So wurde ich mit sechzehn Jahren Soldat und der 9ten Division in

Kiangsu zugeteilt. Ich erhielt jeden Monat sieben Dollar Löhnung, wovon

jedoch vor der Auszahlung drei Dollar für Beköstigung abgezogen wurden.

Zum Nachhauseschicken blieb nur eine ganz kleine Summe übrig. Ehe ich

richtiger Soldat wurde, musste ich Kulidienste tun. Jeden Morgen musste

ich die Stube reinigen, den fünf Mann auf der Stube Essen holen und

sonstige Dienste leisten. Für meine Eltern und Dorfgenossen hatte ich

früher ähnliche Arbeiten verrichtet und mich nie darüber beklagt; als

mich aber die fünf Menschen zu ihrem Diener erniedrigten, sträubte sich

mein Empfinden, und ich sagte eines Tages dem diensttuenden Offizier,

dass ich richtiger Soldat werden wollte, andernfalls würde ich wieder

nach Hause gehen. Ich wurde dann in eine andere Stube gelegt und hatte

es von nun an besser. Die paar Stunden Dienst waren leicht zu ertragen.

Ich lernte marschieren und das Gewehr behandeln. Nach einigen

Monaten durfte ich nach der Dienststunde die Schule unserer Division

besuchen, wo uns ein hoher Offizier Vorträge über die Kriegskunst

hielt. Der Offizier erzählte uns vom deutschen und japanischen Heer,

von siegreichen Schlachten und von der Liebe des Volks zum Herrscher.

Dass auch wir Soldaten unsern Kaiser lieben sollten, erzählte er nicht.

Einmal sagte er scharf: „Ihr seid nur Soldat, damit ihr kämpfen könnt,

wenn sich die Zeit erfüllt.“ Er lächelte dann still für sich hin.

Wir Soldaten sahen uns an und verstanden ihn nicht. Erst später habe

ich den Sinn der Worte verstanden. Unsern Divisionsgeneral habe ich

während meiner dreijährigen Dienstzeit in Nanking nur dreimal gesehen.

