dort oben rot in der Sonne leuchten, aus dem Waldesdunkel schimmernd
emporsteigend. Wir schreiten weiter am Wiesengrund. Weiß glänzen die
Stämme der Birken am Wege, und die Felsen entwickeln sich zu einer
langen gewaltigen Mauer, die mit schroffen Seiten, scharfen Spitzen und
Kanten nackt und kahl, nur mit dem bunten Gewande der Farbe bekleidet,
aus dem Walde aufragt. Der Reichtum der Farben, der je nach Beleuchtung
wechselt, je nachdem die Schatten der Wolken den Wald, die Wiese oder
die ernsten Felsenstirnen streifen, gibt dem Bilde einen besonderen
überraschenden Reiz. Wie ein tiefes, tiefes, weiches buntgesticktes
Kissen ist die Wiese mit ihrem Duft und ihren Blumen, in das man
sich hineinschmiegen möchte. Es plaudert der Bach an unserer Seite,
und Birken und Erlen streuen ihren Schatten auf Weg und Wiese und
flüstern im weichen Sommerwinde von den alten Geschichten, die hier
geschehen. Denn dort drüben ragt aus dem Walde der Lips-Tullian-Felsen,
der gar vieles erzählen könnte. Er ist aber ein rauher, schweigsamer
Geselle, der seine Geheimnisse wohl hütet und das junge Volk der
Pflanzen und Bäume raunen und flüstern läßt. In seine Felsenstirne
zogen die Jahrhunderte und Jahrtausende ihre tiefen Runen. Was ist
da Menschenleid und Menschentat, was sind da die Geschlechter der
Menschen, die hier vorüberschritten, was ist da Jugend und Alter? Gras,
das zu seinen Füßen wächst, Bäume, die an ihm wurzeln und abgehauen
werden, wieder kommen und wieder vergehen in unendlicher Folge! Er
schweigt und läßt die Sagen und Geschichten, welche aus Dickicht und
Höhlen und Löchern hervorkriechen, wie Spukgestalten ihres Weges
ziehen, schweben und zerflattern in Wind und Nebel und dem Rauschen
des Waldes, daß niemand sie fassen kann, sondern nur ein unnennbares,
unbestimmbares Grausen unheimlich um den Felsen schleicht.
Wir wandern weiter und nähern uns dem oberen Ausgange des Tales. Der
Weg steigt wieder an und löst sich vom Talgrund. Unter schönen alten
Fichten, aus dunklem Schatten hervor, blicken wir weit über die grünen
Gründe, die im Sonnenlichte flimmern, hinaus in die duftige Ferne,
wo blauende Höhenzüge sich zart vom Himmel abzeichnen. Der Bach ist
ein silberner Spiegel im Vordergrunde, in dem sich Wolken und Bäume
spiegeln.
»Ich stehe in Waldesschatten
Wie an des Lebens Rand,
Die Länder wie dämmernde Matten,
Der Strom wie ein silbern Band.«
Ein langer Blick dann zurück in das stille Tal Eden, das wir nun
verlassen, und es geht uns durch die Seele ein Klang der Sehnsucht:
»Du bist Orplid, mein Land,
Das ferne leuchtet!«
Bald treten wir aus dem Walde auf kahle Höhe mit weitem Fernblick,
und dann fliegt das Rad hinab in das Dorf Colmnitz, dessen Höfe sich
rechts und links von Bach und Straße, unter Eschen und Birken, oft
in malerischer Lage und Gruppe siedeln. Doch wir sind noch wie im
Traume. Wir achten nicht viel, nicht so wie sonst, auf jedes Haus und
jede Gruppe von Bäumen und Bauten, auf jede Eigenheit der Bauart oder
neckischer Laune. Wir sind im Leben draußen, aber unsere Seele weilt
noch dort drüben im stillen Tale, wo die Welt schweigt, sie wandert
noch auf dem silbernen Steg in den Elfenwiesen, an deren Rand die
dunklen Fichten Märchen träumen und wo um die Felsen geheimnisvoll die
Sage raunt.
