regte sich nicht, nur dann und wann, wenn vielleicht der Leser seine
Stimme ungewöhnlich erhoben, blinzelte er schlaftrunken mit den Augen. Der
Asternstrauß, den gestern kein Mensch recht angeschaut, stand heute mitten
auf dem Tische im Kerzenlicht und glühte und leuchtete wunderbar, und die
Blumen schienen sich zu regen, wie vom Winde geschaukelt. -- Die schönsten
Lichter und Schatten aber spielten auf dem Frauenantlitz dicht vor dem
jugendlichen Lector, der heute so schlecht las wie noch nie in seinem
Leben. Das war ein Blitzen und Gaukeln auf dieser mädchenhaften Stirn, auf
diesen rosigen Wangen, in dem Grübchen am Kinn, auf Hals und Schultern, und
dazu das rasche Spiel der Finger mit den zahllosen Klöppeln. Und wenn gar
die Augen langsam aufblickten und auf den Leser sich richteten, und die
Hände lässig in den Schooß sanken, weil Victoria Adelgunde das Arbeiten
vergaß beim eifrigen Hören, -- dann schien das Manuscript gar zu schwer zu
entziffern, denn der junge Student gerieth aus einem Stocken in's andere.
-- Seine Zuhörerin mußte endlich laut darüber lachen, und wie lieblich
lachte sie, und da konnte er nicht anders als ein Weilchen mitlachen. --
Als das Stück endlich aus war, -- der Poet dankte sich selber im Stillen
zu tausend Malen, daß er's nicht länger denn zu drei Aufzügen gemacht,
geriethen die Beiden unvermerkt so recht in's trauliche Plaudern. Lessing
vertraute vor allen Dingen der jungen Frau sein innigstes Wünschen und
Hoffen: daß nämlich die Theaterdirectorin Caroline Neuberin sich geneigt
finden lassen möchte, dieses sein Lustspiel aufzuführen, und klagte
ihr seine Sorge, daß die so vielfach Bestürmte wohl schwerlich das
Erstlingswerk eines Studenten ohne gewichtige Empfehlung einstudiren
lassen werde. Victoria Adelgunde versuchte ihn hierüber zu trösten, und
sie redeten lange hin und her, auch über die bedauerlichen Zerwürfnisse
zwischen Gottsched und der Neuberin. Der berühmte Mann hatte nämlich die
volle Schale seines Zorns ausgegossen über die einstige Freundin, weil
diese sich geweigert, ein Stück nach seiner Bearbeitung aufführen zu
lassen. Gottsched war, in Folge dieser Weigerung, die Veranlassung gewesen
daß sich eine zweite Truppe, die Schönemann'sche Theatergesellschaft, in
Leipzig niederließ, die dann auch die Truppe der Neuberin bald vertrieb.
Die energische Frau kehrte jedoch nach mancherlei Irrfahrten im Jahre 1744
nach Leipzig zurück, sprengte durch ihre reizenden Schauspielerinnen, die
Lorenz und die Kleefelder, und die ausgezeichneten männlichen Mitglieder
ihrer Gesellschaft, wie z. B. Koch und Heydrich, die Schönemann'sche Bande,
und eine ihrer ersten Thaten war nun, ihren frühern Freund und Gönner, den
Professor der Logik und Metaphysik, Johann Christoph Gottsched, von der
Bühne herab als Zerrbild dem allgemeinen Gelächter Preis zu geben. -- Nun
war an keine Aussöhnung mehr zu denken, so sehr sich auch die Neuberin,
ihre Uebereilung bereuend, gar bald mühte den Schwerbeleidigten wieder gut
zu machen. Gottsched verbot seiner Frau das Theater zu besuchen, und die
ganze Stadt theilte sich in zwei Partheien, die Anhänger der Neuberin und
die Gottsched's. Die Parthei der Theaterdirectorin war jedoch unbestritten
die Stärkste, denn sie hatte, wenn sie wollte, die Lacher auf ihrer Seite.
