gestorbenen Weibe Gabriele.
Aus der Schweiz war für den Abend ein Schreiben an die Mutter von der
Tochter eingegangen, und, darin lag ein Brief mit den rührenden Worten:
»Herzliche Großmama! Ich melde dir, daß ich glücklich auf die Welt
gekommen! in aller Unschuld ohne Sünde. Ich habe mir ein Schwesterchen
mitgebracht, eine kleine, kleine Eva! so heißt sie. Sie schickt dir ein
Alpenveilchen! Mehr haben wir nicht. Habe uns lieb!
Dein kleiner lieber Adam.«
Sie las mit reinem Muttergefühl, und das duftende, langstielige stille
Veilchen erzählte Allen mehr von unaussprechlichem reinem Menschenglück.
Dem so unglücklich gewordenen Raimund war weinender Dank gesagt, und sie
ging und küßte ihm sein Haupt.
Jetzt brachen die Glocken auf den Thürmen mit himmlischen Freuden aus und
bedeckten die Stadt mit wallendem Wohllaut. Die _vielen_ Christkinder
flatterten nach den Kirchen und haschten und neckten sich; Niemand wunderte
sich über so viele dergleichen, da ja doch nur Eins wäre, und nur Ein
Ruprecht, die jetzt auf den Gassen einander die Rücken mit den Ruthen
zerdraschen. Die Kinder eilten in die Kirchen mit Hirtenhäuschen,
Weltkugeln, Pyramiden, Schlangen und Kerzen. Dort zogen andere aufgeputzte
Esel an den Krippen mit dem Jesulein und seiner Mutter in den erleuchteten
Altären, wo das ferne Himmlische in treuherziger Unschuld den Menschen
nahegebracht und sichtbar und greifbar war, und die vielen Scharen Hirten
vertheilten sich in die Kirchspiele, wo sie das »Quem pastores« sangen, und
selbst ihre Hündchen waren in der heiligen Stunde nicht unheilig, sondern
fröhliche Zeugen einst lieblicher Wahrheit auf Erden -- wie geschrieben
stand, und sie freueten sich, es nun darzustellen, ja, es im Geiste zu
sein. Und wie zitternd vor Freude erdröhnte der Tremulant in den Orgeln,
daß die Gewölbe bebten, und die Posaunenstöße waren Engelsathemklang.
* * * * *
Da war es, als ob Jemand von draußen mit dem Kopfe gegen die Thür stoße.
Raimund that sie auf, einen Leuchter in der Hand Da sprang eine Gestalt wie
draußen von einem Ungeheuer verfolgt auf die Schwelle, und da stand sie
wieder erschrocken wie vor der himmlischen Heimlichkeit darin. Raimund aber
ließ vor Erstaunen und Entzücken den Leuchter fallen. Er hatte die schlank
aufgeschossene Gestalt gesehen: ein weißes Tuch um den Kopf; ihr Gesicht
hager und todtenblaß; die Augen glanzlos und doch rollend; die Arme
ausgestreckt und zitternd, und es ging ihm wie dem Sänger, der das Lied
gesungen:
Dich _wieder_sehen . . . wieder dich _sehen_ nur
Im Thale wandeln, auf Bergen steh'n,
Nachts auf dem Vollmond, von der Sonne
Nieder mir lächeln -- da kniet' ich beten!
Dich wieder_finden_, leuchtend im Sternensaal,
_Dich an die Brust mir drücken_ --da stürb' ich gleich!
Und was im Himmel nie geschaut ward:
Engel bewundern da einen Todten!
Das junge Weib neigte sich vor, als würde sie zu Boden stürzen; er ergriff,
er umschlang sie, drückte, sie fest an die Brust, und rief nur: Mein Weib!
Meine Gabriele! O, darfst du kommen -- und kommst zu deinem armen Freund!
Irmengard war so geistermäßig verwandelt, daß er eher sein erstandenes Weib
in ihr sah, als die Mutter ihre Tochter. Den glücklichen Raimund hatte,
statt des plötzlichen Todes, nur ein plötzlicher Schlaf befallen, und sie
trugen ihn in den Großvaterstuhl, worin er wie im Himmel saß. Irmengard
aber war ohnmächtig, und sie mußten ihr Luft machen um die Brust, wobei der
Doctor einen Schreck vor Vater und Mutter verbarg.
