Der Leser wird vielleicht enttäuscht sein, wenn er den Erinnerungen

eines chinesischen Revolutionärs bis hierher gefolgt ist. Er hat sicher

erwartet, dass darin von Verschwörungen, Bomben und Begeisterung

berichtet werde, besonders weil Wang Fei ting der „gefürchteten“

zum „Tode bereiten Truppe“ (die Engländer sagen „dare to dies“)

angehörte, von deren Tapferkeit und revolutionärer Begeisterung in der

chinesischen und englisch-amerikanischen Presse nicht genug Rühmens

gemacht werden konnte. Liu Fu piao wird sich über die ungewollte

Pressreklame oft ins Fäustchen gelacht haben, denn sie hat sicher

dazu beigetragen, dass er den Verkauf seiner Truppe an die Pekinger

Regierung unter den günstigsten Bedingungen hat durchsetzen können.

Geschichtlich ist die Feststellung interessant, dass die „Kan sze

tui“ Truppen in dem Augenblick, wo sie von ihrem neuen Führer Tai

Hsing in Nan tao im Empfang genommen wurden, schon ohne ihr Wissen an

die Nordregierung verkauft waren. Die Verführten und Betörten sind

natürlich die Söldner gewesen. Solange sie bezahlt werden und genug zu

essen haben, kämpfen sie für jede Sache. Hunderte sind um des Geldes

und des täglichen Reises willen auf dem Schlachtfeld geblieben; ihnen

flicht die Nachwelt keine Kränze. Die Erinnerungen des Revolutionärs

bergen eine ernste Lehre für die chinesische Regierung. Vor einigen

Jahren zitterten die Behörden vor der „Studentengefahr“, da sie

glaubten, dass in den Köpfen jugendlicher Heisssporne der Umsturz

geboren werde; sie liessen aber dabei die „Soldatengefahr“ ausser Acht,

die erst die Theorien politischer Wolkenkukuksheimer wirksam machen

konnte, und die aus den Kreisen heraus entstehen musste, die infolge

der sozialen Verhältnisse nach einer bessern Lebensversorgung drängten.

Erst das Geld, dann die Gesinnung war das Schlagwort dieser Kreise;

dass es mitunter zum Siege führen kann, hat die Wu-tschanger Revolution

des Jahres 1911 gezeigt. Solange China Hunderttausende junge Menschen

hat, die auf die Gefahr des Totschiessens hin jedem Demagogen folgen,

der ihnen Geld und Reis zu bieten vermag, schwebt über jeder Regierung

in Peking, sei sie republikanisch oder monarchisch, das Damoklesschwert

einer Revolution.

[Illustration]

Schanghai und China.

Die paar tausend Westländer, die die Ufer des Huangpu und die

grünen Baumränder des Stadtgürtels bevölkern, sind mitten unter den

Hunderttausenden von Chinesen die Fiebererreger der Arbeit. Was

wäre Schanghai ohne die Ausländer? Dschunkenhafen wie viele andere

an der Küste; vielleicht etwas sittlich gesünder und nüchterner als

das jetzige Schanghai, aber ohne das belebende Kapital. Das haben

erst die Ausländer hereingebracht; wie aus einem goldnen Füllhorn

wurde es über die Stadt ausgeschüttet. Das sumpfige, wertlose

Gelände, angeschwemmt von verschlickten Flüssen, das man vor sechs

Jahrzehnten für ein paar Dollar hätte kaufen können, hat heute einen

Wert von Millionen. Eng aneinander gepfercht liegen die fremden

Geschäftshäuser, ineinander verbissen; keins kann dem andern Raum

geben. Dazwischen schieben sich überall chinesische Häuser herein,

mit dumpfen, sonnenlosen Räumen. Jeder Zoll kostet Geld. Drunten

von Wusung bis viele Meilen flussaufwärts reihen sich die surrenden

Getriebe der Fabriken und wie Dürstende drängen sie sich an den Ufern

des Suchouer Krieks, der ihnen den Verkehr auf dem Wasser ermöglicht;

