dieser Frage? So schlicht und rein, so fragend und reuevoll klang die
Stimme, dass ich von tiefstem Mitleid erfasst wurde, das meine Augen
zum Weinen trieb. Mir dünkte, als habe A-tou zum ersten Mal seit Jahren
wieder von Herz zu Herz mit mir gesprochen. Ich glaubte seine Stimme
zu hören, als wir damals in Kiang wan in Eintracht zusammenlebten,
und sah plötzlich die Kluft überbrückt, die zwischen meiner und seiner
Weltanschauung lag. Sein verirrter Geist war klar geworden: A-tou
gedachte seiner Mutter: Meinen stillen Schwur, von dem mir zustehenden
Recht Gebrauch zu machen und A-tou lebendigen Leibes in eine Grube zu
werfen und Erde darüber zu schaufeln, musste ich brechen. Die Stunde
war gar feierlich.
Ich befahl A-tou aufzustehen, und mit tausend Schwüren musste er am
Grabe seiner Mutter geloben, ein neuer Mensch zu werden und morgen zur
Versöhnung zu opfern. Das tat er.
Weit in Tibet suchte er später sein Arbeitsfeld. Dort kämpfte er für
unsere Kultur gegen die Wilden. Bei Li tang ist er gefallen. Nun kann
ich zufrieden meinem Lebensabend entgegensehen. Mir bangt nur vor der
Frage: „Wer wird mir opfern wenn ich unter den schattigen Lebensbäumen
ruhe?“
[Illustration]
Huitungs Erlebnisse und Meinungen.
Ich, Hui tung, traf am achtzehnten Tag des zweiten Monats, dem „Fest
des Reinen Glanzes“, in Schanghai ein. Ein deutscher Freund, den ich
schon seit Jahren kenne und mit dem ich auf langen Ueberlandreisen in
der Provinz Schantung Reis und Lager geteilt hatte, forderte mich auf,
zu kommen. In Gedanken weilte ich oft bei ihm, wenn ich, niedergedrückt
von der politischen Lage unsers Landes, nach Süden schaute, und ich
wünschte oft, das durch die Lüfte sausende Geisterpferd zu sein, um
bei meinem Freunde Tröstung zu suchen. Der Himmel hätte es nicht
besser einrichten können, als dass er meinem Freunde eingab, mich
nach Schanghai einzuladen. Schanghai hat bei uns keinen guten Klang,
wie Alles, was im Süden liegt und von dort kommt. Ein Schantunger
Sprichwort sagt: „Schao bu dsou nan“ (Wer jung ist, gehe nicht nach
Süden.) Da ich das Jugendalter bereits beträchtlich überschritten habe
und mein einst pechschwarzes Haar schon Fäden weisser Himmelsseide
aufweist, glaubte ich mich gegen die Gefahren des Südens genügend
gewappnet. Schon der erste Eindruck, den ich von Schanghai erhielt,
war kein guter. Der Wagenzieher, der mich vom Hafen nach der Herberge
Tschi tschang tschan brachte, verlangte mir so viel Fahrgeld ab, dass
ich dafür in Schantung mindestens fünf Dutzend mit Fleisch und Kohl
gefüllte Klösse und mehrere Schälchen Wein hätte kaufen können. In der
Herberge wurde mir für teuern Preis ein kleines Zimmer angewiesen, das
so düster war, dass ich selbst während des Tages ein Licht anzünden
musste. Die Kinder des Wirtes lärmten Tag und Nacht, und aus Eimern,
die nicht weit vom Eingang meiner Tür aufgestellt waren, drang ein
widerlicher Geruch, den man in dem gesitteten Tsingtau, wo ich mehrere
Monate lebte, vergebens suchen würde. Dort herrscht Ordnung, und die
Bevölkerung fügt sich willig dem höhern Gebot. Die Obrigkeit in
Schanghai übt wenig Respekt aus; sonst könnten meine Landsleute die
gesundheitlichen Gebote nicht umgehen und den ankommenden Fremdling
die übelriechende Luft aus den Eimern einatmen lassen. Zu meinem
Erstaunen habe ich dieser Tage von einem Landsmann, der aus der
Huang hsiener Gegend stammt, gehört, dass Schanghai, das sich so oft
brüstet, die fortschrittlichste Stadt in China zu sein noch nicht
einmal Verrichtungen hat, um übelriechende Abflusswässer ablaufen zu
lassen. Die Schanghaier sollten einmal nach Tsingtau gehen und sehen,
was die Deutschen dort für die Bewohner getan haben. In den ersten
Tagen meines Aufenthaltes überkam mich ein Gefühl der Verlassenheit.
