Geröll rutscht unter dem Fuß und die glimmerblinkenden Gneisplatten
flimmern wie Silber. Rötlich blüht schon das Heidekraut in dichten
Polstern am Wege. Auf der Höhe schöpft die Brust tief Atem und dann
wandern die Augen hinab ins tiefe Tal und dort nach den Höhen, wo die
Halden und Bergwerke, Alt-Freibergs Wahrzeichen und Hünenmale des
Bergbaues, sich türmen, und weit in die blaue Ferne, wo die duftigen
Linien der Berge in unendlicher Zartheit sich am Horizonte dehnen.
Doch nun wieder vorwärts, dem Walde entgegen, in dessen grünem Meere
ich untertauchen will. Über breitem Höhenrücken geht die Fahrt. Die
Felder reifen der Ernte entgegen. Wie lange noch, dann klingt die
Sense und die Pracht sinkt vor dem Schnitter dahin. -- Hast du Frucht
gebracht? -- --
Die Vogelbeerbäume schmücken sich schon mit roten Beeren. Wie lange
noch, und die Drosseln ziehen, die Beeren fallen und liegen wie
Blutstropfen am Straßenrande, und dann schnaubt der Schnee in mächtigen
Wehen und Wirbeln gleich wilden, weißen Rossen über die Felder und
hinter ihnen der eisige Ost mit scharfen Peitschenschlägen. -- Wohl
dem, der eine Heimat hat! -- Doch heute weht ein süßer Duft wie Honig
herüber. Ein blühendes Kleefeld strömt des Sommers ganze Lieblichkeit
in Duft und Farbe in die blaue Luft. Ich steige vom Rade und lausche
dem Liede des glühenden, blühenden Klees. Millionen von Bienen und
anderen Insekten singen und summen in dem purpurnen Blütenmeer ihr
Lebenslied, und taumeln von Kelch zu Kelch. Schwer und wonnig steigt
der Duft des Feldes empor und ich trinke ihn mit tiefen Zügen, als
wäre es ein alter, köstlicher Wein. Ein purpurner Teppich aus Duft
und Licht, Farbe und Leben gewoben, auf dem nur die Sonnenstrahlen
mit leichten, schwebenden Füßen dahingleiten dürfen. Ein Teppich, wie
ein dunkler, purpurner Orgelton, den der Sommerwind leise dahinträgt,
daß die Herzen stille werden. Als ob das heilige Herz der Mutter Erde
unter ihnen schlägt, so geht geheimnisvolles Leben durch die Millionen
Blütenköpfe. -- O, du Heimatflur! -- --
Dort drüben grüßt das grüne Meer des Tharandter Waldes. Mein Rad
fliegt wie ein Vogel hinab ins Bobritzschtal. Sanfter sind die Hänge
hier als im Muldentale. Malerische Höfe und Häuschen klimmen auf und
ab, drängen sich am Bach und drücken sich in die Talwinkel. Naundorf
ist es, dessen Kirchturm auf der Höhe wie ein Hirte über seine Herde
wacht. Die Straße führt talaufwärts, am Bach entlang. Die Wellen
hüpfen mit Murmeln und Plaudern über die runden Steine, und flinke
Forellen schießen blitzschnell daher. Einst war dieser köstliche
Fisch so häufig hier, wie ein altes Naundorfer Kind erzählt, daß für
wenige Groschen eine ganze Schüssel voll im Fuhrmannsgasthof an der
Straße geliefert wurde. Die zahlreichen Gänse, Enten und Hühner auf
der Straße sind dem Rade nicht gewogen. Mit Flattern, Fauchen und
Geschrei entrüsten sie sich oder suchen durch ängstliches hin und her
laufen dem allzuraschen gefürchteten Feinde zu entkommen. Heil uns,
daß wir ohne unfreiwillige Tötung eines »Rassehuhnes« -- überfahrene
Hühner sind immer »Rassehühner« -- am Ausgange des Dorfes anlangen.