ihr Räderwerk steht nie still. Weissflockige Baumwolle, von zarten

Mädchenhänden entkernt, wird zu glänzenden Geweben gesponnen und

gefärbt; Zigarren in Form und Zigaretten in Hülsen gebracht; aus

gelben Bohnen, von der Mandschurei geliefert, wird goldbraunes Oel

gepresst, Getreide zu blendend weissem Mehl gemahlen; Eisen und Stahl

wird geschmiedet und gegossen und aus Hopfen und Malz deutsches

Gebräu hergestellt; unzählige kleingewerbliche Betriebe gewähren

Tausenden Verdienst. Ein auf- und abwogendes Leben herrscht in den

Strassen, wo Tausende von Läden den stillen Kampf um den Kunden

führen. Kunstgewerbliche Erzeugnisse aus den achtzehn Provinzen sind

in den Auslagen vertreten. Riesige Lagerschuppen erheben sich in

meilenweiter Ausdehnung am Fluss, empfangen fremde Güter aus tiefem

Schiffsrumpf und stossen sie von Zeit zu Zeit automatisch wieder

ab. Der fremde Kaufmann im Geschäftshaus füllt täglich Seiten mit

schwindelerregenden Zahlen, wirft mit Hunderttausenden um sich, die

sich bei der kleinsten Kursschwankung vermehren und verringern können,

ist Mehrer der vierteljährigen Zollstatistik und sieht in seinem Leben

kein Stück der Waren, die ohne Fährnisse an ihren Bestimmungsort

gelangen. Alles wickelt sich so sicher und taktmässig ab, wie ein

gleichmässig abgestimmtes Uhrwerk. Für viele Millionen Mark Waren

bringen die paar tausend Westländer jährlich herein; trotzdem sind

sie nur ein Tropfen auf das unermessliche Absatzgebiet. Der Kaufmann

glaubt zu herrschen; doch er wird beherrscht. Beherrscht von all

den subtilen Aeusserungen auf dem riesigen Weltmarkt. Wenn heute in

Kanada die Ernte missrät, der indische Monsun früher einsetzt als

gewöhnlich, in Manchester die Arbeiter streiken, ein europäisches

Bankhaus verkracht, ein Balkanstaat Kriegsdrohungen ausstösst, so

äussert sich das mehr oder minder merklich auf dem hiesigen Markt.

Weniger von diesen Einflüssen abhängig ist der chinesische Markt.

Wie ein Kettenglied greift das Kapital eines Geschäftsunternehmens

in das andere über; ebenso wie das kollektivistische Chinesentum dem

individualistischen Westländertum, so steht hier das kapitalistische

chinesische Unternehmertum dem westländischen Einzelunternehmer

gegenüber. Hier Stärke, die sich auf sich selbst verlässt, und von

Mächtigeren niedergerungen werden kann, dort vereinigte Schwäche, die

sich schon mehr als einmal als das Stärkere erwiesen hat. Die Erfahrung

lehrt aber, dass immer dann ein chinesisches Unternehmen zu Grunde

ging, wenn es, beeinflusst von individualistischen westländischen

Geschäftsgebahren, aus dem Rahmen seiner mächtigen Organisation,

dem verkapitalisierten Chinesentum, trat. Es wurde ein Opfer des

europäischen Individualismus, für den China noch nicht reif ist. Das

ist in den letzten Jahren häufig in Schanghai geschehen, zum Beispiel

bei den wilden Gummispekulationen, und die Folge sehen wir in dem

unbeständigen chinesischen Geldmarkt, der vorübergehend seiner innern

Stärke beraubt, mit Allerweltspflästerchen von Zeit zu Zeit verklebt

werden muss. Schanghai ist eine Weltstadt. Das beweist auch sein

vielhunderttausendköpfiger Menschenschwarm, der sich Tags über durch

die Strassen schiebt und die engen Grosstadtwohnungen bevölkert. Aus

allen Provinzen des Reichs stammen die Bewohner. Nach altem Brauch, der

zugleich ein treffender Beweis für das starkentwickelte Heimatsgefühl

des Chinesen ist, ist das Herkunftsland für jeden Chinesen stets die

Provinz, in der zuletzt sein Urgrossvater ansässig gewesen ist. Wenn

somit eine Familie vor drei Generationen von Schantung nach Schanghai

ausgewandert ist und sich seit dem in Schanghai niedergelassen hat,

so fühlen sich die hier geborenen Urenkel noch als Schantunger. Im

Hinblick auf die Tatsache, dass ein grosser Teil der chinesischen

Bevölkerung Schanghais aus allen achtzehn Provinzen stammt, und der

grösste Zuwachs erst seit den letzten drei Jahrzehnten stattgefunden

hat, wird demnach Schanghai von Leuten bewohnt, die rein äusserlich

die Bevölkerung Schanghais ausmachen, sich im Herzen aber gar nicht

als Schanghaier fühlen. In den Stamm der Bevölkerung Schanghais,

die sich vor sechs oder sieben Jahrzehnten aus Bauern und Schiffern

zusammensetzten, brachten die regsamen Chekianger, in denen heute

noch zum Teil etwas von der Regsamkeit der geschäftstüchtigen Araber

steckt, die in Hang tschou und Ningpo stark bevölkerte Ansiedlungen

besassen, den geschäftigen Geist, und den Blick für das Grosse die

Leute aus dem fernen Schansi. Die trefflich organisierten Banken der

Schansier haben heute noch einen grossen Ruf innerhalb der chinesischen

Welt. Die Leute aus Anhui begünstigten die Leichtlebigkeit; denn

merkürdiger Weise stammen alle Pfandhausinhaber in Schanghai aus

der Provinz Anhui. Und ausser aus diesen drei Provinzen haben noch

Einflüsse aus den fünfzehn andern und nicht zum Geringsten aus dem

Ausland mitgewirkt, um im Schanghaier einen neuen chinesischen

Typ auszuprägen. Er hat, zur Masse vereinigt, eine gewaltige

Assimilierungskraft, der jeder andere Chinese, dessen Wiege nicht in

Schanghai gestanden hat, zum Opfer fällt. Ein chinesisches Sprichwort

sagt: „Wenn man ein Stück weisses Tuch in Indigo wirft, so wird

es blau“. Nun, Schanghai ist der riesige Indigotopf. Und wer als

Einzelner hineingerissen wird, der nimmt die Farbe der Allgemeinheit

an. Und wenn er nach seiner Heimatprovinz zurückkehrt, so steht er

mit seiner in Schanghai erlernten Weltanschauung fremd am eigenen

Herd. Denn es ist eine ganz eigenartige, berückende Luft, die hier

in Schanghai weht, eine sinnbetörende Atmosphäre die der Atem der

Weltstadt verbreitet. Das gilt für das Wirtschaftsleben, dem man

nüchternen Auges gegenüberstehen soll, vielleicht weniger, als für

das politische und gesellschaftliche Leben. Für Letzteres aber ist

Schanghai der tonangebende Platz des Reichs geworden. In engen,

verkehrsdurchwogten Gassen liegen die Hauptquartiere der politischen

Parteien. Eine Botschaft durch den Draht gibt den Parteimitgliedern

bei der Pekinger Regierung die Weise an, nach der sie zu tanzen haben.

In Schanghai wohnen die unsichtbaren Machthaber Chinas. Was sie nicht

denken, spricht die ihnen nahestehende Presse aus; was sie denken,

verschweigt sie. Keine andere Stadt in China hat ein äusserlich so

entwickeltes Zeitungswesen wie Schanghai. Innerlich steht es auf

derselben Stufe, wenn nicht auf niedrigerer, als vor einem Jahrfünft.

Nachrichten wie folgende: „Eine ehrsame Witwe genas eines Fuchses“,

sind zwar in Folge der „aufgeklärten Zeit“ aus den Spalten der Blätter

verschwunden, früher aber häufig vorgekommen. Die Redakteure der

chinesischen Blätter stehen nicht im besten Ruf. Das kommt daher, dass

die Arbeitszeit von sechs Uhr Abends bis zwölf Uhr Nachts dauert und

dass ein einmal „angebrochener Nachmittag“ glücklich zu Ende geführt

werden muss. Die wenig sittliche Kraft der Redakteure zeigt sich auch

im Inhalt der Zeitungen, an denen sie arbeiten. Es vergeht kein Tag,

wo den Lesern nicht irgend eine illustrierte Geschichte aufgetischt

wird, deren Heldinnen Freudenmädchen sind. Anstatt Erzieher des Volks

zu sein, sind die Schanghaier Blätter Verderber des Volks. Wenn

irgendwo Politik den Charakter verdirbt, so geschieht es in Schanghai.

Denn eine Anzahl Blätter blasen politische Zukunftsmusik, die gar

lieblich das Ohr der verständnislosen Leser umfächelt. Proletariat,

Prassertum und freie Liebe ist ein gern gehörter Kehrreim. Was in den

politischen Vereinigungen, deren es in Schanghai über zweihundert geben

soll, über Politik gefaselt wird, lässt sich gar nicht beschreiben.

Meist liest es nur eine geringe Anzahl. Manchmal dringt aber auch

etwas in weitere Kreise. Eine Frau gründet einen sozialen Frauenklub.

Sie selbst ist der Vorstand und hat ihren Mann zum Schatzmeister

ernannt. Dieser kassiert die Mitgliedsgelder ein, sagt „Mein Name ist

Schall und Rauch“ und verflüchtigt sich. Diese Vereinsgründung ist

ein Beweis, dass auch unter der Schanghaier Frauenwelt politisches

Leben seinen Einzug hält. Dieses Mal kommt alles Heil von Canton, das

sich brüsten kann, drei Frauen in seinem Landtag zu haben, die mit

süssen Stimmchen über die Geschicke Kuangtungs entscheiden helfen.

Chinesische Frauenrechtlerinnen sind ein bestimmter Typ. Der weibliche

Typ des „zurückgekehrten Amerikastudenten.“ Anstatt als werdende

Hausfrauen eifrig Küchenchemie zu treiben, haben sie Bombenchemie

getrieben, die ihnen während des Aufstands gute Dienste geleistet hat.

Wie andere Beteiligte an der Revolution verlangen auch sie für ihre

Dienste eine Gegenleistung, und die besteht lediglich darin, dass den

paar Millionen chinesischen Frauen politisches Stimmrecht verliehen

wird. Die Regierung hat abgewinkt. Nun, so versuchen die Eiferinnen

in zäher Arbeit ihr Ziel zu erreichen. Mit der Gründung einer Schule

für angehende Frauenrechtlerinnen ist in einem Wetterwinkel Schanghais

bereits begonnen worden. In Wort und Schrift wird für den neuen

Frauengedanken Propaganda gemacht. Der Anschluss an englische und

amerikanische Vereinigungen, die dem gleichen Ziel zustreben, (das

heisst, mitunter einmal Fenster einschlagen oder einen hohen Beamten

durch Johlen zur eiligen Flucht zwingen, ist auch schon in China

vorgekommen) ist bereits gelungen. Ja, Schanghai ist eine Weltstadt.

[Illustration: Modernes chinesisches Geschäftshaus in der Nanking Road.]

[Illustration: Offene alte Läden in der Nanking Road.]

[Illustration: Ansicht eines Silbergeschäfts mit reichem Schnitzwerk in

der Nanking Road.]

* *

*

Ein Unbekannter, der einen flüchtigen Tag in Schanghai verbrachte,

schrieb am 2ten April 1908 in sein von der „Neuen Rundschau“

veröffentlichtes Reisetagebuch: „Ueber den Menschen liegt die

Stumpfheit der Kulturferne. Nur materielle Kultur ist da, und man

fühlt recht, wie wenig sie bedeutet. Für den Chinesen ist sie eine

ungünstige Folie. Er scheint, an ihr gemessen, plump und unzugänglich.

Andererseits wirkt er in diesem seelenlosen Milieu selber noch

nüchterner und trockener.“ Der Mann, der das schrieb, hat beim Betreten

der Weltstadt Schanghai nicht nach Art der flüchtigen Weltenbummler

das Protzig-Aeusserliche, durch westländische Zivilisationsmittel

Geschaffene auf sich einwirken lassen, sondern hat mit einem offenbaren

Sinn für das Psychologische ausgestattet, nach der Seele der Weltstadt

gesucht, wie er sie wohl in jeder grossen Stadt des europäischen

Festlands zu entdecken gewohnt war. In Schanghai hat er die Seele

nicht gefunden, und er musste die Feststellung machen, dass es

seelenlos, das heisst kulturlos, ist. Ihrer ganzen Entwicklung nach

musste auch Schanghai zur steten Kulturlosigkeit verdammt werden, und

alle Versuche, ihm eine Seele einzuhauchen, müssen scheitern, weil

noch der Meister fehlt, dem das gelingen könnte. Schanghai ist das

nackte Produkt eines krassen Materialismus, dem alle Ansätze zu einer

veredelnden Weiterbildung fehlen. Handel- und Schachergeist hat die

Weltstadt erbaut, von Handel- und Schachergeist wird sie beherrscht.

Aufgezwungene Verträge, unter drohenden englischen Kanonenschlünden

unterschrieben, schufen den Grund und Boden, auf dem sie steht. Ganze

Strassen gehören satten Kapitalisten, deren Söhne von den Erträgen

leben, die die fetten Häusermieten abwerfen. Es waren nicht die

edelsten Vertreter des Westens und des Chinesentums, in deren Schweiss

die Weltstadt entstanden ist. In den sechziger Jahren des vorigen

Jahrhunderts war China das Land des europäischen Abenteurers, der

besonders durch den Taipingaufstand angelockt, Schanghai zum Stützpunkt

seiner Unternehmungen machte; die politische Konquistadorenpolitik

zerschellte an dem passiven Widerstand des Chinesentums. Desto

nachdrücklicher war die wirtschaftliche Konquistadorenpolitik.

Englische Lebensinteressen erforderten es, dem indischen Opium ein

Absatzgebiet zu schaffen. Durch den Rachen Schanghais wurde das

berauschende Gift ins Land geschüttet, das seinerseits hergab, was

der Acker trug. Der mit den Landesverhältnissen unkundige Kaufmann

brauchte einen Vermittler, den Compradore, der, sich durch den

Zwischenhandel rasch bereichernd, zu einer neuen Gesellschaftsklasse

auswuchs, die allmählich zur herrschenden Klasse geworden ist. Sie ist

ebenso wie die Weltstadt Schanghai durch und durch materialistisch.

Schanghai speicherte immer Reichtum in seinen Mauern auf und brachte

andere Handelsstädte an der Küste unter seine wirtschaftliche

Vasallenschaft. Schon regte sich unter der Jugend das Bedürfnis nach

westländischer Bildung. So entstanden Schulen, in denen der Junge

lernte, wie man rasch Geld verdienen konnte. Der Kontordiener der Tags

über mechanisch mit der Presse Briefe kopierte, liess sich Abends in

die Geheimnisse der englischen Sprache einweihen, mit der sich so

leicht Geschäfte machen liessen. Vielleicht bin ich in einigen Jahren

ein gebietender Handelsherr, dachte er. Vielen war das Glück hold.

Zwei brachten es sogar zum Minister. Es waren auch nicht die besten

Vertreter des Chinesentums, die sich in den Gründerjahren in Schanghai

zusammenfanden. Flüchtlinge aus dem Taipingaufstand, Verbrecher,

bankrotte Kaufleute, alle möglichen verkrachten Existenzen, sammelten

sich im Bereich der schützenden Niederlassungsgrenze. So wuchs

Schanghai allmählich heran; ein Schreckbild und warnendes Beispiel für

jeden wahren Chinesen.

Und was ist Schanghai heute? Aeusserlich ist es ins Weite gewachsen

und nennt alle Mittel westländischer Zivilisation sein eigen,

einschliesslich des Luftfahrzeuges, das schon über die Dächer surrte.

Doch die Menschen sind dieselben geblieben. Für Jeden, der durch

den Tod abberufen wurde oder mit prallem Geldbeutel in die Heimat

zurückkehrt, springen drei neue ein, die in derselben Weise des Glück

erjagen wollen. Beinahe genau in denselben Bahnen, wie vor fünfzig

Jahren, bewegt sich das Verhältnis zwischen Westländer und Chinesen.

Die, die durch gemeinsame Interessen, das heisst das Geldverdienen,

miteinander verknüpft sind, leben im besten Einvernehmen; es ist ein

künstlich gezwungenes Einvernehmen, das jede Partei erhalten zu sehen

wünscht, weil es zum beiderseitigen Vorteil gereicht. Von irgend einem

tiefern, gegenseitigen Verständnis, einem sich anbahnenden „Sich

verstehen wollen“ ist keine Spur vorhanden. Unüberbrückbar ist die

Kluft zwischen dem Westländertum und der breiten Bevölkerungsmasse.

Pharisäischer Rassenhochmut des Westländers und verhaltener Hass der

Masse gegen den erobernden Eindringling sind Extreme, die sich nie

berühren, sondern die nur noch weiter auseinanderklaffen können.

