angekommen. Zu unserm Glück war der vielbeweinte Statthalter Maschemuch
_gestorben_, was auch im Morgenlande, ja im Gelobten Lande, in Jerusalem,
Bethlehem, und darum von jeher nirgend etwas Unerhörtes gewesen, noch jetzt
sein soll! Ich habe den Leichenzug mit den vielen heulenden, weinenden
Weibern gehört und gesehen, und seinen Sohn gesehen, dem als Sohn, wie
jedem Sohne, des Vaters Harem heilig ist, ausgenommen dem Absalon damals
auf dem Dache des Palastes David. Durch Vermittelung seines aufgesuchten
und gefundenen, und wohlbeschenkten und bestochenen schwarzen
Haremswächters konnte ich meine _ausgemerzte_ Schwester desto eher für ihr
doppeltes Kaufgeld, und ohne die leichte Gaiette opfern zu müssen,
wiederkaufen, besonders da meine arme Schwester die ganze Zeit bei seinem
Vater vor Traurigkeit, Kummer und Schmerz über ihren verlorenen, soi-disant
ermordeten Gatten zum Schatten geworden, krank gelegen, und elend, blaß und
mager ihm keinen Blick, kein Schnupftuch abgewonnen. Sie ward mir in meine
Wohnung getreulich zurückgeführt, ja »mit Bürgschaft«, die mich doch
erfreute, sodaß ich dem schwarzen Gebieter dafür einen Ring zu meinem
Andenken verehrte. Das Wiedersehen mit meiner erlösten Isidore war
herzentzückend und seelezerreißend. Sie lag ohnmächtig in meinen Armen und
doch wankend zum Umfallen, und die schwarzen Hände des Mohren hielten sie
mir mitleidig.
Während dieser Verhandlung habe ich mit meinen Augen die schönen
französischen Knaben und Mädchen überall in der Stadt und auf den Märkten
zum Verkauf ausstehen sehen, die der christliche Seeräuber _Ferreus_ in den
fünf großen Schiffen von Marseille glücklich geraubt und davongebracht. Und
ich habe mir einen, einen jungen vornehmen Knaben aus Avignon, eines
Geistlichen Sohn, für deren Mutter im Hause er die _darauf gelegte
Haushälterinsteuer_ bezahlt, zu Zeugen meiner Aussage daheim losgekauft,
und einen schwarzen Knaben dazu, als sachverständigen Fütterer und Führer
meiner Kameele. Die andern, hier und in Bugia unverkauften, prächtigen und
noch beherzten lustigen Knaben -- die vor Uebermenge bis zum Preise eines
fetten Schöpfes gefallen waren -- sind für den Khalifen von Bagdad an
Wiederverkäufer an den Küsten von Kleinasien _ausgeladen_ worden.
Ach, aber nun kommt das Gefährliche! das auch mir Entsetzliche! Ich hatte
meinem Diener und dem Mohrensklaven -- den ich schändlicherweise gekauft,
aber keinen Aeltern entführte -- den Auftrag gegeben, uns Alle zur Fahrt
nach dem Abendlande, nach Genua, auf dem nächsten dahin abgehenden Schiffe
einzukaufen, ohne zu handeln; denn es griff hier nach uns Allen. Meine
Schwester sehnte sich, jetzt vor Hoffnung weinend, nach Vater und Mutter,
nach der Heimat am schönen Genfersee! Die Diener hatten das besorgt. -- Wir
steigen zu Abend ein. Die Frauen verbergen sich unten. -- Früh gehe ich auf
dem Verdeck umher, um von der wundervollen, unvergleichlichen gelben und
grünen Morgenröthe und von der Sonne Aegyptens, der alten Jungfer mit ihrer
Lampe, und Sklavin des Landes, Abschied zu nehmen -- _wer_ steht da, hinaus
nach Abend gewandt? -- _der Goldlockenkopf!_ meiner Schwester angeblich
ermordeter Mann! Und _wer_ ist der Herr des Schiffes? Wie mir der
fränkische Knabe ins Ohr zischelt: dort der Mann am Steuerruder, _das ist
der Ferreus!_ . . . Wollen wir über Bord springen? oder soll ich ihm, wenn
er sich über Bord lehnt, die Füße aufheben und ihn ins Meer stürzen?
