betrübt: Da seht nur unten den Wirrwarr! Die Messe wie vor den Kirchthüren!
Alle stehen da untereinander, kaum die einigen hundert Priester und
Geistlichen, alle unter gleichem Gewande, der Sklawine der Kreuzfahrer.
Dort nur haben dir Weiber sie abgelegt und waschen sie. Mädchen waschen
ihre Läppchen und Lümpchen und hängen sie zum Trocknen auf Sträuche und
Zäune -- wie den Engeln hin. Andere nähen die Löcher und Schlitze zu,
schneiden die Fetzen und Zumpel von ihren Röcken und stopfen noch einmal
die letzten Strümpfe, oder schleudern sie fort. Da ist kein Schrank, keine
Truhe, keine Vorrathskammer, woraus die Mutter den Schaden ersetzen könne
und etwas Neues geben, und das Alte geht zugrunde. Und nun erst innerlich
den Schaden zu besehen, _um ihn zu verschweigen_; -- Ihr wißt wol, daß alle
Welt, die Augen und Ohren hat, weiß . . . wie es schon auf Processionen zu
einem heiligen Bilde hergeht; am liebsten auf einer, wo ein Nachtlager
_hin_ und ein Nachtlager _heim_ sehr angenehm ist, in schöner Sommernacht,
selbst unter freiem Himmel; oder in Schuppen und Scheunen und Bansen, auf
Stroh- und Heuböden, wo natürlich kein Licht geduldet werden darf. Ihr habt
wol gehört, wie sich die Züge _erwachsener_ Pilger und Kreuzfahrer
gewöhnlich nicht durch _besondere_ Heiligkeit auszeichnen, da sie blos mit
dem Glauben und dem beschwerlichen und gefährlichen Kreuzzuge allein schon
allen andern Ansprüchen an Menschenglauben genug zu thun und dabei _keine_
andern Pflichten und Gebote für Menschen mehr besonders genau zu beobachten
hätten, weil sie im _Voraus_ schon Vergebung aller Sünden auf ihre Zugzeit
erhalten haben, -- ebenso verdient die Aufführung unserer jungen
Kreuzfahrer und Kreuzfahrerjungen und -Mädchen -- vermischt mit so vielem
Gesindel, das nur, _weil es nichts taugt_, mit ihnen gezogen ist -- wol
keineswegs der Hülfe Gottes, oder der Maria und Magdalena zu ihrem Leben.
Wie viele Aergernisse hat es schon gegeben, die alle vertuscht werden, um
die Heiligkeit zu bewahren! Und wohin werden sie nun kommen? So Gott will
nach Italien, in die warmen italienischen Nächte, in Haine bei Mondenschein
und Nachtigallengesang!
Raimund sah den Priester an und mit dem gewissen Blick in die Augen, und
dieser »Reine« sah ihn wieder _so_ an, und Beide erkannten sich als
Genossen _eines_ Glaubens.
Sie hatten schon lange viele Rheinkähne von Hüningen herauf- und von
Schaffhausen herabkommen, anlegen und ausladen gesehen. Als sie darauf bei
Sonnenuntergang in das Lager hinabstiegen, sahen sie die kleinern Knaben
warme Jacken und Hosen, zum Unterziehen unter die leinenen kalten
Sklawinen, sich nach Hause tragen; die größern und größten Mädchen aber
trugen sich Säcke heim, die inwendig und auswendig mit Wachs bestrichen
waren, und die Säcke sollten über die Berge auf der dorflosen Straße ihre
Betten sein, in die sie zur Nacht hineinkriechen und die sie mit den
Bändern unter dem Kinn sich fest zubinden _sollten_. Damit schien ein
doppelter Nutzen beabsichtigt zu sein von den geheimen Rathgebern des
Nikolas, der einen besondern und wirklichen Hirtenbrief an die andern
Hirtenknaben erlassen. Ein frommer Priester hatte aus frühern Jahren an die
_muthigen Schwestern_, die »_Syn-ei-Sactas_«, erinnert, die das oft
gelungene, oft mislungene Kunststück gewagt, unter Jünglingen und Männern
muthig und getrost zu schlafen, und sich zu bewähren; aber aus den
»_Sacktes_« hatten sie hier übelverstandene »_Säcke_« gemacht, die
herbeigeschafft worden, und in welche zu fahren die redlichen Mädchen sich
freuten und sie schon probirten.
