in dem hier geschilderten Straßenbereich an höhlenbrütenden Vögeln
bisher der _Gartenrotschwanz_, die _Kohl-_ und die _Blaumeise_,
einzeln auch die _Tannen-_ und die _Sumpfmeise_, der _Kleiber_ und
der _Baumläufer_, der _Feldsperling_, der _Star_, der _große_ und
der _kleine Buntspecht_ sowie der _Grünspecht_ festgestellt werden,
zu denen als dreizehnte Art noch die _weiße Bachstelze_ kommt, die
vereinzelt in (Halb-)Höhlen der Bäume, regelmäßiger aber in den
Straßenunterführungen ihre Nester errichtet, während ich den sonst
zwar angetroffenen und an einer Straße in der Nachbarschaft auch
brütend beobachteten _Wendehals_ für unser Straßengebiet als Brutvogel
einwandfrei noch nicht bestätigen konnte. -- Der große Vogelreichtum
dieses Straßenbereichs, der mit den hier aufgezählten Arten aber
natürlich noch nicht erschöpft ist, sondern sich noch um die Freibrüter
erhöht, ist nicht immer ein derartig hoher gewesen. Die Zahl der
Höhlenbrüter war früher, als die Straßenbäume noch jünger waren und
noch nicht diese Fülle natürlicher Höhlen aufwiesen, die sie heute
besitzen, eine weit geringere; sie erhöhte sich erst, als der frühere,
alt gewordene Straßenwärter einem jüngeren Manne weichen mußte, der,
vogelfreundlich gesinnt, aus eigenem Antriebe auf den Straßenbäumen
eine größere Anzahl zum Teil selbstgefertigter Nisthöhlen aufhing und
damit sofort, in erster Linie wohl aus dem nahen Walde, zahlreiche
Höhlenbrüter nach der Straße zog. Von den ehedem aufgehängten
Nistkästen sind in den letzten Jahren allerdings viele ein Opfer ihres
Alters geworden, andere von der Straßenjugend, die in ihnen willkommene
Ziele für allerlei Wurfübungen erblickte, herabgeworfen worden. An ihre
Stelle aber sind mit dem zugenommenen Alter der Straßenbäume eine große
Anzahl natürlicher Höhlen getreten, die meistens unauffälliger sind und
schon dadurch den in ihnen nistenden Vögeln in der Regel eine meistens
weit größere Sicherheit gewähren. Der Gassenjugend wenigstens entgehen
sie viel mehr, als wie die aufgehängten künstlichen Höhlen, an denen
ich früher einige Male Buben beim Zerstören von Gelegen oder Bruten
überrascht habe.
[Illustration: Abb. 1 =Star vor der Nisthöhle=]
[Illustration: Abb. 2 =Kohlmeise vor der Nisthöhle= (der gleichen, wie
in Abb. 1)]
Eine Anzahl der hier beobachteten natürlichen Höhlen erfüllt ihren
Zweck schon seit Jahren. So war die eine derselben (Abb. 1 und 2),
die etwas ungewöhnlicher Natur und recht wenig wettergeschützt war,
weil die Eingangsöffnung direkt von oben hineinführte, 1913--1915 von
Kohlmeisen und während der Kriegsjahre 1916--1918, in denen ich die
Beobachtungen allerdings nicht persönlich machen konnte, ebenfalls
wieder von Kohlmeisen und einmal auch von Gartenrotschwänzchen bewohnt
gewesen, bis dann 1919 und 1920 Stare sie sich als Niststätte erkoren
hatten. Eine andere, vom Buntspecht angelegte und mehrere Jahre von
diesen bewohnt gewesene Höhle hatte sich 1914 ein Kleiberpaar als
Wohnung eingerichtet, eine Art, die auch 1919 und 1920 wieder in ihr
brütend festgestellt werden konnte. In einer dritten, in der 1913 ein
Feldsperlingspaar genistet hatte, dessen Besitzrechte im folgenden
Jahre auf ein Blaumeisenpärchen überging, wurden 1919 und 1920 wiederum
Blaumeisen beobachtet. Auch eine etwas eigenartige Nisthöhle unter
einem Wegweiser, die durch die Überwallung des letzteren durch den
stärker gewordenen Stamm, an dem er befestigt, entstanden ist, hat
Jahre hindurch Nistzwecken gedient. Im Jahre 1914 stellte ich in ihr
zum ersten Male Blaumeisen fest und fand die gleiche Art -- nachdem
ich während des Krieges ja nur selten und dann immer auch nur flüchtig
während des rasch vorübergehenden Urlaubes beobachten konnte --
dann 1919 von neuem als Bewohner der Höhle. Ebenso sollen, wie mir
nachträglich ein für unsere Vogelwelt interessierter Herr mitgeteilt
hat, auch während des Krieges Blaumeisen in ihr genistet haben, so
daß im Hinblick auf die ungewöhnliche Art der Nisthöhle vielleicht
der Schluß auf das gleiche oder Vögel des gleichen Paares nicht ganz
unwahrscheinlich erscheint.