Victoria Adelgunde hatte sich alle Mühe gegeben, ihren Gatten milder zu
stimmen gegen die verdienstvolle Frau, deren rasches entschlossenes Wesen,
und große Wärme und Lebendigkeit, sie gar mächtig angezogen, -- allein
vergebens. Oft war sie sogar mit dem Vorsatz ausgegangen der Neuberin zu
begegnen, um sie zu bitten, noch einmal dem Gekränkten ein reuevolles
Wort zu sagen, aber seltsamer Weise war es ihr nie gelungen der Ersehnten
habhaft zu werden. Die Neuberin zeigte sich auch selten allein, immer nahm
sie ihre jungen Schauspielerinnen unter ihre Flügel, für deren Wohlergehn
und guten Ruf sie in jeder Art wahrhaft mütterlich sorgte. -- Die
Gottschedin war dann bei ihrem Herannahen allezeit schüchtern zur Seite
getreten und hatte es bei einem verstohlenen Gruß bewenden lassen, statt
sie anzureden. Die Zieglerin ließ es sich dagegen bei jeder Gelegenheit
angelegen sein, den Professor noch mehr gegen die Neuberin aufzubringen,
da ihr die Freundschaft des berühmten Gelehrten mit dieser Frau von allem
Anfang an ein wahrer Dorn im Auge gewesen. --
Von all diesen Dingen redete nun Victoria Adelgunde mit dem jungen
Studenten, -- und die Zeit flog mit solcher Windeseile über ihre beiden
Häupter hinweg, daß die junge Frau erstaunt aufblickte als Gottsched
eintrat und nach dem Nachtessen verlangte.
»Habt Ihr die Zieglerin, die Ihr besuchen wolltet, nicht daheim getroffen?«
fragte sie.
Er lächelte und antwortete: »volle vier Stunden habe ich ihres Umgangs
genossen, von 5 Uhr bis 9 Uhr, und ich freue mich von Herzen, daß der
Studiosus Lessing Euch in dieser Zeit so wohl unterhalten. Er muß aber nun
dafür auch die Abendsuppe mit uns essen!«
Aber Ephraim Lessing dankte. Es war ihm zu Sinn als hätten die Götter
eigenhändig ihn mit Necktar und Ambrosia gespeist, -- wie sollte ihm da
irdische Kost munden? Auch konnte und wollte er sich den Suppenlöffel nicht
in einer gewissen kleinen Hand denken, die ihm nur dazu geschaffen schien,
Lorbeern und Rosen zu vertheilen, oder allenfalls beim Vorlesen mit
schlanken Fingern Spitzen zu klöppeln. -- Er stürzte also nach einigen
wunderlichen Entschuldigungen fort, nachdem ihn Gottsched noch ungewöhnlich
freundlich aufgefordert bisweilen des Abends seiner Frau ein Stündlein zu
vertreiben durch erbauliche Lectüre, dieweil _er_ »leider« mit seinen
alten Freundinnen nicht brechen dürfe, sondern sie nach wie vor besuchen
müsse. --
Während des Nachtessens fragte der berühmte Mann seine schöne
Lebensgefährtin: »was haltet Ihr denn eigentlich von dem jungen Studenten
und seinem Stück? Meint Ihr daß Beide etwas taugen?« --
»Das Stück verdient daß es die Neuberin aufführe,« antwortete sie lebhaft,
»und ich gäbe viel darum wenn ich's zu Wege bringen könnte!«
»Er muß sich an die Zieglerin wenden!«
»Meint Ihr daß _die_ Alles könnte?«
»Ja!«
»Ich meine es aber nicht! Laßt uns das abwarten! -- Und was den Lessing
angeht, so ist mir heute nur Eines klar geworden, daß aus ihm nämlich eben
so wenig ein _Pfarrer_ wird, wie aus mir -- eine Zieglerin!«
* * * * *
Seitdem kam der Student Lessing wenigstens drei Mal in der Woche in das
Haus des Professors der Logik und Metaphysik, las der jungen Frau vor, oder
hielt eine Zwiesprache mit ihr über Alles was sein junges Herz bewegte
und seinen Feuergeist beschäftigte. Und es war eine Welt von Fragen und
Zweifeln, Träumen und Gedanken, die in diesem Jünglingskopf auf und nieder
wogte wie die Wellen des Meeres. Da that es denn wohl Noth, daß solch eine
Meerfey am Ufer saß und mit ihrer weißen Hand die wild rauschenden Wasser
glättete, und zuweilen ein Zaubersprüchlein murmelte wenn es gar zu
ungestüm hin und her und auf und nieder wallte. Und doch zögerte sie
zuweilen jenes Wort zu sprechen, denn es dünkte sie gar wunderbar herrlich
