Früh knien Alle nieder und beten, das Gesicht nach Morgen gewandt. Dann

gibt jeder Hauswirth einer zu Nacht bei ihm eingefallenen Kinderschar aus

allen seinen Leibeskräften ein Frühstück, und sie packen sich die

Pilgertaschen noch voll. Alles was Beine hat, begleitet dann mit der

singenden Geistlichkeit den Zug zum Dorfe oder der Stadt hinaus, und, von

Boten geführt, vereinigen sie sich vorwärts und den Ortschaften zur Seite

auf der angenommenen Hauptstraße. Für unterwegs haben wir _Reise_gebete,

wie die Geistlichen welche haben, nur den Umständen angepaßt, weggelassen

oder zugesetzt von dem wirklich bewundernswerthen klugen, wie allwissenden

Nikolas. Kreuze am Wege, Kirchen, Kapellen in der Ferne werden mitgenommen

-- das heißt begrüßt mit Kniefall. Bienenkörbe auszunaschen ist verboten,

weil es Vielen sehr schlecht bekommen. Ein sonniger Wald voll rother

Erdbeeren ist eine köstliche Labung, auch eine Ruhezeit. Aus den Orten

kommen uns Processionen entgegen und wir singen uns einander an; da wird

auch wol wieder Eins geweint. In den Orten, wo uns Nikolas weislich voraus

ankündigen lassen, werden wir zum Mittagsessen eingeladen und von Weibern

und Kindern in die Häuser geführt, wo bald Alles von den Tischen

verschwindet; denn die armen Hungrigen essen (mit einem »fr« davor) wie

Heuschrecken, nur wie riesenhafte zweibeinige. Darauf wird gedankt im Namen

des Herrn. Darauf wird gewaschen und satt getrunken, und der Stab

weitergesetzt unter Kinderbegleitung, von denen die größern uns den Weg

weisen auf die Seitenwege, da wir dann _in der Breite_ marschiren, und weil

ein Strich Dörfer auf einer Straße uns nicht ernähren und Nachts

beherbergen könnte. Die meisten gehen barfuß und lernen es recht gut. Viele

haben sich einander die Haare vom Kopf geschoren, um gewisse Kümmernisse

loszuwerden, und lagen wie Lämmchen den Andern im Schoose. Das war eine

große Wollschur der armen geduldigen Schafköpfchen. Fromme alte Weiber

nahmen sich ganze Schürzen voll mit nach Hause zu ewigem Andenken. Die

Kinder können unmöglich immer weinen und beten und singen -- das verzieht

sich so vor den tausend kleinen Wandersorgen. Denn in der Nachmittagszeit

laufen die Knaben wol nach Eichhörnchen, kriechen nach Vogelnestern, und

die Mädchen, schon große Trullen dabei, spielen Ball mit den Knaben und

necken und werfen sie -- aus lieber Natur! Oder sie spielen _Leinwand_, und

die Katze, die Wächterin, miaut erbärmlich, wenn dem Herrn wieder eine Elle

Leinwand vom Diebe gestohlen ist. Aber plötzlich stehen sie, wie heim auf

ihre Spielplätze gezaubert, und fangen an bitterlich zu weinen. In der

Abendstunde baden Knaben und Mädchen, weit genug durch Gebüsche voneinander

geschieden, in den Bächen, und krebsen wol auch darin. Indeß sitzen Andere

und flicken sich ihre Sachen. Oder die mitgekommenen Weiber und

Weibspersonen waschen an den Ruhetagen ihre Lümpchen und Läppchen und

Tüchel, und flicken die zerlaufenen Strümpfe, oder machen aus den nicht

mehr fadenhaltigen Bälle, -- und die kleinen erschöpften Wandersleutchen

pflegen sich und werden gepflegt. Die schlimmste Krankheit ist das Heimweh,

wobei die Kleinen _untröstlich_ weinen und immer rufen: »Ich will heim!