Sie hatten dann ruhig und selig darin die Nacht geschlafen, aber es war
gegen Morgen durch Fahrlässigkeit Feuer ausgebrochen; die Säcke hatten
geschrien, sich fortgewälzt, sich selbst nicht erlösen können, und Keines
hatte das Andere, vor zitternden Händen, aufknötern können -- und so waren
sie fortgehüpft, niedergefallen, wieder mühsam aufgestanden, und bei dem
Feuerscheine hatte es ausgesehen wie eine ganz eigene Auferstehung von den
Todten, oder von großen graugelben Ameiseneiern mit menschlich schreienden
Köpfen.
Verbrannt, nicht einmal angesengt, war glücklicherweise kein Mädchen.
Das war das letzte Bild, das Raimund, bei seinem Aufbruch zu seinem
Wagstück, von den armen Kindern in seiner Seele mitnahm.
Fünfzehntes Capitel. Die mehr als tödtliche Wunde.
Raimund, der treue Bruder, hatte einen sichern Ort im Walde unfern der
Straße gefunden, seinen Diener auf dem Wege zurückgeschickt, um voraus
berichten zu können, wenn die Tochter des gleichsam für sie gestorbenen
Vaters käme. Da sie aber gewiß nicht die Nacht, noch bis Spätabend reisten,
so mußte er die Aufhebung am _Tage_, also gleichsam im Fluge vollbringen,
und seine redliche Seele befahl ihm obendrein: Niemand dabei zu tödten.
Endlich erst den letzten Tag der Woche berichtete der Diener eilig
herbeifliegend: Sie kommen! Sie sind es!
Er erblickte sie gegen Abend. Er und seine Leute ritten _mit ihnen_, als
von einem Seitenwege kommend; sie grüßten sie und unterhielten sich
zutraulich lange mit den zwei Reitern. Endlich war die Straße weit hinauf
und hinab frei von Menschen. Und es kostete dem guten Raimund eine
menschenunwürdige Ueberwindung: die getrostgemachten Reiter auf einmal zu
überfallen und als Feinde -- ja von ihrem Widerstande gezwungen -- als
Todfeinde gegen sie aufzutreten; ja sein redlicher, wahrheitredender Geist
im Leibe wollte sie sogar warnen, und er bannte ihn nur mit Gewalt, da er
Frederune aus der Sänfte rufen hörte. Sie hatte ihn also erkannt. Er
foderte kurz mit blankem Schwert, daß sich die Führer ergäben, indem er,
abgestiegen vom Pferde, auf den vordersten eindrang. Und sichtbar übermannt
von den Andern ergab er sich. Wie aber Raimund ihn binden wollte, stolperte
er, fiel auf das Gesicht und der andere Führer stach ihn mit seiner Lanze
in den Nacken, in den Sitz des Lebens, bis auf das Mark. Er blieb ohne
Verstand liegen; aber seine Leute banden den Führer und dessen gefangenen
Gefährten mit Stricken, knebelten sie, führten sie hinter die vordersten
Bäume des Waldes und banden sie fest, jeden an einen besondern Stamm, daß
keiner den andern losbinden, aber sich später Hülfe erschreien könnte.
Drauf schlossen sie die Sänften mit den den Wächtern vom Halse abgenommenen
Schlüsseln auf, sahen hinein, und bedrohten die von Rom Erlösten, drinnen
zu bleiben; schlugen die schwarzen Kreuze und Todtenfahnen vor den Sänften,
banden den haltlosen verwundeten Ritter Raimund auf eins der Pferde, und so
eilten sie schnell von der Straße rechts hinein auf die zuvor gewählte
Straße im Thale der Aar hinauf.
