur gegen die »Katholiken« und gegen »Juden« spürte er
eine kleine Abneigung, ähnlich jener, die er empfand, wenn ihm seine Frau
einmal gelbe Rüben auf den Tisch brachte. -- Wäre N. zehn Meilen von M.
belegen gewesen, keinen katholikenfreundlicheren Mann hätte man sich denken
können als den Pastor Müller. So aber kaufte man im Pfarrhause zu M.
keiner Bäuerin aus N. etwas ab, auf strengen Befehl des Hausherrn, was der
Pastorin oft schwer genug wurde, und jeder kleine Liebeshandel zwischen
einem M'schen und N'schen Pfarrkinde wurde um so strenger vom Pastor
getilgt, als der katholische Pfarrherr gegen dergleichen »Verirrungen,« wie
er diese Verhältnisse mit seinem feinen Lächeln zu nennen pflegte, ziemlich
nachsichtig war.
Der Herr Pastor richtete sogar seine Spaziergänge nie nach der Seite
von N., weil er es nicht ertragen konnte, an Marienbildern, Kreuzen und
Heiligen vorbei zu passiren. Sein steter Kummer war, daß die Post, die
damals von Köln nach Frankfurt ging, zuerst durch N. kommen und anhalten
mußte, während der Pfarrherr von N. ohne Neid es geschehen ließ, daß der
Schwager auf dem Rückwege seine Pferde in M. fütterte. Weder gemeinsames
Glück, nämlich reiche Ernten, noch gemeinsames Unglück, Mißwachs oder
Hagelschaden, noch die alles gleichmachende Zeit vermochten hier die
Verhältnisse zu ändern, und bewahrte man auch nach Außen hin einen gewissen
Schein von Verträglichkeit, predigte man auch von den Kanzeln gewissenhaft
das »liebet eure Feinde,« so hatte wenigstens der Herr Pastor seine
»grillenhaften Stunden,« in denen er darüber nachsann, warum wohl der
Herr nur in »grauen Zeiten« Schwefel und Pech vom Himmel regnen ließ --
natürlich auf jene, die es verdienten! --
Als der Herr Pastor älter und in Folge des ewigen Zuges und vielen
Scheuerns gar sehr von der Gicht geplagt wurde, bewilligte man ihm auf
seine Bitte einen jungen Helfer, den er zu sich in's Haus nahm.
Gottfried Berger, ein Theologe wie ihn empfindsame Seelen malen, nämlich
»Johannesartig« mit blauen Augen und blondem Haar, war der hinterlassene
Sohn der verstorbenen Schwester des Pastors. Er verstand sich trefflich
in Onkel und Tante zu finden, und es wurde bald ein Lieblingsgedanke
des Kränkelnden, sich diesen Neffen als Nachfolger und -- Schwiegersohn
dermaleinst in M. zu denken. Hatte er auch zur Zeit an dem jungen Manne
noch vieles auszusetzen, vornehmlich daß er den Pfarrherrn von N. viel
zu freundlich grüßte, auch seine Spaziergänge in jener von ihm stets
vermiedenen Richtung machte und dergl. mehr, so hoffte er ihn doch durch
seine unausgesetzten Ermahnungen auch in dieser Hinsicht auf den »allein
richtigen« Weg zu leiten.
* * * * *
Die Nachmittagspredigt in der M'schen Kirche war vorüber. -- Der junge
Berger, der sie gehalten, ging eben langsam über den Kirchhof weg nach
dem Pfarrhause. Einige alte Frauen verloren sich, die Gesangbücher in den
Händen, zwischen den Gräbern, die Männer schritten grüßend an ihm vorüber.
Kinder liefen ihm entgegen und boten ihm große Sträuße von Hollunder und
Goldregen. Freundlich dankend nahm er sie und drückte sein Gesicht tief in
die Blumen. Als er in den Hausflur trat, sagte die Magd, daß ihn der Herr
Pastor bitten lasse, zu ihm in die Laube zu kommen, der Kaffeetisch
sei allda aufgestellt. Er nickte und ging hinauf in seine Stube, sich
umzukleiden.
