Sie hat geheißen »_Beziers_«. -- _Beziers_! sprach er, stell

Anmerkungen zur Transkription

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. Offensichtliche

Druckfehler wurden korrigiert.

Der Hirtenknabe Nikolas.

Motto:

Der Phantasie gehört der Mensch; das Kind,

Vom Ammenmärchen auf; und jeder Thorheit

Und jedes höchsten Opfers ist er fähig,

Wenn er, entbrannt, durch seine Glut verbrennt.

Denn wiederum gewährt die Phantasie

Die Welt ihm! Alles Schönste ist ihr Traum,

_Wer_ in der Phantasie lebt, lebt im Himmel;

_Was_ aus der Phantasie fällt, das ist todt;

Und stand des Nachts ein Engel da in Glanz --

Am Tage ward er -- eine hohle Weide,

Und wird nie mehr ein Engel; eine Höhle

Aus Diamant im Traum geschaut, ist, drauf

Verschwunden, kaum noch eine Erdengrube.

Der

Hirtenknabe Nikolas,

oder

der deutsche Kinderkreuzzug

im Jahre 1212.

Nach den Chroniken erzählt

von

Leopold Schefer.

Leipzig:

F. A. Brockhaus.

1857.

Erstes Capitel. Zwei Flüchtlinge und ein Verfolger.

Es ritten drei Reiter nach Köln, am linken Ufer des Rheins »zu Thal«. Das

waren keine gemeinen Leute. Schon ihre Pferde waren nobel, schöne

dauerhafte Limousins, und wenn auch deutlich angegriffen von einer langen

Reise, doch lebhaft, ja heiter und vergnügt, als Franzosen. Der kräftige

unverkennbare Deutsche auf dem Schimmel, im Mantel und Reise- und

Wetterhut, nannte den sehr edel aussehenden Reiter auf dem Rappen, in

spanischem Mantel und Barret -- unverkennbar ein Jude -- nur Doctor, wie er

sich ihm genannt, und der Doctor nannte ihn wieder nur wie er sich ihm

selber lächelnd genannt: »Herr Großhändler«, ob er gleich ein

Patricierssohn aus Köln war, der zu seinem Bruder aus Frankreich nach Hause

reiste, welcher Bruder also noch lebte, wenn es in diesen gefährlichen

Zeiten noch wahr war. Der dritte Reiter auf einer Isabelle von

neapolitanischem Gebäude schien ein junger fahrender Ritter in Waffen, der,

seit er sich ihnen in Basel angeschlossen, nur wenige Worte gesprochen,

weil ihn ein Schmerz in den schönen Zügen stand, die manchmal zu einer

ersehnten Rache aufblitzten.

Der Reitknecht mit dem Packpferde mußte, um nichts von ihren Gesprächen zu

hören, immer über dem Winde reiten -- bei Nordwind voraus, bei Mittagswind

hinterher.

Jetzt sprengte von Köln her ein schöner, sehr schöner junger Mann mit

goldenen fliegenden Locken, in Putz, auf einem arabischen Pferde an ihnen

in fröhlichem Sturme vorüber. Der Italiener hielt, so lang er ihn

daherkommen sah, dann wandte er sein Pferd und jagte ihm nach, lange nach;

aber er holte ihn nicht ein; er sah ihm mit Ingrimm nach, und kam dann

verdrossen zurück zu den beiden Gefährten.

War er es nicht? frug ihn der Kölner ins Blaue.

O, er war es! erwiderte der Erhitzte. Ich weiß ihn da drinnen! Da wohnt er

nun greifbar! Das war nur ein Spazierritt! Und wenn auch heute nicht

. . . wenn auch das hundertste mal erst, gewiß, kommt ihm die Rache so gut

wie dem Kaiser,[A] der unser schönes Mailand verbrannt und »von der Erde

weggetilgt« --. So mag er glauben. Auch ein schöner Glaube!

Nichts Böses ohne Gutes! sprach der Handelsherr dazu; -- ich will es vor

den Thoren der Stadt nur gestehen: ich bin ein geborener Kölner, und meine

liebe, liebe schöne Vaterstadt bekommt aus Mailand nun die heiligen Drei

Könige in ihren Schreinen oder Särgen; und Köln wird noch heiliger als es

schon ist durch seine todten 11,000 Jungfrauen; es wird ein zweites

Neu-Rom, wie es einst schon ein altes heidnisches Neu-Rom war, was es gar

sehr der lieben Agrippina zu danken; und wie der Vesuv im heißen

Unteritalien mit dem Hekla droben im kalten Norden unterirdisch geheim

zusammenhängt, und beide als ein Paar Brüder abwechselnd reden und sich

antworten mit Donner und Blitz und das Land umher segnen mit heiliger Wärme

und Fruchtbarkeit, so die beiden theuern Städte, die auch ihre Würde

erkennen und ihren Werth für sich und im Lande zu schätzen wissen, meine

ich.

[Fußnote A: Friedrich I.]

Das Ding von dem unterirdischen und überirdischen Feuer ist wirklich wahr

und sichtbar, sprach der spanische Jude, der Doctor. Als ich aus Cordova

ausritt nach meiner lieben Vaterstadt Amsterdam, da stand die Gerste schon

hoch; ja man konnte schon die ersten kleinen grünen Feigen zur Noth essen,

und die immer gelüsternen Weiber aßen schon als Leckerbissen die grünen

rauchen Mandeln, wo Kern und Schale noch eins sind; in der Provence blühten

die Rosen und Lilien; der Oelbaum strotzte von Blüten, umschwärmt von

Bienen; in Avignon gab es schon Melonen im Felde; der Mont-Ventoux stand

wie eine grüne Pyramide in der blauen Luft -- wie ein begrabener Riese, nur

droben eine weiße Kappe von Schnee auf; die Rhone hinauf verloren sich aber

allmälig die Wunder der südlichen Kraft, bis man vor den Eisbergen der

Schweiz, der unüberwindlichen Burg der Freiheit, erstarrte. Aber den Rhein

hinab zog uns der Frühling nach, als lichte prächtige Wolken droben,

verleiblicht als wilde Gänse und Enten und Staare und Lerchen, und drunten

als smaragdene Saaten auf dem Acker und Gras auf den Fluren und Blumen im

Grase, angrünende Bäume und vollschwellende Knospen mit schon weißen

Spitzen der Blüten. Das Alles ist mir und uns Juden allen nur ein fremdes

Land, eine verfluchte Fremde, in die wir _hinaus_ gestoßen sind in immer

längere Verbannung -- aber ich weiß nicht: mich rührt doch die Erde und der

Himmel droben, und wir sind dennoch _gleichsam_ noch Menschen mit Augen und

Ohren und Menschenherzen mit Liebe für ein schönes gutes Weib und junges

liebes Kind, und der alte Gott lebt noch, uns noch, und wird uns leben,

solange die Erde bleibt und der Himmel bleibt -- und gewiß noch drei Tage

länger, wenn nicht viere!

