Anmerkungen zur Transkription
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gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
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Buches.
Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen
Heft
1 bis 3
Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
Band X
_Inhalt_: Der Rochlitzer Berg -- Der Einfluß der
Gesteinsindustrie auf das Naturleben des Rochlitzer Berges
-- Die Vogelwelt unserer Obstalleen -- Das Tännichttal im
Tharandter Wald -- Gauernitz -- Frühlingsboten -- Über
das Vorkommen der Biber in Sachsen -- Frau Lina Hähnle
zum 70. Geburtstag -- Oberlehrer Bruno Lange, Strehla †
-- Gäste -- Heimatschutz, Heimatkunst, Heimatdichtung --
Bücherbesprechungen -- Verschiedenes
Einzelpreis dieses Heftes M. 5.--, Bezugspreis für einen
Band (aus 12 Nummern bestehend) M. 15.--, für Behörden und
Büchereien M. 10.--. Mitglieder erhalten die Mitteilungen
kostenlos, Mindestjahresbeitrag M. 10.--
Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
Dresden 1921
Heimatschutzvorträge mit Lichtbildern
_Dresdner Vorträge_
abends punkt ½8 Uhr im großen Gewerbehaussaale
_Vortragsfolge_:
_Mittwoch, den 20. April_: Oberstudienrat Professor ~Dr.~ _Martin
Braeß_: »=Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln=«
-- _Mittwoch, den 27. April_: Professor ~Dr.~ _Martin Große_: »=Die
Lommatzscher Pflege=« -- _Mittwoch, den 4. Mai_: Hofrat Professor _O.
Seyffert_: »=Modeschönheiten, Modetorheiten=« -- _Mittwoch, den 11.
Mai_: _Edgar Hahnewald_, Dresden: »=Wandern als Erlebnis. Bilder aus
Dresdens Umgebung=« -- _Mittwoch, den 18. Mai_: »=Volksliederabend=«:
Kammersänger ~Dr.~ _Waldemar Staegemann_ -- _Mittwoch, den 25. Mai_:
Professor _Franz Goerke_, Direktor der »Urania«, Berlin: »=Redende
Steine. Bilder aus deutscher Vergangenheit=« -- _Mittwoch, den 1.
Juni_: Hofrat Professor ~Dr.~ _Arno Naumann_, Dresden: »=Natur- und
Kulturdenkmäler im östlichen Erzgebirge=«
Karten, gültig für alle sieben Vorträge, für Mitglieder des
Landesvereins Sächs. Heimatschutz M. 7,--
Karten-Hauptverkaufsstelle: Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24
_Leipziger Vorträge_
abends punkt ½8 Uhr im großen Festsaale des Zentraltheaters
Vortragsfolge:
_Freitag, den 15. April_: Fabrikbesitzer _J. Ostermaier_, Dresden:
»=Auf Blumenpfaden durch die Alpen. Schutz den Alpenpflanzen=« --
_Freitag, den 22. April_: Schuldirektor ~Dr.~ _Zinck_, Leipzig: »=Im
Reiche des Rochlitzer Porphyr=« -- _Freitag, den 29. April_: Hofrat
Professor _O. Seyffert_, Dresden: »=Modeschönheiten, Modetorheiten=« --
_Freitag, den 6. Mai_: Oberstudienrat Professor ~Dr.~ _Kittel_, Borna:
»=Das Bornaer Land=« -- _Freitag, den 13. Mai_: Musikdirektor _Bernhard
Schneider_, Dresden, unter Mitwirkung von Fräulein _Ruth_ und _Hannah
Schneider_, sowie des Herrn _Albert Klug_, Dresden: »=Gassenhauer,
Bänkelsang und Volkslied=« -- _Freitag, den 20. Mai_: Oberstudienrat
Professor ~Dr.~ _Martin Braeß_, Dresden: »=Junges Volk, Bilder aus der
Kinderstube der Tiere=« -- _Freitag, den 27. Mai_: Professor _Franz
Goerke_, Direktor der »Urania«, Berlin: »=Redende Steine. Bilder aus
deutscher Vergangenheit=«
Karten, gültig für alle sieben Vorträge, für Mitglieder des
Landesvereins Sächs. Heimatschutz M. 7,--
Karten-Hauptverkaufsstelle Zementbau Rud. Wolle, Leipzig,
Gottschedstraße 17
Band X, Heft 1/3 1921
[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Dresden]
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern durch den
Vorstand herausgegeben
Abgeschlossen am 1. Februar 1921
Der Rochlitzer Berg
Von _W. C. Pfau_, Rochlitz
Mit Abbildungen nach Aufnahmen von _Rud. Zimmermann_
Im Rochlitzer Berg besitzt unser Sachsenland ein höchst bemerkenswertes
Naturdenkmal, dessen Schönheit Sommer und Winter Tausende von
schaulustigen Wandersleuten anlockt. Fruchtbare Felder und grünende
Wiesen überziehen zum großen Teil die leichtgeneigten Abhänge; die
waldgekrönte Kuppe hingegen ist durch mächtige Steinbrüche mit glatten,
senkrecht aufsteigenden, im Laufe von Jahrhunderten bis über dreißig
Meter aus dem Felsenboden mühsam herausgeschrotenen Wänden, in deren
Nähe sich gewaltige, oft unter Holzbestand oder unter Moos- und
Grasdecken verborgene Schutthalden auftürmen, zerrissen und zerklüftet.
Hier an diesen einsamen Arbeitsstätten gewinnt man seit undenklichen
Zeiten einen aus vulkanischer Asche entstandenen Porphyrtuff, dessen
rote, von zahllosen Adern durchzogene Grundfärbung mitunter in Gelb,
Violett, Bronzebraun ausklingt; es gewährt einen ungemein malerischen
Anblick, wenn grelle Sonnenstrahlen bei blauem Himmel jene mit frischem
Grün oder mit leuchtenden, weißen Schneeleisten belebten roten
Felsgebilde feurig erglühen lassen. In seinem Farbengepräge steht der
»Rochlitzer Sandstein« zum mindesten für ganz Mitteldeutschland einzig
da; als ebenso eigenartig erscheint die Geschichte des zugehörigen
Berges und seines Steinmetzentums.
