Aber gute Seelen liefen voraus, um seiner Frau zu sagen, sie solle nicht

erschrecken! Der jüdische Doctor, als überall hülfreich, wo er durch

Beistand und guten Rath oder auch nur durch eine Warnung nützen konnte, und

immer ein kleines Besteck bei sich führte, hatte dem armen Narren das

Geleit hinauf gegeben, und sein Jugendfreund Raimund auch. Sie hatten eine

liebenswürdige gute Frau und liebe Kinder gefunden, zwei Knaben und ein

Mädchen, die von des Vaters heiterm, klugem und witzigem Gesichte belebt,

jetzt um desto mehr weinten und klagten, da es sein Leben galt. Beiden

Männern war der Narr ein unersetzlicher Schatz durch seinen Einfluß bei dem

als gut und lobens- und liebenswürdig bekannten alten Erzbischof. Dem Arzte

war der Narr theuer aus Glaubensverwandtschaft mit dem zum Feuertode

verdammten Juden; -- dem Kaufherrn und jetzt zum Patrizier und Vorsteher

der Familie gewordenen Raimund aber durch Blutsverwandtschaft mit der

verunglückten schönen _Frederune_. Die Träger und die Geleiter des klugen

Leichenzugs zogen mit dem Sarge, von der Frau bedankt und beschenkt, wieder

ab. Die Freunde aber blieben und schieden erst, als der Arzt Umschläge über

die Nase gemacht, eine Ableitung auf die Brust gelegt, ihm Ader geschlagen

und zuletzt ihm noch die beiden unversehrten Zähne auf frischer That wieder

eingesetzt, und den Kindern, die bei dem Vater wachen wollten, gesagt:

Kinder, sagt nur dem Vater immer: »Vater, beiße die Zähne zusammen!« Und

der arme Narr hatte den Freunden gesagt: Wer einem die Nase curirt, der hat

ihm mehr als den Thurm wieder aufgebaut, der gen Damascus schauet; und mit

den Zähnen hat er einen Stein, ja zwei Diamanten bei ihm im Brete -- das

heißt diesmal: im Munde. Uebrigens freue ich mich zuerst auf die blaue --

dann auf die grüne -- dann auf die gelbe Nase durch alle Dur- und

Molltonarten der Maler, als Musikanten für die Augen. -- Es wäre meiner

Frau nicht lieb, wenn ich noch mit heutiger blutiger rother Nase im Sarge

paradiren müßte; denn ich habe heute die Reden noch nicht vergessen und die

Schläge von meinen weinenden Tanten nicht, daß ich meine alte Großmutter

unversehens in ihren allerletzten Tagen etwas furchtbar mit einem

spanischen Rohre über ihre große edle Nase geschlagen, die sie blau mit gen

Himmel genommen. -- Also morgen früh auf Wiedersehen, und hoffentlich

meinerseits nicht auf ein einseitiges, ein bloßes _Gesehenwerden_.

Sie verbanden ihm noch den Mund, zu ruhigem Anwachsen der Zähne in ihren

Kapseln, und begaben sich wieder nach dem Hansesaal im Rathhause, wo es

räumlicher und stiller geworden und worin sehr Viele vor Hitze ihre

Carnevalmasken abgenommen hatten. Die beiden zurückgekehrten Männer

brachten Hoffnung und Trost über den theuern Jost wieder; aber wunderlich

genug: auch das schlug Mehren ihre Freude an einem Narrenbegräbnißzuge

nieder, den sie sich unterdeß ausgesonnen, ja schon zum Theil hingemalt,

und die Rollen den Personen zu- und ausgetheilt hatten. Das ward nun Alles

muthwillig sogleich untereinander gewirrt und verschoben, und mit neuer

Begeisterung sogleich ein Maskenzug zum Scheiterhaufen, zu _der Hurd_, im

Ganzen und in den Theilen festgestellt, damit das Ganze sehenswürdig sei

und ihnen Ehre mache, ja die tausend Zuschauer erheitere! Denn, sprachen

sie, unter der Maske ist nichts mehr wahr und ernsthaft, wie kein

Schauspieler mehr in keiner Rolle, nur ein sogar sich selbst bewußtes

Gespenst, und alles zum Spiel Erhobene ist Spiel -- ist Welt!