Dort macht die Bobritzsch eine starke Krümmung, fast im rechten Winkel.
Ein stattlicher Hof liegt im Winkel und mächtige alte Bäume beschatten
den Platz. Dort mündet der Colmnitzbach, und eine Brücke führt über
die Bobritzsch, von der aus du in das Strudeln der klaren Wasser
hinabschauen und die ganze Lieblichkeit dieses stillen Winkels mit
seinem Wasserrauschen und Vogelsang unter grünem Blätterdach empfinden
kannst. Wie Sonntag, durch den leise der Harfenton der Andacht klingt,
liegt es immer hier unter sonnenstrahlendurchflochtener Laubkuppel. --
Auf schmalem Wege über dem Wiesengrunde des Colmnitzbaches geht es
aufwärts. Wie ein leuchtend grüner Teppich ist der Grund zwischen die
Hänge eingespannt. Doch bald verwehren uns hohe, dichte Hecken den
Blick auf diese grüne Herrlichkeit. Zwei Höfe am Hange liegen vor uns,
die Gippenhäuser. Eine bleiche Dame sitzt am Wiesenrande, ein Kind
spielt in der Nähe. Sommerfrischler! Ja, hier könnt ihr gesunden und
wie Joseph Viktor von Scheffel, der leider Halbvergessene und doch so
echt deutsche Mann, in seinen Bergpsalmen singen und sagen:
»Du hast eine Ruhe, ein Obdach gefunden,
Hier magst du gesunden,
Hier magst du die ehrlich empfangenen Wunden
Ausheilen in friedsamer Stille.«
Zwischen duftendem, rauschendem Wald und saftgrüner, blumiger Wiese,
in der die Margareten mit weißen Sternen leuchten, fern vom Staub der
Straßen der Welt, den Blick auf sanft geschwungene edle Höhenlinien,
abgeschlossen doch nicht eingeschlossen, so recht ein Ort friedsamer
Stille! --
Nun tauchen wir ein in den herrlichen Wald, dies grüne Kleinod zwischen
Freiberg und Dresden, den Tharandter Wald. Wie viele Stunden tiefster
Freude danke ich dir, du deutscher Wald, und deinen stillen Wundern.
»Wer einmal diesen Jungbrunn’ fand,
Der schöpft aus keinem andern!
Denn das ist deutschen Waldes Kraft,
Daß er kein Siechtum leidet,
Und alles, was gebrestenhaft,
Aus Leib und Seele scheidet.
Daß ich wieder singen und jauchzen kann,
Daß alle Lieder geraten,
Verdank ich nur dem Streifen im Tann,
Den stillen Hochwaldpfaden.«
(Scheffel, Aventiure.)
Solch ein stiller Hochwaldpfad, über den die knorrigen Wurzeln laufen,
führt mich in die harzduftige, grüne Tiefe, und ein Singen und Jauchzen
geht mir durch die Seele, doch es schweigen meine Lippen und leise ist
mein Gang. Nur ab und zu knistern die Nadeln oder ein Ästlein unter den
Reifen des Rades, welches ich führe.
»Willst du dein Herz mir schenken, so fang’ es heimlich an,« das gilt
auch vom Walde, dessen Seele man nur findet, wenn leise unsre Seele
sich an seine schmiegt. Dann öffnen sich uns seine grüngoldnen Augen
und schauen uns an voll unergründlicher Tiefe, dann spricht sein Mund
im geheimnisvollen Raunen, und wir hören im stundenlangen leisen
Wipfelrauschen wie des Waldes Seele mit uns spricht und ihre Wunder
uns offenbart. Dann darfst du nur lauschen, schauen und vergessen, was
draußen ist. Was er dir zeigt und sagt, was er deiner Seele gibt, das
wird dich reich und froh machen. Der Wald ist dein geworden, weil er
dir seine tiefsten Geheimnisse gab und du seiner wundersamen Kräfte
kund wurdest.