diesem Auf- und Abwogen zuzuschauen, und dem Gesang der Sturmgeister zu
lauschen. So seltsam und erhaben klangen die Melodien, daß die Meerfey
darein schaute mit schwimmenden Augen, und ein Entzücken empfand wie noch
nie zuvor. -- Zuweilen war es ihr als müsse es eine Seligkeit sein, sich in
diese brausenden Wellen zu stürzen, sich heben und tragen zu lassen, mit zu
kämpfen und mit zu ringen, wie dies junge Herz, diese mächtige Seele da
vor ihr, -- wie dieser Geist, dessen künftige Größe sie ahnend im Voraus
empfand. -- Die engen Schranken ihrer eignen Gedankenwelt stürzten gar
bald zusammen, in diesem Verkehr mit dem seltsamen jungen Studenten, sie
gewöhnte sich unvermerkt weit und immer weiter auszuschauen, die Augen
thaten ihr Anfangs weh dabei, aber sie hob sie immer und immer wieder, und
lernte allmählich die Fülle des Lichts ertragen, die sie überströmte. --
Sie verlor auch nach und nach ihre mädchenhafte Schüchternheit ihrem
neuen Freunde gegenüber, wagte einen Gedanken auszusprechen, urtheilte,
vertheidigte und unterwarf sich. -- Gottsched erstaunte oft, im
Zusammensein mit seiner Frau überraschende Blitze freiesten Denkens und
Empfindens an ihr wahrzunehmen. Victoria Adelgunde fing sogar, zu seiner
großen Freude, an in Gegenwart anderer Männer, erröthend zwar, und
in reizend weiblicher Weise, aber doch bestimmt und klar ihr _eignen_
Ansichten darzulegen. Ihr Gatte vermochte sein Entzücken darüber kaum zu
bergen, und mit echt männlicher Eitelkeit schrieb er sich allein und seinem
Einfluß diese wunderbare Wandlung zu. Wie hätte er auch ahnen können,
der berühmte Mann, daß in jenen stillen Abendstunden, in denen sich
seine Gattin mit dem »wunderlichen« Studenten aus Kamenz, aus »purer
Gutherzigkeit« ohne Zweifel gewaltig »langweilte«, jene Blüthen getrieben
wurden, deren Duft ihn jetzt berauschte. --
Und der junge Student selber? -- Nun der lag unter einem Blüthenbaum, und
neben ihm saß die Göttin Poesie selber, und streute Blumen auf ihn herab
und flüsterte: »laß dich begraben Träumer!« -- Aber das Grab war nur eine
durchsichtige Blumendecke, -- und darüber hing der blaue Himmel zweier
wunderschönen Frauenaugen. -- --
Dem Ephraim Lessing waren, seit er die Fürstenschule zu Meißen verlassen,
-- allwo schon seine große Selbstständigkeit in seinen Studien und Arbeiten
kein geringers Aegerniß erregt, -- und die Universität zu Leipzig bezogen,
erst wenige Frauen begegnet, mit denen er länger denn fünf Minuten
geredet. -- Als Student der Theologie eingeschrieben, mit nur unbedeutenden
Empfehlungsbriefen versehen, war er in wenigen Häusern und Familien bekannt
geworden. Seine Neigung zu den Wissenschaften, zu den alten Sprachen, der
Mathematik und Dichtkunst, gab ihm hinlängliche Beschäftigung in seinen
Freistunden und bannte ihn in sein Stübchen, er las und schrieb viel, und
beschäftigte sich überhaupt unablässig -- nur nicht mit dem Studium der
Theologie. Die zärtliche Freundschaft, die er mit dem weichen und --
liebenswürdigen Christian Felix Weiße schloß, ließ ihn gar keinen andern
Umgang vermissen. Das sogenannte schöne Geschlecht war ihm daher ziemlich
gleichgültig geblieben, höchstens daß er einmal einem hübschen Mägdlein,
das hinter Rosmarin und Rosen am Fenster hervorlugte, eine Kußhand
zugeworfen, einem frischen Bürgerkinde die Wange gestreichelt, oder unter
dem Fenster einer niedlichen Schauspielerin einige Male zerstreut auf und
nieder gegangen war. -- Jetzt befand er sich aber zum ersten Mal in einem
zwanglosen Verkehr mit einer Frau der höhern Stände, und zwar mit einer
eben so schönen als fein gebildeten Frau, die bei all ihrer, von ihm sehr
bald erkannten, geistigen hohen Bedeutsamkeit, doch ihren höchsten Ruhm
nur darin zu suchen schien, eine tüchtige Hausfrau und zärtliche Gattin zu
sein.
