Neue Novellen
von
Elise Polko.
[Illustration]
Leipzig,
Verlag von Bernhard Schlicke.
1861.
»Dem Verfasser des Werkes:
»Die Frauen in der Culturgeschichte«
dem
Oberbibliothekar und Hofrath
Herrn
=Dr.= G. Klemm
widmet diese »#Frauennovellen#«
in
herzlicher Verehrung
Elise Polko.
Inhaltsverzeichniss.
Seite.
Vor hundertfünfzehn Jahren 1745 1
Elisabeth 69
Czinka 187
Vor
hundertfünfzehn Jahren.
1745.
(Ein Skizzenblatt.)
(1860.)
»Euer Stück, Lustspiel benannt, scheint mir in der That nicht übel,
junger Freund«, ließ sich der hochberühmte und vielgelehrte Professor
der Philosophie und Dichtkunst, Logik und Metaphysik, Johann Christoph
Gottsched zu Leipzig, vernehmen, und wandte sich zu einem jungen
Studenten, der an seinen Schreibtisch getreten war, während ein Anderer in
bescheidener Haltung an der Thür des Studirzimmers stehen geblieben.
»Die Redeweise ist rein, die Figuren nicht verzeichnet, ich wüßte nichts
Sonderliches gegen Euer Werk zu erinnern, nur muß ich Euch offen gestehn,
daß mir ein Trauerspiel allzeit angenehmer denn ein lustiges Stück, und so
gefällt mir auch schon aus diesem Grunde das Machwerk Eures Freundes, so er
»die Matrone zu Ephesus« benannt, weit besser. Auch schreitet es in Worten
und Sätzen ruhig und feierlich einher, und ist ganz nach meinen Regeln
aufgebaut, während Euer Stück ohne rechten Zaum und Zügel dahinläuft.
Nun ist aber, meines Bedünkens, erst ein gesattelt und gezäumtes Roß zu
Jedermanns Nutzen und Frommen da, während ein loslediges Füllen nur sich
selber zum Vergnügen daherspringt. Damit Ihr Beide aber nicht die
Meinung faßt, ich _allein_ wolle mich zum Richter aufwerfen über Eure
Geisteskinder, so mögt Ihr Euch heute um die sechste Abendstunde in
den Wohnstuben meiner Frau einfinden. Daselbst wird sich ein Kreis
hochgebildeter Frauen und Männer versammeln, denen Ihr selbst Eure Stücke
vorlesen könnt. Bringt also Eure Manuscripte wieder mit und seid pünktlich
hier!« --
Nach dieser Rede erhob sich der Gelehrte ein klein Wenig von seinem
Schreibschemel, grüßte mit der Hand, herablassend wie ein Fürst die beiden
Studenten und setzte sich dann, ohne auf deren Abschiedsverbeugungen zu
achten, zum Schreiben zurecht. -- Die Thür des Arbeitszimmers schloß sich,
und man hörte eine Weile Nichts als das Knirschen der Feder, die über
das Papier schlich, denn der Professor Gottsched pflegte so langsam zu
schreiben als er redete. Er mochte jedoch kaum eine Zeile zu Wege gebracht
haben als die Thür sich wieder leise öffnete und ein schöner Frauenkopf
hereinschaute. Dem Kopfe folgte eine hohe schlanke Gestalt, die etwas
zagend auf den Schreibtisch zuschritt. Auf halbem Wege blieb sie aber
stehn und sah ein Wenig furchtsam auf den berühmten Mann, der sich so eben
umwandte, einen erstaunten Blick auf die Eingetretene warf und mit dem
Ausdruck großer Verwunderung fragte: »Ihr seid es, Victoria Adelgunde, --
und zu solch ungewohnter Stunde? Was bringt Ihr?« -- »Nichts!« lachte sie
heiter und stand mit einem Sprunge neben ihm, die Hand auf seine Schulter
legend, »ich komme nur um Euch Etwas zu fragen -- aber werdet mir nicht
böse ob der Störung.« --
Es geschieht wohl zuweilen, daß eine mitleidige Seele einem armen
Gefangenen einmal einen Frühlingsstrauß oder eine Hand voll Rosen in seine
Zelle wirft, -- just solchen Eindruck machte diese Erscheinung in der
großen finstern Gelehrtenstube voll staubiger Folianten, wunderlicher
Instrumente, und neben jenem ernsthaften steifen Mann mit der
wohlgepuderten Perrücke, der da vor dem Schreibtisch saß. -- Der Professor
der Logik und Metaphysik selbst mußte, als er in _dies_ Frauenantlitz sah,
ein Wenig lächeln, er legte die Feder nieder und seinen rechten Arm um den
schlanken Leib der Fragerin, freundlich wiederholend: »Was bringt Ihr --
was wollt Ihr denn von mir?« --
»Sagt mir doch, bitte, wer die beiden jungen Leute waren, die da so eben
von Euch gingen!«
»Studenten der Theologie -- aus denen aber schwerlich etwas Rechtes werden
wird, denn sie treiben allerlei Allotria.«
»Aber aus dem mit den großen Augen wird doch gewiß etwas Gutes -- wenn auch
vielleicht kein Pfarrer. Wie hieß er wohl?«
»Ziemt es sich für die Ehefrau des Professor Gottsched nach den Namen
solcher junger Burschen zu forschen? Hat der mit den großen Augen Euch
irgend ein Leid angethan?« scherzte der berühmte Mann.
»O nein! Er lief nur etwas hastig die Treppe hinab und ich kam just aus
dem Keller, und so hätte er mich fast umgestoßen, er verlor sein Manuscript
dabei, -- die Blätter flogen um mich her -- -- und da mußten wir Beide
lachen und ich half ihm die Blätter aufnehmen. -- Der Andere, glaube ich,
stand äußerst verlegen dabei und rührte keine Hand.«
»Wenn er hastig gelaufen, so war das zweifelsohne der Schlimmste der
Beiden, nämlich der Studiosus Gotthold Ephraim Lessing aus Kamenz. Ihr
hättet Euch den Andern lieber ansehen sollen denn ihn, Frau Victoria
Adelgunde, der hat ein wackeres Trauerspiel geschrieben, und war des
Ansehens werther. Sein Name lautet Christian Felix Weiße aus Annaberg. Es
ist wunderlich daß der sanfte sinnige Mensch so mit Leib und Seele an
dem unsteten Burschen, dem Lessing, hängt. Sie wohnen beisammen und sind
unzertrennliche Gefährten bei Tag und Nacht. -- Beide werden diesen Abend
kommen um ihre Dichterversuche zu Gehör zu bringen, Beide haben Stücke
geschrieben und hoffen, daß die Neuberin sie auf dem Theater aufführen
läßt. -- Ich würde aber, so ich mit dem genannten nichtswürdigen Weibe
noch ferneren Verkehr pflegte, sicherlich nur dem Trauerspiel des Christian
Weiße das Wort reden. Es führt den Titel: »die Matrone zu Ephesus«, -- das
Lustspiel des Andern heißt nur schlechtweg: »der junge Gelehrte.«
»Wer soll denn heute Abend zuhören?«
»Der Professor Gellert, und meine gelehrten Freundinnen, die berühmten
Frauen Leipzig's.«
»Die Zieglerin wollt Ihr einladen?« fragte die schöne Frau, und über ihr
Gesicht flog etwas wie ein Wolkenschatten. »Diese Person soll in unser Haus
kommen?« -- Und heftig zog sie die rosenfarbenen Bänder der kleinen Haube,
die oben auf der Spitze des leichtgepuderten Haars befestigt war, zusammen.