Wann an dieser Stelle der erste Stein gesucht und verarbeitet
wurde, werden wir nie genau anzugeben vermögen; sicher geschah
es zu einer Zeit, als sich dort noch Meister Petz behäbig
herumtrollte, als das Röhren des grimmen Schelches, das Heulen
gieriger Wolfsrudel, das Gebrüll des ungeschlachten Urs schauerlich
durch den dichten Forst schallte, als der tückische Luchs in dem
knorrigen Geäst vielhundertjähriger Eichen nach Raub äugte und
der reckenhafte Ureinwohner mit Keule und Steinaxt den offenen
Kampf mit den angestammten Herren der Jagdgründe aufnahm oder aus
sicherem Hinterhalt auf das flüchtige Wild den todbringenden, mit
Feuersteinspitze bewehrten Pfeil abschnellte. Nach Ausweis neuerdings
gemachter einschlägiger Funde war der Rochlitzer Berg bereits in
urgeschichtlicher Zeit, lange bevor die Welt etwas vom Christentum
wußte, ein vielbesuchter Ort. Beile, Pfeilspitzen aus Stein,
geschlagene Steinspäne und dazugehörige Kernstücke, Urnenscherben u.
a. wurden wiederholt auf dem Berg, zumal auf den Feldern in der Nähe
der Waldessäume nachgewiesen. In der Bronzezeit, etwa ein Jahrtausend
vor des Erlösers Geburt, verarbeiteten unsere heidnischen Vorfahren den
dortigen »Porphyr« bereits zu schönen Getreidemahlsteinen, die in der
weiteren Umgebung Absatz fanden. Ein reger Verkehr wegen verschiedenen
gesuchten Steinmaterials muß sich schon damals in diesem Muldenstrich
entwickelt haben. Man holte auch Garbenschiefer, der ebenfalls am
Rochlitzer Berg vorkommt, zu Steinsetzungen zu entlegeneren Gräbern,
und der sogenannte Gnandsteiner Bandjaspis, welcher nur in der
Kohrener Gegend ansteht, läßt sich auf prähistorischen Fundstellen
über Rochlitz, Wechselburg hinaus bis in die Pflegen von Colditz,
Waldheim, Ringethal als Artefakt ziemlich oft feststellen. Auch die
Wenden trieben ihr Wesen auf dem Rochlitzer Berg; darauf deuten nicht
nur die eigenartigen, wellenverzierten Urnenscherben, die am Wald
gefunden werden, sondern auch überkommene, ihm anhaftende Flurnamen
wie Mo(ko)rellenbruch, Bile, Wälsche usw. Die am Wald gelegenen Dörfer
tragen sämtlich wendische Namen.
Bei dieser Sachlage ist es nicht zu verwundern, daß die Deutschen
seit der Kolonisation den roten Stein ständig und eifrig abbauten, in
ergiebigster Weise benutzten und schließlich immer weiter verhandelten.
Die Wenden kannten den Kalk noch nicht, waren deshalb unfähig, im
steineren Hochbau etwas Besonderes zu leisten. Den Rochlitzer Porphyr
gebrauchten sie wohl vorwiegend oder ausschließlich zu Mahlsteinen;
Beile, Hämmer und andere Gebrauchsgegenstände aus dem Material sind
bisher noch nicht nachgewiesen worden. Der Name des am Berg gelegenen
Dorfes Sörnzig wird von manchen Slawisten als »Ort der Steinhauer«
gedeutet. Im Anschluß an die vorgefundene Industrie stellten die
eingewanderten Steinmetzen nun vor allen Dingen Mühlsteine her, die
weit ins Land versandt wurden. Ein Rochlitzer Bruch heißt von altersher
»Mühlsteinbruch«. Zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts wurden sechs,
später zehn Brüche bewirtschaftet. Durch die Deutschen erlangte der
Steinbruchbetrieb auf dem Berg bald eine außerordentliche Bedeutung,
zumal für das Bauwesen. Von romanischer Zeit ab ist im Rochlitzer
Porphyr eine Unmenge von Hochbauten Mittelwestsachsens und anliegender
Gebiete entstanden, hat man ihn zu unendlich vielen Architekturteilen
und beweglichen Gegenständen wie Kanzeln, Altartischen, Grabplatten,
Taufsteinen, Weihwasserbecken, Postsäulen, Gemeindesteinen,
Gartensäulen, Brunnen, Brüstungen, Stufen, Bänken, Einfassungen,
Grenzsteinen, Wegweisern, Mordkreuzen, Erinnerungstafeln, Gewichten,
Normalscheffeln, Geschützkugeln, Schandflaschen, Prangersäulen,
Trögen, Krippen, Ofentüren u. v. a. m. verarbeitet. Nicht wenige
dieser Altertümer sind tadellos auf uns gekommen; viele Kirchen und
manche Schlösser überliefern uns romanischen oder gotischen Baubestand
in Rochlitzer Stein in vorzüglicher Erhaltung. Der älteste Zweig
des deutschen Steinbetriebes, die Herstellung von Mühlsteinen, ist
seit etwa achtzig Jahren ganz eingegangen; an den Schutthalden des
Mühlsteinbruches liegen aber heutzutage noch viele angefangene oder
halbfertige Erzeugnisse dieser Art, die, zum Teil in das Erdreich
eingesunken, zum Teil vom Abraum überschüttet, unter Farren und
Gestrüpp von jenen vergangenen Zeiten, die an den Gewerbefleiß jetzt
vergessene Anforderungen stellten, träumen.
[Illustration: Abb. 1 =Rochlitzer Porphyrbruch mit dem
Friedrich-August-Turm=]
Über die mittelalterlichen Meister, die ihre Werke in Rochlitzer
Stein schufen, wissen wir äußerst wenig; wir kennen höchstens ihre
Zeichen, die sie aufschlugen. Die ältesten Marken dieser Art, wohl
die frühesten in ganz Sachsen, kommen im romanischen Bestand des
Rochlitzer Schlosses und an gleichaltrigen, jüngst aufgefundenen
Werkstücken in Geithain vor. Nach den Ergebnissen der Zeichenforschung,
zum Teil auch nach der Ortsbezeichnung, welche die ältesten Steinmetzen
regelmäßig ihren Namen zusetzten, ist eine große Freizügigkeit
unter den Werkleuten früherer Jahrhunderte anzunehmen. Sie zogen
der Baugelegenheit nach, und deshalb kamen viele Auswärtige in die
Rochlitzer Pflege. Die Brüche bildeten ursprünglich den Besitz von
mindergebildeten Steinhauern, Steinbrechern. Auch der vielgenannte
Arnold von Westfalen (Westfahl, Bestveling) hat zweifellos innige
Beziehungen zum Rochlitzer Steinmetzentum unterhalten, wenn er auch
schwerlich die ihm für diese Gegend zugeschriebenen Werke ausgeführt
haben kann; wahrscheinlich entstammte er der vorübergehend um 1415,
d. h. zur Zeit, als der Chor der Kunigundenkirche geschaffen wurde,
für Rochlitz nachweisbaren Familie Westfahl, von welcher zwei Glieder
in Leipzig studierten. Nach seiner Anstellungsurkunde von 1471 wurde
Arnold Westfal in kursächsische Dienste als »Baumeister«, d. h.
Bauschreiber im Sinne des sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderts, nicht
aber als Werkmeister, d. h. ausführender Architekt, aufgenommen. In der
Renaissancezeit war besonders der berühmte Leipziger Werkmeister H.
