Kinder ist ein Hirtenknabe aus Vendôme.[A] Da es den Kreuzfahrern in dem,
nur den Juden und nicht den Christen von Gott gelobten Lande sehr schlecht
ging, und die Christen zu Hause sie als verloren aufgaben, so hielten die
alten Weiber und Priester Umzüge zur Auffoderung, das Heilige Grab zu
befreien, als wenn das Grab elend und krank und im Sterben läge. Sie haben
Bittfahrten gehalten, um die Hülfe Gottes zu erflehen. Denn, sagten Einige
in den Weinhäusern, wofür man betet oder beten soll anbefohlenermaßen, das
wird dem Volke wichtig gemacht, das soll ihm lieb und theuer sein, und
andere Seiten- oder Gegenwünsche ihm gotteslästerlich gemacht. Deswegen
sind falsche Fürbitten so gefährlich; setzten Andere hinzu.
[Fußnote A: Genauer aus dem Dorfe »Cloies« an der Loire. _Matthias Paris_
nennt ihn einen Knaben, aufgeregt durch Teufelsvorsorge, des Feindes des
Menschengeschlechts, an Alter einen wirklichen Knaben, aber _an Sitten_
pervilis.]
Bei den Worten überfiel Sr. Gnaden ein starker Husten, wogegen ihm der Arzt
ein Mittel aus seiner kleinen Büchse nahm: Stückchen krystallisirten weißen
Zucker, den auch die Sarazenen, die Mauren in Sicilien erfunden hatten, so
gut wie sie das Menschenauge kennend gesagt: die Engel und die Kreuze am
Himmel wären nichts als Gestaltungen des Auges der Menschen, das seiner
Beschaffenheit nach eine ganze Wand von niederträufelndem Regen nur als
einen Bogen, und erst als einen farbigen bunten Regenbogen sähe, und sich
begegnende Wolken als Kreuze und allerhand Wolkenbildungen als Heilige.
Sr. Gnaden sagten nichts dazu, sondern zerkrachte den Zucker mit seinen
vortrefflichen Zähnen, lobte ihn, den heidnischen Zuckererfindern zum
Trotz, und bat um weitere Auskunft, Und der Arzt gab sie ihm in Folgendem,
wozu sein Freund Raimund, _zufolge seiner Bauchrednerkunst_, gern
Anmerkungen eingeschaltet hätte; aber es waren keine weitern Personen,
nicht einmal ein Bild da, dem die Hörer sie hätten aufbürden können.
Jost's beide Knaben fingen an zu weinen, schmiegten sich zu beiden Seiten
an den gnädigen Herrn ihres Vaters, der sie mit seinen Armen umschloß, und
sie bedeutete, still zu sein und zu hören. Ihr Vater hatte Lust, sie an den
Haaren etwas zu zausen, aber er konnte nicht hinlangen und rollte sie nur
mit zornigen Augen an. Der Arzt erzählte jetzt weiter: Dem Knaben _Stephan_
ist nun alle Noth und Schande des ganzen Abendlandes, das mit aller
furchtbaren, ja wüthigen Macht _Nichts_ ausgerichtet, auf sein Herz
gefallen. Er hat _eine Erfahrung_ aus seinem Traume gepredigt, daß der sehr
schöne und sehr traurige Heiland in Gestalt eines armen Pilgers sich ihm
offenbart, und ihn als Kreuzprediger für die unschuldigen Kinder
bevollmächtigt; ja, er habe ihm einen eigenhändigen Brief an den König von
Frankreich ausgehändigt an den noch lebenden Philipp August, den er den
Kindern gezeigt und unzählige Knaben damit zur Annahme des Kreuzes
gebracht. Vor den frommen König nach St.-Denis gefodert, und von ihm zur
Prüfung befragt: was ihm die Nacht geträumt? habe er es dem Könige nur
etwas leise ins Ohr geraunt, daß der König erblaßt sei. Auf die nunmehrige
Bitte des Königs, ihm den Brief auszuhändigen, habe er getrost danach in
seiner Hirtentasche gesucht, sich beklopft am ganzen Leibe und zuletzt mit
dem ehrlichsten Gesichte voll Erstaunen und Zorn gerufen: Den hat mir der
Teufel gestohlen! Und als der König die umstehenden Priester befragt: ob
Jesus erscheinen könne, Diesem und Jenem, und wenn er wolle . . . und ihm
schreiben, wie einst dem König Abgarius? . . . da haben sie über die
entsetzliche Frage geschrien und auch dem Teufel die ja nur geringfügige
Macht zu stehlen mit Ueberzeugung zugesprochen. Darauf hat der Stephan zu
St.-Denis vor der Königin noch größere Wunder verrichtet; er hat durch
Mauern gesehen, in die Ferne gesehen und gesagt, was die Leute da thun? ja
sogar wie es Gestorbenen gerade jetzt in der Hölle geht? und Antworten der
Kinder auf seine Fragen an sie im Himmel gehört, sodaß Alle erstaunt und
verstummt sind vor seinen Engelsgaben.