»Habt Ihr vergessen daß eben sie sich gegen Eure Frau nicht so benimmt, wie
es ihr zukäme sich gegen die Gefährtin eines Gottsched zu benehmen?«
»Seid nicht kleinlich, Victoria Adelgunde! Einer so hochberühmten Gelehrtin
muß man mancherlei Sonderlichkeiten verzeihn. Sie ist meine Freundin, --
und ich bitte Euch sie denn um _meinetwillen_ freundlich aufzunehmen. Ihr
seht ja sonst alle diese verdienstvollen Dichterinnen leider niemalen bei
Euch, und begleitet mich zu meinem Leidwesen nimmer wenn ich zu ihnen gehe
-- heute Abend müßt Ihr, nun schon Eurem Eheherrn einmal die Liebe anthun,
selbige bei Euch zu empfangen. Und nun laßt mich wieder allein, und sorgt,
daß mich ferner Niemand störe.« --
Er stand auf, küßte ihr die Hand, geleitete sie feierlich bis zur Thür, und
sie verließ ohne weiter zu reden das Zimmer. Ganz langsam und gedankenvoll
schritt sie über den Gang der Treppe zu. -- An dem Geländer blieb sie aber
plötzlich stehn, schaute hinab und murmelte dann mit dem Lächeln eines
Kindes: »da -- an der zwölften Stufe war's! -- Es ist doch gut, daß ich
den Ephraim Lessing schon kenne. Ich denke wir Beide werden heute Abend
zusammenhalten. Er sieht ganz so aus als ob er sich auch -- wie ich -- vor
gelehrten Frauen fürchten könne. -- Wie wunderbar und fremd blickten aber
seine Augen! -- Mich dünkt, ich sah nie schönere -- -- außer den Augen
meines Gottsched -- --« setzte sie lieblich hinzu und ging dann die Treppe
hinab in die Küche. --
Seit zehn Jahren war Luise Victoria Adelgunde, geborene Kulmus aus Danzig,
die Gattin des berühmten Leipziger Professors, und bis zur Stunde fühlte
sie sich nur in den vier Wänden ihres engen Hauses wohl und heimisch,
nicht aber in der Stadt und in dem Bekanntenkreise ihres Mannes. Lange Zeit
krankte sie an einem tiefen Heimweh nach ihrer alten düstern Vaterstadt,
obgleich sie, außer zahlreichen Freunden, von ihrer eigentlichen Heimath
nichts mehr dort fand als -- die Gräber ihrer Eltern. Und dies Heimweh
steigerte sich, je mehr Menschen sie sah, und von ihrem reizenden Gesicht
schwanden die Rosen und das Lächeln wich von ihren Lippen. Stundenlang saß
sie an dem Fenster ihres Wohnzimmers in der Grimmaischen Gasse und starrte
auf das finstere Thor und den seltsamen Thurm und wünschte sich Flügel,
um weit weit hinwegzuflattern aus jener Lindenstadt, die sich Klein-Paris
nannte. Die Menschen erschienen ihr so ganz anders denn daheim, so
ernsthaft und gelehrt, oder so übermäßig geschäftig und zerstreut. Und doch
hatte sie unter den Männern, die ihr hier in den Weg traten, bald mehr denn
Einen gefunden, der ihr lieb und werth geworden und dessen Reden sie gern
lauschte. Mit besonderer Innigkeit hing sie an dem freundlichen Professor
Gellert, der auch seinerseits an der bildschönen kindlichen Frau großes
Wohlgefallen bezeigte. Aber jene Frauen, die ihr Gatte seine »Freundinnen«
nannte, und mit denen er täglichen Verkehr pflegte, verleideten ihr den
ganzen Aufenthalt in Leipzig. So eindringlich Gottsched ihr solchen Umgang
als einen besonders bildenden und belehrenden bezeichnet, sie konnte sich
trotz aller Mühe, die sie sich gab, mit diesen Gestalten nicht befreunden,
ja sie empfand eine Art Grauen vor ihnen und war in ihrer Nähe einem
furchtsamen Kinde zu vergleichen. -- Vor jeder Frage die eine oder die
Andere jener Berühmtheiten an sie richtete, erschrak sie, und beantwortete
selbige wie das schüchternste Mädchen nur mit einem »ja« oder »nein.« Um
die Welt hätte sie all jene dichtenden Frauen nicht merken lassen, daß
sie selber in ihres Vaters Hause so oft und mit voller Seele Poeterei
getrieben, und bat fast auf den Knieen ihren Gatten, Keiner von ihnen
jemals zu verrathen, daß sie schon als achtzehnjährige Jungfrau eine Ode
verfaßt auf die Kaiserin Anna von Rußland, und die Schriften der Frauen
Lambert und Gomez aus dem Französischen in's Deutsche übertragen. -- Als
die hochgefeierte Zieglerin, geborene Romanus, die am 17. October des
Jahres 1733 von dem Decan der philosophischen Facultät zu Wittenberg,
dem Pfalzgrafen Johann Gottlieb Krause, »Kraft der Kaiserlichen Macht
und Gewalt und im Namen seiner Facultät« durch die Ueberreichung eines
Lorbeerkranzes und Ringes zur kaiserlichen gekrönten Poetin erhoben worden,
zum ersten Mal vor der jungen Gottschedin erschien, fühlte sich Victoria
Adelgunde sofort auf das Entschiedenste von der berühmten Dichterin
abgestoßen. Hochmüthig und kalt schaute die Leipziger Bürgermeisterstochter
auf das Danziger Doctorskind, und hielt mit scharfen grauen Augen Musterung
über die Erkorene des gefeierten Freundes Gottsched. Dann ließ sie sich
zu der Frage herab: »haben die wertheste Gottschedin auch schon Etwas
gearbeitet?« »Ja -- ich habe mir alle meine Spitzen selber geklöppelt«
stieß da die junge Frau ängstlich hervor, und mit einem siegenden
Hohnlächeln wandte sich die Zieglerin an ihre, eben zum Besuch anwesende,
Schülerin, die hübsche und anmuthige Hedwig Zäunemann aus Erfurt und sagte
laut genug, daß Jeder der im Zimmer war, es hören konnte: »mich dünkt sie
gehöre zu jenen Vögeln, deren Geschrei einstmals das Capitol errettet. Wir
müssen sie fallen lassen!« --
Ein glückseliges Lächeln hatte damals, nach diesen Worten, die Lippen
Victoria Adelgundens umspielt. Tief aufathmend murmelte sie: »O dem lieben
Gott sei's gedankt, sie läßt mich fallen!« --
Und es geschah also. Keine der gelehrten und berühmten Frauen, die
damals ihren Wohnsitz in Leipzig aufgeschlagen und in dem weltbekannten