Lotter ein warmer Freund des Rochlitzer Porphyrs, den er vor allem an
seinen Hauptwerken, der Pleißenburg und dem Rathaus seiner Vaterstadt,
sowie dem Bau auf dem Schellenberg, der Augustusburg, in ausgiebigster
Weise verwendete. Damals zählten zu den Rochlitzer Steinmetzen
verschiedene Meister, die kurz vorher in Erfurt nachweisbar sind.
Die ungemein vielseitige Verwertung des »Rochlitzer Sandsteins« und
sein Versand seit ältester deutscher Zeit wäre in romanischen Tagen
ohne geeignete Fahrwege auf dem Rochlitzer Berg kaum denkbar gewesen,
denn sehr oft mußten Steinstücke von zwanzig bis dreißig Zentner (z. B.
Grabplatten) weit verschickt werden. Sicher hat sich ein guter Teil der
dortigen Fahrstraßen, die jetzt einen so sauberen, angenehmen Anblick
gewähren, schon in vordeutscher Zeit vorgezeichnet, wennschon von einem
durchgreifenden Wegbau erst seit 1703 in den Akten die Rede ist; er
wurde von den Steinmetzen ausgeführt.
Was dem Rochlitzer Steinmetzentum einen besonderen Platz in der
Geschichte der deutschen Baukunst, des Bauhüttenwesens verschafft und
gesichert hat, ist der Umstand, daß die jetzt im Museum des Rochlitzer
Geschichtsvereins in der Schloßkapelle verwahrte Lade der Innung die
»Rochlitzer Hüttenordnung« rettete. Dieses Schriftstück berichtet die
Abmachungen, welche mitteldeutsche Steinmetzen 1462 auf einem Torgauer
Tag zugunsten ihres Handwerks für ihr Gebiet getroffen hatten. Das
überlieferte Büchlein ist für die Zwickauer Hütte 1486 geschrieben
und befand sich zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges im Besitz des
bekannten kursächsischen Baumeisters Hans Stecher, der 1637 in Torgau
starb, vermutlich aber aus einer Werkmeisterfamilie der Rochlitzer
Pflege hervorgegangen war, wo z. B. ein Maurermeister Thomas Stecher
bereits um 1600 nachweisbar ist. Der Sohn des Landbaumeisters H.
Stecher, Christian, schenkte das Schriftstück fünfzehn Jahr nach
des Vaters Tod, also 1652, einem Rochlitzer Steinmetzen, der es
dann in die Innungslade legte, die von der Urkunde auch noch eine
allerdings ziemlich fehlerhafte Abschrift, welche 1653 der Steinmetz
Hans von Rhein besorgt hatte, enthält. Die Rochlitzer Hüttenordnung
stellt jetzt die einzige schriftlich erhaltene mittelalterliche
Hüttenordnung Deutschlands dar, wenn man darunter ein Schriftstück, das
ausschließlich das Gewerbe der Steinmetzen, nicht aber auch dasjenige
von Mischzünften behandelt, versteht; besonders wichtig ist sie
durch den Umstand, daß sie allein Bestimmungen über Steinmetzzeichen
bringt. Über die Eigenart des Schriftstückes herrschten lange ganz
falsche, romantische Vorstellungen, die hauptsächlich durch Stieglitz
und Heideloff, welche es -- freilich höchst nachlässig und ziemlich
verständnislos -- herausgaben und besprachen, erzeugt worden waren; es
sollte die Verfassung einer eigenen »Rochlitzer Hütte«, welche aber
jedenfalls im Mittelalter überhaupt nicht bestand und bei den Bruch-
und Bauverhältnissen, die sich erst später völlig änderten, schwerlich
bestehen konnte, bilden.
[Illustration: Abb. 2 =Rochlitzer Steinbruch im Winter=
(Im Hintergrund der Friedrich-August-Turm)]
Heutzutage verwendet man den Rochlitzer Stein nicht nur in seiner
Heimat; vielmehr wird er weit über die sächsischen Grenzen hinaus
verschickt. Man trifft Werke aus ihm, besonders im Luxusbau, in
Hamburg und Berlin ebensogut wie in Dresden oder Leipzig. Mindestens
sechs Jahrhunderte lang hat er den Bauten Mittelwestsachsens und
anliegender Striche seinen Stempel aufgedrückt und herrscht hier bis
zu einem gewissen Grade noch jetzt vor, wodurch das hiesige Bauwesen
ein ganz besonderes Gepräge erhalten hat. Wenn unsere Heimatpflege
das gediegene Bodenständige vor dem Untergang bewahren und in seinem
angestammten Recht schützen will, so dürfte sie sich wohl auch kaum
der Pflicht entziehen können, auf den Wert des Rochlitzer Steins
besonders für dessen Heimat in baulichen Dingen mit Nachdruck
hinzuweisen. Der sächsische Verein für kirchliche Kunst schlägt
den Stein dankenswerterweise mit für Grabdenkmäler vor. Welche
stimmungsvolle Ruhe müssen früher die Friedhöfe der Rochlitzer Gegend
geatmet haben, als unter den grünen Totenbäumen fast nur die einfach
würdigen Grabplatten aus dem roten Porphyr mit ihren monumentalen
Schriften und Bildern lagerten! Die Herstellung dieser Denkmäler spielt
in der Innungsgeschichte der Rochlitzer Steinmetzerei eine wichtige
Rolle. In welchen Mengen sie ehemals vorhanden waren, läßt sich schon
an dem alten Rochlitzer Kirchhof ablesen, der nicht nur zahlreiche
gut erhaltene Werke dieser Art noch erhält, sondern auch unendlich
viele Bruchstücke derselben bewahrt, mit denen z. B. die langen
Umfassungsmauern des geweihten Geländes belegt sind. Der Rochlitzer
Grabstein bildet in nicht wenig anderen Ortschaften Sachsens ein häufig
vorkommendes Altertum. Wie zerfahren, unruhig, jeder einheitlichen
Stimmung bar wirken heutzutage leider so viele Friedhöfe der genannten
Pflege, wo sich eine Unzahl erbärmlich schablonenhafter Denkmäler mit
ihrem gleißenden, glitzernden, schreienden Wesen, in ihrem fremden,
nicht selten unechten Material, in ihrer Protzenhaftigkeit auf der
Ruhestätte heimgegangener Erdenpilger aufdringlich breitmachen, den
feierlichen Frieden des Gottesackers schmählich stören, bannen und
letzteren zu einer Art Musterlager bildhauerischer Geschmacklosigkeiten
und Ungefühls entweihen! Welche Hoheit, welch künstlerischer Adel
prägt sich hingegen z. B. auf dem Wechselburger in Rochlitzer Stein
gehaltenen, aus dem Anfang des dreizehnten Jahrhunderts stammenden
Grabdenkmal für Graf Dedo († 1190) und seine Familie aus! Wie ruhig,
edel wirkt die früheste erhaltene Grabplatte des Rochlitzer Friedhofs,
die aus der Zeit um 1280 herrührt und ehedem die Gebeine eines Herrn
von Heldrungen, dessen Wappen in ungemein wirkungsvollen Formen der
Stein vorführt, deckte!