Raimund kam erst am andern Morgen im ersten Nachtlager in einer einsamen
Mühle zu deutlicher Besinnung. Er hatte wenig Blut verloren, und die Freude
des Wiedersehens mit der erretteten Tochter seines Bruders, und ihr und
ihres Geliebten Dank für die Errettung war unaussprechlich und wurde nur
geweint. Die Befreiten ließen ihre entsetzlichen Kleider in die Aar werfen
und vertauschten sie mit Kleidern von Bäuerin und Bauer. Sie fuhren dann,
zu schwach zum Gehen, auf einem Schweizerwägelchen weiter, und an nächster
einsamer Stelle verbrannten sie die Sänften und verschenkten die Maulthiere
an arme Leute. So gelangten sie nach Lausanne und fuhren im Schiffchen über
den See nach Genf, von den selbst Unglücklichen, Vater und Mutter Savern,
mit Thränen und mit der Hoffnung aufgenommen, daß ihrem guten Sohn auch
seine Rettung -- aber einer gewiß auf zeitlebens unglücklichen Tochter --
gelingen werde. Das gerettete Paar aber war noch und blieb so furchtsam,
daß sie vor jedem Kreuze schauderten und die Augen zudrückten, vor Glocken
sich die Ohren zuhielten und schon darum nach der Meierei übersiedelten,
weil an ihr kein Weg hin oder her, noch vorüberführte; wo kein Thurm, keine
Kapelle rundum sich sehen ließ, noch ein Kreuz nur -- wie aus Schonung
ihrer gepeinigten Seelen -- es wagte, wo im Walde zu stehen oder von einem
Berge in das ihnen heilige Thal zu blicken.
_Hier_ war kein Feiertag, kein Sonntag; sie hörten keine Glocke, als eine
selige Schafglocke oder eine wie himmlische Kuhglocke. Sie lebten hier
unbeneidet in wahrer treuer Liebe als bloße _natürliche_ Menschen in
Hirtenkleidern -- _und machten Käse_. So hoch hatten sie sich sogar noch
über die Katharer da draußen, über die _Reinen_ erhoben und unter dem
treuen, blauen, stillen, klaren Himmel verklärt.
Raimund, wieder leidlich bei Kräften, meldete der Mutter der geretteten
Tochter, in nur ihr verständlichen Worten, nach Köln die Ursache zu größter
Freude; gab den jungen glücklichen Leuten einen Schatz an Golde, der auf
Lebenszeit für sie langte; sehnte sich nach dem zerstörten Beziers, wollte
auch seine noch außenstehenden Gelder einziehen und reiste über Lyon, die
Rhone hinab, und pilgerte, als sicherer Kreuzfahrer verkleidet, von
Montpellier nach der schaudervollen Stätte der Asche seiner Gabriele und
seiner Kinder.