Sein Gang und sein Bezeigen vor dem König und die Erzählung seiner Wunder
umher im Lande, welche _Erzählung_ eine wahre Thatsache geworden, haben dem
frommen Hirtenknaben darauf ein solches Ansehen und seinen Ermahnungen und
Feldpredigten eine solche Wirksamkeit gegeben, daß in kurzem sich eine
zahllose Menge von ja sichtbaren und handgreiflichen Knaben um ihn
versammelt, und nun drängend und treibend wieder _auf ihn_ gewirkt. Andere
Knaben sind in andern Gegenden als Kreuzprediger aufgetreten, die ihren
Beruf auch durch Wunder beweisen mußten, und auch bewiesen, worauf sie das
von Stephan begonnene Werk mit großem Erfolge gefördert. Alle lieben
begeisterten Kinder, die das Kreuz genommen, betrachteten, wie ich mit
meinen Augen gesehen, den _Stephan von Vendôme_ als ihren Herrn und Meister
über Leben und Tod, und waren fest überzeugt, daß sie unter seiner
Anführung den furchtbarsten Sieg über die Sarazenen erfechten würden mit
bloßen Händen . . . durch ihre bloße Erscheinung, oder höchstens obendrein
durch den gesegneten Pilgerstab. Sie verehrten ihn als einen hörbaren,
sichtbaren, zu ihnen redenden Heiligen, und jeder pries sich glücklich, der
von seinem _lebendigen_ Leibe schon eine Reliquie erwischen, erschleichen,
ja erkämpfen konnte. In Lyon hatte er sich seine zu vollen, ihm aus
gewissen kleinen Uebeln unangenehmen, wenn auch sehr schönen blonden Locken
kurz abschneiden lassen, und ich habe den Kampf mit angesehen, den Knaben
und Mädchen aus seinem Zuge um ihren Besitz mit wahrer Begeisterung
führten. Unter meinen Reisemerkwürdigkeiten habe ich einen kleinen
verworrenen Wusch Haare davon, die ich von einem kleinen dummen hungerigen
Knaben für eine Wurst mir eingetauscht. Andere waren glücklich, die sich
nur einen Faden von seinem Rocke verschafft hatten, oder schlugen sich um
den Krug mit Wasser, daraus er getrunken und schlürften andächtig mit zum
Himmel gekehrten Augen die Neige aus.
Hm! Hm! erklang dazu wieder die Sprichsilbe.
Und es machte dem Doctor innerliche Freude fortzuerzählen: Den folgenden
Tag rückte der Major domus oder Generaloberst St.-Etienne's, _der
Hirtenknabe von Chartres_, in die Stadt. Von diesem erzählte man Abends
dann neue Dinge.[A] Als er von einer Uebungsprocession zurückgekommen, auf
welcher seine Schar um die Gnade Gottes für die Gläubigen gebetet, gesungen
und gekniet, also um Gottes Ungnade gegen die -- Ungläubigen gefleht, da
habe er gesehen, daß seine Heerde Schafe die Saatfelder indessen verwüstet,
von welchen er sie verjagen und mit seinem getreuen Hunde Tiras forthetzen
wollen; da habe sein _Tiras_ geheult und nicht gehorcht, sondern mit dem
Schwanze gewedelt; die Schafe selbst aber seien alle vor ihm auf die Knie
niedergefallen und haben zu ihm um Gnade geblökt. Auf dieses Wunder hin sei
er in den eigenthümlichen Geruch eines Heiligen gekommen, und aus allen
Gegenden sind Hunderte von Kindern ihm zugeströmt, wirkliche
_Menschenkinder_, die wirklich gegessen, getrunken, geschlafen und
französisch gesprochen haben; nicht nur hohle Gespenster und gezauberte und
bezauberte Puppen böser Geister.