[Illustration: Abb. 3 =Aus den Rochlitzer Steinbrüchen: Mühlsteine=]
Nach dem kunstfeindlichen Dreißigjährigen Kriege offenbarte sich auch
auf dem Gebiet der Rochlitzer Grabplatten ein allmählich fühlbarer
Verfall; die Arbeiten wurden zuweilen noch weniger als handwerksmäßig,
fast roh. 1642 gab es nur noch zwei Steinmetzen in Rochlitz; ihre
Zahl wuchs erst langsam wieder. An Stelle der ehemaligen inneren
Tüchtigkeit dieser Werkleute äußerte sich bald immer mehr eine Vorliebe
für unwichtige Nebensächlichkeiten und Äußerlichkeiten, obschon die
Rochlitzer Steinmetzen damals manchen Versuch machten, sich über
den gewöhnlichen Tiefstand städtischer Zünfte, auf die sie stolz
herabblickten, zu erheben. So unterhielten sie zunächst Beziehungen
zur Dresdner Haupthütte, welche aber von der Straßburger, die vormals
als alleinige Herrscherin für Deutschland galt, nicht anerkannt wurde,
weshalb sich die Rochlitzer 1725 unmittelbar unter Straßburg stellten
und nun von dort das Haupthüttengesetz, das sogenannte Bruderbuch von
1563, und die kaiserliche, auf Pergament geschriebene Bestätigung von
1621 ausgefertigt erhielten. Ihre Verpflichtungen gegenüber der alten
Reichsstadt haben sie freilich offensichtlich nie erfüllt, wenngleich
sie überkommene Hüttenbräuche hinsichtlich des Zeichengebens,
Ausweises, Gerichts usf. lange liebevoll weiter pflegten; seit etwa
1680 bildeten sie für sich eine Innung, deren innere Geschichte kaum
wesentlich von derjenigen anderer Zünfte abweicht.
[Illustration: Abb. 4 =Denkmal auf der Königshöhe, Rochlitzer Berg=]
Um den Rochlitzer Berg erwarben sich dessen Werkleute in neuerer Zeit
ein ganz besonderes Verdienst dadurch, daß sie ihn dem Fremdenverkehr
erschlossen; in dieser Beziehung hat sich vor allem ein schlichter
Mann hervorgetan, der Steinmetz Christian Gottlob Seidel, der 1807
als Sproß einer seit 1704 in Rochlitz nachweisbaren Steinmetzfamilie
Meister ward. Ein eigenes Geschick wollte es, daß der für Sachsen so
unglückliche Napoleonsche Krieg vor hundert Jahren Seidel den Anlaß zu
seinen gemeinnützigen Bestrebungen gab. Bis zu Beginn des neunzehnten
Jahrhunderts hört man gar nichts, daß die Schönheit des Rochlitzer
Berges irgendwie gewürdigt worden wäre, daß sie Wandrer angezogen
hätte. Da errichtete Seidel zur Erinnerung an die 1815 erfolgte
Rückkehr Königs Friedrich August aus der Gefangenschaft ein schlichtes
Denkmal auf einer Erhöhung des Rochlitzer Berges, der Königshöhe, und
daneben eine Unterkunftshütte für Fremde, deren Eröffnung im Juni
1817 stattfand. Der Verkehr, der sich nun auf dem Rochlitzer Berg
entwickelte, gestaltete sich zweifellos bald als ganz bedeutend, wie
sich aus den Einzeichnungen des Fremdenbuchs der Hütte, der sogenannten
»Einsiedelei«, ergibt. An eine Verpflegung der Reisenden war damals
auf dem Berg noch nicht zu denken; die einzige Erfrischung, die man
unter günstigen Umständen erlangen konnte, bestand in kärglichem
Butterbrot und Schnaps, welche Labung gutherzige Steinmetzen im
Notfall von ihrem Imbiß abließen. Die Wandrer waren sehr bescheiden,
begnügten sich mit dem, was sie suchten, prächtige Naturschönheit
und lohnende Fernsicht, und waren des Lobes voll für Seidel, dessen
Unterkunftshütte ihnen Schutz und Schirm gegen alle Unbill des Wetters
gewährte. Dies sprachen sie oft genug im Fremdenbuch aus, dessen in den
verschiedensten Sprachen bewirkte Einträge die eigenartigen Vorzüge
des Rochlitzer Waldes nicht selten mit rührenden, mitunter geradezu in
überschwänglichen Worten verherrlichen.
Das nach Ausweis einer Inschrift auf dem etwa einen halben Meter hohen
Sockel mit Hilfe von »Fünf Sammlern aus Plauen« zustande gekommene,
jetzt hundertjährige Denkmal besteht durchweg aus Porphyrtuff und ist
im antikisierenden Stil gehalten. Einen höchst anziehenden, malerischen
Anblick gewährt die in der Nähe befindliche »Einsiedelei«, die zu den
ältesten erhaltenen Schutzhütten des Landes zählt, wenn sie nicht gar
die älteste ist. Bei Errichtung derselben verband Seidel zwei von
Tannen bestandene, abgeschrotene Felswände durch Mauerwerk, welchem
er durch eingesetzte gotisierende Fenster, durch Gesimse, durch
Bekrönung mit zwei einer Kirche entstammenden Figuren usw. ein etwas
phantastisches, an eine Kapelle erinnerndes Ansehen verlieh, und schuf
somit die noch jetzt ziemlich gut erhaltene Vorderseite des Anwesens,
an welche er den teilweise in einen alten Schutthaufen eingebetteten,
mit zwei Gemächern versehenen Hinterbau anlehnte. Die Wände bestanden
in der Hauptsache aus gewachsenem Felsen, aber auch aus Mauerwerk.
Um gesteigerten Reiseanforderungen zu genügen, legte der Meister
schließlich der Hütte gegenüber einen Pferdeschuppen an.
Jahrzehntelang genügten Seidels Baulichkeiten dem Bergverkehr, bis
der Friedrich-August-Turm entstand, den das Sachsenvolk aus Anlaß
des 1854 erfolgten Ablebens Königs Friedrich August II., der am 9.
August dieses Jahres zu Brennbüchel in Tirol tödlich verunglückt
war, auf dem Rochlitzer Berg errichtete. Der Bau, entworfen vom
Freiberger Professor Heuchler, ward im Sommer 1855 begonnen und am 18.