. . . Ich will heimgehen . . . Ich will zu meiner Mutter!« . . . oder

Andere, schon etwas von kindischer Vernunft wie Angebrannte, klagen: »Ach,

wäre ich doch zu Hause geblieben! Wie gern wollt' ich folgen! Wie wird

meine Mutter weinen!«

Und was würden die Mütter, die Väter und Geschwister sagen, wenn sie das

sähen! -- Und ich sehe es gleichsam für Alle, und fühle es für Alle, denn

ein Mensch fühlt wie Tausende, und keiner mehr noch anders. Solche Kleine

behalten gütige Mütter bei sich und versprechen ihnen, sie nach Hause

führen zu lassen, oder auf Kähnen, auf Frachtwagen mit. Da lachen sie

himmelsfroh! Andere sind wirklich krank und werden untergebracht in

Klöstern oder Hospitien von Begharden oder Beguinen -- wo welche sind! Sie

sollen mit den andern Reconvalescenten und mit den Lahmen nachhumpeln und

nachhinken! Die Kreuzknaben sind von Allen geehrt. Füllen sie Sonntags die

Kirche, dann müssen sie sich setzen und die Gemeinde steht. Die dann zu

Hause bewanderten Knaben dürfen als Chorknaben ministriren, und die

Einheimischen ziehen ihnen ihre Amtskleider sie bewundernd an; ja, die

Kinder der Einwohner lassen ihnen den Vorrang, auf den Thürmen die Glocken

zu läuten, und freuen sich, daß sie an den Stricken und Strängen sich

gerade wie sie selbst von der zuletzt ausschwingenden Glocke mit dem Kopfe

bis an die Decke _hinaufreißen_ lassen -- was uns einen Todten gekostet,

mit dem alle Einwohner zu Grabe gingen. Unser Nikolas, jetzt mit dem

Anstande eines vornehmen Edelknaben oder Grafensohns, läßt manchmal seine

Irmengard fahren, und wenn er sie zu Hause als Hirtenknabe kaum Sonntags

von Ferne sehen und grüßen durfte, so hat er sie hier draußen in Gottes

freier Welt, unter Blütenbäumen sitzend, oder an Quellen im Walde, und sie

macht einen Kranz, den er zuletzt immer bekommt, aber ihr hold auf das

geneigte Köpfchen setzt. Seit unsere Irmengard als Engel gepredigt, hat sie

mich durch Schönheit und Begeisterung zu sich bekehrt. Natürlich ohne

Eifersucht, fühle ich Neid gegen ihren Seelenbeherrscher. Fast kann auch

kein Mädchen _meinem verlorenen jungen schönen Weibe_, meiner Gabriele, in

ihren Mädchenjahren, _wo ich sie lieb gewann_, ähnlicher sehen, als

Irmengard. Und daß sie in seinem Wagen fährt, den immer sich abwechselnde,

sehr rüstige Knaben mit Herzenslust ziehen, daß die Räder bald zerbrechen,

hat auch irdische Ursachen: denn in der wie heiligen Karrete ist immer ein

wohlschmeckender Vorrath an Trank und Speise -- Schinken, Rheinlachs,

allerhand Klostergebäck und Flaschen vortrefflichen Rhein- und Neckarweins,

die ihm die Frommen verehrt, und den er ihr kredenzt aus dem einzigen Glase

des ganzen Heerzugs.

Der langbeinige Wegweiser ist also geheilt -- denn er ist nicht

nachgekommen; auch nicht die Kinder aus der Lindenburg. Aber andere in der

Stadt, die von den Aeltern in Keller und Kammern schon vor dem Auszug

eingesperrt gewesen, aber von dem Lauten und Rufen und alle der, als

Geräusch nur vernommenen Begeisterung des Auszugs so ergriffen -- sind so

hinterlistig gewesen, erst einige Tage nachher, nicht mehr bewacht, theils

zu Fuß zu entlaufen, theils in Schiffchen, Rhein zu Berg, uns nachzufahren.

Da war Freude!

Dreizehntes Capitel. Der Mädchenbezauberer.

Heut' berichte ich Euch ein Neues, das die Verbindung von Morgenland und

Abendland mitgeführt hat und welches noch viel Anderes, Schlimmeres und

Besseres, mit sich bringen wird. Unausbleiblich. Die Sarazenen werden uns

in Europa den Gegenbesuch machen und die Tataren sich bis in das Herz von

Deutschland wälzen, Konstantinopel sich erobern und Rom zu vertilgen

drohen, als den Krater von alle dem Unheil, die Lavaströme. Gewiß!