Von meinem deutschen Freunde abgesehen, hatte ich Niemand, mit dem ich
mich in meiner Heimatssprache unterhalten konnte. Der Wirt kam zweimal
auf mein Zimmer und knüpfte ein Gespräch an; es wurde auch eine kurze
Weile geführt, indem wir gegenseitig Frage und Antwort auf ein Stück
Papier schrieben; das langweilte ihn auf die Dauer, und er ging höflich
hinaus. Dann sass ich allein auf meinem Zimmer und nahm mir einen Roman
vor, den ich laut las, um wenigstens den Klang meiner Heimatssprache
zu hören. Von der Strasse drang das unverständliche Sprachgeplärr der
Südbarbaren so unartikuliert wie das Schreien des „Küo she“ Vogels
herein. Ich setzte manchmal mit dem Lesen ab und lauschte. Wie ich so
unbeweglich dasass, glich ich einer geschnitzten Holzfigur.
[Illustration: Teil der Nanking-Road in Schanghai.]
[Illustration: Offene Läden in der Nanking-Road.]
[Illustration: Foochow-Road mit Restaurants und Teehäusern.]
Auf abendlichen Spaziergängen durch die Strassen habe ich Vieles
gesehen, was mich mit hoher Freude und mit tiefem Schmerz erfüllt
hat. Aeusserlich wird man von dem Reichtum, der besonders in den
Abendstunden entfaltet wird, geblendet. Die in zahllose Drähte
gebannte elektrische Luft, die aus Glasglocken in ungewöhnlicher Helle
erstrahlt, verleiht dem Strassenbild ein Aussehen, wie es im übrigen
Reich nicht zu finden ist. Der Menschenschwarm „webt“ sich in den
Strassen; denn alle Volksklassen: Gelehrte, Bauern, Kaufleute, Händler,
Arbeiter, mischen sich ohne Standesunterschied durcheinander, und ihre
Reihen verschlingen sich wie die Kreuz- und Querfäden eines Gewebes.
Am zahlreichsten ist merkwürdigerweise die Frauenwelt vertreten.
Es sind viele unehrliche Gestalten darunter, so zahlreich, wie die
Schäferwölkchen am bestirnten Himmel. Ihre Haar- und Kleidertracht,
ihr Elfengang bestrickt Jeden. Wie ungezwungen sie sich bewegen!
Sie bleiben ab und zu stehen, zupfen einen jungen Mann am Aermel
und sprechen vertraulich mit ihm, als seien sie alte Bekannte. Auch
mich fasste eines Abends ein solches Mädchen an; ich riss mich los
und schimpfte derb in meiner Heimatssprache, worauf sie mir ihre
Kürbiskernzähne zeigte und mich einen nordchinesischen Kulturlosen
nannte. Ich dachte aber im Stillen an unser Sprichwort: „Wer jung ist,
gehe nicht nach dem Süden!“ und schritt weiter. Dass sich eine gewisse
Gruppen von Damen so frei gibt, hat mich eigentlich nicht überrascht.
Wohl aber befinden sich in dem Gedränge viele Damen, die besseren
Familien angehören. Ihre Kleidung und ihr Auftreten unterscheiden
sich nur wenig von dem der anderen Damen. Auch sie bleiben stehen,
wenn sie wirkliche Bekannte treffen, schütteln sich auf westländische
Art die Hände, die sie vorher unmerklich mit einem seidenen Tüchlein
abwischen, und plaudern. Ihre Eltern, Brüder oder Geschwister können
die Damen nicht mahnen, das zu unterlassen, weil es gegen unsere
überlieferten Sitten verstosse; denn sie würden sagen: „Das ist aber
Schanghaier Sitte.“ Ein Glück, dass wir im Norden noch davon verschont
sind. Dort ist der Kern des Volkes gesund; in Schanghai ist er zernagt.