Mai 1860, dem Geburtstag des Verewigten, in Gegenwart Königs Johann
geweiht. Durch die Errichtung des in Porphyr gehaltenen, gebietenden
Turmes erhielt die westsächsische Heimat ein weithin sichtbares
Wahrzeichen, von dessen Zinnen man einen prächtigen Fernblick bis
nach den Hohburger Bergen, bis Halle, Naumburg und dem Fichtelberg,
sowie dem übrigen Erzgebirge genießt, das ungezählte Scharen von
Fremden anzieht, zu deren Beköstigung ein Steinmetz 1860 eine hölzerne
»Interims-Restauration«, die das folgende Jahr in eine steinerne
umgewandelt ward, ins Leben rief.
Außer diesen beiden landesgeschichtlichen Denkmälern weist der
Rochlitzer Berg noch verschiedene Denksteine auf, darunter ein
Mordkreuz. Die bedeutendsten Denkmäler sind aber die sehenswerten
Steinbrüche, die in ihrer Eigenart wohl einzig in Deutschland dastehen
und vielleicht noch eine gesteigertere Beachtung verdienen, als sie
bisher gefunden haben.
Der Einfluß der Gesteinsindustrie auf das Naturleben des Rochlitzer
Berges
Von _Rud. Zimmermann_
Mit Abbildungen nach Aufnahmen des Verfassers
Nur selten wohl wird sich der Verfechter des Heimatschutzgedankens
mit einem Steinbruchsbetrieb in einer landschaftlich schönen Gegend
abfinden können. Denn allzu häufig nur -- ich erinnere bloß an die
Zerstörungen des Siebengebirges durch die Steinbruchsindustrie
und die ganz ähnlichen Erscheinungen auch in unserem schönen
Elbsandsteingebirge -- werden durch ihn unersetzliche Schönheitswerte
vernichtet, hervorragende Landschaftsbilder für ewige Zeiten zerstört.
Ganz anders dagegen liegen die Verhältnisse in bezug auf die
Gesteinsindustrie des vielbesuchten Rochlitzer Berges, die zwar auch
stark verändernd auf dessen Bild eingewirkt und zweifellos gleichfalls
manche Schönheitswerte zerstört, aber in noch größerem Maße solche auch
wieder geschaffen hat. Der Besucher des Rochlitzer Berges, der auf
schattigen Waldwegen von Rochlitz oder Wechselburg kommend und aus dem
Waldesdunkel tretend, plötzlich vor den mächtigen, gipfelumsäumenden
Tuffbrüchen steht, wird von dem Bild, das sich ihm darbietet, ganz
eigen berührt sein. Und der tiefe Eindruck, den die Steinbrüche auf ihn
machen werden und den er auch mit sich fort nehmen wird, wenn er seine
Schritte wieder talwärts lenkt, wird ein noch größerer sein, wenn er
gar noch von der Zinne des Friedrich-August-Turmes, durch den treue
Sachsenliebe einst das Gedächtnis eines seiner naturliebendsten und
naturverständigsten Fürsten ehrte, die Blicke über den weiten Bergwald,
zu dessen wechselvoll abgetöntem Grün das helle Rot der in den Wald
gebetteten Steinbrüche eine so eigenartige Gegenwirkung bildet, zu den
blauumdunsteten Höhen in der Ferne schweifen läßt.
[Illustration: Aus den Rochlitzer Steinbrüchen:
Abb. 1 =Blick auf die senkrecht emporsteigenden Gesteinswände=]
Die Geschlossenheit des den Rochlitzer Berg bedeckenden Waldes, dessen
einst so schöne Misch- und alten Buchenbestände heute allerdings zum
größten Teil nur noch der Vergangenheit angehören, hat durch den
Steinbruchsbetrieb eine nicht wegzuleugnende Einbuße erlitten, und das
Urteil des Forstmannes, der die Verhältnisse vielleicht nur einseitig
vom rein forstwirtschaftlichen Standpunkt aus werten wollte, würde sich
daher auch nicht immer mit dem unseren decken. Dem rein forstlichen
Verlust aber steht ein ungleich höherer Gewinn in dem Wechsel entgegen,
den die Steinbrüche in ein zwar an sich schon hervorragend schönes,
durch diesen Wechsel aber noch wesentlich gewinnendes Landschaftsbild
tragen. Die Steinbrüche des Rochlitzer Berges sind nicht, wie das
so vielfach der Fall ist, an den Hängen des Berges angelegt, um
diese zu entblößen und sie ihres belebenden Pflanzenschmuckes zu
berauben, sondern sie gruppieren sich größtenteils wie ein Kranz um
den Gipfel des Berges und sind von hier aus in die Tiefe getrieben.
Die dabei entstandenen senkrechten, oft zu ganz beträchtlichen Höhen
emporragenden Wände, deren lichtes Rot durch angesiedelte Algen von
gelben und grauen Farbflecken übertupft erscheint und in dessen
prächtige Farbenwirkungen oft auch noch auf schmalen Felsleisten
angesiedelte grün-goldene Moose und andere Pflanzen weitere wechselnde
Töne tragen, sind von einer ganz eigenen Wirkung. Wo dazu noch an
abgebauten Stellen der Boden sich mit einer neuen Pflanzendecke
überkleidet hat und auf raumengen Felsvorsprüngen niedrige, aber derbe
Kiefern sich angesiedelt haben, entstehen Bilder von ganz besonderer
Schönheit und seltenen Reizen.
