nach vorangegangenen beglückenden Wochen und Stunden, ein Mädchen
für eine Heirat nach neuer Art zu begeistern. Und wieder folgten die
kurze Zeremonie vor dem Standesbeamten, Wein und Gebäck in Tschang Su
ho und Festvorstellung im Hsin wu tai. Und wieder kamen die kleinen
Nadelstiche der Ehe. Schliesslich stand auch die zweite Frau auf der
Strasse. A-sä schwor sich nun, mit dem Heiraten zu warten, bis er
etwas älter wäre. Dann stürzte er sich in die Arbeit, in der er völlig
aufging. Schon hatte er seine leichtsinnigen Heiraten vergessen,
als er eines Tages eine sanfte Mahnung erhielt, vor dem Gericht zu
erscheinen. Er ging und fand dort seine zwei gewesenen Frauen, die
ihn gemeinsam auf Entschädigung verklagt hatten. A-sä musste sich
dem harten Urteilsspruch fügen. Mit einem Gehalt von fünfzehn Dollar
ernährt er jetzt ausser sich zwei geschiedene Frauen und sorgt für
das Wohlergehen von zwei Kindern. Das war das Nachspiel zu A-säs
„Zivilisationsheiraten“.
Wenn A-sä jetzt spät in die Nacht hinein arbeitet, denkt er oft an
die Hütte inmitten der sprossenden Reisfelder jenseits des Sutschouer
Krieks, und er wartet Tag für Tag, dass der Vater seinen reuigen Sohn
zurückruft und ihn mit der Tochter des wohlhabenden Reisbauern Tsung
nach altem Brauch vermählt. Ja, er will sogar ein tüchtiger Reisbauer
werden und knietief mit den Wasserbüffeln durch den Schlamm waten.
Trotz Allem, was er auf der westländischen Schule und in dem grossen
ausländischen Geschäft gelernt hat!
[Illustration]
Eine verunglückte Zeitungsgründung.
„Nichts ist beständiger, als der Wechsel.“ Wenn dieses Wort irgendwo
Anwendung finden kann, so passt es auf das chinesische Zeitungswesen
in Schanghai. Die feste Wurzel des chinesischen Pressewesens liegt in
der Schantung Road, wo fünf Zeitungen, die die alte Pekinger Regierung
zwar häufig bissig verhöhnt haben, aber sie nie zu stürzen drohten,
seit vielen Jahren ihre redaktionellen Zelte aufgeschlagen haben.
Aber diese Zeitungen allein machen nicht die öffentliche Meinung aus.
Ausser ihnen gibt es noch fünfzehn andere, und der Grund, auf dem
diese stehen, gleicht einem unsichern, wandernden Moorboden. Jeder
einsichtige, geschäftsmässig rechnende Chinese sagt sich, dass für
zwanzig politische Tagesblätter in Schanghai kein Raum sein kann, und
umso weniger, als sie ja paarweise oder zur Vieren in genau das gleiche
Horn stossen. Echt chinesische Eigenbrödelei, ein falsches Komma hinter
irgendeinem parteipolitischen Satz, eine stärkere Betonung eines
bestimmten Parteiprogramms und die Vernachlässigung minder wichtiger
Dinge, persönliche Feindschaften der hinter der Presse stehenden
Männer und viele andern Gründe mehr haben bisher verhindert, dass eine
Verschmelzung herbeigeführt werden konnte. Der Wettbewerb im Kampf um
den Leser wird mit äusserster Spannung geführt. Jede Zeitung sucht auf
irgendeinem Gebiet ihre besondere Stärke. Die eine legt sie in einen
flottgeschriebenen Leitartikel, die andere in masslose Beschimpfung und
Ausplauderung süsser Geheimnisse politischer Gegner; andere suchen die
Gunst ihrer Leser zu gewinnen, indem sie für die Einführung der freien
Liebe eintreten, andere bringen geschätzte Anekdoten unter Vermischtes
oder Tagesereignisse in Karikaturen, und wieder andere wollen durch
eine vornehm würdevolle, an väterliche Ermahnungen erinnernde Haltung
bei Beurteilung politischer Fragen Eindruck machen. Wie gesagt, sind
nur fünf dieser Zeitungen wirklich lebensfähig; die anderen werden
durch starke Zuschüsse einzelner Privatkreise unterhalten, die aber
aufhören zu fliessen, sobald die Geldgeber glauben, dass ihr Name
genügend vervolkstümlicht sei.