* * * * *
Am Morgen ließ sich Raimund erkundigen, ob seine Gabriele noch da sei,
wirklich, oder ob er geträumt? Van Graveland besuchte bei Gaiette mit der
Mutter und dem Arzt seine arme Tochter, die ihnen auf eine Pergamenttafel
schrieb, daß sie schon _seit einer gewissen Zeit_ sprachlos sei. Der Doctor
sagte dem Maler etwas ins Ohr -- der Vater erröthete über und über und
fragte dann heilig erzürnt, doch im heiligsten Ernste gelassen, die
unglückliche Tochter: Wo hast du dein Kind?
Darüber faltete sie die Hände, brach in Thränen aus und schrieb auf die
Tafel: Vor Angst und Jammer, und Lieb' und Leid, und Scham und Schande --
an meiner Brust _nur erdrückt_, es liegt in mein Brusttuch gewindelt in der
hohlen Eiche im Dorfe, wo der alte blinde Mann wohnt, der mich aufgenommen,
als ich nicht weiter konnte!
Der Vater las das, die Mutter las es und sie versteinerten.
* * * * *
Irmengard saß des Tags über still, gewöhnlich die gefalteten Hände im
Schoos, in einfachen, weißen, ihr hingelegten Kleidern, gepflegt von
Gaiette. Raimund besuchte sie schüchtern alle Morgen, und hatte im Stillen
seine Freude an der Stillen. Der Mutter hatte sie auf ihre Fragen
geschrieben: sie wäre mit Nikolas gleich aus dem Elend in Genua auf ein
Schiffchen im Hafen geflohen, und sie hätten nach Ostia gewollt, um sich in
Rom ihr Vergehen vergeben zu lassen; aber Stürme hätten sie wieder zurück
ans Land gedrückt. Darauf wären sie Beide einsam zurückgekehrt; aber nicht
eben weit von hier habe eine rachsüchtige Gemeinde sie ausgehöhnt und ihn
eingesperrt. Da sitz' er wol noch.
Sie lächelte nur vor sich hin, daß man sie wegen des todten Kindes
einkerkern, ja richten könne . . . nur die vielen unglücklichen verwaisten
Aeltern begehrten ein sichtbares Opfer. Sie sei von dem Nikolas wie
bezaubert gewesen . . . von seiner Gewalt, von seinem Ansehen wie eines
Heiligen, daß ihn das ganze Land und die Priester selbst in den Kirchen
geehrt. Sie wollte nicht fliehen, und Raimund begriff nicht, wie man seiner
_Gabriele_ ein Haar krümmen würde, oder . . . könne; obwol ihm Don Ramon
vorstellte: wie rheinauf, rheinab und im ganzen deutschen Lande viel, viel
Hexen verbrannt worden . . . und würden, _und ein von den Todten
wiedergekommenes Weib_ wäre ihnen noch viel, viel abscheulicher und
verdammlicher, weil es nur durch Teufels Macht und Willen heraufgefahren
sein könnte. Ja, noch nicht zu lange her haben die nachtwachenden betenden
Priester einen im Sarge erwachten, sich aufrichtenden wimmernden Papst mit
Fauststößen vor die Brust wieder zurückgedrängt in das Todtenreich, und vor
Angst und Schrecken dazu gebrüllt: _Was willst du wieder unter den
Lebendigen._[A]
[Fußnote A: Bower.]
