Soll der Hahn krähen? frug Frohmuthe sie mit anspielendem Vorwurf. Und es

klang wirklich peinigend, als draußen ein wirklicher Hahn krähte.

Ramon hatte die Irmengard durchdringend beobachtet, und erstaunte selbst

über die Wirkung nur schon der _einen_ Gabe von seinem Mittel; aber sie

schien vorüberzugehen, wie Schein des Mondes die dunkeln Wolken wieder

überziehen. Doch lehnte sie sich blaß an die Wand, Der lange hochbeinige

Mann setzte sich ohne weiteres in einen Stuhl, der beiseite im Winkel

stand; entschuldigte sich nicht, sondern sagte nur: _Ich bin müde_, und

habe einen weiten Weg zu schleichen. Der Knabe Nikolas aber stellte sich

drei Schritt nahe vor die Hausfrau hin, sah sie fest an und sprach zu ihr

mit seiner wohllautenden fesselnden Stimme, die nicht nur wie aus dem Munde

oder der Brust, sondern aus seinem ganzen Körper, oder durch ihn aus der

ganzen Welt umher herauf- und herauszutönen schien: Theure Mutter, die

unsere Irmengard geboren, ich bringe dir den heiligen Boten, den Gott uns

zum Führer gesendet. In unserer Hütte hat er nicht Ruhe, nicht Raum; denn

mein irdischer Großvater Elias, der bei Menschen geehrte und berühmte

Scharfrichter, der nur aus Eifer für die Ehre Gottes und aus Haß gegen den

Satan sein ernsthaftes, blutiges, feuriges Amt bekleidet, und _zu der nahe

bevorstehenden brennenden Hurd_ einberufen worden, liegt mir und der Mutter

zu Hause krank. Der gottgesendete Bote und Führer aber ist mir von der

Vorsehung zugekommen, auch wenn er meint, er sei nur von seinem eigenen

Geiste getrieben. Denn höre nur.[A] Er kommt aus Brabant, wo er schon lange

in großer Heiligkeit gelebt und schon lange Gott hat nach dem Gelobten

Lande wallfahren gewollt, aber immer unentschlossen, sein Beten und Fasten

durch die weite Pilgerreise durch die südlichen Völker auf der elenden Erde

zu unterbrechen. _Jetzt_ ist ihm ein Engel in seinem festverschlossenen

Gemache erschienen, das sollte man gar nicht glauben -- -- und Raimund

sprach mit seiner geheimen Stimme, die er jetzt von dem Teufel aus dem

Bilde an der Wand her vernehmlich herabertönen ließ, indeß er mit eisernem

Gesicht dem Knaben Nikolas in sein Gesicht sah: _Ja, das sollte man gar

nicht glauben!_ Aber -- du sagst es!

[Fußnote A: Thomas Champré, Ap., II., 39.]

Aber Nikolas fuhr fort: Er hat gerade in der Nacht vor Petri Kettenfeier,

als helles Licht ihn umflossen, die Stimme des Engels vernommen, die da

sprach: Der Herr hat deine Sehnsucht, das Gelobte Land zu schauen,

wahrgenommen, und mich gesandt, deinen Wunsch zu erfüllen. Darauf hat ihn

der Engel ergriffen und ihn _in der einen Nacht_ zu allen Orten der

heiligen Lande geführt, sodaß er diese Lande, Jerusalem und Bethlehem, und

auf dem Wege hin und auf einem andern Wege zurück, alle merkwürdigen Städte

von Burgund, der Lombardei und Italien leibhaftig, leibhaft gesehen.--

Und Raimund's Stimme erscholl wieder aus dem Teufel: _Das sollte man gar

nicht glauben!_

Der Knabe Nikolas sprang auf das Bild los, und zerhieb und zergeißelte den

Teufel, dazu aber nur lachte, mit seinem blühenden Apfelbaumzweige, daß die

Blüten umherflogen, indem er betreten und demüthig leise dazu sprach: Ja!

auf tausend Jahr ihn verschließen, war zu kurze Zeit -- denn er erhebt sich

wieder wie vor, und abscheulicher -- verzeihe Gott mir die Sünde! Ach, er

ist gegen uns alle arme Sünder zu gnädig!

