Nächsten, Nöthigen reichlich versorgt. Denn der Maler van Graveland hatte
ihr eine prächtige goldene Halskette geschenkt, die Anverwandten hatten ihr
alle Finger voll theuerer Ringe gesteckt, um in Mangel und Noth eine Zubuße
zu haben. Uebrigens hatte sie sich wieder in vollen Glauben gepredigt. Sie
nahm gar keine Speise und keinen Trank, als solche, die aus der Stadt oder
aus dem Dorfe ihr von ihrer getreuen Frohmuthe besorgt ward; da das schlaue
Mädchen des Doctors Medicinbrauerei bemerkt, belauscht, in ihren Wirkungen
klar und deutlich an den vielen andern Kindern, und besonders an dem Don
Angelus wahrgenommen und ohne Zweifel ihrer Irmengard verrathen hatte. Denn
die Kinder verloren wirklich allen Appetit, selbst nach dem
Unentbehrlichsten; am meisten schmachteten sie nach Ruhe und Schlaf, und
ihre kaum zähmbare fromme Aufregung war zur Gelassenheit, Gleichgültigkeit,
ja zu Lächeln geworden. Das war am meisten an dem langbeinigen guten
Viaductor Angelus zu sehen, der sich es wohl sein ließ, und _in Wahrheit_
nicht einmal den Weg von Köln nach Bonn wußte, oder nur zu welchem Thore
man hinausgehen müßte. Er hatte der Eingebung vertraut, auch darauf, daß er
zu Jedermann in der Fremde gleich in der Sprache desselben werde reden
können wie Wasser. _Des Nachts_, so rühmte er sich, _könne er alle
Sprachen_ und unterhalte sich geläufig darin mit allen verschieden
gekleideten Ausländern. Nur früh noch trete in ihm eine Stockung ein; es
falle in ihm wie eine Thür oder Klappe zu; doch hoffe er mit Zuversicht,
daß die wie sonnenscheuen Sprachen auch am _Tage_ herausbrechen würden, und
nicht blos wie Eulen des Nachts in ihm schlurfen; denn _reden_ brauche man
ja doch nur am Tage! So hatte er sich weder vor Italienisch, Griechisch
oder vor Türkisch gefürchtet. Jetzt war er ganz still und gewissermaßen
froh.
Der Maler war auf der Burg draußen geblieben, sodaß der todte stille Herr
Rath bald fertig gemalt war. Nur um Irmengard predigen zu hören, war
Raimund auch zu den Ursulinerinnen gegangen -- aber er hatte sie gesehen,
und als Engel gemalt mit Flügeln und Palmenzweig, und er sagte von dem
Bilde, obgleich schnell gemacht, sei die Irmengard doch gewiß sein bestes,
schönstes und seelenvollstes, wie lebendiges Werk; zu welchen so obenhin
gesagten Worten der Jude dem Maler eine verbindliche Verneigung machte.
Raimund aber war entzückt davon in reinem Herzen, besuchte wieder sein
Goldtönnchen, versandte davon der Sicherheit wegen und auf die Reise für
alle Fälle mehr als hinlänglich an sichere Häuser und treue Handelsfreunde
in einige Städte des Südens, und stattete seine Börse damit reichlich aus.
Den hier bleibenden Schatz befahl er dem alten Hagebald zugleich mit dem
neuen Freunde Ramon, der sein Gold mit dazuthat. In der Stadt und in allen
Häusern sah es aus und ging es zu, als wenn in einigen Tagen und endlich
diesmal gewiß der Jüngste Tag hereinbrechen sollte; ja manche Kinder sangen
wirklich den Vers!
Wenn der Jüngste Tag soll werden,
Fallen die Sternlein auf die Erden,
Kommt der liebe Gott gezogen
Auf einem schönen Regenbogen,
Neigen sich die Bäumelein,
Singen die lieben Engelein:
»Ihr Todten, ihr Todten sollt auferstehn!
Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehn:
Wohlan, wohlan, auf diesen Plan
Der liebe Gott will uns Alle han.«
Alles Befehlen und alles Gehorchen war aufgehoben. Alles ging in den
Häusern ganz ehrbar, ja feierlich zu, vom Aufstehen bis zum Zubettegehen.
Die Suppe ward mit Andacht gegessen, als vielleicht die letzte Suppe; und
wer am gerührtesten war, der legte zuerst den Löffel hin, oder ging gar vom
Tische weg hinter den Ofen, und wer ihn am liebsten hatte, der ging ihm
nach, und sie herzten und küßten da einander. Die Kinder thaten den Aeltern
und den Geschwistern Alles zu Liebe, und die Aeltern ihnen. Jedem kleinen
Kreuzfahrer ward noch sein Leibessen gekocht, gebraten oder gebacken; und
eine alte Mutter oder ein alter Vater sprach wol zu dem Frieden und der
Zufriedenheit: Könnte es bei uns nicht immer so sein? Ach, und wie bei uns,
so lieb und treu ist es gewiß jetzt in allen hundert Städten und Dörfern
umher im Lande! Schon deswegen, als Beispiel und Vorbild: _wie_ schön unser
deutsches Reich sein kann und kaum wol jemals werden wird, ist euer
Kreuzzug gar nicht mit Geld zu bezahlen, ihr Kinder -- ja, wenn auch hier
und da eins von euch nicht wiederkäme, sondern unterwegs oder dort von
Engeln zum Himmel getragen würde, Und doch sprach wol eine Mutter darüber
zu ihm: »Vater, versündige dich nicht!« und er zuckte die Achseln.
Der Rath Aldewin, der gute Vater seiner wahrhaft mütterlichen Tochter im
Kerker, war ganz im Stillen in die Familiengruft beigesetzt, und er hatte
durch sein Beispiel und seinen Tod den Vätern und Müttern aller Welt nur
eine und zwar diese höchste Bitte verlassen: Steh' deinen Kindern _immer_
redlich bei, den glücklichen, und den unglücklichen noch mehr, in _aller_
ihrer Noth, und erst recht in Menschenschande und in Sünde vor den
Menschen. _Wer weiß, was in der Sonne Schande ist? und was erst gar im
Himmel keine Sünde ist_ vor Dem, der Alles vergibt und vergab; sonst käme
der Heiligste selbst nicht in den Himmel. _Er hatte sich geschämt, ihr erst
zu vergeben._
Diese Worte hatte er zu seinem Weibe Irmentrud gesagt, und dann noch leise
vor sich hin gesprochen: _Auch mit den Weibern muß man es so halten._ --
Das war verständlich jetzt für Don Ramon.
Am Freitag, als am Tage vor der Hurd, war die Frau Rath mit Raimund nun zu
ihrer Tochter in der Abenddämmerung in den Kerker gegangen, wo sie auf
überraschende milde Weise auch ihren _natürlichen_ Schwiegersohn bei ihr
gefunden. Raimund lernte das sanfte, schöne, _natürliche_ Weib da kennen
und ehren, und er flüsterte ihr leise zu, was morgen durch die Weiber in
guter Hoffnung und durch die Weiber der Katharer, die jede Todesstrafe
verabscheuten, und durch die Weiber _der Juden_ im Chor zu ihren Gunsten
geschehen würde. Der Jost, einzig der Narr wußte noch Rath, sprach er. Er
ist mein Jugendfreund, und der Erzbischof ist der Freund meines Freundes
Ramon, des Juden, der fest bei ihm steht in Gunst; denn seiner staarblinden
Augen wegen bedarf er ihn mehr als alle andere unwissende Christen.
Zum Abschiede fiel der zum Feuertode verdammte junge Menschenjude, als
_natürlicher_ Schwiegersohn, seiner armen Schwiegermutter zu Füßen, und
voll Angedenken an ihren edeln gestorbenen Mann sagte sie ihm jetzt nur
desgleichen das Wort: _Auch mit der Tochter Manne muß man es so halten!_ --
Ach! ich müßte mich schämen, dir nicht zu vergeben! Lebt oder sterbet Beide
wohl -- nur wohl! -- Ohne Tod kein Wiedersehen, und Wiedersehen vergilt das
Scheiden und ist eine neue überschwängliche Freude, ein Himmelsanfang.