[Illustration: Aus den Rochlitzer Steinbrüchen:
Abb. 2 =Durch Anflug entstandene Vegetation an einer auflässigen
Stelle=]
Die Wiederbesiedelung der abgebauten Stellen durch die Pflanzenwelt
erfolgt meistens ungewöhnlich rasch. Wo der kahle, rote Fels zutage
liegt und kaum einer Pflanze die Bedingungen zu einem gedeihlichen
Leben zu bieten scheint, entwickelt sich innerhalb weniger Jahre
bereits wieder eine Vegetation, die zwar keine besonders artenreiche,
dafür aber meistens eine um so interessantere ist, weil sie neben
ihrer Ursprünglichkeit uns vielfach in hervorragendem Maße Blicke in
den Kampf tun läßt, den auch die Pflanze um ihr Dasein führt, und
uns die Zähigkeit zeigt, mit der sie dabei um ihr Leben ringt. Wo
die Winde in kaum zentimetertiefen Unebenheiten des Felsens nur eine
Spur von Erdreich angeweht haben, siedeln sich bescheidene Moose
und Flechten an, oder es keimen aus windangewehtem Samen Gräser
und andere Blütenpflanzen. So das in seiner Schlichtheit so schöne
Gänseblümchen (~Bellis perennis~), Habichtskräuter u. a. m., die
ja in der Rosettenbildung ihrer dem Boden sich eng anschmiegenden,
dachziegelartig übereinanderliegenden Blätter eine ebenso einfache, wie
überzeugend wirkende Einrichtung gegen jede übermäßige Wasserabgabe
besitzen und durch sie außerdem noch der raschen Austrocknung des
kärglichen Bodens entgegenarbeiten. Das bedürfnislose Heidekraut
(~Calluna vulgaris~) ergreift gleichfalls Besitz vom neuentstandenen
Boden und mit ihm stellen sich hier und da auch einige bescheidene
Heidelbeerpflänzchen ein. Von Bäumen sind es neben Aspen und Salweiden
die mit den dürftigsten Verhältnissen vorliebnehmenden Kiefern und
Birken, denen das wenige lockere Erdreich schon Nahrung gibt und die
ihre Wurzeln zunächst ganz flach, aber weit an der Oberfläche des
Felsens entlang senden, bis sie auf Risse und Spalten im Gestein
stoßen, in die sie sich dann tief hinabsenken und den heranwachsenden
Baum oft fester verankern als auf tiefgründigerem Waldboden. Dort,
wo bereits während des Abbaues sich Schutt angesammelt hat, ist das
Pflanzenleben ein reicheres. Unter anderen Arten finden wir hier die
würzige Walderdbeere, während Brombeere und Himbeere oft dichte, der
Kleinvogelwelt Unterschlupf und Nistgelegenheiten bietende Hecken
bilden. Das Weidenröschen läßt im August weithin seine Blüten leuchten
und in ihr Rot mischen sich die gelben Farben von Habichtskräutern
und Johanniskraut, bis dann nach einigen Jahren die im Frühjahr von
einer reichen Insektenwelt besuchten kätzchentragenden Sträucher der
Salweide und inzwischen höher herangewachsene Bäume -- den Kiefern
und Birken gesellen sich hier höhere Ansprüche stellende Lärchen und
Fichten, die Eberesche und von anderen Laubbäumen einzelne Buchen und
Eichen zu -- die niedrigeren kraut- und strauchartigen Pflanzen mehr
und mehr verdrängen. Auf diese Weise erhalten sich auf dem Rochlitzer
Berge abwechselungsreiche Pflanzengemeinschaften, die in ihrer
Ursprünglichkeit überaus anziehend wirken und vor allem auch in die
oft größere Gleichförmigkeit des unter Kultur stehenden Forstes einen
diesen wieder zugute kommenden Wechsel tragen.
[Illustration: Aus den Rochlitzer Steinbrüchen
Abb. 3 =Durch Anflug entstandene Vegetation an einer auflässigen
Stelle=]
[Illustration: Aus der Tierwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 4 =Siebenschläfer=]
Es wird ohne weiteres auch als ganz selbstverständlich erscheinen,
daß die Steinbrüche, die bei ihrer räumlichen Ausdehnung inmitten
des geschlossenen Waldes eine Welt für sich bilden, in der bis zu
einem gewissen Grade die Natur allein regiert, auch von einem nach
Lage der Verhältnisse nur günstigem Einflusse auch auf die Tierwelt
des Rochlitzer Berges sein müssen. Eine Menge Tiere findet in den
Spalten und Klüften der Felswände, in den an dunklen Verstecken
reichen Haufen beiseite gefahrenen, unverwendbaren Gesteinsmaterials
willkommene Schlupfwinkel, andere wieder werden angezogen von der
natürlichen, von Menschen wenig besuchten Wildnis der abgebauten
Teile. Der Siebenschläfer, dessen Vorkommen auf dem Rochlitzer Berge
zunächst allerdings wohl eine Folge des einstigen Reichtums an
Laubholz mit den ausgedehnten Rotbuchenbeständen ist, findet sich
heute doch vorzugsweise in dem Bereiche der Steinbrüche und auch auf
den Bestand der kleineren Raubsäugetiere, von denen ich Wiesel und
Hermelin oft in den Steinbrüchen begegnet bin, und denen sich auch
der Iltis, der Edel- und sogar der in den geschlossenen Wald sonst
nur seltener eindringende Hausmarder zugesellen, sind sie nicht ohne
Wirkung geblieben. Unvergeßlich wird mir der milde Sommersonntagabend
bleiben, an dem ich unseren Edelmarder in einem auflässigen Teile
des Mühlsteinbruches zum ersten Male längere Zeit hindurch in seinem
Leben und Treiben beobachten konnte. Aalgleich wandte er sich durch
die Steinwildnis hindurch, schnüffelnd untersuchte er jeden Spalt
im Felsen, spürte jede Höhle ab, die die reichlich umher- und
übereinanderliegenden Gesteinstrümmer bildeten. Eine Maus, die der
Abend aus ihrem Versteck hervorgelockt hatte, wurde seine Beute, eine
Goldammer, die ihr: »Wie, wie hab’ ich dich so lieb!« eben abgebrochen
und sich in einem niederen Strauch zur Ruhe niedergetan hatte, entging
seinen räuberischen Gelüsten noch im letzten Augenblick, so daß er ihr
verdutzt von einem vorspringenden Gesteinsblock aus nachschaute.
[Illustration: Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 5 =Männlicher Gartenrotschwanz an der Nisthöhle an einer Hauswand=]
[Illustration: Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 6 =Weiblicher Gartenrotschwanz vor der Nisthöhle in einer Mauer=]
[Illustration: Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 7 =Junger Hausrotschwanz an der Nisthöhle in einem Gesteinsspalt=]
[Illustration: Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 8 =Junge Gebirgsstelze nach dem Verlassen des Nestes=]
Weit mehr noch als wie auf die verborgener lebenden Säugetiere spüren
wir den Einfluß der Steinbrüche auf die der direkten Beobachtung ja
weit zugänglichere Vogelwelt. Einige Arten, denen wir im geschlossenen
Walde nicht oder doch nur vereinzelt begegnen würden, sind im Gebiet
der Steinbrüche nicht selten, andere, den Wald zwar nicht meidende,
erreichen in ihnen eine größere Häufigkeit. Ich denke da vor allem
an unsere beiden Rotschwanzarten, die auf dem Rochlitzer Berge ganz
besonders häufig sind und ausschließlich oder doch fast ausschließlich
die Steinbrüche bewohnen, in denen sie auch wieder zu der ihnen
ureigensten Nistweise zurückgekehrt sind. Nach den übereinstimmenden
Versicherungen alter Steinbruchsarbeiter, die sich in jeder Weise auch
mit meinen eigenen Erfahrungen decken, hat die Zahl dieser beiden Vögel
in den letzten Jahrzehnten auffallend zugenommen. Namentlich beim
häufigeren Gartenrotschwanz fällt diese Zunahme recht in die Augen.