Er weinte dazu unter den mit der Hand zugehaltenen Augen, indem er seine

Hitze bereute, und der heilige Mann und der Engel kam ihm wieder ein, und

er beschloß seinen Bericht von den Beiden nur noch eilig mit den Worten:

Und der Engel brachte ihn noch in derselbigen Nacht wieder in sein Bett!

Und der Teufel vom Bilde sprach wieder deutlich dazu: _Das sollte man

glauben._

Die Andern im Saale standen wie verrathen und verkauft; Raimund aber

bemerkte, daß dem Hirtenknaben nicht sein Verstand, sondern diesmal _sein

Unverstand stille stand_. Er hatte das Ansehen eines Erwachenden, schnippte

mit den Fingern seinen Hund herbei, als wolle er hinaus und fortgehen. Da

sah er Irmengard hinter der Mutter hervortreten; er sah ihr in die Augen,

sie ihm, und sein Sinn hatte sich wieder gestärkt und er sagte getroster:

Nun haben Viele gebetet, auch so bequem von Engeln dahin getragen zu

werden, wohin wir Schritt vor Schritt pilgern werden; aber nicht immer den

dritten zurück, denn wir büßen ja keine Todsünde ab. Der theure Mann hat

sich aber von heimgekehrten Pilgern erbitten lassen, uns ein erfahrener

Wegweiser zu sein. Darum bewirthet uns Allen und mir ihn wohl!

Darauf faßte er Irmengard an beiden Händen und befahl ihr: diesen Abend in

der heiligen Ursulinerkirche _den Kindern eine Predigt_ zu halten. Die

Kirche werde erleuchtet sein; sie werde außer den Knaben und Mädchen und

ihren Müttern viel Hundert andächtige Zuhörer haben, und von den hohen

Fenstern herab die viel Tausend Jungfrauen. Der Geistliche werde sie auf

die Kanzel führen und sie werde mit Engelflügeln geschmückt sein, mit einem

Narcissenkranz auf dem Haupt und einem Palmenzweig in der Hand.

Und als Herzog der Kinder all nahm er sie, ohne Billigung noch Widerrede

weder ihrer Mutter noch ihres überraschten Oheims, an der Hand, um sie in

den Garten zu führen, und ihr die Gegenstände zu sagen, von denen sie

predigen solle, und über die sie sich im Gebet Erleuchtung und Begeisterung

und Muth und Kraft vom Himmel erflehen solle. Er küßte sie drei mal auf die

Stirn und war im Begriff, sie an den Fingerspitzen sich hinaus- und

fortzuführen.

Aber indessen hatten Leute aus der Stadt die Staffelei des Malers,

Malertuch und Töpfe, und Scherben und Flaschen, und Farben und Pinsel

gebracht, die sie an den ihnen angewiesenen Ort unter den Engel und Teufel

ruhig und vorsichtig abgesetzt. Kurze Zeit darauf, ehe die Witwe des Tobten

-- _wenn Todte noch Witwen haben_ -- sich ruhig geathmet hatte, trat der

Maler leise, bescheiden und schüchtern, ja wie furchtsam vor dem

zugedeckten Todten, ein. Er nahte der Hausfrau; er bedauerte sie über ihren

unersetzlichen Verlust und sah mit dem glühroth gebückten Gesicht zur Erde.

Beide und Alle standen _so_, lange stumm. Aber er war ja gekommen, den

Todten zu malen, und so mußte er doch sich ihn ansehen. Die treulose Witwe

Rath selbst mußte das Gesicht ihm aufdecken, und er sah sich ihn lange an

-- aber er selbst hatte die Augen dabei zu. Endlich, um vorläufig auch die

Farbe der Augen des Verblichenen zu erkunden, that er ihm mit Daumen und

Zeigefinger der Linken ein Auge auf, hielt das Lid lange offen, und der

jüdische Arzt sagte: Könnte ich doch Euch selbst so malen, wie Ihr dasteht

und der arme Todte Euch ansieht! Das wäre eine neue Art Bild.

