ich, dass ich auf die Dauer nicht in der teuren Herberge wohnen
könnte. Ich beauftragte deshalb einen Freund, der mit den örtlichen
Verhältnissen vertraut war, eine Wohnung zu suchen. Das machte grosse
Schwierigkeiten und ich lernte die Schanghaier dabei von einer ganz
besondern Seite kennen. Wo ein Zimmer zu vermieten war, fragte der
Vermieter zuerst eingehend nach meinen persönlichen Verhältnissen; wenn
die Erklärung befriedigend war, fragte man mich, ob ich verheiratet
sei. In mehreren Fällen, wo ich verneinte, wurde mir kurz geantwortet,
dass ich das Zimmer nicht haben könnte. Wie merkwürdig sind doch die
Schanghaier! Sie wollen nur Zimmer an Ehepaare vermieten. Ich konnte
schliesslich doch nicht in Schanghai heiraten, nur um ein Zimmer zu
bekommen! Durch die Fürsprache meines Freundes, der wiederholt beteuern
musste, dass ich ein ehrlicher Mann sei, erhielt ich schliesslich ein
leerstehendes Zimmerabteil in der Pekingstrasse. Im Erdgeschoss hatte
ein Tischler seine Werkstatt aufgeschlagen. Mein Raum lag im ersten
Stockwerk und war von einem grössern Raume durch eine dünne Holzwand
getrennt. Dieser wurde von einem vierzigjährigen Manne bewohnt, der in
einer Druckerei niedrige Aufseherdienste versah und dafür monatlich
etwa fünfzehn Dollar erhielt. Zum Haushalt des Mannes gehörten eine
Frau und sechs Kinder, unter denen zwei erwachsene Söhne und eine
verheiratete Tochter waren. Das jüngste Kind war ein Jahr alt, und ich
stellte gleich am ersten Tage meines Einzugs fest, dass die Familie
demnächst um einen weitern „Mund“ vermehrt wird. Das Lärmen, das
täglich aus dem Nebenzimmer drang, nahm mir die Ruhe bei Nacht und
das freudvolle Verweilen in müssigen Stunden. Wenn der Gatte Abends
nach Hause kam, schimpfte er über das karge Essen; die Frau erwiderte
im scharfen Ton, und dazwischen heulte das Jüngste. Solange ich dort
wohnte, habe ich das kleine Kind nie ruhig gesehen. Sein Weinen war
herzzerbrechend. Ich glaube, dass das Kind stets Hunger leidet. Statt
dass die Mutter, wie es die Schantunger Mütter tun, ihrem Kleinen den
nahrhaften, aus Weizenmehl hergestellten Brei zu essen gibt, stopft
sie ihm grobkörnigen Reis in den Mund. Ich gab der Frau Ratschläge,
wie der Weizenbrei bereitet wird; sie meinte aber, dass Weizenmehl
der Gesundheit schädlich sei. Mein Herz wurde täglich unruhiger über
den Lärm, den ich hörte, und über die Umgebung, in der ich wohnte.
Ich tröstete mich aber mit einem Ausspruch des Kungtse, der an einer
Stelle sagt: Tschün tse chüeh wu chiu an (Den Edelmann soll es nicht
kümmern, wo er sein Haupt niederlegt). Damit möchte ich nicht sagen,
dass ich in die Klasse des Edelmanns gezählt werden möchte, sondern nur
andeuten, dass ich mit der gesellschaftlichen Umgebung, in die mich des
Himmels Bestimmung gestellt hat, zufrieden bin. Ich bin in kleinen,
bäuerlichen Verhältnissen aufgewachsen und möchte aus ihnen nicht höher
streben. Ja, ich wage zu sagen, dass jeder Bürger seinem Vaterland
dann die besten Dienste leistet, wenn er den Kreis nicht verlässt,
den ihm die Bestimmung gezogen hat. Jedes Höherstreben, hinter dem
gegebene Voraussetzungen zurückbleiben, schwächt die Grundlagen des
Staates. Ueber das Schicksal der mir benachbart wohnenden Familie
hatte ich oft im Stillen nachgedacht. Sechs Kinder zu ordentlichen
Menschen zu erziehen, muss einen grossen Teil des kargen Verdienstes
des Familienvaters im Lauf der Jahre aufgezehrt haben. Und was würde
geschehen, wenn der Arme nur auf kurze Zeit krank und arbeitsunfähig
würde? Dann könnte man das Sprichwort anwenden: Tschu liao lu lu
kan liao hsi (Wenn die Schöpfräder stille stehen, vertrocknen die
Bewässerungsrinnen), das heisst: wenn der Mann nicht arbeiten kann, hat
seine Familie nichts zu essen. Weshalb hat in unserm Lande gerade der
Arme die meisten Kinder und weshalb bleibt bei dem Reichen, wenn er nur
einen Sohn hat, der Ehrgeiz befriedigt?
