Endlich sprach der Arzt zum Kaufherrn: Wir sind Zwei, und Ihr habt zwei

Aufgaben zu lösen, schwere, schwere: Eure zwei Mädchen da zu erlösen, die

ältere vom Tode geradezu, und von welchem? . . . die andere vom Kreuzzug,

also so gut auch wie vom gewissen Tode. _Aber die Kinder sind angesteckt._

Es ist nur Feuer in sie angelegt. Sie sind _krank_ -- weiter nichts als

_krank_. Uebernehmt Ihr die ältere zu _retten_, ich will die jüngste

übernehmen zu _heilen_, und mit der stärksten Hoffnung nicht nur, sondern

mit Zuversicht. Denn sagt nur kurz: seit wann sind erst Menschen nach

Jerusalem gezogen? Immerfort seit Erschaffung der Welt? Oder meint Ihr,

ohne rasend zu sein, daß Menschen alle Jahrtausende noch hinziehen werden

-- bis, wie Eure Frau Schwägerin von dem armen Lebensleider gehört: die

Welt _ausgeweint hat_ und die Augen zugeschlossen. Das ist nur ein

»raptus«, eine geistige Witterungskrankheit, eine Ausbildungskrankheit des

Menschen, wie die Kinder am Zahnen leiden und sterben. Die selbst in der

Ausbildung begriffene Erde hat bekanntlich die ihr angestammte Pest -- den

Tod. Die Erde ist immer so still krank und hat ihre Krankheiten, die ihr

aus dem Bauche kommen; sie hat die Wassersucht und die Feuersucht, wie die

Sündfluten und die Erdbeben, Fieber und Erbrechen von Steinen und

entzündetem Lavablut, uns höhern Aerzten bewiesen. So leiden die Menschen

hier und da Alles mit der Erde, jetzt _Dies_, zu andern Zeiten _Das_, bis

sie platzt. Für die Menschen aber besonders theile ich die Krankheiten ein

in Kopf-, Oberleibs- und Unterleibskrankheiten; und der Bauch, _aus dem die

Träume kommen_, spielt gerade die größte Rolle. Darum muß dem Bauche

geholfen werden, damit sie nicht zu Kopfe steigen. Wie viel plötzlich

ausbrechenden Wahnsinn, wie viel Versetzungen der Menschen in sinnlose

Dinge haben alle Aerzte schon leicht im ersten Anfall gehoben, sodaß sie

mit Recht und zum Heile verworrener Köpfe jetzt den Muth haben, Menschen zu

heilen von irgendwelchem Glauben, wie mir ein anderer jüdischer Arzt in

Spanien beschworen hat, daß er unzählige Sarazenen, Mauren, die vor

Sehnsucht, ja Wuth nach dem Heiligen Grabe wiederum _ihres_ Propheten zu

pilgern . . . und von Mekka auf zeitlebens -- und _nach ihrem Tode_ also

damit zugleich -- _ohne Rückfall_ glücklich curirt hat. Und da, wie ich

höre, Ihr alsbald nach der Lindenburg hinauszieht -- so laßt mich mit; ich

will Euch die kranke Irmengard heilen, und am liebsten mit mehren Kindern

zugleich in Gesellschaft; und will heimlich mir kranke Kinder werben gehen,

deren Aeltern den Tod derselben sonst vor Augen sehen, und ihr ganzes

Vermögen darum gäben, sie zu Hause behalten zu können, und sie nicht halten

dürfen! Die ganze Geschichte ist nur eine Krankheit, die mit _Thränen_ über

Andere beginnt -- und wenn die Kranken erwachen, mit Thränen über sich

selber erlischt und in Reue und Beschämung erstickt -- und doch sind die

Kranken unschuldige Leute, wie alle Kinder unschuldig an ihrer Geburt.

Sein Freund lächelte und sagte ihm: Thut Das, was Ihr um unsere Irmengard

thun wollt; denn Euere Rede ist nicht ohne Grund der Erfahrung. Aber wie

helfe ich der andern Schwester? Das letzte Mittel wäre -- Gift.