Da wandte der Maler sich davon, der sehr sorgfältig gekleidet und

geschmückt mit der goldenen Ehrenkette, die er vom Grafen Wilhelm von

Holland empfangen; auch seine Finger funkelten von Ringen, und er strich

sich die schönen Haare aus der heißen Stirn.

Jetzt fragte er ganz gelassen und gleichgültig nach der Tochter, die er

auch malen solle; wie groß sie wol sei? damit er in Gedanken das Bild schon

immer ordnen könne. Raimund ergriff das schöne, edle, gewiß engelgleiche

Mädchen und stellte sie ihm vor. Irmengard schlug die Augen vor ihm nieder,

und er unterdrückte ein inneres Entzücken, eine heilige Ueberraschung kaum

mit Mühe; ja, er mußte aus seinem Herzen hinaus eine Frage thun, die zu

keinem Bilde für keinen bloßen Maler als nur geistigen Vater eines Bildes

gehört; er frug ihre Mutter: _Wie heißt_ denn Eure Tochter?

Die Blicke des männlich schönen Malers auf die aufblühende schöne Irmengard

verdrossen den gewissenhaften Don Ramon, ob sie ihn gleich rührten, als

treue Sprache der Natur, die immer allweise und offen in ihren unverhüllten

Geheimnissen und Offenbarungen ist; sie verdrossen den Raimund

unwissenderweise; sie verdrossen den Hirtenknaben Nikolas, den Herzog des

Kinderheers. Er ergriff sie wieder an der Hand, führte sie hinaus und fort

in den blumigen blühenden Garten; und Raimund stieß heimlich die schlaue

Frohmuthe an, ihnen in schicklichem Zwischenraum zu folgen, damit sie nicht

den Entwurf zu der Kinderpredigt störe.

Den Kinderkreuzzugsboten geleitete Hagebald in ein Zimmer hinauf, eine

Dachkammer, und um dem alten Hausmeister seine Kraft zu zeigen, machte der

langbeinige Herr immer Schritte über zwei, drei Stufen zugleich.

Achtes Capitel. Die Kinderpredigt.

Nach einiger Zeit, die dem Raimund in einer gewissen Herzensängstlichkeit

verschlichen, holte er den schönen, in seinem begeisterten und

begeisternden Wesen, auch widerwillig von dem nüchternsten Manne fast

_erhaben_ zu nennenden Hirtenknaben, und die ihm wie schaf- oder gar

leithammelmäßig folgende Irmengard, die ihn wunderbar rührte, und doppelt,

weil sie so schön war, aus dem Garten; während er, tief durchbebt, doch

vergebens nachsann, wo er sie je gesehen, oder wem sie _bis zum Weinen_

ähnlich gesehen, oder vielleicht gar wer sie wäre oder wer sie gewesen sei,

ja wer sie noch werden könnte -- oder wirklich würde. Er war wie bezaubert.

Doch was half das. Er führte Beide hinauf in das Zimmer des geistgesendeten

langbeinigen Boten, der sich nur den bescheidenen Namen »Angelus« gegeben,

bei dem er schon seinen neuen Freund, den Doctor Ramon, fand, welchen er,

um ihm einigen irdischen Menschenrespect zu geben, jetzt immer auch _Don_

Ramon nannte. Sie setzten sich alle vier um den müdegelaufenen Angelus, und

es wurde von der verhalten lächelnden Frohmuthe »Liebfrauenmilch« kredenzt,

in welche Don Ramon aber von seinem nüchternmachenden, unschädlichen

geheimen Heilmittel getröpfelt hatte. Und sie tranken, vom Doctor im

Stillen sehr ernst und genau beobachtet.