So schloß er fast lachend -- aber wischte sich die Thränen aus den großen

schwarzen Augen und von den gesunden gebräunten Backen und strich sich den

Bart; und die Gefährten hielten ihre Pferde und sahen sich den schönen

kräftigen, verständigen Mann an, als sei er ein Erdwunder oder eine Art

vierter heiliger Drei König, der hier in der Irre ritt.

Sie waren jetzt aus dem Walde, der sich nun nach rechts am Ufer des Rheins

hinzog und vorn die Stadt noch verdeckte; aber links that sich ihnen das

grüne abendsonnige Gefild mit Dörfern und Schlössern und spiegelnden

kleinen Seen auf. Die Sonnenscheibe, vom Himmel gesunken, berührte und

küßte wie ein silbernes Menschenhaupt die Erde -- das Zeichen für alle

Schulmeisterjungen auf den Dörfern zum Abendgeläut; und der ursprünglich

chinesische Wohllaut aus den hin und her gebaumelten Glocken floß von den

Thürmen hier so gut wie dort rings im Gefilde, verschmolz sich in der Luft

und goß zauberischen Frieden über die Menschen, die, in der ewigen

Weltwehmuth und Erdtrauer befangen, den Tag zu Grabe läuteten, als sei da

wieder eine Blüte vom unsichtbaren Baume des Himmels gefallen. Das war ein

Friedenvolles für die Ohren. Aber da war auch ein Wunderbares für die

Augen, ein Rührendes für die Herzen zu sehen -- eine leisschleichende bunte

Schnecke; nicht nur wie ein langer schimmernder Heerwurm, sondern wie der

gefildgroße Schild einer bunten mehr als riesengroßen Landschildkröte; und

die Schildkröte _weinte_ -- sie _sang_ -- sie _klagte_ -- sie _betete_ mit

tausend Kinderstimmen, zu Einer bangen Kinderstimme verschmolzen, zu Gott

-- und aus dem Schilde ragten Kreuzlein auf Stangen, und wehten und

wedelten Fahnen im Winde. Der Anblick war unbeschreiblich, die Stimme

umfaßlich.

Und der jüdische Doctor sprach tief gerührt: O Herr, ist denn auch hier die

_Krankheit_ ausgebrochen? Dergleichen ist doch kaum in der Zeit gewesen, da

das Alte Testament neu gewesen! und hier ist sie nun in Deutschland aus

Frankreich eingeschleppt! Es sollte eine Mauer zwischen beiden Reichen

sein, mit nur einer kleinen Thür, zu der man nur die Gesunden an Leib und

Geist hereinließe. Aber die Luft! die Luft! Das liegt in der Luft! und in

den aufschlagenden Dünsten, die sich bei jedem Fußtritt jedes Menschen aus

der Erde in ihn entladen! Wir sind nicht Menschen so so, und nicht verrückt

oder klug ohne Grund und Boden! Aber ich muß doch sehen: die Augen! die

Zunge! den Puls muß ich fühlen, und ob die Herren Jungen, die da Fahnen und

Kreuze tragen, und Kreuze hinten auf dem Rücken, ob sie dicke Bäuche haben,

harte?

Er bat um kleine Geduld, stieg vom Pferde, gab es dem Reitknecht zu halten

und ging brennend vor wissenschaftlicher Begier, wie zu der ganzen

Menschheit Nutzen und Heil ereifert -- aber vorsichtig nur langsam unter

den nächsten Zug der singenden und weinenden Knaben und Mädchen die sich

hier zu Tausenden zum Kreuzzug nach Jerusalem einübten und vorbereiteten,

wie die Schwalben im Herbst zum Fortzug über das Meer und die Lande mit

ihren Jungen auf dem Anger im großen Kreise sich üben; dann wieder ruhen

und zwitschern; dann sich wieder erheben und schwirren, nicht nur wie ohne

Führer, sondern wirklich ohne Führer; dann nicht nur sie, die Schwalben,

sondern auch die Heerden Kraniche, Störche und wilden Gänse und

schnatternden Enten. Diese »Jungen« aber hatten Führer, fast lauter

Hirtenknaben, die ihre Schafe mit Wolle im Stiche gelassen.

Näher gekommen verstand er auch die Worte, die sie sangen, gerade nur die

Uebersetzung derselben, wie er von den französischen Kindern gehört:

Herr, gib uns das wahre Kreuz zurück!

Und nebenbei all' all' alles Glück,

Die Ansteckung schien ihm richtig. Sich an die ebenso unwissenden jungen

Herren Führer, meist Hirtenknaben, zu wenden, schien ihm überflüssig. »Alle

sind wie Einer und Einer wie Alle«, sah er. Er beschenkte einige von ihnen

nach und nach in der Reihe des Zugs, besonders die kleinern, mit Stücken

erst neuerfundenen Krystallzuckers; er lobte sie; beklopfte sie an den ihm

gewünschten Orten mit der Hand; er sang den Vers ein Weilchen mit ihnen, ja

er weinte wirklich nüchterne gesunde Thränen mit ihnen -- mußte sie endlich

ziehen lassen, und kam nachdenklich und schweigsam wieder, lächelte die

Gefährten bejahend an, und sie ritten wieder die letzte Strecke des Wegs

auf einen Hügel zu, der »der todte Jud'« oder »der Judentod« beim Volke

heißt, wie der Großhändler sagte, von wo man ganz Köln überschauen kann,

worauf er sich kindisch freute und ganz roth im Gesicht glühte. Der

jüdische Doctor konnte es aber nicht auf dem Herzen behalten, noch zu

sagen: So etwas von Kinderraserei, wie wir da zu schauen und mit Händen zu

greifen haben, ist wol noch nicht auf Erden gewesen -- wenn wir auch andern

Gestirnen am Himmel rings jeden möglichen Unsinn aus schuldiger Verehrung

gern reichlich vorbehalten wollen. Nur hab' ich gelesen, daß die Athener

Bürger und Bürgerinnen in ihrer aufgeklärtesten Zeit von einem ernsten

Spaßvogel gehört: »Am nahen Berge Hymettus sind große goldene Pferdeameisen

und Ameisenhaufen mit goldenen großen Ameiseneiern entdeckt worden«; --

worauf sie an hellem Tage als Narren mit Hacken und Schaufeln und Sieben

und Säcken hinausgezogen, aber mit leeren Händen zurückgekommen; aber den

Spaßvogel _für den lustigen Tag_ mit lachendem Muthe reichlich belohnten.

Und sichtbar ist: das Gelobte Land muß uns nur auf Zeit gelobt worden sein,

denn sonst hätten _wir's_ ja noch! Wer wagt das zu leugnen? Und froh kann

ich sagen: wie vieles Verwirrende haben _wir_ nicht! Wie Vieles sind wir

los! Ja, wir und unsere Kinder wetzten kein Taschenmesser, um es uns wieder

zu erobern. -- Aber auf dem Hügel ist ja ein Hochgericht! Und sie rammen

frische Pfähle ein -- Brandpfähle! Nur etwa für keinen von unsern Leuten!

Der Herr erbarm' sich!