Wenigstens auf Erden; da ist es probat, das heißt: bewiesen. Das dachte nur
Raimund, herzlich gerührt und weinend, dazu.
Zehntes Capitel. Die Hurd.
Motto: Am Himmelsgewölbe sind viel Haken eingemauert, daran das
Menschenvolk seine Thorheiten hängt, und woran sie verwittern. Das neue
Geschlecht reißt die alten herunter und hängt dafür seine neuen daran, die
wieder verstocken und heruntergerissen werden, und wieder ersetzt. _Die
Haken halten._
Zur gesetzten Stunde brach unter einem sanften Sprühregen der Zug nach dem
Gericht auf. Wie angenehme oder düstere Farben der Wolken am Himmel die
Erde _tonlos_ schmücken, so gaben die Glocken der Thürme mit ihrem
wallenden Klange der Stadt ein unsichtbares -- ein gleichsam frommes Dach,
eine wie vom Himmel herab- und hereinklingende Weihe des Festes: zur
Darlegung des Abscheus vor solchem höllischen Wesen, wo der Teufel einen
Engel geliebt und der Engel sich dem Teufel ergeben mit Leib und Seele,
sodaß sie Beide zu Einem, zu etwas Unnennbarem geworden.
Voran kamen »Funken«; darauf das schuldige Paar, nicht in Bußkleidern, die
ihnen nicht zugestanden, denn ihre Schuld war nicht auf Erden abzubüßen,
noch zu vergeben; sondern der erfinderische Geist des Karnevals hatte sie
in Masken gesteckt, die noch nie gesehen und erhört waren. Und so folgte
ihnen unmittelbar nicht ein geistlicher Orden, oder ein Beichtvater,
sondern wieder erst hinter einem Zuge Funken sangen und beteten sie das Ora
pro nobis, nur wie für sich und das Volk. Denn hinter ihnen kamen die
Frauen und Jungfrauen, Väter und Mütter; hinter ihnen ein Zug zur Warnung
gezwungen dazu befohlener Juden, Greise, Männer und Weiber und Jungfrauen,
und alle _ohne Maske_, in schwarzen langen Sabbathröcken. Hinter ihnen kam
nun der wahre große Carnevalzug. An der Spitze desselben zuerst in
wunderlicher Maske _der Ewige Jude_, der die erhabensten Männer seines
Volks führte: eine Reihe Könige, unter denen der kleine David mit dem
Riesen Goliath; Salomo mit der Königin von Saba, und Absolon mit einer
ehrfurchtgebietenden Perücke, die vor allen den Kindern am meisten gefiel.
Zum Schluß kam Judas Ischarioth, den Beutel mit Silberlingen schüttelnd und
seinen berühmten Strick um den Hals, und hinter ihm ein _wirklicher Dieb_,
der heiliges Kreuzzugsgut gestohlen hatte, und zwar nur wenig Pfennige den
Kindern aus der Tasche -- _doch jede Zeit hat ihre Hauptverbrechen_, wie
jedes Land sie -- ihre zeitlang hat.