Das vorletzte Mal bei einer Parade unserer Division; nach ihr wurde

ich zum Gefreiten befördert. So vergingen Wochen und Monate. Als ich

einmal Posten stand, wollte ein ausländisch gekleideter Landsmann,

der ein blaue Brille trug, am Wachthaus vorbei. Als ich ihn anhielt,

sagte er genau das Wort unserer heutigen Parole, und ich musste ihn

durchlassen. Der seltsame Mann kam häufig wieder, manchmal kamen auch

Mehrere zusammen. Ihrer Sprache nach mussten sie aus Kuangtung gewesen

sein. Eines Tages gingen fünf Offiziere unserer Division weg, und wir

erhielten Ersatz. Die Besuche der Fremdlinge wurden häufiger. Dieses

Mal sah ich unsern Hauptmann und einige Offiziere mit den Fremdlingen

im Gespräch auf der Offiziersstube; sie hatten eine grosse Karte vor

sich, nannten oft den Namen meiner Heimatprovinz und beschrieben mit

den Fingern Kreise auf der Karte. Die Disziplin unserer Division

wurde immer mehr gelockert. Statt dass die Offiziere uns mit gutem

Beispiel in ihrem Lebenswandel vorangingen, blieben sie Tage lang

vom Dienst und Nächte lang von der Kaserne weg und gaben Geld in

vollen Händen aus. Woher sie das nur hatten? Erst später habe ich es

ergründet. Der Divisionsgeneral kam häufiger als sonst. Einmal trat er

in die Stube eines Offiziers, riss den Schrank auf, zog einen Haufen

Schriftstücke heraus und ging zornbebend fort. Den Offizier habe ich

nie wieder gesehen. An einem Herbstabend lag ich mit einigen Kameraden

im Gras vor dem Lager. Da kamen einige Leute der ersten Kompagnie mit

weingeröteten Gesichter des Wegs; einer schrie: „Fragt der Kerl, ob

wir schiessen können? Natürlich können wir schiessen!“ Den letzten

Satz wiederholten die Betrunkenen mit lautem Gebrüll. Ein Nüchterner

sagte mir, dass ein junger Chinese, der südlichen Dialekt sprach,

ein paar Leute mit Wein bewirtet hätte, weil der Kaiser in Peking

demnächst ein grosses Fest feiern werde. Das Fest der Herbstmitte

war vorüber; die Disziplinlosigkeit in der Division erreichte ihren

Höhepunkt. Da kam die Kunde in unser Lager, dass sich die Garnison in

Wutschang gegen den Kaiser erhoben hätte. Ich erwartete nun, dass unser

General uns sofort unter die Waffen rufen würde, das Leben des Kaisers

zu schützen. Dafür kam eines Tages der Befehl, wer nach Hause gehen

wollte, solle seinen rückständigen Sold in Empfang nehmen. Der grösste

Teil der Soldaten meldete sich, und sofort sprangen tausende Leute aus

Kuangtung und Chekiang ein, um die freigewordenen Stellen zu füllen.

Auch die Offiziere wechselten; ich sah unter ihnen bekannte Gesichter.

Kaum waren wir entlassenen Soldaten in der Stadt, da ging plötzlich

ein grosser Kampf los. Ich weiss nicht mehr wieviel Tage gekämpft

worden ist. Eines Tages zogen unsere frühere Division und zahlreiche

Truppen des Revolutionsheeres in die Stadt ein und raubten alles aus.

In dem mandschurischen Stadtteil war ein Kreischen und Schreien, das

ich nie vergessen werde. Im Leng Kung Tempel hatten sich Mandschus

zusammengedrängt, um gemeinsam zu sterben, ehe sie unter den Streichen

des Volksheers fielen. Und plötzlich hoben sich mit furchtbarem Knall

die Mauern in ihren Grundfesten und eine hohe Rauchsäule stieg in die

Luft. Unter dem Schutt lagen nur Leichen. Die Tage der Stadt Nanking

sind schrecklich gewesen. Ich verstand damals die Grösse der Zeit nicht

und fluchte den Revolutionären.

Eines Tages war ich selbst unter ihnen. Da wir nun ein „Volksreich“

hatten, wollte ich es schützen. Ich begab mich nach Schanghai, wo ich

mich bei den Kuang fu tschün Truppen, die im Taiyang Tempel bei Chapei

lagen, gegen einen Monatssold von elf Dollar einreihen liess. Nach

einigen Monaten wurden die Truppen aufgelöst, und ich ging wieder nach

Nanking, wo ich unter den Kan sze tui Truppen, die bei der Eroberung

von Nanking so kühn vorgegangen waren, aufgenommen wurde. Ich hatte

soviel von den „Truppen, die den Tod nicht fürchteten“ gehört, dass

ich mich freute, bei ihnen zu sein. Der Monatssold betrug nur acht

Dollar, das Essen war frei. Die Truppen wurden von dem Obersten Liu

Fu piao befehligt, der früher ein Führer der geheimen Gesellschaft

Ko lao hui war. Wir waren im Fu Tse ying in der Nähe der Huai ting

Brücke untergebracht. Mehrere Monate vergingen. Eines Tages wurde

die Nachricht im Lager verbreitet, dass wir gegen die Truppen Yüan

Schih kais kämpfen sollten. Ein paar ältere Leute unserer Truppe waren

darüber ganz aufgeregt und sangen vor Freude Kriegslieder, die ich

zum ersten Mal hörte. Und plötzlich hiess es, Nanking sei von Peking

abgefallen und habe sich selbständig erklärt. Nach westländischem

Kalender geschah das im Juli. In unserm Lager begann ein geschäftiges

Treiben. Wir achthundert Mann tauschten unsere einschüssigen Gewehre

gegen fünfschüssige aus, jeder erhielt eine Feldausrüstung mit Mantel

und fünfzig Patronen. Auf den Mannschaftsstuben ging es lebhaft her.