[Fußnote A: Chronik des Johannes Iperius.]
Darauf haben sie mit großem Gepränge und mit vielerlei eigenthümlichen
willkürlichen Gebräuchen in den Städten, Burgen und Weilern von Frankreich
ungestört, ja bestaunt und beschenkt, feierliche und Bettelaufzüge unter
Thränen gehalten, indem sie Paniere, Rauchgefäße, Wachskerzen und Kreuze
unter Gesängen umhergetragen. Selbst junge Mädchen, Jünglinge, Weiber und
Greise schlossen sich an diese Processionen an; die Arbeiter auf den Gassen
der Städte und Dörfer oder auf den Aeckern und Wiesen verließen, wenn ein
solcher Zug vorüberkam, die Ochsen am Pfluge und folgten den Knaben. _Denn
sie weinten entsetzlich!_ Und überall wurden dem Kinderzuge vom Volke
Lebensmittel, Erfrischungen und andere Almosen gespendet, und _sie aßen
desgleichen entsetzlich_.
Viele Bürger von Lyon stritten miteinander; diese meinten: weil die Kinder
alle wie mit Einem Munde auf die Frage: wohin sie denn eigentlich wollten?
»zu Gott!« antworteten, könne man doch wol der Hoffnung Raum geben, daß
also Gott durch die Jugend große Dinge auf der Erde vollbringen werde, wie
denn immer nur durch neue Kinder alles Neue auf die Welt komme, nach dem
Worte: »Kommt wieder Menschenkinder!« Auch wären sie ja so vernünftig, sich
nur für das Heilige Grab zu waffnen, darin Gott als sein Sohn geruht; denn
sie sähen ja selbst mit ihrem Kinderverstande ein, daß es für den Heiland
im Himmel weder nöthig noch möglich sei. -- Andere behaupteten: nur
ruchlose Betrüger hätten sie aufgeregt.[A]
So in Zweifel, was er glauben und was er thun solle, denn das sei ganz
verschieden, habe der erste Sohn der christlichen Kirche, der König Philipp
August, der sich selbst solange als möglich von einem Kreuzzuge zurückhalte
-- erst _das Gutachten_ der gelehrten Meister der hohen Schule zu Paris
gefodert, in welchem der größte Theil der Geistlichkeit und manche Laien
die Begeisterung der Jugend als das Werk boshafter Zauberer verurtheilt,
worauf er -- und noch erst, nachdem die Kreuzkinder schon aus- und
fortmarschirt -- »geeignete Maßregeln« verfügt, um die Knaben von
Ausführung ihres Vorhabens abzuhalten.[B] -- _Wie klug, etwas zu spät
thun!_
»Der Herr sei gelobt!« rief jetzt Sr. Gnaden dazu, daß _wir dort_ einen
solchen Vormann an dem Könige haben, uns Klerisei hier zum Schutz vor
Rache, daß wir die Kinder von ihrem Zuge haben abpredigen wollen!
Der fromme menschenfreundliche Erzbischof reichte ihm die Hand zum Danke
für seine ihm tröstliche Nachricht mit den Worten: Wer sähe nicht, daß Ihr
ein Jude seid; aber auch ein menschennützlicher Mann, ja Mensch; und _die
Juden sollen bis an das Ende der Welt bleiben -- was schadet da Einer
mehr!_ das wäre lächerlich! Also: meine Hand von Rache für Unglauben, oder
irgendeinen andern Glauben. Ein billiger Mensch erwartet ruhig den Sieg des
Guten, _ohne Schuld auf sich zu laden!_ Man kann Alles umgehen durch festen
getreuen Sinn. -- Und zu noch mehrer Sicherheit unserer guten Gesinnung
fällt mir ein: daß ja der Patriarch von Aquileja _sogar die erwachsenen_
Kreuzfahrer zurückhält, und sogar das Interdict nicht fürchtet, laut
welchem den Städten und Dörfern jeder Geistliche, jede Messe, jede
Vergebung der Sünden, jede letzte Oelung und jede Einsegnung im Grabe
vorenthalten wird. Aber es ist bedenklich-gefährlich, die Menschen ohne
_Das_ leben zu lassen, indeß sie doch merken, daß Gott ihnen auch ohne
_Das_ gnädig zu bleiben scheint, indem und weil die Sonne ihnen frühe so
fort so herrlich aufgeht . . . und Weib und Kinder so fort sie so lieben
. . . und sie glücklich sind. Das ist gefährlich sie inne werden zu lassen.