Ich faßte mich und war gefaßt auf ein Aeußerstes; denn meine Schwester, die
er elend gemacht und die ihn, als angeblich Beklagenswerthen, noch liebte,
sie saß in Frieden unten. Die Lage war selten und schändlich, wie je eine
von Menschen auf Erden.
Wie ich und der Goldlockenkopf gegeneinander gehend auf uns treffen,
bleiben wir Beide wie angewurzelt voreinander stehen. Er legt die Hand an
sein Messer im Gürtel. Ich, ich hatte mir gelobt, ihm den Kopf abzuhauen,
und sei's am Altare! . . . Aber ich legte ihm meine Hand auf die Schulter;
denn er sah erbarmenswerth blaß und krank aus, weil er _es war_, und seine
Augen ruhten gelassen auf mir, _so_, als _wenn Ich und Er Beide keine
Menschen mehr wären._ O Mitleid! o Unglück! Aber gar erst du, du Mitleid
der Unglücklichen mit den Unglücklichen! -- Er fürchtete seinen Verrath
durch mich nicht mehr.
So weit hatte Savern mir erzählt, als im Nebenzimmer der Frauen ein
entsetzlicher Gall _geschah_. Denn wirklich, es war eine Herzensthat. Wir
eilen herum. -- Da hat meine Schwester die kleine Kiste aufgemacht, den vom
Rumpfe gehauenen Lockenkopf ihres geliebten Mannes gesehen, an den Locken
herausgerissen, und hält ihn hoch, wie allen Heiligen hin. Sie zittert und
bebt, ihre Zähne klappern. Und ich springe sie zu umfassen, zu halten.
Endlich lange athmend fragt sie: Wer hat das gethan?
Und ich sage ihr, wie man solche Worte nur sagen kann: Ich, ich hab' es
gethan! Ich, für dich! Höre und begreife: Du hast deinen armen Mann
beweint, edel! Nun beweine dafür deinen Räuber, deinen Verkäufer, und du
bist nebenbei blos die Dritte oder Vierte! Das stärke dich! Wenn nicht
heute, doch morgen, oder zu Jahre -- wenn der Verstand und der Haß die
Liebe besiegt hat. Oder, sollte dein Bruder dich nicht nach Hause holen, da
er wußte: du seist, für ein liebendes treues Weib, in der Hölle eines
Harems?
Sie faltete die Hände und sank zu Boden, und Gaiette biß die Zähne zusammen
und stand ihr bei mit schamvoll geschlossenen Augen, aber ihre Wangen
glühten, sie küßte Savern die Hände und aller Uebermuth war ihr verstoben.
Aber um auf das _Schiff_ zurückzukehren, erzählte Savern weiter: Der
Goldlockenkopf mußte zu Bett gebracht werden, denn er bekam _die Blattern_
und lag von seiner -- Frau nur durch eine Bretwand geschieden, die seine
gestöhnten Worte sogar hörte, aber nicht verstand. Er lag auf Bunden mit
Straußfedern und Säcken voll Datteln, womit das Schiff beladen war.
Vor seinem Tod -- denn auf den Kauffahrteischiffen sind nur die alten
Matrosen die verwegensten Doctoren, die mit den unsinnigsten Mitteln
curiren, die sie meist bedauern -- nicht zu haben, -- ließ mich der
Sterbende holen, sah mich weichmüthig an, übergab mir einen Beutel voll
Gold und bat mich, ja, er befahl mir, den Schatz seinen armen, fast
verhungernden Aeltern in Konstantinopel zu schicken, deren Wohnung, Namen
und hohen Stand er mir nannte. Ihnen zu Liebe habe er alles ihm Mögliche
gethan, wie blind und herzlos gegen die ganze Welt. Er segnete mich mit den
erschrecklichen herzdurchdringenden Worten: _Behüte Euch Gott Euer
Vaterland_ -- das mir und uns die Römlinge genommen -- denn ein Mensch ohne
Vaterland ist wie welt-vogelfrei _und zu allen Thaten fähig. Das merkt_ und
sagt überall. Ihr habt es erfahren, und beruhigt damit meine Frau -- Eure
Schwester, die Schweizerin, ja! Da wird sie mich redlich beweinen, wie
zuvor ihren -- ermordeten Mann. Ich habe Euch Alles gestanden -- nun ist
mir wohl. Viel seien Eurer Jahre ([Greek: polla ta etiasas]) und griff sich
dabei in der Todesangst in seine viel tausend Haare.