Der Zauber ihres ganzen Wesens umspann ihn wie mit einem goldenen Netze,
und jener eine Abend hatte ihn plötzlich in eine Sphäre getragen in der er
noch nie geathmet, in der zu leben ihm aber wunderbar süß däuchte. Es war
ihm zu Muthe wie einem Falter, der nach langem Umherflattern, zum ersten
Mal, einer kaum erblühten Rose in den Schooß taumelt. -- --
Gotthold Ephraim Lessing war in kurzer Zeit ein täglicher Gast geworden im
Gottsched'schen Hause und Gottsched selber fand Gefallen an dem Jüngling,
ließ sich wohl auch zu Zeiten herab längere philosophische Gespräche mit
ihm zu führen, wunderte sich im Stillen über den Feuergeist, schüttelte
aber dennoch den Kopf über die »freigeisterischen Gedanken« des jungen
Burschen. Was nun Lessing's wiederholte dichterische Versuche betraf, so
schenkte er diesen wenig oder gar keine Aufmerksamkeit, und verwies ihn
mit dergleichen »Kinderspielen« an seine Frau, indem er dieser jedoch
wiederholt versicherte, daß in dem Felix Weiße ein ungleich größerer
Dichter stecke denn in dem Studenten aus Kamenz. --
Mittlerweile aber erblühten unter dem Sonnenschein der schönen Augen
Victoria Adelgunden's langsam und farbenfrisch die _Anakreontischen_
Gedichte Lessing's, und zu ihren Füßen legte er diese reizenden Blumen
nieder. --
Da geschah es aber eines Tages daß die junge Frau ihren Schützling bat ihr
ein wenig im Latein fortzuhelfen, das sie bereits bei ihrem Vater in Danzig
begonnen, -- -- die Anakreontischen Gedichte hatten sie plötzlich in eine
seltsame Unruhe gebracht. -- Mit großem Eifer erbot sich der junge Dichter
zu dieser anmuthigen Arbeit, und dieser Eifer verdoppelte sich als Victoria
Adelgunde den schüchternen Wunsch aussprach, diese Lehrstunden einstweilen
vor Jedermann geheim zu halten. »Mein eigner Gatte soll nicht eher ein Wort
von diesem Unterricht erfahren als bis ich meinem geduldigen Lehrmeister
Ehre bringe« sagte sie lieblich lächelnd. --
Die Vorlesungen hörten also nun auf und ernste Lehrstunden nahmen ihren
Anfang, die junge Frau athmete erleichtert -- sie wußte aber doch nicht
recht was sich ihr so schwer auf das Herz gelegt. -- Es war ein anmuthiges
Bild diesen Lehrer und diese Lernende einander gegenüber zu sehen. Er,
dessen Kopf mit der Imperatorstirn und den Feueraugen einen mächtigen
Eindruck auf Jedweden machen mußte, der ihn mit Aufmerksamkeit betrachtete,
sprach möglichst ruhig im belehrenden Ton, aber mit einem reizenden
Schimmer von Glück um den Mund, zu jener Frau die bald schreibend, bald
lesend, bald unter mädchenhaftem Erröthen irgend eine Frage beantwortend,
sich nun seine Schülerin nannte. --
Victoria Adelgunde war ungewöhnlich lieblich. Ihre Züge waren so fein,
ihre Gestalt von vollendeten Formen, ihr Lächeln bezaubernd, ihre Farben
rosenfrisch und ihre Augen von wunderbarem Glanz und Ausdruck. --
Armer Falter! -- -- Die junge Frau machte aber auch erstaunenswerthe
Fortschritte, und nach kaum einem halben Jahre fing sie bei ihrem
jugendlichen Lehrmeister das Griechische an, das sie ebenfalls mit großer