Also! Ich sitze in unserm lieben deutschen Strasburg, auf der Rheinbrücke

von Kehl, darauf gegangen. Die Abendsonne schien prächtig den aus der Stadt

wandelnden oder reitenden Menschen in das Gesicht. Kommt gerade ziemlich

einzeln ein Reiter geritten. Sein Pferd glaubte ich gesehen zu haben und es

zu kennen; zuletzt selbst ihn -- und ich besann mich: von jenem Abend her,

da wir nach Köln einritten, wo er plötzlich einem uns begegnenden jungen

Reiter in auffallend schönen, reichen, wie goldenen Locken auf der Straße

zurück nachsprengte, erhitzt wiederkam, von uns schied, und der uns, in den

nur acht Tagen darauf, nicht aufgesucht und uns nicht vor Augen und Ohren

gekommen.

Er war's; auch schon wieder auf Reisen, wie ich. Als er mich sah und

wiedererkannte, hielt er, stieg ab, ließ das Pferd seinem Knechte, nahm

mich unter dem Arm, und wir gingen stumm von der Brücke rechts am gerade

menschenleeren Strand hinunter. Sein erstes Wort war: Ich reise nach

Alexandrien. Ja, sprach er, als ich überrascht ihm ins Gesicht sah. Hört

eine wahre, noch unerhörte Geschichte.

Ich unterbrach ihn nicht, und er erzählte, oft sich selbst nur mit Ausrufen

des Schmerzes, der Wuth, der Trauer und der Hoffnung das Herz erleichternd,

mir folgende Jammergeschichte:

»Vor drei Jahren um diese Zeit kam ein junger Mann zu uns in unser Landhaus

am Genfersee. Wie er sich eingeführt, das weiß ich nicht; denn ich war

auswärts gewesen und kam erst zurück, als ich meine Schwester schon als

seine Braut fand, die sterblich -- leider sterblich -- in ihn verliebt war.

Und sie wäre unzweifelhaft lieber gestorben, als ihn nicht zu besitzen, ihn

zu verlieren oder je zu verlassen. _Was kann ein Bruder dazu sagen_, dazu

oder davon thun! Die Brüder sehen das so mit an, als eine natürliche, wenn

auch neue und überraschende Entfaltung ihres Haus- und Familienlebens, und

machen Brüderschaft mit dem Schwager und er mit den Schwestern der Braut.