Um dem bekannten dringenden Bedürfnis abzuhelfen, wurde vor einigen
Monaten die einundzwanzigste Zeitung gegründet. Natürlich auf
Grund einer neuen „Stärke“. Diese lag in der „Benamsung“ des neuen
Presserzeugnisses. Ehe das Blatt war, war der Titel.
Der Gründer war ein Lebemann, Namens Tsang, den das von seinem
Grossvater Anderen abgenommene Geld juckte, und der keinen andern
Ausweg wusste, als die ihm noch übriggebliebenen vierzigtausend Dollar,
die nebenbei auch zum Erkaufen der unwandelbaren Treue berückender
Sängerinnen dienten, in einem Zeitungsunternehmen anzulegen. Um nicht
allein sein ganzes Geld zu wagen, sah er sich nach einem Teilhaber
um. Den fand er durch die Einführung eines Freundes in Gestalt des
Herrn Kung. Dieser verfügte „zufällig“ über kein flüssiges Kapital,
konnte aber seine Kreditfähigkeit durch Aktien eines in der tibetischen
Provinz Kham gelegenen Goldbergwerks beweisen, über die aber an
jenem Tage gerade keine Kursnotierung vorlag. Als Dritter im Bund
gesellte sich zu Tsang und Kung ein Herr Wen, der sich mit „geistigem
Kapital“ an dem Unternehmen beteiligte. Es war der Mann mit der
„Idee“, derselbe, der den zugkräftigen Namen „Tung pao“ vorschlug; die
Stärke lag aber eigentlich in dem gleichzeitig vorgeschlagenen, bei
chinesischen Zeitungen üblichen englischen Untertitel: „The Torpedo
boat“.
Herr Wen wurde neben seiner Eigenschaft als Teilhaber zum Chefredakteur
bestellt. Den Ausschlag gaben bei dieser Berufung die Verdienste,
die er sich um das Gelingen der Revolution erworben hatte; er
wies nämlich nach, dass er bei der Belagerung von Nanking höchst
eigenhändig einen Schuss aus einem alten Geschütz abgefeuert hatte,
ohne dass das Rohr barst, wodurch er das gefährdete Leben der
umstehenden Bedienungsmannschaft gerettet hatte. Dafür erhielt er die
Rettungsmedaille. Zum Verkehr mit den führenden Regierungskreisen in
Schanghai und Umgebung war das zweifellos ein wichtiger Belang. Wen
wurde auch mit der Oberaufsicht der geschäftlichen Leitung betraut.
Seine Umsicht konnte er schon am folgenden Tag beweisen, als es galt,
bei einer Druckerei die Druckkosten der neuen Zeitung, die vorläufig in
zweitausend Exemplaren erscheinen sollte, festzusetzen. Er entledigte
sich seiner Aufgabe mit einer grossen Kennerschaft chinesischer
gewerblicher Betriebe. Zunächst bestellte er nur tausend Exemplare.
Die Druckkosten für die ungedruckten restlichen tausend teilte er
brüderlich mit dem Geschäftsführer der Druckerei, der sich dafür
verpflichten musste, die tägliche Rechnung auf zweitausend Stück
auszustellen. Wen betrachtete diese fortlaufende Nebeneinnahme als eine
angemessene Ergänzung seines monatlichen Gehalts in Höhe von hundert
Dollar.
Endlich war der Vorabend des Tages gekommen, an dem „Das Torpedoboot“
zum ersten Male erscheinen sollte. Herr Wen schrieb den Leitartikel,
der in Form und Inhalt alles Bisherige in den Schatten stellte. Es wäre
schade, wenn seine Ausführungen der Nachwelt nicht erhalten blieben.
Hier sind sie:
„Die niedere Redaktion gibt heute zum ersten Mal „Das Torpedoboot“
heraus. Weil unsere Zeitung klein von Gestalt ist, haben wir ihr
diesen Namen gegeben. Es gibt in Schanghai auch grosse Zeitungen.