Wir Jüngern lauschten den Aeltern, die von Kriegstaten erzählten, von

Bomben, Granaten und zerrissenen Gliedmassen. Dann gingen wir in voller

Ausrüstung schlafen. Am folgenden Morgen bliesen schon frühzeitig die

Hörner. Wir traten an und marschierten nach dem Hu ning Bahnhof, wo

wir mit dem Zug nach Schanghai befördert wurden. Nach unserer Ankunft

in Schanghai wurden wir auf Booten den Huangpu aufwärts nach Schih li

pu (Nantao) befördert. Es dauerte lange, bis für unsere achthundert

Mann eine passende Unterkunft gefunden war. Schliesslich bezogen wir

in einer Schule hungrig und müde Quartier. Nachts um drei Uhr heulte

ein furchtbarer Sturm. Und plötzlich hörte man den Schall einer Kanone.

Wir wurden alarmiert und zogen durch enge Gassen in die Nacht. Vor uns

marschierte das 61ste Bataillon, das Befehl hatte, das Arsenal von

Nordwesten her anzugreifen. Wir bezogen vor dem Südwesten der Stadt als

Reserve Stellung. Bis zum frühen Morgen dauerte das Schiessen. Viele

kleine Geschosse und Granaten flogen über uns weg. Gegen Dämmerung

wurden die ersten Toten und Verwundeten des 61sten Bataillons an uns

vorbeigetragen. Er dauerte nicht lange, da musste das Bataillon, das

drei Stunden mit dem Arsenal im Kampf gelegen hatte, zurückgehen.

Es ging nicht zurück, es lief. Und wir lagen mit frischen Kräften

hinten in Deckung; die Aeltern von uns wurden ungeduldig, schalten

unsere Offiziere offen Feiglinge und wollten, die übrigen Mannschaften

anfeuernd, vorwärts stürmen. Als die Offiziere jeden niederzuschiessen

drohten, der seine Stellung verlasse, wurden die Unzufriedenen ruhig

und knirschten nur ab und zu Flüche durch die Zähne. Während der ganzen

Kämpfe ums Arsenal erging es uns so. O, Schmach, o Schmach. Wir mussten

zusehen, wie Hunderte unserer Brüder von den Geschossen des Feindes

hingerafft werden, ohne sie zu rächen. Wir sahen aber allmählich ein,

dass alle Versuche, den Brüdern zu helfen, Wahnwitz gewesen wären.

Unsere achthundert Gewehre reichten nicht gegen die grossen Kanonen des

Feindes aus. Dennoch blieb wütender Zorn in unserm Herzen, dass wir

nicht einmal schiessen durften. Unser Befehl lautete, das Leben der

Einwohner der Stadt zu schützen. Und so zogen wir als Patrouillen Tage

lang durch die Strassen der Stadt.