-- Nur die Sachsen, das treue Volk, höre ich, sind fortgezogen nach dem
Gelobten Lande, aber in der Fremde dahinten wo sitzen geblieben; auch die
Kreuzfahrer sind in dem Konstantinopel so sitzen geblieben, wo diese unsere
Römischen die Griechischen nunmehr als _unsere Todfeinde_ nach und nach
auszurotten oder zu bekehren brennen, nachdem sie mit ihrer verhaßten
Hauptstadt das ganze griechische Reich und das starre Volk besiegt und klug
gemacht zu haben -- glauben; das heißt diesmal: wähnen. Und selbst der
Heilige Vater, der an allem Unschuldige, seufzt nur: »Indeß wir Alle
schlafen, rühren sich nur die Kinder!« und will sie ziehen lassen, weil --
er muß. So lassen auch wir sie denn ziehen! Gott segnet den Verstand und
ist dem Unverstande noch gnädig. Es mag ein Schweres sein, die Kirche zu
regieren, und gar erst die gespaltene wieder zu vereinen; und dem lieben
Volke -- seine immer neuen tausendfachen und tausendfältigen Fehler immer
barmherzig vergebend, unermüdet lehrend, und aus seinen Irrthümern
schonend, wie Kindern rathend und helfend, mit ungeschwächtem Vertrauen und
neuem Muth auf den rechten Weg zum Himmel zu bringen!
[Fußnote A: »Spiritu deceptionis arrepti«, sagt Roger Bacon, »currebant
post quendam malignum puerum.«]
[Fußnote B: H. Chronik: Coenobii Mortui maris. I. c.]
Der redliche Greis ließ jetzt ein langgedehntes Hm! vernehmen, und betete
dann still einen Psalm, wovon sie nur die Worte: »Ehe denn die Berge
. . .« und: »Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag . . .« -- vernahmen.
Darüber schlief er in Gedanken gar ein, und die beiden tiefgerührten
Freunde schieden still von dem Narren, der dem jüdischen Arzt mit Hand und
Lippen stillen Dank zollte, und dem Raimund stille Versicherungen und
Versprechungen mit den Augen zuwinkte.
Siebentes Capitel. Der Kinderherzog Nikolas.
Herr Raimund ging mit Ramon, dem Arzt, mit Aussicht auf Rettung aus dem
Palast, die aber noch große Umsicht, Leid und kecke Thaten erfoderte. Ramon
verlangte durch das Judenquartier und durch das erbärmliche enge
Bechergäßchen zu gehen, wo »seine Leute« viele in verborgenem Reichthum,
aber als verachtete Sklaven zusammen und übereinander geschichtet, aber im
Herzen voll trotzig schweigenden Muthes lebten, wenn das den erlauchten und
weltberühmten Namen »leben« verdiente. Hier ward aber nur der Becher des
Elends getrunken, worein die Propheten Kraft, ja Süßigkeit getröpfelt.
Raimund führte ihn dann, um ihm seine heute sonntäglich stille schöne
Vaterstadt zu zeigen, und dabei seine Jugend wie von den Todten aufstehen
zu lassen, über die Plätze: den Johnsplatz, den Domplatz, und allmälig
schlendernd über den Heu-, Alt- und Waidmarkt. Darauf ging er in das
Quartier der Wollenweber, wo, wie er auf vieles Fragen endlich sicher
vernommen, der berühmte Maler _van Graveland_ in seines Vaters Hause bei
seiner verwitweten Mutter wohnte.