Pleiß-Athen aus- und einflogen, verkehrte mit der Gottschedin. Sie war
erstens zu hübsch und zweitens zu »gering«, um der Ehre für würdig befunden
zu werden in jenem Kreise Aufnahme zu erlangen. Man zuckte die Achseln über
den wunderlichen Freund und hochgelehrten Mann, daß er eine so seltsame
unbegreifliche Wahl getroffen, und tadelte ihn laut und leise, daß auch
_er_ ein Mann wie alle Männer, und ein roth und weißes Lärvchen den
höchsten _innerlichen_ Schönheiten vorzuziehen gewagt. -- Man lud den
Gelehrten nach wie vor zu jenen »himmlischen« Abenden ein, wo man, bei
möglichst kärglicher irdischer Speise, mit Apollo und den neun Musen
schwelgte, _ohne_ Frau Victoria aufzufordern, an jenen Götterfesten Theil
zu nehmen, und so sehr auch Gottsched seine Gattin liebte und hoch hielt,
so schmeichelte es doch seiner Eitelkeit gar zu gewaltig, in einem Kreise
gefeierter Dichterinnen angebetet und besungen zu werden, als daß er es
vermocht sich von ihnen loszusagen, weil sie sich von der Frau seiner Wahl
lossagten. --
Es war gar zu angenehm Orakelsprüche aus eignem Munde fallen zu lassen,
und als unumschränkter Herrscher zu thronen. -- Er hatte daher nichts
einzuwenden, wenn seine Gattin sich ihr Klöppelkissen zu der Frau des
Cantor Doles tragen ließ und in der Wohnung derselben, in der Thomasschule,
plaudernd einige Stunden verweilte, oder mit dem Cantor selber Musikübungen
anstellte, ihm auf der Laute vorspielte und jene reizenden Weisen mit
wunderlieblicher Stimme dazu sang, die sie aus ihrer Vaterstadt Danzig
mitgebracht. -- Das waren heitere Abende für Victoria Adelgunde. Keine
Gewalt der Erde hätte sie vermocht ihren Gatten zu seinen »Freundinnen«
zu begleiten, so bitter es sie auch schmerzte, daß er solcher Gesellschaft
fast täglich einige Stunden opferte. Sie zog es bei Weitem vor, mit irgend
einer schlichten Bürgersfrau von den Preisen der Lebensmittel und den
schlechten Mägden und ungehorsamen Kindern zu reden, denn ein Gedicht
vorlesen zu hören von der Dichterin selber. Wenn sie ihre Uebersetzungen
aus dem Englischen, welcher Sprache sie vollkommen mächtig war, in jenen
Stunden nach Tisch unternahm, in denen Gottsched seine Mittagsruhe hielt,
so konnte ein Kind, das an einem verbotenen Leckerbissen nascht, nicht
erschreckter zusammenfahren denn Victoria Adelgunde bei dem Ton der
Hausklingel, und im Nu waren Papier, Dinte und Feder verschwunden.
Selbst von ihrem Gatten ließ sie sich nur ungern bei einer schriftlichen
Beschäftigung überraschen, und erröthete dann wie eine Siebzehnjährige
die man bei dem ersten Liebesbriefe ertappt. -- Dagegen kannte sie kein
größeres Vergnügen, als ihm bei seinen Arbeiten zu helfen, indem sie für
ihn Wörter aufschlug, kleine Auszüge machte, oder ein Manuscript in's Reine
schrieb. Wenn er sie zu solchen Hülfsleistungen in das Heiligthum seines
Studirzimmers rief, vergaß sie sogar die Küchenschürze abzulegen, und
wenn der Braten in _diesem_ Haushalt einmal anbrannte, oder der Suppe
das richtige Maß des Salzes fehlte, so trug nicht die Hausfrau, sondern
lediglich der Herr Professor Gottsched selber die Schuld daran. -- Victoria
Adelgunde hielt ihren Hausstand in musterhafter Ordnung, wie man denn
auch an ihrer eignen reizenden Person niemalen die kleinste Ungehörigkeit
wahrnahm, weder eine zerdrückte Schleife, noch eine schlecht gewaschene
Spitze, noch einen schief getretenen Schuh, oder gar lose hängendes Haar
oder einen auffallenden Putz. Man konnte zu jeglicher Zeit die Wohnung des
Professors der Logik und Metaphysik vom Boden bis zum Keller durchwandern,
und die schärfsten Basenaugen würden weder Unordnung noch Staubwolken,
aber eben so wenig irgend eine sinnlose Zierrath entdeckt haben. Dies Alles
bewunderte nun der gelehrte Mann an der Gefährtin seines Lebens gar sehr
-- auch wußte er recht wohl, wie hell ihr Geist und wie empfänglich ihre
Seele, aber es bekümmerte ihn doch im Grunde mehr denn billig, daß sie sich
sogar nichts aus seinen gelehrten Freundinnen machte, und kein einzig Mal
Verlangen zeigte zuzuhören, wie man ihn anbetete. -- Da er aber den Verkehr
mit den Musen Leipzigs nun einmal durchaus nicht entbehren zu können
glaubte, so kam es, daß mit jedem Jahre der einsamen Stunden mehrere wurden
für die schöne Frau. Einsamkeit ist aber eine gefährliche Freundin, und
frommt solcher Umgang besonders keinem Frauenherzen, und dem Wärmsten
just am Wenigsten. Da der Himmel dem Gottsched'schen Ehepaar keine Kinder
bescheerte, so war es wohl natürlich, daß allmählich allerlei Wünsche
und Gedanken aufstiegen in dem Herzen Victoria Adelgundes. -- Dann
kamen heimliche Thränen, die auf das Klöppelkissen fielen, und tausend
halberstickte Seufzer wurden in die Spitzen gewebt -- und endlich wählte
man sich gar eine Vertraute, zwar zum Glück nicht von Fleisch und Bein
aber immerhin gefährlich genug: die kleine Feder nämlich. Die schöne
Frau arbeitete in jenen einsamen Stunden plötzlich fast anstrengend. Sie
übersetzte Pope's Lockenraub, und Addision's Cato, und in eben dem Jahre,
von dem wir just reden, =Anno= 1745, beschäftigte sie sich mit einer sehr
berühmten jesuitischen Streitschrift: =la femme docteur=, die sie in sehr
zierlicher Weise in's Deutsche übertrug. -- Wer von den »gelehrten Frauen«
hätte Solches von der kleinen »albernen« Gottschedin vermuthet. -- Es
stiegen aber trotz all dieser Thätigkeit in dem Herzen der jungen Frau
doch auch hin und wieder Bedenken auf, ob sie ihrem Manne, den sie so