Eines Tages kam Liu Fu piao ins Quartier, liess die Patrouillen

zurückziehen und gab Befehl zum Ausrücken. Niemand wusste, wohin es

ginge. Die Aelteren freuten sich, weil sie glaubten, nun würde wirklich

gekämpft. Statt dessen wurde einmal richtig gegessen, denn wir hatten

seit vierzehn Tagen kein anständiges Essen im Leibe. Liu händigte einem

Unteroffizier eine Summe Geldes aus und liess dafür über tausend warme

Kuchen kaufen, von denen jeder Mann einen bekam. Dann marschierten wir

kauend weiter nach dem Gebäude der Schansi Gilde am Nantao Bund, wo wir

den Rest des im Feuer gewesenen 61sten Bataillons trafen. Wir waren

noch nicht weggetreten, als Liu Fu piao mit einem etwa dreissig Jahre

alten Chinesen kam, der einen goldnen Zahn hatte. Liu sagte, dass Herr

Tsai einige Worte an uns richten wollte. Herr Tsai verneigte sich kurz

und sprach, er sei bei dem Führer der Nordsoldaten gewesen, der sich

sehr erfreut darüber ausgesprochen habe, dass die tapferen Kan sze tui

Truppen ihre Kräfte aufgespart hätten und noch nicht gegen das Arsenal

vorgegangen wären. „Ich sehe“, sprach Tsai weiter, „Ihr seid vom Hunger

mager, Euch mangelt an Brot; Eure Waffenröcke sind zerschlissen. Folgt

mir, ich will Euch Beides geben.“ Liu Fu piao bekräftigte mit wenigen

Worten, was Tsai gesprochen hatte.

An demselben Tages wurden wir unter unserm neuen Führer Tai Hsing auf

Boote verladen und nach den Wusung Forts gebracht, wo wir in der „Chung

kuo kung hsueh“ bei dem Dorf Wen tsan pang Quartier bezogen. Tai Hsing

hatte für ein gutes Quartier und ausreichendes Essen gesorgt, sodass

bald frohe Laune herrschte. Die Leute auf meiner Stube stimmten das Kan

sze tui Lied an:

Wer in tiefe Schluchten dringt,

Den Tiger dort zur Strecke bringt,

Ist mutig.

Wer in den tiefen Meerschlund taucht,

Und Perlen holt, die sein Liebchen braucht,

Ist mutig.

Doch kühner als der Jägersmann,

Und todverachtender als der Taucher,

Sind wir, die Kan sze tui.

Trotz des fröhlichen Lieds, in das auch die Leute auf den andern Stuben

einfielen, herrschte doch bald wieder eine gedrückte Stimmung. Wir

wurden das Gefühl nicht los, dass wir von unserm Führer wie Sklaven

verkauft worden seien.

Am nächsten Morgen versammelte unser neuer Führer Ta Hsing die

Mannschaften auf dem Haupthof der „Tschung kuo kung hsüeh“, wo wir im

Quartier lagen und hielt eine Ansprache. Er sagte, wir seien in der

Nähe der Wusungforts stationiert, um sie zu „schützen“. Wie und gegen

wen wir die Forts schützen sollten, sagte er uns nicht. Die Aelteren

von uns, die schon bei Nanking mitgefochten hatten und wirklich einmal

kämpfen wollten, sahen sich erstaunt an und flüsterten sich etwas zu,

was ich nicht verstand. Die Unzufriedenen wurden aber bald andern

Sinnes, als Tai Hsing im Namen Liu Fu piaos einige Beförderungen

bekannt gab. Auch ich stand auf der Liste und wurde vom Gefreiten zum

Unteroffizier befördert. Als solcher verdiente ich vierzehn Dollar

den Monat. Meine Freude war nicht gering; denn ich erhielt wirklich

einmal Gelegenheit, ein paar Dollar zu sparen und wünschte im Stillen,

dass die Revolution nur recht lange dauern würde. Ach, wenn ich damals

gewusst hätte, wie kurz meine Zeit als Unteroffizier dauern sollte!

Nachdem jeder der Beförderten einige Dollar Handgeld erhalten hatte,

wurde Befehl zum Frühstücken gegeben. Mit grossem Poltern stürmten

wir in die Stuben und harrten der reichhaltigen Mahlzeit, die unser

neuer Führer uns versprochen hatte. Welche Enttäuschung! Es gab nur

Tee und harte ausländische Kuchen. Ein grosser Groll sammelte sich

gegen Tai Hsing an, weil er sein Versprechen nicht gehalten hatte.