Raimund fand von seinen alten Bekannten noch mehre, und diese hinwieder

machten ihn mit den andern bekannt, so viele der heimlichen Katharer, oder

von den Reinen da waren, die Niemandem gestatteten, Jemanden ums Leben zu

bringen, also auch dem Scharfrichter und Henker nicht. Alle Unterdrückte

haben von jeher eigene Zeichen, daran man sie erkennt; Unterdrückte zeigen

zur Erde hängende Köpft, zornige Gesichter, _zu Zeiten_ geballte Fäuste und

langes Wartenlassen auf Fragen. Andere haben Zeichen, um den Gleichen sich

erkennen _zu lassen_ und zu erkennen zu geben. Raimund's Glaubens- und

Lebensbrüder gaben sich zu erkennen und erkannten sich verdachtlos an einem

besondern Anblicken und an einem schnellen, Andern kaum bemerkbar, also

unverdächtigen Bewegen der Lippen. Und so war er bald von einer

entschlossenen Schar gleichgesinnter Männer umgeben, und fühlte sich froh

in ihrem Kreise wie in einer Mauer von Lebendigen. Der jüdische Doctor aber

war wiederum _seinen_ Leuten wie auf das Leben empfohlen, und sie

unterstützten die beiden Angekommenen redlich dabei, als die Klage darauf

gekommen, daß der Stadt und Umgebung und dem ganzen Lande weit und breit so

viele Kinder, Knaben und Mädchen der Vornehmen und Geringen, der Reichen

und Armen, auf dem für _sie_ unsinnigen Kreuzzuge umkommen, verdorben

werden und den Aeltern kaum zurückhaltbar verloren gehen sollten! Selbst

die Juden, die doch frei von dieser Kindersteuer sich fühlten, und deren

Kinder gesteinigt worden wären, wenn sie sich unterstanden hätten, sich

auch nur im Scherz ein Kreuz auf die Schulter zu heften, _sie_ auch lobten

die so menschenfreundlichen, väterlich gesinnten redlichen Geistlichen, die

sich so unschuldig die Rache nur herrschsüchtiger Menschen zugezogen. Die

andern Gläubigen aber gelobten Geld über Geld einem Doctor, der die

wahnsinnig gewordenen Kinder von ihrer Thränensucht und ihrer

Seelenkrankheit heilen könnte, aber noch schleunig in Zeiten! Raimund

deutete auf den Arzt und erbot sich gleich von morgen früh an auf sein

Schloß hinaus Alle für die Cur hinauszunehmen, so viele Mütter oder Väter

oder Schwestern und Brüder ihm solche geisteskranke Kinder bringen würden.

Die hochwichtige Angelegenheit wurde dann unter ihnen vertrauensvoll und

geheim näher besprochen und Alle schieden von Hoffnung beseelt. Die beiden

Freunde kehrten nach ihrem Hause in der Stadt zurück, woraus Raimund's

todter Bruder, Aldewin, Irmentrud, seine Witwe, ihre Tochter Irmengard und

Frohmuthe hinaus auf die für den Sommer wohleingerichtete Lindenburg schon

fort waren. Und sie folgten ihnen um Mitternacht, nach diesem überraschend

schweren Tage voll kaum glaublichen, aber wahrhaften Leides.

Fünftes Capitel.

Dem alten treuen Hausmeister Hagebald war aufgetragen gewesen, auch die

drei Faß spanische Rosinen mit hinausbringen zu lassen, und Raimund ging

jetzt die Nacht noch mit ihm, eins aufzuschlagen, und aus dem darin

geborgenen kleinen Fäßchen sich reichlich mit Gold zu versehen, wobei er

den alten, fast wie zum Freund seines Bruders gewordenen Diener zugleich

mit nicht erst zählender Hand beschenkte. Der spanische Doctor hatte

indessen droben seine Medicin bereitet für die morgen erwarteten

Kreuzzugskinder, und dabei sich der Hülfe der schlauen Frohmuthe bedient,

der er erst kein Schweigen auferlegte, weil er wußte, daß so etwas gerade

erst recht bei Weibern und Mädchen vergeblich ist, der Sache eine

Wichtigkeit beilegt und gerade das Gegentheil wirkt; weswegen der Weiber

größte Angst ist um Das, was sie gesagt oder wiedergesagt haben oder haben

sollen.