schwindelnd hoch über sich erblickte, nicht vielleicht in der That gar zu
einfach sei, und sann sie allen Ernstes darüber nach, was sie wohl lernen
und beginnen könne, um ihm endlich jenen verhaßten Verkehr mit
seinen »Freundinnen in Apoll« entbehrlich zu machen, und ihn bei sich
zurückzuhalten. -- Wie ein Lichtstrahl durchblitzte sie endlich ein
Gedanke. -- Die Zieglerin hatte einmal den Professor Gottsched in einer
lateinischen Ode besungen, und Solches hatte einen mächtigen Eindruck auf
den Gefeierten gemacht. Er äußerte, daß diese Arbeit das Höchste sei, was
je eine Frau geleistet, die Ode lag stets neben ihm auf dem Schreibtisch,
und er wiederholte oftmals, daß er um solcher fehlerlosen Dichtung Willen
einer Frau anhangen würde, wenn sie auch das Urbild aller Häßlichkeit
und Verschrobenheit. -- -- Victoria Adelgunde hatte es also gefunden: sie
wollte ihren Gatten in einer Ode besingen, die mindestens noch einmal so
lang als die der Zieglerin. -- Dazu fehlte ihr nur noch eine Kleinigkeit:
sie mußte erst Latein lernen, _heimlich_ lernen. -- Aber wer wollte, wer
konnte wohl ihr Lehrmeister sein? --
* * * * *
Am Abend brannten in dem Stübchen der Frau Gottschedin mehrere Kerzen,
und seine für die damaligen Zeiten prunkhafte Einrichtung zeigte sich im
vollsten Glanze. Die gestreiften Zitzbehänge der Fenster schimmerten rosig,
und das harte, aber große, und mit demselben Stoff bezogene Sopha nahm
sich gar stattlich aus. Hochlehnige, festgepolsterte Stühle standen um den
mächtigen Tisch, und eine niedere Bank war an das Spinett geschoben, das in
einem Winkel zwischen dem Fenster und der langen Wand seinen Platz gefunden
hatte. Eine Laute hing darüber, mit tief herabhängendem, blauen Bande; die
Gottschedin war eine Meisterin im Lautenspiel, aber das wußten kaum ihre
nächsten Freunde. -- Den Schmuck der Wand über dem Sopha bildeten die
kerzengeraden Conterfeys der Eltern der jungen Frau. Der königlich
polnische Leibarzt Johann Gottlieb Kulmus schaute gewaltig finster darein,
und hatte die Unterlippe mehr als nöthig vorgeschoben, während seine
Gattin, ganz Sanftmuth und Ergebung, mit einem matten Lächeln auf eine Rose
schaute, die sie zwischen den spitzen Fingern hielt. Ein Schattenriß des
Professor Gottsched, auf goldenem Grunde, war unter dem kleinen Spiegel
angebracht, ein Kranz von Immergrün schlang sich um den Rahmen. Auf der
steifbeinigen Kommode aber stand ein hohes Glas voll frischer Astern, denn
es war eben im Herbst, die Abende wurden schon lang und die Stürme rüsteten
sich zum Aufstehen. --
Die Stimme der Wanduhr verkündete schrillend die sechste Stunde. Der
Herr Professor saß neben seiner Frau in seinem besten Anzug, gestickter
Schooßweste, braunem Sonntagsrock und schwarzseidenen Kniehosen, und
versuchte ihr zuzureden, sich nicht vor den erwarteten Gästen zu fürchten,
wie man einem Kinde zuredet, wenn es sich sträubt, irgend einem bärtigen
Onkel oder einer verknöcherten Tante die Hand zu geben. Das feine Gesicht
der Gottschedin verlor auch bald genug jenen Ausdruck ängstlicher Spannung,
den es seit Mittag zur Schau getragen. Die dunkelblauen Augen wurden
wieder heiter und glänzten, und als mit dem Schlage der sechsten Stunde die
Hausklingel ertönte, denn dazumal hielt man es für eine Pflicht, pünktlich
zu sein, und der Hauswirth sich mit den Worten erhob: »wird wohl die
Zieglerin sein mit ihrem Gaste, der berühmten Dichterin Anna Barbara
Teuberin, verwitwete Knackrüggin, aus Augsburg« -- lachte sie ihm
schelmisch zu. Er aber setzte noch hinzu: »ich bitte Euch dringlich, seid
freundlich zu ihnen, Herzliebste!« -- Und die Herzliebste nickte, warf
einen Blick in den Spiegel, drückte die Rose an dem linken Ohr fester in
die gepuderten Locken, zupfte an der Spitzengarnitur am Halse und sah aus,
als ob sie sich vor keiner gelehrten Frau der Welt mehr fürchte. -- Die
Stubenthür öffnete sich auch bald darauf, und herein zwängte sich eine
rauschende Wolke von wunderlich gemustertem und verblichenem Seidenstoff,
und selbige Gestalt blieb mit allerlei Spitzen und Schleifen an der Klinke
hängen. Ein paar behandschuhte Hände von gewaltigen Formen zerrissen aber
mit Manneskraft die hemmenden Fesseln, und eine sehr große, magere Frau in
vorgerücktem Alter, mit weit entblößtem Busen und nackten Schultern, neigte
sich drei Mal mit unbeschreiblicher Feierlichkeit vor dem Professor der
Logik und Metaphysik, und reichte ihm dann die Fingerspitzen zum Handkuß.
Auf den Fersen folgte ihr eine schlichte Erscheinung, deren zerknittertes,
braunes Gesicht aus einer tief in die Stirn gehenden, gesteiften Haube
schaute, und die altmodisch geschnittene enge Kleider trug, dem Hauswirth
derb die Hände schüttelte, sich jedoch gewaltig sträubte, als er bei ihr
einen Handkuß versuchen wollte. »Es ist eine gar seltene Freude, zu Gaste
geladen zu werden in dem Hause des berühmtesten Mannes zu Leipzig,« sagte
die zuerst Eingetretene spöttisch, und verneigte sich vor der Gottschedin,
»und haben wir solche hohe Ehre und Vergünstigung wohl nur meinem Gaste und
meiner Seelengefährtin, der Anna Barbara Teuberin, verwitwete Knackrüggin,
zu danken, welche allhier vor Euch steht.«
»Und welche wohl nimmermehr solcher Ehre genösse, so nicht die
hochberühmte, gekrönte Dichterin Christiane Marianne Zieglerin, geborene
Romanus, solch armselig Augsburger Gewächslein hierher getragen,« fiel die
Teuberin ein und faltete demüthig die Hände, während sie der Hauswirthin
einen kurzen Knix machte.