In einem Steinbruche traf ich im Frühjahre 1914 nicht weniger als
fünf Brutpaare desselben -- zwei davon nisteten an Arbeiterhäusern,
drei aber in Gesteinsspalten -- neben zwei vom Hausrotschwanz an, in
einem anderen im Jahre vorher sogar sechs Paare des ersteren, die mit
Ausnahme eines an einem Gebäude nistenden sämtlich in Felsspalten ihre
Nester errichtet hatten, neben zwei Paaren des ebenfalls in Felsspalten
nistenden Hausrötels. Auch die weiße Bachstelze bewohnt in ähnlich
großer Zahl die Steinbrüche und nistet hier bald an Arbeiterhäusern,
bald aber auch in geschützten Hohlräumen der Felswände. In diesem
letzteren Fall teilt sie dann die Niststätten mit ihrer gelben
Schwester, der Gebirgsstelze, deren Zunahme auf dem Rochlitzer Berge
eine ganz besonders in die Augen fallende ist. Ich entsinne mich heute
noch deutlich des Tages anfangs der neunziger Jahre, an dem ich die Art
hier überhaupt zum ersten Male sah und über die Beobachtung der mir
damals noch neuen daheim in jugendlicher Freude erzählte. Seit jener
ersten Begegnung wurde sie zu einem meiner erklärten Lieblingsvögel und
jede neue Beobachtung der damals noch seltenen bildete ein heute noch
nicht vergessenes Ereignis. Jetzt ist sie schon eine ganz gewöhnliche
Erscheinung und brütet alljährlich in wenigstens einem, häufig aber
auch in mehreren Paaren in fast jedem der Steinbrüche. Aber auch andere
Höhlenbrüter finden in den Felsklüften willkommene Nistgelegenheiten.
Von Meisen sind es besonders die Kohl-, die Tannen- und die Blaumeise,
ausnahmsweise auch die Sumpf- und die Haubenmeise, die regelmäßig
in Gesteinsspalten oder in den Hohlräumen der überall gegen
hereinbrechenden Abraum aufgeführten Schutzmauern nisten und denen sich
auch gern der Kleiber zugesellt. 1916 während eines Urlaubes konnte
ich in solchen Schutzmauern zum ersten Male auch den Mauersegler, der
allsommerlich über den Gipfel des Berges seine Flugkünste treibt und
den ich -- Freund Heyder hatte ihn schon früher als Brutvogel des
Rochlitzer Berges in Baumhöhlen des Waldes festgestellt -- seit langem
bereits im Verdacht hatte, auch »Steinbruchsvogel« zu sein, brütend
nachweisen.
[Illustration: Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 9 =Kohlmeise vor der Nisthöhle in einer Gesteinswand=]
[Illustration: Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 10 =Tannenmeise an der Nisthöhle in einer Felswand=]
Daß ferner bei dem großen Reichtum der Steinbrüche an Hecken, die
in den auflässigen Teilen oft so üppig wuchern, auch die Zahl der
Buschbrüter eine ziemlich reiche ist, bedarf wohl kaum eines besonderen
Hinweises. Namentlich die Grasmücken in sämtlichen vier, der Rochlitzer
Vogelfauna angehörenden Arten: der Dorn-, der Zaun-, der Garten- und
der Mönchsgrasmücke, sind regelmäßige Bewohner derartiger Stellen.
[Illustration: Aus der Vogelwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 11 =Großer Buntspecht an der Nisthöhle in einem Kirschbaum=]
Reich ist in den Steinbrüchen auch das seit meiner Jugendzeit sonst im
Bereiche des Rochlitzer Berges aber stark zurückgegangene Kriechtier-
und Lurchleben entwickelt. Die flinke Zauneidechse zunächst ist
eine der auf dem Rochlitzer Berge abgenommenen Arten, die auch die
Steinbrüche nicht mehr in den Mengen bevölkert, als wie ich sie
noch als Knabe sah; der rotbäuchige Bergmolch, der einst geradezu
in Massen die zahlreichen Steinbruchstümpel bevölkerte, ist weniger
häufig geworden, und der in Schwarz und leuchtend Gelb gekleidete
Feuersalamander, dessen ganze Schönheit nur der voll empfinden wird,
der ihn einmal nach einem warmen Gewitterregen aus einem dunklen Spalt
des von grünem Moos überkleideten roten Gesteins hat hervorkommen
sehen, ist heute auch nicht annähernd mehr in den Mengen vorhanden,
wie vor wenigen Jahrzehnten noch. Ein sinnloses Sammeln, bald -- wie
beim Bergmolch -- von einer zwar naturfreudigen, aber in falschen
Bahnen sich betätigenden Jugend, bald -- wie beim Feuersalamander --
von gewerbsmäßigen Fängern, denen ja nichts in der Natur heilig ist,
trägt wohl die Hauptschuld an dem bedauerlichen Rückgange. Vielleicht
wäre es aber wohl noch schlimmer um das heutige Vorkommen dieser Arten
bestellt, wenn nicht die Steinbrüche ihnen und noch anderen ihrer
Sippe: der goldgekrönten Ringel- und der spärlicheren glatten Natter,
dem lebhaften Grasfrosch und der vielgeschmähten, dabei aber doch so
nützlichen Erdkröte Schlupfwinkel in so reichem Maße darbieten würden,
daß immer noch ein großer Teil von ihnen sich allen Verfolgungen zu
entziehen vermag.
[Illustration: Aus der Tierwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 12 =Ringelnatter vor ihrem Schlupfwinkel=]
Der günstige Einfluß der Steinbrüche auf das Tierleben des Rochlitzer
Berges, der aus den hier mitgeteilten Fällen zweifellos hervorgeht,
würde noch augenfälliger werden, wenn wir unsere Betrachtungen
auch auf die niedere Tierwelt ausdehnen und insbesondere die
Insektenwelt in sie einbeziehen würden. Einer unserer größten und
prächtigsten Tagschmetterlinge beispielsweise, der Eisvogel, verdankt
sein Vorkommen der heute im Rochlitzer Bergwalde vorzugsweise
auf das Steinbruchsgebiet beschränkten Aspe, und wie für ihn,
liegen die Verhältnisse ähnlich auch noch für eine weitere Anzahl
leichtbeschwingter Falter und andere niedere Tierarten. -- -- --
[Illustration: Aus der Tierwelt der Rochlitzer Steinbrüche:
Abb. 13 =Eine Erdkröte verläßt ihren Schlupfwinkel=]
Aber es scheint auch, als ob der Steinbruchsbetrieb des Rochlitzer
Berges neben diesen günstigen Einflüssen auf das Naturleben noch einen
solchen entgegengesetzter Richtung ausübt.
[Illustration: Aus der Tierwelt des Rochlitzer Berges:
Abb. 14 =Blindschleiche beim Verlassen ihres Schlupfwinkels.=]
Unter den Waldbäumen des Rochlitzer Berges nahm einst die Weißtanne
einen breiten Raum ein. Heute hat sie aufgehört, bestandsbildender
Waldbaum zu sein; die wenigen, hier und da noch in den Mischbeständen
stehenden, fast immer kränkelnden Stücke sind stumme Zeugen vergangener
Zeiten. Forstlich ist der Baum nicht mehr hoch zu bringen. Es ist
das eine Erscheinung, die man in unserem Vaterlande nun zwar auch
an anderen Orten beobachtet und die man meines Wissens in erster
Linie auf die Verunreinigung der Luft durch die Rauchgase unserer
hochentwickelten sächsischen Industrie zurückführt. Ob immer und in
welchem Maße dies zu Recht geschieht, vermag ich nicht zu entscheiden.