Also, was war das Leid Alles gewesen? -- Kindesliebe! Kindesliebe! also
gewiß zu _guten_ Aeltern. Welch ein Blick in die Welt und die Herzen aller
Menschen! Ich lächelte mild zum Weltgericht. Als er gestorben war, und bald
darauf schon im bloßen Hemd auf sein Leichenbret gebunden lag, um ins Meer
für die Fische begraben zu werden, und auf seiner prächtigen Brust die
darein gestochene und mit blau und rother Farbe eingeriebene _Panagia_
erschien, und der Wind seine Locken hob, fiel mir mein Schwur ein, ihm das
Haupt abzuhauen -- aber der Schwur erlosch in Wehmuth. Aber Porcus gab mir
ein Beil in die Hand und rieth mir: nehmt Euch ein Andenken mit! _und ich
nahm mir das Andenken!_ . . . Es geschah ganz kurz vorher, ehe Porcus
angebliche Erde aus dem Gelobten Lande -- auf der Ziegeninsel, der Capraja
-- für den großen Campo santo in Pisa betrüglich einladen ließ. Aber »_der
gemachte Mann_« sagte: Ihre Todten werden schon gut daraus aufgehen; sie
streuen die Erde schon gläubig auf Brot und essen sie zu Buße.
So ward denn der ältern- und vaterlandsliebende Goldlockenkopf_leib_
versenkt, den einzusegnen kein Geistlicher vorhanden war, und so erlaubte
sich der alles für Scherz haltende Porcus mit einigen Seemannsflüchen ihn
einzusegnen zu seiner Ruhe.
Die rührende Folge der Hauptserfindung aber war, daß Savern und seine
Schwester noch Schmuck und Gold reichlich zulegten zu dem von Raimund noch
strotzendvoll gefüllten Beutel, und ihn dem Hauswirth übergaben, um ihn
durch ein sicheres genuesisches Haus an die Erben des Erblassers in
Konstantinopel zu übermachen.
Savern hatte in Pisa, das viele hundert Kameele züchtete, sich sechs
gekauft zur Landreise nach Genua. Diese theilten sie jetzt. Die Geschwister
zogen mit dem Franzosenknaben nach Genf; Raimund und Gaiette aber nach
Hause, Sie freute sich, als armes christliches Dienstmädchen geschieden,
nun als Türkin auf einem läutenden Kameele, von einem Mohrenknaben geführt,
in dem lieben Köln, unter dem Schleier lachend und weinend, doch seelenfroh
einzuziehen -- und jetzt sogleich . . . dann den ganzen Winter und Zeit
ihres Lebens vollauf zu erzählen zu haben.
Siebzehntes Capitel. Heirathen.
Zuletzt verlieren alle Menschen Alles,
Und mit dem Balle fängt das Kind schon an,
Mit seinem Flachshaar und den ersten Zähnen.
Und grause Fragen kannst du dann an Arme
Und Reiche, Hohe, Groß' und Kleine thun,
Da an den Feldherrn, den geschlag'nen, sprich:
»Wo hast du denn dein Heer?« . . . und an das Weib:
»Wo hast du deinen Mann?« . . . und an die Tochter:
»Wo hast du, ach, dein Kind?« -- Und also kannst du
Jedweden schwer nach Etwas fragen; denn _die Welt_
Verschonet Keinen mit der Wahrheit. Keinen
Verläßt sie aber auch mit Trost und Hülfe,
Soweit ihm noch zu helfen ist; und sicher
Zu Thränen doch, zu Duldung und -- zum Grabe.
Und endlich hat kaum Einiges die Ehre,
Ein Märchen für den Winterherd zu werden,
Woran _die ganze Welt_ mit Bär und Hund,
Wolf, Esel, Mönch, Hirt, Königekind und König
Dem klaren Zauberaug' der frohen Kinder
Als bunte Seifenblase nur erscheint.