Sie fanden ihn in seinem nobeln Morgenpelz, und als ihm Raimund seinen
Namen genannt, ihm gesagt, daß er komme ihn zu bitten: seinen _gestern
gestorbenen Bruder Aldewin_ todt im Sarge zu malen; da bemerkte der Arzt,
auf des klugen Narren Jost vertrautes Wort hin, doppelt aufmerksam und
gespannt auf den schönen Mann mit edlem Gesicht, worin eine stille Wehmuth
sich niedergelassen hatte -- _daß er erschrak_, überrascht stand und vor
sich hin sann, es dann _abschlug_, und höchstens vor vieler Arbeit das Bild
nach vier Wochen zu malen vermöchte; wozu Raimund bemerkte: Mit Todten, die
selbst ewig Zeit haben, ist es unmöglich, lange Zeit zu verlieren -- oder
ihnen mit der Staffelei in die Unterwelt nachzuwandern.
Der Maler zuckte die Achseln.
Da setzte Ramon hinzu: _seine Witwe_ läßt Euch besonders darum sehnsüchtig
bitten, auch zugleich _ihre jüngste Tochter Irmengard_ zu malen; zum
Andenken, da sie das schöne liebe Mädchen wahrscheinlich auf immer
verliert; denn sie pilgert wie so viele Knaben und Mädchen der Vornehmen
mit nach dem Heiligen Grabe. Es wäre am besten ein _wirkliches_ Kniestück,
wie seine Tochter vor dem Vater kniet und von ihm Abschied nimmt und er
sein armes Kind segnet. Wie gesagt, die Mutter bittet innigst, es könne sie
gewiß Niemand so lieb und herrlich machen.
Und Raimund bemerkte: Wir wohnen ja ganz nahe da draußen auf unserer
Lindenburg.
Der Maler starrte vor sich hin, indem er mit der Linken sich das Kinn an
dem Barte hielt, und den beiden Freunden fast lächerlich auch nur Hm!
sagte; worauf _Ramon_ nur bemerkte: Todte malen ist freilich eine schwere
Sache; aber auch doppelt einträglich, und mein Freund hier bezahlt Euch
jeden Preis, und die Mutter dazu. Dabei dachte er: es wird ihm schwer --;
es ist richtig! und als armen Teufel mit Hörnern kann er ihn doch nicht vor
Leuten malen. Aber der Mann, der Maler ist ja doch _ein Beraubter!_ Schäme
dich, Ramon! Und um was beraubt: um glückliche Liebe, Liebesglück und
Schönheit und rechtes Leben, und wodurch: durch den albernen Stolz und den
Hochmuth und die Ehrsucht der im Unterstock der Erde wohnenden Menschen,
besonders der Weiber. Und welcher Vater sieht nicht gern einmal, gleich
groß und lieb, sein Kind! und läßt sich von der in der Seele verworrenen,
sich in ihrer _eingeborenen_ Neigung gefangenen Tochter sehen! Das ist und
bleibt trotz aller Verirrung doch schön und hold und eine Belohnung für
Schmerzen der Schuld und des Betrugs. Und welche neue, unmöglich zu
erfüllen geschienene Hoffnung thut sich ihm unerwartet auf! Die Menschen
wollen und wenn auch spät erst -- und er steht gesund und frisch erst in
den dreißiger Jahren -- doch immer noch ihr sehnlich gehofftes Glück
erlangen und doch von nun an auf dem rechten Lebenswege wandeln. Wem ist
_diese edle_ That zu verdenken? _Er kommt! er malt!_ Ich brauche ihm mit
Raimund's geheimer Stimme der Wahrheit erst keine Stimmung zu geben; da
würde er sich schämen, und um vor Andern nicht schlecht zu scheinen, mit
Trotz unglücklich oder doch unerquickt bleiben. Das Leben hat manchmal
später Rath und Hülfe durch seine Weiterentfaltung, aber _selten_; darum
verlassen die Menschen sich klug auf die Stunde, und thun ihr Gewalt an in
frühern Tagen!
Ebenso lange als der Arzt dies dachte, hatte sich der Maler bedacht, und
sagte jetzt zu. Ja, er wollte den Umständen, also dem Todten nach, alsbald
hinauskommen, und seine Staffelei und seine Farbentöpfe und Pinsel sogleich
fortsenden. Und jetzt empfahl er sich ihnen der Vorbereitung wegen.