Die arabischen Aerzte, jetzt fast allein noch erst die vernünftigen auf der

Erde, sprach der jüdische Doctor, haben ein Gift, wenn man es mit dem

widersinnigen ungerechten Namen beschimpfen darf, das _fühllos_ macht,

selbst wenn man die Hand, das Gesicht, oder die Nase nur, in Feuer steckt

-- das würde sie also schmerzlos in Flammen sterben lassen oder zuvor im

Kerker; aber eben »_sterben_«, das will sie weder jetzt im Kerker, in

welchen Ihr laut des christlichen Decrets freien Zutritt habt, noch in der

Hurd auf dem Hügel da draußen, _bis_ sie ihr Kind geboren, um welches sie

als heilige Mutter des Himmels und der Erde ihr Leben gibt -- sie will nur

mit dem Menschenkinde _an ihrem Theil die Welt mit geschaffen_ und mit

_geweint_ haben -- dann hat _sie ihren_ Evatheil erfüllt, und will dahin,

begraben und vergessen sein wie Eva, und Der, der sie und ihren Namen

erdacht hat. Denn kein Mensch hat damals oder jemals gesehen, wie Gott der

Herr, oder die Elohim die Welt, die Erde und das liebe Paradies erschaffen

und den Baum des Lebens, aber auch den Apfelbaum und die Schlange darein

gesetzt. Darum versucht Ihr die Erlösung _mit Gold!_ Die Gelegenheit für

Gold ist immer, Tag und Nacht, und jetzt in der tausendjährigen Nacht, zu

jeder Stunde.

Ich will mit Freuden ein Faß große Rosinen daran setzen, rief der Kaufherr

freudig; das heißt, erklärte er leiser dem Freunde: ein Fäßchen Gold, ja

das zweite; mit dem dritten bin ich noch zwei reiche Männer. Der Handel hat

mich gesegnet und ich habe noch ein Schiff in See. Auf! Gleich fort! Man

kann nichts Nötiges Zeit genug thun; oft eine Stunde zu spät bekommt man

nicht mehr, was man bedürfte . . . ist der Mann nicht mehr da, der uns

hülfe! -- Da steht man bestraft für die Saumseligkeit, die Mutter der

Versäumniß. Darum gleich fort in den Hansesaal unserer reichen Stadt Köln,

der mächtigen Stadt, einer alten Stadt, in Wahrheit schon vorher herrlich,

ehe man noch _Anno Eins_ schrieb, welche Einführung alle Chroniken erst

recht verworren und finster macht, und vor der Hand und noch lange alle

Contracte. Und mein Köln -- sammt seinem ganzen Weichbild mit _Städterecht_

-- es baut jetzt 300 Schiffe und ist Stapelort der weit mächtigen, innig

verbundenen Hanse. In ihrem Saale hören wir von Fremden aus allen Landen

und von den einheimischen Männern -- Ihr von Euern reichen klugen Juden,

und ich von meinen ehrenwerthen Unglaubensgenossen, alles uns Nützliche --

den Stand oder die Lage der Dinge. Dem Kaufmann, dem ist die Welt mit allen

geistlichen und weltlichen Dingen nur ein Handelsartikel, nur eine

Kaufhalle vom alten heidnischen Gott Mercurius, der aber selbst _kein_

Heide war, da er ein Gott war. Und obendrein heut', als am Sabbath, ist

alter Versammlungsabend; die Sonne ist unter, und der Mond erleuchtet die

Straßen.

Viertes Capitel. Der Saal der Hanse.

Als sie nun hinaustraten, mußten sie vor Ueberraschung stehen bleiben und

hören. Ein dumpfes Getrampel ließ sich vernehmen, ein dumpfes Gerufe, ein

Gesumm und Gesaus und Gebraus; viel tausend Stimmen durch- und ineinander,

aber alle als ein einziger Hall, wie von gedämpften Instrumenten, ein

kicherndes Lachen von Fröhlichen, die sich den Mund zuhalten.