[Illustration: Abb. 3 =Weiblicher Gartenrotschwanz vor der Nisthöhle=]
[Illustration: Abb. 4 =Männlicher Gartenrotschwanz in der Nisthöhle=]
Eine auffallende, namentlich 1913 und 1914 sich ganz besonders
stark aufdrängende Erscheinung war die Bevorzugung der weniger
wettergeschützten Höhlen gegenüber den für Brutzwecke scheinbar
geeigneteren natürlichen oder künstlichen Höhlen. Ich habe darüber
früher schon an anderer Stelle berichtet[1] und auch neuerdings die
Frage im Zusammenhange mit meinen anderen hier gemachten Beobachtungen
nochmals angeschnitten[2]. Auf die eine dieser theoriewidrigen Höhlen
(»Der Vogel bezieht nur vor Wind und Wetter geschützte Höhlen«) habe
ich oben schon hingewiesen; es ist die in den Abbildungen 1 und 2
wiedergegebene, die von 1913 bis 1920 alljährlich Bewohner gehabt hat,
trotzdem die ziemlich weite Eingangsöffnung direkt von oben in das
Innere führte und daher dem Regen ungehindert den Zutritt gestattete.
Einige scheinbar viel günstigere, aber unbesetzt gebliebene Höhlen
befanden sich dabei auf Bäumen in der unmittelbarsten Nachbarschaft.
Eine zweite dieser Höhlen, gleichfalls wieder mit dem Eingang von
oben, von der ich bereits eine Aufnahme im VI. Bande, Seite 69, dieser
Mitteilungen veröffentlichen konnte, diente 1913 einer dreizehnköpfigen
Blaumeisenbrut als Kinderwiege, war dann 1914 von Kohlmeisen bewohnt
und soll 1915 ebenfalls wieder Kohlmeisen als Bewohner gehabt haben.
Auch hier befanden sich wettergeschütztere Höhlen in unmittelbarster
Nachbarschaft. Eine dritte endlich -- aus der Zahl der vorhandenen
Beispiele nur noch dieses eine angeführt --, die unsere Aufnahmen 4 und
5 wiedergeben, und deren ungewöhnlich weiter Eingang nach Nordwesten
gerichtet, also der Wetterseite zugekehrt war, war 1913 von einem
Rotschwanzpaar bewohnt und wurde als Bruthöhle auch 1920 wieder von
einem Pärchen der gleichen Art benutzt, nachdem durch ein weiteres
Ausfaulen des Baumes neben der damals schon weiten Eingangsöffnung
inzwischen noch eine zweite, gleichgroße entstanden war, wodurch
die Wettersicherheit der Höhle eine noch geringere geworden war.