Die Beförderten kauten aber schweigsam die harten Kuchen und freuten

sich auf das Essen, das sie am Abend in der Garküche nehmen würden,

die nicht weit vom Quartier aufgeschlagen war. Am Abend sassen die

Unteroffiziere unserer Truppe auf den schmalen Bänken vor der Garküche

und schmausten und tranken. Der Unteroffizier Niu stimmte, als er die

Reste der gegessenen Speisen mit einem Näpfchen Wein hinuntergespült

hatte, ein Soldatenlied an, in das wir einfielen:

Vorwärts, immer vorwärts

Für die Republik

Unser Herz ist voller Mut

Soldaten fürchten nicht das Blut

ihrer Kameraden

Fürs Vaterland, fürs Vaterland

Ziehn wir in den Kampf

schützen Hof und Herd

mit Gewehr und Schwert.

Beim Singen klopften wir mit den Essstäbchen taktschlagend auf den

Tisch. Da kam ein Bote unseres Kommandeurs und befahl uns, uns für

den Ausmarsch bereit zu machen. Wir gingen in unsere Stuben, hingen

Patronentasche und Nachtmantel um, und warteten auf das Signal des

Aufbruchs. Das wurde bald gegeben. In einer langen Reihe, Einer hinter

dem Andern, bogen wir in östlicher Richtung in die tiefschwarze

Nacht. Längs des Huangpu marschierten wir in unsere Stellungen. Der

Befehl lautete, scharfen Auslug auf verdächtige Fahrzeuge zu halten,

die vielleicht Nordsoldaten den Huangpu aufwärts nach dem Arsenal

bringen wollten. So lautete jeden Abend der Befehl. Bei Tage durften

wir schlafen und essen. Liu Fu piao kam öfter von Schanghai und hatte

wichtige Besprechungen mit Tai Hsing. Liu besuchte stets, ehe er nach

Schanghai zurückkehrte, den Befehlshaber der Wusunger Befestigungen

Kü Tscheng. Die Freundschaft, die die beiden Männer unterhielten,

war ebenso stark, wie die zwischen Tsao Tsao und Kuang Yü, den

hinterlistigen Helden aus der Zeit der „Drei Reiche“. Soldaten, die

die geheimen Unterredungen zwischen Liu Fu piao und Tai Hsing, und

zwischen Liu Fu piao und Kü Tscheng belauscht hatten, sagten, dass

Yüan Schih kai unsere „Kan sze tui“ Truppe und die Besatzung des

Forts für zehntausend Dollar kaufen wolle. Jeder Soldat sollte seinen

vollen Monatssold und fünf Dollar Entlassungsgeld erhalten. Auffallend

war, dass Liu Fu piao unsere Truppe täglich verstärkte. Wenn er von

Schanghai zurückkam, brachte er immer einen Schub Rekruten mit, die

zum Teil dem aufgelösten 61sten Bataillon entnommen waren. Eines

Tages kamen auch auf Schleichwegen sechs Maschinengewehre. Wollte

Liu unsere Truppe stärker machen, um mehr Geld beim Verkauf an die

Regierung herauszuschlagen? Merkwürdig war, dass Lius Besuche beim

Festungskommandanten plötzlich aufhörten. Alles sah danach aus, als

ob unsere Truppe nicht zum Schutz, sondern zum Angriff auf die Forts

bereit sein sollte.

Wir hatten das Gefühl, als ob irgend ein schreckliches Ereignis in der

Luft liege. Wie es kam, weiss ich nicht. Eines Nachmittags ertappte ich

mich auf einem Spaziergang um unser Quartier. Es war von vier Seiten

von einem breiten Wassergraben umgeben, und der Weg zum Haupteingang

führte über eine Brücke. Wie notwendig diese kurze Orientierung war,

zeigte mir der kommende Tag, an den ich mit Schrecken zurückdenke.

Bei Morgendämmerung zogen wir uns aus den gewohnten Stellungen am

Huangpu zurück und fielen nach der durchwachten Nacht bald in Schlaf.