Wird doch selbst ein neuhinzugekommener Sperling unter einem Flug Sperlinge

aufgenommen und fliegt mit dem zusammensichhaltenden Volke. Er gab sich

nicht nur für einen Griechen aus, sondern seine Thaten werden Euch zeigen,

daß er wirklich einer war von jenem unglücklichen Volke, das jetzt seinen

Kaiser, seine Hauptstadt und Alles verloren: Ehren, Würden, hohe

einträgliche Aemter und Handel und Wandel. Und _wo die Rache ins Unglück

fällt_, wie Gift in Milch, da ist Alles möglich, und wenn nicht

verzeihlich, doch erklärlich. Doch ich überstürze mich. Aeltern mußte er

doch gehabt haben, und so war es auch glaublich, daß sie in Kreta wohnten,

und daß sie von ihrem großen Vermögen noch Einiges gerettet, was er nicht

übertrieben groß angab. Er erzählte auch (in Vorrath, sage ich wieder

voraus) von seinem Bruder _Endy_, der ihm als Zwillingsbruder zum

Verwechseln ähnlich sähe, der aber ein so leichtes Leben führe, daß er ihn

selbst, um sich seiner nicht schämen zu müssen, lieber verleugne. Er selbst

nannte sich mit seinem Taufnamen _Mion_; denn der Vater habe den Namen

_Endymion_ in sie beide vertheilt. Ein Bruder hat nun keinen rechten

Begriff von der Schönheit oder gar Engelhaftigkeit seiner Schwester; doch

sah ich, wie die meinige allen jungen Männern ein Wunder, ein

angstmachendes Wesen war. So glaubte ich auch an die Liebe des Griechen,

der jahrelang in Paris den Wissenschaften obgelegen, so gut wie, unter

angenommenem Namen, der Sohn des Sultans Saladin in jener weltberühmten

Stadt viele Jahre lang das Wissen und Können der Abendländer erforscht und

sich eigen gemacht, um ihnen an Geist vollständig die Wage zu halten. Mein

Schwager wollte sich auch nun ein verständiges edles Weib mit nach Hause

nehmen, frug nie nach Vermögen, nach einer Mit- oder Nachgift, oder gar

einem Erbe -- und nur die Mutter stand endlich dagegen auf, ihre Tochter

einem _Griechischgläubigen_ zum Weibe zu geben . . . _und so weit weg!_ --

Da war meine Schwester eines Morgens entführt, sammt der ihr bereitgelegten

Mitgift an Gold und Schmuck. Er hatte aber, wie wir erfuhren, im nächsten

Orte schon redlich sie sich antrauen lassen, und sein Diener, ein

finsterer, verschlossener Ragusaner, hatte für sich auch ein ganz armes,

aber bezauberndes Mädchen mit entführt, als leise Gott, zur Kammerfrau

seiner Herrin, damit sie in der Fremde doch mit Jemandem von der Heimat

reden könne.

Meine Schwester schrieb einen rührenden Brief an die Aeltern, und was

wollen Aeltern mehr als das Glück ihrer Kinder, wenn es auch ihnen im Alter

eine Einbildung ist. Aber sie hatte versprochen, alle Jahre nach Venedig zu

kommen -- und sie war drei Jahre nicht gekommen und hatte auch nie

geschrieben! -- Da traf ich in Genua auf meinen Schwager oder seinen

Bruder; der erstaunte über meine heftige Anrede; er gestand zu, er sei der

Bruder desselben, und wollte endlich nur gehört haben, die Frau sei

gestorben, und sein Bruder habe es deswegen verschwiegen, _damit sie in der

Seele ihrer Verwandten leben bliebe!_ Er nahm kurzen Abschied. Ich fing

Verdacht irgendeiner Art. Ich schiffte nach dem angegebenen Wohnort meiner

Schwester. Welch ein Schreck! Dort kannte kein Mensch einen solchen jungen

Mann! Vielleicht sind die jungen Leute von _christlichen_ Seeräubern

geraubt, fortgeführt und verkauft worden, sagte mir nur ein verständiger

Alter. Und nach Monaten begegnete ich meinem Schwager, dem Goldlockenkopf,

in Nizza wieder. Ich faßte ihn an der Brust. Ich wollte ihn festhalten, mir

Rede zu stehen! Er entriß sich mir. Das machte ihn mir verdächtig,

_schuldig_. Ich habe ihn wiedergetroffen und dann grimmig verfolgt. _Ihn

plattweg_ «_erstechen_» hätte ich zweimal gekonnt; aber was half das mir?

_Er mußte mir Rede stehen_, mir Rechenschaft, mir Auskunft geben! In diesem

Aufruhr des jetzigen Menschengeschlechts, in diesem Gekreuz und Gewirr von

unzähligen Fahrern und Reitern aller Art, worin sich Tausende verbergen

könnten, irrte ich verkleidet auf gut Glück mit Euch, bis zu Euch. Er hat

da eine junge, reizend schöne, wohlerzogene Französin, die, verarmt, sich

bei ihren Anverwandten aufhält, geheirathet, sich mit _ihr trauen_ lassen,

und war mit ihr verschwunden, als ich glücklich noch _seinen Diener_

ertappte, den Ragusaner. Ich verschaffte mir handfeste, schlaue, für Geld

gewissenlose Gehülfen, die ihn Abends von der Straße wegfingen, ihn

knebelten und in ein einsames Gewölbe schleppten. Ich verschaffte mir

gerade müßige, bärbeißige und mitleidslose Diener bei der Inquisition der

Dominicaner, welche die Folter aus dem Grunde verstanden. Ich war grausam

aus Liebe gegen meine Schwester, aus Angst für unsere trostlose Mutter

. . . mir schaudert zu sagen: er gestand erst die dritte Nacht -- und was?