Der Ausgangspunkt zu dieser kurzen Betrachtung war das für Schanghai
nur in geringem Mass anwendbare Wort des Konfuzius, dass es den
Edelmann nicht kümmern soll, wo er sein Haupt niederlege. In den ersten
Tagen, als ich das von Lärm erfüllte Zimmer in der Pekinger Strasse
bewohnte und durch den Schreihals ständig in der Beschaulichkeit
meiner Gedanken gestört wurde, suchte ich mich mit jenem Spruch des
Konfuzius über meine Lage zu trösten. Es kamen aber eine Reihe Umstände
hinzu, die mir das Leben in dieser Umgebung auf die Dauer vergällten.
Die Unruhe in meinem Herzen steigerte sich zusehends und teilte sich
allmählich meinem Kopf und meinen Gliedern mit. Ich führe das zum Teil
auch auf das wenig schmackhaft bereitete Essen zurück. Zuerst begab
ich mich völlig in die Kost meines Wirts, des Tischlermeisters. Mein
Schantunger Magen, der von jeher an derbe und kräftige Kost gewöhnt
war, vermochte aber das Essen, das für Schanghaier Zungen bereitet
war, nicht ertragen. Durch allerlei Zutaten, die ich mir durch einen
kleinen Tischlerlehrling einkaufen liess, versuchte ich dem Essen etwas
mehr Schantunger Geschmack zu verleihen. Die immer wiederkehrenden
Schanghaier Gerichte, die meine Hauptnahrung bildeten, wurden immer
fader, sodass ich sie schliesslich nicht mehr ohne starke Ueberwindung
zu essen vermochte. Dieser Umstand trug zu einem steten Unwohlsein
bei, das noch dadurch gesteigert wurde, dass ich während einer Nacht
das Reissen in den Gliedern bekam. Unbeständig wie der Schanghaier
Volkscharakter ist auch das hiesige Klima. Ich hatte mich an jenem
Abend infolge der heissen Abendluft nicht zugedeckt. In der Nacht
schlug die Witterung um und ich erwachte mit fröstelndem Körper. Als
ich das Fenster schliessen wollte, um der kühlen Luft das Eindringen
zu verwehren, spürte ich plötzlich einen reissenden Schmerz, der sich
von meiner rechten Hüfte bis in die Wade zog. Drei Wochen lang, Tag
und Nacht, litt ich starke Schmerzen, und ich schleppte mich über die
Strasse wie ein in der vergangenen Revolution zum Krüppel geschossener
Soldat. Wenn ich schliesslich von meiner Krankheit geheilt worden bin,
so verdanke ich das der Güte und Milde eines deutschen Arztes, der mir
ein gliederstärkendes Pulver verschrieb; ausserdem hatte aber auch ein
chinesischer Arzt Anteil an meiner Gesundung, indem er mir empfahl,
Nachts ein Hundefell über die schmerzenden Glieder zu legen. Die
Krankheit und die mangelhafte Kost hatten mich stark heruntergebracht.
In einem solchen Zustand begegnete ich zufällig meinem besten Freunde
Wang, den ich ich seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte und den
ich weit in Schantung wähnte. Wir kennen uns schon zehn Jahre. Er
stammt aus der Provinz Kuangsi. Sein Vater war höherer Beamter und sein
Bruder Kreisrichter in einer Stadt in Schantung. Er selbst stand vor
einigen Jahren im Dienst des trefflichen deutschen Postbeamten Ho Li
tse (Holtzapfel), der, wie mir mein deutscher Freund vor Kurzem sagte,
jetzt leider in Deutschland gestorben ist. Jener Deutsche hatte edeln
Herzens seines Amts gewaltet und auch ausserhalb seines Berufskreises
zeigte er sein gütiges Herz. Ihm war die Erziehung unseres Volkes ein
steter Gedanke, und um einen Anfang zu machen, richtete er in einer
Schantunger Stadt mit eignen Mitteln eine Schule ein und berief mich
durch Vermittlung meines Freundes Wang zum Lehrer. Ich hatte Wang zum
letzten Mal in Schantung gesehen. Jetzt wollte es ein gütiges Geschick,
dass uns die Wellen der Grosstadt an einem Punkt zusammenwarfen.