Sie tranken. Sie nippten. Sie tranken wieder. Und nach längerer Zeit

verwandelten sich ihre Augen zuerst, die aus schwärmerischer Begeisterung

und wetterleuchtendem Funkeln matt und matter, ihre Stirn kühler, ihre

Wangen blässer, ja blaß, ihr Laut gemäßigter und ihre Sprache langsamer und

ruhiger wurden, und sie saßen zuletzt da, die Hände müßig im Schoos. Eines

wollte weinen, das Andere lachen; aber ward gleich wieder ernst und saß

jetzt erst recht wie in einem Zaubergarten, aber verworren. Um sich zu

beleben, trank Irmengard am meisten, füllte neu und trank dem Nikolas, der

zürnend und erglühend dasaß, das Glas zu. Er hatte wie mit den

allerfeinsten Sinnen begabt -- und als wäre er wirklich, wie das Volk von

ihm rühmte, mit höhern, ja mit Wundergaben begabt -- nur von Zeit zu Zeit

den Arzt mistrauisch angesehen, schlug jetzt der Irmengard das Glas aus der

Hand, zeigte mit dem Finger der ausgestreckten Hand auf Don Ramon und rief:

Das ist ein Feind, ein Verräther, ein Ungläubiger! Fort von ihm! -- Er ist

betrunken!

Und während Don Ramon selbst überrascht stand, sprach sein Freund Raimund

in seiner Bauchsprache, die er von dem Angelus mit den langen Gebeinen

tönen ließ: Knabe, _du_ bist betrunken! Die Trunkenen halten die Nüchternen

für _perfect_, wie sie das nennen, und halten die ganze Welt, die Sonne und

den Mond für _perfect_; ja Häuser, Kirchen und Thürme, die Glocken darauf,

und ihren eigenen würdigen Großvater, der mausstill im Sarge liegt, für

besoffen, und sich nur für nüchtern. So ist das Ding! Du Glaubensherzog.

Der entflammte Knabe, zugleich von einem _widerwilligen Grauen wie in zwei

unsichtbare Geister zertheilt_, aber faßte und hielt das Mädchen an ihren

beiden Händen, küßte die Duldende fromm auf die Stirn und sprach: Meine

Irmengard, du predigst als wahrer Engel den Kindern heut _zu Nacht!_

Raimund konnte sich nicht enthalten, darein zu sagen: »_Heut zu Tag_« --

das gibt es nicht mehr -- bis Weiteres.

Als Nikolas entrüstet fortgegangen, und wunderbarlich sogar sein

Schäferhund _Phylax_ den Don Ramon angeknurrt hatte, wollte sich Irmengard

vor Unwohlsein zu Bette legen, denn sie sah eben nicht sehr malerisch aus,

aber sie mußte gezwungen hinunter in den Saal, dem Maler als Modell zu

knien.

Ramon und Raimund aber gingen in die Zimmer der Kinder, bei denen zwei arme

Witwen geblieben waren.

Sie besprachen sich leise; Raimund war auf das Mittel gespannt, und Ramon

sagte es ihm in kurzen Worten, und erläuterte es ebenso kurz, überzeugend

und bündig, und sprach: Ihr seid doch wol einmal, also ein erstes Mal _zu

Schiffe gefahren, also seekrank gewesen_ -- also ist Euch ganz erbärmlich

zu Muthe gewesen, vollkommen gleichgültig gegen Himmel und Erde, Vater und

Mutter, und hättet die ganze Welt um einen Batzen verkauft. Nicht wahr?

Ja wahr! antwortete Raimund lachend; für einen Kreuzer!

Also errege ich _Abscheu, Widerdei_, zuerst gegen Alles, dann in Tagen:

Gleichgültigkeit gegen Vieles, zuletzt nur Begehren nach Hülfe in der

Seele, und mache die Kräfte _des Leibes_ schwach durch ein zweites

»ausführliches« Mittel. Kann man _Verliebte_ so heilen und mäßigen, eben

denn so auch _Verglaubte_, welche hier vorliegen; so denn auch

Steckenpferde und Steckenesel, ja Katzen. _Das ist nicht Scherz!_ Denn

stellt einen Blumennapf mit einem Busch »Marum verum« vor das Fenster, da

sehet wie die Katzen und Kater kommen, nach dem Kraute springen, den Napf

herunterhäkeln, und dann am Boden sich auf dem duftigen Kraut vor Entzücken

wälzen und vor Wonne miauen, sodaß sie gar keine irdischen Katzen mehr

scheinen, sondern unaussprechlich liebe und gute Wesen, nur noch mit

irdischen Schwänzen und etwas höllischen Stimmen; die sich willig _fangen_,

ja _martern_ und _todtschlagen_ lassen. Und welcher Katze der Pelz mit dem

Geruche durchzogen ist, dieser laufen alle andern Katzen und Kater -- denn

ein Kater ist auch eine Katze -- und Kätzchen _nach_ durch Wasser und

Feuer.