Mit _einem_ Verlaß auf Etwas schläft jeder ein, auf seine Kunst oder

Wissenschaft, oder doch auf sein Grabscheit, ja auf Anderer Bedarf und

Noth, und selbst dem zu Grabe Getragenen legen seine Begleiter noch einen

Verlaß unter. Die beiden hülfreichen Freunde verließen sich aber auf kranke

Kinder und einen berühmten Narren, einen Großnarren, weil er einem Großen

diente, und schliefen Jeder in seinem prächtigen Zimmer, bis die

Morgenröthe hineinflammte. Mit Sonnenaufgange standen sie fertig

angekleidet; der Doctor spanisch, Raimund französisch-provenzalisch.

So gingen die beiden Herren die breite Treppe leise hinab, sahen rechts die

Thüre des großen Saales offen stehen, den Todten im Sarge, und an dem Sarge

mit gefaltenen Händen seine noch junge Witwe in weißem Kleide. Der Todte

war aber unaufgedeckt, sodaß sie noch vor Furcht oder Schmerz, oder

irgendeinem andern schweren Gefühl, die weiße breite Decke über seiner

Gestalt und seinem Antlitz unaufgehoben gelassen.

Sie traten leise zu ihr; Raimund winkte ihr mit den Augen guten Morgen,

schlug die Decke zurück und sah sich den todten Bruder an, den die

aufgehende Sonne mit ihren über die grünende Erde daherschwimmenden, wie in

Blumen und Blüten watenden Strahlen beleuchtete.

Armer _Bruder!_ stöhnte er; armer _Vater_, den die große Tochter so

betrogen hat! So unausstehlich, daß du es nicht ausgestanden doch

überstanden hast.

Doch hat sie Gott nicht betrogen, und Gott sie nicht, nur eine Welt

fabelhafter Menschen! sprach der Doctor tief erschüttert, aber erhoben. Und

wie halb fluchend, halb betend, sprach er mit Sonnenglanz verklärtem

Antlitz: »Richte die Menschheit, die Erde zum Himmelreich an, herrsche auf

jedem Dorfe ein gütiger weiser König, besitze sie alle Weisheit und Kunst,

aber bleibe sie in einer Abscheulichkeit in der höchsten Sklaverei stecken:

«_Sei ihr die Liebe nicht frei, und die Ehe zwischen Liebenden nicht

frei_», dann hat sie noch mit aller Gewalt und allen Sinnen an dieser

einzigen, so leichten und so natürlichen, allen andern Wesen unter dem

Himmel und auf der Erde gegebenen Freiheit _zu bauen_, die die Lerche in

der Luft und den Goldkäfer in der Erde ihr zum Vorbild und zum Ziele schon

hat, und durch sich wie selig macht -- _denn die Ehe sich Liebender ist die

Seligkeit_. Und der heimliche Haß _zweier_ sich nicht von Herzen Liebender

ist das tiefste Elend, wenn die Liebe des Einen noch ihr Leben ertragbar

macht. Aber das Leben und die Welt soll nicht _ertragen_ werden, sondern

_gefeiert_ als schönstes blumiges Lauberhüttenfest!« Und der Vater verlor

die große Tochter durch den Unsinn und die Herzlosigkeit der Welt, indeß

die Tochter liebesweise war, und schrecklich dafür bestraft, wie das

gottgläubigste, frommste Kind _voraus_ in der gewiß erscheinenden, Allen

das Beste gönnenden Zukunft auf Erden lebte und liebte, ohne Ahnung einer

Unseligkeit; denn reine Liebe ist der höchste Glaube, ohne gleiches

Nebengut noch Nebenglück.

O wie schön -- und o wie fabelhaft traurig für den Vater! sprach Raimund

dazu. Und nun soll er, oder doch die arme unglückliche Mutter hier, noch

ihre jüngste Tochter verlieren! Wollen wir sie doch ihr malen lassen! --

und den Vater!