Die Zieglerin lächelte wohlgefällig, machte aber dennoch eine bescheidene
Geberde der Abwehr, da flog wiederum die Thür auf und ein rundes,
lautlachendes weißgekleidetes Etwas rollte dem gelehrten Manne, unter einem
Schwall von zärtlichen Redensarten, an den Hals. Es war eine kleine üppige
Frau mit kurzgeschnittenem, dunklem Haar, ziemlich freiem Ausschnitt des
fliegenden Kleides, lustigen Augen, die ein Wenig schielten, einem hübschen
Munde und großer Zungengeläufigkeit. Ganz Leipzig kannte sie, jeder Student
grüßte sie, und die Thomasschüler blieben bei ihren Umzügen gern vor ihrem
Hause stehn, da sie wußten, daß sie jeden Vers eines Chorals mit einer
Flasche Bier zu bezahlen pflegte, und dazu auch allezeit zur Genüge frische
Semmeln beigeschafft wurden. Es war die Dichterin Anna Helena Volkmann,
geb. Wolffermann aus Leipzig. Schon im Jahre 1736 waren die Kinder
ihrer heitern Muse unter dem Titel erschienen: »Erstlinge unvollkommener
Gedichte, durch welche hohen Personen ihre Unterthänigkeit, Freunden und
Freundinnen ihre Ergebenheit, vergnügten Seelen ihre Freude und Betrübten
ihr Mitleiden erzeiget, sich selbst aber bei ihren Wirthschaftsnebenstunden
eine Gemüthsergötzung gemacht: Anna Helena Volkmannin.«
Sie erschien niemalen in ganz sauberem Anzug, auch fehlte es selten an
einigen Dintenspuren an den Händen, eben so war es schon vorgekommen, daß
sie noch mit der Feder hinter dem Ohr in eine Gesellschaft getreten,
aber ihre Bescheidenheit, Fröhlichkeit, und ihre witzige Zunge ließen
dergleichen übersehen, wenigstens war die Dichterin trotz alledem bei
Männern und Frauen beliebt. Eine sehr hübsche, jugendliche Frau wurde
von ihr dem Hauswirth und der Hauswirthin vorgestellt, sie hieß Johanna
Charlotte Unzer, geborene Ziegler aus Halle, Gattin eines ausgezeichneten
Arztes, die auf ihrer Durchreise nach Hamburg, allwo sich ihr Gatte vor
wenigen Wochen angesiedelt, einige Tage in Leipzig verweilte. Man rühmte
von den Gedichten der Unzerin, daß sie sich durch ungezwungene Munterkeit
auszeichneten, und nannte sie eine Schülerin der Volkmann. Was aber die
Gottschedin für diese liebliche Frau zur Stelle einnahm, war der Ruf einer
zärtlichen Gattin und Mutter, der ihr vorausging. Die Volkmann selbst
konnte nicht müde werden, die beiden Frauen einander gegenseitig
anzupreisen, wobei sie nicht verfehlte bald die Eine, bald die Andere
heftig zu umarmen. Dann flüsterte sie der Gottschedin zu: »setzt Euch zu
mir oder der kleinen Unzerin, und überlaßt den jungen Weiße der Zieglerin,
sie ist nämlich in ihn verliebt und er könnte doch beinahe ihr Enkel sein.
Den Lessing setzen wir dann zur Augsburgerin. Das wäre zum Todtlachen!« --
Damit schlüpfte sie fort und dem eben eintretenden Gellert entgegen, dem
sie, ehe er sich dessen versah, einen Kuß auf die Wange gedrückt. -- Dicht
hinter ihm erschienen nun auch die jungen Studenten Ephraim Lessing und
Christian Weiße. -- Letzterer war seines sanften feinen Gesichts und seiner
anmuthigen Manieren wegen von den Frauen sehr gern gesehen. Den Andern
kannten nur Wenige, und diese Wenigen fanden seinen Blick zu stolz, sein
Haar zu fliegend, seinen Gang zu kühn, seinen Anzug zu nachlässig, und
insbesondere seine Redeweise, für einen jungen Studenten der Theologie,
viel zu keck und frei. Während Christian Weiße nun Reihe um die Hände
küßte, und Lessing hinter den Stuhl der Hauswirthin trat, huschte die
Volkmann an ihn heran, zupfte ihn am Ohr und flüsterte ihm die Frage zu,
wie ihm die Gottschedin gefalle. Ein flüchtiges Erröthen war die einzige
Antwort des jungen Mannes, was ihm ein helles Gelächter der boshaften
Dichterin eintrug. Als sie aber sich von ihm wandte, nahm er, nachdem er
einige Worte mit dem Hausherrn gewechselt und alle Anwesenden mit einer
stummen Verneigung begrüßt, hinter dem Stuhl der kleine Doctorsfrau aus
Halle Platz, allwo er den ganzen Abend hindurch verblieb. -- Warum hätte
er ihn auch verlassen sollen? -- Das reizende Bild, dessen Anblick er von
seinem versteckten Sitze aus so ungestört genießen durfte, würde ihm ja
dann entzogen worden sein, und welch reichen Stoff zum Denken und Träumen
gab eben dies Bildchen, ein Frauenköpfchen auf dunklem Grunde. Von dem
tiefbraunen Grunde eines Rockes, den der hochberühmte Professor der
Dichtkunst, Logik und Moral, Christian Fürchtegott Gellert, trug, hob sich
nämlich ein feines Frauenprofil ab. Die Linien waren so edel und rein, daß
sich die Augen des jungen Studenten der Theologie nicht satt daran sehen
konnten. Und zuweilen regte und bewegte sich dies Bild ein klein Wenig,
das Profil verschob sich und zeigte das holdseligste Antlitz mehr als zur
Hälfte, der köstlich geschnittene Mund lächelte, ein Grübchen in der Wange
erschien, und die Wimpern des zweiten Auges tauchten auf. Und es kamen auch
Momente, wo sich der kleine Kopf Victoria Adelgundens ganz zu ihm wandte
und zwei dunkelblaue Augen ihn anschauten, halb fragend, halb schüchtern
freundlich grüßend. --
Der Kreis hatte sich endlich unter lebhaftem Hin- und Widerreden geordnet,