Das ist das große allgemeine Glück, die sicher und froh machende Naturgabe,
daß sich Alles, was lebt, für klug und verständig hält: die Menschen, die
Männer und Weiber alle, die Blinden und Tauben, die Kinder wie die Alten,
sogar Bär und Schlange, Spinne und Biene, ja, daß selbst die Irrsinnigen
gar nicht wissen, daß sie nicht bei Verstande sind. _Und das wußte Raimund
auch nicht._ Sein eigenes Schicksal, das grause Geschick der Seinen in der
Fremde, der Tod seines Bruders, und die Ursache, warum er gestorben, und
zuletzt der Stich mit dem Schwert in den Sitz seines Lebens _hatten ihm
gleichsam die Erlaubniß erwirkt, nicht mehr bei richtigem Verstande zu
sein_; also Unvernünftiges -- _jedoch immer noch mit angeborener
Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit_ zu thun; aber _Unmögliches_ zu
wünschen und _Vergangenes_ mit _Zukünftigem_ oder _Gegenwärtigem zu
verwechseln_. Er saß ganze Nächte bei Mondenschein in den Trümmern seines
Hauses, er sah sein junges Weib wieder wie sonst darin wandeln; sie vor ihm
stehen bleiben, ihm die Hand auf das Haupt legen; ja, sein geheimer Geist
sprach als ihre Gestalt zu ihm, und er zerschmolz in Thränen. Es war ihm
einst, als wenn ein _Licht in ihn falle_, und da in der That _sein Weib_
oder Mädchen _der Irmengard_ sehr ähnlich gesehen, so war Irmengard nun
sein Weib geworden oder gewesen, und sein Weib, sein zu Kohlen verbranntes
Weib, war nur Irmengard; was ihn mit frohem Schauder durchzuckte und mit
betrübter Sehnsucht nach dem Engel durchglühte, der den Kindern gepredigt
hatte und jetzt ihm verloren war. Aber er hoffte auf ihre Wiedererscheinung
und unbestimmtes Glück und Leid. Er fand in den Kohlen seiner Kinder
schwarze Knöchel -- er fand seines Weibes braune Hand und noch ihren Ring
daran, den sie ihm zu schenken schien und den er ansteckte. Ihm war heilig
und gewiß: _diese Gestalt konnte nicht verloren sein!_ sie mußte _wo_ sein!
_wer_ sein! sie konnte Irmengard sein, die vielleicht vorher nicht gewesen,
es erst geworden, oder von den Todten herauf- oder vom Himmel
herabgestiegen, als er sie zuerst gesehen und leider sie so geschmäht und
gescholten! Und er konnte es nicht mehr in der verkohlten schwarzen Stadt
aushalten. Aber diesen ihm tröstlichen Wahnsinn _glaubte er nun_, und er
zog mit ihm fort.
In Marseille vernahm er von tausend Augenzeugen die Einschiffung des
Hirtenknaben St.-Etienne mit seinem Kreuzzugsheere in sieben großen
Kauffahrteischiffen der beiden verdächtigen Männer, des _Hugo Ferreus_,
oder des eisernen Hugo, und des _Wilhelm Porcus_,[A] welche die Kinder für
Himmelsgesandte gehalten, weil sie ohne Fahr- und Kostgeld ins Gelobte
Land, und so bequem, ohne einen Schritt thun zu dürfen, großmüthig sie
aufgenommen. Er hörte auch, daß zwei überladene Schiffe voll Kinder bei der
Insel _San-Pietro_, an der Spitze von Sardinien, gescheitert und
untergegangen, und die See die kleinen jungen Leichen alle der Erde auf ihr
grünes Ufer geschwemmt. Es ging ein Schiff nach Cagliari, welches dort
ausladen und mit neuer Ladung von dort nach Genua steuern wollte, und er
ließ sich auf der kleinen Insel aussetzen, wo die Bauleute eine Kirche
»_der neuen unschuldigen Kinder_«[B] gründeten, wozu zwölf Präbenden kommen
sollten. Umher lagen über die Tausend Kinder begraben. Aber in einem
Gewölbe besonders lagen nur beigesetzt in steinernen Särgen einige Knaben
und Mädchen, die wie vom Tode nicht berührt _unverwandelt frisch und
wunderbar rührend dalagen_; vor Allen der prächtige Knabe _St.-Etienne_, an
dem kein Auge sich satt sehen konnte. Ohne an einen Heiligen zu glauben,
konnte Raimund sich nicht enthalten, dem vom Geiste geführten Seligen die
Hände zu küssen. _Kann ein Wahn so schön sein?_ Kann er solch Rührendes auf
der wahren Erde, unter der wahren Sonne, wie eine Himmelserscheinung für
die Sterblichen hervorbringen? fragte er sich. Er vertauschte heimlich
seinen Rosenkranz mit ihm -- und zum Erstaunen sprach sein Geist dazu:
»Schlag' ihm doch lieber einen Zahn aus! der ist etwas Wahreres,
Leibliches.« Aber des himmlischen Knaben todte Mutter, die Allen für eine
Heilige gegolten und jetzt gleichsam getreulich in der einfachen Kleidung
einer Hirtin von der Loire neben ihm _ebenso unverwandelt_ dalag, sprach
jetzt sehr sanft und anschauernd: »_Lasse den Todten ihr Todtes! Wir Todten
sind so schon bettelarm._« Und er gab ihrem Knaben seinen Rosenkranz wieder
in die Hände.