. . . Meine Schwester war schon die _dritte -- Frau_, um so zu sagen, die

er ihrer Schönheit wegen um einen Ungeheuern Preis an reiche Türken

verkauft, die fabelhafte Summen für eine fabelhaft schöne Jungfrau mit

Freuden geben. Er hatte sich mit ihr _trauen_ lassen, um sie sicher zu

machen und zu beruhigen! So waren sie, meine Schwester _Isidore_ und er,

nach Alexandrien -- geflohen; er hatte durch den gewandten Diener die

Ankunft einer frischen Schönen dem Statthalter _Maschemuch_ zu wissen

gethan, die von ihrem Manne rein und unberührt wie ein Engel geblieben und

bleiben mußte. _Er hatte sich bis dahin krank und leidend gestellt!_ Sie

hatte er gereizt, _ein Harem_ sehen zu wollen. Sie war verschleiert mit ihm

gegangen. Sie hatte gesehen. Sie war gesehen worden. Sie hatte gefallen --

und _nicht mehr hinausgehen dürfen_. Welche Ueberraschung für ein

liebendes, treues Weib! Sie hatte geweint. Sie war verzweifelt. Er war mit

dem Golde fortgegangen. Der Diener hatte ihr in dem Harem -- worein, wie in

alle Häuser, alle Neuigkeiten dringen -- die Nachricht hineinschwärzen

müssen: ihr Mann sei ermordet. _Das sollte ihr Trost sein!_

Darauf seien sie wieder nach neuem Raube ins Abendland gezogen, wo er seine

bezaubernde _Schönheit_ zum Köder von jungen Schönen gemacht, die noch

Alles glauben, weil sie lieben, und Alles thun, weil sie wähnen, mit sich

zu entzücken.

Ich habe mir Alles lassen genau angeben, und den Diener auf ein Schiff auf

den Walfischfang -- _besorgt!_ Er _könnte_ sobald und würde sich kaum

rächen; denn ich habe ihm so viel gegeben, als er mit zehn Reisen von dem

goldlockigen Apollo bekommen hätte. Lebt meine Schwester noch, so ist sie

vor Gram -- über ihren angeblich gestorbenen Gemahl abgemagert, blaß und

elend geworden -- schlimmer wie alt. Und so darf ich hoffen, sie von ihrem

Herrn zurückzukaufen, wenn es sein muß, um sein doppeltes . . . dreifaches

Kaufgeld. Ja, ich wäre so niederträchtig, jedoch aus heiligen Ursachen, ihm

ein wunderschönes Mädchen für sie zu geben, wenn ich mich nicht schämte,

eine dazu _Willige_ zu suchen oder zu finden. Der Wille macht Alles gut und

Zwang macht Alles entsetzlich. Die Jungfrauen und Frauen wollen _lieben_;

das steht bei Allen fest. Dann zerfallen die Liebenden in

_Geliebtseinwollende_, geliebt von Mehren, geliebt von Einem, geliebt

zuerst, geliebt einzig und geliebt zuletzt! Aus diesen Geblütsarten mischt

das Herz und das Glück und das Unglück _ihnen das Leben_.«

* * * * *

Der junge Ritter, der _Heinrich von Savern_ hieß, begleitete seinen frühern

Reisegenossen Raimund in sein kleines Stübchen bei ärmlichen Leuten, in

deren eigener Stube gegenüber zugleich Irmengard und Gaiette wohnten, denen

mit einem querüber gezogenen Bindfaden in der Ecke ein Stübchen im Stübchen

abgegrenzt war. Raimund vertraute ihm dort auch sein Geheimniß, daß die zur

Hurd Verurtheilten nach Rom geliefert seien; daß er die von ihnen

einzuhaltende _Straße_ wisse; die _Zahl_ ihrer Begleiter -- nur zwei --;

die _Farbe_ ihrer Maulthiere; die _Woche_, in der sie an einem ihm

genannten _Orte_ in _Sänften_ mit schwarzen Kreuzen und Fähnlein

vorüberziehen würden; und daß er sich schon immer mit zuverlässigen Männern

versehen und bereit halte, die Unglücklichen aufzuheben und dann weit vom

Wege ab an einen sichern Ort zu bringen und zu verbergen. Und in einer

Woche ginge die Woche an, sich seitwärts in Wald oder Schlünden wo in

Hinterhalt zu legen. Bei dem langsamen beschwerlichen Ueberklettern des

Kinderkreuzzugs über die Alpen und den noch weiten Weg durch die Lombardei

bis Genua, hoffte er noch vor ihm am Meere einzutreffen, um dann wieder

ihrer Irmengard weiter beizustehen in der Raserei unter offenem Himmel, dem

Tagwandeln so vieler mond- oder kreuzsüchtiger armer Kranken, welche Noth

und Tod erst bei ihren Namen rufen müsse und _werde_, um entsetzt und

beschämt zu erwachen und zu sehen, »wo sie wären«. Aber wohin, frug er,

rathet Ihr mir, Savern, unsere Frederune mit ihrem, ich glaube »Salomon«,

zu bringen?