Und der Arzt wandelte stumm mit seinem Freunde, dem als Unwissenden kein
Weh bei alledem geschehen war, sondern erst künftig dadurch geschehen
sollte; und eilte vor der Stadt eifrig, um seine Heilung fast mit Gewalt an
den Kindern zu betreiben, welche er, diese von Müttern, jene von Vätern,
auf dem Wege zur Lindenburg hinausgeleiten sah.
Laut zurückgelassenem Befehl hatte der Hausmeister Hagebald die guten Leute
mit den Kindern in den Saal im Oberstock gewiesen, und sie waren _schon
über ein in Vorrath eingerührtes Frühstück her_, dem nichts anzuschmecken
war von gefährlicher Vernunft, die in dem beigemischten einfachen Mittel
lag. Die Aeltern weinten den Arzt an und beschworen ihn leise um seinen
Beistand, da sie zu arm oder zu beschäftigt seien in ihren Gewerken, um,
wie andere Aeltern, die Kinder in fremde »gesunde« Städte oder Dörfer, nach
Franken, Würtemberg, oder nach dem immer gar nüchternen glücklichen Holland
zu bringen; indeß andere, hier zu bleiben Gezwungene ihre Kinder auf
künstliche Weise lahm gemacht, ja durch gewisse Mittel _blöd_ auf die
Augen, ja _krank_ auf den Leib, _furchtsam_ vor Räubern und Riesen und
Ottern und Bären und Wölfen, ja sehr viele vor Abscheu vor dem Verhungern,
dem Gras- und Krautessen, vor den Nächten ohne Bett und Nachtlampe, vor dem
Alp und dem Teufel, der ihnen entsetzliche Gesichter und Faxen vormache und
sie auf schaudernde Abwege verlocke, durch redende Kühe auf den
Bergeshalden, und geschwänzte feuerbrüllende Drachen mit Krallen und
Flügeln, und zuletzt vor ihrem eigenen Grabe voll Kröten und Basilisken und
zwickenden Krebsen. Viele trotzige Knaben säßen mit Gewalt eingesperrt in
den Kellern im Finstern, und weislich ohne Taschenmesser und Strick,
Schnure, ja nur Bindfaden.
So gestanden sie ihm, und lachten und weinten dazu. Und als er die Mädchen
alle in Ein Zimmer, und die Knaben alle in ein anderes hatte führen lassen,
tröstete er sie auf ihren Zweifel: »daß es nur, ach, nicht möchte zu spät
sein, ihnen zu helfen«, und sprach: _Mit der Vernunft ist es niemals zu
spät, und niemals zu früh_, sogar nicht schon in der Wiege, wo sie dem
Kinde leuchtet aus der Mutter Augen. Nur daß kein neuer Zünder, Raptus,
oder neue Wuth sie überfällt! Denn die Vernunft, sie, die allgemeine
Gesundheit der Seele und also des Leibes, will auch befestigt sein und ins
Herz gebannt als der beste Geist, den Niemand bannt noch verbannt.
Er vergönnte ihnen nicht nur, wer wolle, dazubleiben, sondern bat sie
ausdrücklich, wiederzukommen, damit die Kinder doch sahen und einsähen: sie
hätten Aeltern, und durch Scheiden und Wiedersehen ihnen wieder in
Erinnerung zu kommen, als ihnen unentbehrlich und theuer als ferne Nebel
und Nebelbilder. Denn wer seine Aeltern liebt, recht liebt, meinte er, kann
niemals verloren gehen, ja kann nie verrückt werden, es sei um was es
wolle. Redliche liebevolle Aeltern sind den Kindern die angeborenen
Heiligen und Engel; ja, wenn auch als Schuster verkleidet mit Schurzfell
und Pfriemen und Pechdrath, oder als Schneider mit Scheere und Bügeleisen,
oder als Tuchscheerer mit der gefährlichen Scheere mit beinahe
windmühlflügelgroßen stählernen Flügeln. Das seien alles nur Narrenspossen
und Carnevalsmasken auf Erden; denn der _Kern_ sei die Nuß, und die Traube
der Most und der Wein.
_Frohmuthe_ bediente die kleinen und großen Gäste lebhaft und heiter, und
es war ihnen so wohl, als wären sie aus der ängstlichen Welt hoch in den
friedlichen Himmel versetzt; _den Kindern aber graute künstlich und
gründlich übel vor der ganzen Welt_.