Das sagte er ihm nur; denn das Volk wußte von seinem ihn seligmachenden
Glauben nichts. Ja, ihre Mutter und ihr Vater hatten nichts dagegen, ihm
die bewiesenermaßen verheirathbare Tochter zum Weibe zu geben, um da wo in
der Fremde in aller Stille und Ehrbarkeit zu leben. Und van Graveland
erzählte der Mutter und dem Arzt zum Beispiel und Vorbild die kleine
Geschichte: Einem niederländischen berühmten Maler stirbt seine Frau,
Margarethe geheißen. Er lebt zwar, aber er geht nur noch so verloren in
Gram und Träumen auf der Welt. Da erblickt er eine Jungfrau, die seinem
gestorbenen Weibe an Gestalt und Stimme und ganzem holden Wesen so ähnlich
ist, wie es sich selten trifft, daß Zwei etwa im Abenddämmer, ja in
vergoldendem Sonnenglanz sich ähnlich sehen. -- Und ein Liebender ist immer
wie geblendet von seinem eigenen Lichte. -- Seine Liebe ergreift sie. Sie
liebt den _von ihr begeisterten_ Mann. Sie wird sein Weib. Er sagt ihr Tag
und Nacht, daß er seine selige _Margarethe_ wieder habe durch Gnade des
Himmels. Und in Wahrheit haben alle Weiber sehr viel allgemein Aehnliches,
allen Zukommendes. Des streng Unterscheidenden einer Einzigen ist wenig,
des ganz Ausschließlichen nichts; nicht einmal ein Buckel, ja zwei.
_Margarethe_ nennt er sie; so kleidet er sie. Sie trägt von jener den
Schmuck. Sie schläft in demselben Bett . . . und die gute, bezauberte,
willige Seele ist mit äußerster Hingebung seine Margarethe -- da sie auch,
ihren Namen gewohnt, so hieß --, sie ist's bis zur Herzens- und
Verstandesverwirrung. Und so haben die Beiden ein noch nicht oder selten so
dagewesenes, heiteres, stilles, ja seliges Leben gelebt. Denn welcher Mann
würde seinem noch ein mal vom Tode erstandenen Weibe nicht freudig alles
Erdenkliche zu Liebe thun! -- So _kann_ es, so _wird_ es hier werden und
sein. Irmengard wird den Hirtenknaben vergessen, als nur eine Gestalt aus
dem jetzt verlachten Kreuztraum. Denn höre mich, Doctor. Wenn ich
heimgekehrte Kinder frage: Wo habt ihr denn eigentlich hingewollt? Was habt
ihr gedacht, ihr Rasenden? Was hat euch wie Mehlthau befallen, die ihr
Väter und Mütter in hundert Städten und tausend Weilern und Dörfern
unglücklich gemacht? -- Da stehen die Kinder, oder sitzen wie aus den
Wolken gefallene große Frösche, wie aufgewachte Nachtwandler, plötzlich
nüchtern, dumm und dottend da, kratzen sich hinter den Ohren und sprechen:
Wir _wissen es nicht!_ wenn Ihr es nicht wißt. -- Und der Doctor sagte: Das
war die Krankheit! und die hat sich gebrochen! und kommt nicht wieder, wie
Nichts in der Welt so jemals wiederkommt.
* * * * *
Als aber Irmengard, der Meinung des Volks zum Opfer, bei Nacht in denselben
Kerker geführt worden, worin ihre Schwester gesessen, und ihre Enthauptung
abzusehen war, zu welchem Urtheil ein kleines herbeigebrachtes Kästchen den
Ausschlag gegeben, und keiner Erklärung, keines Geständnisses weiter zu
bedürfen schien; da begab sich ihr Vater, wie schon oft, der Doctor und
selbst der unglückliche Raimund in den Palast zu ihrem Freunde, den weisen
Narren Jost, um einen letzten Rath zu halten, Raimund lachte im Bauche
recht innerlich, daß _ihm_ doch Niemand _die wahre Natur_ seiner
»wiedergekommenen Frau« beweisen könne, und _ihr_ gar nicht -- und sie
könne ja wol aus den Erdennarrenspossen von dem Block weg wieder
verschwinden. Aber er wollte sie doch lieber behalten, sie retten, als
einmal so glücklich, sie wieder zu haben! -- Und so war das Ende des Raths,
daß der kundige Jost seinem erst jetzt recht theuern Jugendfreunde eine
Schrift auf Pergament gab, die er fleißig und gründlich einsehen und sich
tapfer zunutze machen sollte! Es waren die schweren _Pflichten_ und großen
_Rechte_ eines hochbetrauten Scharfrichters, nach altem Gebrauch und
unbestrittener Geltung. -- Einen Cardinal haben wir hier nicht zum
Begegnen, sagte ihm Jost bei der Aushändigung; denn welchem zum Tode
geführten armen Sünder, generis masculini oder feminini, ein solcher
Rothmantel begegnet -- was zu Zeiten theuer bezahlt wird, soll oder muß --
Den oder Diese hat er das Recht zu begnadigen. Ein Paragraph in der Urkunde
aber war vor allen mit einer eingebrochenen Ecke des Blatts bezeichnet. Und
der, wie meist alle Halb- oder Ganzwahnsinnigen, höchst schlaue Raimund --
dem überdies sein voriger großer Verstand auch noch im Unverstande
zustatten kam -- begriff sogleich _seine Stellung_, als eine solche hohe
Person _selbst_, in die ihn seine Güte für einen armen Vetter gebracht. Und
der alte Elias war aus Gram über seinen Enkel Nikolas -- wie man ihm
berichtete -- »_auf einmal_« gestorben. Und Raimund sprach vor Freuden
darüber im Leibe vergnügt dazu: _Auf ein mal!_ Das gönn' ich dem armen
braven Scharfrichter von Herzen! Denn wäre er auf _ein paar mal_ gestorben,
so wochenweise, stückweise -- da sollte er mir leid gethan haben. So auf
ein mal sterben, ganz und ganz und gar, ist noch die vernünftigste Art!