[Fußnote A: Albericus.]
[Fußnote B: Albericus.]
Ueber alle die Trauer hatte er sein Gold und _seine Schuldner_ vergessen.
Das Schiff holte ihn ab, und er stieg wie aus einem Traume in Genua ans
Land.
Sechzehntes Capitel. Trauer und Freude.
An der anfang- und endelosen Welt _hieß der Tag_, zur Erkennung und
Wiedererkennung -- wie ein Hirt seine Schafe zeichnet und zählt -- und
somit auch _war_ den Menschen der Tag wirklich: der 27. August; ein
sogenannter Mondtag, ja sogar »Mariä Himmelfahrt«; indeß kein Orangenbaum,
kein Sperling auf dem Dache, keine Glocke, ja alle Thürme und Kirchen das
Geringste davon wußten oder nur ahnten, sondern in der Sonne standen,
hallten, blühten, schrien und flogen im _ewigen Leben_. Und der _deutsche
Kinderkreuzzug_ war »_vorgestern_«, den 25. August, an einem sogenannten
Sabbath, in Genua eingezogen.[A]
Raimund ging mit seinem treuen Diener nach der schönen Straße _Balbi_, nach
dem Palast seines reichen Handelsfreundes Vivaldi, welchen er auch seinem
Freunde _Savern_ zum Ort des Wiederfindens empfohlen hatte. Unterwegs sah
er nur einige abgerissene blasse Kreuzzugsknaben an den Thüren betteln;
auch Frauens_personen_ -- Frauen_zimmer_ war zu nobel für sie gesagt. Sie
sangen _deutsche_ Lieder, die ihm hier in der Fremde vor Unglück um Brot
gesungen -- die Seele zerschnitten. Er schämte sich zu fragen, sie
anzureden. »Hier muß was vorgegangen sein!« sprach sein leiblicher Geist.
Er ward wohl aufgenommen und prachtvoll logirt und bewirthet, _denn_ der
Handelsfreund war ihm schuldig! Raimund frug geschwind, ob nicht sein
Freund, er heiße Savern, aus Aegypten angekommen sei, wolle Gott mit einem
Frauenzimmer? oder, wollte Gott nicht: allein, und ob er gleich wieder
weiter gereist?
[Fußnote A: Ogerii annales Genuenses.]
Aber er hörte ein besorgliches Nein; daß aber zwei Schiffe in Pisa dieser
Tage angekommen aus dem Morgenlande. Dagegen führte ihn sein Handelsfreund
in den geräumigen Hof, und in einen Schuppen mit allerhand Kisten und
Tonnen. Mitten darin stand eine gichtbrüchige Karrete, die ein Spötter
einen Hundestall auf vier Rädern genannt haben würde. Und wirklich lag ein
Hund darin, und wie die Vögel zum Schlafen oder zum Sterben, den Schnabel
unter den Flügel gesteckt, so lag er zusammengerollt, die Schnauze unter
das Hinterbein. Raimund schlug die Hände zusammen, und rief: Phylax!
Phylax!
Phylax richtete den Kopf in die Höhe.