Aber das sah und hörte der Handelsherr nicht. Denn seine Vaterstadt, die er

18 Jahre jung vor 18 Jahren geflohen, lag vor ihm, wie einst, im

unverblichenen Abendsonnengolde, mit dem Himmel aus Purpur bedeckt. Die

Mauern glänzten; ihre Thürme leuchteten wie dicke mächtige Kerzen; die

Kuppeln der Kirchen und Klöster brannten und ihre hohen Thürme schossen wie

Flammen empor _in den Himmel_ und zeigten ihm ihr Kreuz von der Erde; die

hohen Fenster glitzerten silbern und funkelten und blendeten die Augen bis

hier heraus, daß er sie davor mit den Händen bedecken mußte. Dann streckte

er sie aus, nach seinen Lieben darin verlangend und rief aus erschüttertem

Herzen: O meine Vaterstadt! O mein liebes Köln! Und die Glocken schlugen

darin umher. Dann riefen sie zur Vesper, und rührende Töne und blühende

Farben überwältigten ihn, daß er weinte. -- Und der junge Rittersmann, ja

selbst der Arzt -- ein Fremder in jeder Heimat -- war doch gerührt. Auch

ich bin angesteckt, seufzte er mit einem Lächeln in seinem Angesicht voll

schweren Ernst der Welt.

Darauf schweifte der kölner Herr mit Blicken umher, nach seiner Väter Burg,

mit dem schönen See und dem schönen Garten. Ach, das ist nur die

Kilschburg, rief er ungeduldig, das Schloß der alten reichen Schaafhausen,

-- und dort nur das Schloß der edeln Hompesche -- dort brennen schon die

vielen Töpferofen in Effern, erst ganz blaß und wie der noch in der

Abendröthe schon aufgegangene Vollmond scheinlos -- dort das ist das Schloß

der kunstliebenden Herren, wie kann man den Namen vergessen -- der Delius,

auf Klettenberg -- ach! und dort aus den Linden ragt meiner Väter Schloß,

die Lindenburg, und sein See blinkt! und der einstige Römer-Aufwurf, »der

Zug«, grünt weit herum schon an vom Frühling. Ach, wenn nur nicht alle

meine Väter, Mütter und ihre Freunde dort wie im Bann auf dem großen

Kirchhofe da zu Melaten lägen, und sie erwarteten mich jetzt in ihrem

Staat, das sollte eine sehenswürdige Gesellschaft sein, und gar erst welche

hörenswürdige! Sie hatten die Vorliebe für alle Dörfer auf »Ich«, die sie

nacheinander besaßen, als da sind: Fischen-Ich, Kenden-Ich, Mischen-Ich,

Mergen-Ich, Leichen-Ich, Mettern-Ich, groß und klein Virn-Ich und zuletzt

gar Ichen-Dorf.

Sie sprengten auf den Hügel.

Und einer der berühmten furchtbaren Stadtmiliz, der sogenannten »_Funken_«,

ein alter Funke, der hier auf dem Hügel mit andern über die Arbeiten mit

Pickelhaube und Spieß Aufsicht hatte, sah ihn lange und immer wieder an und

frug ihn endlich doch: Gestrenger Herr, sind Sie nicht Herr Sinzenich?

_Das_ ist blos ein Gesicht eines Sinzenich, das ich viel tausend mal, früh

und abends, ja die Nacht im Traume gesehen. Ich war Knappe bei Euerm

Großvater. Der alte Elias war Schäfer derzeit, und ist richtig auch in

Himmel gefahren. Sein Sohn Elias der Zweite ist aus einem tüchtigen Schäfer

nun berufener Scharfrichter geworden, sitzt auf seiner schönen

Scharfrichterei wie ein Rathsherr, und sein Enkel, der Nikolas, noch ein

junges kluges Blut, hütet wieder die Schafe um Eure Lindenburg. Ich bin der

alte Bertram -- und Sie, _sind Sie nicht Herr Sinzenich?_

Die umstehenden angestochenen Arbeiter lachten und sangen und tanzten das

Wort um ihn herum: »Sind Sie nicht Herr Sinzenich? . . . Sind Sie nicht

Herr Sinzenich?« . . . und selbst der Doctor lachte.

Da sah ihn _der Funke_ scheel an und frug: und du, bist du nicht ein Jude?

und trägst Waffen! und was hat denn ein Jude zu hauen und zu stechen? Her

mit dem Schwert!

Dabei stieß ihn der Funke mit der Faust ins Gesicht und riß ihm das Schwert

aus der Scheide; der Jude stellte sich herz- und ehrentodt und reichte ihm

auch noch die Scheide sammt der Kette.

So ist's recht, du Lump! lobte ihn der Funke. Der Kaufherr aber beschenkte

ihn klüglich und sagte: Ja, ich bin _der Raimund_, und frug ihn: Bertram,

alter guter Bertram, mein Bruder lebt doch noch? Und die höfliche Antwort

fiel: Bis vor einer halben Stunde; kann ich versichern. Er war hier. Er hat

hier draußen misliche Geschäfte -- auch wegen Juden! Er wird sie Euch schon

offenbaren! Kommt nur erst heim!

Ritt er nach der Lindenburg? oder in die Stadt?

In die Stadt, war die Antwort. Und so sprengten sie fort von dem Judentod

oder dem todten Juden. Auf der kurzen Strecke bis zum Thore bot der

Kaufherr dem Doctor, den er als ehrlichen, braven, überall hülfreichen Mann

erkannt hatte, Wohnung mit in ihrem Hause an. Der Jude nahm es mit

dankenden Worten, leise sprechend an: Ich starre schwer von Gold -- ich

floh aus Spanien, vor . . .

Und ich aus Frankreich, entgegnete Raimund; auch vor demselben Feinde; mein

Geld aber habe ich durch treue Hände auf sicherm Wege vorausgesandt.

Dem jungen Ritter gab er Straße und Haus an, und erfuhr dagegen von ihm, wo

er wohnen würde.

Sie ritten in das Thor, das Severinthor. Der Jude bezahlte für sich seinen

Viehzoll, im Betrage, aus Verachtung, nur so hoch als für einen Ochsen; und

sein Gesicht trug wieder die Todtenmaske. Die dämmerige Stadt hatte das

Ansehen einer einzigen großen Schneiderwerkstatt; überall in den Läden der

Straße hingen Kinder-Pilgermäntel, sogenannte Sklawinen; Pilgerhüte mit

breitem Rande gegen Regen, Sturm und Sonne; Pilgertaschen; allerhand Fahnen

und Fähnlein steckten aus; Schuhe und Gürtel hingen -- Alles zu vielen

Hunderten, an ausgespannten Schnuren; tuchene Kreuze, sie sich auf den

Rücken zu heften, als bindendes Ehrenzeichen: »der Inhaber habe gelobt: ins

Gelobte Land zu pilgern«; wovon ihn kein weltlicher König, kein Erzbischof

lossprechen konnte, allein der Knecht der Knechte Gottes.