Leichtigkeit faßte. Sie äußerte wiederholt ihre Freude bei dem Gedanken,
ihren Gatten eines Tages mit dieser neuerworbenen Wissensfülle zu
überraschen, ihn die Ode der Zieglerin vergessen zu machen, und lernte in
dieser Hoffnung mit immer regerem Eifer, nur zu tausend Malen die Kürze der
Zeit beklagend. -- Da war es denn Ephraim Lessing selber der einstmals den
Vorschlag machte, seine Schülerin möge, um die Zeit außer den festgesetzten
Lehrstunden möglichst zu nutzen, lateinische Uebungsbriefe an ihn richten,
die er dann am andern Tage wohlcorrigirt und mit allerlei belehrenden
Randglossen versehn, ihr wieder einzuhändigen versprach. -- Victoria
Adelgunde ging nach kurzem Zögern auch wirklich auf jenen nützlichen
Vorschlag ein, und so nahm denn an jedem Abend der junge Student ein
zierlich beschriebenes, und wohl adressirtes Blättchen mit heim, und
legte es in der nächsten Lehrstunde, mit verschiedenen rothen Strichen und
Bemerkungen versehn, der schönen Frau wieder vor. -- Allmählich wurden der
Striche weniger, aber der Blättchen mehr, -- -- und zuletzt gewöhnte sich
Victoria Adelgunde daran, ein ausführliches Tage- und Gedankenbuch in
lateinischer Sprache zu führen, das immer in die Hände ihres jungen
Lehrmeisters wanderte, und -- -- immer _seltener_ in die ihren zurückkam.
-- Es mochten vielleicht der Fehler zu wenige darinnen sein, -- oder
der junge Student litt an Vergeßlichkeit und hatte versäumt jene Blätter
einzustecken, -- genug, die Briefe blieben bei ihm, aber ihr Inhalt wurde
um so eifriger besprochen in den Lehrstunden, so eifrig, daß die junge Frau
über all dem Hin- und Widerreden vergaß die Blätter zurückzufordern. --
In jedem Menschenleben giebt es eine Zeit, -- oft ist's nur eine Stunde,
-- oft ein Tag -- ein Monat -- wo das Herz jene leidenschaftliche Bitte
Josua's nachstammelt: »o Sonne stehe still!« -- Aber sie steht nicht still
bei unserm Ruf sie eilt unaufhaltsam weiter -- -- und wenn wir im tiefsten
Herzen dies Gebet kaum ausgesprochen -- -- -- dann ist schon Mittag vorüber
und -- -- es will Abend werden. --
Als die zweite Hälfte des Jahres zu Ende gegangen und der Herbst schon
dem Winter Platz zu machen sich anschickte, da sann die Gottschedin allen
Ernstes darüber nach, welche Freude sie wohl ihrem Lehrmeister bereiten
könne zum heiligen Weihnachtsfeste. Und sie sann so viel, daß sie bisweilen
in den Lehrstunden gar sehr zerstreut erschien, und somit den jungen
Dichter oft genug aus der Fassung brachte. -- Noch mehr als ihr verändertes
Wesen beunruhigte ihn jedoch ihre Bitte, ihr einmal seinen Freund und
Stubengenossen, Felix Weiße, herzusenden, und so zärtlich Lessing jenen
treuen Gefährten liebte, so durchzuckte ihn doch ein bis zur Stunde nie
gekanntes Gefühl des Neides und der Eifersucht, als er den Jüngling bald
_allein_ zu seiner Schülerin gehen sah. -- Seit jenem Besuche Weiße's
schien auch die Zerstreutheit seiner Schülerin sichtlich zuzunehmen,
das glaubte wenigstens Lessing zu bemerken, und gerieth deshalb in nicht
geringe Aufregung. In den lateinischen Uebungsblättern fanden sich bald