Sonst taugte es gar nichts!
Neunzehntes Capitel.
An dem endlich angebrochenen Ehrentage der öffentlichen Gerechtigkeit,
gerade ein Jahr nach dem Kinderauszuge, schien eine helle freundliche Sonne
über das liebe, schöne, fruchtbare, lustige Rheinland, und die Lerchen
sangen wieder in der blendenden Bläue des Himmels unsichtbar verborgen,
fröhlich über den auf dem Hügel bereitstehenden Block und den Pfahl mit dem
Rade.
Die dem Himmel in sonderbarer Erdensündertracht Heimzusendende stand von
tröstenden Geistlichen umgeben schon dabei. Eine immer, selbst bei jeder
Feuersbrunst, jedem Deichbruch schaulustige Menge, diesmal vielmehr Männer,
Jünglinge und heimgekehrte Kreuzfahrtknaben, als Weiber und Jungfrauen,
harrten gleichsam, ihre Herzogin »abthun« zu sehen. Selbst der gute
Erzbischof hielt in seinem Galawagen, seinen Beichtvater neben sich,
galonnirte Diener hinter sich, und seinen allbeliebten und sogar seinen
Herrn in der Noth schützenden Jost in der Staatsnarrenkappe vorn auf dem
hohen Bocke neben dem Kutscher, der seine vor fauler Zeit übermüthigen
sechs Schimmelhengste kaum bändigen konnte. Und der Erzbischof war gekommen
zur Unterdrückung aller Art Ausbruchs des Volks durch seine bloße
Autorität; wie alle kleinen Vögel schweigen, und selbst die Katzen sich
verkriechen, als gäb' es gar keine, wenn ein Adler oben über allen schwebt,
und selbst sein Schatten in den Gehöften unten macht, daß die Hühner
gackern.
Da kam auf prachtvollem und prachtvoll gezäumtem höllenschwarzen Rosse der
Schauspieler des Tags, Don Raimund, in seiner edelmanngleichen Amtstracht
dahergebraust, in schwarzem Sammetkleid, kostbarem, weißen brabanter
Spitzenkoller, die goldene schwere Amtskette um den Hals, daran das Wappen
der freien Reichs- und Hansestadt blitzte, ein Ritterbarett auf dem Kopfe,
und wie eine finstere Wolke im Gesicht; _vor_ ihm -- natürlich -- ein
Vorreiter; hinter ihm seine Diener; einer mit einem mannshohen blitzblanken
Mauerschwert mit silbernem Griff, das er kaum aufrechthalten konnte; ein
zweiter mit dem nagelneuen funkelnden Beil, und noch zwei niedern Dienern,
genannt Knechten, zum Flechten auf das Rad, und mit dem Blutbesen -- Alle
in Masken, auch der Meister in der finstern Maske, als ob Menschen zu
solchen Werken ihr Menschenangesicht nicht dürften leuchten lassen. Er
stieg mit würdiger Haltung ab, verneigte sich gegen den Erzbischof,
eigentlich gegen den Narren, seinen Freund, dann gegen das Volk, als für
welches und in dessen Namen Alles geschehe; ließ sich das ungeheuere
Schwert reichen; mit dem wandelte er drei mal um die Niedergekniete; ließ
sie das Haupt auf den Block legen, dann kniete er nieder. Auf einmal sprang
er begeistert auf, warf das Schwert von sich hoch in die Luft, sprang auf
den Block, als auf seine Kanzel, und rief laut über das Volk die wie ein
gewaltiger Bann schallenden Worte aus:
»Kraft meines uralten Rechts und unverkümmerten Gebrauchs schenke ich
diesem Weibe das Leben, und dadurch, _daß ich sie zu meinem Weibe nehme_,
und sie hiermit von diesem Augenblick an für meine wahre, _leibliche und
geistige_ Ehefrau erkläre, vor Gott und Menschen. So wahr mir Gott helfe,
der es sieht, und die Menschen es dulden und loben müssen, die es sehen.«
Darauf erhob er sie von den Knien, hob sie zu sich auf und drückte die wie
Todte an sein Herz und flüsterte ihr ein geheimes Wort zu, ließ ihr seinen
schwarzen Sammetmantel umwerfen, behielt sie an der Hand, warf seine Maske
ab, rief noch zum Volk als zu seinen Zeugen, daß er seine Richterei seinem
Vetter schenke, nachdem er sein einziges erstes und letztes Werk verhoffe
zu des christlichen Gottes Billigung und zur Freude selbst der christlichen
Menschen vollbracht zu haben.
»_Die Heirath vom Blocke weg_« war also die von Jost in das Pergamentblatt
eingekniffene Rettung gewesen. Und noch hob der beglückte Bräutigam ein
weißes, großes documentartiges Papier in die Höhe und erklärte dabei: das
ist der priesterliche Consens zu meiner Heirath. Denn ein Dispens war gar
nicht nöthig, da mein Weib keine Blutsverwandte von mir gewesen. Und so
lade ich Alle, Alle, die meine Gäste sein zu wollen mich beehren, zu heute
Mittag und Abend bis zum Morgensterne zu meiner Hochzeit gebührend ein, und
bitte: ihr Kommen mir durch ein lautes »Ja! Ja!«, gewißlich nicht »Nein« zu
bekunden.
Da brach erst freilich ungeheuere Zustimmung vor Freuden auf einen gewiß
furchtbaren Schmauß aus, wobei _Masken_ allen Rang und Stand aufhoben. Und
da die vom Tode, als sonderbarem Schwiegervater Erheirathete immer noch und
noch mit gebücktem Haupte stand, riefen ihr Hunderte zu: Auf! auf! Nimm
ihn, wenn du klug bist! Und merke wohl: _du mußt! Denn kein Verurtheilter
darf sich den Tod ertrotzen._ Also fort! fort! Zu Bett, zu Bett!
So riefen die Gutschnabel. Andere Klugschnabel aber sagten sich leise: Das
ist eine schlau abgekartete Sache! Sie haben um das Ding lange gewußt!
Deswegen haben ihre Aeltern vor ihrer Trauung gebeichtet, sich von ihrem --
jetzt als Braut dastehenden Fehltritt -- absolviren lassen, und vor den
Kirchthüren bei schrecklichem Regenwetter, wo Niemand in die Kirche geht,
noch kniend gebückt und ihn noch dazu im Schleier abgebüßt -- weil sonst
»die junge Frau« da eine Blutsverwandte von ihrem jungen Manne gewesen, was
Gott nur nothgedrungen nur Adam's Kindern und Enkeln hat durch die Finger
sehen müssen, und zwischen Gottes Fingern ist eine breite Oeffnung zur
Durchsicht.
Aber seht auch, sprachen andere scharfe Richter, seht, so gut auch sind die
Weiber: sie geben erst _die Treue_ um ein Kind _vom Geliebten_, und dann
gibt eine Mutter sogar ihre Ehre _um das Kind!_ So etwas ist sogar im
Paradiese nicht geschehen und _wir Menschen fangen an viel besser zu
werden_. Doch wir werden die Welt und die Weiber nicht ändern; denn Sünde
muß sein, wie wäre da sonst das süße Vergeben! -- Jetzt heißt es für uns:
Heida zur Hochzeit! Und denkt euch geschwind was aus! . . . und bring' ihn
ja Einer darauf, daß er uns läßt um Dukaten spielen! nämlich nur also: _er_
langt sie heraus und setzt sie -- und _wir_ würfeln darum und stecken sie
ein!