Köln selbst ist, wie eine ungeheure Kirche selbst, auf ein großes

lateinisches Kreuz gebaut, welches die beiden Hauptstraßen, die schöne

Hochstraße und die nach dem Rheine führende Schildergasse bilden, sodaß die

Stadt in vier disparate -- damals oft desperate Theile zerfiel; und wo sie

sich kreuzen, da trennten sich die Reiter. Der junge Ritter ritt langsam

nach dem alten Gürzenich zu; und Herr Sinzenich mit dem jüdischen Arzt nach

seines Bruders großem schönen, palastgleichem verschattetem Hause, in

dessen Halle schon eine Lampe brannte.

Sie stiegen ab, und während der Reitknecht die Klingel nach dem Hauswart

zog, daß er das Thor aufthue, lehnte sich der heimgekehrte Bruder mit dem

Arm an die geschnitzte Thür, ja er küßte das kalte eherne Löwengesicht

daran.

Zweites Capitel. Die Frau Rath.

Darauf eingelassen, erkannte er sogleich den vorigen nun altgewordenen

Hauswart und rief vor Freuden den Namen »_Hagebald_«, alter Hagebald! Er

eilte die breite eichene Treppe hinauf, deren wie indeß noch glätter

gewordenes Geländer die heiße Hand ihm kühlte, und ihn selbst durch und

durch erquickte. Alte Treppe, seufzte er leise, was ist Alles seitdem über

dich ergangen, seit ich vom Hochzeitstische meines Bruders hinweg in die

Welt laufen mußte, weil er die schönste Jungfrau von Köln, die einzige

Tochter des steinreichen _Wollenwebers_, die liebe _Irmentrud_, als

Patricier den Andern allen ehrenrührig zur Edelfrau genommen, und ich wegen

meiner losen Reden, als leidiger, kecker, vermutheter Bauchredner-Jüngling,

schon vor das geistliche Gericht abgeholt werden sollte, als wäre ich schon

eine _Katharer-Brut_, oder ein junger _Petrobrusianer_, die in der Stadt

schon damals übermächtig zu werden drohten. Ich floh; aber gerade in die

Heimat dieser freien rechtschaffenen Gemeinde. Ich _ging_ natürlich ohne

Frau und Kinder, und _kehre_ unnatürlich von unsern Feinden beraubt, ohne

Frau und Kinder wieder.

Er stand und weinte bitterlich; und der Hauswart, der ihn weinen sah, ließ

ihn ungehindert hinaufgehen, indem er dachte: »_Wer da weint, ist kein

Feind_«, und kam ihm nur nachgeschlichen. Er ließ sich von ihm für den

Doctor ein Zimmer anweisen, worein dieser ging, und trat selbst in das ihm

bekannte Wohnzimmer, in welchem ihm seine Schwägerin, die Frau Rath,

entgegentrat und die Anrede erwartete. Denn sie war es, seit den 18 Jahren

stark und völlig geworden in tausend Freuden- und Gnügetagen -- aber

_jetzt_ wie durch eine Krankheit um das Feuer ihrer großen Augen gekommen,

um die Röthe ihrer vollen Wangen; aber dafür mit Wehmuth in den Zügen, mit

verweinten Augen und blassen zuckenden Lippen, wie eine Bestrafte oder ihre

Strafe Erwartende.

Er streckte ihr die Hand entgegen und sprach nur seinen Taufnamen

»_Raimund_« aus.

Da fiel sie ihm um den Hals und weinte, während er sie an die Brust

drückte.

Nach langer Zeit sprach er erst: _Mein Bruder_ lebt, hörte ich draußen

soeben erst vor der Stadt; du trauerst nicht, liebe Irmentrud; deine beiden

Töchter leben also auch, die ich noch nie gesehen -- die zeige mir doch!

Deine Aelteste, die nach unserer Großmutter _Frederune_ getaufte -- sie muß

schon 18 Jahre sein, und deine Jüngste, die _Irmengard_, wol auch schon 13!

Aber vor allem: Wo ist mein Bruder? der gute _Aldewin_, oder »alter Wein«

-- wie ich ihn immer aus Neckerei nannte.

Er sitzt nur hier nebenan in seinem Zimmer. Schweres Leid ist über unser

Haus gekommen! Er hat soeben den letzten Bescheid aus dem Rathe auf seine

dringende Eingabe erhalten; das Urtheil erwägt er vor seiner Lampe am

Tische sitzend. Ich brenne, ich vergehe danach vor Neugier, als Mutter! O

daß wir -- nicht etwa wieder glücklich werden, denn das ist uns auf Erden

nicht mehr möglich; aber daß unsere gute Tochter Frederune nicht ganz in

Verzweiflung vergeht, nur den Wunsch gilt es noch. Ich will die Thür ein

Schlitzchen öffnen und sehen, ob er fertig gelesen? und ob er mir winkt?

Sie ging leis und kam leis, und bedeutete ihn mit der Hand zu Geduld. Aber

du, lieber Schwager, sprach die Frau Rath, hast uns geschrieben, du würdest

zu uns kommen und triffst auf den Tag ein -- und auch deine angezeigten

drei kleinen Fäßchen . . . Rosinen -- in jedem ein _kleines_ Tönnchen Gold

-- sind schon zur See über Amsterdam richtig eingegangen und liegen dir

drunten zum Schein nur wie ganz leicht bewahrt in den Kellern. Sei also um

dein Vermögen nicht in den geringsten Sorgen, wie es scheint, weil du so

nacheilst! Aber wo sind deine wahren größten lebendigen Schätze: dein Weib

Gabriele und deine Kinder? Wir haben ihnen schon draußen in unserm Schlosse

die schönsten Zimmer hergerichtet, und manches ihnen vielleicht erst recht

Liebe ist noch unterwegs. Ich hoffe, sie sollen sich herzlich darüber

freuen!

Sie! sich freuen? sprach Raimund halblaut zur Erde starrend. Sie, nie mehr!

-- Es ist jammervoll für einen Nachgebliebenen, wenn nach kurzer oder

langer Zeit _noch ein Brief an einen Todten kommt_, der nicht mehr zu

bestellen ist! . . . wenn ein Armer, in Noth und Elend Begrabener noch, o

nun erst eine große Erbschaft macht . . . oder wenn ein selbst unterdessen

gestorbener Doctor einem Sterbenskranken rasch, rasch ja die Nacht noch

Hülfe bringen soll!

Wozu ist das die ahnungsschwere bestürzende Einleitung? frug die Frau Rath,

indem sie auf ihn zutrat, und ihm die zitternde Hand auf die Schultern

legte und liegen ließ.

Auf nichts, erwiderte er bitter und tonlos, als auf Das, was man den Tod

nennt, oder das Schicksal, das nichts ist als böse, rasende, abergläubische

Menschen, welche die Weltdinge in die grausame Hand nehmen -- aus Furcht zu

bleiben und zu bestehen, und nicht selbst von ihren Feinden in die Hand

genommen zu werden! Ja, die Meinen sind todt, mein Weib auf eine Weise, die

einem schamvollen Weibe die schmachvollste ist, weil sie die willenloseste

ist für ein treues Herz; -- und die Kinder mit Schwertern zu Tode gehauen

in der Wiege, und das in der angezündeten, brennenden, erstürmten Stadt,

die unsere Zuflucht sein sollte, und es gewesen wäre -- ohne den Verrath

und den Misbrauch, ein wüthendes _Kreuzheer in der Heimat_ wüthen zu

lassen!