Eine im Sonnenschein flimmernde Blöße öffnet sich. Ein kräftiger,
warmer Harzduft steigt empor und füllt die Brust, als sollten die
Lungen besonders in Waldeskraft gebadet werden! Die Grillen zirpen ihr
heißes Sonnenlied und über den Halmen und den Spitzen der Schonung
zittert die Luft, als wäre sie durch das schwirrende, unendliche
Grillenlied zum Schwingen gebracht. Ein Blick in die Weite auf
blauferne Höhenlinien, dann ein dunkler, grüner, kurzer Waldpfad, und
plötzlich gibt es mir einen Riß durch die Seele. Wie eine ungeheure
rote, offene Wunde in der Felsenflanke des Berghanges liegt es
vor mir, von rauher, rücksichtsloser Hand geschlagen, dort eine
Schutthalde von kleingeschlagenem Porphyrgestein, das aus dem Abhange
herausgeschlagen und gesprengt ist. Hier hatte ein Steinbrecher mit
gierigen Zähnen gearbeitet. Und weiter strecken sich Schienen eines
Bahnneubaues, der sich mitten durch eine Felsengruppe voll malerischer
Wucht eine klaffende Lücke gebrochen hat. Bitterkeit steigt dir auf,
daß Schönheit und Friede nicht mehr heilig sind, sondern wehrlos der
Rücksichtslosigkeit und ehernen Notwendigkeit unterliegen müssen!
Schillers Nänie klingt schmerzvoll durch die Seele:
»Auch das Schöne muß sterben.
Siehe, da weinen die Götter,
Es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht,
Daß das Vollkommene stirbt.«
Doch wie zum Troste senkt sich der Blick rechts durch Stämme und über
schwankende Wipfel hinab in einen Talgrund, der noch wie ein stilles
Märchenland des Friedens und der Schönheit grün heraufleuchtet. Es
ist das Tännichttal. Das Tännichttal, um dessen Schönheit, Poesie und
ungestörten Frieden der Heimatschutz im letzten Augenblick sich mühte
und den Weg der Rettung fand. Der Bahnbau war leider unvermeidlich und
wurde mit leidlicher Schonung und Anpassung an den Waldabhang gelegt.
Daß er, wenn jetzt auch die Wunden noch bluten, mehr und mehr im Laufe
der Jahre verschwinden und in das Bild sich einordnen wird, dafür wird
der Wald selbst schon sorgen und seine Wunderkraft heilend offenbaren,
wenn Flechten und Moose, Heidekraut und Ginster, Gras und Waldkräuter,
Birken und schließlich die ragenden Stämme des Hochwaldes sich das Werk
des Ingenieurs zu eigen machen. Doch Schlimmeres als der Bahnbau
sollte dem Tännichttale geschehen. Steinbrüche sollten angelegt werden,
welche Wunde auf Wunde tiefer und tiefer geschlagen hätten und die
grünen Hänge zerstört und mit dem Rasseln und Stöhnen, dem Lärmen und
Kreischen der Maschinen die selige Waldesstille, die Vögel und das
Wild des Waldes vertrieben und diesem lieben Märchenwinkel völlige
Vernichtung gebracht hätten. Eine Schwebebahn mit hohen Bockgerüsten
sollte das Tal überqueren. Das Rollen und Rütteln der Wagen und
Schienen und das Knirschen der Steinbrecher, sowie die ganze lärmende
Industriearbeit sollten die tiefmelodischen Stimmen der wilden Tauben,
des Pirols Flötenrufe und der Finken schmetternden Schlag für immer
verstummen lassen. Die malerischen Felsklippen, die wie Türme und
Mauern aus den grünen Wipfeln des Waldes emporsteigen, sollten von dem
Moloch des Industrialismus gefressen werden!