und der Professor Gottsched zwischen der Zieglerin und der Knackrüggin
einen etwas engen Sophaplatz gefunden. Neben der Dichterin aus Augsburg saß
der junge Weiße, dann folgte die Volkmann mit dem Professor Gellert, die
Gottschedin mit der Unzerin, und der junge Lessing machte den Schluß. --
Man schlürfte eine Schaale dünner Chokolade, aß allerlei Backwerk dazu
und schickte sich allmählich an zuzuhören. -- Ja, aber wem zuerst? -- Die
Zieglerin sprach nämlich laut und vernehmlich den Wunsch aus, zuvor einige
_ihrer_ eignen neuesten Dichtungen vortragen zu dürfen, ehe die jungen
Studenten ihre Schauspiele dem Richterspruch des »edlen Kreises« zu
unterwerfen begannen, und setzte mit sauersüßem Lächeln hinzu, daß sie
hoffe, ihre geliebten Schwestern in Apoll würden nachher desgleichen
thun. »Wir wissen gar wohl, wir armen Frauenzimmer,« sagte sie mit einem
wohlstudirten Augenniederschlag und tiefem Seufzer, »daß wir nicht mehr
bestehen können, so ein _Mann_ vorher seine Werke zu Gehör gebracht. Die
Schöpfungen der Herren der Welt gleichen ja den Palmen, dieweil wir
nur armselige Gänseblümlein bringen. Ist's nicht so, meine theuren
Freundinnen?«
Die Knackrüggin senkte zustimmend das Haupt, die hübsche Doctorsfrau
lächelte verstohlen die Hauswirthin an, die Volkmann aber rief: »ich will
Nichts wissen von Gänseblümchen, und habe auch, so ich mich erinnere, im
Garten der Poesie niemalen welche gepflückt! Die Unzerin und ich suchten
nur allezeit nach Veilchen!«
Einen vernichtenden Blick warf die gekrönte Dichterin auf die schalkhafte
Sprecherin, dann sagte sie, zu Gottsched gewandt: »Hochverehrter Freund,
sintemalen doch Bescheidenheit die höchste Zier des Weibes, mögen denn
meine armen Geisteskindlein diesen Reigen eröffnen, damit -- --«
»Das _Beste_ gebührend zuletzt komme, meint Ihr sicher, liebste Zieglerin?«
unterbrach hier lachend die Volkmann.
Die berühmte Frau fuhr auf, aber der Professor der Logik und Metaphysik
zog sie mit einer ängstlichen Geberde auf ihren Sitz zurück und flüsterte:
»bleibt würdevoll und ruhig, liebwertheste Freundin. Sie liebt es nun
einmal, Jedweden weidlich zu necken, und weiß doch so gut als ich, daß Ihr
die berühmteste Frau der Lindenstadt seid und bleibt.« -- Die Gottschedin
legte erschrocken ihre Hand auf den Arm Gellerts, der aber lächelte und
sagte ruhig: »Ihr müßt Euch an dergleichen gewöhnen, schönste Frau, sie
sind nun einmal Alle so unter einander und mit einander. Sie fahren sich
aber dabei doch nimmer wirklich in die Haare und nennen sich trotz alledem
gute Freunde.«
Und die Zieglerin zog geräuschvoll eine dicke Rolle beschriebener Blätter
aus der Tiefe ihrer Kleidertasche und las, ohne viel zu wählen, mit
erhobener Stimme, wie folgt:
»Auf ein paar schöne Augen.«
»Hört zu, Christian Weiße!« schaltete noch die Volkmann schnell ein.
»So oft ein Künstler euch zu schildern ist bemüht,
So trifft er euch doch nicht, wie man gar öfter sieht;
Doch ist nicht seiner Faust der Fehler beizumessen,
Wenn er die Aehnlichkeit von euch dabei vergessen.
Und lebt' Apelles noch, so könnt' es nicht geschehn,
Denn Adler können nur blos in die Sonne sehn.
Der Strahl, der in euch sitzt, steht gar nicht abzureißen,
Der Maler müßte denn ein Halbgott wirklich heißen.«
»Wessen Augen habt Ihr dabei im Sinne gehabt, theuerste Zieglerin?« fragte
die Volkmann sehr freundlich.
»Welche anders als die _Euren_, geliebte Freundin!« lautete die höhnische
Antwort.
»Ich danke Euch, und werde dagegen zum Beweis meiner Erkenntlichkeit Eure
Rosenwangen und Perlenzähne besingen.«
»Habt Ihr noch ein so fürtreffliches Gedicht für unsere verzückten Ohren?«
fragte da Gottsched rasch, denn die fast zahnlose Dichterin erglühte unter
ihrer Schminke vor Wuth. Wie ein Balsamtropfen fielen aber diese Worte
in die Wogen ihres Zorns, und sie las und las die verschiedensten ihrer
größern und kleinern Dichtungen hastig und bunt durcheinander, wie z. B.
»Das Bild eines wahren Christen,« und gleich darauf »die Unterkehle
Celindens,« und die »höhnische Lisette« wobei sie während der
Schlußstrophe:
»es läßt aus Furcht sich Niemand mit ihr ein,
Lisette ist fürwahr ein schädlich Stachelschwein,«
einen bedeutsamen Blick auf ihre Lieblingsschwester in Apoll zu werfen
nicht ermangelte, den die Volkmann jedoch mit dem zärtlichsten Nicken
erwiderte. Auch die »Grabschrift eines Verliebten« trug die Unermüdliche
vor, welche folgendermaßen lautete:
»Die Gluth verzehrte mir das Mark in den Gebeinen,
Und diese machet auch die Gruft zu Feuersteinen.
Ihr Tobaksbrüder kommt und tretet noch heran,
Zieht Stahl und Schwamm hervor und schlagt euch Feuer an.«
Als hierauf Gellert doch leise an die verrinnende Zeit zu mahnen wagte, las
die berühmte Frau noch schnell ein Lied auf die »garstige Lorette«, einige
»zufällige Gedanken über einen Mopsen«, ein geistlich Lied, und schloß dann
mit den Strophen:
»Bin ich der Arbeit überdrüssig,
Die man von Damen fordern kann,
So kommt mir, weil ich nicht kann müssig
Wie Viele gehn, das Dichten an.