Dem größern Menschen wächst die Welt stets -- _kleiner!_
Der Ritter Savern war mit seiner Schwester _Isidore_ an einem und demselben
Tage aus Vivaldi's Palast nach der Schweiz geschieden, und _Raimund_ mit
_Gaiette_ nach dem Niederrhein. Savern hatte den französischen Edelknaben
. . . Raimund den Mohrenknaben mitgenommen; Isidore den Goldlockenkopf, den
ihr ein Speciale nach der Kunst einbalsamirt; Gaiette war gegangen und
hatte noch einmal zum ewigen Andenken in den Wagen des Nikolas gerochen,
der noch ganz nach Melonen roch, und hatte sehr hineingeweint um ihre
Irmengard. Auch der stolzbegeisterte Nikolas that ihr leid, der durch immer
ihm ausgesuchte Kost und frische Luft liebenswürdig gediehen. Es war ihr
unbegreiflich, wo Beide geblieben? Ob eins das andere Krankgewordene in
einer einsamen Hütte pflege? Ob sie vorausgeeilt? Ob sich vielleicht Beide
vor Schande und Unglück das Leben genommen? Also vor Verstande! Warum
Savern nicht gewarnt, ja sich nicht in des Porcus Schiffe ein- und verladen
zu lassen? Nur waren sie auf einem andern, weitern Wege gekommen, als die
Kreuzfahrer gezogen. Daß Raimund von der Hitze immer mehr bedrückt, fast
keines vernünftigen Gedankens, kaum einer folgerechten Sorge mehr fällig
war -- das war nicht mehr zu leugnen. Denn _einen_ Augenblick scheint jeder
Wahnsinnige sogar verständig. Und dies ward alle Tage schlimmer mit ihm,
und sie seufzte: _Ach, was muß sich der Mensch doch Alles gefallen lassen!
selbst närrisch zu werden! . . . oder der Narr wieder klug_ . . . wie
unsere Kinder, und ich selbst! -- Sie betrieb die Heimreise ängstlich für
ihn.
Durch die brave Lombardei, wo die Meisten in ihrem Sinn und ihrem Herzen
verhüllte Katharer waren, ließ man den Zug mit den Kameelen ruhig
schweigend, aber mitleidig vorüber; denn von ihnen war nicht ein einziges
Kind mitgezogen, und die Kinder standen gesund und blühend, nur neugierig
am Wege. Anders ward es schon in der Schweiz, von Zug, Zürich und Basel an;
denn hier bemerkten sie, daß sich die Aeltern mehr um den Himmel als um
ihre Kinder kümmerten. Und so ward es immer schlimmer in den Städten am
Rheine zu Thal. Immer ging ihnen ein dumpfes Gerücht von Zurückkehrenden
vom Kinderkreuzzuge voraus. Die Leute standen an dem Wege, die Thränen in
den Augen, und wenn sie stumm vorüberreiten wollten, schrien die Weiber sie
an: Nun, habt ihr kein Mitleid? Wir wissen nicht -- ihr wißt; darum macht
uns ruhig, und überlaßt dann uns den Trost: Alles kann ja nicht Allen
geschehen! -- Dann antwortete Frohmuthe vom Kameel herab, während Raimund
wie versteinert auf dem seinigen sitzen blieb und sich die Welt ganz
verwundert ansah. Nun, sprach sie, Alle sind nun nicht geradezu todt,
verhungert, verloren, verkauft; doch wol über die Hälfte -- die Hälfte aber
freilich ganz! So kann noch ein Jedes von euch hoffen, gerade die Seinigen
wiederzusehen.
In den Städten wurden sie im Nachtlager von den Rathsherren besucht, von
den Priestern und Mönchen sogar; ja, Frohmuthe ward in das Sprechzimmer der
Nonnen ins Kloster höflich eingeladen und kam meist ohne Athem um
Mitternacht erst wieder, und verzweifelte, daß ihre Lunge und Zunge bis
nach Köln ganz weg sein würden. Raimund aber ging unter den armen Aeltern
und Müttern umher, und beschenkte die Armen, die auch keine Kinder hatten
und nicht einmal zu weinen brauchten, und doch mit ihnen weinten, über die
Maßen reichlich, sodaß die Verwunderung über die Welt und gute Menschen
doch ein Weilchen ihre Wehmuth betäubte. Raimund aber hatte unterwegs
einige Hinrichtungen getroffen, mit angesehen, und wünschte, im Gegentheil
von Nero, nicht der ganzen Menschheit einen einzigen Kopf, um mit einem
Schwert und mit einem Streich sie Alle zu enthaupten, sondern er beneidete
die stolzen, vornehm in Sammet und Seide gekleideten Scharfrichter, weil
sie die Narren und Missethäter _abthun_ durften mit Ruhm und Ehren, wie
ohne Gewissen.