O weh, weh! Armer Mann! rief sie und frug: und wie heißt die Stadt?

Sie hat geheißen »_Beziers_«. -- _Beziers_! sprach er, stellte sich

stammhaft und aufrecht fest, und fuhr in ruhig gelassenem, aber feierlichem

Tone fort: Sieh, liebes Weib, wer einen Streit gewinnen will, wer einen

Feind hat, der muß ihn kennen am besten durch und durch, und dazu muß er

sich _in ihn versetzen_, und gleichsam aus seinem Herzen und Sinn

herausfühlen, was er will und was er kann; er muß _aus des Feindes Augen_

sich selbst betrachten; und wenn er eine Seele hat, so muß er billig und

gerecht sein gegen den Feind, der _sich selber_ nur der beste, zärtlichste

Freund ist, und darum nur des Andern Feind, der zufällig oder unvermeidlich

ihm in die Parade fällt . . . in die Perücke . . . oder in die Krone. Da

ist nun ein bunter Schatten in Italien hereingeschwebt, aus dem

Morgenlande, _in die Stadt_, die sonst -- wie man das abscheulich

_kleinlich_ und albern nennt -- »der Welt« gebot, die aber erbärmlich und

abscheulich in tausenderlei Schutt zerfallen und nur ihre alten Knochen

noch aus der Erde streckt. Ihre Macht aber scheint den Thoren nicht

versunken, sondern aus dem Todtenreich, ja aus der Luft noch wieder auf-

und herzustellen in die Luft. Und das ist, von einer Seite betrachtet, dem

Volk und den nächsten Völkern umher recht heilsam, um die hier rohen, ja

grausamen, dort losen, dort tyrannischen oder habsüchtigen zeitlichen

Herren derselben doch einigermaßen durch allerhand Künste und

Vorspiegelungen in Furcht zu halten, und sie doch an _einen Schein_ des

Rechts, des Verstandes und des Guten wie an eine unsichtbare Kette zu

legen.

Da sieht nun der redlichste _Dülpner_ ein, es braucht noch gar kein kluger

Kölner zu sein: daß wir dem neuen Pontifex maximus -- oder den größten

Brückenbauer über die Zeit weg in den Himmel -- ein Dorn im Auge sind, ein

Wurm im Gehirn, ein Polyp am Herzen. Denn wenn jeder noch so lumpige

Schacher und Schacherjude durch seine bloße Erscheinung in der Sonne der

Nachwelt ihn und alle sein Reich geradezu vernichtet, alle Kirchen geradezu

-- ohne nur zu hauchen -- in die Luft bläst, sodaß er ihr Todfeind sein muß

-- so _mußte_ er es auch _uns_ sein, _um nicht etwa schon uns_ -- sonst

ganz unschuldigen Reinen, uns Katharer in Südfrankreich, Piemont und ganz

Oberitalien -- die wir jede Todesstrafe für ungöttlich und darum für

höllisch und ganz abscheulich halten -- _für Menschen zu erklären_. Und

_ohne_ Todesstrafe durch Feuer und Schwert ist er unrettbar verloren, da

auch diese kaum mehr abschreckt, höchstens nur angestaunte _neue Märtyrer_

macht in neuer Welt; und nur der _Geistertod_, die Geisterunwissenheit und

Dummheit vermöchte noch einige Zeit hinzuhalten, bis das größte Wunder

geschehen wird: »Die Sonne geht aus finsterer Mitternacht auf.« Und wo

befinden sich, umringen ihn seine Feinde und schränken ihn ein? Etwa über

der See? Nein, in Italien! Jenseit Roms, in Sicilien die Araber. Diesseit,

die vielnamigen, aber Eines Herzens und Sinnes zusammen ein Volk

ausmachenden Katharer, von denen Tausende schweigend und redlich selbst

hier in unserm Köln ihre Zeit erwartend leben -- und an denen ich selbst

getreue, Alles aufopfernde Freunde habe, meine liebe Frau Rath. Da er dort

am fürchterlichsten und entschiedensten hart in der Nähe bedrängt ist --

_denn der brennende Rock ist der wärmste_ -- sodaß er zuletzt nur mit einem

Sprunge in den Vesuv sein Leben rettet -- oder aus dem Lande flieht, was

ganz gewiß noch wird geschehen, wer es erlebt, da er die _Sarazenen_ aus

_Morgen_ und die _Mauren_ aus _Abend_ zu fürchten hat, so hat er die

Kreuzzüge unterbrochen, und einen Rettungskrieg vor den _nahen_ Feinden

_für einen Kreuzzug erklärt -- und Er mit Recht!_ Cardinäle haben diese

mordbrennenden Kreuzträger geführt -- darauf hat der Simon von Montfort die

Stadt Beziers belagert, erobert und Alles über die Klinge _springen_

lassen, selbst die alten Weiber, die auf keinem Bein mehr stehen konnten,

und die Kinder, die es noch nicht können. Mich, mich hat nach der

Vertheidigung bis auf den letzten Mann die bekreuzte Pilgerkutte eines

erschlagenen Wüthrichs errettet. So sind die Schuldigen mit den

Unschuldigen ohne Schonung hingerichtet, weil -- wie der Legat Allen zum

Trost und sich zur Entschuldigung gesagt: »_Gott_ wird schon die Seinen

kennen!« Das eroberte Land gehört nun seinem Eroberer, sammt den nun mit

Schutt und Asche begrabenen Gebeinen meines Weibes, ach! meiner Gabriele

und unserer kleinen Kinder.

Armer Mann! stöhnte die Frau Rath.

Ich floh, unermordet, sprach er fast lächelnd. Ich freue mich ernst; denn

aus unbegreiflicher Kurzsichtigkeit schonte man die Auswanderer, die nun

über die Grenze geworfenen Feuerbrände; die aber voll im Herzen

zusammengeschossener Glut sich auswärts sammeln, vereinigen, stärken, um

Vernunft und Muth in den Landen auszubreiten. Das tröstet mich hoch!

Unmenschliche Thoren müssen sich selber alle zugrunde richten.

Wenn sie uns, uns hier im Hause, und rettungslos erst noch zugrunde

gerichtet; klagte jetzt die Frau Rath, und rang die Hände. Mag dir mein

Mann unser Geschick erzählen. _Stumm_ duldet eine Mutter noch im

zerrissenen Herzen ihr Leid; aber laut es sagen, gleichsam es gestehen, es

beichten wie eine Anklage des Himmels, das, das kann ich nicht!

Sie ging wieder die Thür leis öffnen. Sie sah lang erstarrt hinein, dann

winkte sie blaß wie der Tod den Bruder herbei; doch ehe er kam, stürzte sie

schreiend zu ihrem Manne und rief: Er ist todt! Er stirbt!