Unsere Wiedersehensfreude ist kaum zu beschreiben. Wir sahen uns
stumm ins Gesicht. Wang ergriff erregt meine beiden Hände und wollte
sie nicht loslassen. Wir müssen uns einige Zeit, ohne zu sprechen,
gegenübergestanden haben. Denn es sammelten sich schon einige Gaffer
an, um uns zu bestaunen. Schliesslich brach mein Freund das Schweigen.
Betrübten Antlitzes hörte ich, dass er Anfangs hart vom Unglück
verfolgt worden war. Unter seinen Kindern hatte er einige Todesfälle.
Die Krankheits- und Begräbniskosten zehrten sein geringes Vermögen auf
und er war gezwungen, sämtlichen Hausrat zum Pfandhaus zu bringen.
Mittel- und stellenlos sass er in der Weltstadt. Ein holdes Geschick
verschaffte ihm eines Tages eine hochbezahlte Sekretärstelle, in der
er eine Respektsperson darstellte. Um die Freude voll zu machen gebar
ihm sein Weib noch einen Sohn. Alle vier Glücksgüter (Tse tsai lou),
Frau, Reichtum, Sohn und Ehrung waren plötzlich wieder vereinigt. Von
der Sekretärstelle stieg er bald in einen Beamtenposten, im Frühjahr
nahm er eine Stelle im Bergbauamt für Kiangnan an. Eine Krankheit
zwang ihn aber, den Posten wieder aufzugeben. Und wieder drohte ihn
die Weltstadt zu verschlingen. Er blieb aber tapfer und fand endlich
eine Stelle bei einem Zollamt in der Provinz Tschekiang. Er wollte
heute schon abreisen. So folgte der Wiedersehensfreude gleich der
Trennungsschmerz. Ich bin der festen Ansicht, dass ihm die mehrjährige
Arbeit bei den Deutschen eine Tatkraft für sein ganzes Leben gegeben
hat. Denn nicht jeder meiner Landsleute hätte, zweimal vom Schicksal
niedergeschlagen, von Neuem versucht, sich aufzuraffen; er hätte sein
Schicksal als die Bestimmung des Himmels angesehen und sich willig in
das harte Joch gefügt.
Seitdem ich in Schanghai bin, musste ich zum dritten Mal auf die
Suche nach einer Wohnung gehen. Dabei kam mir die vor Kurzem mit
einem Schantunger Landsmann Namens Wang Tien hung angeknüpfte
Freundschaft zu statten. Was ich besonders an ihm schätze sind, neben
seinem freundlichen Wesen, die Beherrschung des örtlichen Dialekts
und die Kunst des Kochens von Schantunger Gerichten. Als ich seine
Bekanntschaft machte, stand gleich bei mir fest, dass wir Beide
zusammen eine Wohnung beziehen müssten. Als ich ihm diesen Vorschlag
machte, willigte er sofort ein. Dieses Mal ging die Suche leicht von
Statten. Einige Häuser weiter in der Pekinger Strasse fanden wir ein
helles luftiges Zimmer, das durch eine dünne Holzwand in zwei Abteile
geschieden ist. Ich bewohne den vordern, er den hintern Teil. Dafür
bezahle ich monatlich fünf Dollar und er zweieinhalben Dollar Miete.
Der Hauswirt ist ein Auktionator aus Kiangpe. Alle Vorteile, die ich
in der alten Wohnung vermisste, sind in der neuen vereinigt: durch
helle Fenster lugt die Sonne und auf dem Herd brodelt ein Schantunger
Gericht. Am Feierabend blicke ich, aufs Fenster gelehnt, mit meinem
Freund auf die Strasse und ergötze mich an dem wirren Treiben. Gar
froh wird mir ums Herz, wenn in dem Strassengewühl ein Verkäufer von
Holzflöten auftaucht und zur Anpreisung eine frohe Weise aufspielt.