Die vom Nachtdienst frei gebliebenen Mannschaften flickten ihre

zerschlissenen Uniformen oder kauten harte Kuchen. Ich war gerade beim

Kleiderwechseln, als der Wachtposten am Haupteingang aufgeregt durch

die Gänge lief und Liu Fu piao und Tai Hsing suchte. Tai kam aus seiner

Stube, und ich hörte, wie die Ordonnanz in hastigen Worten meldete,

eben sei eine starke Abteilung Soldaten aus dem Fort marschiert und

nähere sich unserm Quartier in Schützenlinie. Kaum hatte er die Meldung

erstattet, da sauste ein Geschoss über unser Quartier und schlug nicht

weit davon ein. Wer hatte geschossen? Waren Nordsoldaten gelandet?

Hatte das Fort auf uns geschossen? Es war keine Zeit zum Nachdenken.

Der Donner des Geschosses liess alle Schlafenden erwachen. Jeder griff

zu den Waffen. Alles eilte wirr durcheinander. Draussen knatterte

Kleingewehrfeuer. Das erhöhte die Verwirrung. Vergebens schrie Tai

Hsing in die Soldatenmenge, sich zu ordnen. Liu Fu piao lief bleich

und mit herabhängendem Schnurrbart aus seinem Zimmer und versuchte

durch mutiges Schimpfen seine „entwichene Seele“ zurückzurufen. Dann

trat er zu Tai Hsing, und sagte ihm, er fahre sofort nach Schanghai,

um Verstärkungen zu holen, damit der Verrat gerächt werde. Statt aber

mutig durch den Hauptausgang zu laufen, der von den Angreifern unter

Feuer genommen wurde, lief er nach Westen, wo er wahrscheinlich über

die Mauer geklettert und durch den Wassergraben geschwommen ist, um

mit heiler Haut zu entkommen. Die Geschosse der Feinde fielen dichter

ein; darunter waren auch Granaten. Auf dem Hof waren etwa zweihundert

Mann angetreten, das war Alles, was von unsern achthundert Mann übrig

geblieben war; der Rest war in der Verwirrung geflohen. Tai Hsing gab

den Befehl, sofort durch den Hauptausgang dem Feind entgegenzurücken.