Sehr viele Männer und noch mehr Weiber aus allen Ständen und von allen
Handwerken, die neben dem Zuge und hinter dem Zuge langsam ihre Augen und
Ohren herausgetragen, stellten sich, endlich angekommen, um den Hügel mit
dem Scheiterhaufen und zwei Pfählen, zu welchen die beiden Schuldigen
hinaufgeführt und jeder an seinen Pfahl gebunden ward, mit den Händen hoch
über den Kopf. Der Scharfrichter Elias in großem Staat, befahl da oben den
Knechten. Und sie entkleideten die Verurtheilte so weit, daß ihr ganzer
weißer Rücken erschien, und geißelten, ja zergeißelten sie, daß den Weibern
allen, die sich am nächsten hinzugedrängt, die Augen vergingen, sie sich
jammernd wegwandten oder mit dem Kopfe sich unter die Menschen bückten. Die
Gegeißelte ertrug die Pein und den Schmerz ohne auch nur einen Laut. Sie
schrie aber einen Gall, als die Knechte ihren Freund nun noch ärger
geißelten. Der aber warf mit lauter Stimme entsetzliche Worte aus der Alten
Schrift über die Menge, und rief Prophezeiungen aus wie zerschmetternde
Blitze, worüber die gläubigen Hörer ihn verlachten -- um nicht zu zeigen:
sie wären dadurch zermalmt. Als aber zuletzt die Knechte das Feuer an die
Scheiterhaufen legten und Rauch aufquoll und Glut, und das Feuer ihre Haare
ergriff, daß sie aufloderten, da schrie sie entsetzlich zum Himmel empor,
und entsetzlicher zu den Frauen hinab und rief: _Und das leidet ihr
Frauen?_ Ihr, die ihr Kinder geboren! und ihr Jungfrauen, die ihr Frauen
werden wollt! Das leidet ihr, daß eine Mutter lebendig das Grab ihres
Kindes wird? _Das_ ist über alle Sünden und über alle Strafen. Wehe euch!
wehe! wehe!
Da erwachten die Weiber wie aus einem Traume. Sie sahen sich an mit
rollenden Augen, mit wüthenden Blicken; sie faßten sich an, an den
Schultern, sie schüttelten einander, und ohne ein Wort zu verlauten, mit
einem einzigen Schrei stürmten sie den Hügel, befreiten die wie rasend
Gewordene, aber Stille, und geleiteten sie schonend und küssend, sanft und
sorglich hinab und führten sie auf dem Wege zurück nach der Stadt.
Die Funken wagten nicht, sich an den Frauen zu vergreifen, denn sie hörten
mit drohenden Fäusten selbst der Vornehmsten Weiber rufen: Verbrennt die
Mutter, _wann_ sie Gott ihre Schuldigkeit gethan. Dann, dann verbrennt ihr
sogar ihr Kind vor Augen oder auf den Armen des Vaters. Aber ein Weib
greift nicht an dem Weibe an, denn das Leben ist nicht die _Mutterliebe_,
die _himmlische_ Mutterangst.
Selbst ohne Waffen hätten sie die Bewaffneten zerrissen, und es blieb
nichts übrig, als den schönen erbleichten Jüngling auch loszubinden, und
mit dem siegreichen Weibe unter den siegreichen Weibern heimzuführen,
langsam von fernen, von rohen Priestern begleitet und von dem Zuge der
jüdischen Könige, und der _Ewige Jude_ jubelte und tanzte voraus.
Raimund aber sprach leise zu Ramon: Der Narr hat gut gewirkt! und die
Weiber mit Menschengefühl immer. Nun werden die Armen gewiß auch nach Rom
gebracht! Nun muß ich fort. Du wirst ja hören, vielleicht noch heute, wenn
du hinaufgehst zu den Augen- und Nasenpatienten. Wie froh bin ich. -- Sie
drückten sich die Hände.
Das lustige Volk aber lief wieder zurück zu dem Galgen, denn es hörte und
sah: ihm zu einigem Ersatze wurde der Pfennigdieb gehangen,[A] der ärmste
und lustigste Vogel in Köln seit vielen Jahren und Carnevalen. -- »Fleisch
lebe wohl!« hatte er, schon den Strick um den Hals, noch gerufen. Nun seht
und versteht: Ich werde euch zur letzten Freude ganz ausgelassen mit meinen
zwei Beinen zappeln -- mehre habe ich nicht für den Augenblick -- und dabei
wißt nur: da tanz' ich mit _Lilith_, der alten Großmutter -- ihr wißt schon
von wem!
[Fußnote A: Laut Godofred. Mon. I. c.]
Und das Volk lachte unter den Masken hervor schauerlich, und sang dazu --
denn es war ja Carneval, und ein Spaß mußte doch sein.
Elftes Capitel. Raimund's erster Bericht aus Koblenz.