Auf den Kameelen mußten sie oft eine Stunde unter den Menschen halten, die
alle durch Fragen sich alle Antworten selbst gleichsam ersäuften. Zuletzt
kam ihnen ein _Schwarm Menschen_ bis Bonn entgegen, und unter dem
Severinthor von Köln ward den Kameelen selbst bange, daß sie widerwärtig
schrien. Darunter waren auch viele rohe Bursche »_mit langen Nasen_«
gewesen, die ganz schwarz angestrichen waren. Denn von Herzlosen kann Alles
verspottet werden, und sie Verspotten es, um es gleichsam in eine höhere
Welt, in die der Fabeln und Märchen zu erheben -- und aus Honig und Essig
wird wirklich ein kühlender Balsam.
Und so that denn der alte Hausmeister Hagebald ihnen wieder das alte
Hausthor auf, diesmal angelweit. Diesmal war die Frau Rath aber die Frau
van Graveland. Den Bräutigam kennend, wie die meisten Bräute ja nur
oberflächlich, hatte sie ihn sobald als schicklich geheirathet, als
Besitzerin von eigenem großen Vermögen, und ihre an ihrer ersten
Verheirathung aus Stolz und Ehrsucht schuldige Mutter, lebte nun ausgesöhnt
bei den jungen Eheleuten, die Beide zusammen nur erst 72 Jahre alt und
prächtige Leute waren. Nur was _Irmengard_, wenn sie ja wiederkäme, zu der
Heirath sagen würde, besorgten sie _ihretwegen_; aber heimlich lächelten
sie dazu. Gaiette schlief herzlich froh wieder im Bett ihres saubern
Stübchens. Der Mohrenknabe war ihr Edelpage. Da sie ganz liebenswürdig und
klüger und interessanter als ihre gnädige Frau geworden, so ward sie von
ihr zum Gesellschaftsfräulein erhoben; aber das vornehme Leben meist nur
für Spiel und Schein ansehend, brach sie bei schicklicher Gelegenheit noch
oft in kurzes Gelächter aus. Der redliche Jost kam völlig gesund mit
»unsichtbar geheilter Nase«, die er mit Recht seine »Märtyrerin« nannte; er
brachte Frau und Kinder mit, ohne auf Raimund's Besuch zu warten, da ihm
Don Ramon als _Verständiger auch des Unverstandes_ vertraut hatte, daß sein
redlicher Freund Raimund ein unrettbarer _Candidat des Unverstandes_, nicht
der Narrheit sei, und Beide konnten ihn kaum ohne Thränen ansehen, und voll
Wehmuth redeten sie gezwungen zuletzt nur wie mit Kindern mit ihm, und von
Kindersachen -- von Märchen, Sagen, Geistererscheinungen, _Verwandlungen_
durch gute sowol wie durch böse Geister, und ihm am liebsten _vom
Wiederkommen der Todten_. Da war er ganz Feuer und Flamme. Dabei war er
nicht nur ganz unschädlich, sondern höchst wohlthätig, nützlich und hold
wie ein Vater oder Bruder gegen Alle. Er schenkte mit reichen Händen -- er
ging überall umher, überall willkommen, bedankt, ja gesegnet. Auch dem
liebenswürdigen menschlichen Erzbischofe schenkte er in _seine Sparbüchse_
zum künftigen Bau eines Doms, seines Geistes- und Herzenskindes, alle
Monate an einem gewissen _Tage_ eine bedeutende Summe, wodurch er bei dem
verständigen geistlichen Herrn immer freien Zutritt hatte. Er wollte es
sogar einmal _bei Nacht_ versuchen ... oder _des Tags drei mal_, und
lächelte verschmitzt dabei, im voraus der huldreichsten Auf- und Annahme
gewiß. Vivaldi hatte ihm seine Schuld mitgegeben, und auch noch einige
seiner Foderungen eingetrieben und nachgesandt. In Aachen war die große
Scharfrichterei verkäuflich geworden und auch die ansehnliche, hoch in
Ehren stehende Stelle des Scharfrichters offen; ein Anverwandter von
Raimund hatte ihn um Geld dazu gebeten, und -- Raimund hatte sie gekauft
und dem Vetter zur Verwaltung und Vertretung übergeben, was erlaubt und
Rechtens war; ja, er war selbst mit nach Aachen gezogen mit seinem getreuen
Diener, hatte den Vetter gesehen starken Kälbern, ja wolligen Stähren die
Köpfe auf einen Hieb, ohne Unterlage in freier Luft, vom Rumpf abhauen, und
hatte es -- zum Scherz -- selbst versucht und prächtig gekonnt. Auch in
seinem Wahnsinne machte er Fortschritte; er hatte, als immer aufmerksam,
schon einige Töchter gefunden, die ihren Müttern, wie man sagt »lächerlich«
ähnlich sahen; nur den Unterschied der Frischheit _ab_gerechnet oder
_dazu_. Nur begriff er nicht, wie sie Beide zu gleicher Zeit nun da wären?