Indessen stand Irmengard neben ihr und die Mutter bedeckte wie vor Scham

ihr Gesicht mir beiden Händen und weinte dahinter.

In meinem Zimmer droben, sprach Raimund zu seiner Schwägerin, hängst du

gemalt von einem vortrefflichen Maler, der noch leben muß; denn deine

Frederune steht noch klein zwischen deinen Knien, und du flechtest ihr das

Haar; und ein Maler vermag schwerlich jemand Aeltern in seine Jugend oder

gar seine Kindheit zurückversetzt, als die heitere Unschuld, so treu und

schön zu malen; das Bild scheint also etwa dreizehn Jahre alt. Wie hieß

denn der Maler?

Und -- sich bückend und dann wie davon röther geworden, antwortete sie

halblaut: Er heißt _van Graveland_. Er war eines hiesigen reichen

Wollenwebers Sohn, und webte selbst schon reizende Teppiche; ging aber nach

den Niederlanden, ich weiß nicht warum, und ward Maler; lebt aber jetzt

wieder hier, oder auch nur auf Besuch, und hat sogar vorige Woche höflich

sich ausgebeten, sein Bild, als nämlich mich mit dem Mädchen, wiedersehen

zu dürfen, um es zu prüfen und daraus zu lernen.

Ach, dem laß ich mich gern malen! rief die Tochter. Dem mußte man gut sein,

und wie getreu und lieb er einem in die Augen sah!

Die Männer, und der Arzt nicht ohne besondere, aber verschwiegene Gedanken,

versprachen den Maler aufzutreiben und herzubringen.

Sie gingen darauf, mit kurzen klaren Worten ihre Absichten besprechend, in

die Stadt zu dem redlichen Narren im erzbischöflichen Palast. Er saß im

Bett auf, die Kinder um ihn, deren jedem Raimund eine Düte schenkte, mit

der sie zur Mutter liefen, die bald darauf selbst kam und ihrem Manne etwas

in die Ohren flüsterte; er schüttelte gegen Raimund den Kopf, der ihm die

Hand drückte und sagte: Es ist nichts schändlicher und despotischer, als

ganz allein aus Hoheitsrecht andern dankbaren Menschen zu wehren, Jemandem

oder mehren um ihn Verdienstlosen _zu danken_ oder einen ihnen Feindlichen

_zu tadeln_. Ich zerreiße dieses Garn, und bitte dich, Bruder Jost, auch

noch diese Düte mit 2000 Goldstücken deinem guten Herrn in meinem Namen zu

verehren, damit er der Stadt gewogen bleibe für gestern, und die schönen

Fenster und die zerhämmerten Glocken auf den Thürmen wieder herstellen zu

lassen -- weil mich der Herr in der Fremde gesegnet und wenigstens mich

gesund und lebendig hat heimkehren lassen.

Jost dachte darauf bei sich im Stillen nach, während ihn der Arzt neu

verband und ihm ohne Nachwehen wieder seine Gesundheit mit kurzen Worten

versprach.

Und wenn ich morgen stürbe, so würde heut' doch meine letzte Bitte _für

Eure Sache_ bei meinem Herrn und Gnaden erst recht an schlagen, sprach

Jost. Die _letzten_ Bitten sind die einschlagendsten in ein gutes Herz, wie

das meines Heiterkeit liebenden, Allen -- beinahe schon ganz vernünftig --

wohlwollenden Herrn, _dem_ zu Liebe ich sogar meine Narrenkappe und

Pritsche dem Erzbischof _Siegfried_ zu Mainz überlassen, und dem zu Leide

ich nicht in die Dienste des Bischofs Friedrich zu Halberstadt und nicht zu

den Bischöfen von Lüttich, Bamberg, Strasburg und was weiß ich wohin

gegangen. Ja, ja, seht mich berühmten Mann nur an! Aber »Heiterkeit

bedürfen auch die Heiligen, und Wahrheit auch die Kaiser, und Freude die

Engel«; sagt mein guter Herr -- und nur gestern ist sie mir schlecht

bekommen, fast zu schlecht! In ihrer Begeisterung stört nur eben ein

_alberner_ Narr die Bienen, kein kluger; _nach_ der Begeisterung aber

lassen sich die wildesten Pferde als wahre Esel in den Stall führen, und

nachträglich durch eine Tracht Schläge und Hunger ganz zitternd vor

Liebenswürdigkeit machen.