So sind wir denn fort -- »man sollte es gar nicht glauben!« wie du immer
sagst, guter Ramon. Ich bin ganz nüchtern, und doch wie betrunken; denn du
hast Recht: Alles steckt an; man wird blind unter Blinden, und taub unter
Tauben; ein Kind ist auf Erden auch nur ein angesteckter Mensch, und unter
lauter Amseln wird er zuletzt nur pfeifen, und unter lauter Glocken zuletzt
nichts als: »bim-baum! -- bim-baum!« summen. So singe ich schon zuweilen
mit den Kindern, und das Weinen wird auch noch kommen! Vor der Hand halte
ich manchmal und lache den Zug unserer Kinder Israel an. Wenn wir doch eine
Wüste hätten, um drinnen nur zehn Jahre größer zu wachsen, so würden wir
zusammen mit den fränkischen Kindern ein schöner Stamm kluger Abendländer
im Morgenlande werden, der _aus seiner Erinnerung_ gar kein dummes Leben
herstellen würde. Denn die ganze Menschheit muß wirklich vorher in einem
sehr vernünftigen, stillen, geheimen Lande gewohnt haben, daß sie immer ein
Vernünftigeres, Besseres -- oder Ewigaltes zutage fördert, wie eine Art
Bergleute oder Berggeister.
Also zum Nagelneuem!
Den Auszug aus Köln[A] habt Ihr selbst mit Augen gesehen, und die Nachwelt
wird Euch darum beneiden. Denn auf gewisse Weise ist das Geschlecht
glücklich, das etwas Großes, Ungeheueres, Schönes, Lächerliches und fast
immer ein Einziges, Einmaliges mit angesehen, mit gefühlt und mit
überstanden hat, vom Trojanischen Pferde an bis etwa zu der schändlichen
lateinischen Eroberung von Konstantinopel, heute vor acht Jahren. Ihr habt
den _Zuzug_ der Kreuzkinder aus den andern Städten, aus Aachen, Wesel,
Düsseldorf, Lüttich, ja bis von Münster singen und weinen gehört, ihr Lager
auf den freien großen Plätzen gesehen . . . wie die, in den Häusern guter
Leute nicht schon aufgenommenen und gespeiseten in den Hallen der Kirchen
und den Gängen der Klöster die Nacht verbracht . . . wie bei Sonnenaufgang
alle Glocken die Kinder erweckt . . . wie sie eingesegnet unter dem
Severinthor, aus einem Wirrwar ohne Gleichen sich allmälig zu einer Art
Leichenzug ohne Ende gestaltet, an dessen Spitze der Hirtenknabe Nikolas,
von sechs starken Knaben gezogen, fuhr, in einer niedrigen, vierrädrigen,
vergoldeten Karrete mit seidenem Baldachin gegen Sonne und Wetter; denn
auch Herrschen und Herrscherpracht steckt an, und er wollte und sein Wagen
sollte nicht schlechter sein als die französische Kindercarrosse seines
Herrn Bruders _St.-Etienne_. Und das Alles mußte man mit frommen Gesichte,
und gefalteten Händen ansehen, sonst bekam man die schönsten Ohrfeigen.