Das wäre eine Rede für meinen Bauch! sprach Raimund lachend.

So hat jeder Mensch, fuhr Ramon fort, und _jedes Volk_ eine Zeitlang sein

wahres »Marum verum«, das zu seinem Glücke es behext, und ihm _über alle

andern Uebel seiner Zeit hilft_. Aber begießest du es mit Lauge, dann ist

es den Katzen »Marum _falsum_«, ja sie verunehren sogar es dann auf ihre

Art, vor Scham über sich selbst, und vor Rache an sich selbst.

Seid fest überzeugt, ich rede nur von Uebertreibung und möchte nur ein

vieltausendfaches absehbar-unabsehbares Unglück verringern, da eine

Verhinderung über der Macht aller Päpste, Kaiser und Könige liegt. Die

_Gedanken_, _Gefühle_ und _Wünsche_ der Aeltern in einer Zeit stehen im

nächsten Geschlechte auf, in die Welt, die nur eine große

Carnevalsgarderobe erscheint, und werden in ihren Kindern geboren, und ihre

Kinder _sind_ die Aeltern mit frischen Händen und Füßen. Denn was wären

sonst Kinder? und was wären sonst Aeltern? Und so werden die Knaben und

Mädchen im leidenschaftlichen Frankreich und am feurigen Rhein hier jetzt

Kreuzfahrerchen und nähen oder kleben einander Kreuze auf den Rücken, und

selbst die kleinen Kinder im Hemde treten vor ihre Mütter und wollen schon

ein recht schönes Kreuz von ihr aufgeklebt haben! _Und sind wir Beide

besser?_ Ich bin der Extract meiner Aeltern, und Ihr seid der der Euren --

nur mit _der_ Gefahr, eingekerkert, ja verbrannt zu werden, welcher wir

Beide nur mit knapper Noth glücklich entritten sind! Diese Priester und

Leviten hier, die so brav und gescheit sind wie wir, und im Grunde so gut

wie alle andern vernünftigen Menschen, sie müssen aber diese berauschten

Kinder segnen; drum möchte sogar ich, blos als ein Mensch, den bedrängten

Geistlichen helfen vor Schimpf und Schaden, durch Hülfe an den Kindern; und

Euch, mein theurer Raimund, sehe ich noch _mit_ den Kindern ziehen, um

ihnen zu helfen, zu rathen, oder nöthigenfalls unfehlbar mit ihnen zu

weinen und ein armseliges Häuflein davon nach Hause zu bringen! Und nur Ein

Kind Einer Mutter erhalten ist eine _doch nicht strafbare_ That.

Der Tag verschlich darauf Jedem nach seiner Weise und der armen Irmengard

in banger Unentschlossenheit. Und dennoch, auf bessere Stimmung hin, begab

sie sich mit ihrer Frohmuthe bei der Abendröthe, wenigstens auf jeden Fall

bereit, in das Haus in der Stadt und ließ sich von ihr schmücken. Raimund

kam nach, auch Ramon. Als die Glocken darauf von dem Thurm zu der Vesper

der Kinder bei den Ursulinerinnen erschollen und hallten, als aus allen

Gassen Tritte von andächtig Schweigenden dröhnten, da befiel es sie wieder

aus dem Glockenhall wie Himmelsruf; sie fuhr auf und reichte dem Raimund

die Hand, sie in die Sacristei zu führen. Es erging ihr, wie dem zu einem

Rehchen verzauberten Brüderchen -- in dem Märchen »_Brüderchen und

Schwesterchen_« -- das zwar still und getreu bei dem Schwesterchen blieb;

aber wenn draußen im Walde die Hörner lustig zur Jagd erschallten, dann

hinaus mußte zu den Rehen, und sollte es zerrissen werden von den

Jagdhunden oder erschossen von dem Pfeil des jagenden Königs -- und sollte

sich sein Schwesterchen darüber zu Tode weinen, oder indeß doch tausend

Angst ausstehen. Jetzt war sie das arme Rehchen.