Als wir im Sturmschritt durch den engen Ausgang in das freie Gelände

liefen, prasselte uns ein Geschosshagel entgegen. Vor mir knickte

ein Mann in sich zusammen; ich glaubte, er wollte seine Schuhriemen

fester machen; er war aber zu Tode getroffen. Ohne starke Verluste

waren wir endlich auf freiem Gelände und sahen unsern Gegner, der

in langer Reihe hinter Feldrainen und Grabhügeln versteckt war. Auf

dem Boden kriechend suchte jeder eine Deckung, und bald gaben wir

den Angreifern durch anhaltendes Feuern ebenbürtig Antwort. Schuss

auf Schuss krachte aus den grossen Geschützen im Fort, die schweren

Geschosse flogen über unsere Köpfe weg und schlugen hinter unserm

Quartier ein. Wahrscheinlich galten sie unsern Flüchtlingen, die wie

ein Ameisenschwarm das Gelände überfluteten. Als Unteroffizier gab

ich den Soldaten den Befehl, ein Maschinengewehr aus dem Quartier zu

holen. An den Gebrauch dieser wirksamen Waffe hatte in der Verwirrung

Niemand gedacht. Bald war das Gewehr in Feuerstellung. Niemand konnte

aber damit schiessen. „Wer ist vom 61sten Bataillon?“, schrie ich die

Reihe entlang. Rasch krochen einige Mann heran und dann sausten mehrere

hundert Schuss in der Minute in den Feind; zugleich ratterten auch

die Gewehre unserer zweihundert Mann. Das überraschende Schnellfeuer

machte die Angreifer stutzig; einige wandten sich zur Flucht, und ihnen

folgte ein grosser Haufe. Unsere Leute sprangen nun vor, schossen und

rückten weiter vor, den Feind zurücktreibend, der keinen Widerstand

leistete. So gingen wir rasch vor; etwa fünfzig Tote und Verwundete

unserer Truppe bezeichneten den Weg, den wir gekommen waren, und

ebensoviele Gefallene des Feindes zeigten uns den Weg, den wir noch

zu gehen hatten. Etwa einen halben Li vor dem Fort blieben wir in

Deckung liegen. Unteroffizier Niu, der am äussersten linken Flügel

gefochten hatte, kam zu mir heran. Er blutete an der Wange. Trotzdem

war sein Mut ungebeugt. Wir berieten beide, was nun weiter zu tun

wäre. Sollten wir die Schmach auf uns nehmen, von unsern Brüdern, mit

denen wir gemeinsam kämpfen wollten, angegriffen und geschlagen worden

zu sein, oder sollten wir Rache nehmen? Rache nehmen hiess aber, für

Yüan Schih kai gegen die Festung Sturm laufen. Wir entschieden uns

für Letzteres, denn wir sagten uns, dass Ehre und Reichtum gewiss war,

wenn wir die Befestigungswerke für die Nordregierung nehmen würden.

Ein Kamerad, der früher bei der Artillerie stand, sagte, am Besten

wäre es, die nach dem Huangpu liegende Seite des Forts anzugreifen, wo

kleinere Geschütze standen; sobald wir auf den Wällen wären, wollte

er den übrigen Teil des Forts mit den Geschützen beschiessen. Das war

ein Gedanke, dem Niu und ich sofort zustimmten. Niu kroch nach dem

linken Flügel zurück und gab den Leuten kund, dass sofort Befehl zum

Angriff gegeben werde; das Ziel sei die Eingangspforte in der Nähe des

Teiches. Kaum war Niu an seinem Flügel angelangt, so machte er mit

seinen Untergebnen, etwa achtzig Mann, eine Schwenkung, sodass sein Zug

halbrechts gegen den Huangpu lag. Im Fort wurde die Bewegung bemerkt,

und so bekam sein Zug heftiges Feuer. Nun ging es im Sturmschritt vor.

Hie und da stürzte Einer von uns. Wir kamen aber dem Fort immer näher.

Deutlich konnten wir die feindlichen Schützen auf der Umfassungsmauer

sehen. Wir feuerten, sprangen vor, suchten neue Deckung und feuerten

weiter, das Auge immer auf den östlichen Teil der Forts gerichtet.

Dreihundert Meter -- zweihundertfünfzig -- zweih --. Da plötzlich

ertönte ein furchtbarer Schrei vom linken Flügel. Wir sahen nach links

und bemerkten zugleich, wie aus den Toren der Forts sich feindliche

Truppen ergossen und sich wie ein Heuschreckenschwarm über das Gelände

verbreiteten. Unsere Leute hatten bald die sich nahende Uebermacht

bemerkt und begannen zu flüchten. Es war kein Halten mehr; in wirrem

Durcheinander strömte der Rest unserer Truppen dem roten Backsteinbau

zu, wo unser Quartier lag. Viele rissen sich die Patronengürtel vom

Leib und warfen die Waffen fort, um schneller laufen zu können. Wie

flüchtendes Wild vor dem Jäger sauste Alles über die Felder. Geschosse

aus Geschützen und Gewehren schlugen in unsere Reihen und manch wildem

Lauf wurde ein frühes Ziel gesetzt. Etwa achtzig Mann erreichten das

Quartier. Niu, der sich trotz seiner Wunde immer noch tapfer hielt,

befahl, zwei Maschinengewehre an den Eingang zu stellen. Sie konnten

jedoch nicht in Aktion treten, weil uns der Feind von der Nordseite her

angriff. Unser Führer Tai Hsing und seine Unterführer liefen aufgeregt

durch Gänge und Höfe und wussten keinen Rat. Auch wir Soldaten

wussten nicht, was wir tun sollten; wir fühlten nur, dass unsere

Widerstandskraft gebrochen war.

Ich wollte gerade in der Stube meine Sachen holen, da stürzten schon

die Angreifer über Mauer und durch die Hinterpforte und zugleich schlug

eine Granate in den hintern Teil des Gebäudes, das in Flammen aufging.