[Illustration: Abb. 1 =Tännichttal=]
Nicht mehr als alles wäre dadurch dem Tale genommen worden! Doch
stolz und freudig darf der Heimatschutz seines Erfolges denken:
Diese Gefahr ist gebannt durch seine Bemühungen und die dankbar zu
rühmende verständnisvolle Förderung des Finanzministeriums, welches in
letzter Stunde die Genehmigung der Steinbruchanlage versagte. Doch wir
blicken jetzt mit frohem, innerem Glücksgefühl ins Tännichttal hinab,
wie es uns nun erhalten bleiben soll und noch viele stille Wanderer
entzücken wird. Dort unten blitzen die Wellen des Colmnitzbaches aus
dem Smaragdgrün des Wiesenbodens herauf. Er kommt weit von draußen
her, aus der waldarmen Gegend, um hier zwischen Wald und Felsen seines
Daseins schönste Strecke zu durchlaufen. Wie die andern Bäche der
Freiberger Gegend hat er sich schon draußen ein tiefes Bett gegraben
und windet sich in vielen Krümmungen durch die hügelige Landschaft.
Die begleitenden Höhenkuppen des Gneismassivs von breitgelagerter,
rundlicher Art, welche mit ihren langen, schöngeschwungenen Linien
ungeheuren Wogen gleichen, haben an der Quelle rund 500 Meter,
an der Mündung in die Bobritzsch rund 400 Meter Höhe. Draußen im
freien Lande haben sich im Colmnitzbachtal in der langgestreckten,
dem Wasserlaufe folgenden Siedelungsweise des Kolonistendorfes die
Dörfer Pretzschendorf, Ober- und Niedercolmnitz angesiedelt. Ihre
Wiesen und Felder mit ihren besonderen Reizen von Saat, Ernte und
Wiesenduft geben der ganzen weiten Gegend draußen einen ausgesprochen
landwirtschaftlichen Charakter, aber auch mit ihrer ausgesprochenen
Kahlheit, welche außer den Bäumen an den Straßen, am murmelnden Bach
und in den Gärten des Dorfes kaum einen Baum duldet, der nur der
Schönheit nicht aber besonders dem Nutzen dient. Fünf Sechstel seines
Laufes hat so der Colmnitzbach kahles Gelände durchströmt, bis er
hier im waldigen, engen, malerischen Tännichttal sich heimfindet zu
Bergeshang mit dunklen Fichten, zu Wiesengründen mit leuchtendem Grün.
Der schluchtartige Charakter dieses Tales mit seinen steilen bewaldeten
Abhängen, im Gegensatz zu den sanfteren Hügelwogen des freien Landes,
ist überraschend und gibt malerische Bilder, gleichviel ob man von
oben hineinschaut in die saftigen Gründe einer stillen, smaragdnen
Märchenwelt, oder ob man von unten zu den Höhen hinaufschaut, die mit
ihren Wänden einzelne Kessel abschließen und bei einer neuen Krümmung
neue Bilder friedsamer Stille öffnen. Der Talboden hat nur fünfzig bis
sechzig Meter Breite. Die anschließenden steilen Hänge steigen rund
hundert Meter auf, zum Teil mit hohen Felswänden, Zacken und ragenden
roten Porphyrklippen, die wie zinnengekrönte Burgmauern aufsteigen.
Dieser schluchtartige Charakter des Tales im Gegensatze zur breiten
Landschaft draußen, ist das Ergebnis urgewaltiger Kräfte aus der
Werdezeit unserer Erde, und insofern ein Naturdenkmal von besonderer
Bedeutung für die Freiberger Gegend.
[Illustration: Abb. 2 =Blick auf die Felsenklippen der Diebskammer vom
Tännichttal aus=]
Das flachgeschichtete, im Laufe der Jahrmillionen rundlich
abgeschliffene Urgebirge des Gneises der Freiberger Landschaft ist
hier mit ungeheurer vulkanischer Gewalt von Porphyr durchbrochen.