Scheinbar günstigere Höhlen befanden sich auch in diesem Falle wieder
in unmittelbarster Nähe. -- Die Frage, warum die Vögel gerade diese
weniger geschützten Höhlen den nach unseren Begriffen geschützteren
vorzogen, fast, als ob sie uns damit auf das nachdrücklichste das
Unzulängliche und Gezwungene aller von Menschen aufgestellten Gesetze
vor Augen führen wollten, ist schwer zu entscheiden. Ob vielleicht,
wie ich das an anderer Stelle ausführe, die Vögel einer an sich
geräumigeren Höhle, selbst wenn diese weniger geschützt ist, den
Vorzug vor einer engeren, sonst aber wettergeschützten geben? Und ob
nicht vielleicht das Innere unserer künstlichen Meisenhöhlen für eine
größere Brut -- man denke nur an die oben erwähnte dreizehnköpfige
Blaumeisenschar! -- manchesmal etwas knapp sein mag? Ich lasse diese
Fragen hier unerörtert, möchte aber wenigstens durch ihre Erwähnung
Vogelfreunde zu weiteren Beobachtungen in dieser Richtung anregen. --
[1] Ornithologische Monatsschrift 1916, S. 356 fl.
[2] Ornithologische Monatsschrift 1921, S. 13 fl.
[Illustration: Abb. 5 =Kohlmeise vor der Nisthöhle=]
[Illustration: Abb. 6 =Blaumeise vor der Nisthöhle=]
Ist der hier geschilderte, ungewöhnlich groß erscheinende Vogelreichtum
nur dem der Beobachtung unterworfen gewesenen Straßengebiet
eigen, vielleicht, weil hier ganz besonders günstige Umstände ihn
beeinflussen, oder können wir ihn ähnlich reich auch anderwärts
beobachten? Ich glaube diese Frage bejahen zu können, sobald es sich
um obstbaumbestandene Straßen handelt, die alte, höhlenbergende
Bäume aufweisen. Bereits früher konnte ich in Westsachsen in der
Frohburg-Kohrener Gegend schon bei nur flüchtiger Begehung auf oft
recht kurzen Straßenlängen höhlenbrütende Kleinvögel: neben dem
Gartenrotschwanz vor allem Kohl- und Blaumeisen und etwas vereinzelter
den Baumläufer, in Mengen feststellen, die einen Schluß auf einen
ähnlichen Reichtum, wie ich ihn an der Rochlitzer Bergstraße
beobachten konnte, durchaus begründet erscheinen lassen. Und 1919
hatte ich dann wieder Gelegenheit, einmal in der Altenhainer Gegend
bei Wurzen, wo ich auch den schmucken Trauerfliegenfänger als einen
in Obstbäumen nistenden »Straßenvogel« feststellen konnte, und zum
anderen in der Oberlausitz zwischen Kamenz und Königswartha den
Rochlitzern ganz ähnliche Verhältnisse festzustellen. Der Reichtum
einer obstbaumbestandenen Straße an höhlenbrütenden Kleinvögeln ist
wohl überall noch ein ähnlich großer, wenn in älteren, höhlenreichen
Straßenbäumen oder in aufgehängten Nistkästen nur die Bedingungen
zur Entfaltung eines reicheren Vogellebens gegeben sind. Am ärmsten
an einem eigenen Vogelleben bleiben nach meinen Erfahrungen die
Kirschalleen, wahrscheinlich, weil diese weniger Kostgänger aus der
Insektenwelt besitzen, als wie dies mit Apfel- und anderen Obstalleen
der Fall ist. Der Einfluß eines angrenzenden oder nahegelegenen Waldes
äußert sich, soweit ich darüber Beobachtungen anstellen konnte, nur in