Ich kletterte an einer Bambusstange die Südmauer hinauf, sprang auf

der anderen Seite hinab und durchschwamm den Wassergraben. Ich blieb

bis zum Oberkörper im Wasser und versteckte meinen Kopf zwischen

Ufergebüsch. Aus dem Hof drang furchtbares Schreien und Schlagen,

als ob mit dem Gewehrkolben auf Holz geschlagen würde. Nach einer

Weile kroch ich aus meinem Versteck und wollte zwischen Reisfeldern

das Weite suchen, als mich ein Schwarm der Angreifer entdeckte und

mich zum Gefangenen machte. Ich wurde nach dem Hof unseres Quartiers

gebracht, wo eine grosse Zahl meiner Kameraden von feindlichen Soldaten

bewacht wurden. Auch Tai Hsing und seine Unterführer waren unter den

Gefangenen. Unteroffizier Niu bemerkte ich nicht. Wir wurden unter

scharfer Bewachung nach dem Fort gebracht, wo der Kommandant Kü Tscheng

und seine Offiziere ein scharfes Verhör anstellten. Wir glaubten alle,

dass wir erschossen werden sollten, zuerst wurde unser Führer Tai Hsing

verhört. Kü Tscheng liess ihn vortreten und sprach zu ihm: „Du bist

einmal einer meiner heissgeliebten Brüder gewesen, der für die gerechte

Sache kämpfen wollte. Du bist aber ein Verräter geworden, der den Tod

verdient.“ Kü Tscheng gab Befehl, den Gefangenen wegzuführen; Tai wurde

am nächsten Morgen erschossen. Mit ihm noch einige Unterführer, mit

Ausnahme Yings, der in die Dienste Kü Chengs trat. Von den Soldaten

wurde keiner erschossen. Einige blieben im Fort, um bei Kü Tscheng

Kriegsdienste zu tun. Die Uebrigen erhielten vier Dollar und durften

gehen, wohin sie wollten.

Ich kehrte mit einigen Kameraden nach Schanghai zurück. Wir wollten Liu

Fu piao suchen, der uns noch Entlassungsgeld zahlen sollte. Im Tai yang

Tempel in Chapei fanden wir ihn. Dort kamen auch in den nächsten Tagen

noch viele geflüchtete Kameraden, sodass wir im Ganzen zweihundert

Mann waren. Viele von uns sahen mager aus und trugen zerrissene

Zivilröcke. Liu Fu piao sorgte für unsern Unterhalt; er geizte aber mit

den Ausgaben, so dass wir immer halbhungrig waren. Wir sagten ihm, er

solle uns endlich ablöhnen. Einige von uns hatten eine Zusammenkunft

in einem Hotel in der französischen Niederlassung und beratschlagten,

was sie nach ihrer Entlassung tun sollten. Sie beschlossen, eine

Eingabe an den Tutu von Kiangsu, Tschen Teh tschuan, zu machen, worin

sie ihn bitten wollten, sie in seine Dienste zu nehmen. Was daraus

geworden ist, weiss ich nicht. Endlich erhielten wir unsern letzten

Sold. Am Nachmittag wurde ein Handkarren mit zwei Kisten ins Lager

gefahren, die Silberstücke enthielten. Liu Fu piao liess uns dann durch

seinen Zahlmeister je sieben Silberdollar bezahlen. Sie waren ganz neu

und noch nicht gebraucht. Auf dem Geld stand: „Dollar der Ta Tsing

Dynastie“ in chinesisch und mandschurisch. Merkwürdig: wir einstigen

Revolutionäre wurden mit dem Geld des Kaisers aus dem Dienst entlassen.

Jeder erhielt eine Bescheinigung, dass er unter Liu Fu piao bei den

„Kan sze tui“ gedient hatte. Liu ging am nächsten Tage nach Su tschou.

Das ist meine Lebensgeschichte.

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Schen: Studien aus einer chinesischen Weltstadt · 第 9 / 11 段