Das sind Masken! sprach Raimund zu seinem Begleiter; das hört sich an wie

ein verschlossener Hühnerstall. Das erinnert uns, in einem Laden auch

Masken vor unser Gesicht zu kaufen.

Sie drehten und wandten sich langsam durch das fröhliche Volk, fanden bald

einen Laden, bemasketen sich und gackerten sich auch einen Augenblick an,

von der Lachkrankheit angesteckt, wie der Doctor sagte, und um sich an

ihren ganz anders klingenden Stimmen wiederum zu erkennen. In einem

Spezereiladen kaufte er dann zu der morgen des Tages gleich vorzunehmenden

Cur ein kleines Paket von seinem Hauptmittel, der Basis, das er zu sich

steckte, und einen halben Centner »Adjuvans«, das er bezahlte und

versprach, Morgens Sonntags früh gleich abholen zu lassen. Er kaufte zur

Verwunderung so viel, weil viel tausend Patienten waren, von denen er sich

zahlreiche Kunden versprechen durfte.

Wieder auf der Gasse, hörten sie in der Ferne mit Erstaunen die Glocken auf

den Thürmen schlagen, aber ohne Maß und Takt, wie von mächtigen

Schmiedehämmern oder Posseckeln, . . . die Glocken schlugen nicht, sondern

sie wurden geschlagen -- zerschlagen. Näher hinzugeeilt, hörten sie an der

nächsten Kirche die hohen Fenster mit Steinen einwerfen, mit Pfeilen und

Bolzen von Armbrüsten und Rüstungen einschießen, daß sie droben gellten und

die zerschmetterten Scheiben drunten auf den Steinen zerklirrten; und nach

jeder solchen Salve scholl ein Gesammtlaut auf, wieder wie aus einem

ungeheuer großen Hühnerstall, was deutlich anzeigte, die dumpfen greulichen

Schreier schrien und lachten und krähten aus Masken.

Das ist Meute! Das ist nicht Lust, das ist Schadenfreude! sagten die

Freunde zueinander. »Das sind die furchtbaren Wollenweber!« sagte eine

Stimme eines Vorüber- und zu dem Aufruhr Eilenden.

Ein anderer kam, schon weislich entflohen, von dem gefährlichen Orte

zurück, und sagte zu den furchtsam und müßig Dastehenden: Sie sind mit

Waffen maskirt; Helme quirlen sich unter der Menge, Spieße erheben sich und

Hellebarden -- da sind denn auch unsere »_Funken_« dabei, die die Stadt und

was drinnen ist beschützen sollen. Aber andere Funken wehren auch wieder

selbst den Andern. Das verspricht dem Dinge ein baldiges Ende, wenn auch

durch erbärmliche Schläge und Beulen und Wunden.

Ein Carnevalspaß muß sein! riefen Andere, aber nicht muthig, sondern mit

Angst.

Und unter weiterwährendem Toben und Brausen, dem Fensterzerschmettern und

Klirren und dem Glockenzerschlagen auf den Thürmen, eilten der Kaufherr und

der jüdische Doctor mit seinem Heilgift aus dem Gedränge, das je ferner je

dünner ward, nach dem großen, über tausend Menschen fassenden Hansesaal im

Rathhaus.

Sie gelangten mit Mühe nur schon vor den Saal, dessen Thüren weit offen

standen, und der große Raum stand vollgedrängt von Menschen. Vor ihnen

drängte sich ein starker vierschrötiger Weinkärrner hinein, der rief: Hoho,

hier kann ja kein Apfel zur Erde, geschweige ein Kürbis, und wenn

eintausend von der Decke fielen, da wären wol dreitausend Kürbisköpfe

darin. Hier kommt man nicht mit Füßen, nur mit Elnbogen hinein.