Lücken vor, der Ton wurde unruhiger, die Gedanken springender. Kein Zweifel
mehr: sie hatte ein Geheimniß vor ihm, -- und Felix Weiße wußte um dies
Geheimniß. -- In der Woche vor dem Feste bat ihn Victoria Adelgunde sogar
plötzlich, die Lehrstunden in den Nachmittag zu verlegen, da sie von nun an
des Abends mit Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt sei. -- Mit bedrücktem
Herzen erfüllte er ihren Wunsch, -- aber am Abend mußte er doch das Haus
umstreifen, zu gewohnter Stunde, wie ein abgeschiedener Geist, der Sage
nach, die Stätte seines einstigen Glücks umschwebt. -- Und was geschah ihm
da? -- Allabendlich, um die siebente Stunde, öffnete sich nun -- und das
dauerte eine Woche lang -- die Hausthür des Professor Gottsched, -- und
heraus trat, Ephraim Lessing glaubte zu träumen, seine Schülerin selbst,
gestützt auf den Arm Weiße's, eine Magd mit einer Laterne leuchtete dem
Paare voraus. Daß sie es war, wirklich und wahrhaftig, wer hätte daran
zweifeln können, -- keine Frau der ganzen Stadt hatte diese kleinen Füße,
diese weichen reizenden Bewegungen, diesen schwebenden Gang. -- Die Drei
schlüpften allezeit sehr eilig im Schatten der Häuser dahin, über den
Markt, die Hainstraße hinunter. Vor dem Gasthof zur Taube machte man Halt
-- pochte an die Thür, die sich dann sofort öffnete und das Kleeblatt
einließ. -- Lessing blieb zum ersten Mal wie versteinert stehn. -- Allda
wohnte ja die Neuberin! -- Was konnte die Ehefrau Gottsched's zu seiner
Feindin führen? -- Und noch dazu in Begleitung Weiße's, dessen Stück die
Zieglerin bei der Theaterdirectorin nicht hatte anbringen können?! --
Wollte seine Schülerin etwa ein gutes Wort einlegen für die »Matrone
zu Ephesus?« Warum hätte sie da nicht eben so gut sich für den »jungen
Gelehrten« verwenden können, den bittend zu der Neuberin zu bringen der
Dichter selber zu stolz gewesen, und der somit ruhig daheim im Pulte
schlummerte. -- Wunderliche Gedanken und Empfindungen bewegten den
Wartenden, der kaum merkte, daß er wohl zwei Stunden draußen stand in
grimmer Winterkälte. -- Er verspürte damals eine ganz absonderliche Lust,
irgend einen Jemand aus der Welt zu schaffen, aber er war noch nicht mit
sich einig, ob den Weiße, die Gottschedin oder -- die leuchtende Magd.
Dabei wunderte er sich über die ausnehmend heiße Witterung, die ihm den
Schweiß auf die Stirne trieb, -- und nahm zuweilen eine Hand voll Schnee,
um sich zu kühlen. -- Als das Kleeblatt endlich wieder erschien, besann er
sich jedoch so lange, auf wen er losstürzen solle, bis die Gottschedin mit
ihrer Dienerin in ihrem Hause verschwunden, und ihr junger Begleiter
sich mit einem äußerst devoten Kratzfuß von ihr verabschiedet. -- Wie ein
Balsamtropfen fiel aber ihr gleichgültiges: »Gute Nacht, werthester Herr
Studiosus -- auf Morgen denn --« um dieselbe Zeit in die erregte Seele des
Lauschers, und er gewann es in Folge dessen über sich, ruhig nach Hause zu
wandern, sich schlafen zu legen wie ein gewöhnlicher Mensch, um wieder --
von seiner Schülerin zu träumen wie -- er allezeit wachend und schlafend
von ihr träumte.