einer Erhöhung der Artenzahl, indem dann einzelne, sonst waldbewohnende
Höhlenbrüter den Alleen zuziehen, scheint dagegen aber auf die
Stückzahl, die auch in waldfernen Alleen eine große sein kann, sobald
in diesen die schon erwähnten Bedingungen im Vorhandensein reicher
Nistgelegenheiten gegeben sind, von nur untergeordneter Bedeutung zu
sein. --
Besonderen Wert legte ich bei meinen Beobachtungen auf die Feststellung
der Nahrungsquellen der in unseren Obstalleen nistenden Höhlenbrüter
und damit auch auf die Frage ihrer Bedeutung für diese letzteren
überhaupt. Ich konnte derartige Beobachtungen vor allem an der
Rochlitzer Bergstraße in weitgehendstem Maße machen, weil ich hier --
besonders in den Jahren 1913, 1914 und 1919 -- für photographische
Aufnahmen oft tagelang ansaß und dabei manches einzelne Brutpaar viele
Stunden hindurch, oft auch mit dazwischen liegenden mehrtägigen Pausen,
unter den Augen hatte. Ihren Nahrungsbedarf deckten die Vögel teils in
der Allee selbst, teils aber auch im näheren oder ferneren Walde, wobei
die verschiedensten Arten aber auch ein recht verschiedenes Verhalten
zeigten. In jenem Teile des Beobachtungsgebietes, in dem die Straße
von Kirschbäumen bestanden war und an dem beiderseits der Wald bis auf
Entfernungen von 50 Meter an die Straße herantrat, bevorzugten die
hier nistenden Arten als Nahrungsquelle allerdings fast ausschließlich
den Wald und nur ausnahmsweise einmal suchte ein 1919 hier genistetes
Blaumeisenpärchen einen der Alleebäume nach Insektenkost ab. Die
so große Nähe des Waldes und dessen zweifellos bedeutenderer
Nahrungsreichtum äußerten eben ihre Wirkungen, wozu dann auch noch das
schon erwähnte geringere Insektenleben auf Kirschbäumen kommen mochte.
In den übrigen Teilen des Beobachtungsgebietes waren es zunächst die
Meisen und unter diesen wieder ganz besonders die Blaumeisen, die ihren
Nahrungsbedarf in erster Linie in der Allee selbst deckten, und nur
dort, wo der Wald in größerer Nähe war oder gar an die Straße selbst
herantrat, häufiger und wohl selbst einmal auch in überwiegendem Maße
in diesem die Nahrung suchten. Dabei ließ sich wiederholt mit aller
Deutlichkeit feststellen, daß sie zu Beginn der Jungenpflege zunächst
die Straßenbäume bevorzugten und den Wald als Nahrungsquelle erst in
Anspruch nahmen, als mit dem fortgeschritteneren Wachstum der Jungen
auch deren Nahrungsbedarf ein größerer geworden war und die bisher
fleißig abgesuchten Straßenbäume anscheinend nicht mehr in der Lage
waren, ihn restlos zu decken. In den verschiedenen Jahren traten darin
auch mehr oder weniger deutliche Abweichungen ein, die wahrscheinlich
auf einen wechselnden Insektenreichtum der Straßenbäume zurückzuführen
sind. Nur im Walde, die wenigen Fälle, in denen er auch einmal auf
Alleebäumen zu Gaste ging, ändern an dem Bilde nichts, sammelte der
Kleiber die Nahrung, wobei er freie Feldflächen von 100--500 Meter
überflog. Im Gegensatz zu ihm schien dagegen wieder der Baumläufer
den Obstbäumen an der Straße den Vorzug zu geben; bei den allerdings
etwas spärlichen Beobachtungen 1919 an der Rochlitzer Bergstraße, die
aber durch ähnliche in Westsachsen und in der Oberlausitz ergänzt
werden, sah ich unsere Art nur Alleebäume absuchen, nie aber auch
einmal das freie Feld in der Richtung des Waldes überfliegen. Ebenso
entnahm auch der Gartenrotschwanz seinen Nahrungsbedarf in erster
Linie den Straßenbäumen und verlegte die Jagdgefilde erst dann in den
Wald, als ihm die Straßenbäume nicht mehr die nötigen Nahrungsmengen
zu liefern im Stande zu sein schienen. Darauf deutet ganz besonders
die 1913 gemachte Beobachtung eines Pärchens, das zunächst auf den
der Bruthöhle am nächsten gelegenen Bäumen die Nahrung sammelte,
dann sein Jagdgebiet immer mehr auch auf die entfernteren ausdehnte
und schließlich kurz vor dem Flüggewerden der Jungen fast nur noch
im Walde die Nahrung suchte. Eine überaus große insektenvertilgende
Tätigkeit entfaltete auch der sonst so lästige Feldsperling, dessen
zur Brutzeit hier erlangte Bedeutung in der Lage ist, einen Teil
seiner sonstigen Untugenden aufzuheben. Ich sah ihn ausschließlich die
Nahrung auf den Straßenbäumen einsammeln und ihn dabei eine Tätigkeit
entfalten, die kaum der emsiger Meisen nachstand. Mehr als die anderen
Vogelarten berücksichtigte er dabei die unmittelbarste Umgebung des
Nistortes und sammelte auf deren Bäumen die Nahrung für seine Brut.
Nie sah ich ihn das freie Feld nach dem Walde zu überfliegen, und
nie auch andere, als tierische Nahrung herbeibringen. Im Gegensatz
zu ihm deckte der Star seinen Nahrungsbedarf ausschließlich im Walde
-- das gelegentliche Zugastegehen auch auf einem Obstbaum ist kaum
der Erwähnung wert --, und überflog dabei das freie Feld auf meistens
recht weite Entfernungen. -- Zusammenfassend, möchte ich inbezug auf
die Insektenvertilgung in den Obstalleen durch deren höhlenbrütende
Gäste den Meisen, die ja auch die häufigsten und regelmäßigsten
Bewohner sind, die größte Bedeutung zusprechen und ihnen den meistens
ja gleichfalls häufigen Gartenrotschwanz an die Seite stellen. Auch
der Baumläufer wird überall dort, wo er sich als Brutvogel häufiger
einstellt, eine hinter den Meisen kaum zurückbleibende Tätigkeit zu
entfalten in der Lage sein. Des Feldsperlings Bedeutung endlich, die
ihm in der Zeit der Jungenpflege wenigstens ohne Zweifel zukommt,
vermag, wie schon gesagt, manche seiner sonstigen Untugenden
abzuschwächen, dürfte aber kaum genügen, alle seine vielen Schwächen
ganz auszugleichen.
[Illustration: Abb. 7 =Haubenmeise vor der Nisthöhle=]
Äußert sich die insektenvertilgende Tätigkeit der hier erwähnten
höhlenbrütenden Straßenvögel nun aber auch in einer praktisch ins
Gewicht fallenden Weise? Ich glaube diese Frage, die ich aber
nur ungern stelle, weil mir die Verknüpfung von Vogelschutz und
Nützlichkeitsstandpunkt im allgemeinen wenig sympathisch ist, ohne
die wir aber nicht auskommen können, wenn wir der großen Masse den
Vogelschutz begreiflich machen wollen, entschieden bejahen zu müssen.