Mir fällt da eine kleine Geschichte ein, die ich vor Kurzem gelesen
habe. Der sie geschrieben hat, hat sie lautern Herzens und Sinnes
geschrieben. In der Geschichte wird von einem Tonfigurenhändler
erzählt, der es meisterhaft versteht, kleine Figuren zu kneten, die
bei jedem Beschauer ein Entzücken wachrufen. Denn die Farbe und die
Züge des Gesichts, die bunten Kleider sind von seltener Naturtreue;
meist stellen die Figuren berühmte Männer aus unserer Heldenzeit dar.
Die Geschicklichkeit des Handwerkers ist weithin berühmt. Täglich
steht ein Haufen Neugieriger vor seiner Werkstatt und bewundert den
Meister bei der Arbeit. Ein gewisser Tou kaufte eine der entzückenden
Figuren. Ich glaube, es war ein Abbild des trefflichen Staatsbeamten
und Gelehrten Wang Schi tschi, der unter der Tsin Dynastie unserm
Volk grosse Dienste geleistet hat. Der Käufer barg die Figur behutsam
unter dem Arm und eilte frohen Herzens über den schönen Einkauf nach
Haus. Wenn man solch ein kostbares Stück auf dem Arme trägt, soll
man vorsichtig sein. Tou war es nicht und liess die Figur fallen.
Sie zerschellte krachend auf dem harten Pflaster. In Schantung wäre
sie vielleicht unverletzt geblieben; denn dort hätte sie sich in
den weichen Strassenstaub vergraben können. Der Käufer stand nun vor
seinem zerschellten Prachtstück und sah mit Entsetzen, dass von dem
entzückenden Aeussern, von dem er beim Einkauf so geblendet wurde, nur
Schmutz, Unrat und zerhackte Strohhalme auf der Stelle lagen, wo die
Figur zerbrochen war. Darüber war er aufs Höchste erstaunt; er lief
eilig zurück und stellte den Handwerker wegen seines Betrugs zur Rede.
Der gab ihm aber eine so rechtfertigende und treffende Antwort, die
mich lebhaft an Tung Fang tschen aus der Han Dynastie erinnerte, der
ein nie übertroffener Dichter von sinnigen Parabeln war. Mit Recht
betonte der Handwerker, dass Alles auf der Welt eitel Falschheit und
Lüge sei, dass sich Alles äusserlich den Schein gebe, sich mächtig und
prunkend zu zeigen, aber nur um innere Hohlheit und Mangelhaftigkeit zu
verbergen; das Alles verkörpere die äusserlich blendende und innerlich
hohle Lehmfigur. Wenn ich jetzt über das chinesische Schanghai
nachdenke, so wird mir bewusst, dass die Stadt und ihre Bewohner nichts
Anderes sind, als die entzückende Figur des zerschellten Staatsbeamten
Wang Schi tschi. Im Leben meiner Landsleute gilt heute der Schein mehr
als das Sein. Wohin man geht, kann man diese Beobachtung machen. In
den Strassen, Restaurants, Theatern und Vergnügungsgärten herrscht
ein China, dem ich als Nordmann fremd gegenüberstehe. Was herrscht,
ist die betörte Jugend, die vom Ausland das Beste (weil es äusserlich
blendet) zu nehmen glaubt und gerade das Schlechteste nimmt. Aus
Gesprächen mit meinem deutschen Freunde weiss ich, dass das Ausland
Tieferes und Edleres zu geben hat. Oft durchwandere ich die Läden in
der Bücherstrasse und spreche mit den „Laobans“, die gebildet genug
sind, meine Heimatsprache zu verstehen, über Bücher. Einige Händler
klagen, dass die Werke unserer Klassiker dem Staub und Moder verfallen,
weil sie Niemand mehr kaufe; andere reiben sich geschäftszufrieden die
Hände und deuten auf lange Bücherregale. Man braucht nur den Titel und
die Kapitelüberschriften zu lesen, und man weiss was der Inhalt ist.