Und Savern sprach: Zu meinen Aeltern nach Genf! Sie haben über den See weg,

und dann noch hinter Bevay, jenseit der Berge, eine kleine Meierei, _die

außer allen Wegen liegt_.

Raimund konnte ihm nur mit Freuden dafür danken, und Savern schrieb ihm in

Hast einen Brief an die Seinen, und bat ihn, ihnen von sich zu erzählen,

und daß er hoffe, in zwölf Wochen zurück zu sein nach Genua.

Jetzt kam Gaiette, die den Fremden hatte kommen sehen, mit ihrer Zither

herüber, und Raimund sagte zu ihr in froher Stimmung, ja im Scherz, der

widerwillig auch zu Zeiten den Unglücklichen befällt: Siehe, Gaiette, da

ist ein Herr, der fährt mit Engelsflügeln nach dem Gelobten Lande, oder

dicht daneben, der nimmt dich geschwind wie der Wind mit.

Also auf, fort noch die Nacht! sprach Savern zu ihr und ergriff ihre Hand.

Schöne Pagenkleider für dich sind geschwind in der Stadt noch zu haben. Ich

habe ein feines, kleines, rehfarbenes corsisches Pferdchen für dich. _Dort_

bist du dem Sultan Amalrich von Jerusalem selbst nicht zu schlecht, ja ein

Schatz; hier bleibst du ungekauft, als von einem Schneider, Schuster oder

Tuchknappen; denn du hast kein Geld, dir einen bessern Mann zu kaufen!

Also!

Sie ließ ihm die Hand und war nur roth geworden. Und mit bittern Gefühlen

im Innern frug er sie: Kannst du Zither spielen?

Und das morgenlandsüchtige Mädchen rauschte ihm was in den Saiten.

Kannst du singen?

Und das gute Mädchen sang, daß ihr die Thränen in die Augen traten.

Kannst du Türkisch reden?

Und das begeisterte Mädchen redete Worte _aus ihrem Glauben: »wie Türkisch

klingen müsse!«_ redete, und befahl ihm mit ausgestrecktem Finger: »Ili,

kutsch Ili! Ili, kutsch Ili!« sodaß Alle lachen mußten und sie selbst.

Nun Alles sehr gut! belobte sie Savern. Aber nun noch die Hauptsache:

Kannst du tanzen?

Und nun tanzte das mond- und türkenmondsüchtige Mädchen, reizend mit

liebenswürdigem Gesicht und funkelnden Augen. Aber vor Lachen taumelte sie

und warf sich auf das Bett. Und Savern besah ihre Finger und steckte ihr

einen schönen Ring an, in dessen Glanz und Schein sie lange hineinsah --

wie in das Morgenland.

Raimund ward zum Nikolas in einen »Rath der Hirtenknaben« fort aus dem

Hause berufen, und die beiden Männer, jeder für die Seinen zu jedem Opfer

bereit, schieden auf Tod und Leben, ungewiß, ob sie sich wiedersähen.

Savern blieb in Gedanken sitzen.

Am Morgen kam Irmengard zu Raimund herübergestürmt und erzählte ihm ihren

Schreck, daß im Morgengrauen sie ein schöner junger Page im Bette

überfallen, ans Herz gedrückt und unter heißen Küssen ihr Gesicht und Brust

naßgeweint habe, und frug ihn, wo Frohmuthe wol sei?

Er erröthete über das kecke entflohene Mädchen und über Savern, der sie

_als letztes Mittel_, seine Schwester zurückzukaufen, mitgelassen,

mitgenommen. Wollte auch er selbst ja, wie Jener, sogar sein Leben daran

setzen, warum sollte Savern nicht nur eines Andern Wunsch erfüllen? Und

»des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, sprach er, »nur ein verrückter

Wille: ein Verrücktes«.