In der von meinen Knabenjahren an bis in das späte Jünglingsalter
hinein fallenden Zeit, in der an der Rochlitzer Bergstraße die
Zahl der hier nistenden Höhlenbrüter eine nur kleine war, war
auch das Insektenleben der Bäume ein viel größeres. Wenn der
Straßenwärter die Allee mit der Baumschere durchgegangen war, lagen
die herausgeschnittenen Raupennester zu Tausenden am Boden. Dieser
Reichtum an Insekten -- es handelt sich dabei ja auch vorwiegend um
schädliche Arten, die ohne allen Zweifel den Obstertrag gemindert
hätten --, ließ aber sofort nach, als mit dem Aufhängen von Nistkästen
die Wirkungen dieser Maßregel in einer größeren Zahl der die Straße
bewohnenden Vögel sich äußerten, und die Menge der Raupennester, die
heute noch von dem Wärter der Straße entfernt werden muß, bildet nur
noch einen verschwindend kleinen Bruchteil der früher beseitigten. Es
ist das eine Erscheinung, die nicht etwa nur von mir beobachtet worden,
sondern auch anderen schon aufgefallen ist und die ganz besonders
der die Straße betreuende Wärter empfindet. Eins verdient dabei noch
Beachtung, nämlich der geringe Einfluß, den die Vogelwelt des an die
Straße angrenzenden oder doch in ihrer Nähe bleibenden Waldes auf das
Insektenleben der letzteren auszuüben scheint. Wäre er ein größerer,
so hätte er sich ja damals schon anders äußern müssen, als infolge
der geringeren Zahl der Straßenvögel der Insektenreichtum der Allee
ein noch größerer war. Es ergibt sich aus dieser Erscheinung daher
wohl auch die für den praktischen Vogelschutz recht beachtenswerte
Folgerung, daß zu einer wirksamen Bekämpfung der Schädlinge in
Obstalleen durch die Vogelwelt auch in vogelreichen Gegenden es
unbedingt der Heranziehung eines den Alleen selbst eigenen Vogellebens
bedarf. Möchten daher die Besitzer von Obstalleen -- als solche kommen
in erster Linie ja wohl der Staat und die verschiedenen Ortsgemeinden
in Frage -- diesem Umstande künftig auch Rechnung tragen und einmal
durch das Aufhängen von Nistkästen, zum anderen aber durch die Duldung
einzelner alter, höhlenreicher Bäume, die Vogelwelt dieser Alleen nach
Möglichkeit zu vermehren trachten. Die darauf verwandten Kosten werden
ja bald in einer Verminderung derjenigen für die Schädlingsbekämpfung
auf der einen, in einer Erhöhung des Obstertrages aber auf der anderen
Seite ihre Wirkungen zeigen. --
Meine Ausführungen beschließe ich mit einer Liste der von mir bisher
festgestellten höhlenbrütenden Alleevögel und füge dabei den einzelnen
Arten noch die Ergebnisse meiner bisherigen Feststellungen bei.
1. _Gartenrotschwanz._ -- Verbreiteter und neben der Kohl- und der
Blaumeise vielfach auch häufigster Alleevogel, der -- den eingehenderen
Rochlitzer Beobachtungen stehen noch solche aus Westsachsen und der
Lausitz zur Seite -- zur Zeit der Jungenpflege in den von ihm bewohnten
Alleen eine überaus nützliche Tätigkeit entfaltet und selbst beim
Vorhandensein reicherer Nahrungsquellen, wie sie ihm etwa ein naher
Wald darbietet, den Nahrungsbedarf in erster Linie den Straßenbäumen
selbst entnimmt. Wenn Hennicke (Handbuch des Vogelschutzes, S. 122)
unsere Art als wirtschaftlich bedeutungslos bezeichnet, so bedarf diese
Behauptung in Fällen, wie wir sie in unseren obigen Darlegungen kennen
gelernt haben, doch zweifellos einer entsprechenden Richtigstellung.
2. _Kohl-_ und 3. _Blaumeise_. -- Die beiden häufigsten und wohl
nirgends fehlenden Alleevögel überhaupt, die eine besonders nützliche
Tätigkeit entfalten und noch wesentlich an Bedeutung gewinnen, weil
sie in vielen, vielleicht gar in den meisten Fällen mit ihren
Bruten in dem Straßengebiet verbleiben, wenn andere hier genistete
Arten andere Tummelplätze aufgesucht haben. -- Es sei hier noch kurz
auf die Rörigschen Untersuchungen über den Nahrungsbedarf unserer
insektenfressenden Kleinvögel[3] verwiesen, nach denen beispielsweise
ein Kohlmeisenpaar mit seiner Nachkommenschaft eines Jahres jährlich
mindestens anderthalb Zentner Insekten als Nahrung verbraucht, um auch
weiteren Kreisen ganz besonders nachdrücklich den hohen Wert dieser
Vögel vor Augen zu führen.