Colmnitz liegt hinter uns. Von der Höhe schauen wir noch einmal lange
über den weiten Acker, über das Dorf hinweg, das sich mit seinen
Häusern fast versteckt und tief in das Tal duckt. Dort drüben liegt
der Wald im blauen Dufte, dort drüben, das Tal, dort drüben -- dort
drüben --
* * * * *
»Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus!«
[Illustration: Abb. 5 =Blick über Colmnitz nach dem Walde mit dem
Tännichttal=]
Gauernitz
Von _A. Klengel_, Meißen
Ein herrliches Stück Heimat zeigt sich dem Wanderer, der die neue
Hochuferstraße von Niederwartha abwärts zieht oder an sonnigem
Sommertage mit dem Elbdampfer an Gauernitz und Scharfenberg
vorüberfährt. Zwei starke Gegensätze bieten sich hier seinem Auge.
Hoch oben auf schroffem Berge liegen die Mauern der altersgrauen
Feste Scharfenberg. Unten im Tale dagegen lugen die feingegliederten
Renaissancegiebel des Schlosses Gauernitz zwischen den Baumriesen des
Parkes hervor. Jedes kriegerischen Schutzes bar liegt das anmutige
Schloß frei inmitten grüner Matten, dicht am Ufer des Elbstromes als
ein Bild des Friedens. Es zeigt in seiner architektonischen Schönheit
gar deutlich, daß es in einer späteren Zeit entstanden ist, die nichts
mehr von den kriegerischen Drangsalen alter Tage wußte, die einst den
trutzigen Nachbar auf steiler Bergeshöhe umbrausten.
Auf uraltem Kulturland stehen Schloß und Dorf Gauernitz. In der
Umgebung aufgefundene vorgeschichtliche Überreste, so von einem in
Sachsen äußerst seltenen sorbischen Skelettgrab neben der Gauernitzer
Ziegelei, deuten darauf hin, daß die Landschaft spätestens in der
Sorbenzeit besiedelt wurde. Auch der Name der Siedlung selbst läßt
auf sorbische Gründung schließen. Er geht auf die Wurzel ~jawor~,
Ahorn, zurück und bezeichnet einen mit Ahornbäumen bestandenen Ort.
Die Gestalt des Namens ist im Laufe der Jahrhunderte manchem Wechsel
unterworfen gewesen. In Urkunden aus den Jahren 1312, 1348 und 1397
lautet er in seinen ältesten Formen Jauernycze und Jauernyk, 1402
Jauwirnicz, 1468 Yawirnicz, später Jevernitz und dann Gavertitz,
Gäwernitz oder Gävernitz; die letzte Form blieb bis in die Mitte des
vorigen Jahrhunderts erhalten und ist heute noch auf manchen Karten
neben dem jetzigen Namen verzeichnet.
Alte Berichte nehmen an, daß das Schloß Gauernitz an der Stelle einer
alten Sorbenburg stehe. Diese Vermutung ist jedoch urkundlich nicht zu
belegen. Möglich ist es aber immerhin, daß nach der Rückeroberung des
Landes die Germanen an dieser Stelle einen festen Waffenplatz, einen
Vorläufer des heutigen Schlosses, angelegt haben. Diese Vermutung
gewinnt dadurch noch an Wahrscheinlichkeit, daß Gauernitz an der Grenze
der alten Gaue Nisani und Daleminza liegt, deren Grenze sich im Tale
der Wilden Sau entlang zog, eines Baches, der bei Gauernitz in die
Elbe mündet. Die älteste urkundliche Nachricht über Gauernitz stammt
aus dem Jahre 1312. 1360 war es Meißner Burggrafenlehn; als damalige
Lehensträger werden die Brüder Nikolaus Wyrand und Michael Ziegler
genannt. Bis zum Jahre 1595 blieb Gauernitz, wenn auch mit kurzen
Unterbrechungen, im Eigentum dieser Familie.