Darauf ging er gleich aufrichtig zur Sache über, und meinte . . . daß sich

der schöne redliche junge Mann die vor Liebe unbedachtsame übereilte

Jungfrau hat in der Fremde antrauen lassen gewollt, und deswegen mit allem

seinem großen Vermögen mit ihr freilich heimlich wegziehen -- das nutzt

_jetzt_ nichts mehr. Wenn der Herr Christ, der sich mit einer Türkin

vergangen, das ihn sogleich rettende, aber uns abscheuliche Wort ausruft:

»Es ist nur Ein Gott«, das ist hier nur fruchtlos. Daß er sich will taufen

lassen, das rettet _das Kind_ nicht; denn es ist noch aus früherm

_teuflischen_ Geist, und so die Mutter noch seine verteufelte Mutter. Die

Hurd, nach der alle brennen, um hinter allen den frommen Städten am Rhein

zu Berg und Thal nicht an Frömmigkeit zurückzubleiben, wäre nur

aufzuschieben durch Eingreifen und Einschreien und Einschreiten

barmherziger, außer sich gerathener »_Weiber_ voll guter Hoffnung«. Und

dann ist, was ich meine, das Beste, die Schuldigen zur Gnade oder

Bestrafung _nach Rom_ zu überweisen, was zu thun meinem gnädigen Herrn das

redliche Menschenherz erleichtert. Viel Geld in die leeren Kassen zu Rom

würde zuerst doch in den Kerker, und _noch mehr Geld_ auch endlich aus dem

Kerker bringen. Auf dem langen Transport zu Eseln nach Rom aber könnten

sich die Schuldigen ja -- vielleicht verirren! . . . von Räubern geraubt

und in ein ander Land transportirt werden, und selig bis an ihr seliges

Ende leben. Wirkt Ihr also auf der _solchen_ doppelmitleidigen _Weiber_

Herz -- ich will eines braven _Mannes_ Herz erweichen.

Raimund ging in Bekümmerniß auf den Altan hinaus und sahe die Schiffe

fahren und umher die Bäume blühen, als gäbe es keine unglücklichen, keine

bethörten Menschen, und das Wasser des Stroms floß so silberklar und die

Tauben girrten auf dem Dache des Palastes, und fielen vor Liebe fast

herunter; sie errafften aber in der Luft ihre Flügel und schwärmten um den

Thurm und flogen zu Nest.

Indeß vertraute der Doctor dem Narren seine Weise, die Kinder zu heilen,

die der Narr ganz auf die Natur gegründet fand, und sich freute, sodaß er

wieder lachte. Er erkundigte sich dann, als des Auszurichtenden oder

Auszuführenden sich immer und überall bewußt, nach dem Maler, der in ihr

Haus kommen und die jüngste Tochter malen solle. Da schüttelte der Jost den

Kopf und sprach ihm leise zum Ohr: Aber auf Männerverschwiegenheit; der

schöne junge Mann war der Nachbarssohn der jetzigen jungen Witwe, die ihre

Aeltern aber dem vornehmen Patricier aus Streben nach Rang und Ansehen zum

Weibe gaben, worüber der verschmähte junge Mann in die Ferne ging -- aber

vor mehren Jahren, schön, reich und berühmt, und der ersten Liebe

unvergessen, wie die Weiber sie noch viel weniger vergessen --

wiedergekommen ist, und seine erste _Geliebte_ und ihn zuerst _Liebende_

wundervoll gemalt hat, wobei sie ihm so in die Augen gesehen, daß sie sich

so an ihm versehen -- doch Ihr werdet ihn ja sehen und sinnen, wo Ihr ihn

doch schon wo gesehen habt -- als irgend wen und was, ja den schönen Mann

mit vollem schwarzen Bart sogar als _Mädchen ohne Bart_ erkennen.