Durch dieses harte Porphyrmassiv hat sich der Bach hindurchgenagt und
die schmale Talenge hineingefressen. Dort drüben, mitten in dieser
malerischen Talenge, an ihrem schönsten Punkte, ragen die zackigen
Spitzen und Kämme der gewaltigen roten Porphyrklippen in den blauen
Himmel vom grünen Waldhange empor, die Diebskammer. Diese Felsgruppe
ist die Krönung der Schönheit des ganzen Tales, das urgewaltige, zu
Stein erstarrte Denkmal gigantischer Naturkräfte. Wir stellen das
Rad in das Dickicht und klettern näher heran durch Fichtengezweig
und Ginstergestrüpp, die trotzigen Zacken zu betrachten. Da sehen
wir und erleben es fast an der eigenartigen Faltung und Schichtung
der Gesteinsformationen, wie einst in ungeheuren Wehen und Ringen
lebendiger Kräfte die Massen emporstiegen, sich zusammenpreßten
und neigten, sich kristallisierten und zu besonderer Lagerung und
Schichtung versteinten.
Das Tännichttal streicht von Osten nach Westen. Die Strahlen der
Morgensonne und das rote Licht des untergehenden Tagesgestirns läßt die
roten Klippen in feuriger Glut aufleuchten, als wären sie von innerem
Feuer durchglutet und wollten zu neuem vulkanischen Leben erwachen.
Ein _Naturdenkmal_ ist dieses Tal mit seiner Felsengruppe, das im
geologischen Anschauungsunterricht für jedermann in unserer Zeit der
Volkshochschulen von der Natur selbst unübertrefflich dargeboten ist
und zu uns redet vom Werden unserer Erde, Heimat und Landschaft mit
deutlicherer Zunge als Bücher, die das Volk nicht liest, als Gelehrte,
die das Volk nicht hört, als Weisheit, die in den Hörsälen oder bei den
Spezialisten bleibt. Es ist ein Dienst an der deutschen Seele, wenn der
Heimatschutz für diese Werte der deutschen Natur und Heimat kämpft,
ein Kampf für die deutsche Seele und ihre Rechte an der Heimat, ein
Kampf für die Seele der Heimat gegen kalte, harte Seelenlosigkeit der
Ausbeutung. Das Volk hat ein Recht darauf, daß diese Naturdenkmäler,
die Eigenart und besondere Schönheit der Heimat geschützt und ihm und
der Nachwelt ungeschmälert erhalten bleiben, und nicht der Ausbeutung
einiger Kapitalisten überlassen werden. Das, was der Allgemeinheit
und der Heimat dienen kann und im höchsten Sinne zur geistigen und
seelischen Förderung dient, darf niemals Ware, darf niemals käuflich
sein, darf niemals nur dem Interesse eines Einzelnen um materiellen
Gewinnes willen ausgeliefert werden, sondern muß unbedingt als Besitz
der Allgemeinheit als ein Denkmal gehütet und gepflegt werden.
Solches unverletzliches, der Allgemeinheit, dem Volke gehöriges
_Naturdenkmal_ wird auch diese Felsengruppe mit dem ganzen Tale sein
und bleiben, bei dessen Anblick und sinnender Betrachtung Tausenden
das Herz aufgehen muß für die Schönheit der Heimat und das Verständnis
und die Freude wachsen soll an ihrer Seele, an ihrem Leben, Sein und
Werden. Freibergs Umgebung ist nicht reich an solchen Punkten, wo
Wissenschaft und beseelte Schönheit sich in gleicher Weise vereinen,
um den Ort reizvoll zu machen, und wo als Drittes noch die Sage
hinzukommt, um mit den krausen Ranken der Phantasie und der Erinnerung
den Ort geheimnisvoll zu schmücken. Der Lips-Tullian-Felsen dort drüben
im Tale ist in unmittelbarer Nähe, der Felsen, wo der große Räuber
einst hauste. Auch die Diebskammer hier mag ihm und seinen dunklen
Zwecken gedient haben. Die echte Räuberromantik spinnt ihre bunten
Fäden um die zackigen Zinnen dieser Räuberburg, die bald wie Blut,
bald wie Gold in der Sonne leuchten, bald wie von Rauch geschwärzt
und Krähen umflogen im Schatten liegen. Lips-Tullian, den jeder
im Freiberger Bezirke kennt, denn im mittelalterlichen, grausigen
unterirdischen Gefängnisse des Freiberger Rathauses, wo auch Kunz von
Kauffungen schmachtete, mußte er 1715 sein Todesurteil erwarten. Seine
in den Felsen gehauene Zelle, Ketten und Handschellen werden heute noch
gezeigt.