Sie gleichen schweren, unbeholfenen Panzerschiffen, die aber den
Angriffen unseres Boots auf die Dauer nicht standhalten können. Mit
stets wachender Mannschaft umkreisen wir die grossen Schiffe und
beunruhigen sie bei Tag und Nacht, bis ein wohlgezielter Schuss
eines nach dem andern in die Tiefe gurgeln lässt. Wir nehmen den
Kampf mit jedem Gegner auf, der die Rechte unseres heiss geliebten
Brudervolks bedroht. Und wenn die neue Regierung die Volksrechte
mit Füssen tritt, so werden wir auch gegen sie kämpfen und siegen.
Je mehr uns die Allgemeinheit durch das eifrige Lesen unsers
Blattes unterstützt, desto erfolgreicher vermögen wir ihre Rechte
zu schützen. Wir sind erst dann kampfunfähig, wenn der letzte
Schuss aus dem Rohr ist. Damit kein Munitionsmangel eintritt,
bitten wir ehrerbietig um dauernde Unterstützung.“
Der Hauptgründer, Herr Tsang, war entzückt von der ersten Ausgabe. Er
verweilte Stunden lang in der Redaktion und schaute fast ehrfürchtig
den Chefredakteur an, der eifrig die zweite Nummer vorbereitete.
Draussen vor der Redaktion hielt den ganzen Nachmittag ein Automobil,
das ab und zu zur Reklame ratterte, um die wohlfundierte neue
Zeitungsgründung nach aussen hin würdig zu vertreten.
So verging eine Woche. Der Eifer des Herrn Tsang liess nach. Er suchte
Zerstreuung bei Fräulein „Kostbarer Edelstein“, die ihm oft bis zum
frühen Morgen seine Lieblingslieder singen musste. Der Teilhaber Kung,
der Mann mit den tibetischen Goldaktien, kannte den verschwiegenen
Aufenthalt seines Geschäftsfreundes und besuchte ihn. Er komme im
Auftrag des Chefredakteurs, der Munitionsmangel festgestellt habe
und um tausend Dollar bitte. In zwei Minuten war die Bankanweisung
ausgeschrieben; Kung kam öfter, etwa alle zwei Tage, und erhielt in den
Weinlaunen Tsangs anstandslos das Geld.
Als Kung eines Tags den Chefredakteur Wen sah, klagte ihm dieser
wirklich über Munitionsmangel. Kung als Goldgrubenbesitzer in Tibet
legte rasch tausend Dollar auf den Tisch des Hauses. Das beruhigte Wen.
Inzwischen liefen täglich Briefe bei der Redaktion ein, die auf die
allgemeine Begeisterung hinwiesen, mit der „Das Torpedoboot“ in den
mittelchinesischen Provinzen gelesen wurde. Mit diesen Briefen, die
er selbst bestellt hatte, ging der Chefredakteur zu dem Hauptgründer
und Lebemann Tsang und regte die Erhöhung der Auflage von zwei- auf
dreitausend an. Der Vorschlag wurde genehmigt, aber wie bisher kamen
nur tausend aus dem Druck; die Druckkosten für die übrigen zweitausend
waren der gemeinsame Gewinn des Geschäftsführers der Druckerei und des
Chefredakteurs.
Chefredakteur Wen fühlte, dass er reich wurde. Und das Alles auf Kosten
des kaltblütig vor Nanking abgefeuerten Kanonenschusses. Es fehlten
nur noch zehntausend Dollar, dann war er angehender Grosskapitalist.
Er schrieb fein säuberlich folgenden Brief an eine hochstehende
Persönlichkeit:
„Euer Hochwohlgeboren! In diesen schwierigen Uebergangszeiten ist
eine charaktervolle Zeitung für die Volksaufklärung unbedingt
erforderlich. Ohne Zweifel werden Sie eigene Interessen haben, die
Sie in diesen Zeiten vertreten sehen wünschen. Der grösste Teil
der hiesigen Presse ist Ihnen feindlich gesinnt und arbeitet auf
Ihren Sturz hin. Wenn Sie Ihren einträglichen Posten weiter zu
halten wünschen (ich selbst weiss, wie berechtigt die Angriffe der
Ihnen feindlich gesinnten Presse sind) bin ich gern bereit, höhern
Orts für Sie einzutreten. Ihre Einwilligung hierzu werde ich darin
bestätigt finden, dass Sie mir bis morgen früh zehntausend Dollar
überweisen.“
Man muss es der neuen Zeit lassen, dass sie in gewissen Kreisen ein
merkwürdig feines Verständnis für den Wert einer „guten Presse“
entwickelt hat. Am folgenden Tag war der Chefredakteur Wen im
Besitz der gewünschten Summe. So, jetzt noch einen Griff in die
Geschäftskasse, und fort war er.