Die Ziegler stammten aus dem Goslarer Gau im Harz. Die Kunde vom
Aufblühen des sächsischen Silberbergbaues hatte sie, gleich vielen
andern Harzer Bergleuten, in unsere Heimat gelockt. Durch glückliche
Funde im nahen Scharfenberger und im Freiberger Bergrevier zu Reichtum
gekommen, waren sie bald im Besitze ansehnlicher Güter. Hochangesehene
und fromme Männer sind aus diesem alten Geschlechte, das heute noch in
der sächsischen Lausitz blüht, hervorgegangen. Den Herren von Ziegler
verdankt die Herrschaft Gauernitz ihre Entwickelung und Größe. Sie
erwarben im 14. Jahrhundert u. a. Dorf und Vorwerk Constappel, welche
früher zum Teil in das bischöfliche Gericht Briesnitz und zum Teil in
das Dresdener Amt gehörten. Durch weitere Zukäufe vergrößerte sich
der Besitz, so daß schließlich zu dem altschriftsässigen Rittergute
erbgerichtlich die Dörfer Constappel, Pinkowitz und Kleinschönberg,
sowie Teile von Pretzsch, Leuben und Weitzschen gehörten. Wygand, ein
Sohn Wyrands von Ziegler, war zugleich Besitzer von Pillnitz.
[Illustration: Abb. 1 =Schloß Gauernitz=
(Aufnahme von _Otto Ehrhardt_, Coswig)]
Im Jahre 1397 wurde zu Aller Seelen Ruhe eine Frühmesse in der dem
heiligen Nikolaus geweihten Wallfahrtskirche zu Constappel gestiftet
und von den »frumben Herren gesessen zu Gävernitz« konfirmiert. Wygand
starb 1459 zu Gauernitz, wo sein Bruder bereits 1436 verstorben war.
Beide ruhen in Constappel, wohin sie zu Ehren der Himmelskönigin viele
Stiftungen gemacht hatten. Die Pfarrgründe wurden erweitert, »da sie
gar viel auf die Pfaffen hielten«, wie der Chronist berichtet. An der
Kirche zu Constappel sind noch die Grabplatten von Gliedern des alten
Geschlechtes erhalten. Im Jahre 1517 verstarb Christoph von Ziegler,
der ein besonderer Freund Georgs des Bärtigen und dessen Amtmann zu
Meißen war. Ein Epitaphium aus Messing im Dom zu Meißen erinnert noch
an diesen Mann. Er war der letzte katholische Besitzer von Gauernitz;
seine Söhne schlossen sich der lutherischen Lehre an. Fast will es
scheinen, als ob damit das Glück aus der Familie gewichen wäre;
Christophs Enkel schon konnte das stark verschuldete Erbe nicht mehr
halten und war gezwungen, es 1595 an Kaspar von Pflugk aus dem Hause
Zabeltitz zu veräußern.
[Illustration: Abb. 2 =Blick auf die Gauernitzer Insel=
(Aufnahme von _Gustav Zieschang_, Kaufbach bei Wilsdruff)]
Bis 1648 gehörte Gauernitz den neuen Besitzern; in diesem Jahre brachte
es Sophie von Zabeltitz dem Heinrich Gerhardt von Miltitz in die
Ehe. Bei der Vermählung der Enkelin Johanna Magdalene war es wieder
Heiratsgut und kam dadurch in die Familie der Grafen von Zinzendorf;
der erste Besitzer war der sächsische Generalfeldzeugmeister Otto
Christian Graf und Herr zu Zinzendorf auf Pottendorf, der 1718 starb.
Die Zinzendorfe haben außerordentlich viel für die Verschönerung und
Verbesserung ihres prächtigen Herrensitzes Gauernitz getan. Noch ist
die Schloßkapelle vorhanden, welche ihre Gründung einer Frühmesse
derer von Ziegler zu danken hat. Sie war ursprünglich dem heiligen
Andreas geweiht, wurde mehrmals ein Raub der Flammen und enthielt zur
Zeit der Zinzendorfe einen Betsaal der Herrnhuter; wie bekannt, war
ein Glied des jetzt erloschenen Stammes der Gründer der Herrnhuter
Brüdergemeinde. Bedauerlich ist freilich, daß die Schloßkapelle heute
sehr weltlichen Zwecken dient; ihr unterer Teil enthält den Marstall,
das Obergeschoß beherbergt Speicher- und Vorratsräume.
Der Bergbau, der den früheren Besitzern zu Reichtum verholfen
hatte, wurde auch von den Zinzendorfen eifrig gefördert, liegt doch
ein Teil der Scharfenberger Erzgänge auf Gauernitzer Land. In der
Nähe der Gauernitzer Ziegelei wurde der »Jung Zinzendorfer Stolln«
befahren. Auch der östlich davon nach der Elbe zu gelegene »Grüne
Tannebaum-Stolln« scheint von den Zinzendorfen betrieben worden zu sein.
[Illustration: Abb. 3 =Auf der Gauernitzer Insel=
(Aufnahme von _Gustav Zieschang_, Kaufbach bei Wilsdruff)]
Der heute noch vorhandene sehenswerte und wohlgepflegte Schloßpark
ist um diese Zeit gegründet worden. Zu einer Berühmtheit brachten
es aber zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Zinzendorfschen
Obstkulturen, die Orangerie und die Lust- und Blumengärten, welche das
Schloß umgaben. Die zeitgenössischen Berichte sind des Lobes voll über
die Wunder, die es damals in Gauernitz zu sehen gab. Im Jahre 1717
wurden 260 verschiedene Obstsorten angebaut, und 1724 gab es in dem
reichen Blumenflor allein 204 Nelkenarten. Wasserkünste, Gewächshäuser
und Wintergärten im Geschmacke damaliger Zeit schlossen den Kreis der
Gauernitzer Sehenswürdigkeiten.
Die Zinzendorfe pflegten aber nicht nur den Schloßpark, sondern
ließen auch der idyllischen _Gauernitzer Insel_ ihre besondere Obhut
angedeihen. Sie hatte einst eine Länge von 1245 und eine Breite von 231
Ellen; ihre heutige Fläche beträgt 6,5 Hektar. In der Nähe flußabwärts
befanden sich früher zwei heute nicht mehr vorhandene Heger von 995
und 430 Ellen Länge. Die Insel wurde parkartig mit Laubholz bepflanzt
und mit Gartenanlagen versehen, die leider oftmals das Hochwasser
zerstörte, wie alte Nachrichten überliefern. Von der Inselmitte aus
führten strahlenförmig sieben mit Linden bepflanzte Wege nach dem
Gestade, und zwar so, daß man durch sie von der Mitte der Insel aus
einen freien Durchblick auf sechs Kirchtürme und Schlösser in der
Umgebung hatte (Schloß Gauernitz, Schloß Scharfenberg, Kirchturm von
Brockwitz, Kirchturm von Weinböhla, Turm der alten Coswiger Kirche,
Wackerbarths Ruhe). Heute sind einige Durchblicke durch Häuser verbaut,
die Lindenalleen aber zum Teil noch erhalten. In der Mitte der Insel
steht eine steinerne, mit zierlicher Bildhauerarbeit (Schlange und
Blumengewinde) geschmückte Säule, die folgende Inschrift trägt:
»Friedrich August Graf von Zinzendorf und Pottendorf seiner Gemahlin
Luise Sophie Johanne, des Grafen Otto Rubmann Friedrich von Bylanck
Tochter, geb. d. 9. Oktober 1754«. Die Säule war früher von steinernen
Bänken umgeben, die im letzten Jahre -- ein trauriges Zeichen unseres
sittlichen Tiefstandes! -- von Rohlingen zerstört und vernichtet worden
sind.
[Illustration: Abb. 4 =Auf der Gauernitzer Insel (Säule und
Lindenallee)=
(Aufnahme von _Gustav Zieschang_, Kaufbach bei Wilsdruff)]
Auf der Insel wurden einst Fasanen gehegt, auch viele wilde Kaninchen
wurden angetroffen, weshalb man das »Elbeiland« um die Mitte
des vorigen Jahrhunderts auch die »Kaninchen-Insel« nannte. Die
Überflutungsgefahr scheint also doch nicht so groß gewesen zu sein,
wie die Überlieferung behauptet, da sich die Tiere sonst nicht hätten
halten können.
[Illustration: Abb. 5 =Auf der Gauernitzer Insel (Gestade am linken
Elbarm)=
(Aufnahme von _Gustav Zieschang_, Kaufbach bei Wilsdruff)]
Die Glanzzeit der Insel ging in den achtziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts zu Ende. Von einer Insel kann heute eigentlich nur noch
bei höherem Wasserstande gesprochen werden. Dadurch, daß der rechte
Elbarm durch einen bei Niedrigwasser begehbaren Steindamm verbaut ist,
wird die Insel die größte Zeit im Jahre zur Halbinsel. Der rechte
Elbarm ist eine tote Wasseransammlung geworden, die der zunehmenden
Versandung und Verlandung preisgegeben ist. Die entstandenen
Wasserlachen sind heute leider berüchtigte Mückenbrutherde. Durch
das Zusammendrängen der Wasserfluten in den linken Elbarm ist die
Überschwemmungsgefahr für die Insel außerordentlich groß geworden.