Einmal kaufte ich mir ein solches Buch, um es bald mit Entrüstung zur
Seite zu legen. Schon der verlotterte Stil, in dem es geschrieben war,
verletzte mein Sprachgefühl. In der Vorrede wurde gesagt, dass das
Buch die Uebersetzung eines weltberühmten französischen Romans sei;
der Verfasser heisse Ah mi loh Tso la. Der Himmel möge verhüten, dass
der Geist, der dieses Buch durchzieht, auch in unser Volk dringt. Mit
Schmerzen habe ich in Schanghai gesehen, dass dieser Geist schon hier
am Werke ist. Schüler und Schülerinnen lesen schon solche Bücher, und
wenn die Eltern fragen, was darin stehe, so sagen sie: „die neue Zeit.“
Ja, die neue Zeit, die tritt Einem hier überall entgegen. Manchmal
überkommt mich das Gefühl, ihr entfliehen zu müssen; der Wunsch,
irgend ein ruhiges Plätzchen aufzusuchen, wohin sie ihre Wellen noch
nicht schlägt. Das Plätzchen finde ich draussen auf den Feldern, die
ich mitunter mit meinem deutschen Freunde in erbauendem Gespräch
durchwandere. Ein Spaziergang, den ich an einem heissen Sonntag mit
ihm unternahm, ist mir noch in lebhafter Erinnerung. Die Landschaft
hat mit der meiner Heimat nur wenig gemein; nur die spitzkegeligen
Grabhügel und in Ferne verschwommene Dorfschaften könnten den Augen ein
Stückchen Heimat vortäuschen. Das Landvolk war fleissig bei der Arbeit.
Frauen und Mädchen mit rotbraunen, von der Sonne gefärbten Gesichtern
und mit hellblauen Kopftüchern lockerten mit Harken den Lehmboden, und
das Mannsvolk stand tief im Schlamm, um die zarten Reispflänzchen in
Reihen zu setzen. Vom nahen Bambusgebüsch klang ein heimatlicher Laut;
es war der Mahnruf eines Vogels, der die Bauern zur Arbeit ermuntert.
Ganz deutlich ruft er: Kuan hou-erh to chou. (Ihr Müssigen, arbeitet!)
Es war ein heisser Tag. Da ich sehr beleibt bin und zu Fuss den Feldweg
entlang schritt, strömte mir der Schweiss aus allen Poren. Auch hier
bewahrheitete sich das Wort, dass je mehr man geht, desto müder man
wird; je müder man wird, desto mehr man schwitzt; je mehr man schwitzt
desto durstiger man wird. In zwei Dörfern fragte ich vergebens nach
Tee oder heissem Wasser, um meinen Durst zu stillen. Die ich anredete,
waren entweder Kinder oder Greise; denn alle Rüstigen waren auf den
Feldern beschäftigt. Da leuchtete eine rote Wand im Hintergrund; ich
hielt sie für die Seitenwand eines Tempels. Fast eine Stunde dauerte
es, bis ich dort mit meinem deutschen Freunde anlangte. Der Weg führte
über Kanäle und wand sich in scharfen Krümmungen durch die Felder wie
die Hörner eines Widders. Als ich endlich den Tempel, dessen Vorhof
mit hohem Gras überwuchert war, betreten konnte, fing das kleine Kind
des Wärters an zu heulen, und ein Hund bellte. Auf das Geschrei trat
ein Mann aus dem Seitengebäude. Sein Gesicht sah düster aus wie das
eines Opium rauchenden Räubers. Ich bat ihn um einen Schluck Tee.