Die hohen breiten Fenster der Kirche waren von außen beleuchtet; aber als

sie zu Thor und Halle hineingetreten, sahen sie erst mit Bewunderung, daß

sie _erleuchtet_ waren, und wie bezaubernd! Die bunten purpurnen und

smaragdnen Scheiben glühten und sprühten; die heiligen Schädel der

Jungfrauen, als große Juwelen in Gold und Perlen gefaßt, sprachen aus ihrem

Glanze von göttlichen Dingen eine stille bezaubernde Sprache, die Jedem,

auch dem Kinderherzen verständlich war, wie den Blumen im Garten die

Sonnenstrahlen. Alles saß und stand unter dem hellen Gewölbe unten voll

Kinder, Mädchen und Knaben, und Mütter und Väter, und alte Muhmen und

Vettern -- himmlisch angefunkelt!

Der leise Gesang begann. Raimund übergab seine zitternde Irmengard dem

Geistlichen in der Sacristei, und begab sich mit Ramon auf ein Chor der

Kanzel gegenüber. Silberne, im Strahle der Kerzen blitzende Leuchter

standen zu beiden Seiten auf ihrer Brüstung. Endlich schwieg der Gesang,

und das heilige Mädchen, die im Antlitz marmorweiße Irmengard erschien,

heute viel größer, mit den goldenen, wie mondscheinhell leuchtenden

Flügeln, den grünen Palmenzweig in der Hand, während der Geistliche etwa

drei bis vier Stufen niedriger auf der Kanzeltreppe stehen geblieben war

und nur mit Haupt und Schulter erschien.

Lange war kein Wort von der Kinderkreuzpredigerin zu verstehen, nur

tauchten jetzt ein: »Lasset die Kindlein zu mir kommen« auf -- ein: »Ihnen

ist das Reich«; und Alle weinten und schluchzten schon. Darauf ergoß sich

mit ergreifender Rührung gleichsam ein _brennender Fluß_: Laßt alle Könige,

selbst den König Andreas, zu Hause sitzen -- uns Kindern ist das Heilige

Grab gegeben! Wir Kinder werden das Herz des Sultan Malek in Aleppo rühren,

daß er ein Christ wird. Ihm wird ein Licht aufgehen, wenn Kinder schon so

verwogen sind, so weit hinzuziehen in den Kampf, und ihn bitten, selig zu

werden! Das wird ihn doch überwinden, wenn er noch so tapfer sich gegen

Harnisch und Schwerter wehrt! Und _uns Kindern_ ist der Entschluß so ganz

nicht schwer, so ganz nicht kühn, der Sache ein Ende zu machen! Unter

glänzendem Himmel werden wir hinwandern, in schönen Gärten unter milden

Lüften, über blumigen Rasen. Goldene Früchte werden uns zu Seiten des Wegs

hangen; Feigen, Weintrauben an Reben, gehangen von Pappel zu Pappel -- wir

werden _Thränen Christi_ trinken! Ganz gewiß und ganz unmerklich werden wir

jede Nacht eines Rosenblattes Dicke größer wachsen, und also dort groß und

stark ankommen; keine Schuhsohle wird uns reißen, kein Aermel nur ein Loch

bekommen, wie ihre Gewänder den Juden nicht in der Wüste, die 40 Jahre

gehalten -- und wie weit wären wir in 40 Jahren! Engel werden uns die

Steine vom Wege lesen; das Meer wird zurückfliehen, wenn wir an seine Ufer

treten, daß wir trocken hindurchgehen. Schwalben und wilde Gänse werden

Befehl erhalten, uns am Himmel den Weg auf Erden zu zeigen. Und daß jedes

Bedenken in euch erstickt, so wisset: Unser Heiliger Vater in Rom,[A] der

nie irrt, hat aus der Offenbarung offenbart und verkündet: Das Thier, der

Mohammed, der Lügenprophet soll überhaupt nur 666 Jahre leben, und jetzt,

heute sind _die Hunderte_ davon, und von morgen an liegt er nur noch die

ihm gezählten Tage im Sterben.[B]

Jubelruf unterbrach sie, sodaß sie erst nach langer Zeit noch rufen konnte:

Und die Kinder der Franzosen sind schon fort uns voraus nach Massilia und

dort eingeschifft auf sieben großen Schiffen, und brauchen keinen Fuß zu

setzen; -- gewiß will man uns nur schrecken mit der Kunde: Zwei Schiffe,

voll ihrer, sind untergegangen . . . und alle die Dreißigtausend sind von

einem Seelenverkäufer an die Sarazenen zu Sklaven verkauft! -- Das, das

glaubt nicht! Wie kann das der Herr, wie kann das ein Engel nur zulassen?

Kommen sie uns braven _deutschen_ Kindern nicht zuvor! Oder wäre ihr Tod

und ihr Unglück wahr -- dann, _nicht desto besser_, sondern desto höher

unser Ruhm auf Erden und unser Lohn im Himmel! Und so sage ich und verkünde

ich euch: Unsere Ausfahrt ist auf heute über acht Tage bestimmt von

Nikolas, der seine Boten überall hin ausgesendet. Und ganz überflüssig für

euch, setz' ich hinzu: _Todsünde_ hat der Heilige Vater darauf gesetzt, wer

nicht zur rechten Stunde seinen gelobten Zug antritt!

[Fußnote A: Innocent III. in Adhortat.]

[Fußnote B: Im Oratorio des kaum vergleichlich guten Kinderwohlthäters,

_Philippo Neri_ zu Rom, finden noch jetzt alle Advente Abends bei Licht

rührende _Predigten eines Kindes vor Kindern_ statt. Es kann nichts

Holderes geben.]

Und nach dem neuen Begeisterungsstürme fing sie nun an in _Aller Namen den

Müttern und Vätern der Kinder zu danken_; dann für sie und für sich zu

beten; dann großen feierlichen Abschied zu nehmen auf kurze Lebenszeit oder

auf seliges Wiedersehen und selige Ewigkeit im Himmel.

Das war über die Kräfte aller Kinder und Aeltern. Da wurden viel Tausend

Thränen geweint; denn wer hatte zu irgendeiner Zeit je solches gehört und

empfunden. Irmengard war ganz starr und steif geworden; sie sank dem

Geistlichen in die Arme, und die Freunde führten gleichsam eine Selige in

ihr Vaterhaus, während Raimund bei sich sprach: »_Nun ziehe ich mit!_« und

Ramon beinahe sich schämte: »Wie schön ein Wahn sei, wenn er nur dauerte!«

_Aber es fiel ein Stern wunderschön_ vom Himmel. Und er war wieder ein

Mann, ein Bewohner der unermeßlichen Hallen der Welt, worin die Erde nur

ein Fünkchen ist.

Neuntes Capitel. Das Carneval.

Die Carnevalswoche war nun eben nicht verdorben, sondern die Verkleidungen,

Masken und Maskenzüge, das Schneidern und Nähen, und Pappen und Kleistern,

und Färben und Malen, Versuchen und Rüsten, das andere Jahre nach den

_verschiedenen_ Absichten kleiner und großer Gesellschaften sich richtete,

hatte dieses merkwürdigste Jahr der Stadt Alles nur auf Einen Gegenstand

Bezug -- auf den _Kinderkreuzzug_; oder, als das Zweite: auf die brennende

_Hurd_, die den Tag vor dem Jammer des Abschieds angesetzt war. Die Boten

waren in die Städte und das Land weit und breit ausgesandt, und es ließ

sich schon den Tag vor der Hurd eine große Menge Thränen- und

Klagesüchtiger bis zur Ueberfüllung der Stadt erwarten, schon ohne die

Scharen von Kreuzkindern und ihren Geleitgebern von weit und breit herum.

Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212 · 第 5 / 11 段