Durch diese Stromberichtigungen hat also die Insel sehr gelitten, sie
ist nicht mehr das reizende Idyll von ehedem, wo eine Landung und
ein Aufenthalt auf ihr einer kleinen Robinsonade gleichkam. Leicht
zugängig, ist sie heute gar oft ein Tummelplatz von Rohlingen und
Holzdieben.
[Illustration: Abb. 6 =Verlandeter rechter Elbarm, von der Insel aus
gesehen=
(Aufnahme von _Adolf Heckmann_, Coswig)]
Trotz der teilweisen Zerstörung ihrer ursprünglichen landschaftlichen
Eigenart ist die Gauernitzer Elbinsel heute noch eine Perle unter
den Naturschönheiten unserer Heimat, deren dauernde Erhaltung vom
Standpunkte des Natur- und Heimatschutzes aus dringend erwünscht ist.
Wem wäre noch nicht das Herz aufgegangen vor Freude über die Schönheit
der Heimat, wenn er von einer Bergeshöhe in der Umgebung das malerische
Schattenbild der baumbestandenen Insel im Abendsonnengold oder im
Vollmondschein vom blinkenden Elbstrom sich abheben sah?!
Auch in wissenschaftlicher Hinsicht ist die Insel heute noch wertvoll.
»Der Botaniker und Pflanzengeograph findet in ihrem Baum- und
Strauchbestand sowie in der damit verbundenen Bodenflora Reste des
ehemaligen Auenwaldes, der in der Vorzeit das ganze Elbtal bedeckte,
heute aber nur noch an ganz wenigen Stellen vorhanden ist. Ein solcher
Ort ist die Gauernitzer Insel; sie zeigt trotz aller menschlichen
Eingriffe den alten Elbauenwald in großer Ursprünglichkeit und wird
dadurch zu einem botanischen Naturdenkmal ersten Ranges.« (Prof. ~Dr.~
Schorler.)
Die Insel ist weiter der Wohnplatz einer reichen Vogelwelt, die in den
Frühlingstagen ihre Jubelstimmen von den hohen Baumriesen erschallen
läßt und in den alten hohlen Bäumen noch ungestört ihre Brut hegen
kann. Noch haben die Vögel eine Freistatt auf dem von Möwen umgaukelten
Elbeiland.
Der Freund unserer schönen Heimat wird es deshalb dankbar begrüßen,
daß durch die Bemühungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
und durch das Entgegenkommen der Vertretung des jetzigen Besitzers
der Herrschaft Gauernitz eine Vereinbarung zustande gekommen ist,
nach der die ursprüngliche Eigenart der Insel, vor allem auch ihr
landschaftliches Bild erhalten bleiben soll, trotzdem sich eine
forstliche Nutzung des Inselwaldes erforderlich macht. Es ist ein
hoher idealer Wert, der hier geschützt und geschont wird. Mögen auch
materielle Opfer damit verbunden sein, der Besitzer ehrt sich selbst
durch die Erhaltung dieses eigenartigen Naturdenkmals. Künftige
Geschlechter werden ihm dankbar dafür sein, daß er die Ideale noch
hochgehalten hat in unserer schweren Zeit, die uns so vieles raubte.
Weit vorgegriffen haben wir der Zeit in unserem Bericht über die
Herrschaft Gauernitz. Bis 1804 blieb sie in den Händen der Zinzendorfe:
in diesem Jahre ging sie mit allem Zubehör an den Oberforstmeister
von Hopfgarten über. Nach seinem Tode geriet die Besitzung mit einer
Schätzung auf 193458 Taler 4⁵/₆ Groschen in Konkurs und wurde im
Jahre 1819 vom Fürsten Otto Viktor von Schönburg-Waldenburg für
110000 Taler erworben. Damit ging ein neuer Glücksstern auf für unser
Gauernitz. Fast dreißig Jahre lang blieb freilich das Schloß noch
unbewohnt. Erst als die Revolutionäre im Jahre 1848 das Residenzschloß
in Waldenburg eingeäschert hatten, erwählte der Fürst Gauernitz zu
seinem Sommeraufenthalte. Nach dem Tode des Fürsten Otto Viktor im
Jahre 1859 kam das Besitztum als Quadrogenitur des Fürstlichen Hauses
Schönburg-Waldenburg an dessen jüngsten Sohn den Prinzen Karl Ernst,
der seinen dauernden Wohnsitz in Gauernitz nahm und das Schloß in
kunstsinniger Weise umgestaltete. Prinz Karl Ernst starb im Jahre
1915; der Besitznachfolger wurde der Enkel des Verstorbenen Prinz Karl
Leopold.