bis er die Mutter für die Tochter Chrysalide hielt, und den Doctor fragte,
ob man auch _Wiedergekommene, z. B. Weiber_, als doch im Grunde
_dieselben_, noch ein mal heirathen dürfe? _Laß sie nur erst wiederkommen!_
Das Weitere wird sich schon machen; hatte ihm der Doctor, in Kummer um ihn,
gesagt, und ihm _zur Ruhe_ nur gewünscht, daß sein Wahn _Gestalt_ annehme
und ihm _freundliches_ Leben werde! Wie er wegen der frommen Gaben, stand
auch Don Ramon für die glücklich hergestellten Augen in so großer Gunst bei
dem Erzbischof, daß er ihm eine Freibitte im voraus zugestanden. Auch van
Graveland, der den schönen Greis prächtig in ein großes Altarbild des
heiligen Antonius gemalt, in dem er vor demselben in vollem Ornate kniet,
und dadurch selbst kirchen- und altarfähig worden, war wohl angesehen von
dem dankbaren Kirchenfürsten, der manches bewundernde »Hm!« vor dem nun
auch wie heiligen Bilde aus der Seele herauf zur Welt gebracht. Das ganze
Haus stand in Achtung und Ehren, und die nach Rom gelieferte Tochter war
vergessen, und auch von Rom aus war in dem großen Wirrwarr daselbst keine
Nachfrage nach ihr und nach ihrem mit dem Kirchenstempel zum Ungeheuer
gestempelten redlichen Seelenfreunde. Sr. Gnaden der Erzbischof hatte eine
große Todtenmesse für die Kreuzzugskinder befohlen, und Jost hatte dabei
sich nur ausbedungen, daß sie ganz unverfänglich für Diejenigen sein
sollte, welche lebendig zurückkehrten. Denn er hatte gestern in der
Abenddämmerung drei Knaben getroffen, die sich zum Abschied von der Reise
die Hände gegeben und in die Thüren dreier Nachbarhäuser geschlichen,
worauf darin unermeßlich frohes Geschrei geworden, und in den plötzlich
erleuchteten Zimmern die Umarmungen der Aeltern und Kinder gesehen und mit
geweint.
Und so kamen denn in den nächsten Wochen viel Kinder, mehr Knaben als
Mädchen zurück. Zuerst die, welche auf dem Hinwege schon erkrankt waren;
dann die mit rüstigen Beinen, welche bis in die Lombardei gedrungen, aber
dort die arabischen Pocken bekommen und ganz entstellt waren, sodaß ihre
Aeltern sie nicht erkannten, nicht für die Ihren annehmen wollten und
klagten: _Ach, wo ist mein schmuckes Gretel hin!_ . . .
. . . Mein Annelchen, bist du es denn? . . .
. . . Ach, mein Magdelchen, das bist du gewiß nicht! sprich: auf welchem
Auge bin ich blind? . . . Wie heißt unser Hund? . . . Unsere Katze? . . .
Wie viel hast du Geschwister? . . . Wie lange ist der Vater todt?
. . . Nun Pelz, hast du Aermel, so rede! sprach ein Vater in einem andern
Hause zu seinem Pantaleon; Kerl, du bist ja ein Riese geworden!
Ihr Trudelchen fragten andere Geschwister: Nun, bist du denn nicht bis ins
Gelobte Land gekommen? Aber da sie im Meere bei Genua mit in der Ebbe
gesessen, antwortete sie treuherzig: Nur bis ins Gelobte Wasser.