Da greif' ich schnell zu meiner Feder,
Ob selb'ge gleich nur, wie ihr wißt,
Von schlechtem Gänserumpf und Leder
Und nicht vom Schwan geborget ist.«
»Herrlich!« rief die Volkmann, klatschte in die Hände und sprang auf,
um die Zieglerin zu umarmen, »man könnte euch allein schon lieben um
der wunderbaren treffenden Wahrhaftigkeit willen in Euren meisterlichen
Gedichten, Höchstverehrte! Aber nach Euch wage ich nicht in meine Leier
zu greifen! Aber ich habe einige Kleinigkeiten unserer Freundin _Hedwig
Zäunemann_ aus Erfurt mitgebracht, die, wie Ihr Alle wohl vernommen, vor
vier Jahren, bei Arnstadt von einem Brückenstege fallend, eines kläglichen
Wassertodes gestorben. Sie hat mir noch wenig Tage vor ihrem unerwarteten
Sterben damals ein anmuthig Verslein über unsere Stadt Leipzig eingesandt,
allwo sie so oft glückliche Tage verlebt, und das folgendermaßen lautet:
»Was man vordem in Rom, Athen und Tyro fand,
Was diese wünscheten, wonach Karthago stand,
Das läßt die Lindenstadt, das schöne Leipzig sehn,
Welch Pinsel, welcher Kiel kann dessen Ruhm erhöhn?«
Ein ander Gedichtlein von ihr greift die Männer an, meine Freunde, und
liest sich auch recht gut. Hört nur!
»Ihr Männer, bildet euch nicht ein,
Als ob Vernunft, Verstand, Gelehrsamkeit und aufgeklärter Sinn
Sollt' Euer Eigenthum und Erbrecht sein.
Nein wahrlich, der das Firmament gesetzt,
Der hat das Weibervolk nicht minder hoch geschätzt,
Und ihnen auch Verstand und Witz verlieh'n.
Es soll wie Ihr des hohen Geistes Gaben
Auch im Besitze haben.
Drum muß _ihr_ Lorbeerzweig so wie der Eure blühn,
Zürnt, tobet, lästert, neidet immerhin,
Ihr werd't es doch nicht hindern können,
Ihr sollt und müßt denselben doch die Ehre gönnen,
Drum bildet Euch, Ihr Männer, ja Nichts ein!«
* * * * *
Ein heiteres Wortgespräch entspann sich nach diesem Madrigal, worin sich
insbesondere Gottsched selber und die Volkmann hervorthaten. Aber die
Zieglerin gönnte ihrer freundlichen Feindin nicht lange das Vergnügen die
Gesellschaft durch ihren Witz zu belustigen, und unterbrach die Debatte mit
der dringenden Bitte: die theuerste Teuberin, verwitwete Knackrüggin, möge
der Versammlung nun auch einige Proben ihrer herrlichen Kunst ablegen. Die
würdige Matrone ließ sich auch nicht allzulange bitten, obgleich sie zuerst
behauptete, Nichts bei sich zu haben. Der geschwollene Arbeitsbeutel aber
bewies genugsam, daß sie auf den Fall, die »lieben Freunde zu erlustiren
mit den Spielen ihres schwachen Geistes« vorbereitet war, und selbiger
wurde denn auch mit manchem Scherzwort ausgeleert. Es kamen da allerlei
unschuldige Betrachtungen hervor, wie zum Beispiel: »Gedanken bei des
Sohnes erster Predigt,« »beim Gesindemiethen,« »beim Aderlassen,« »bei der
Wäsche,« »Gedichte auf einen Donnerschlag,« »auf den Tod meines Gatten,«
»auf die Tugend der Weiber,« mit welchem Verse sie auch endlich ihre
gewaltig lange Vorlesung zu allgemeiner Zufriedenheit, folgendermaßen
beschloß:
»Ein Weib, das reinlich ist und jeden Unflath hasset,
Ein Weib, das sparsam ist und niemals Geld verprasset,
Ein Weib, das fleißig bleibt, die Kinder wohl regieret,
Ein Weib, das ihr Gesind' mit Lust zur Arbeit führet,
Ein Weib, das freundlich ist, lacht leise, redet wenig,
Ein Weib, dem Mann getreu, doch mehr dem Himmelskönig,
Ein Weib, das Gott, den Mann und ihre Kinder liebt,
Verdient ein größ'res Lob, als hier die Feder giebt.«
Es war spät geworden unter all diesem Lesen und Reden, und Christian Felix
Weiße mußte nun sein Schauspiel: »Die Matrone zu Ephesus« ziemlich rasch
lesen, was indessen nicht dazu beitrug das Stück sonderlich zu heben. Dabei
hatte sich die Zieglerin obendrein dicht neben ihn gesetzt und schaute mit
in das Manuscript. Gar häufig unterbrach sie den Lesenden durch allerlei
Ausrufungen und Bemerkungen. Trotzdem sprachen sich Alle zu Gunsten des
Stückes aus, als Weiße endlich zum Schluß gelangt war, und tief aufathmend,
mit glühenden Wangen, sein Manuscript zusammenrollte. Die gekrönte Poetin
aber nahm es ihm ab, las einzelne Stellen mit lauter pathetischer Stimme
noch einmal, strich dann mit einem gewaltigen Bleistift, den sie allezeit
bei sich führte, einige Worte, auch wohl ganze Sätze, schob dafür andere
ein, und äußerte endlich mit vornehmer Herablassung, daß sie selbst sich
bei der Neuberin verwenden werde: das Stück solle und müsse aufgeführt
werden. »Mein herrlicher Freund und Gönner Gottsched steht jetzund mit dem
anmaßenden Weibe nicht sonderlich, sonst würde ich nicht von meiner armen
Fürsprache geredet haben,« sagte sie, »die Theaterdirectorin hat sich, wie
Jedermann weiß, allzu frech benommen gegen den berühmtesten Mann Leipzigs.
Sie wagte es, einem »Cato« Gesetze vorzuschreiben über den Bau und Inhalt
der aufzuführenden Stücke, und sogar schnöde Verspottung mußte unser
Gefeierter von ihr erleben -- --«
»Reden wir nicht davon,« unterbrach sie der Professor der Logik und
Metaphysik mit einem Ausdruck von Verlegenheit und Aerger; »ich liebe das
nicht!«
Während der letzten Verhandlungen und Besprechungen hatte die schöne
Hauswirthin öfters gedankenvoll zu dem jungen Lessing hinübergeblickt, und
zwei blaue und zwei dunkle Augen begegneten sich in mancher stummen
Frage. Je länger und öfter Victoria Adelgunde das Gesicht des Studenten
betrachtete, der nun seine Schöpfung diesem wunderlichen Kreise enthüllen
sollte, je anziehender erschien ihr dasselbe. Es war ihr zu Muth, als sie
diese klare, herrliche Stirn, ein Eiland des Friedens und der Wahrheit,
betrachtete, als könne und dürfe sie sich dorthin flüchten mit ihren Augen
und Gedanken aus diesem, für sie so unerquicklichen, Gewirr und Geschwätz.
-- Ihr eigner Gatte kam ihr so fremd und verwandelt vor in dieser Umgebung,
und vor den Frauen empfand sie mehr als Furcht, die heftigste Abneigung.