[3] Arbeiten a. d. Biol. Anst. f. Land- u. Forstwirtschaft, Berlin.
IV. Bd., Heft 1.
[Illustration: Abb. 8 =Kleiber vor der Nisthöhle=]
4. _Tannen-_, 5. _Sumpf-_ und 6. _Haubenmeise_. -- Nur in der Nähe des
Waldes und auch dann in der Regel sich nur vereinzelt einstellende
Brutvögel, die zur Brutzeit in den von ihnen bewohnten Alleen eine
zwar nicht minder große insektenvertilgende Tätigkeit wie ihre beiden
vorgenannten Verwandten entfalten, aber nach Aufzucht ihrer Jungen
wieder den Wald aufsuchen und die Alleen dann erst wieder vorübergehend
zur Strichzeit besuchen.
7. _Kleiber._ -- Ebenfalls wohl nur in der Nähe von Wald in den
Obstalleen sich einstellender Brutvogel, der seinen Nahrungsbedarf aber
weniger in diesen selbst, sondern mehr im Walde decken dürfte, aber
eine größere Bedeutung für die Alleen im Herbst und Winter erlangt, wo
er sie öfters zum Zwecke der Nahrungssuche besucht.
8. _Baumläufer._ -- Ein zwar verbreiteter, an Zahl aber wohl immer
hinter Kohl- und Blaumeise zurückstehender Alleevogel, dessen Tätigkeit
der der Meisen aber kaum nachstehen dürfte und der wie diese auch nach
Beendigung des Brutgeschäfts noch in den Alleen angetroffen wird.
9. _Weiße Bachstelze._ -- Verbreiteter, hier und da in Halbhöhlen der
Bäume, häufiger aber unter Straßenunterführungen usw. nistender Vogel,
dessen Tätigkeit infolge der Art seiner Nahrungsaufnahme für die von
ihm bewohnten Straßen aber von keiner Bedeutung ist.
[Illustration: Abb. 9 =Wendehals vor der Nisthöhle=]
[Illustration: Abb. 10 =Großer Buntspecht vor der Nisthöhle=]
10. _Feldsperling._ -- Ein ebenfalls häufiger Alleevogel, dessen sonst
überwiegend schädliche Tätigkeit zur Brutzeit für die von ihm bewohnten
Alleen zu einer recht nützlichen werden kann.
11. _Star._ -- Ein zwar verbreiteter, nach meinen Erfahrungen aber
doch mehr örtlich als Alleebewohner auftretender Vogel, dessen
Bedeutung für die Alleen aber nur eine geringere sein dürfte, da er
seinen Nahrungsbedarf -- den oben wiedergegebenen Beobachtungen an der
Rochlitzer Bergstraße stehen Erfahrungen auch von anderen Orten zur
Seite -- nicht in den von ihn bewohnten Alleen, sondern an Stellen in
der Nachbarschaft deckt.
12. _Grauer Fliegenfänger._ -- Mehr gelegentlich sich einstellender,
Halbhöhlen beziehender Alleevogel.
13. _Trauerfliegenfänger._ -- Gleich dem vorigen wohl auch nur mehr
gelegentlicher in der Nähe von Laub- oder laubholzreichem Mischwald
sich einstellender Alleevogel.
14. _Großer Buntspecht._ -- In der Nähe von Wald einzeln sich
einstellender Alleevogel, der für die von ihm bewohnten Alleen aber
ohne größere wirtschaftliche Bedeutung ist, durch seine Höhlen aber
für die Kleinvögel Nistgelegenheiten schafft. Neben ihm mag sich hier
und da der von mir als Alleevogel allerdings noch nicht beobachtete
_Mittlere Buntspecht_ in dieser Eigenschaft einfinden.