Am nächsten Tage schaute er sie aber doch zuweilen seltsam forschend an,
als er ihr wieder als ernster Lehrmeister gegenüber saß, -- und wenn sie
auch ihre Aufgabe ohne Stocken herzusagen wußte, und einen Akt aus den
Trauerspielen des Aeschylos fließend übersetzte, so riefen diese Blicke
doch ein Erröthen hervor auf ihren Wangen, und ihre Hand zitterte ein
Wenig, als sie ihm die lateinischen Tageblätter gab. -- --
»O Sonne stehe still!« -- --
Es hatten sich aber mittlerweile gar böse Augen auf das junge Paar
gerichtet, das da alltäglich bei einander war, und jene schlimmen Zungen
begannen allmählich zu zischeln, von denen es in jenem alten Volksliede
heißt:
»Die Disteln und die Dornen die stechen gar zu sehr,
Die falschen, falschen Zungen stechen _noch viel_ mehr!«
Solche Zungen waren es nun, die ungehindert allerlei Uebles redeten von der
Gottschedin und dem jungen Studenten. Wie durften auch eine schöne Frau und
ein geistvoller feuriger Mann _ungestraft_ mit einander verkehren?
Solcher Verkehr allein war schon eine himmelschreiende Sünde wider --
jene häßlichen Schwestern, mit denen eben _kein_ junger geistvoller Mann
verkehrte. -- Und der arglose Professor der Logik und Metaphysik, Johann
Christoph Gottsched, erfuhr bald genug von den dünnen Lippen seiner
Freundin Marianne Zieglerin, gebotene Romanus, eines Tages gar arge Dinge,
-- so arg, daß er urplötzlich auffuhr wie von einer Tarantel gestochen, und
nach Hut und Stock griff, um spornstreichs nach Hause zu laufen, und zur
Stelle die Wahrheit zu erforschen aus dem Munde der geliebten Treulosen
selber. -- Solches geschah am 22. December in der sechsten Stunde. Es war
Licht in dem Stübchen der Frau Victoria Adelgunde, -- -- Gottsched schlich
leise in's Haus und trat an die Thür der Wohnstube. Mit zitternder Hand
schob er die Gardine vor dem kleinen runden Fensterchen in der Thür zurück
und schaute in's Zimmer. Da sah er denn die Beiden sitzen, die Lehrstunde
sollte just geschlossen werden. Seine Frau las noch mit lauter Stimme. --
Es war aber Latein, was sie las, -- es waren Verse, -- es war wahrhaftig
eine Ode! -- Und in welchem reinen Latein, -- und wie correct las sie.
Und die Ode, -- -- es schwindelte ihm, war an _ihn_ gerichtet, er hörte
deutlich seinen Namen. Sollte Victoria Adelgunde dies classische Gedicht
selbst verfaßt haben?! -- -- Unmöglich, der Gedanke wäre gar zu schön! --
Da verstummte die Leserin und er hörte nun den Studiosus Lessing sagen:
»Fürtrefflich, hochgeehrteste Frau Professorin, es ist kein einziger Fehler
in Eurem Gedicht!« --
Da riß der freudetrunkene Professor der Logik und Metaphysik die Thüre auf,
stürzte mit dem Rufe: »habt Ihr wirklich diese lateinischen Verse gemacht?«
auf die Erschrockene los und riß sie in die Arme. Und als sie halb unbewußt
leise nickte, sagte er tief aufathmend mit ungewöhnlicher Hast: »Ich weiß
zwar jetzt auch, daß ich Euch Nichts zu verzeihn, und daß die Zieglerin
eine elende Lügnerin, aber ich gestehe Euch auch, daß ich um einer
_selbstgefertigten_ reinen _lateinischen_ Ode Euch ganz gewaltig viel
verziehn. O Victoria Adelgunde, ein schöneres Weihnachtsgeschenk hättet Ihr
mir nimmer machen können! -- Euch aber, mein werthester Herr Lessing, danke
ich zu tausend Malen, und werde Euch -- hier habt Ihr meine Hand darauf
-- als Lehrmeister überall empfehlen, -- nur _eine_ Schülerin muß ich Euch
abnehmen, alldieweil ich sie nun gern selber weiter bringen möchte, und das
ist diese hier, -- meine geliebteste Ehefrau.« --
Und wieder zog er sie zärtlich an sich.
Sie aber entwand sich ihm und sagte, ihren jungen Lehrmeister seltsam
traurig anblickend: »da mein Gatte sein Weihnachtsgeschenk, meine arme
Ode so früh empfangen, so mag ich auch Eure Christgabe nicht länger
zurückhalten. Nehmt sie denn hiermit, -- 's ist ein schwacher Dank für die
Mühe, so Ihr mit mir gehabt!« -- Und sie zog aus ihrer Kleidertasche einen
gedruckten Zettel, worauf zu lesen stand:
»Am zweiten Christtage wird allhier folgendes Stück aufgeführt werden,
mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung:
»_Der junge Gelehrte._«
Lustspiel in drei Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing. Folgende
Personen werden darin vorkommen:
Chrysander, ein alter Kaufmann Heinrich Koch.