Vierzehntes Capitel.

Darauf zog er noch mit bis nach Basel. Dort war große Heerschau zum Zuge

durch, ja über die Schweiz, nach Zürich, Zug, Altdorf und über den

beschwerlichen und gefährlichen _St.-Gotthard_, nach Bellinzona. Schon

jetzt waren Wunderdinge passirt; ein Seitenzug des Heers, mehre Tausend,

die die Sarazenen schlagen wollten, hatten nicht gewagt, durch einen Wald

zu ziehen, worin neun bis zehn Räuber hausen sollten, und schleunig um

Schutzwache und Geleit von großen Männern gebeten. Es waren große Gewitter

und in der That furchtbare Regenschauer gewesen; die Kinder hatten im

Freien übernachten und naß am Morgen wieder hungrig weiterziehen müssen. So

hatten Hunderte das Fieber bekommen und vor Angst doch eilend sich die Füße

wund und blutig gelaufen unter entsetzlichem Weinen und Singen. Manche

hatten sich Beine gebrochen, und so war ein meilenlanges Lazareth am Wege

her entstanden. Dazu wurden sie von den fast unzähligen, nur auf Raub und

liederliches Leben mit ausgezogenen Spitzbuben und Spitzbübinnen um ihre

noch etwa übriggebliebene, für die äußerste Noth erst aufgesparte, an sich

schon kleine Habe von ihrer Mitgift und ihrer Reiseausstattung gebracht,

und die unter diesen Umständen mehr als grausamen Heuchler und Diebe und

Diebinnen, die zu desto größerm Vertrauen gerade in Beguinen- und

Beghardenkleidern mit dem Kreuz auf dem Rücken mitgepilgert waren, verzogen

sich nun und entliefen aus gerechter Furcht vor dem Schicksale des Zugs so

vieler Tausend auf einem meist häuserlosen Wege durch die Schweiz und über

die Schneegebirge.

Raimund stand und übersah von einem Hügel das große weite wimmelnde Lager

der Kinder, die im schönen warmen Sonnenschein wieder froh waren, und jedem

besonders hohen Berge, als dem Berge des Pilatus, ein Zetergeschrei

brachten. Er wollte morgen bei Tagesanbruch scheiden und die Scheidenden

sehen klar und wahr. Neben ihm standen auch zwei Männer, ein Ritter und ein

Priester, die das Leben unter dem Schwarme auch nicht mehr ertragen

konnten, und den Zug verlassen wollten. Und der Ritter sprach verwundert:

Wenn einem Heere von Rittern hätte ein Zug vorbereitet, geleitet, versorgt,

ernährt und ausgeführt werden sollen, wie viel Millionen an Geld und viele

nacheinander eintretende Tausende von sorgfältigen unermüdlichen

Schaffnern, Aufsehern und Auf- und Nachräumern, und Heerden von Ochsen und

Schafen und Pferden würde Das bedurft und gekostet haben -- was hier blos

aus _Leichtsinn_ und auf _Mildthätigkeit_ unternommen, und auch, wie bei

uns Erwachsenen, zu nichts, als _zu einem ebenso jämmerlichen_ Ausgange

gebracht wird.

Und Raimund sagte bewundernd: Wie leicht und süß sterben doch Kinder! Ich

habe da ein Mädchen sterben sehen -- dagegen ist aller Rittermuth

lächerlich! Da ist kein Glaube; da ist nichts als _Kinderherz_, noch nicht

ängstlich gemachte, reine schuldlose Kinderseele! Sie schwebt auf und fort,

wie ein ausgehauchtes Flämmchen! wie der unsichtbare Duft einer Blume! Und

wenn diese Kinder alle die Teufelsbrücke hinunterstürzten oder gestürzt

würden, sie fielen alle selig in den Himmel in ihrem Kopfe, in ihrem

Herzen.

Ich muß es sagen, die Kinder ertrugen unzählige kleine und für sie große

Beschwerden -- _mit gar keiner Geduld_, nur mit fröhlichem Sinn aus Eifer,

und weil ihrer Tausende das Gleiche ertrugen. _Wie viel schwerer könnte der

ganzen Menschheit das Leben sein, und es würde auch noch gelebt und zu Ende

getragen!_

Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212 · 第 7 / 11 段