Meine Gesichter Hab' ich im Leibe geschnitten, und mein Bauchredner hat
seine Reden andere Leute halten lassen. Von den Thürmen habt Ihr uns
nachgesehen, wie den Knaben die Hunde nachliefen; wie manche gute Mutter
ihren Kindern noch allerhand brachte; da Eine ein kleines Päckchen mit
Hirschtalg, wenn sie sich die Füße wund, oder, was man so nennt, sich gar
einen Wolf gelaufen. Ja, eine Mutter brachte ihrem guten Käthchen bis auf
das erste Dorf, bis nach _Rothenkirchen_, eine Düte mit Fliederthee nach,
wenn sie sich erkältet hätte! -- Da kamen mir die Thränen schon in die
Augen, Als aber ein armer guter Vater seinem Knaben noch _sein Bette_
nachbrachte -- nämlich einen grobleinwandenen Scheffelsack, darein er zu
Nacht kriechen und die Bändel desselben unter dem Kinn zubinden sollte, und
der liebe Sohn dem lieben Vater dafür um den Hals fiel -- da brachen die
Thränen mir auch wirklich aus. Die Reihe der Völker kann in nichts so
Absonderliches verfallen, daß _dem Herzen_ nicht viel Gutes zu thun und der
Seele viel Besseres zu ahnen übrig bliebe! Vor der Hand habe ich bemerkt,
daß die Kinder in ihrem Glaubensstolz und aus Würdegefühl ihres Zugs sich
unterwegs _nichts erbitten_, sondern, ganz als wenn Alles ihnen gehörte, es
geradezu _nehmen_ und ohne Dank damit davongehen! Das erscheint als etwas
Erhabenes. Ueberhaupt halten sie kaum etwas Anderes für Sünde als -- _ich
weiß nicht was!_ und kaum etwas Anderes für herrlich als ihr Thun und ihren
heiligen Pilgerzug. Und viele Menschen halten ihren ganzen Wandel auf Erden
für einen solchen Zug und leben danach wie himmlisch vogelfrei! Da haben
wir unsern Pilgerzug, den Adam und Eva schon derb und tüchtig angetreten!
[Fußnote A: Chronik des Bischofs Sicard, und der Mönch Gottfried.]
Zu gutem Glück ist noch nichts auf den Feldern, noch auf den Bäumen; keine
Kirsche, keine Birne, keine Kastanie, keine Nuß -- denn sonst --
_wohldenenselben_! Aber sie hatten sich im vorletzten Dorfe über einen Korb
mit Ziegenkäsen _erbarmt_ (denn ihnen ist das ein Erbarmen, ein
Herablassen). Meinem Inquilinen, meinem Naturalisten mit nicht erst
angeglaubtem strengem Gewissen im Leibe, konnte ich aber den Mund da nicht
stopfen und die Lust, in den im Hofe stehenden Ziegenbock, in das Kalb und
den bellenden Kettenhund zu fahren; und der Bock sprach: Engel wollt ihr
sein, und Diebe seid ihr! und »Diebe« bellte der Hund, und »Diebe« blökte
das Kalb. Aber das Reden der Thiere nahmen sie _unverwundert_ so hin, als
lebten sie im Alten Testamente zu Bileam's Zeiten, und sie würden noch der
Anrede von Thieren gewürdigt! Aber sie meckerten nur den Bock an, bellten
den Hund nach und jagten das Kalb umher.
Wie ich so stand, fassen von hinten mich weiche Hände an den Schultern,
kehren mich um, und wer lacht mir mit dem bildschönen Gesichte in die Augen
-- Gaiette, die eine alte französische Theorbe, oder was für ein Ding, an
einem Bande umhängen hatte. Das sehr schön gewachsene lustige Mädchen frug
mich mit verstellter klagender Sorge: Lieber Herr Raimund, wo soll man
diese Nacht wieder schlafen?
Ich rieth ihr kurz und ernst: Nun zur Seite unserer Irmengard, der du zum
Schutz und zur Wache ja mitgegangen bist.
O, hier draußen in der Welt ist Alles ganz anders, sprach sie
achselzuckend. Wir Frauenzimmer, ja nur wir Mädchenkammern sind alle
überall immer ehrgeizig, hochnäsig. Auch unser neuer Herzog aus dem
Schafstall. Wie ein neugebackener Fürst gleich sein neues Wappen und seinen
Namen an alle Thore und Tafeln und Stallthüren malen läßt und als Fahne vom
Wartthurm flackern, um das Verwundern und Erstaunen auf einmal abzumachen;
so setzt sich der Nikolas auch sogleich über alle Verwunderung hinaus.
Gestern ließ er die Irmengard in seinem Ehrenwagen fahren und er ging zu
Fuße, und sah sie immer so ehrerbietig an -- freilich als seiner Herrschaft
geliebte Tochter! Freilich ich führe selbst auch gern, oder setzte mich zum
vornehmsten Herrn, und wenn er ein Türke wäre, auf seinen Thron! Wir armen
Mädchen müssen uns was versuchen!