Er eilte hinein. Die Lampe brannte hell auf dem mit einem niederländischen

Teppich bedeckten Tische. »Der Mann und Bruder und Vater« saß daran auf

seinem geschnitzten Großvaterstuhle und hielt mit seinen beiden

ausgestreckten Händen steif und starr ein offenes Pergament. Sein Bruder

Raimund, der nur kaum eine einzige Viertelstunde zu spät aus der Fremde

zurückgekehrt war, um ihn wiederzusehen, rang die Hände über sein Haupt.

Denn sein Gesicht bedeckte schon Todesblässe; er fing sich schon an zu

strecken, daß der Tisch knisterte und der alte Stuhl sich rückte und

lebendig zu werden schien; ein Zittern durchrieselte ihn, daß das Pergament

in seinen Händen bebte. Er hatte die starren Augen noch groß und weit

offen, und sie glänzten weiß und schauerlich. Sie wollten ihm eben brechen,

als er des Bruders ihn anrufende, ja anschreiende Summe doch noch zu

vernehmen schien, das Haupt noch zu ihm wenden zu wollen rang, aber kaum

regte, ihn anstarrte, ihn anlächeln wollte, aber starb. Die Augen brachen

ihm; der Tisch und der Stuhl knistern jetzt zum Fürchten geisterhaft;

geisterhaft erhob sich seine Gestalt, von seinem letzten Willen

geheimnißvoll mächtig, aber ohnmächtig emporgerissen, um ihn zu umarmen. So

mit ausgebreiteten Armen brach er zusammen und war, was die Leute so

nennen, ein Seliger.

Der Bruder sprang hinaus und fort nach dem neuen Freunde, dem Doctor, nach

Hülfe, wenn man den Todten noch helfen kann.

Sein Weib hielt ihn treu und thränenlos in den Armen, ihre Stirn an seine

Stirn gelegt, und empfand sich nicht, und die Welt nicht, nur ein

namenloses Weh.

Der Arzt kam, den sie nie gesehen, und der weltfremde, ernste, gelassene

Mann war ihr der ersehnteste, theuerste Freund. Er prüfte den Todten und

den Tod. Doch als er zuletzt mit Achselzucken mit der rechten Hand, wie

höflich, nach unten zu wies, wie um ihn der Erde zu befehlen, da sprach sie

leise: Er ist an Verzweiflung über die Menschen gestorben. Ach, unsere

bittersten Feinde wohnen uns am nächsten! Was thut uns der Mann im Monde?

der gute Kerl!

Der Bruder drückte ihm sanft die Augen zu, dann band sie ihm schonend den

Mund zu, daß er mit offenem Munde im Sarge nicht noch über die Welt

schreien zu wollen scheine.

Die Todten haben vieles zu vergeben, ja Alles, sich sich selbst, das Leben

und die Welt, die ganze lange, lange Welt; sprach der weinende Bruder. Denn

was man auch dagegen zu sagen sich unterstehen möchte: wäre die Welt nicht,

dann wäre auch nie nur _ein_ böser Mensch gewesen und noch, oder würde je

sein -- nie wäre _eine_ Thräne geflossen! nie würde in Ewigkeit ein Tropfen

Blut fließen. _Eine schöne Sache!_ -- aber doch eine namenlos-tolle. Drum

wollen wir doch lieber vernünftig bleiben -- oder ganz es werden, und Allen

dazu rathen, Hohen und Niedern!

Sie ließen den Todten sitzen und ihn gleichsam zuhören, da er über alle

Welt erhaben war; sie setzten erschöpft sich an die andere, die leere Seite

des Tisches, und das nunmehrige Haupt der Familie ergriff getrost das

gefährliche Blatt, und mit dem derben Vorsatze: kein Narr der Welt oder

irgend Jemandes darin zu sein, überflog er es erst mit feindlichen

abstoßenden Blicken, um ihm seine ansteckende oder betäubende Kraft zu

benehmen, und las dann, erst leis und sätzeweise, dann immer lauter und

verbitterter -- _der neuen Witwe_ und dem feuerfesten neuen Freunde die

Antwort der Behörde auf des Gestorbenen Eingabe.

Sie hatten aber eine stille Zuhörerin bekommen, die in das Haus gehörte.

Denn die jüngste Tochter des gestorbenen Vaters, welche ohne Einwilligung

der Aeltern _das Kreuz genommen_, die dreizehnjährige _Irmengard_, war mit

ihrer Kammerjungfer _Gaiette_ -- einem französischen tüchtigen Mädchen, das

hier im deutschen Lande _Frohgemuth_ oder Frohmuthe hieß -- von der großen

Procession der jungen Kreuzfahrer oder Kreuzfahrtjungen und Mädchen, die

sie auf den Feldern vor der Stadt gehalten hatten, jetzt Abends nach Hause

zurückgekehrt und in ihrem langen Pilgerkleide, ihrer _Sklawine_, durch das

dunkle Zimmer der Mutter in des Vaters Zimmer getreten und auf dem weichen

Teppich hingeschlichen sich auf einen bequemen Lehnstuhl gesetzt, die Hände

zum Beten gefaltet. Aber die Neugier: wer die fremden Männer seien, war

stärker als Alles, und vom Vater hatte sie den falschen Glauben, er sitze

nur so mit verbundenem Munde da, weil er Zahnschmerzen habe.

Sie hielt ihren breitrandigen Pilgerhut auf dem Schoose, und noch erhitzt

im Gesicht von dem Uebungszuge, dem Singen und dem Weinen mit der zahllosen

Heerde von Knaben und Mädchen ermüdet, saß sie in ihren Locken, zum

Verwundern zugleich und zum Kopfschütteln sonderbar und doch hübsch, wie

eine aufbrechende Blume des Himmels in Menschengestalt mit Armen und Beinen

und Nase und Augen und Ohren auf Erden, wie eine Novize der Heiligkeit da,

der die Locken noch nicht abgeschnitten sind und deren Lippen noch Keinem

einen Kuß gegeben haben, aber dem Kusse entgegen brennen mit aller

Menschen- und Mädchenglut.

Und so hörte die junge Irmengard, was ihr noch nie gesehener Oheim Raimund

mit erschütterter Seele erst selbst erfuhr, indem er las, und zögernd Das

aussprach, was überhaupt erst dadurch wahr zu werden schien, daß er es

aussprach:

-- -- -- »Bescheid des Rathes der Hohen

Zehner hiesiger freien Reichs- und Hansestadt, &c.

-- »Leider und abermals leider ist das Unglück,

wie der leidige Satanas, eine so freche

Person, die sich erdreistet, mir nichts dir nichts

höchsten und hohen Personen wie Allergemeinsten

und Aermsten an ihr Habe und Gut, ja

an ihr Herz zu greifen und unser pflichtmäßigstes

Bedauern, daß das in unsern Zeiten allerschmählichst

und redlich geschmähte Unglück auch

Euch, Ihr biederer Herr Rath und unser ehrbarstes

Mitglied selbst, in Eurer Tochter das

Herz uns gebrochen und im Leibe zerrissen, ja

zermalmet hat. Weswegen wir Euch gebührendermaßen

bedauern, da wir Euch nicht helfen

können, ja nicht wollen, weil wir nicht wollen

dürfen; _ausgenommen wir leugneten die

Schöpfung der Welt, Sündenfall und

Erlösung, und hätten wenig, ja keine

Furcht vor einem Weltgericht,_ das Gott

uns Allen gnädig gebe! Amen.