Er verstand mich erst, als ich mit der Hand die Gebärde des Trinkens
nachahmte, und er sagte dann: „Nu yao tse tso?“ Ich nickte. Bei uns
in Schantung sagt man: „Ni yao ha cha mo“, wenn man jemand fragt, ob
er Tee trinken will. Der Mann kam bald mit einer Tasse Tee zurück,
die ich gierig austrank. Es war der schlechteste Tee, den ich je
getrunken habe, und doch dünkte mich, als hätte ich „Lung tsing tsüeh
shih“ Tee getrunken, das ist der beste, den es in China gibt. Mir fiel
das Wort von Meng tse ein: „Ko chih kan yin“ (Dem Durstigen schmeckt
jeder Trank). Neugestärkt konnte ich mich auf den Rückweg begeben. Als
ich mich auf der Fähre ins Schanghaier Stadtgebiet übersetzen liess,
da warf ich noch einen Blick auf die in der Dämmerung versinkende
Landschaft. Ueberall hoben sich die Gestalten der arbeitenden Menschen
auf den Feldern ab. Die Stimmung, die ich von jenem Spätnachmittag
mit nach Haus nahm, klingt heute noch in meiner Seele nach. Im
Westen senkte sich gerade das tiefrote Sonnenrad und warf über die
Landschaft einen farbigen Schimmer, der sich auch in dem kleinen
Flüsschen widerspiegelte. Mit wenigen Ruderschlägen glitt die Fähre
zum andern Ufer, das von dickstämmigen, weitästigen Bäumen besäumt
war. Ein kräftiger Geruch schlug mir entgegen; er schien „ausgehaucht
von Wasserkastanien und Seerosen“, wie es in einem Gedicht heisst.
Den Fluss abwärts huschten geräuschlos verspätete Boote; auf einem
führte ein Greis das Steuer; ein kleiner Junge, der wohl sein Enkel
war, übte sich auf einer Fiedel, der er krächzende Töne entlockte.
Und doch dünkte mich inmitten der Abendstimmung, als hörte ich die
wunderbaren Weisen des Melodienkönigs Yüan Tschen aus der Tangdynastie.
Ein Glück, dass Jedem, der seines reichen und prunkenden Lebens müde
ist, noch der beschauliche Beruf eines Fischers oder Sampanführers
übrig bleibt; ich würde nie zögern, wenn ich meines jetzigen Lebens
überdrüssig wäre, die Jacke des Literaten mit der des Fischers zu
vertauschen. Ich glaube sogar, dass dies das beste Mittel ist, ein Volk
ewig jung zu halten, wenn die durch Reichtum verweichlichten oder durch
geistige Genussucht verkrüppelten Stände zwei Generationen hindurch
ein Leben schlichter Einfachheit als Fischer, Bauer und dergleichen
führen; daraus würde eine neue, geläuterte Generation hervorgehen
und in allen Ständen des Volks ein immer frischer Kreislauf gesunden
Lebens stattfinden. Wenn ich aber auf Schanghai blicke so sehe ich wie
gewisse Kreise meiner Landsleute in ein immer raffinierter werdendes,
verfeinertes Leben hineingetrieben werden, von dem es kein Zurück in
den erfrischen Odem der Atmosphäre der ruhigen Leute gibt; mein heisser
Wunsch, den ich als echter Chinese, dem sein Volkstum über Allem
steht, stets auf den Lippen trage, ist der, dass alle meine Brüder
im weiten Reich gegen die von Schanghai ausgehende Ansteckung, die
namenlos und doch nennbar gleich dem Tao ist, bewahrt bleiben mögen.
Die Grossstadtluft lähmt nicht allein die Willens- und Schaffenskraft
unseres männlichen Geschlechts, sondern sucht auch die weiblichen
Reihen der Bevölkerung heim. Mit mitleidigem Bedauern sah ich an jenem
Abend, wo ich von meiner Feldwanderung in die Stadt zurückkehrte, lange
Reihen wandernder und auf Schiebkarren fahrender Mädchen. In ihrem
Alter mochten sie zwischen zwölf und zwanzig Jahren gewesen sein. Die
Aelteren sahen blass und freudlos aus; die Jüngeren strotzten von
blühender Jugendfrische und schauten mit ihren glanzvollen Augen munter
umher. Die Mädchen waren nicht unsauber gekleidet. Ich dachte einige
Zeit nach, was wohl ihre Beschäftigung sein möge, bis ich schliesslich
auf den Kleidern verräterische Baumwollflöckchen entdeckte; zugleich
bemerkte ich im Hintergrund ein düsteres, vielfenstriges hohes Gebäude
mit einem riesigen Schornstein. Daraus schloss ich, dass die Mädchen
in einer Spinnerei arbeiteten und ich traf wohl mit dieser Vermutung
das Richtige. Ich habe nichts dagegen, wenn Kinder ihren Eltern
bei Feldarbeiten behülflich sind und sich so gegen ihre Ernährer
dankbar zeigen; denn die Arbeit auf freiem Feld ist der Gesundheit
nur förderlich. Wenn ich aber Gesetzesgewalt hätte, würde ich von
heute an allen jungen Mädchen die Arbeit in Fabriken verbieten. Den
Aelteren könnte es freigestellt werden weiter zu arbeiten, aber
die Jüngeren, die zwölf- bis fünfzehnjährigen, müssten von der
Sklavenarbeit befreit werden. Mir sagte ein alter Arzt, dass in den
rohen Baumwollknäueln winzige Härchen enthalten seien, die, wenn sie
sich in die Atmungsorgane eines Menschen setzen, den Keim zu einer
stillen Krankheit legen. Da gerade die Jüngsten damit beschäftigt
werden, die Kapseln zu zerpflücken, so ist die Krankheitsgefahr gross.
Wenn man weiter bedenkt, dass diese Mädchen einst Mütter werden sollen,
so muss man um den Nachwuchs besorgt sein. Mein deutscher Freund sagte
mir, dass in Deutschland Gesetze beständen, die die Kinderarbeit in
den Fabriken verbieten. Wer ein solches Gesetz in Schanghai einführt,
würde sich den Ruf eines grossen Wohltäters erwerben und die Achtung,
die ihm seine Mitbürger entgegenbrächten, würde nicht gering sein.
Auf dem Nachhauseweg prägte sich noch ein anderes Bild fest in meiner
Seele ein. Auf einem hohen, zweirädrigen Wagen, der von einem Pferd
gezogen wurde, das zweimal so gross wie unsere gewöhnlichen Ponies war,
sass eine westländische Dame. Wie der Nordsturm sauste das Gefährt
durch die Strasse. Das Pferd schnaubte mit den Nüstern und warf die
Vorderbeine, weit ausholend, in stetem Rhythmus auf das Pflaster, das
Haupt in eherner Ruhe nach vorwärts gerichtet. Die straffen Zügel
ruhten in festen Händen. Die Haltung der Dame war noch edler wie die
des Pferdes. Sie sass mit straffem Oberkörper und erhobenem Haupt,
dessen Profil aus edlem Gestein ziseliert erschien, auf dem Sitz und
lenkte mit unerschütterlicher Ruhe und Sicherheit das Gefährt durch
das Gedränge. Ich dachte mir, so müsste die tapfere Mu Lan ausgeschaut
haben, die an Stelle ihres gebrechlichen Vaters in den Krieg gezogen
war, oder die kampfeslustige Liang Hung yü aus der Sungdynastie, die
auf wildem Pony, mit aufgelösten Haaren und zum Schuss gespannten
Bogen gegen die tatarischen Feindesscharen ritt. Solche Gestalten
wird man in der Jetztzeit vergebens suchen. Wie kläglich war doch
das Unterfangen gewisser weiblicher Kreise in Schanghai während der
vergangenen Revolution, ein Korps von Kriegerinnen zu bilden, das gegen
die Kaiserlichen kämpfen sollte. Im überreizten Hochschwung der Gefühle
wollten jene Kriegerinnen das Beispiel der Mu Lan und Liang Hung yü
nachahmen und auf ihren Lotusfüsschen in die Schlacht ziehen. Unsere
Zeitungen brachten spaltenlange Berichte über die dem Tod geweihten
Jungfrauen und den Heldenmut ihrer Führerinnen; wenn man die Artikel
las, so gewann man fast den Eindruck, als seien sie bei tränenbenetztem
Antlitz des Schreibers entstanden. Und einige Tage darauf brachten die
Zeitungen sogar ein grosses Gruppenbild der kampfbereiten Streiter; sie
waren in eine gleichartige, militärische Uniform gekleidet und schauten
trotzig drein. Dabei blieb es aber auch. In den Kampf sind die Damen
nie gezogen. Schanghai war aber um eine Berühmtheit reicher, mit der
es alle übrigen chinesischen Städte geschlagen hatte. Und darauf lief
Jenes heldenhafte Epigonentum wohl nur hinaus. Das Geschehnis zeigt
aber, welch ein verderblicher Geist die Frauenwelt Schanghais beseelt;
sie will nichts mehr und nichts weniger als es auf allen Gebieten
den Männern gleichtun. Soviel ich weiss, machen noch nicht einmal
westländische Frauen Anspruch darauf. Sie folgen willig des Himmels
Bestimmung und bleiben ihren Gatten treue Lebensgefährtinnen und ihren
Kindern sorgende Mütter.