Vor fünfzig Jahren, als sich der Westländer wirklich auf die Macht

seiner Kanonen stützen konnte und als noch die chinesische Masse

ihre ganze Ohnmacht fühlte, da war die herrschende Stellung des

Westländers bedroht. Fünfzig Jahre bedeuten aber für Chinesen, deren

Zahlengedächtnis, wenn sie die Geschichte ihres Landes studieren

wollen, die Stufenleiter abwärts bis dreitausend vor Christus

zurückgehen muss, nur eine Tag- und Nachtspanne. Und wie leicht kann

er sich Dessen erinnern, was erst gestern geschehen war. Noch leben

achtzigjährige Greise in Schanghai, die ihren Enkeln erzählen können,

wie damals die Westländer die gesegneten Fluren zertrampelt haben

und wie sie jedem, der sich nicht scheu duckte, die starke Faust des

Eroberers fühlen liessen. In Büchern und Schriften sind die Sünden

der Westländer aufgezeichnet, und nie wird ihnen dereinst grossmütig

Absolution gegeben werden. Nein, die Nachkommen müssen fühlen, was

ihre Vorfahren im Unverstand getan haben. Hat Schanghai nicht oft

genug elementare Ausbrüche der Volkswut erlebt? Haben die Jahre 1905,

1908 und 1910 nicht Explosionen eines Volksempfindens gebracht,

das den Westländern übel will? Die Revolution hat dieses Empfinden

geschärft. Genau in dem Masse wie sich in den Kreisen der Jungchinesen

ein bis zur äussersten Empfindlichkeit gesteigertes Nationalgefühl

herausgebildet hat, das gegen jeden vermeintlichen Uebergriff der

Westländer in chinesische Hoheitsrechte geschlossen Front macht, ist

auch das Massenempfinden auf diese Abwehr eingestellt. Und dieses

Empfinden ist aus den Verhältnissen der chinesischen Weltstadt

geboren worden; es ist, wie die Stadt selbst, das Erzeugnis einer

kalten, materialistischen Kultur, die zwar Westländer und Chinesen

im wirtschaftlichen Wettbewerb nebeneinander arbeiten lässt, die

aber fast jede, vom Wunsch einer gegenseitigen geistig-kulturellen

Annäherung getragene Absicht bisher vereitelt hat. Das ist eben

der Fluch der Kulturlosigkeit, der auf Schanghai lastet. In der

fortwährenden Anhäufung materieller Werte ist die Prägung geistiger

Werte unterlassen worden. Schanghai ist der missglückteste Versuch

einer westländisch-chinesischen Annäherung.

Die Geschichte lehrt, dass Weltstädte infolge der Fäden, die sie

mit aller möglichen Herren Länder verknüpften, vielfach als Präger

neuer Kulturen auftraten. Man braucht hierbei nur an die Riesenstädte

Niniveh, Babylon, Theben, Memphis zu denken, die mittelbar die

Mittelmeerkultur geschaffen hatte. Ist dem kulturlosen Schanghai eine

ähnliche Rolle in Zukunft für das gewaltige chinesische Festland

vorbehalten? Canton, das vor der Revolution als Ausgangspunkt einer

neuen chinesischen „Kultur“ in Frage kommen konnte, musste die Führung

schon an Schanghai abtreten, das nach allen Teilen des Reiches enge

Verbindungen unterhaltend, der günstigste Platz für ein solches

Unternehmen ist. Seine Presse trägt die Schanghaier Anschauungen weit

in das Land hinein und lockert den Boden im Volk. In dem Augenblick,

wo ganz China dem westländischen Unternehmungsgeist geöffnet ist, gibt

es kein Halten mehr. Was dann geschehen wird, ist ein Zukunftsbild,

und doch glaubt man es schon im Spiegel zu erschauen, wenn man auf

Schanghai blickt. Schanghai ist das Spiegelbild des künftigen China.

Neue Grosstädte werden wie berückende Sumpfblumen über Nacht entstehen

und sich durch dieselbe Kulturlosigkeit auszeichnen wie ihr Vorbild;

kleinere Städte und Dörfer werden sich anschliessen. Alles Schöne und

Edle, was die chinesische Kultur zu geben hat, wird hinweggefegt, und

das Gemeine und Hässliche, was der westländischen Kultur anhaftet,

wird siegreich vordringen, während ihre edlen Bestandteile erdrückt

werden. Chinesischer und westländischer Materialismus werden sich

wieder die Hand zum fröhlichen Bunde reichen. Das wird ein Arbeiten

ohne Feiern. Denn wie berückend muss doch das Gefühl sein, nicht einer

einzelnen Stadt, sondern allmählich einem tausendjährigen Kulturreich

den Stempel der Kulturlosigkeit aufzudrücken.

[Illustration]

Nächtliche Stromfahrt.

Das Boot wird mit langen Bambusstangen durch den schokoladenfarbenen

Suchouer Kriek gestochen. Es ist ein schmuckes Hausboot. Sein Inneres

ist peinlich sauber, deutsch anheimelnd. Fast könnte man glauben,

man sässe in einem schlicht geschmackvollen Junggesellenzimmer.

Heimatbilder zieren die niederen Wände, von empfindender Künstlerhand

aufgehängt. Am Bug, der sich allmählich in die Strömung des Huangpu

hineintastet, stehen Liegestühle bereit, darin man wohlig seine Glieder

reckt.

Noch liegt die Dämmerung hinter dem hellen Tageshimmel versteckt. Dem

Auge nicht sichtbar kämpft sie um Durchbruch.

Schen: Studien aus einer chinesischen Weltstadt · 第 10 / 11 段