»Weswegen wir Euch denn unsere gerechte

Freude bezeigen und Euch hochbeloben, daß Ihr

in Eurer -- hoffentlich letzten Eingabe bescheidentlichst

gar nicht mehr «_um das Leben_»

Eurer verlorenen, ja schon vorläufig verfluchten

_Tochter_ Frederune bittet, sondern blos, zugleich

als menschlich oder teuflisch nicht ganz zu

leugnender _Großvater_ von mütterlicher Seite,

nun ihren leider nicht ganz zu leugnenden Mutterwunsch

gottergebenst uns vor Ohren bringt,

daß an dem zu Gottes Ehre angesetzten heiligen

Tage der _Hurd_: ihr armes Würmlein, ein

Knäblein oder ein Fräulein, oder so Gott so

gewollt: gar Zwillinge noch im Mutterleibe noch

und schon mit verbrennen müssen, ohne noch

schreien zu können; ihr aber zur unnatürlichsten

oder natürlichsten Qual, ja Verzweiflung, indeß

_wir zu unserm Heil nichts mit der Natur

zu thun noch zu schaffen haben_, also

nicht zugeben können noch wollen, weil wir,

wie besagt, nicht wollen dürfen, auch wenn wir

wollten, und unsere Weiber daheim uns mit

Thränen gefleht, ja bedroht haben aus weiblicher

Schwachheit; weil ja Eure Tochter _alsdann_

sogleich auf der Stelle verbrannt sein wolle

mit ihrem Galan, _wenn und sobald sie nur

das Kind geboren, gesehen, zum Himmel

gehoben und redlich, ja über die Maßen

beweint_; ja auch stillschweigend erdulden wolle

und müsse, daß es _nach seiner Geburt_ auf den

Armen seines Vaters im Rauch ersticke und die

kleinen Gebeine des armen Würmleins, des armen

Ururenkels der naschhaften Eva mit zu Asche

verbrannt werde, weil ihm die böse sündige Welt

seinen Tod sogleich zugleich an den Anfang seines

Lebelchens gesetzet.

»Diese entsetzliche Bitte ist aber die allerungewährbarste

und wird der Mutter hierdurch ehrenfest

abgeschlagen, welches Ihr derselben in

Person zu verkünden und zu ihr in Kerker zu

gehen, hierdurch Vergunst haben sollt, um sie

von der Sündhaftigkeit solcher Bitte zu überführen

und wo möglich ihre Seele zu retten,

_wenn der Glaube die alberne Natur von

ihr austreibt_. Darum überwindet Euch zu

dem Gange eines rechtschaffenen Vaters und

_halb nicht zu leugnenden Großvaters_

und Rathes!

»Denn wäre das Kind _nicht_ eines, wenn

auch noch so schönen, reichen und ehrlichen, wenn

man so zu sagen sich herausnehmen dürfte: --

aber doch _Juden_ Kind, so hätte das Mal

nichts mehr, als tausend andere Mal zu bedeuten:

es wäre ein richtig eingeschriebener Himmelsbürger

oder Bürgerin, und sie nur eine

voreilige Mutter, die gegen Buße und Reue

noch ein »vergebenes« Weib sein könnte. Aber

ein Judenkind von einer Christin ist die allergrößeste

Blasphemie, eine geistige Unnatur, ein

Kobold der Hölle, ein ver- und behextes Meisterstücklein

des Teufels, ein sichtbarer Misbrauch

der Kräfte Gottes mit Händen und Beinen,

wogegen sogar ein pures Judenkind noch ein

pures Engelein ist, verzeih' uns die heilige Mutter

Gottes!

»Drum muß diese Misgeburt mit verbrennen,

und muß ihr im Leibe noch lebendig mit verbrennen,

damit Natur und Mutterherz durch

unbeschreibliche Angst sie zur Erkenntniß ihrer

unverzeihlichen Sünde zur gnadenerwerbendsten

Reue bringt, und aus den Flammen sie rein in

den Himmel eingeht -- _wenn noch!_

»Wir haben zwar hier wie in allen Städten

am Rhein seit schon lange niemals ermangeln

lassen, Hurde zu feiern, zu unserer Bezeigung;

wie die vielen alten schwarzen Kohlen auf unserer

Schädelstätte beweisen; aber in diesen neuesten

und letzten Zeiten bedarf die Religion, wie

eigentlich immer, einer tief und sichtbar eindringenden

Erfrischung! Denn was die Augen sehen,

das glaubt das Herz. Und so bleibt die

Hurd festgestellt auf den Tag vor Carneval,

zur Erfrischung der Seelen; und erfrischet auch

Ihr Euch daran, wie wir Alle.

»Gegeben den 10. Hornung im Jahr seit

Erschaffung der Welt im 5,161sten, oder nach

der neu eingeführten Jahreszahl seit Geburt

unsers Herrn im Jahre 1212.«

Wie die Mutter so über den Tisch gebeugt lag mit dem Gesicht auf den Armen,

ohne vor Schrecken und Jammer nur eine Thräne vergießen zu können -- wie

Raimund, der Bruder des Todten -- wenn ein Todter noch Bruder, Schwester,

Vater und Mutter und Kinder hat und gehabt hat und noch haben kann anders

als dereinst einmal vorher im wachen Leben gehabte Träume -- als der Todte

mit blassem Gesicht und vor der erbärmlichen Welt geschlossenen Augen starr

dasaß -- und indem der jüdische Arzt halb ingrimmig, halb lachend über die

kindische Erde erhoben, durchdringend sann: wie da noch zu helfen sei, ja

selbst durch die äußersten Mittel; indeß hatte sich die junge Tochter

Irmengard, die sich zum Kreuzzuge der Kinder geweiht, erhoben, war wie eine

junge Dämonin -- um für die besondere Sache ein besonderes Wort zu

gebrauchen -- bis an den Tisch getreten, legte jetzt ihre Hand auf den Kopf

ihrer Mutter und sprach erzürnt: Also Mutter, du hast mich belogen! Meine

Schwester ist nicht nach Aachen gereist, sondern sitzt -- und weswegen! --

im Kerker der schwersten Todsünde schuldig, und unrettbar . . . das freut

mich im erleichterten Herzen -- denn sie ist meine Schwester nicht. Denn:

wer ist meine Schwester? Und du bist meine Mutter nicht, wenn du eine

Thräne über sie weinst! Denn: wer ist meine Mutter? Und der Mann da, der

seine solche schuldige Tochter der so gnadenvollen seelenheilsorgenden, ja

doch blos zeitlichen Strafe der heiligen Kirche entziehen will, also die

Schuld und die Strafe, sich empörend, nicht anerkennt, der ist mein Vater

nicht! Denn: wer ist mein Vater? Was ist er?