Meines Erachtens wirken an ihrem Rückgange hier und da aber auch
noch andere als die eben angeführten Ursachen mit. Die Tanne stellt
ziemlich hohe Anforderungen auch an den Feuchtigkeitsgehalt der Luft
und des Bodens und ist gegen eine Abnahme desselben empfindlicher als
andere Waldbäume. Eine Abnahme der Bodenfeuchtigkeit scheint aber
auf dem Rochlitzer Berge stattgefunden zu haben. Darauf deuten nicht
nur eine ganze Anzahl heute trockener Quelläufe an den Hängen des
Berges hin, sondern sie geht auch hervor aus dem Umstand, daß heute
noch fließende Quellen zum Teil wasserärmer geworden sind, als sie
es in meiner auf dem Rochlitzer Berge verlebten Jugendzeit waren.
Diese Abnahme der Bodenfeuchtigkeit aber dürfte im wesentlichen ihre
Ursachen in dem Steinbruchsbetriebe haben. Infolge seiner räumlich
großen Ausdehnung kommt ein beträchtlicher Teil der atmosphärischen
Niederschläge dem Walde nicht mehr zugute; ein Teil verdunstet über den
freien Flächen der Steinbrüche sofort, ein anderer Teil aber sammelt
sich in ihren tiefergelegenen Stellen in Form kleinerer oder größerer
Tümpel an und wird von hier gleichfalls, wenn auch allmählicher, der
Verdunstung zugeführt. Aber auch nicht unbeträchtliche Mengen der
über dem Walde selbst niedergehenden Niederschläge verbleiben nicht
mehr in dem Waldboden, sondern strömen in Gesteinsspalten und Rissen
jenen Wasseransammlungen in den tieferen Teilen der Steinbrüche zu und
verdunsten hier ebenfalls wie jene direkt.
Es dürfte nicht ausgeschlossen sein, daß dieser Einfluß der Steinbrüche
auf die Abnahme der Bodenfeuchtigkeit des Waldes, der zwar nicht für
sich allein, sondern wohl mit der schon erwähnten Verunreinigung der
Luft durch Rauchgase an dem Rückgang der Tanne auf dem Rochlitzer
Berge beteiligt sein mag, sich in seinen Wirkungen auch auf andere
feuchtigkeitsliebende Pflanzen äußert.
Die Vogelwelt unserer Obstalleen
Von _Rud. Zimmermann_
Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers
Beobachtungen, die ich vor dem Kriege an der von Rochlitz nach dem
Rochlitzer Berge führenden, mir von meiner Kindheit an vertrauten und
von mir regelmäßig begangenen, in dem hier in Frage kommenden Teile
von Obstbäumen bestandenen Staatsstraße über die daselbst nistenden
höhlenbrütenden Kleinvögel machte und die dabei einen vorher kaum
geahnten Reichtum an solchen ergaben, wurden die Ursache, daß ich in
der Folge nicht nur noch schärfer auf die Vogelwelt der genannten
Straße achtete, sondern meine Beobachtungen auch auf andere Gegenden
ausdehnte und dabei vor allem auch Material zur Frage der Bedeutung
unserer Vogelwelt für die Obstalleen zu erlangen versuchte. Im
nachfolgenden nun soll über diese Beobachtungen, die in vielfacher
Hinsicht recht interessante sind, etwas eingehender berichtet und
dieser Bericht zunächst mit einer Schilderung der Verhältnisse an der
oben genannten Straße begonnen werden.
Die Staatsstraße Rochlitz--Rochlitzer Berg, in Rochlitz kurzweg die
Bergstraße genannt, wird in ihrem ersten, hier nur in Frage kommenden
Teil von Feldern begrenzt, während auf eine Strecke von etwa 500 Meter
Länge an der einen Seite auch der Wald an sie herantritt, der ihr auch
sonst nicht fern bleibt und an den weitesten Stellen kaum viel über 500
Meter von ihr weg liegt. Der regelmäßigen Beobachtung unterstanden in
den Jahren 1913 und 1914 eine Strecke von etwa 500 Meter, 1919 und 1920
aber von gegen 1500 Meter Länge, von der ein kleiner, etwa 200 Meter
langer Teil von Kirschbäumen gesäumt, der größere aber beiderseits von
Apfelbäumen bestanden ist.
An der kleineren, nur apfelbaumbestandenen Straßenstrecke wurden
1913 und 1914
2 1 Paar Gartenrotschwänzchen,
3 5 " Kohlmeisen,
1 2 " Blaumeisen,
1 1 " Kleiber,
2 1 " Feldsperlinge sowie
-- 2 " Stare
insgesamt also 9 bzw. 12 Brutpaare einwandfrei festgestellt, von
einigen weiteren, zweifellos auch noch genisteten Meisen- und
Rotschwanzpaaren die Nisthöhlen aber nicht aufgefunden, während dann in
dem größeren Straßengebiet
1919 und 1920
2 5 Paar Gartenrotschwänzchen,
8 4 " Kohlmeisen,
8 5 " Blaumeisen,
1 1 " Kleiber,
4 5 " Stare sowie
1 -- " Grünspechte
insgesamt also 24 bzw. 20 Brutpaare sicher bestätigt und ebenfalls
wieder von einigen weiteren (Gartenrotschwanz, Kohl- und Blaumeise,
Kleiber und Baumläufer) die Höhlen nicht aufgefunden werden konnten.
Von den 1919 und 1920 beobachteten Brutpaaren entfallen auf die
kleinere, 1913 und 1914 unter Beobachtung gestandene Straßenstrecke
1919 und 1920
-- 2 Paar Gartenrotschwänzchen,
5 4 " Kohlmeisen,
3 2 " Blaumeisen,
1 1 " Kleiber und
4 4 " Stare
zusammen sonach 13 bzw. 13 Paare, von denen sich 1919 elf, 1920
aber neun Paare auf eine Straßenlänge von nur etwas über 200 Meter
verteilten, so daß hier auf etwa 20 Meter Länge bereits ein Brutpaar
kam! -- Hervorgehoben soll dabei noch werden, daß in den Jahren 1913
und 1914 noch nicht der große Wert auf die Feststellung möglichst
aller Nisthöhlen gelegt wurde und daß schließlich im letzten Jahre
eine nur noch beschränkte Zeit auf die Beobachtungen verwandt und eine
Straßenlänge von gegen 500 Meter überhaupt nicht voll begangen werden
konnte.