Halten wir noch einen Umblick im Schlosse selbst und in seiner nächsten
Umgebung. Das umfangreiche Schloß gliedert sich in einen Mittelbau, der
mit zwei Flügelbauten, dem Hohen Bau und dem Regentenhaus, den an den
Park anschließenden Ehrenhof auf drei Seiten umgibt. Der Regentenflügel
trägt einen Turm, der hohe Bau zeigt einen feingegliederten
Renaissancegiebel. Der geräumige Wirtschaftshof wird durch das
Schloßgebäude, durch Torbauten mit überbauter Einfahrt und durch die
Wirtschaftsgebäude begrenzt. Unter den letzteren ist besonders die
bereits erwähnte ehemalige Schloßkapelle bemerkenswert. Der Hohe
Bau wird nach dem Park zu durch eine Säulenhalle abgeschlossen. Im
Untergeschoß dieses Schloßteils sind noch Reste der ursprünglichen
Bauanlage erhalten: zwei gotische Torbogen, die einst ins Freie
führten, heute aber in die Innenräume einbezogen sind.
[Illustration: Abb. 7 =Neudeckmühle im Tale der Wilden Sau hinter
Gauernitz=
(Aufnahme von _Adolf Heckmann_, Coswig)]
Der ursprüngliche Schloßbau wurde von den Herren von Ziegler und den
Grafen von Zinzendorf angelegt. In den Jahren 1862 bis 1866 unternahm
Prinz Karl Ernst von Schönburg eine umfassende Erweiterung und
Verschönerung des Schlosses; namentlich stammt die äußere Ausgestaltung
in deutscher Renaissance aus dieser Zeit. In der Anlage und Ausstattung
der Innenräume zeigt sich der vornehme Geschmack des prinzlichen
Erbauers, der selbst ein feinsinniger Künstler war. Die prächtigen
Festsäle, die in wundervollem Einklang abgestimmten Bibliotheksräume
usw. entzücken das Auge des Besuchers. Erwähnenswert sind auch die
Ahnengalerie der Zinzendorfe, die vom Prinzen Ernst in pietätvoller
Weise angelegt wurde, sowie die Gemälde, die auf die Familie der
jetzigen Besitzer Bezug haben.
Was aber den Schloßräumen besondere Schönheit und einen
unvergleichlichen Reiz verleiht, das sind die Ausblicke auf den
herrlichen Park, der das Schloß umgibt: ein Park deutscher Eigenart
in meisterhafter Anlage. Baumriesen der verschiedensten einheimischen
und fremden Arten, herrliche Durchblicke, trauliche Plätzchen, die
einen bezaubernden Rundblick bieten hinaus in das Land, wechseln ab
mit grünen Matten, blühenden Hecken und einem mit Reben überkleideten
Laubengang, der im heißen Sommer eine köstliche Wandelbahn bietet.
Frühlingsboten
Von ~Dr.~ _H. Beil_, Pirna
[Illustration: Abb. 1 =Märzenbecher= (~Leucojum vernum~) (Phot. _J.