Raimund streichelte ihn, und der Hund leckte ihm die Hand; aber abgehungert
und elend, konnte er nicht mehr aufstehen, und man sah nur, daß er mit dem
Schwanze wedeln _wollte_. Raimund, vor Wehmuth außer sich, sprach mit
tonloser Stimme: Nun, mein Phylax, erzähle mir Alles aufrichtig; denn es
ist vor deinem Tode!
Und nun ließ er den Hund sprechen, und hörte andächtig den Worten zu:
Ja, ja, mein lieber Herr Raimund, lebt wohl! Ich, ich muß nun hier in der
Fremde sterben, geschieden von meiner Heerde, die ich nie mehr wiedersehe
auf Erden, und im Himmel erst recht gewiß nicht, wenn Schafe nicht
auferstehen. Aber wir waren doch hier Schafe und Hunde, und gute! Grüßt mir
meine Frau Diane auf ewig, und unsere sieben Kinder, besonders das jüngste,
den geborenen Stutz; das wird ein Hund, _so gut wie ich!_ Ich muß mir meine
Leichenrede nur selbst halten! Nun sterbt Ihr auch einmal wohl! Einmal ist
genug!
Darauf bellte Phylax wirklich selbst noch einmal, aber mit allen Kräften
nur schwach.
Seine Wirthsleute mit ihren Kindern, Knaben und Mädchen, umstanden ihn, und
die Knaben ergriffen einen Wagbalken, den verhexten Hund zu erschlagen.
Aber Raimund wehrte ihnen und sprach: O, das ist noch gar nichts! Wie
prophezeieten da erst andere Menschenkinder jetzt bei uns und überall. Es
ist einmal eine Wunderzeit! Uebrigens ist das Erschlagen eines Todten
beinahe überflüssig, sowie die todten Juden zu taufen -- denn Phylax ist
todt.
Er legte ihn sich zu Füßen, schob seine vor Schwachheit nicht angerührte
Speise, eine Salamiwurst, beiseite, und setzte sich selbst in den Wagen,
hielt auch dem todten Wagen die Leichenrede, und sprach:
Wie es von allen alten Thronen aller alten Könige, Pharaonen und Kaiser der
Erde nicht Einen mehr gibt, sondern zuletzt bis auf den letzten
vermorschten sie alle zerhackt und verbrannt worden, so steht nun hier
todtenmüde im Gerümpelschuppen die ebenso heilige Karrete des Nikolas, in
Grund und Boden zerfahren und zerrädert, mit ihrem in Fetzen herumhängenden
Baldachin. Er war auch einmal in dem »1212« gescholtenen Jahre eine
flüchtige, nichtige _Erscheinung von Holz_ gewesen, wie Sesostris' von
Königen gezogenes Fuhrwerk.
Er saß darauf ganz still. Die Thränen drangen ihm in die Augen, indem er an
seine liebe Irmengard dachte; aber er getraute sich nicht nach ihr zu
fragen, da er sich scheute, das Erbärmlichste, ihn Erbarmendste zu hören,
am liebsten noch ihren Tod. Aber seine Wirthsleute, der Mann, die Frau und
die Knaben umstanden ihn, und erzählten ihm den Aufruhr in ihrer Stadt
diese drei Tage her abwechselnd in den Wagen hinein. Und die bewegte Frau
sprach zuerst:
Was wir diese drei Tage her ausgestanden, das kommt in unsere Chronik!
Schon lange summte es aus den Alpen: »ein unwiderstehlicher Kreuzzug
kommt!« Dann war er über den Gotthard! . . . Als er in Mailand sein sollte,
ward unsern Herren Angst; sie schickten Boten über Boten; denn Niemand
glaubte es, und der Schrecken habe sie nur Geister, und die Geister als
Kinder sehen lassen! Aber unsere Waffenröcke besetzten dennoch die Mauern,
und die Landthore wurden verrammelt. Unsere Herren hatten Ursache, sich vor
den Deutschen zu fürchten. Denn wir hatten es mit _dem Papst gegen den
Kaiser Otto_ gehalten, und die Rache dafür konnte zugleich durch den einen
Kreuzzug mit abgethan werden, wie in Konstantinopel; _denn so ein Herr hat
ein Gedächtniß_ für Jeden, der nur ein unangenehmes Wort gesprochen oder
nur eine Faust in und mit dem Schubsacke gegen ihn aufgehoben. Gott
bewahre! Aber was war es? Wer kam?