Die Laube lag auf einer Anhöhe an dem äußersten Ende des langen Gartens.
Im Sommer war sie recht dicht, fast kühl, denn die große Linde, die davor
stand, stritt sich tagtäglich mit den Sonnenstrahlen herum, denen sie
durchaus den Eintritt wehren wollte. Jetzt hingen nur einige grüne frische
Ranken lose über das Gitterwerk, und die Linde selbst stand da, mit ihren
jungen Blättern, wie unter einem durchsichtigen grünen Schleier, zitterte
in der Frühlingssonne und dachte nicht daran Schatten zu geben. Auf die
gelbliche Damastserviette auf dem Tisch fielen helle Lichter und zuckten
hin und her.
Der alte Pastor saß in einem bequemen Sessel, den rechten etwas gichtischen
Fuß auf einer gepolsterten Bank ruhen lassend. Es war ein hübsch
geschnittener Kopf, von schlichtem Haar umgeben mit einigen Härten um
Mund und Augen und einer eisernen Stirn. -- Die Pastorin war einst schön
gewesen, der bitterste Nachruhm für eine Frau, und sehr verwöhnt, als
einziges Kind eines reichen Kaufmanns. Ihr Vater machte einen bösen
Bankerott und erschoß sich nachher; die Mutter starb vor Schreck und Gram,
und die kaum zwanzigjährige Armgard war froh, eine Gouvernantenstelle in
einem gräflichen Hause zu erhalten.
Dort umgab sie doch wenigstens jener gewohnte Glanz und Comfort, den
sie allein »Leben« nannte. Die Unlenksamkeit ihrer Zöglinge, die
Zudringlichkeit des Herrn Grafen, und die Eifersucht der launenhaften
Gräfin machten ihr aber im Laufe der Zeit das Dasein im Hause so schwer,
daß sie -- den Heirathsantrag des Gutspastors annahm, der jeden Abend
mit den gräflichen Herrschaften Whist zu spielen pflegte. Gleich nach der
Hochzeit erhielt Müller die Pfarrstelle in M., um die er sich insgeheim
schon lange beworben, und siedelte mit seiner jungen Frau dahin über.
Ihre Ehe war wie tausend Ehen, wo eben beide Theile nur an das denken, was
sie dem Andern geben, nie an das, was sie empfangen. -- Armgard fühlte sich
noch als die einzige gefeierte Tochter des reichen Bankiers, und Eberhard
Müller fand es höchst anerkennenswerth daß ein wohlsituirter Pastor eine
arme Gouvernante, »vom Fleck weg« zur Frau Pastorin erhoben. Die junge Frau
versuchte Anfangs das schlichte Pfarrhaus umzumodeln in Erinnerung früherer
Zeiten. Wunderlicher Flitterkram wurde hie und da aufgestellt, der in
keinem Zusammenhange stand mit der übrigen Einrichtung; sie selbst trug
sich ziemlich auffallend und schleifte die seidenen Kleider zum Staunen
der Gemeinde durch das Dorf. Wer hätte sich getraut an solche vornehme
Pastorsfrau ein fragendes oder bittendes Wort zu richten! Eine Weile
schaute der Pastor anscheinend geduldig zu. Als aber das erste Kind da war
und das Tauffest vorüber, gab es einmal eine ernste Scene im Pfarrhause.
Acht Tage lang sah die Magd die Pastorin mit verweinten Augen herumgehen,
-- nachher verschwand ein Zierrath nach dem andern, der Flitterputz dazu,
-- statt der langen seidenen, trug sie jetzt kattunene oder wollene Kleider
ohne Schleppen, und an die Stelle der dünnen Zeugstiefelchen traten
derbe Lederschuhe. -- Fünf Kinder wurden im Laufe der Jahre im Pfarrhause
geboren, und vier kleine Särge standen zu verschiedenen Zeiten in der
Gartenstube. Da gab es Leid genug und Thränen, und in diesem Jammer
näherten sich denn auch die Herzen der Gatten mehr als sie es je in der
Freude gethan.
Ein einziges, das jüngste Kind wurde groß, es zählte jetzt volle 17 Jahre
und führte den Namen Elisabeth. Der Pastor hatte zwar Anfangs viel gegen
diesen Namen, er klang ihm zu katholisch, aber er war doch im Laufe der
Zeit etwas nachgiebiger geworden gegen die Wünsche seiner Frau, und
so wurde die Kleine endlich nach ihrer verstorbenen Großmutter
mütterlicherseits, Elisabeth getauft. -- Das Mädchen wuchs auf, nicht
nur als ein einziges, sondern auch als ein allein übrig gebliebenes Kind,
bewacht und gehütet Tag und Nacht. Sie war beider Eltern Abgott, obgleich
immer der Vater die Mutter, und diese wieder den Vater beschuldigte der
kleinen Elisabeth zu viel Willen zu lassen. Jedes bewachte heimlich das
Andere und freute sich über jeden sogenannten »Streich« in Betreff der
Verwöhnung des Kindes, um ihn zu notiren und gelegentlich, bei irgend einem
Angriff, als Vertheidigungswaffe zu gebrauchen.
So pflegte der Pastor als größten Beweis einer mütterlichen Schwäche
zu erzählen, daß seine Frau lächelnd zugesehen, wie die Kleine ein
Pastellbildchen -- die schöne Armgard im Costüm einer Schäferin darstellend
-- so lange mit einem feuchten Schwamme bearbeitet, bis von den Farben
keine Spur mehr vorhanden. Die Pastorin entschuldigte sich zwar damit, daß
Elisabeth eben die Masern gehabt und der Arzt ihr befohlen, das Kind weder
zu reizen, noch zum Weinen zu bringen, -- ihr Mann lachte aber immer etwas
spöttisch dazu. -- Als Gottfried Berger später in's Haus zog, hatte
ihm jedoch die Pastorin am ersten Abend gleich so viele Anekdoten von
umgeworfenen Dintenfässern und zerrissenen Predigten vorgetragen, für
welche Verbrechen das Töchterchen völlig straflos davon gekommen sei, daß
dem jungen Kandidaten der Kopf schwindelte.
Mit jedem Jahre gestalteten sich die Träume der Pastorin in Bezug auf
des Kindes Zukunft farbenreicher. Tausend Hoffnungen hingen an diesem
jugendlichen Haupt. Sie verbarg aber dergleichen auf Goldgrund gemalte
Bilder sehr sorgfältig vor den Augen ihres Mannes. Durch Elisabeth und mit
ihr sollte ja ein neuer Tag kommen, der Tochter wünschte sie jenes reiche
Leben, das sie selbst einst gelebt, -- in der Tochter Glück gedachte
sie sich zu sonnen. Elisabeth sollte keine Dorfpastorin werden, _sie_
wenigstens durfte nicht in dieser Einsamkeit zwischen Rüben, Kartoffeln und
Kornfeldern verblühen. Wie das freilich zu verhindern überließ die Pastorin
zunächst einigen Jugendfreunden, mit denen sie noch korrespondirte, und --
der Zeit. Das Kind war ja noch so jung! --
Eben trat der Kandidat in die Laube. »Haben Sie Elisabeth nicht gesehen?«
fragte die Pastorin. Sie nannte vorsätzlich den Neffen ihres Mannes, trotz
aller Einreden, »Sie«. -- »Sie war nicht in der Kirche!« antwortete der
junge Mann und zog einen Holzstuhl an die Seite seines Onkels. »Soll ich
mich nach ihr umsehen?« -- »O nein! Das große Kind geht nicht mehr verloren
-- es ist mir nur um den Kaffee zu thun. Er wird kalt.«
»War unser Gotteshaus voll?« fragte der Pastor. -- »Nicht sonderlich. Ein
Dutzend alter Frauen, kaum eine Handvoll Männer, ein paar Wöchnerinnen, die
den ersten Kirchgang hielten -- das war alles.« -- »Das alberne Volk wird
der Prozession nachgezogen sein. Heut haben sie ja wieder da Drüben so
etwas. Ich weiß nicht, was für ein Fest es ist! -- Wollte nur die Linde
endlich einmal grün und voll werden, damit ich doch nicht auch von hier aus
die Kirchthurmspitze sähe! -- Nicht genug, daß mir diese Nachbarschaft
die Pfarre verleidet und die Gemeinde verdirbt -- sie verkümmert mir sogar
meinen harmlosen Platz in der Laube.« --
Gottfried sah schweigend in seine Tasse.