Und diese setzte er sogleich an, und hinter ihm in der Lücke gelangten sie

mit hinein bis in die Mitte. Sie stellten sich auf die Zehen und sahen bei

dem Scheine der vielen Kronleuchter an der Decke und der blitzenden

Wandleuchter, daß an mehren Tischen dahinten doch Männer saßen, dicke und

wohlhäbige, die ganz gewiß schon vorher bequem hineingegangen sein mußten.

Alle waren in lebhaftem Streit. Einer erzählte, was draußen geschehen, noch

geschehe, und gar erst die Nacht geschehen könne oder würde. Ein Anderer

schaltete Nachrichten oder Ergänzungen ein. Viele widersprachen auf ein mal

zugleich, und noch Andere erklärten den bloßen -- so Gott will -- »Pfutsch«

-- sich viel oberflächlicher, dagegen dort ganz Weise und Tiefsinnige die

Sache sich weiser und tiefer. Darauf schwiegen durch Zufall Alle zusammen

zugleich, und die Pause ward durch ein schallendes Gelächter erfüllt.

Danach versicherte ein Judenfreund oder -Feind: das Ende vom Liede werde

sein, daß man einige, gewiß bei Allem neugierige Juden scheinbar bei der

That ertappen, ergreifen und einstecken würde, für deren Freistellung ihre

Leute die Kirchenfenster würden machen lassen und die Glocken umgießen

müssen.

Gut, daß das nicht alberne prasselnde Schloßen gethan haben oder die

himmlischen Blitze! Was würde man mit denen allerhöchsten Personen thun? --

Da ist es mit dem Einstecken nicht recht richtig und mit dem Bezahlen so

eine Sache! rief eine stämmige Maske zu allgemeinem Gelächter darein,

soweit man ihn gehört.

Du, vergreif dich nicht an Kirchensachen und an unschuldigen Kindern! sowie

jetzt unsere Herren Kanzelredner seit Sonntag die ganze Woche in den

Morgen- und Abendpredigten sich aus Menschenverstand und wahrer Seelen- und

Leibes- und Lebensvorsorge an den _jungen Kreuzfahrern_, oder

Kreuzfahrjungen und -Mädchen vergreifen, und an den _alten_ armen Weibern,

die unterwegs sich _besser_ Brot erwarten, oder überhaupt nur welches, und

wo möglich hoffen, gerade im Heiligen Grabe zu sterben. So rief ein

Anderer, dem ein anderer Narr mit der Pritsche »auf das lose Maul« schlug,

sodaß er schweigen mußte vor Lippenblutspucken, während ihn ganz anders

Gekleidete in weißen Masken kichernd und bellend und miauend auslachten,

von denen Einer nachher nur halblaut sprach: Der »Dülpner« hat es

getroffen! Dasmal geht es _gegen_ die Vernunft der Geistlichen, die Recht

haben, _wider_ den Kinderkreuzzug zu predigen. Was man alles erlebt: brecht

ab! laßt das Wort fallen und zerstreut Euch im Saale!

Und sie folgten langsam und unauffällig.

Da brachten vier bewaffnete »Funken« einen verwundeten Mann in den Saal

getragen, »englisch«, wie man es nennt, auf Händen. Der Mann in

prachtvoller Narrenkleidung hatte keine Maske vor, sowie die Meisten im

Saale keine, aber sein Gesicht sah doch wie eine Larve aus mit der dicken

zerschlagenen Nase, geschwollenen Lippen und übel zerzausetem Bart. Alle

erkannten ihn dennoch sogleich und schon an dem Wappen der Familie seines

Herrn, Sr. Gnaden des Erzbischofs, in dessen Palast man vor Gedränge den

armen Mann nicht hatte bringen können. Wo er vorübergetragen wurde, machten

sie ihm eine Gasse bis an die hintersten Tische, woran die Herren saßen,

und alle erkannten ihn und riefen ihm im Vorübergetragenwerden zu: Ach, du

unser redlicher lieber Justus Jost! da bist du einmal »stultus in partibus

Insanorum« gewesen! Du hilfst gern Allen; das ist auch eine Thorheit. »Die

Klugen haben am meisten zu lernen; die Dummen brauchen nichts zu wissen.«

Die beiden Freunde gelangten hinter dem armen Mann her, und Raimund mit

besonderm Interesse und aufsteigender guter Hoffnung. Denn der Jost, und

richtig auch _Justus Jost_, war sein treuer lustiger Kamerad in der

lustigen Jugend bei allen klugen und dummen Streichen gewesen, und hatte,

wie er sah, sein vortreffliches Brot und das ehrenvollste wichtigste Amt

durch seine höhere eigenthümliche Ausbildung gefunden, was Andern mit allem

Ernst und aller Ernsthaftigkeit nur schwer oder selten und erbärmlich

gelingt.

Einige der Herren standen sogar auf vor ihm, bedauerten und fragten ihn,

was ihm fehle -- und er zischte: O, ich _habe_ es noch! Alles! und zeigte

ihnen ein paar ausgeschlagene Zähne, und betupfte die Nase, und legte die

Hand auf die Brust und sagte: ein folgsamer unschuldiger Stein traf sie mir

nur! was will ich da sagen, als: memento mori! Und er lächelte mit dem

entstellten Gesicht sehr freundlich und setzte noch hinzu: Auch die Welt

sprech' ich schuldlos, und gar erst nun _den Willen der Dummen_ kann ich

nicht schuldig finden vor tiefstem Mitleid. Dummheit verdient nur die

grausame Strafe, klug zu werden.

Diese Narrengesinnung rührte seinen Jugendfreund Raimund, daß er zu ihm

kniete, seine Hände faßte und drückte, ihm klar und hell in das Gesicht

sah, und ihn frug: Mein Jost, mein Justus Jost, kennst du mich noch?

Ach du! Du! du kommst noch zur rechten Zeit -- noch vor Morgen! sprach

Jost.

Morgen will ich ja zu dir kommen und zu wann vergönnst du es mir? Ich habe

dich Schweres zu bitten, sagte ihm Raimund leiser.

Ich weiß, ich weiß, antwortete ihm Jost. Aber da muß ich dich bitten: komme

früh! das hat so seine _sterblichen_ Ursachen! Nun habe ich dich doch

wiedergesehen -- dich losen guten Schelm! Ein Jeder hat seine letzte

Freude.

Darauf hielten sie sich an den Händen stumm.

Der jüdische Doctor aber rieth, wenn er sich erholt und die Straße ohne

Gefahr worden, ihn in den erzbischöftichen Palast zu bringen, daß ihm Hülfe

geschehe.

Die vier bewaffneten »Funken«, die ihn hergetragen, und Andere, die ihnen

gefolgt waren, sperrten indeß durch ihre Stellung den Kreis, wo die Herren

saßen, und wo es nun stiller ward, indeß es ferner im Saal noch Gewirr gab.

Nun was meint Ihr, lieber von Hompesch, zu dem Angriff auf die Kirche? da

das Volk damit den Geistlichen glaubt an die Seele zu greifen; denn ohne

Kirchen keine Kirche, ohne Hausrath kein Haus, ohne Geschäfte darin kein

Leben, »das« ist keine ganz alberne Meinung; was meint Ihr, da Ihr gerecht

und billig seid gegen Freund und Feind? So fragte ihn ein anderer vornehmer

Patricier.

Ich meine, lieber Riedesel, erwiderte der stattliche gediegene Mann, unsere

Geistlichen hier zur Stadt wie umher zu Lande sind mir bewundernswürdige

redliche Leute, die ihre Pflicht, dem Volk zu helfen und zu allem Guten

seine Diener zu sein, selbst mit Gefahr, dafür Leiden zu ernten, unverzagt

erfüllen. Das zeigen sie klar daran, daß sie jetzt in den Häusern von dem

Kinderkreuzzug abreden, in den Kirchen davon mit Thränen abpredigen, und

wagen damit selbst ihr Verbleiben in der Stadt -- damit nicht die wol

zwanzigtausend Kinder[A] aus dem Rheinland und drüben aus dem nächsten

Deutschland, -- den Vätern und Müttern zum Gram in weiter nichts als

unermeßliches Elend rennen!

[Fußnote A: _Sicardi Chronicon._]

Da sind aber Andere, die obschon gläubigen, zahlreichen, mächtigen

Wollenweber oder Tuchmacher und Tuchknappen, die klüglich und vernünftig

selber ihre Kinder zu Vernunft prügeln, die sie einsperren, um sie nicht zu

den Umzügen und Processionen der Kinder laufen zu lassen, die sie zu fernen

Anverwandten und Freunden, selbst bis nach Holland, bis Nürnberg und noch

weiter heimlich fortführen, bis der alberne Sturmwind vorübergebraust; und

was thun erst Alles die verschlossenen, unkennbaren »Reinen« oder Ketzer,

von denen unsere Stadt halb voll ist -- was thun sie? Sie ergreifen jetzt,

für jetzt und für die Folge, die Gelegenheit, die so vernünftige

Geistlichkeit überhaupt bei dem gläubigen Volke verhaßt zu machen, weil sie

vernünftig sind. Ist so Etwas schon vorgekommen? Was meint Ihr dazu, unser

alter Hardenberg.

Und der gelassene Alte sprach, aber leise: Ja! und wie verehrungswürdig und

väterlich gegen alle seine Kinder, die ihm vom Himmel zur Erziehung

anvertraut sind, erscheint da erst unser Heiliger Vater, der seinen Namen

»der Unschuldige« mit dreifachem Recht führt. Unschuldig war er am

Kreuzzug. Hätte er ihn _verboten_, so hätte das Volk ihn für einen Türken

gehalten, wol abgesetzt. Er dürfte noch keine Kirchthür an dem alten

einfallenden Peter an einem Heiligentage verschließen, das Volk sprengte

sie auf . . . nicht einer gemalten Muttergottes die Lichter vor ihrem Bilde

an einer Straßenecke auslöschen lassen . . . nicht einem Büßenden sagen:

»Lieber Freund, oder liebe Freundin, kein Mensch kann eine Sünde vergeben,

und Priester sind Menschen. Geh' reuig nach Hause und bessere _dich_ -- und

_Gott_ vergibt die Sünden unerforschlicherweise.« Seine Vorfahren wurden

und waren nur mit aller Menschengewalt bekleidet, weil sie das Alles

leiblich und zeitlich, und örtlich und hörbar, und sichtbar und fühlbar

vor- und darstellten, was _das Volk_ wollte, daß sie wären, und was es zu

bedürfen schien, ja so wie es war, es wirklich bedurfte _in seinem rohen

unbeholfenen Leben voll tausend Mängeln in tausend Angst und Noth_. Einem

solchen armen Volke die Priester nehmen, die heilige Messe austilgen, daß

nicht Gottes lieber Sohn täglich für dasselbe geopfert würde und der Welt

Sünden auf sich nehme, damit sie wieder fröhlich von frischem strebten, wie

neugeborene Kinder, _das_ war unmöglich. Ohne letzte Oelung gab es keinen

getrosten Tod, keinen Himmel; sie hätten gemeint in das Fegefeuer zu

stürzen, unerlösbar ohne Fürbitten, und sterbend auf ewig vom Teufel

geplagt in der Hölle zu schmachten unerlösbar. Wie wohlthätig ist solchen

armen Seelen, so lange sie solche sind, ein göttlicher allmächtiger

Stellvertreter Petri mit den Schlüsseln des Himmels auf Erden -- und wie

wohlthätig ein mächtiger Pfarrherr auf jedem Dorfe, ja nur eine Kapelle,

weit umher zu sehen auf ihrem Berge ins Land hinaus -- _nur ein Glöcklein,

das Abends Frieden ausduftet über das Land_ -- und ein Kreuz am Wege, Tags

im Sonnenschein, beglaubigt vom blauen Himmel droben, und des Nachts im

Walde im Mondenschein, den verirrten Wanderer anleuchtend wie mit Gottes

Auge, das getreu ihm zublinkt: »Sei getrost -- ich bin da!«

Das ist wol wahr und hört sich recht lieb, ja schön an; sprach ein anderer

Herr noch leiser, ein Rathsherr, an seiner Kette mit dem Stadtwappen in

Gold geprägt erkennbar; das Volk will Alles, was ihm in der Wiege der Erde

_inwendig_ einkommt in seinem Schlafe, auch auswendig in der Welt sehen, es

will es greifen; es will in eine trauliche Kammer vernagelt sein; es will

für die unendliche Zukunft ein Ende der Welt, ein Weltgericht, da es nichts

ohne Ende begreifen kann -- es will für _alle_ Sünden _einen_ Vergeber, für

_alle_ Uebel nur Einen Erlöser -- für alle Begebenheiten, ja Träume, eine

Zeit und einen Ort -- für alle Heiligen je ein besonderes Bild -- für alle

besondere Noth einen besondern anrufbaren Namen -- und für sein enges Herz

die ganze Welt in der Nuß, in der _Erdenpilgertasche_ -- in der Scarsella.

Aber Eins ist noch wahrer, _noch entsetzlicher_ wahr: das ist die Trägheit,

die Faulheit, die willige Versunkenheit, wie ein früh Erwachter _wieder_

aus der blendenden Morgensonne unwiderstehlich in den seligen Schlaf sich

begräbt. -- Ein gewisses faules Leben gefällt Allen! Wozu sich übermäßig

plagen? . . .

Die Welt hat Zeit! . . . und die Plage hat kein Ende. Darum plagen wir uns

im Schatten, auf dem Bauche liegend, und rufen wie die vormalige

faulgewordene römische Jugend: »Ach wäre das doch arbeiten!«

Manche lachten und drohten ihm mit dem Finger. Und ein sehr klug

aussehender bürgerlicher Herr aus dem weitern Rathe mit der nur silbernen

Kette sprach: Draußen schon sagte mir unser alter kluger und schlauer

Metternich, Herr auf Metternich: »Da ist wol auch ein anderer Einwurf mit

in die Berathung aufzunehmen, warum die vorsorglichen frommen Herren den

Kinderkreuzzug erst recht nicht wünschen, ja fürchten: _denn reisen, weit

und lange reisen_, das macht _klug_ über Das, _was ist_, was sein kann, und

was nicht! Und nun gar unter _fremden_ Völkern sehen und sich überzeugen,

daß ein gewisser Gott sie segnet, daß sie Frau und Kinder haben, und

seelenruhig froh und glücklich leben voll Hab und Gut, Aecker und Vieh wie

andere Menschenkinder, und zuletzt alt und lebenssatt selig sterben auf

ihre Art, ohne je das Alles oder nur Etwas davon zu glauben, was der

Reisende für einzige Bedingung des Lebens gehalten hat . . . und bedenklich

wird, _sehr_ bedenklich, selbst über die Gräber, die so heilig im Scheine

der Sonne, von Rosen und Jasmin umblüht, in Frieden stehen, und zu denen

_sichtbarlich-fromme_ schöne Menschen, Frauen und Jungfrauen, Männer und

Kinder kommen, um diese ihm sonst entsetzlichen Todten, als menschliche

Teufel erschienene Todten, endlich zu beweinen. Da bricht wenigstens _die

Duldung_ aus dem rohesten Gemüth, _die Verwunderung_ aus dem unverdorbenen

. . . und _das Segnen_ aus dem für alles Schöne und Gute empfänglichen

Menschen. _Und nie kehrt ein Reisender unverwandelt wieder in seine

Heimat;_ und Pilger sind auch Reisende! -- und alle Heimgekehrten sollten

unter Clausur gestellt werden, verordnete ich, um meines hergeschlafenen

Lebens sicher zu sein, um keine Kirschen essen und keine morgenländischen

Märchen, _weitgläubig_ geworden, anhören und mich freuen zu müssen.«

Sage mir Einer was er will, setzte der alte Herr draußen noch hinzu: Alles

ist Etwas für den Tag, und sehr viel für morgen und übermorgen. Die reife

Aehre ist voll Körner. Und immer gibt es vorschauende Männer, _die sich

wenigstens nach den Wegen in dem Walde der Zukunft umsehen_, und überhaupt

doch ahnen, was die Menschen mit ihrem leeren und schweren Herzen gern

hätten und wie sie gern lebten. Ich werde daher gleich in der

Montagssitzung beantragen: den Bau der 300 Schiffe zu beschließen, die wir

Stadt Köln, freie Reichs- und freie Hansestadt, zum Handel und zur

Kreuzfahrerverschiffung um Gibraltar herum ins Werk setzen, womit wir zwei

Fliegen zugleich schlagen: die geistlichen Herren in ihrem Werk

unterstützen, und die mächtigen Wollenweber beruhigen, die nur _mehr

Gewalt_ in der Stadt und darum _in den Rath_ wollen, um dann nur desto

erfolgreicher dem Erzbischofthume zu widerstehen -- blos weil es ihnen eine

nicht besonders günstige und grüne, sondern wiederum aus _seiner_ Pflicht

oft stachelige starre _Macht_ ist. Und ich sehe den Tag im Geiste voraus,

wo die himmlischen Mächte, nach einer Kreuzschlacht aus der Stadt

geschlagen, auswandern, oder wo die Wollenweber nach einer _Weberschlacht_

mit zerbrochenen Weberbäumen und ihren ellenlangen, zerbrochenen,

stählernen furchtbaren Tuchscheeren auf ihren Schifflein hinausschiffen

müssen -- aber ich sehe auch den Tag, wo sie dennoch wieder zurückkehren,

die Stadt belagern und wenigstens sich die Aufnahme in den äußern Rath

durch Unentbehrlichkeit und Reichthum ertrotzen. Dabei möchten denn viele

Häupter des hohen Raths fallen![A] Wir leben also Alle in gar keiner

spaßhaften Zeit.

Jetzt meldeten hereingekommene »Funken«, daß es nun möglich sei, auf

gewisse Weise den Freund _aller_ Kölner, den theuern Narren Jost, nach

Hause zu bringen, um verbunden und geheilt zu werden, oder doch ruhig in

seiner Kindesheimat, dem Bette, bei Frau und Kindern zu seiner traurigen

Freude entsetzlich beweint zu sterben. Die gewisse Weise bestand aber

darin: die Funken hatten auf der Straße einen vorübergetragenen Sarg

aufgefangen und brachten ihn herein. Männer Einer Brüderschaft in gleichen

Kappen und Masken ergriffen das Mittel, fütterten den Sarg mit Teppichen

aus, baten den Narren, sich gefälligst in den Sarg zu bemühen, hoben ihn

sanft, legten ihn sanft hinein, deckten ihn zu, erhoben ihn nur halb bis

durch die Pforte hinaus, erhoben dann den nach Gebrauch offenen Sarg ohne

Bahre auf die Schultern; einer der Ihren trug den Deckel nach; mehre Andere

bildeten sogleich einen Zug, dem zwei Fackeln vorleuchteten. Ein Sarg hat

selbst für einen _Betrunkenen_ eine gar wunderliche Einwirkung, schneller

wie ausgepreßter Kohlsaft. Sie begannen eine Lamentation zu singen; die

Masken auf der Straße machten Raum für den Zug, und begleiteten in

plötzlich fromm gewordener Weise den angeblich Todten, dem ein leiser

duftiger warmer Frühlingsregen in sein offenes Gesicht sprühte, und der

endlich selber in rührendem tiefen Baß seine Stimme erhob, das »Tuba mirum

spargens sonum« begann und das »Requiem aeternam« wundervoll sang.

[Fußnote A: Wirklich geschah _die Weberschlacht_ und die Belagerung nicht

lange nachher.]

Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212 · 第 2 / 11 段