Ja, Mutter, erzählte ein Knabe darein, wir liefen auf die Thürme und sahen
auf der Höhe, ganz nahe über der Stadt, ein Heer Kinder, Kinder alle auf
den Knien vor Freude weinend und Danklieder singend, daß sie das Meer
erblickten, das uns nur ein silbernes Waschbecken ist. Unser Rath bekam da
Muth, lachte und stieg selbst hinauf zur Höhe, und einige haben die Kinder
befühlt und endlich geglaubt, daß es wirkliche natürliche Kinder wären, nur
verhungert, zerlumpt, als wenn alle armen Deutschen ihre Bettelkinder in
die Fremde gejagt.
Ja, sprach der Hausherr, so zogen sie dann _mit Erlaubniß der
Barmherzigkeit_ zum Thore hinein, füllten die Straßen und Märkte und
setzten sich; denn sie konnten nicht mehr auf den Beinen stehen. Und, du
lieber Gott, da ließ der Herr Petrus über sie regnen -- daß sie aus guten
Gründen aufstehen mußten.
Ich hätte lieber Manna über sie regnen lassen, sprach eines der Mädchen,
und die Sonne über sie scheinen, so warm, so warm!
Du gutes Kind, sprach der Vater, sie an sich ziehend. Aber wir weisen
Herren waren gnädig, sie in die Häuser einzuquartieren, damit sie sich
einmal nach lange wieder satt äßen mit warmen Speisen. Das war vorgestern,
Sonnabend, aber am andern Tage mußten sie gleich weiter ins Feld rücken,
als gestern, Sonntag. Und was konnten die armen Kinder anders, als
gehorchen, weinen und betteln. Sie betteln zwar _nur deutsch_ -- aber wer
versteht denn nicht: _Lumpen_, blasse magere Gesichter, tiefliegende Augen,
und Blicke daraus, die Einem das Herz im Leibe schmelzen. Wie froh wurden
da unsere guten Kinder und Weiber _durch Geben und danken Hören!_ Ganz
Genua war ein »Ora pro nobis« und ein »Benedictus qui venit in nomine
domini!« Aber fort mußten die Kinder! und sie fielen auf die Knie, als
unsere Herren durch Herolde mit Trompeten ihnen das verkündigen lassen
mußten.[A]
Und da begab sich ein Schauderhaftes, so eine Art Heiliges, schaltete die
Mutter ein. Nämlich die Kinder liefen ans Meer, und wie Moses an den Felsen
geschlagen, damit Wasser herauskäme, so schlugen sie mit ihrem Pilgerstabe
auf das Meer, damit es verschwinden, vor ihnen zurückweichen sollte, um
trocken hindurchgehen zu können. Und wahrhaftig: das Meer wälzte sich
zurück! Wir hörten das unermeßliche Freudengeschrei in der ganzen Stadt bis
in die Keller. Aber was war es: es war nur _die Ebbe_ gewesen! Und als sie
bezaubert die Stunden daran gesessen, als die Flut zurückrauschte, und die
Wellen ihnen die Füße bespülten, sie gehoben und fortgeschwemmt hatte, da
sie wie verzweifelt, bis unter die Arme umwogt, drin sitzen geblieben und
gesungen und endlich unermeßlich geweint, wie unermeßlich betrogen -- o weh
doch, so ein Jammergeschrei wünsch' ich mir nicht mehr zu hören! Und sie
mußten sich dazu bereiten, zu Lande weiter zu ziehen in die Ferne, durch
Rom, bis nach Brindisi, oder nach Pisa, wo zwei große Schiffe bereit lagen,
sie nach Joppe umsonst und wohlversorgt überzuführen. -- Was essen nicht
schon die Kinder in einem Hause! Und _wir mußten in Genua eine Hungersnoth_