Raimund aber führte vom Tödten, also wie selbst vom Tode erlöst, seine Frau
heim in die schon heimlich immer mit Pracht geschmückte Lindenburg, wo die
Aeltern ihr Kind in die Arme schlossen -- _was er nicht recht begriff_ --
anders als neue junge Frau Schwägerin -- und wo Gaiette sich auch einen so
reichen, braven, ja stattlich schönen Mann wünschte, und wenn er sogar auch
glaube: _sie sei Eva!_ Nur eins war ihr nicht recht, und sie verzog das
Gesicht dabei und lachte nur spöttisch. Als Raimund dem Gebrauche gemäß mit
seinem Weibe in die herzliebe Brautkammer geführt worden, da legte er in
das breit aufgedeckte, zweispännige Bett das mannsgroße Schwert die Länge
nach mitten hinein, zur ehernen heiligen Scheidewand zwischen sich und
ihr.[A] -- Gaiette bestaunte das und lispelte: Ich _Unschuldige_ würde mir
aber doch im Finstern einmal einen Kuß über die Grenze paschen, oder die
Lippen des Mannes darüber paschen lassen, ihn ertappen und schwere Strafe
bezahlen lassen!
Und selbst Don Ramon, der von Allen als reinen treuen Herzens der
Gerührteste war, mußte lächeln, und schlug ihr mit Jostens Pritsche leicht
auf den Mund, und einmal in Aufregung, faßte ihn das lose Mädchen und küßte
ihn tüchtig ab zu allem Dank.
[Fußnote A: Das Recht, ein Frauenzimmer dem Tode so wegzuheirathen, welches
wol darauf beruhte, ungerechte und zu harte Urtheile so zu kassiren,
schrieb aber gegen Misbrauch auch diesen Gebrauch als Gesetz wenigstens
vor. Anmerkung der Frau »Historia«.]
Zwanzigstes Capitel.
Bittere Erfahrungen und Hoffnungslosigkeit verleiden den Besten sogar auch
die Heimat. Das trieb sie zur Auswanderung. Sie beschlossen in einem
Familienrathe: den Palast in der Stadt und ihr Landgut mit schöner Burg und
prächtigem Garten und See zu verkaufen und in die Fremde zu ziehen. Und da
lockte die Mutter denn die Schweiz mit ihrer Tochter und den beiden lieben
kleinen Enkeln. Gaietten lockte der junge Ritter Savern; die um ihre
Einwilligung befragte _Irmengard-Gabriele_ schrieb ein großes Ja! auf die
Tafel und küßte sie. Die wiederbeginnenden grausamen Judenverfolgungen,
selbst in Amsterdam und in ganz Holland und Brabant, ließen auch Don Ramon
die Auswanderung aus dem scheinbar genug bestraften Land gar heilsam
erscheinen. Denn es ist nirgend stiller als auf einem verlassenen
Schlachtfelde. Selbst der Mohrenknabe freute sich -- obgleich stark sich
irrend, und Eisgletscherhauch und ewigen Schnee in der Luft nicht kennend
-- auf ein wärmeres Land. Nur der alte Hausmeister Hagebald war betrübt,
und ging, um nichts mehr als wahr und vorhanden anzusehen, mit
halbgeschlossenen Augen umher, oder sang in den leeren Sälen, ja unten in
den Kellergewölben, wenn er nach Wein ging, herzbrechende Kranken- und
Sterbelieder wie mit Geisterstimme, und er zerschlug vor Unmuth mit Willen
die Flaschen in der Hand, wenn Gaiette zu ihm in den Kellerhals
hinunterlachte, und nur den stark und prächtig hinaufduftenden Wein
bedauerte und rief: ein treuer »Hund« verläßt mit den Menschen das Haus;
die Katze nur bleibt getreu bei den Mäusen. Dann sprach sie ihm Muth ein,
streichelte ihm die Backen und wischte ihm die Thränen aus den Augen. Und
er lachte wieder.