Und nun ward aufgetragen, was jede Mutter nur irgend Gutes hatte, geweint
und gelacht, Gott gedankt, zu Bett gegangen -- und die Nacht nicht
geschlafen. Das ganze Heer der deutschen Knaben und Mädchen hatte sich
aufgelöst, die Hälfte der letztern waren in Pisa in zwei Schiffe
verschwunden.[A] Die Trotzigsten aber auf dem Wege nach Rom fortgezogen,
ja, von einem gewissen Brindisi[B] aus hatten sie erst noch ihren Kopf
aufsetzen wollen. Die in das Land Heimgekehrten wurden überall verspottet
und verlacht; ja, vor Scham waren sie womöglich nur die Nacht, so barfuß,
abgehungert, abgerissen gewandert, und hatten nur stumm sich vor die Thüren
gestellt, aber keine Hand ausgestreckt, noch ein Wort gesagt, nur zur Erde
gesehen, daß es nicht hätte »gebettelt« heißen sollen. Die mitgezogenen
Weibspersonen und junge Dienstmädchen aber schlichen vor Scham nur im
Dunkeln in der Stadt und verbargen sich bei armen barmherzigen Bekannten
oder den Barmherzigen Schwestern selbst; denn bei Einigen hatte man
Kindchen aus ihren Armen, unter dem über den Kopf gedeckten Mantel schreien
gehört.[C] »Aber Alles lagert sich zuletzt wieder, selbst ein Erdbeben, und
ein wüthend übergeschwollener Strom tritt zurück und fließt, auf sein Maß
gebracht, wieder in seinem gewöhnlichen Bette -- wie ein sogenanntes
unschuldiges Kind. _Das kennt man schon!_«
[Fußnote A: Chronicon Senoniensi.]
[Fußnote B: Vincenz von Beauvais.]
[Fußnote C: Fragm. apud Urstis: »Quia plurimae etc.«]
So sprachen die vernünftigen, immer gutmüthigen Kölner bei ihrem Glase
Wein, der dies Jahr wie aus Vorsehung zur Beruhigung sehr lobenswerth
gerathen.
Achtzehntes Capitel.
Und so war denn wieder die Weihnacht still herbeigekommen, die erste der
_sogar Zwölf_ Heiligen Nächte dereinst des Volkes hier zu Lande. Es war
schon Abenddunkel. Die Essen rauchten; die Gassen rochen; heimlich ward
verdeckt eine Bescherung aus einem Hause ins andere getragen; als weiße
Engel gekleidete unerklärliche Christkinder mit feinen Glocken in der Hand
und einer Krone auf und goldenen Flügeln an den Achseln huschten und
schwebten umher, und Knecht Ruprechte mit Ruthen in der Hand traten in die
Häuser, wo die Kinder und die Aeltern um die Weihnachtsbäume mit brennenden
Kerzen und goldenen Sternen und silbernen Nüssen standen, und noch auf ein
Unaussprechliches zu warten schienen; und arme Kinder standen draußen an
den erleuchteten Fenstern, deren Glanz und Schein weit weg auf die Straße
fiel. Zu manchen Fenstern hinein sah man auch in den schweigenden Stuben
weinen -- denn zu Weihnachten kommt doch Jeder gern nach Hause -- _wenn er
kann_, um sich selbst den Seinen zu bescheren. Da sitzen sie wieder mit den
Ihrigen, wenn auch als Aeltern nun alt, oder als Kinder nun groß, wieder in
der ewigen Jugendzeit. Da sitzen sie! erzählen sich aus, essen was Gutes,
die Ihren vor Augen und von ihnen freundlich angeschaut, ohne Ahnung eines
möglichen Endes.
So war auch Herr Raimund herübergekommen ins Vaterhaus und freute sich doch
über den prangenden Weihnachtsbaum, mit Geschenken behangen für Jeden, auch
für die Frau Jost eine goldene Kette und für ihre Kinder wirkliche goldene
Nüsse und silberne kleine Messer und Gabeln und Löffel. Raimund redete aber
mit dem grünen Bäumchen wie mit einem grünen stacheligen Geiste aus dem
Walde, hatte die Spitze eines Zweigs sich auf die innere flache Linke
gelegt, streichelte ihn mit der Rechten zärtlich und sagte ihm zum Troste:
Habe nur Geduld, mein Bäumchen! Du weißt, du warst sonst ein anderes; so
habe die Hoffnung, wieder erlöst, etwas Anderes zu werden. _Die Birke_ ist
besser daran -- die ist die Maie gewesen und die Maie geblieben.