Damis, der junge Gelehrte, Chrysander's Sohn Karl Heydrich.
Valer Johann Neuber.
Juliane Mamsell Lorenz.
Anton, Bedienter des Damis Fritz Huber.
Lisette Mamsell Kleefelder.
u. s. w.«
Der junge Dichter aber -- den Zettel in der Hand -- stand da wie ein
beschenktes Kind und staunte die schöne Geberin an wie im Traume, -- dann
wieder die gedruckten Worte, -- und hat in seinem Leben kein so seliges
Christfest wieder gefeiert denn damals in dem Stübchen der Gottschedin am
22. December Anno 1746. --
Als aber später die Gatten wieder allein waren, und Victoria Adelgunde nach
dem Grunde der so überraschenden Rückkehr Gottsched's fragte, -- wagte er
doch, ihren ernsten reinen Augen gegenüber, nicht die volle Wahrheit zu
gestehn. Es war nur eine halbe Beichte, die er ihr da stammelte. Sie
hatte jedoch mit dem feinen Gefühl der Frau Alles errathen, -- und fühlte
plötzlich einen scharfen Schmerz durch ihr Herz gehn. -- »Meine Lehrstunden
werden mit diesem Tage für immer enden,« sagte sie nach einer Pause ruhig,
aber mit einem tiefen Seufzer, »dafür bitte ich Euch aber mir zu erlauben
am zweiten Weihnachtstage das Theater der Neuberin zu besuchen. Ich gestehe
Euch hiermit, daß _ich selbst_ diese Frau überredet, das Stück Lessing's
aufzuführen, -- aber auch die »Matrone zu Ephesus« des jungen Weiße soll
Anfang Januar einstudirt werden, nachdem die Zieglerin sich vergeblich bei
der Theaterdirectorin dafür verwendet. Ich denke, die Verzeihung für diesen
Schritt und die Gewährung meiner Bitte sei eine geringe Belohnung für eine
lateinische _Ode_ und eine gelinde Strafe für Euch für das, was Ihr von
mir, Eurer Ehefrau, geglaubt!« -- --
Und am zweiten Weihnachtstage wurde der »junge Gelehrte« wirklich
aufgeführt, unter großem Beifall der Zuhörer. Die Schauspieler thaten ihr
Bestes, und die versammelte heitere Menge schaute oft neugierig auf den
Platz, den der Professor Gellert eingenommen. Hinter ihm saßen nämlich
zwei Studenten, und man bezeichnete den Einen von ihnen als den Dichter des
Stückes, mit der Bemerkung, »der da, mit den großen Augen und fliegenden
Haaren, der ist's!«
Ephraim Lessing aber war in einer wunderbar gehobenen Stimmung. Er sah
seiner Seele höchsten Wunsch erfüllt, -- er sah seine Dichtung lebendig vor
Augen, der Beifall der Hörer klang wie Musik in sein Ohr -- es war ihm als
lebe er ein Märchen. Und in seinem Herzen fühlte er sich so froh und
leicht wie noch nie. Der Schleier, der noch vor Kurzem die Holdeste aller
Frauengestalten umhüllt, lag nun zerrissen zu seine Füßen, in ungetrübtem
Glanze lächelte Victoria Adelgunden's Bild zu ihm hernieder. -- Die
Erzählungen seines Freundes Weiße, von dessen Lippen jetzt der Bann des
Schweigens genommen, hatten alle seine bangen Zweifel zerstreut. Welch
reizende Lösung jenes Räthsels, das den jungen Dichter so sehr bedrückt.
Durch Christian Felix allein hatte sich ja die Gottschedin das Manuskript
des »jungen Gelehrten« verschafft, -- und er war ihr Begleiter gewesen
zur Neuberin, in derem Hause man die ersten Proben in Gegenwart der holden
Schützerin Lessing's abgehalten. --