Ostermaier_, Blasewitz)]
Der Frühling naht! Die wärmenden Strahlen der Februarsonne sind
zunächst das Einzige, was uns sein Kommen verkündet. Noch steht
Baum und Strauch im kahlen Winterkleide. In den Dorfgärten an der
Sonnenseite der kleinen Häuschen müssen wir seine ersten Boten,
die Schneeglöckchen, suchen, die Weiden rüsten sich und legen ihren
goldenen Frühlingsschmuck an. Aber gerade die ersten Boten des
Frühlings, die wir Menschen alle Jahre wieder mit Ungeduld erwarten,
haben wir so lange recht unfreundlich empfangen. Körbeweise wurden
sie abgerissen, um, schon halb verwelkt, auf den Markt gebracht zu
werden. Weit von der Großstadt muß man heute schon wandern, wenn man
sich an wildwachsenden Frühlingsblumen erfreuen will, so weit, daß die
echten Großstadtmenschen sich wundern, wenn man ihnen erzählt, daß
diese Blumen, die sie nur als Gartenblumen kennen, auch auf freier
Wiese wachsen, in entlegenen Gegenden, von deren Schönheit die meisten
keine Ahnung haben, und es ist recht gut so, die Schönheit wäre sonst
bald vernichtet. Mit ein paar solchen Pflanzen, die fast ausgestorben
sind, sollen sich diese Zeilen befassen. Auf Wanderungen mit meiner
geliebten Kamera habe ich sie aufgesucht und im Bild festgehalten. Das
Schneeglöckchen (~Galanthus nivalis~) ist mir in Sachsen wild wachsend
nie begegnet. Dagegen kommt der Märzbecher (~Leucojum vernum~)[4] noch
in einigen Gegenden vor, trotz der Ausrottung durch unverständige
Menschen. Da es ein Zwiebelgewächs ist, so ist das Ausgraben mit
der Wurzel doppelt schädlich. Die Aufnahme stammt aus einem kleinen
Seitental des oberen Polenztales. Während noch vor etwa 15--20 Jahren
die Wiesen übersät gewesen sind mit Märzbechern, muß man jetzt schon
suchen, um kleine Bestände zu finden. Welch prächtiges Bild die Wiesen
früher geboten haben müssen, kann man sich vorstellen, wenn man die vom
Besitzer einer Mühle eingezäunte Wiese sieht, auf welcher das Pflücken
untersagt ist, und die ein Naturschutzgebiet im Kleinen darstellt.
[4] Siehe Aufsatz: »Vom Märzenbecher«, Band IV, 1915, Seite 367.
[Illustration: Abb. 2 =Leberblümchen= (~Hepatica triloba~)
(Phot. _H. Beil_)]
Wenig später als der Märzbecher blüht das blaue Leberblümchen. Vor
50 Jahren hat es zu den Pflanzen der Dresdner Umgebung gehört, die
überall verbreitet waren, im Saubachtal, Schonergrund soll es in Massen
gestanden haben. Heute wird man es dort vergeblich suchen. Wirklich
häufig findet es sich auf dem Rotstein bei Sohland am Rotstein, wo
es in dankenswerter Weise von der Rittergutsverwaltung geschützt
wird. In günstigen Jahren ist der Waldboden blau von der Menge der
Leberblümchen. Kleinere Bestände sind über die ganze Lausitz verstreut.
[Illustration: Abb. 3 =Seidelbast= (~Daphne Mezereum~)
(Phot. _H. Beil_)]
Zu Märzbecher und Leberblümchen gehört als dritter im Bunde der
ersten Frühlingsboten der Seidelbast, dessen stark duftende, violette
Blüten stengellos aus dem dürren Holz herauswachsen. Auch ihn findet
man vereinzelt in der Lausitz, meist in dichtem Gestrüpp, in schönen
Beständen auch auf dem Rotstein. Auch im Vorland des Erzgebirges ist er
mir schon begegnet. --
Wenn ich mir vorstelle, welch herrliches Frühlingsbild es geben
müßte, die Wiese übersät mit Märzbechern, am Rande des Gehölzes die
Leberblümchen und der Seidelbast, so wird mir weh ums Herz. Könnte
es nicht auch heute noch so sein? Pflanzen, die niemandem ein Leid
getan haben, die nur wachsen, um uns zu erfreuen, vernichtet bis auf
spärliche Reste, deren Standort der Naturfreund sorgfältig geheim
hält. Wenn alle Menschen zusammenhalten, wenn alle die Heimat, die sie
zu lieben so oft versichern, auch tätig schützen, dann muß es wieder
besser werden, dann muß der Verödung unseres Sachsenlandes Einhalt zu
tun sein.
Über das Vorkommen der Biber in Sachsen
Von ~Dr.~ _Koepert_, Dresden