Oft sitze ich mit meinem Freund nach dem Abendreis plaudernd zusammen,
und er erzählt mir von seinen weiten Wanderungen. Weit in Sibirien
ist er gewesen und half den Russen beim Schienenlegen für eine neue
Eisenbahn; dann weilte er einige Monate als Diener in Russland. Er kam
vor zwei Jahren stellenlos nach Schanghai, und er erwirbt jetzt seinen
auskömmlichen Unterhalt mit dem Verkauf von Süssigkeiten, die aus
Erdnussmehl hergestellt sind.
Eines Abends besuchte ich mit ihm das Teehaus Scheng Ping im vierten
Pferdeweg. Die Treppe war so dicht mit Menschen überfüllt, dass sie
sich beim Auf- und Abgehen mit den Achseln anstiessen. Im ersten
Stockwerk liegt ein weiter Saal, der nach der Strassenfront in
eine Veranda ausläuft. An den Wänden des Saales waren hohe Spiegel
angebracht, in denen sich die Strahlen zahlreicher elektrischer Lampen
brachen. Es glitzerte ringsum wie aus einem Diamant. Die Tische und
Stühle waren aus feinstem Holz verfertigt. Wir bestellten eine Kanne
Tee. Als ich in dem Raum umherblickte, sah ich eine nordchinesisch
gekleidete Gestalt, die suchend auslugte. Unsere Blicke trafen sich
einige Sekunden und ich bemerkte, wie die Gestalt auf unsern Tisch
zukam. Ich wendete meine Augen seitwärts, konnte aber nicht verhindern,
dass sich der Mann zu uns setzte. Er hatte offenbar herausgefunden,
dass wir beide aus dem Norden seien. Der Ankömmling, der etwa zwanzig
Jahre zählte, machte sich in auffälliger Weise um meine Bewirtung
bemerkbar und goss mir Tee ein. Dann begann er mir plötzlich sein Leid
zu klagen; er sei hier seit Wochen mittellos in Schanghai und suche
vergebens nach Arbeit; ob ich ihm nicht einige Zents geben wolle. Da
fuhr ich ihn hart an, denn ich bemerkte sofort an seinen Zügen, dass
er ein unverbesserlicher Opiumraucher war. Ich redete ihm scharf ins
Gewissen. Ob er sich denn nicht schäme, in jungen Jahren zu betteln;
selbst wenn ich ihm zwanzig Zents gebe, werde er doch versuchen auch
bei Anderen zu betteln, nur um dem Opiumgenuss fröhnen zu können.
Beschämt stand der Jüngling auf und verliess den Saal. Kaum war
er fort, da setzte sich ein etwa siebzehnjähriges Mädchen auf den
freigewordenen Stuhl. Selten habe ich eine so hübsche Gestalt gesehen.
Ihre schwarzen Augenbrauen glichen sanft gekrümmten Mondsicheln. Die
Augen leuchteten wie eine von der Frühjahrsonne umgaukelte Quelle. Das
Gesicht schaute aus wie ein praller, rötlich sammetweicher Pfirsich,
ihre Gestalt war schlank und biegsam wie ein Weidenstämmchen und
die kleinen Finger waren zart wie die Halme des „Yu ti“ Grases. Das
Mädchen war bescheiden und fragte schüchtern im Norddialekt, ob wir
nicht mit ihr kommen wollten; sie möchte uns etwas musizieren. Als
sie mich mit „Lao je“ (älterer Vater) anredete, machte ich sie darauf
aufmerksam, dass China jetzt ein Volksreich sei, in dem solche Anreden
nicht mehr statthaft seien. Sie nickte und wiederholte ihre Bitte.
Mein Freund, der wohl meine Verlegenheit merkte, kam mir zu Hülfe und
sagte, dass wir einen Freund erwarteten, für den der Platz, auf dem sie
sässe, bestellt sei. Darauf ging das Mädchen höflich von dannen. Im
Augenblick war der Platz schon von einem andern Mädchen besetzt. Sein
Aeusseres machte auch einen vorteilhaften Eindruck, aber sein Benehmen
war ohne Mass und Sitte. Frech sagte das Mädchen, sie wolle Tee
trinken. Wir überhörten absichtlich dieses Verlangen und unterhielten
uns über gleichgültige Dinge. Ich hatte mir gerade eine Zigarette
angezündet und die kleine Schachtel nebst Streichhölzern auf dem Tisch
liegen lassen. Mit gierigen Fingern griff sie nach meinen Zigaretten,
zerrte eine heraus und zündete sie an. Während das ungezogene Ding
die erste Rauchwolke in die Luft blies, sagte es, es heisse Hung yün
(Rote Wolke), stamme aus Su tschen und wohne im dritten Pferdeweg. Mein
Freund sah die Freche mit zornigen Augen an. Und plötzlich brauste er
auf und schrie das Mädchen in unverfälschtem Schanghaidialekt an: „Sa
ka se ti nu na yi?!“ (Weshalb hast du die Zigarette genommen?) Ich
beruhigte den Zornigen, hielt dem Mädchen die Schachtel hin und sagte,
es solle sich soviel Zigaretten nehmen, wie es wolle, sich dann aber
einen Tisch weiter begeben. Als das nichts fruchtete und das Mädchen
nach wie vor aufdringlich blieb, bezahlten wir und gingen nach Hause.
Mein Freund ging missgestimmt, und auf die frechen Schanghaier Mädchen
schimpfend, neben mir her.
* *
*
Bis hierher habe ich meine Erlebnisse und Meinungen niedergeschrieben,
die mein deutscher Freund für die Deutschen übersetzt hat. Was ich
erzählt habe, ist dürftig und gering. Es würde sicher etwas vollendeter
in der Darstellung sein, wenn jene Frau meinem Rat gefolgt wäre und dem
schreienden Jüngsten den erprobten Weizenkuchen bereitet hätte, statt
ihm groben Reis zu essen zu geben. Denn durch das Schreien des Kindes
wurden meine Gedanken immer verwirrt.....
[Illustration]
Erinnerungen eines chinesischen Revolutionärs.
In jener sternklaren Sommernacht, wo der grimmige Mars um den
Wusungforts die Stunde regierte, lernte ich ihn kennen. In kauernder
Stellung, hinter Ufergras und Erdhügel versteckt, das müde Auge
nach dem Huangpu gerichtet, lag er da und horchte beim Klirren
eines Glasscherbchen, das der hartbesohlte Schuh des Westländers
zersplitterte, auf, riss schussbereit sein Gewehr in die Höhe und liess
es sinken, als er sich vergewissert hatte, dass ich ein Ausländer
war. Wir hatten unsere feindselige Begegnung bald vergessen und lagen
plaudernd im nachttaukühlen Gras. Er hiess Wang Fei ting und gehörte
zu den „Kan sze tui“ Truppen, die ihre nächtlichen Stellungen am
Huangpu-Ufer bezogen hatten und eine Landung nordchinesischer Truppen
verhindern sollten. Ich erinnere mich deutlich des zarten, jungenhaften
Gesichts mit den fragenden Augen, das sich mir in dem nächtlichen
Dunkel entgegenstreckte. „Fremder Herr, weshalb kämpfen wir hier?“,
flüsterte mir Wang zu; mit ganz gedämpfter Stimme sprach er, damit
seine Kameraden es nicht hörten. Und ich erzählte, was ich für sein
tapferes, „zum Sterben bereites“ Herz für gut hielt, und als ich von
ihm schied, da hauchte: „Ich sehne mich nach deiner Belehrung.“ Ich
gab ihm die Adresse der Redaktion und nach dem Fall der Wusungforts
stellte er sich bei mir als Zivilist ein, aufgeregt seine letzten
Abenteuer erzählend. Das Haar hing ungekämmt auf seinem Kopf, seine
Zivilistenkleidung, die er zerknittert in einem Pfandhaus ausgelöst
hatte, schlotterte, ungeordnet an seinen Füssen schlürften ein paar
ausgetretene Grossvaterpantoffel. Wie mir Wang erzählte, stand er
vor der Entlassung. Vierzehn Tage hörte ich nichts weiter von ihm.
Plötzlich kam er wieder, säuberlich gekleidet und stellte sich mir
als „zum Sterben bereiter Freiwilliger a. D.“ vor. So kam es, dass
ich Wang Fei ting aufforderte, seine Erlebnisse als Revolutionär
niederzuschreiben, um sie einem deutschen Leserkreis zu erhalten.
Nüchtern und unpersönlich schrieb er nieder, wie es ihm in seinem
Leben ergangen war und erst weitere Fragen und Gegenfragen ergaben
das, was jetzt als Erinnerungen eines chinesischen Revolutionärs der
Oeffentlichkeit übergeben werden soll.