Ihr Schatz, ein Webergehülfe, hatte sie begleitet, wie viele andere junge
Menschen ihre Liebsten; ja sie hatten sich zum Abschied vor den Leuten
geküßt, unverwundert, und keines hatte vor eigenem Leide gelacht. Sie
erzählte, daß ganze Scharen Dienstmädchen, bedenkliche Waschweiber und
armes lockeres Gesindel mitgekommen und noch nachkomme, und allerhand
verwahrloste, geschäftslose, vertrunkene Bursche, denen man nicht gern
allein im Walde begegne, oder Geld aufzuheben geben möchte. Wie werden
_die_ Jerusalem plündern! Doch will ich voraus nicht in Angst sein um jene
armen reichen Leute dort, die noch ruhig schlafen vor uns! Der Weg ist
weit. Nun, glückliche Reise! Auf Morgen hat der Alles -- selbst die Haare
der Kinder -- durchschauende Herzog allgemeine Schafschur aller Haare vom
Kopfe anbefohlen; befohlen? bewahre! nur einen Wink fallen lassen, und
Alles wird gehorchen wie blind -- nur ich nicht. Meine Haare sind mein
Schönstes. Aber die demüthig gehorsame Irmengard wird sich scheeren lassen.
So sprach das muthige Mädchen.
Nächstens mehr. Aber kurz, doch bündig.
Ich sende Euch dieses Schreiben mit meinem Reitknecht, der uns Schnecken
bald wieder einholen wird, um sichere Nachricht von Euch zu erhalten:
_Wann_ Irmengards tapfere Schwester mit ihrem getreuen Mitleider nach Rom
eingeliefert werden soll? Welche Art der Reise etwa von Kloster zu Kloster
vorgeschrieben . . . und welche und wie starke Begleitung beigegeben sein
wird? -- Ich, ich habe schon einige verwegene, gediente und verjagte
Ritterknappen mir immer in Vorrath, noch ohne ihr Wissen ausgesucht aus dem
Schwarme.
Zwölftes Capitel. Zweiter Bericht aus Speier.
Ich weiß also alles Nöthige, und freue mich. Haltet den Narren nur warm,
diesen in aller Stille mächtigen Herrn, der tausend Gutes durch Späße wirkt
und es _zu thun_ keinen Finger zu netzen braucht. Das ist die Geistermacht
und auch der Geist steckt an, fange ich an zu glauben, nicht blos das Herz.
Es freut mich für dich, mein Ramon, daß du auch dem alten braven Herrn das
Licht seines Leibes erhalten kannst und wirst. _Können_ ist eine schöne
Sache, ein Absenker der Allmacht, und Wissen ist sein Vater. Hier sind so
viel Grabmäler von _gestorbenen_ Kaisern, daß Einem ordentlich frei und
hoffnungsreich und groß zu Muthe wird. Doch das beiseite.
Unsere Heeresmacht, die beim Auszug, ohne die geistlichen Herren, nur etwa
7000 Mädchen und Knaben betrug, hat sich bis jetzt durch Aufnahme und
Mitnahme von andern auf unserm Wege und durch Zuzüge aus dem breiten
Flußgebiete bis über die Hälfte vermehrt, und durch weitere Verstärkung
werden wir mit 20,000 jungen Kreuzzüglern die Alpen übersteigen, wobei die
Kinder durchaus darauf bestehen, den Pilatusberg zu betreten oder aus der
Ferne zu beaugen. Sie werden dann -- denn wahrscheinlich werde ich wegen
meines Seiten- und doch Hauptgeschäfts nicht mit dabei sein -- ihren Weg
von Basel über Zürich, den St.-Gotthard, Bellenz, Mailand und Pavia nach
_Genua_ nehmen. Aber welchen Weg! Einen Heuschreckenweg! Denn ich will Euch
zum Andenken nur Einen Tag beschreiben.