»Ich begreife nicht, daß Du Dich nicht mehr über Deine leere Kirche
ärgerst,« fuhr der Pastor fort. »Aber das soll und muß aufhören! Morgen
in der Betstunde werde ich ein strenges Verbot erlassen. Wer sich
untersteht --,« -- »Da ist Elisabeth!« rief jetzt die Mutter mit froher
Stimme dazwischen.
Den gelben Kiesweg herab, der zur Laube führte, kam schnellen Schrittes
ein junges Mädchen in einem hellen Sommerkleide. Ein kleines Tuch von
dunkelblauer Farbe hing ihr über dem Arm, den runden gelben Strohhut hatte
sie abgenommen. Ein schönes etwas sonnenverbrannntes Gesicht lachte Allen
einen Willkommen zu. »Wo warst Du so lange?« rief ihr der Vater in
einem gereizten Tone entgegen; das abgebrochene Gespräch hatte ihn sehr
verstimmt.
»Gleich zeige ich Dir's,« antwortete sie geheimnißvoll und fröhlich
zugleich. Dann befreite sie ihre Hände von der Last von verschiedenen
Dingen, die sie auf den Tisch legte: -- Blumen, Papierblätter, ein Buch,
Zeichenstifte, Hut und Tuch. Jetzt erst schob sie die schweren braunen
Flechten zurück, die sie noch immer wie in ihrer Kinderzeit um den Kopf
geschlungen trug und die sich vom raschen Gange etwas in die Stirn gesenkt
hatten. Ohne die Aufforderung der Mutter in Betreff des Kaffees und Kuchens
zu beachten, rollte sie ein größeres Papierblatt auf. »Gottfried soll's
zuerst sehn! Bitte, komm hieher, da ist das beste Licht.«
Ihre dunkeln Augen lachten ihn an; Gottfried war im Augenblick an ihrer
Seite, etwas linkisch zwar und befangen wie immer, aber so schnell als
möglich. Kaum hatte er aber einen Blick auf die Zeichnung geworfen, als
er blaß wurde und ängstlich flüsterte: »zeige das jetzt nicht -- nur
heute nicht!« -- Sie sah ihn erstaunt an, rollte jedoch langsam das Blatt
zusammen und legte es bei Seite.
»Nun? Wirst Du mir Dein Meisterwerk diesmal vorenthalten wollen?« fragte
der Pastor. -- »Es ist noch nicht ganz fertig.« -- »Gieb her, ich will es
sehn, ob fertig oder nicht!« sagte der Vater heftig. -- Elisabeth zögerte.
Die Mutter setzte ängstlich die Tasse aus den Händen. -- Einem bestimmten
Befehl des Vaters ungehorsam zu sein, das hatte die Tochter noch nie
gewagt. Das Mädchen streckte auch jetzt mechanisch die Hand aus, um das
verhängnißvolle Blatt zu ergreifen. Allein Gottfried kam ihr zuvor. Schnell
wie ein Blitz hatte er das Papier aufgenommen und in viele kleine Stücke
zerrissen, die nun der Wind nach allen Seiten davontrug.