Da sich in Folge des plötzlichen Ausscheidens des Chefredakteurs
Niemand fand, der einer solch umsichtigen Geschäftsführung gewachsen
gewesen wäre, musste „Das Torpedoboot“ an sich selbst zu Grunde gehen.
In einer andern Tageszeitung erschien Tags darauf eine Notiz, in der
mitgeteilt wurde, dass „Das Torpedoboot“ im Kampf mit dem überlegenen
Feind gerammt worden und auf der Stelle gesunken wäre. Bis heute ist es
noch nicht gehoben worden.
Der Lebemann Tsang ist um eine Erfahrung reicher, und er weint seinen
Schmerz jetzt beim „Kostbaren Edelstein“ aus.
Kung, der Mann mit den tibetischen Goldaktien, hat einige tausend
Dollar bei der Zeitungsgründung verdient. Denn die angeblich damals vom
Chefredakteur alle zwei Tage verlangten Summen hat dieser natürlich nie
zu sehen bekommen.
Der Chefredakteur Wen aber sitzt im sichern Port. Er beabsichtigt, mit
dem rasch verdienten Geld eine Gesellschaft für „Versicherung gegen
Grossstadtgefahren“ zu gründen.
[Illustration]
A-tous Vater.
Vor Monaten brachte eine Zeitung in Schanghai folgende Notiz.
Ein junger Chinese, der westländische Kleidung trug, geriet mit
seinem Vater in Streit, in dessen Verlauf der Sohn ausfällig wurde
und dem Vater mit einem Stock ins Gesicht schlug. Als der Vater
seinen Sohn dafür züchtigen wollte, zog letzterer einen Revolver
aus der Tasche. Zum Glück schritt rechtzeitig die Polizei ein,
die grösseres Unglück verhütete. Den Anlass zum Streit soll die
Aufforderung des Vaters gegeben haben, der Sohn solle sich seiner
westländischen Kleidung entledigen und in der herkömmlichen Tracht
den Ahnen die vorgeschriebenen Opfer darbringen.
Das Ereignis ist ein Kulturdokument, das zwischen den paar Zeilen,
in denen es dargestellt wurde, unbegrenzte Weiten und Tiefen hat. Es
ist das Dokument einer chinesischen Weltstadt, die ein unfiltriertes,
gärendes Gemisch von chinesischer und westländischer Kultur ist, ein
Gemisch, das die edlen und wertvollen Teile der beiden Kulturen zu
untätiger Verbannung ausscheidet, während sich die leichtbeweglichen,
materialistischen Teile zu einem berauschenden Trank vermischen,
der nach Ansicht Vieler das künftige Lebenselixier Chinas werden
soll. Lange habe ich die fünfzeilige Notiz in meiner Westentasche
herumgetragen, sie an stillen Abenden hervorgeholt, durch die Finger
gleiten lassen und über sie nachgedacht. Ich hab mich im Geist in
die Gedankenwelt der beiden Streitenden versenkt, ihre Gründe und
Gegengründe gehört, und zuletzt standen sie in meiner Phantasie
greifbar vor mir. Und als ich an einem Sommerabend, während vom Fluss
weiche, erfrischende Luft wehte, überlegend am Schreibtisch sass, da
sagte ich plötzlich laut vor mich hin: „Komm, alter Vater, erzähle mir
von Deinem Schmerz und Deinem Zorn.“
Und der Alte erzählte:
Vor fünfzehn Jahren lebte ich in dem Fischerdorf Kiang wan, jenem Ort
zwischen Schanghai und Wusung, wo vor einem Jahr der Ausländer in dem
grossen Schmetterling durch die Luft flog. Damals bewohnte ich eine
kleine Hütte, unterrichtete die Dorfjugend und nährte mich mit Frau und
Sohn redlich. Ja, der Himmel hatte mir einen „Edelstein“ geschenkt, der
mein Stolz und meine Freude war. Einen Sohn, den ich mir im Geiste der
konfuzischen Lebensregeln erziehen wollte, der meiner Seele opferte,
wenn dereinst die schattigen Lebensbäume über meinem Grabe rauschten.
Ich war nur ein armer Gelehrter, trug aber in meinem Herzen Hochachtung
vor dem grossen Unsichtbaren, der die Gestirne in ihren Bahnen lenkt,
der aus schlechten Menschen gute und aus guten schlechte zu schaffen
vermag.
Trotzdem ich mich eines ordentlichen Lebenswandels befleissigte,
strafte mich der Himmel an meinem Sohn. Ich glaube nicht, dass es meine
Schuld war, sondern nehme an, dass irgend einer meiner Ahnen Böses
trieb, und dass die Strafe des Himmels erst nach vielen Jahrzehnten
wirksam ward und gerade meinen Sohn traf.
Bis zu seinem zwölften Jahre war A-tou fleissig und treu. Eines
Tages überredete mich ein Verwandter, doch mein einsames Lehrerleben
aufzugeben und mich mit dem kleinen ersparten Kapital (es waren etwa
sechshundert Stränge Lochkäsch) in Schanghai, der Stadt der Fremden,
niederzulassen. Schweren Herzens verkaufte ich meine Hütte und zog nach
Schanghai.
Wie mir ums Herz wurde, als ich mit Frau und Kind durch die Strassen
der grossen Stadt zog, an den riesigen Steinmauern entlang schritt,
die jeden Augenblick einzustürzen drohten, als ich nur ein Stückchen
Himmel und keine Sonne sah, will ich nicht schildern. Mir war zu Mute,
als ob ich durch die unterlassene Darbringung von Opfern meine Ahnen
aufs Schwerste beleidigt hätte und jede Minute von ihrer Strafe ereilt
werden könnte. Die Freude meines jungen A-tou war aber ohne Grenzen.
Ueberall blieb er stehen. Alles fesselte ihn, über alles wollte er
Auskunft haben.
Ich fühlte, wie schon beim ersten Betreten die Weltstadt meinen Jungen
in ihre Fangarme nahm, und machte mir gleich selbst Vorwürfe, dass ich
ihn nicht streng genug im Geiste unserer Väter erzogen hatte; denn das
wäre ein Mittel gewesen, ihn gegen alle Einflüsse, die mit unserer
Weltanschauung nicht im Einklang stehen, widerstandsfähig zu machen.
Wer aber der Strafe des Himmels verfallen ist, treibt unwiderstehlich
dem Zusammenbruch zu; dagegen hält auch die gründlichste Erziehung
nicht Stand. So ging es meinem Sohne A-tou. Die bösen Einflüsse
gewannen in seinem Herzen die Oberhand und sie erfassten auch mich in
manchen Stunden des Tages.
Noch heute verfluche ich die Stunde, wo mich ein reicher Freund
besuchte und mich bat, meinen Sohn bei ihm in die Lehre zu schicken.
Ich gab den damals Fünfzehnjährigen aus der väterlichen Gewalt. Das
Unglück schritt schnell. Ab und zu kam er, modisch gekleidet, zu
mir, redete hochtönende Worte und gebärdete sich wie ein hochmütiger
Ladenbesitzer. Er hatte mitunter Ansichten, die mir als Vater die
blasse Scham in die Wangen trieben; er redete vom Sturz von Kaiser
und Altar, von einem Staat, wo kein kaiserlicher Beamter, sondern nur
das Volk regierte, und dergleichen Dinge mehr. Seine Ansichten waren
so fest unerschütterlich, dass ich keine Worte finden konnte, seinen
verirrten Geist wieder auf den richtigen Weg zu führen. Ich erinnere
mich nur, dass ich ihm in meiner grenzenlosen Wut die Tür gewiesen
habe. Mit einem höhnischen verächtlichen Blick, der mir heute noch aus
allen Ecken entgegengrinst, wenn ich nur an A-tou denke, verliess er
mich.
Eines Tages kam der reiche Freund und klagte bitterlich. Ich ahnte
nichts Gutes, und plötzlich gestand er mir, dass A-tou seit drei
Tagen dem Geschäft fern geblieben sei. Er glaube, A-tou, der wegen
revolutionärer Umtriebe verhaftet werden sollte, sei völlig in die
Dienste der geheimen Umsturzgesellschaft getreten. Beim Hören dieser
Schmerzensbotschaft war mir, als ob der Taischan eingestürzt sei. Meine
Frau sass in der Ecke und weinte; Wochen lang war sie aufgeregt, bis
sich eines Tages der Todesgeist in ihre Kehle setzte; da sie zu schwach
war, musste sie ihn herunterschlucken und sterben. Sie wurde bei
Kiang-wan beigesetzt.
Lange hatte ich von A-tou nichts mehr gehört. Inzwischen brach die
Revolution aus. Und da erfuhr ich, dass mein Sohn zwei Jahre im
Wutschanger Gefängnis gesessen habe, weil er sich gegen die heilige
Person des Kaisers vergehen wollte, indem er den Aufstand predigte und
Bomben anfertigte. Als Wu tschang fiel, wurde er aus dem Gefängnis
befreit und trat in das Volksheer ein, wo er es bald zum Offizier
brachte. Das alles erzählte mir ein Kamerad A-tous, der von ihm
überredet, als Freiwilliger gegen den Kaiser gekämpft hatte.
In jenen Tagen, als mir die Schande meines Sohnes erzählt wurde, wollte
ich mich voller Gram in den Fluss stürzen. Ich vertraute aber auf
den „alten Herrn Himmel“, dem ich täglich einige Stäbchen Weihrauch
opferte, damit er das Herz meines Sohnes läutere und noch in letzter
Stunde auf den rechten Weg führe, den „Weg der Mitte“, den unser Volk
Jahrhunderte in schlichter Einfachheit geschritten ist. Ich wünschte
mir, A-tou gegenüberzusitzen, und wollte mit ihm plaudern wie damals,
als wir den Kiangwaner Fischern beim Netzflicken zuschauten. Ganz
schlicht und einfach wollte ich zu ihm sprechen, ihm meinen Gram aus
der Seele schütten, ihn väterlich zur Umkehr ermahnen. Vielleicht hatte
die rauhe, vom Ausland angesteckte Zeit noch ein Fünkchen Mitleid in
meinem Sohne gelassen, das, geschickt zur Flamme entfacht, A-tou zu
innigem Verzeihen vor mir auf die Knie gezwungen hätte. Ja, diesem
Augenblick sah ich als dem stolzesten meines Lebens entgegen.
Der Himmel erhörte mich, um mich aber nur noch schlimmer zu züchtigen.
Eines Tages fuhr ein knatternder ausländischer Wagen ohne Pferde
vor meiner schlichten Wohnung vor, und ein westländisch gekleideter
Chinese mit einem wippenden Stöckchen in der Hand trat herein. Als
er die blaue Brille von seinen Augen nahm, erkannte ich A-tou, der
mir zur Begrüssung hochnäsig zurief, er sei jetzt Beamter der neuen
Regierung. Das war eine nette Einführung. Den ihm angebotenen Tee wies
er verächtlich von sich, weil die Tasse zu schmutzig sei; dabei lief
er räsonnierend in den Zimmern umher und wippte dabei immerfort mit
dem Stöckchen. Ich alte Einfalt folgte ihm, wie ein ganz gemeiner Kuli
seinem Herrn.
Vor dem Papierbild des Schutzgeists unserer Familie blieb A-tou stehen.
Trotz der Jämmerlichkeit meiner Lage frohlockte ich innerlich, weil
ich glaubte, A-tou wolle dem Schutzgeist seine Rückkunft nach dem
väterlichen Hause anzeigen. Statt dessen vollführte er mit der Gerte
einen Schlag über das Gesicht des Gottes, dass das Papier klatschend
auseinanderriss. Ich schrie vor Schmerz über diese Freveltat laut
auf. Verwundert schaute mich A-tou an und befahl mir, den Plunder
herunterzureissen. Man müsse an nichts anderes als an sich selbst
glauben; das sei die beste Religion.
Das war der väterlichen Geduld zu viel zugemutet. Ich hatte bis zum
letzten Augenblick gehofft, Gelegenheit zu haben, mit A-tou gütlich zu
reden. Jetzt musste ich ihm aber zeigen, dass ich der Vater war und er
von meiner Autorität auf die Knie gezwungen werden muss.