Was das Wandern im _Thüringer_ Land so unvergleichlich genußreich
und poetisch macht, ist, daß überall die Gestalten der Sage und
Geschichte, von Poesie und Märchen mit uns wandern und das, was wir
schauen, verklären. _Sachsen_ ist nicht reich an solchen Stätten, aus
denen uns Sage oder Märchen mit verträumten Augen anschaut und die
Romantik uns grüßt. Sorgfältig müssen wir die wenigen Stätten solcher
Romantik schonen, und wäre es auch nur Räuberromantik, und müssen wir
pflegen, was durch die Phantasie und die Erinnerung des Volkes sein
besonderes Gepräge, seine besondere Weihe erhielt. Das Gedenken des
Volkes schafft erst die rechten Denkmäler. Hängt sich dieses Gedenken
an eine besondere Örtlichkeit, so erhält diese die Denkmalsweihe. Wie
gesund und wie tief hat hier doch das Volk empfunden, daß es hier dem
Orte noch diese besondere geheimnisvolle, geistige Denkmalsweihe der
Phantasie gab, der durch seine landschaftliche Schönheit und seine
wissenschaftliche Bedeutung schon seine Weihe als Naturdenkmal in sich
trägt. -- Von einem ehrwürdigen Freunde des Heimatschutzes, der hier
vor sechzig und siebzig Jahren jung war, liegt ein Brief vor, aus dem
diese Romantik herausklingt wie das Rauschen von Bach und Bäumen, und
die leisen, wehmütigen Töne des Liedes: »Aus der Jugendzeit, aus der
Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar.« Er schreibt:
[Illustration: Abb. 3 =Diebskammer im Tännichttal bei Naundorf, Bezirk
Freiberg=]
»An dieses liebliche Stückchen Erde, im besonderen an die
über der »Diebskammer« sich aufbauenden Felsenpartien knüpfen
sich für mich die angenehmsten Erinnerungen aus meiner
Jugend. Als Naundorfer Pfarrerssohn habe ich dort von meiner
Tertianerzeit an bis in meine ersten akademischen Semester
(1855--1861), in welch’ letzterem Jahre nach des Vaters Tode
unsere Familie den Ort verlassen mußte, in den Ferienzeiten
zahlreiche glückliche Stunden verlebt. Mit Hilfe eines mir
befreundeten jungen, für Romantik empfänglichen Lehrers hatte
ich hier in etwa halber Höhe des Felsens ein Plätzchen für
längeren Aufenthalt hergerichtet, einen Felsblock als Tisch,
einen anderen moosbedeckten als Sessel, und in diese durch
keine Straße gestörte Weltabgeschiedenheit flüchtete ich mich
so oft wie möglich mit meinen Freunden aus dem altklassischen
Altertume, Homer, Sophokles, Horaz usw. oder mit unseren
deutschen Dichterheroen. Hier beschäftigte ich mich mit ersten
poetischen (richtiger wohl »gereimten«) Versuchen, übersetzte
ich in das Deutsche einen Teil von Ovids Metamorphosen, und
ich hatte immer die Empfindung, daß mir hier alles leichter
vonstatten ging. Auch verträumte ich manche Stunde unter dem
Rauschen der Tannen, dem Gesange der damals noch zahlreichen
Vogelwelt, unter dem Murmeln des zwischen saftig grünen Wiesen
durch den Grund fließenden, kristallhellen, von Forellen und
Krebsen dicht bevölkerten Colmnitzbaches. Der Felsen senkte