Der Doctor schwieg verstummt, doch klug gemacht als ein erfahrener, tausend

Häuser kundiger Mann; und Jost sagte nur noch: Mich sollte es nur wundern,

wenn in Euerm Hause da keine Hochzeit würde, sobald nur die äußere Trauer

aus ist. Denn wer auch nichts Früheres zu _verehelichen_ hat, der sinnt

doch auf _Wiederverehelichen_. Denn die Welt ist eine verliebte Katze,

sagte mein Vater immer. Und hier erscheint den Wissenden sogar

nachträgliche _Redlichkeit_, und dem guten Raimund schadet es nicht und

beunruhigt ihn nicht, wenn er nur darüber unwissend bleibt, daß die jüngste

Tochter der Frau Rath aus innerer Liebe und stiller Treue das Kind des ihr

früher verweigerten Malers ist und nicht seines todten Bruders.

Sechstes Capitel. Die französischen Kreuzzugskinder.

Darauf hörten sie es auf weichen Pantoffeln geschlurft kommen. »Seiner und

meiner Gnaden!« sprach Jost.

Und es war der alte liebe Erzbischof im Morgentalar, der schon kam, seinen

treuen Jost zu fragen, wie es ihm ergangen und gehe.

Besser; antwortete ihm Jost. Da steht mein Doctor! und zeigte auf den

Spanier; aber Schmerzen sind über Narrheit, und Gesundheit geht über die

Weisheit, oder ist sie selber, aber gewiß ihre Tochter, weiß ich nun.

Sr. Gnaden bekam einen gewissen Respect vor dem Titel Doctor; denn sein

_rechtes_ Auge besonders war ein Candidat des schwarzen Staars. Und der

freundliche Greis lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich niederzulassen,

und gab dasselbe Zeichen der Huld dem Raimund, den sein Jost ihm soeben

seinen treuen Jugendfreund genannt; und so war ihm der fremde ernste Mann

sogleich empfohlen; denn was ihm geschehen und warum, und was er fühlte und

wie er dachte, das war ihm wie keinem andern Menschen glücklicherweise

nicht anzusehen. Er setzte sich selbst einen Stuhl zu Füßen des Bettes, und

der schwache alte gute Mann wäre mit dem schweren Stuhle beinahe selbst

umgefallen, und die beiden Freunde, die übereilt ihm dabei helfen wollten;

und er lachte, und Alle mußten und durften doch lächeln.

Während er nun mit seinem Jost sprach, und mit der Linken dessen linke Hand

hielt, betrachteten ihn die Männer; das silberweiße Haar, das unter dem

veilchenblauseidenem Käppchen hervor die schöne glänzende Stirn umquoll

. . . die gleichsam gottgetreuen Augen . . . die in den heraufgezogenen

Muskeln der Backen gleichsam festgewordene lächelnde Menschengüte . . . und

die sanfte wohlwollende Stimme, die gewiß nie fluchen, nur segnen konnte

. . . und die schneeweißen Hände, die mit dem Rosenkranz scheinbar nur

spielend, ihm selbst aber ein inniges Zeichen waren, daß Alles, was er thue

und spreche, nur ein heimliches Gebet sei. Und doch liebte er die

Heiterkeit, ja die Freude; denn er liebte sichtbar seinen Narren, den Jost,

als Widerpart der Sorgen und Nöthe, der die Wahrheit angenehmlich hörbar

mit der Pritsche predigte und dazu mit Schellen an Mütze und Kappe läutete.

Der seiner _goldenen_ Bitte schon immer durch Rührung bahnbrechende Jost

unterließ nicht, seinen Freund Raimund dem guten Greise zu bedauern, der,

nach langen Jahren aus Frankreich zurückgekehrt, nur um eines Hahnschreis

Länge zu spät seinen Bruder nicht wiedergefunden, der vor Erbeben über das

Schicksal seiner Tochter gestorben.

Hm! Schicksal! sprach Sr. Gnaden dazu. Aber wenn Ihr aus Frankreich kommt,

mögt Ihr uns endlich gründlich von den Kindern berichten, die von da in das

Gelobte Land ziehen, um es zu erobern. Hm! Es sollen ihrer Dreißigtausend

das Kreuz genommen haben.[A] -- Hm! Und hier am Rhein zu Berg und Rhein zu

Thal und aus den Städten und Dörfern des reichen schönen Flußgebiets in

Deutschland sollen ihrer Zwanzigtausend sein. Hm! Und hier allein aus

unserm gottesfürchtigen Köln mit Deutz und Weichbild an Siebentausend.[B]

Hm!