„Du Verräter deines Vaterlandes“, herrschte ich ihn an, „du Zerstörer
von Gott und Reich, du Vernichter der Ordnung des Volkes, du Zerstörer
meines Familienglücks! Ich verlange von dir, dass du alle deine Taten
sühnst. Vor dem Grabe deiner Mutter, deren Tod du verschuldet hast!“
Es ist schamlos für einen Vater, einzugestehen, dass die Worte
unbeachtet im Raum verhallten. Denn A-tou sass auf dem Opfertisch,
liess die Beine schlenkern und wippte verächtlich mit dem Stöckchen;
dabei murmelte er etwas von Blödsinn, altem Weib, neuer Zeit,
Zivilisation und was sonst mehr. Seine trotzige, unversöhnliche Art
steigerte meinen Zorn. Und ehe er sich versah, hatte ich ihn am
Kragen gepackt und mit einem Griff ihn mir Auge um Auge auf dem Boden
gegenüber gestellt.
„So,“ rief ich, indem ich ihm die westländische Jacke herunterriss,
„heraus aus dem fremden Sklavenanzug! Noch heute steckst du dich in
die herkömmliche Festkleidung. Wir beide gehen nach Kiang wan, und du
verbrennst Weihrauchstäbchen am Grabe deiner Mutter!“
Blitzschnell sauste als Antwort die Gerte über meinen Kopf. Das setzte
der Schande die Krone auf. Voller Schmerz hob ich A-tou in die Luft
und liess ihn wie einen Reissack auf den Boden fallen. Flugs hatte er
sich erhoben, einen Revolver aus der Tasche gezogen und ihn auf mich
gerichtet. Da erschien ein „Hsün pu“ und machte dem Streit ein Ende.
A-tou fuhr unbelästigt im Wagen davon.
Ich dankte dem Himmel, dass er für seine Tat nicht bestraft worden
ist, sondern sah darin ein günstiges Vorzeichen, dass mir der Himmel
die Vollziehung der Strafe vorbehielt. Denn A-tou hatte, als er die
Hand gegen mich erhob, das schwerste Verbrechen begangen, dessen ein
Sohn gegen seinen Vater fähig sein kann. Da braucht man zu keinem
Ortsbeamten zu laufen, um den Sohn anzuklagen, denn das ungeschriebene
chinesische Familienrecht erkennt in diesem Falle den Vater als den
alleinigen Richter an. Ebenso wie er einem Sohn das Leben geben kann,
so darf er es ihm auch wieder nehmen. Die Freveltat schrie nach Rache.
Zu dieser Zeit geschah es, dass ich den Entschluss fasste, in mein
Heimatdorf Kiang wan zurückzukehren; ich besuchte daher öfter das Dorf,
um ein Haus ausfindig zu machen, in dem ich wohnen konnte. Kurz nach
Sonnenuntergang machte ich mich eines Tages auf den Rückweg von Kiang
wan nach Schanghai. Unterwegs kam ich an dem grossen Platz vorbei, wo
Chinesen und Ausländer ihre Pferde um die Wette laufen liessen. Das
Fest war zu Ende, und Tausende von Menschen strömten auf dem Feldweg
zur Bahnstation. Ganz hinten klapperte ein Wagen ohne Pferde. Plötzlich
hielt er still. Von einer Ahnung gepackt, rannte ich nach der Stelle
und sah, dass der Wagen, vom Weg abgeraten, in tiefem Lehm festsass.
Ich sah noch mehr. Nein, ich schrie. Scharf und kurz, dass A-tou, dem
der Ruf galt, erschreckt zusammenfuhr und ängstlich um sich blickte.
Ha, auf einsamem Feld wirkte die väterliche Autorität.
Mit grimmigem Behagen trat ich an ihn heran, packte ihn wortlos an der
Gurgel und zog ihn hinter mir her. Wir gingen quer über das Feld einem
kleinen Gräberhain zu. Dort angekommen, drückte ich den Kopf A-tous
gegen den frischbewachsenen Grabhügel und sagte kurz: „Dort unten ruht
deine Mutter!“ Ich verschränkte die Arme und blickte abwartend auf die
kauernde Gestalt.
A-tou wagte nicht aufzuschauen; er lag da wie ein Reissack, sein Rock
war zerrissen und mit Lehm bespritzt. Ahnte er, dass sein Richter vor
ihm stand?
Und zum zweiten Mal schrie ich ihn an, dass ihm mein Speichel ins
Gesicht spritzte: „Dort unten ruht deine Mutter!“ Endlich fand A-tou
Worte. Und er fragte leise: „Hast du Weihrauchstäbchen mitgebracht,
Vater?“