* *
*
Ich heisse Wang Fei ting und bin aus dem Kreise Kiang ling, der in
der Provinz Hupeh liegt, gebürtig. Meine Eltern, die einige Mou
Ackerland bestellten, waren arm. Trotzdem ermöglichten sie es, dass
ich in Zeiten, wo die Feldarbeit ruhte, die Schule des Dorfes besuchen
konnte, und als ich dreizehn Jahre alt war, schickten sie mich sogar
auf die höhere Elementarschule in der Kreisstadt. Dort hatten wir
einen Lehrer, den ich sehr liebte. Er war weit gereist und sogar in
Japan gewesen. Wenn die Schulstunden vorüber waren, kam er oft zu
uns Schülern und plauderte wie ein Vater. Wie erstaunt war ich, als
ich lernte, wie gross die Welt sei und wieviel Menschen, die alle
möglichen Berufe ausübten, auf ihr wohnten. Vor dieser Riesengrösse
kam ich mir sehr klein vor. Ich wurde verzagt und glaubte, für mich
sei kein Platz auf dieser Welt, um vorwärts zu kommen. Trotzdem war
etwas in meinem Innern, das mich vorwärts trieb. Der grosse Panku
hat in achtzehntausend Jahren die Welt erschaffen, also sein ganzes
Leben mit der Vollbringung einer einzigen Tat ausgefüllt. Ich sagte
mir, da du nun einmal auf der Welt bist, musst du aus deinem Leben
machen, was zu machen ist. Aus dem Werk Pankus schöpfte ich zuerst
Kraft und Aneiferung. Noch ein andrer Umstand trieb mich zum Schaffen
an: die Ausländer. Trotzdem ich noch keinen von ihnen gesehen hatte,
war meine Hochachtung vor ihrem Können gross. Unser Lehrer erzählte,
dass die weissen Ausländer bisher von dem Geschick auserwählt seien,
für die Menschheit grosse Taten zu vollbringen. Er erzählte von den
ausländischen Schiffen, Bergwerken, Maschinen, Telegraphen, Geschützen,
Gewehren und noch vielen anderen Dingen, deren Namen mir entfallen
sind, und ermahnte uns, fleissig zu lernen, damit wir den Ausländern
bald ebenbürtig seien. Nach den Schulstunden machte ich meine Gedanken
über all das Gesagte und kam zu dem Schluss, dass in all den Werken
der Ausländer ein riesiger Fleiss stecken müsse; mir war klar, dass
nicht ein Einzelner die grossen westländischen Errungenschaften
erfunden hat, sondern dass der Fleiss ganzer Generationen in einem
einzigen Werke steckt, das zu immer höherer Vollkommenheit gebracht
würde. Ich muss sagen, dass wirklich der ausländische Schaffensgeist
ein grosser Ansporn für mich gewesen ist. Eine Ueberschwemmung, die
unser Haus samt Wasserbüffeln und Schweinen fortriss, brachte meine
Eltern an den Bettelstab, ich musste daher meine Studien aufgeben und
mich beim Aufbau eines neuen Herds nützlich machen. Zu jener Zeit
kam eine Anzahl feiner Herren der Regierung in unser Dorf und sprach
mit dem Ortsältesten. Dieser liess bald die jungen Leute des Dorfes
rufen und sagte ihnen, wer Soldat werden wolle, solle sich melden.
Soldat? Das Wort blieb in meinem Ohr haften, und eh ich mich versah,
rief ich meinen Namen, so laut, dass mich die umstehenden Dorfbewohner
erstaunt anblickten. Soldat! Mir fiel das ein, was unser Lehrer von dem
französischen Heerführer Na pu lun (Napoleon) erzählte, und ich dachte
daran, dass er zuerst auch nur einfacher Soldat gewesen sei. Ausser mir
meldeten sich noch drei Jungen meines Alters. Wir wurden gefragt, wie
alt wir seien, ob wir zwanzig Li ohne Unterbrechung marschieren und
ob wir einen halben Zentner Gewicht heben könnten. Als wir bejahten,
wurden unsere Namen in die Liste eingetragen. Meine Eltern, die Anfangs
über meinen Entschluss aufgeregt waren, beruhigten sich, als ich ihnen
sagte, ich würde jeden Monat einen Teil meiner Löhnung nach Hause
schicken.