Nur zu der kleinen bescheidenen Doctorsfrau fühlte sie sich hingezogen. --
Der Gedanke aber, der junge Lessing solle _hier_ in diesem Kreise lesen,
wurde ihr plötzlich unerträglich, und die Vorstellung, die Zieglerin
werde auch _sein_ Manuscript, wie das des jungen Weiße, mit jenem dicken
Bleistift bearbeiten, trieb ihr das Blut in die Wangen. Je länger sie
darüber nachsann, je unmöglicher erschien es ihr, daß er seine Dichtung
_dieser_ Kritik unterwerfe. Ein seltsames Angstgefühl kam über sie, wenn
sie sich seine weiche Stimme dachte, -- die sie zwar nur einmal vernommen
deren Ton sie aber nicht vergessen, -- wie sie untertauchte in dem
Geschwirr dieser scharfen Frauenstimmen. Sie hörte schon im Geiste wie
sie über ihn herfielen, schon an dem Titel seines Werkes mäkelten, in jede
Scene witzelnd oder tadelnd hineinredeten, um ihn am Ende zu zwingen sich
unter den Schutz der Zieglerin zu stellen, die dann bei der Neuberin für
ihn zu betteln versprechen würde. -- Das sollte, das durfte aber nimmermehr
geschehn! -- Ein wunderlicher Entschluß stand in ihrer Seele auf. Sie
wollte verhindern daß er las, selbst auf die Gefahr hin daß er sie für eine
alberne, launenhafte Frau hielt. Um jeden Preis wollte und mußte sie ihm
zahllose Kränkungen und Nadelstiche ersparen. Aber alle diese Gedanken,
Empfindungen und Vorsätze erregten sie fast fieberisch, und die Farbe
wechselte so jäh auf ihren Wangen daß Gottsched plötzlich in besorgtem Tone
fragte: ob sie sich unpaß befinde. Mit einem schwachen Lächeln schüttelte
sie den Kopf, und beruhigt wandte sich nun der berühmte Gelehrte zu dem
Studenten Lessing und sagte: »so mögt Ihr lesen, junger Freund!«
Da aber erhob sich plötzlich die sonst so schüchterne Hauswirthin und
antwortete statt des Angeredeten mit fester Stimme: »Ich bitte, daß Herr
Lessing _nicht_ lese, -- -- mein Kopf thut mir sehr weh, und der Abendimbiß
verdirbt, da es schon gewaltig spät geworden.« -- Eine glühende Purpurröthe
folgte dieser ersten Lüge, die diese Lippen ausgesprochen. Man blickte
einander theils verwundert, theils spöttisch an. Wie konnte man an solche
Dinge denken, und gar von ihnen reden bei solchen Genüssen?! Wieder ein
Beweis, wie erbarmungswürdig tief doch die Gottschedin stand. -- Die Unzer
und Gellert allein fanden einige Worte des Mitleidens, dann aber schlossen
auch sie sich den Andern an, die näher zusammenrückend sich wiederum in ein
Gespräch über die »Matrone von Ephesus« vertieften. Ephraim Lessing hatte
sich während dessen langsam erhoben und trat jetzt zu der jungen Frau.
Seine Stirn war lebhaft geröthet, eine feine Ader trat in der Mitten
hervor, die Augen blickten finster, und um die vollen Lippen zuckte
Schmerz. Das leicht gepuderte Haar mit einer heftigen Handbewegung zurück
aus den Schläfen streichend, sagte er stolz: »Erlaubt, daß ich nach Hause
gehe -- da mein Bleiben allhier nunmehr seinen Zweck verloren.«
»Geht, wenn Ihr durchaus wollt,« antwortete die leise süße Stimme der
Gottschedin, »ich mag Euch nicht zumuthen länger unter Fremden zu weilen.
Aber Euer Stück müßt Ihr mir zur Aufbewahrung überlassen bis morgen
Abend, wo Ihr vielleicht ein Stündchen Zeit finden werdet, es einer armen
unwissenden Frau, die Euch keine Bleistiftzeichen auf die Blätter zu
kritzeln versteht -- sonder Störung vorzulesen. --«
Sie sah ihn ernst und doch voll milder Freundlichkeit an, als sie diese
Worte sprach, und es flog plötzlich wie ein Lichtstrahl in seine Seele. --
Sein Zorn war verflogen. -- Er begriff und verstand wie gut sie es mit ihm
gemeint, und sein Herz schwoll ihm vor Dank und Freude. --
»Nicht Morgen allein, sondern allezeit bis an mein Lebensende werde ich zu
Euren Diensten sein, Gütigste der Frauen« sagte er fast leidenschaftlich --
reichte ihr das Manuscript hin, küßte ihre Hand und flüsterte: »aber gehen
werde ich doch -- und jetzt erst recht!« verneigte sich stolz vor dem
kleinen Kreise, wechselte noch einige flüchtige Worte mit Gottsched und
ging. --
* * * * *
An jenem Abend, der mit einem frugalen Nachtmahl schloß, athmete die
Gottschedin erst erleichtert auf, als der letzte Gast das Zimmer verlassen.
Dann fiel sie ihrem Manne um den Hals und rief: »Thut mit mir was Ihr
wollt, herzliebster Ehegemahl, Ihr dürft es ja auch, denn Euch ist die
Macht gegeben über meinen Leib wie über meine Seele, -- aber versucht nur
nimmermehr eine Zieglerin aus mir zu machen!« -- --
Als am andern Morgen, -- an demselben Abend wagte sie's doch nicht
recht, -- Victoria Adelgunde ihrem Gatten ihre kleine List in Betreff des
Studenten Lessing beichtete und ihn bat, mit ihr zu Gericht zu sitzen
über das Werk ihres Schützlings, lachte der Professor, streichelte ihr die
Wangen und sagte: »Ihr seid allzu mitleidig mit dergleichen Burschen, und
werdet keinen Dank davon haben. Das Stück mag er Euch getrost _allein_
vorlesen, -- ich habe es bereits durchgeblättert und dann -- -- dünkt mich,
wolle sich's nicht recht schicken, wenn ein Professor als Zuhörer vor einem
Studiosen sitze. --«
* * * * *
Am nächsten Abend sah es behaglicher aus in der Wohnstube der Gottschedin
als am verflossenen. Es brannte zwar nur eine einfache Kerze, und auf dem
Tische war kein Damasttuch ausgebreitet, sondern das Klöppelkissen
lag darauf und davor saß eine heiter blickende Frau im Hauskleide, das
gepuderte Köpfchen über die zierliche Arbeit der schlanken Finger geneigt.
Gegenüber aber hatte der Student Ephraim Lessing Platz genommen, und las
sein Schauspiel: Der junge Gelehrte. --