Raimund hatte unten im Saale, wo der Todte im Sarge stand, gesehen, wie die
alte gekommene Mutter Wollenweberin in Trauerkleidern und voll unmäßiges
Mitleid, das auf eine Reue deutete, ihrer Tochter, der verwitweten Frau
Rath, um den Hals gefallen, und er hatte Mutter und Tochter allein
gelassen. Dagegen hatte ihn eine Schar Dorfkinder, die in den Hof gekommen,
aufmerksam auf einen Knaben in gebräuchlichen Sonntagskleidern gemacht.
Aber der Knabe schien doch ganz besonders, sodaß Raimund ihn ohne Frage aus
seiner Vorstellung als _den Hirtenknaben Nikolas_ gleichsam erkannte. Er
kam barhaupt, die Haare auf der Stirn gescheitelt, in bloßem Halse; eine
prächtige hohe Brust, ein starker Bau und doch feine Glieder; barfuß, einen
abgebrochenen Blütenzweig in der Hand; aus großen dunkeln Augen träumte er
nur die Frühlingswelt an, und hörte mit reizendem Lächeln die singenden
Lerchen in blauer Luft und segnete gleichsam mit zwei Fingern der Hand die
bunten Bilder der Wolken im See, die wunderbar oben und unten zugleich ganz
leise zogen, und das Bild der Sonne blitzte ihn aus dem Wasser in sein
ernstes, schönes, von der Frühlingswärme schon leicht gebräuntes Gesicht.
Der Schritt seiner Füße war nur schwebend, und eine Ruhe umfloß und
umglänzte ihn, daß die Leute reglos und lautlos vor ihm stehen blieben,
während er vorüberging, die Augen vor ihm niederschlugen, und erst lange
nachdem er vorüber war, sich schüchtern nach ihm umsahen. Sein Hündchen,
sein _Phylax_, begleitete ihn, und er begleitete einen großen langbeinigen
Mann, noch nicht alt und nicht mehr jung, mit fabelhaft langen magern
Beinen, mit einem muntern getrosten Gesicht unter seinem sehr breitrandigen
Pilgerhut und einem sehr langen, fast schleppenden Pilgerrocke, mit hohem
Pilgerstabe, sodaß er einem alten heidnischen Sänger, einem Aoiden, am
meisten ähnlich gesehen haben möchte in seinem ehrwürdigen Bart. Seine
kleinen Augen funkelten auf Alles um ihn aufmerksam und neugierig umher;
seine langen hohen Beine machten fast Riesenschritte, und die Morgensonne
hinter ihm warf vor ihm her einen an den Rändern aufglänzenden
verwunderlichen Schatten, als stiege ein Bewohner der Unterwelt aus alter
Zeit in dem heutigen Tage in das Menschenschloß. Seine Seele schien, wie
ihre festen wie angreifenden Blicke verkündeten, _mit allen gestalteten
Dingen und allen Elementen sehr wenig Umstände machen zu wollen_, die Welt
für einen Frühlingsnebel auf blauer Wiese zu halten, und ohne alles
Bedenken durch Feuer und Wasser zu schreiten bereit zu sein, ohne
Fußsohlen, Haare und Bart zu bedenken, oder wenn sie doch anbrennten,
nachher eben nicht besonders zu bedauern.
Der Knabe Nikolas führte ihn desgleichen geradeaus in das Schloß seiner
Herren und in den offenen Saal mit dem Todten, über welchem das große Bild
des Erzengel Michael hing, der den gekrümmten Teufel auf tausend Jahr in
den Abgrund stößt. Alle Bewohner des Schlosses eilten leis in den Saal:
Raimund und Ramon, die Diener, die Mägde; aber die junge Irmengard stand
erst wie gebannt, mit gefalteten Händen den Blick zu Boden. Dann kam sie
nur so wie geflogen, wandte sich plötzlich zurück, fiel ihrem Mädchen um
den Hals und rief ihr freudig erschrocken zu: _Er ist da! Er ist da!_
Wer denn? frug Frohmuthe sie schelmisch; -- der lange Mann?
Ach wer denn anders als Nikolas! erwiderte sie bös, und zitterte ganz. Aber
dabei blieb es auch, und sie ward wieder still, blickte hin, blickte weg,
und blieb halb gleichgültig und halb gereizt und wie unwillig über sich
selbst, von Ferne stehen.