sich winkelförmig in die Erde und schien in eine Höhle zu
führen, die von Steinen verschüttet war, in deren Geheimnis ich
aber nie eingedrungen bin. Ob der berüchtigte, 1715 in Dresden
hingerichtete Lips Tullian auch hier sein Wesen getrieben
hat, weiß ich nicht, wäre aber bei der versteckten Lage der
Diebskammer nicht unmöglich. Es wurde zu meiner Zeit von
diesem Tale nur mit einer gewissen Scheu von den Dorfbewohnern
gesprochen. Ich habe seiner Zeit bei den Freiberger allgemeinen
Gymnasialspaziergängen, die gewöhnlich über Niederbobritzsch
nach Naundorf führten, nie versäumt, meine Freunde an diesen
meinen Lieblingsort zu führen, ihn auch später ab und zu
aufgesucht.«
O Klang der Jugendromantik und deutscher Träumerei aus diesem Tal
heraus, der wie von fernen süßen Glocken noch durch das Greisenalter
tönt! --
Und diese Felsen, dieser Ort, die so noch klingen und Tausenden noch
klingen werden, sollten dem Steinknacker ausgeliefert werden!? Damit
einige geschickte Geschäftsleute gute Geschäfte machten, sollten die
Felsen zu Straßenschotter verarbeitet werden und allmählich der Meißel
sich hineinfressen in die Talwände, bis alles weggefressen ist, was
an Schönheit und höheren Werten Tausenden zur Freude und Erquickung
diente!?
Wir freuen uns mit dankbarem Herzen, daß diese Gefahr gebannt ist und
schauen mit besonderer Liebe der stillen Stätte des Friedens in die
tiefen Augen und versenken uns ganz in die Stimmung der Einsamkeit,
des Alleinseins, Geborgenseins vor dem Tosen und Staub der Welt dort
draußen.
»Selig, wer im stillen Lauschen
Einsam hier die Waldrast hält,
Wer beim flüsternd milden Rauschen
Das Getös vergißt der Welt.«
(Scheffel.)
Langsam steigen wir nun die Straße ins Tal hinab. Hier ist es zu schön,
um auf dem Rade vorbeizufliegen, hier möchte man weilen und träumen,
und warten, ob nicht irgend ein liebliches Wunder geschehen möchte, daß
drüben aus dem Waldesdunkel die Elfen auf die leuchtende Wiese schweben
oder daß die Elfenkönigin auf schlankem weißen Reh aus dem Dickicht
kommt, an dir vorüberstreift und aus wundersamen Märchenaugen dir tief
in die Seele schaut.
[Illustration: Abb. 4 =Felsen im Tännichttal bei Naundorf=]
Dort steht der Fels wie ein Wächter am Wege, dicht am Bach, wo die
Brücke in die Wiese führt. Will er hüten, daß kein Unberufener, kein
Feind hier eindringe? Ist er der Riegel, der die Welt und den Lärm
abschließt vom stillen Lande der Poesie?
Den Wipfel hoch die Tanne hebt,
Im Winde schwankt die Birke,
Und Gottes goldne Sonne schwebt
Still über dem Bezirke.
Ein harziges Gedüfte
Durchwogt die warmen Lüfte.
(Scheffel.)
Wie ein silberner Steg für überirdische Füße schimmert der Bach im Grün
und windet sich durch die saftige Aue, als wollte er diese Stätte nicht
verlassen, sondern immer noch einmal umkehren und bleiben. Einzelne
Baumgruppen von herrlicher Gestalt stehen hier und da mitten in der
Wiese, und im weichen Dufte dämmern die fernen Abhänge des Tales.