Bei Rückkehr in die Herberge Tschi tschang tschan bereicherte ich meine
Kenntnis des grossstädtischen Lebens in Schanghai um einen neuen Punkt.
Bisher war das meinem Zimmer benachbart liegende Gemach frei gewesen;
als ich die nicht fest gefügte Holztreppe hinaufschritt bemerkte ich,
dass es besetzt war. Ich sah eine männliche und eine weibliche Person,
die Beide recht vornehm gekleidet waren, im scherzenden Gespräch an
einem Tisch sitzen, auf dem eine Kanne Tee und zwei Tassen standen.
An der weiblichen Person bemerkte ich, dass sie die neue „Wen ming
Haartracht“ und kleine aus Leder verfertigte Schuhe trug. Als mein
Kommen bemerkbar wurde, stand die Mannsperson auf und schloss die
Tür. Während ich in meinem Zimmer auf Tee wartete, überlegte ich,
wer die Beiden wohl sein könnten; ich dachte zunächst, dass es eine
junge Beamtenfamilie sei. Der Diener, der mir bald darauf den Tee
brachte und den ich um nähere Auskunft bat, gab mir den gewünschten
Aufschluss, der aber die Annahme hinfällig machte, dass es sich um ein
Ehepaar handelte. Er sagte mir, dass Beide aus Hang tschou kämen und
von reichen Eltern stammten. Der Herr sei ein Student auf einer Hang
tschouer Schule und die Dame besuche eine höhere Schule in Schanghai.
Früher in Hang tschou hatten sie sich sehr lieb. Der Vater des Mädchens
machte aber der Liebschaft ein Ende und schickte seine Tochter auf eine
Schanghaier Schule. Der Student konnte die Trennung nicht ertragen und
reiste eines Tages nach Schanghai, wo er in der Herberge Tschi tschang
tschan Wohnung nahm. Jetzt treffen sich hier die beiden Liebenden um
die in Hang tschou gepflegte Freundschaft zu erneuern. Ich konnte nicht
umhin, über diese Erklärung den Kopf zu schütteln. Während ich meinen
Tee schlürfte, hörte ich aus dem andern Gemach eine im Flüsterton
geführte Unterhaltung, wahrscheinlich wollten die Beiden nicht, dass
etwas davon auch an mein Ohr schlug. Die Hang tschouer „Eisenköpfe“
hätten aber ruhig laut reden können, denn ich hätte ihren Dialekt
so wie so nicht verstanden. Ihre Unterhaltung dauerte etwa eine
Stunde. Dann begleitete der Student seine Freundin bis zur Treppe. Er
wollte sich gerade in sein Zimmer zurückbegeben, als ich zu meiner
Tür hinaustrat und ihn beinahe umgerannt hätte. Dies veranlasste mich
zu einer Entschuldigung, und wir tauschten einige Minuten höfliche
Worte aus. Der Student hatte ein zartes, edles Gesicht, und er war von
schlankem Wuchs. Was wird er wohl gedacht haben, als er mein rotbraunes
kauliangfarbenes Gesicht sah? Ich gestehe selbst, dass, wenn ich ein
rotes Tuch um meinen Kopf geschlungen hätte, ich einem jener indischen
Teufel, die in den Schanghaier Strassen als Schutzleute stehen, aufs
Haar geglichen hätte.