15. _Kleiner Buntspecht._ -- Von größerer Bedeutung als seine beiden
eben genannten Vettern wird für die von ihm bewohnten Alleen der Kleine
Buntspecht, der meisenähnlich vor allem die Bäume in der Nachbarschaft
seiner Bruthöhle absucht und, sein Wesen auch nach der Brutzeit hier
noch treibend, besonders winters über die von Insekten angegangenen
Knospen ausklaubt.
16. _Grünspecht._ -- In der Nähe von Wald hin und wieder sich
einstellender Alleevogel ohne größere Bedeutung für sein Wohngebiet.
17. _Wendehals._ -- Ein zwar häufig in Obstalleen sich einstellender,
für diese aber, da er die Nahrung zu einem großen Teil am Boden
einsammelt -- bei einem Pärchen beobachtete ich ausschließlich diese
Art der Nahrungssuche -- wirtschaftlich nicht bedeutender Brutvogel. --
Nachdem in der vorstehenden Zusammenstellung vorwiegend die
wirtschaftliche Bedeutung unserer Alleevögel betont worden ist,
sei wenigstens am Schlusse kurz auch noch auf ihre ideellen, der
wirtschaftlichen Bedeutung durchaus nicht nachstehenden Werte
hingewiesen. Unsere Vogelwelt vor allem ist es ja, die in das mitunter
große Einerlei vieler unserer Straßen erst den belebenden Ton trägt,
und sie wird das in einer um so größeren Weise tun, je artenreicher und
mannigfaltiger sie sich hier entfalten kann. Darum wollen wir uns auch
über die Anwesenheit der Arten freuen, deren wirtschaftliche Bedeutung
hinter der der anderen zurückbleibt.
Das Tännichttal im Tharandter Wald
Von Stadtbaurat _Rieß_, Freiberg
Aufnahmen von _K. Reymann_, Freiberg
Lange hatte während des Krieges und im bösen Jahr darauf mein treues
Rad gerastet. Heute lacht so frisch der Sonnenstrahl des taufrischen
Sommermorgens und lockt hinaus, daß ich nicht widerstehen kann.
Hinaus aus den alten Mauern und drückender Enge, hineinfliegen auf
flüchtigem Rade in die blaue Sonnenwelt, als wäre ich ein Vogel mit
jungen Schwingen, der sein Lied jubelnd zur strahlenden Höhe trägt.
Die wuchtige Stadtmauer Alt-Freibergs mit ihren Türmen und der Graben
mit seinen grünen Bäumen, das alte, mächtige Bollwerk des Donatsturmes
gleiten an mir vorüber. Leb wohl, du alter, fester Kumpan mit deinem
spitzen Kegeldach, heute treibt’s in die Ferne mich mächtig hinaus.
Und ihr Dohlen dort oben, die ihr dort flattert und schwebt, und mit
hellem Rufe freudig im Schwarme in dem blauen Äther euch schwingt,
heute neide ich euch nicht, heute bin ich selbst ein freier, wilder
Vogel! Meine Seele ist ein Vogel, der über allen Tiefen schwebt und
tief das Glück eines freien Sonnentages spürt. -- Die Straße ins
Muldental hinab fliegt das Rad, daß ein Jauchzen aus der Brust wie
ein lachender, springender Brunnen emporsteigt. Halli und Hallo! Die
Sommerwelt ist mein, die rechts und links an mir vorüberstürmt, die
grünen Hänge, die saftigen Wiesen, und dort der rauschende Fluß im
tiefen Grunde, mit seinen weißen Schaumflocken auf dunklem, sprudelndem
Wasser, die Heimat ist mein, denn meine Seele ist ihr offen, sie ist
mein, denn sie gibt sich mir, weil ihrem Zauber sich meine Seele gibt.