[Fußnote A: Matthias Paris.]

[Fußnote B: Chronicon Sicardi.]

Aber sie lassen sich nicht zählen, bemerkte Jost, sowie kein Fleischer die

Ochsen und kein Schäfer die Schafe zählt, aus Furcht der Strafe, die über

den König David »in drei Sorten« zur Wahl verhangen worden; so läßt auch

hier unser Herzog der jungen Kreuzfahrer, oder der Kreuzfahrjungen, der

stolze verwegene Hirtenknabe _Nikolas_, seine Schafe nicht zählen.

Vielleicht weil er nicht so selbstsüchtig ist, wie der vormalige

Hirtenknabe David, der kopf- und lebensscheu die _ihn nicht selbst_

treffende Strafe gewählt, sodaß der Engel ihm 70,000 Juden in einer Nacht

erschlagen, welchem lieben Engel der Arm vor Müdigkeit fast abgefallen,

indeß der David fein sauber in seinem Bette geschlafen, wie ein um sein

Volk unbekümmerter, unbarmherziger König. _Zweifelhaften_ Menschen ist

nicht wohlgethan: _die Wahl zu lassen_ oder Alleinmacht dem selbstsüchtigen

kleinen David.

Und der fromme Kirchenfürst wiederholte sein Sprich_wort_ oder seine

Sprich_silbe_: Hm! und drohte dem Jost mit dem Finger; frug darauf aber

Herrn Raimund auf seine Ehre und sein Gewissen, ob die ganze Geschichte

denn wahr sei? und ob er ein Heer Kreuzkinder, ja nur ein Kreuzkind mit

Augen gesehen? Denn die Sache sei Allen so schnell über den Kopf und

Glauben gekommen, der Winter habe solange gedauert, der übernatürlich

gefallene Schnee habe alle Wege und allen Verkehr verhindert, daß er selbst

sogar nur einen oder den andern Sendboten von dorther erhalten.

Und der Arzt berichtete ihm nun bedächtig: Ich mußte in Lyon drei Tage

liegen bleiben, und als ich den ersten Zug dieser großen Wanderheuschrecken

der zischenden, weinenden, singenden Lemminge sah, da wußte ich nicht mehr,

wo ich hingerathen? was die grüne Erde für ein unsinniger Kopf geworden,

den ein Riese so in der blauen Luft schweigend fortrolle! Die Sonne schien

mir ein am Himmel ausgeschnittenes Loch, um in ein gewisses geräumiges Haus

zu sehen, worin die absonderlichsten Spectakelstücke und uralte Attalanen

aufgeführt würden. Aber das Einzelne, schaubare und hörbare Nahe, ja

Ergreifliche erklärt das Wunderbare und macht es gemein und alltäglich.

Eine Rose und ein Bienenstock erklären sich selbst am besten. Kurz also: es

kam auf einem mit Teppichen behangenen niedrigen Wagen der Herzog der

Kinder, sitzend oder thronend; _der Hirtenknabe St.-Etienne_, zu deutsch

_Stephan_, von einer Ehrenwache bewaffneter Knaben umgeben; und andere

Knaben zogen den Thron zum Thore hinein, durch die Straßen auf den Markt,

und Tausende von Kindern, Knaben und Mädchen, folgten in geordnetem Zuge

weinend und singend, und wieder weinend: »_Gott, gib uns das wahre Kreuz

zurück, und außerdem all all erdenkbares Glück_«; und das Volk sang, ja

schrie das barbarisch _aus tausend Lebensnoth mit_. Das war wol

herzbrechend, himmelstürmend!

Hm! sprach Sr. Gnaden dazu; aber wer war denn der neue Heilige, der Knabe,

wenn wir durch des Heiligen Vaters Barmherzigkeit auch schon Cardinäle von

neun, ja von sieben Jahren gehabt haben?

Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212 · 第 3 / 11 段