Er ist todt, ein heiliger Todter! ein Vater! ihm thut kein Zahn mehr weh!

riefen Alle voll Grausen zugleich sie an.

Die begeisterte Irmengard schwieg plötzlich, schien gerührt zu werden, da

sie den guten Mann anstarrte, und dennoch aus innerm grauenvollen Trotz ihr

Wort wiederholen zu wollen die Lippen öffnete, indem sie die Hand mit der

Geberde des Abscheus gegen den Todten ausstreckte.

Alle sprangen auf. Raimund faßte sie mit beiden Händen in den Haaren, hielt

sie starr fest, die ihn ruhig und lächelnd ansah, als er nach treffenden

Worten im Geiste suchte und endlich nur hervorstürmen konnte: Du

vertauschtes Teufelskind! Du auch kein Kind! keine Tochter! Du Molch aus

der Hölle! Drauf riß er sie an den Haaren nieder auf die Knie vor die

Mutter, und dann auf die Knie vor dem todten Vater, dessen kalte Hand er

ihr auf das Haupt legte, zum Zeichen: er habe ihr vergeben. Dann riß er sie

fort und stieß sie hinaus, und schloß die Thür hinter ihr zu. Aber sie

donnerte mit den Fäusten daran, daß Allen der Athem verging, sie stumm sich

ansahen, dann schamvoll über sie zur Erde und falteten die Hände.

Da trat Raimund an die Thür und rief ihr zu: O du rasendes armes Kind; o

wisse: Niemand lebt, der nicht in jede Schuld verfallen kann . . . hüte du

dich nur, daß dich nicht ein Anderer verführt, -- ja daß du dann dein Kind

nicht ermordest aus verzweifelnder Ehre: unschuldig zu scheinen! Du alberne

junge, noch pipende Gans, du weißt es nicht: _wer etwas verwünscht, der

steht dem Verwünschten näher als Alle, die es gelassen empfinden._ Haß und

Verwünschung richten nichts aus, als sich selbst nur zugrunde. Doch was

weißt du armes verdreht gemachtes Schaf, und sehr richtig und tüchtig

verdreht, das muß man mit Thränen in Augen gestehen! -- Doch dies mein Wort

das soll dir keine Prophezeiung sein, nur eine Bitte um Schwester- und

Mutterliebe.

Der jüdische Doctor aber sprach: Da ist doch Moses ein anderer Mann; und

sein Gebot: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter lieben und ehren«, ist

das erste und letzte allen natürlichen Menschen, und wird die Welt

ausdauern selber bei wilden Thieren, Bären und Löwen, und Kühen und

Kälbern. -- Und wenn, was Gott verhüten möge und zu verhüten versprochen

hat, daß die Welt noch einmal losginge, so würde das Gebot als das Erste

aus der Erde wieder aufwachsen in Schlangen und Geier und Alles was kreucht

und fleugt. -- Ihr armen Leute! _Der Lichtwerth unserer Erde ist noch wenig

werth_; sag' ich dazu als Astrolog.

Die Mutter aber ging zu ihrem gestorbenen Manne, beklopfte ihm Haupt und

Schulter mit der Hand, küßte ihm die Stirn und sprach dann: Wie gut haben

es doch die Todten! Hier den Vater rührt solch Grauses nicht einmal zu

einem Seufzer! Und über den ich nicht Thränen fand, den muß ich schon

segnen -- den Todten! Und wie viel wird er noch verschlafen! O, es ist auch

ein Großes todt zu sein und sich nicht zu empfinden oder die Welt; denn

fühlten wir Menschen die Welt noch, wären wir da selig? O Zeit, zu welchen

bittern Qualen und unnöthigen Worten zwingt uns das liebe leidige Leben.

Wann habe ich glückliches, ruhiges, einfaches, ja albernes Weib, wie mein

weiser Mann und Rath mich oft nannte, je solche Dinge überhaupt oder nur

für Andere erträumt, die ich erlebt und noch erst recht erleben soll! O

meine arme Frederune! und gar erst meine arme Irmengard! . . . Mir hat

einmal ein unglücklicher alter Mann gesagt, den ich trösten und beschenken

wollte: »Mein gutes Kind, sagte er, da sagen sie, ohne daß es Einer gesehen

hat: Gott hat die Welt geschaffen -- glaube es, wer es will und kann, ich

weiß und sage: _Gott hat die Welt geweint!_ und die Sterne sind dir

schimmernden Thränen aus seinen Augen, und so unzählige -- er muß lange und

viel geweint haben, oder er weint noch schweigend immer fort.« Den Mann

versteh' ich erst heut, und glaub' ihm noch morgen.

Die Mutter war darauf ihrer Tochter, die darum immer ihr Kind noch war,

weinend nachgegangen. Die Tochter war ihr zu Füßen gefallen, und hatte ihr

geschworen, sie werde im Heiligen Grabe zu Jerusalem für den armen Vater

beten! Und die Mutter hatte das angenommen, um sie zu schonen; denn sie

fühlte ihr an, daß sie krank war, sehr krank im Kopf und darum auch im

Herzen, und beruhigte sie in der Hoffnung, daß _sie_, als ihr letztes Kind,

sie nun doch nicht verlassen und hingehen wollen werde -- wo sie nicht

hinkommen, nur umkommen werde.

Aber Irmengard frug sie dagegen nur: Kann ich und du nun in der Schande mit

Ehren hier bleiben? Komme du selber auch mit! Denn wie viele arme Weiber

haben auch das Kreuz genommen! Und selber alte, die sich getrauen doch mit

uns Kindern fortzuwatscheln und zu humpeln. -- Und die Mutter schwieg. Aber

sie bestellte durch den Hauswart die Brüderschaft, die das Begräbniß

besorgen, aber sogleich _den Sarg_ herbringen sollte, um den Todten, den

das Volk aus Mitgefühl für einen Selbstmörder halten könnte, wenn auch

gerade für einen redlichen Vater -- die Nacht noch hinaus auf ihr Schloß

nach der Lindenburg zu tragen oder zu fahren; sie werde ihn begleiten.

Irmengard komme mit. Von dort aus wollten sie ihn still in ihre

Familiengruft nach Melaten begraben.

Drittes Capitel. Der Rath.

Raimund hatte seinen neuen Freund mit auf sein Zimmer genommen, und die

flinke Gaiette hatte ihnen Rheinwein, grüne Becher und einen Teller

Carnevalgebäck dazu hingestellt.

Sie gingen Beide gegeneinander auf und ab und blieben zu Zeiten in der

Mitte stehen, noch ohne zu reden, nur zu trinken vor erduldeter

Tageserhitzung und der Erregung des Abends, während das Carneval

eingelauten ward, und das lustige Volk durch die Straßen schwärmte und

sang. Dem hörten sie so eine Weile zu -- als sei das die Welt.

Der Hirtenknabe Nikolas; oder, Der deutsche Kinderkreuzzug im Jahre 1212 · 第 1 / 11 段