Sie meldeten ihr Kommen für immer an den Genfersee, damit die Ihren dort
Alles ihnen schmuck, bequem, übergenüglich, reich und kurz allerliebst
herrichteten. »Alles in der Welt -- nur keine Ersparniß!« Die besten
Sachen, künstlichen Geräthe und Bilder gingen schon immer zu Rheinkähnen
hinauf voraus bis Basel. Sonst Alles, Bewegliches und Unbewegliches, war,
wie _um es leichter zu vergessen_ und es gern in Anderer Besitz zu wissen,
an _»edle« Häuser_ verkauft. Raimund's Glaube an seine Gabriele bestand die
Probe auch dadurch, daß er seiner Nichte . . . oder doch seiner Frau
Schwägerin Tochter _Irmengard eine Todtenmesse stiftete_ und ein sehr
großes Vermögen dazu vermachte -- das durch Jostens Vermittelung _für die
Zukunft verstanden_ und in der Gegenwart gnädig angenommen ward.
_Das war wahnsinnig von ihm -- aber Er war wahnsinnig._ Und so war es sogar
_ganz natürlich_, und bei ihm und von ihm ganz gut.
Auch unterwegs trafen sie, als sie in Worms Ruhetage hielten und dabei auf
das nächste Dorf hinausgingen, auf den zu einem schmucken jungen Hirten
aufgeschossenen Hirtenknaben Nikolas, der auf einem Hügel saß und Schalmei
blies für seine Heerde. Aber die Lieder befielen mit Wehmuth die Fremden,
die den Hügel erstiegen -- denn es waren seine Lieder, die er um die
Lindenburg geblasen. Irmengard hatte sich schon ferner in den Schatten
niedergesetzt. Raimund erkannte oben den versunkenen armen Herzog -- blieb
aber stumm, wie die rothgewordene Gaiette, die Frau Rath Irmentrud, ihr
Mann, jetzt van Graveland, und Don Ramon. Dem Nikolas blieb auch der Athem
in der Brust stocken; aber er mußte aufstehen. Raimund gab ihm eine Hand,
bedauerte ihn, ließ sich sein kleines Beutelchen reichen, schenkte es ihm
voll von Gold -- und rieth ihm: ja in die Schweiz -- in das Paradies der
Hirten und Kühe, Ziegen und Schafe zu kommen, und ja ihn zu besuchen! Er
begleitete sie den Hügel hinab in Schweigen. Irmengard stand von ihrem
Felsstück auf, und auch _seine Gabriele_ mußte dem Nikolas eine Hand geben,
wobei sie aber zitternd und so zu sagen noch todtenblaß und starr dabei zur
Erde sah. Dann ging er weinend wieder den Hügel hinauf und blies ihnen alte
Lieder auf seiner Schalmei nach. Und Don Ramon sprach vor Allen laut: Er
sieht aus wie aus einem Narrenhause entsprungen, und Schalmei bläst er zum
Gotterbarmen!
Das glaub' ich! meinte Gaiette. Sein Hund heißt wieder Phylax! Aber das ist
alles umsonst! Alte Zeiten stehen nicht auf!
Bei Nacht aus dem letzten Orte abgereist, kamen sie am prachtvollsten Tage
in Genf an. _Frederune_ und ihr _Salomon_ brachten Jedes der Mutter ein
kleines Engelchen als Enkelchen auf dem Arme an ihr Herz und jedes ihr
einen Strauß Alpenveilchen. _Savern_ begrüßte _Gaiette_ als ihm auf der
ägyptischen Reise liebgewordene Freundin so liebreich, daß sie mit dem
Gesicht im Brusttuch sich freute. Um alle Schrecken zu ersparen, entdeckte
Don Ramon sogleich ihren Wirthen die sonderbare _Ehe einer Todten mit einem
Lebendigen_ -- des vortrefflichen Raimund mit Irmengard, deren
Sprachlosigkeit, also ihr Schweigen, das Verhältniß ungemein erleichterte.
Das große, in das Bett zu legende Schwert war als ein Heiligthum
mitgebracht und mußte sogleich an seinem Orte Wache liegen.