befürchten, denn es war schon jetzt kein Bissen Brot mehr in der Stadt. Da
entschlossen sich Hunderte von Kindern, nach Hause, _in die Heimat, in das
wahre Gelobte Land_ zu pilgern, mit einem neuen, ihnen aus dem Herzen
gequollenen Liede: »Fahre wohl, du Friedensstadt! Wir sind Welt und Alles
satt!« Da wurden nun, wie auf einem Sklavenmarkt, Knaben, besonders
Hirtenknaben, auf die Meiereien um die Stadt herum _gemiethet_, denn ein
Schaf ist überall ein Schaf und ein Mensch ein Mensch. Andere wurden von
Handwerkern aufgenommen, die Kranken zur Pflege guten Leuten übergeben, die
von selbst sich willig dazu erboten. Das Kinderheer war entsetzlich
geschmolzen, da unzählige verhungert und umgekommen waren, krank auf dem
Wege zurückgeblieben, einsam verkommen und am Heimweh _gestorben_. Andere
schöne, feine, treuherzige Edelknaben wurden sogar in vornehmen, aber
söhnelosen, ja in den höchsten Familien an Kindesstatt aufgenommen.[B] Und
so mußten denn die andern gesunden Kinder, nach dem reichlichen einen
Sonntagsmittagsessen, alle wieder nothdürftig ausgeflickt und bekleidet,
von unsern guten Genuesenkindern weit hinaus auf die Straße nach Pisa
begleitet, wieder hinaus in die Welt auf die Eroberung des Gelobten Landes
-- mit neuen Pilgerhüten und Taschen voll Orangen!
[Fußnote A: Desgleichen Ogerii annales etc.]
[Fußnote B: Petri Bizari Senat. Popul. Gen. Histor.]
Als Raimund so viel, für _ihn_ wie nichts erfahren, da er über Irmengard
nichts erfahren, sprangen die Kinder vor das Thorweg auf die Straße hinaus,
wo indeß schellende Kameele gehalten, von denen schon zwei Männer
abgestiegen und der eine schon in den Hof kam, der Niemand anders war als
_Savern_.
Raimund erkannte ihn gleich, und hing noch an seinem Halse, als zwei von
ihren Kameelen abgestiegene Türkinnen in das Haus geschlüpft vor dem
neugierigen Volke, und in den Hof sich gleichsam retteten. Sie waren Beide
in weiten gelbseidenen langen Hosen, mit Gürteln gegürtet, in gelben
Pantoffeln, Beide in prächtigen Turbanen, die Stirn und den Mund mit
kostbaren Tüchern verbunden, das Gesicht weiß verschleiert. Die weiten
Mäntel mit viereckigen Kragen hatten sie draußen gelassen, und Raimund's
Wirthsleute schienen erstaunt, als die eine Türkin den Raimund umschlang
und im Schleier ihn küßte, als habe er im Morgenlande eine Freundin gehabt,
die ihn aufsuche. Aber die Verschleierte weinte nicht allein vor Freuden,
sondern sie lachte auch dazu. Raimund erkannte daran Gaiette und rief: Nun
Gott sei gedankt! Du bist wieder da! Und meine Irmengard wird auch noch
kommen.
Die Hausfrau führte die neuen weiblichen Gäste in ihre besten obern Zimmer.
Raimund ließ abpacken und unter andern Sachen eine nur kleine, geschnitzte
und blumenbemalte Kiste zu den Frauen hinauftragen. Dann ging er mit seinem
Freunde Savern in sein eigenes Zimmer nach. Da warf er sich auf einen
Divan; Savern ging vor ihm auf und ab und erzählte ihm Alles kurz, aber aus
dem Kern, und sprach: