Bekleidungsstücke des Chinesen. Ehe ein chinesischer Händler daran
dachte, der Nachfrage nach diesen Artikeln gerecht zu werden, wurden
sie schon beim europäischen „Master“ gestohlen. Die westländischen
Schuhe wurden meistens verächtlich behandelt; sie wurden nur an
Regentagen, wenn die Strasse voll Wasser und weichem Kot war,
getragen, weil die chinesischen Schuhe zu gut dafür waren. Dann kam
aber die Revolution. Ihre Nachwirkungen fanden in Schanghai ihren
Ausdruck in einem westländischen Modefieber. „Wer nicht mit der Mode
geht, gilt als ein armer Mann“, sagt ein chinesisches Sprichwort.
Nun, die Jungchinesen wollten zeigen, dass sie nicht arm waren.
Ihre Kaufkraft zeigt die Schanghaier Zollstatistik bei der Einfuhr
von Mützen, Tuchen, Schuhen und sonstigen Bedarfsartikeln; und was
nicht verkauft ist, liegt in den Schaufenstern der Kaufläden, die
über Nacht ihre alten chinesischen Ladenhüter mit europäischem
Flitter vertauscht haben. Das Modefieber hat nachgelassen; aber wer
noch von ihm gepackt ist, wird es nicht mehr los; das Fieber ist
chronisch geworden. Zur Lehre und Mahnung der in Schanghai lebenden
Ausländer will ich eine Geschichte von meinem frühern Freund Kang
Lou hui erzählen, der an jedem Geschäft, das mit ausländischen
Kleidungssachen handelte, in weitem Bogen vorüberging. Trotzdem zählte
mein Freund Kang zu den am Besten gekleideten chinesischen Jünglingen
der Weltstadt Shanghai. Bald kleidete er sich im gewöhnlichen
Strassenanzug, bald in würdigen Gehrock mit gestreiften Hosen, dann
trug er einen eleganten Schwalbenschwanzrock, und des Abends zeigte
er sich öfter in der Foochow Road im „Smoking“ oder in Frack und
weisser Binde. Es war erstaunlich, über welchen Kleiderreichtum Kang
Lou hui verfügte; dabei verdiente er monatlich knapp fünfundzwanzig
Dollar und besass keinen Zent Barvermögen. Als ich ihn eines Tages
in seiner Wohnung, die aus einem einzigen, dürftig eingerichteten
Zimmer bestand, aufsuchte und er mir in einem einfachen chinesischen
Gewand entgegenkam, schaute ich vergeblich nach einer Kleidertruhe,
die die Kleiderherrlichkeiten bergen konnte. Ich fragte meinen
Freund vertraulich, wie er seinen Kleiderluxus ermögliche. Darüber
gab er mir nach einigem Zögern vertraulich Auskunft. Freund Kang
sagte flüsternd: „Der ganze Kleiderluxus kostet mich monatlich drei
mexikanische Dollar. Nichts von Dem, was ich am Leibe trage, nenne
ich mein eigen. Alles ist -- gemietet. Ein Freund von mir, der „Boy“
bei einem gutmütigen ausländischen Junggesellen ist, besorgt mir
täglich Kragen, Taschentücher, Schuhe, Strümpfe, Ueberzieher und
jeden gewünschten Anzug. Pünktlich liefere ich die Sachen, die auf
Kosten des „Masters“ in die Wäsche gehen, ab und empfange neue. Einmal
gab es einen schönen Krach. Seitdem hat die Kleiderherrlichkeit ein
Ende. Ich hatte nämlich einen Frack samt Schlips und weisser Weste an
einen Freund weiterverliehen, der einer Hochzeit beizuwohnen hatte.
Wie es so geht, trank er zu viel Schao-hsinger Wein, er verlor das
Gleichgewicht in der Rickscha und stürzte in den Strassenschmutz. Kaum
hatte ich den Frack zur raschen Reinigung beim Wäscher abgeliefert,
da kam auch schon atemlos mein Freund und Kleiderverleiher und sagte,
sein „Master“ suche wie ein Wilder nach dem Kleidungsstück, da er zu
einem Ball gehen müsse. Als ich dem Boy die Sachlage auseinandersetzte,
ging er schimpfend davon. Ich versuchte, mich am nächsten Tag mit
ihm auszusöhnen, und versprach, ihm vom kommenden Monat ab vier
Dollar zu zahlen; ich bot ihm fünf und sechs Dollar. Der Freund blieb
hart, seitdem ihn sein ausländischer Herr für den verlorenen Frack
windelweich zerhauen hatte.“ Kang Lou hui schloss sein Geständnis
traurigen Antlitzes. Verzweifelnd gestand er mir zum Schluss, dass er
in den nächsten vierzehn Tagen zwei Hochzeiten, einer Beerdigung und
zehn Nachmittagstees, bei denen er in moderner ausländischer Kleidung
erscheinen will, auf dem Kalender angemerkt habe. Zur Zeit ist er auf
der Suche nach einem dummen Ausländer und einem bestechlichen „Boy“,
die seiner Kleidernot abhelfen.
[Illustration]
Beim chinesischen Buchhändler.
Durch die chinesische Stadt führt der Weg; die Sonne brennt senkrecht
auf die blauen Tuchblenden, die von Haus zu Haus auf schwanken
Bambusstäben über die winklige Strasse gespannt sind. Müde Lastträger
keuchen vor mir her und scheuchen buntschillernde scheinbar
phosphorisierende Fliegen auf, die über eine süsse Melonenscheibe
hergefallen sind. Noch zwei Häuser, und ich bin angelangt. Auf dem
Ladenschild steht: „Berghütte für zusammengekehrtes Laub“. Das ist der
Buchladen des Herrn Tschen Wai ku. Die hohen Regale mit unzähligen
Bänden, deren Titel durch herausragende Papierfetzchen kenntlich
gemacht sind, klettern an den zwei Wänden des engen Ladens empor.
Im Hintergrund blickt man in ein Zimmer, darin zwei Lehrlinge, zwei
Verkäufer und der Buchhalter gerade ihr Mittagsmahl einnehmen; sie
haben lange, weichgekochte Nudeln zwischen den Esstäbchen und gurgeln
sie geschickt in den Magen. Der Lehrling bemerkte mich zuerst, und
er rief in den Raum: „Der Ausländer ist gekommen.“ Wem der Ruf galt,
wusste ich. Bald trat die Gestalt des Herrn Tschen, die unwillkürlich
an den greisen Tschang Tschi tung erinnert, aus dem Hinterzimmer in den
Laden. Das Gesicht ist klein und runzelig; ein weisses Ziegenbärtchen
hängt am Kinn herab. Tschen wies mir mit artigen Komplimenten den
Kundenstuhl an, und er selbst nahm seinen gewohnten Sitz hinter dem
Ladentisch ein. In seiner Hand hielt er einen Nephritgriff, aus dem
ein halbes Dutzend Adlerfedern strahlenförmig auseinandergingen und
doch ein einheitliches Ganze bildeten: einen Fächer. Herr Tschen
fächelte sich Kühlung zu. Dabei fiel mein Blick auf die Rückenwand
des Fächers, auf der die braunweissen Farbentönungen eine flüchtig
skizzierte Gebirgslandschaft darstellten. „Ein Geschenk meines Sohnes,
der in Tschekiang Beamter ist,“ sagte Herr Tschen kurz, wie das seine
Art ist. Eine bessere Anknüpfung für mein Gespräch hätte ich kaum
finden können; sie ersparte mir die Phrasen, ob mein Gegenüber schon
gespeist habe und in seinem Glückspalast Alles wohl sei. „So, ihr Sohn
ist Beamter. Er wird wohl jetzt schwierige Zeiten durchmachen müssen.“
Tschen wehrte ab. „Tschekiang ist ruhig und wird es bleiben.“ Haben sie
Nachrichten von dort? Herr Tschen knisterte mit seinen dürren Fingern
an der Seitentasche und zog einen zerknitterten Brief heraus. „Den hat
er mir vor Kurzem geschrieben. In Tschekiang lachen die Beamten über
die unreifen Hitzköpfe, die Yüan Schih kai „bestrafen“ wollen. Der
lässt sich nicht bestrafen. Die Republik ist doch kein Schulhaus. Ich
sah, dass Tschen Wai ku heute in der besten Laune war, über Politik
zu sprechen, und hielt ihn bei der Stange. „Ich bin Ausländer, Herr
Tschen, und muss bei den inneren Wirren Ihres Landes unparteiisch
bleiben. Ich möchte nur Ihre Meinung über die Lage hören, um die
Volksstimmung zu ergründen. Ich sehne mich nach Ihrer Belehrung.“ Herr
Tschen machte eine geschmeichelte Verbeugung und fächelte. Er schob
die feingesponnenen Aermel zurück, damit die dürre Haut auch ein wenig
gekühlt werde.
„Ja,“ sprach er dann etwas zögernd, „was ich Ihnen heute sagen werde,
klingt verschieden von dem, was ich Ihnen vor zwei Jahren gesagt
habe, als es in Wu tschang losging.“ Ich erinnerte mich rasch, dass
damals der alte Tschen den republikanischen Segen über Alles pries.
„Sehen Sie, damals fuhr unsere Volksklasse auf zwei Schiffen. Jeder
stand mit einem Fuss auf dem einen, mit dem andern Fuss auf dem andern
Boot. Niemand hatte Vertrauen zu den Mandschus. Und als der Augenblick
gekommen war, sprang Alles auf das Boot der „Autoritätsverwerfer“.“
„Na, so billig war die Fahrt nicht,“ warf ich etwas spöttisch ein.
Herr Tschen überhörte gern die Bemerkung, da sie in ihm unliebsame
Erinnerungen weckte. Wie gehörig wurde er damals um des Grundsatzes
der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit willen geschröpft, und
er musste schliesslich als Ausdruck seiner innern Gesinnung die neue
Regenbogenflagge hissen.
„Heute fahren wir nur auf einem Schiff,“ sagte Herr Tschen sehr stolz.
„Wir haben Vertrauen zu Yüan Schih kai.“
„Also haben die Hetzartikel der Kuo min tang, in denen Yüan Schih kai
als Mörder, Vaterlandsverräter, Volksbetrüger usw. bezeichnet wurde,
keinen Eindruck auf das Volk gemacht?“
„Nein; sie haben nur den Hass des Volkes gegen die Kuo min tang erregt.
Nicht deshalb, weil gerade Yüan Schih kai der angegriffene Teil war,
sondern das Volk sagte: „Wer solche ungebührlichen Ausdrücke im Mund
führt, ist unehrlich.“ Das Volk rückte dadurch nur von der Partei
ab, anstatt (was die Kuo min tang beabsichtigte) sich ihr zu nähern.
Und schliesslich: was geht es uns arbeitende Bürger an, wenn sich
Yüan Schih kai nicht genau an Das hält, was ihm einige Alleswisser
vorgeschrieben haben? Ein Herrscher, der sich vom Volk in seine
Geschäfte reden lässt, hat noch nie lange regiert. Jetzt wird es besser
gehen; Yüan wird machen, was er will.“
„Sie haben also Vertrauen zu Yüan Schih kai, Herr Tschen?“
„Ja, das habe ich,“ erwiderte er lebhaft, „nicht nur ich, sondern Jeder
unseres Volkes, der sich nach Ruhe und Ordnung sehnt. Wir vertrauen ihm
besondern deshalb, weil Yüan Schih kai Chinese ist. Er kennt sein Volk,
wie kein Anderer im Reich; er geht auf die Wünsche des Volkes ein, und
(dabei flüsterte Herr Tschen) er kennt die Sehnsucht des Volkes.“
In der Nähe klang der Marschschritt einer Patrouille. Herr Tschen
blickte etwas ängstlich auf die markigen nordchinesischen Gestalten,
und dann neigte er sich über den Ladentisch und flüsterte: „Wenn man
auf dem Weg redet, soll man daran denken, dass es im Gras Leute geben
kann.“ Ich verstand. Tschen zog mich in das Nebenzimmer, wo seine
Angestellten gerade das Mittagsmahl beendet hatten, um ihre Plätze im
Laden wieder einzunehmen. Bei einer Tasse Tee sass ich Herrn Tschen nun
gegenüber.
„Er kennt die Sehnsucht des Volkes?“ knüpfte ich das unterbrochene
Gespräch wieder an.
„Ja,“ nickte Tschen „er weiss, dass die Masse des Volkes einen starken
Herrscher will, einen Herrscher, der die edlen Güter der Nation zu
wahren weiss. Wenn noch Huang Hsing ans Ruder käme, so wäre unser Volk
in kurzer Zeit vernichtet.“ Hier machte Tschen eine Pause und tat
einige Züge aus der Wasserpfeife.
„Huang Hsing,“ wiederholte er, indem er das Wort grimmig durch die
Zähne zischte. „Noch nie hat unser Volk einen Mann so gehasst wie
diesen Verräter. Er ist eine doppelzüngige Schlange. Ich erinnere mich,
dass er vor etwa einem Jahr eine bescheiden unterwürfige Eingabe beim
Präsidenten Yüan Schih kai gemacht hat. Er klagte darin dem „Ta tsung
tung“ in heuchlerischen Worten über die traurige innere Lage; die
leichtfertige Jugend erränge die Oberhand und treibe mit den edelsten
Gütern des Volkes eitles Spiel. Um das Reich vor innerm Zusammenbruch
zu bewahren, empfahl Huang Hsing die nachdrückliche Pflege der alten
Tugenden unserer Weisen: Kindesliebe, Bruderpflicht, Treue, Anstand,
Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Bescheidenheit. Er erwartete von
Anderen, dass sie diese Tugenden pflegen sollten; er selbst lebte auf
seine eigne Weise, und er wurde ein warnendes Beispiel für unsere
Jugend, dieselbe Jugend, der er Aufsässigkeit und Mangel an Tugend
vorwarf. So wie Huang Hsing waren seine Anhänger, die mit ihm die
Herrschaft erstrebten. Jetzt ist er im Sonnenland. Das Volk atmet
auf. Es kommt sich vor, als ob der Himmel ein Opfer mit Wohlgefallen
angenommen habe.“ Tschen schwieg. Ich benutzte die Pause, um mich zu
verabschieden, da ich meinen Zweck erreicht und einen Blick in die
Volksstimmung getan hatte. „Und wie denken Sie über die Revolution im
Allgemeinen?“ fragte ich beim Gehen. Tschen wai ku sann einige Sekunden
nach und sagte dann: „Konfuzius sagt: Das Meer trägt ein Boot; das Meer
kann im Sturm das Boot umstürzen. Ein Herrscher, der von dem ruhigen
Willen des Volkes getragen wird, bleibt oben; ein Herrscher, der das
Volk zum Sturm reizt, geht verloren.“
„Und wie deuten Sie diesen Ausspruch auf die heutige Lage?“
Tschen lächelte. „Auf dem weiten Meer fährt Yüan Schih kai allein im
Boot. Fern, fern am Ufer stehen Huang Hsing und seine Schwurbrüder
und versuchen, mit ihren zarten Händen das grosse Meer in Wallung zu
bringen. Kein Wellenschlag berührt das Boot. Yüan Schih kai lacht über
die unnütze Kraftanstrengung seiner Feinde am Gestade.“
[Illustration]
Der musikalische Obsthändler.
Seit der Obsthändler Wong Ka long seinen Hökerstand in der
Französischen Niederlassung aufgeschlagen hat, macht er glänzende
Geschäfte. Ausser seiner reichhaltigen Auswahl von südländischen
Früchten, hat er einen rotbetrichterten Grammophon und ein Mundwerk,
das dem Rhythmus der Sprechmaschine nicht nachsteht. Der natürliche
und der mechanische Apparat werden Wong sicher noch zum reichen Mann
machen. Gestern staute sich eine Menge vor seinem Laden, als sein
Grammophon ein berühmtes Lied von Lin Pu tsing spielte. Er liess aber
den Sänger nicht zu Ende singen, sondern hielt den Apparat an und
pries die vorzügliche Güte seiner Aepfel, das schmackhafte Fleisch
der Bananen und die köstliche Frische der Lai tschis. „Ihr dünkt euch
wie die Schlemmerkönige Yau und Schun, wenn ihr von meinen Früchten
esst!“ rief der Händler in die Menge. Das Lockwort brachte ihm einige
Käufer. „Ich werde ein Lied spielen lassen, das Ihr noch nie gehört
habt, wenn ich innerhalb der nächsten fünf Minuten für zwanzig Zents
Früchte verkaufe“, rief Wong weiter und harrte der Kunden. In zwei
Minuten hatte er für zehn Zent Früchte verkauft. „Das Lied das gespielt
wird, ist eine wunderbare Melodie. Es klingt schöner als der Sang des
Goldvogels in den Azurbergen und feierlicher als Tempelmusik. Wenn ihr
es hört, werdet ihr alles Leid vergessen; wohin ihr geht, wird euch
der köstliche Gesang folgen.“ Wong verkaufte sechs Bananen. „Ihr müsst
wissen, das Lied kommt vom Ausland“, fuhr er fort. „Könige, Fürsten,
Präsidenten und die „hundert Familien“ (Volk) sind von ihm in Bann
geschlagen, weil keine andre Melodie erfunden wurde, die ihr gleich
stünde.“ Wong verkaufte drei Aepfel. „Das Lied wird von den fremden
Barbaren gesungen, die daraus die Kraft für all ihre erstaunlichen
Künste schöpfen.“ Wong verkaufte ein halbes Dutzend Lai tschis. Und
dann rief er mit erhobener Stimme. „Das Lied birgt das Geheimnis
der Kraft der Europäer.“ Wong kannte die Seele seines Volkes und er
verkaufte soviel, dass er mehr Geld einnahm, als er erwartet hatte.
Ehrfürchtig schaute die Menge auf das Grammophon. Wong nahm die Platte
mit Lin Pu tsings Lied weg, holte eine andere aus einer Schachtel
hervor, blies vorsichtig den Strassenstaub ab und setzte sie ein.
Knirschend grub der Stahlstift seine Rillen. Und dann ertönte, kaum
vernehmbar die ächzende Weise: „Puppchen, du bist mein Augenstern!“
Wong Ka long rieb sich vergnügt die Hände.
In der Foochow Road.
Abend in der Foochow Road, der Strasse der chinesischen Lebewelt.
Ueberall elektrischer Lichterglanz und eine sommerlich gekleidete
Menge. Zwei ausländische Gestalten sind im Gewühl; offenbar ein
Ehepaar. Der Kleidung nach Deutsche und auf der Durchreise. Die
schauhungrigen Augen der jungen Frau werden gar nicht satt. „O sieh
mal, Männe hier!“, staunt fast jedes Wort, das dem zarten Mund
entquillt. Das Paar bahnt sich den Weg durch das Gewühl. Plötzlich
bleibt die Frau stehen und klammert sich fester an den Arm des Gatten.
„Männe, hör mal!“ spricht die Frau und bleibt lauschend stehen;
nein, sie spricht nicht, sie flüstert mit ehrfürchtigem Erschauern.
Die Beiden lauschen gespannt. Oben, in einem Teehaus wird in wirrem
Durcheinander auf Trommeln, Zimbeln und Metallbecken geschlagen; echt
chinesische Musik; „O, Männe, Männe“ jubelt die Frau „wie zivilisiert
die Chinesen geworden sind. Die spielen schon -- Strauss!“ Mit
verklärtem Blick zieht die Frau den Gatten weiter durch das Gewühl.
Am nächsten Tag prangt ein besonderes Kapitel im Tagebuch: „Salomes
Siegeszug in China.“
[Illustration]
Grosstadtschicksale.
A-säs Heirat.
Die neue Zeit hat den Chinesen eine merkwürdige Form der Heirat
beschert. Sie kommt so recht dem Bedürfnis der leichtlebigen Welt
entgegen und huldigt dem Grundsatz: „Leicht verbunden, leicht
getrennt“. Oder im Bilde gesprochen: die neue Heirat verknüpft
das junge Paar mit dünnen, zerreissbaren Seidenfäden, während die
überlieferten Formen der alten Heirat die Neuvermählten mit festen
Ketten zusammenschmieden. Und noch ein Unterschied besteht zwischen
der Heirat in der alten und neuen Zeit. Der Jahrhunderte lange Brauch
erfordert es, dass sich Braut und Bräutigam vor der Hochzeit nicht
von Angesicht zu Angesicht sehen dürfen, und dass der Ehebund durch
einen Vermittler, der mit den in Frage kommenden beiden Familien alle
Verhandlungen führt, geschlossen wird, dass aber persönliche Zu- und
Abneigung der Brautleute dabei in keiner Weise berücksichtigt werden.
Wie anders ist dagegen die neue Heirat! Sie wird nur von Herz zu Herz
geschlossen. Die Liebenden sehen sich und sprechen sich täglich, und
wenn sich die Zeit erfüllt, schreiten sie beherzt zur neuen Ehe, die
chinesisch „wen ming tsieh hun“ (zivilisatorische Verbindung) genannt
wird. Von dieser Heirat in ihrer neuen Form und den Erfahrungen, die
der junge A-sä dabei gemacht hat, soll eine kleine Geschichte handeln.
A-sä war der dritte Sohn des Reisbauern Li, dessen Anwesen hinter
dem Sutschouer Kriek, dort, wo die kleine Fähre nach dem schattigen
Jessfield führt, lag. A-sä zählte achtzehn Jahre und hatte zwei
Brüder, die, nach altem Brauch verheiratet, in glücklicher Ehe lebten.
Sie blieben trotz der neuen Zeit, die laut hörbar in den grossen
Spinnereien längs des wasserreichen Krieks pochte, und trotz des
Lockrufs, der täglich laut vernehmlich aus dem Hasten der Weltstadt
drang, ihrem Vater treu, plantschten knietief hinter dem Büffelpflug
durch die zähschlammige Lehmerde, hegten die zarten Reispflänzchen
wie ihren Augapfel und freuten sich des satten Grüns und der blendend
weissen ausgereiften Körner. Der kleine A-sä aber schlug früh aus der
Art. Seine Seele war weich wie Wachs, und jeder Gang, den er durch die
brausende Weltstadt Schanghai machte, liess darin einen unverwischbaren
Eindruck zurück. Und A-sä ruhte nicht eher, bis ihn sein Vater den
bäuerlichen Arbeitspflichten entband und ihn in eine westländische
Schule schickte, wo er Chinesisch, Englisch und Bibellesen lernte. A-sä
wuchs frei und selbstbewusst auf. Als er sechzehn Jahr alt war, fand
er eine Stelle in einem grossen ausländischen Geschäft in der Nähe des
Szemalu. Dort war auch eine Buchhandlung. Und eines Tages entdeckte
er ein Buch, das er glühenden Kopfes las. Es war eine Uebersetzung
aus dem Französischen, und der Verfasser war ein gewisser Tso la.
Vor A-sä tat sich eine neue Welt auf, zu der sich seine weiche Seele
unwiderstehlich hingezogen fühlte. Das, was ihn so hinriss, war der
ungezwungene Verkehr zwischen Geschlecht und Geschlecht. Noch mehr
staunte er, als ihm eines Tages in der Zeitung eine Notiz über die neue
Form der Ehe in die Augen fiel, die in einem andern Blatt sogar mit
einem kleinen Gedicht verherrlicht wurde. Der Gedanke an diese neue
Art Heirat verbunden mit dem gewaltigen Eindruck, den das Buch in ihm
hinterlassen hatte, trieb A-sä Nächte lang den Schlaf aus den Augen.
Er war entschlossen, die neue Ehe zu wagen, eingedenk des Sprichwortes
„i ko jen bu suan i ko jen“ (Ein Mensch ist noch kein Mensch), was
ihm auch ein gelerntes Bibelwort bestätigte, das da heisst: „Es ist
nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Gerade in den Tagen, wo er
den Entschluss zu heiraten gefasst hatte, wollte es der Zufall, dass
der alte Li seinen Jüngsten auf sein heiratsfähiges Alter aufmerksam
machte. A-sä murmelte etwas vor sich hin und schwieg. Mächtig flackerte
aber sein Zorn auf, als ihm ein an den Vater gerichteter Brief in
die Hände fiel, worin ein Heiratsvermittler mitteilte, dass A-pao,
des wohlhabenden Reisbauern Tsung Tochter, ein passendes Ehegespons
für seinen Jüngsten sei. Mit einem Gesicht, das vor Zorn fahl wie
gebleichtes Strohgeflecht war, trat A-sä am Abend, den Brief in seinen
Händen, vor seinen Vater und schrie mit bebenden Lippen, dass er keinen
Heiratsvermittler brauche, dass er auf „wen ming Art“ selbst seine
Frau suche, und dass er von heute an überhaupt aus dem Familienverband
der Li ausscheide! An der niedrigen Tür blieb A-sä stehen, schaute zum
letzten Mal den verdutzten Alten an und lief trotzigen Herzens in die
Nacht.
[Illustration: A-sä auf dem Wasserbüffel. (S. 64)]
Jeden Abend, wenn das Geschäft schloss, betrat A-sä sein in der
Nähe gemietetes Zimmer, schlüpfte in ein kremefarbiges Gewand,
glättete vor dem Spiegel selbstgefällig das Haar zu einem straffen
Scheitel und liess sich von dem Menschenstrom durch die Strassen
treiben. A-sä ging auf Freiersfüssen. Jedes weibliche Wesen, das an
ihm vorbeihuschte, musterte er mit seinen frechen, achtzehnjährigen
Augen wie ein Dreissigjähriger. Und gar oft wurde sein Blick
verständnisvoll erwidert. Aber das war nicht, was A-sä suchte; er
suchte eine Lebensgefährtin. Und als er sie in dem Strassengewühl
schliesslich nicht fand, wanderte er am Abend in den stilleren Gassen
der Weltstadt umher. Das Glück war ihm hold. Am vierten Abend machte
er die Bekanntschaft eines Mädchens, das Tags über in der Spinnerei
Baumwolle zupfte und mit ihrem geringen Verdienst sich und ihre alte
Mutter ernährte. Die Spinnerin war ein schüchternes, sechzehnjähriges
Ding, das nur die Aussenränder der Stadt betrat, um nicht in dem
grossen Strudel verschlungen zu werden; ihre Freude war „hoch wie der
Himmel und allumspannend wie die Erde“, dass sie die Bekanntschaft
des sich so vornehm gebärdenden A-sä gemacht hatte. Und wie verstand
er zu erzählen, wenn sie mit ihm am Abend, der gar mondbeglänzt und
voll weicher Luft war, auf einsamem Feldrain sass! Immer wieder musste
sie ihm die kleinen, von rauher Arbeit erhärteten Händchen hinhalten,
damit er sie kosend streichele, hübsch still sitzen, wenn seine
zartgliedrigen Tags über geschäftig über das Rechenbrett gleitenden
Hände, über ihre weichen Wangen fuhren. Und einmal fasste er sogar
ihren Kopf derb zwischen den Händen, sah sie mit verlangenden Augen an
und berührte seine Lippen mit den ihren. Und voll von Glücklichsein und
Reue sprang er auf und beteuerte entschuldigend: „So steht es im Buch,
ganz genau so!“ Eng umschlungen, wie zwei, die zusammengehören, gingen
sie dann schweigsam den Feldweg entlang und betraten die beleuchtete
Strasse. A-sä hatte das Einverständnis des Mädchens, seine Frau zu
werden.
Nun stand der Hochzeit nichts mehr im Wege. Ohne den „Wind- und
Wasserdoktor“ zu befragen, setzten Beide, voll zehrender Ungeduld,
den Freudentag fest. Und sie fuhren, sonntäglich gekleidet, zum
Standesbeamten in der chinesischen Stadt. Krampfhaft presste
A-sä ein kleines Kästchen in der Hand, darin wohlverborgen zwei
messingvergoldete Eheringe lagen. Und das junge Paar trat vor den
westländisch gekleideten, nervös blickenden Beamten, der sie zur Ehe
zusammenführte. A-sä und das Mädchen wechselten die Ringe und fuhren in
die Niederlassung zurück. Jetzt waren sie ein Ehepaar. Galant führte
der Gatte seine Frau in den Garten Tschang Su ho, wo er sie mit Wein
und Gebäck bewirtete und am Abend wohnten sie einer Vorstellung im
Theater Hsin wu tai bei, wo gerade der fünfte Teil der „Kameliendame“
aufgeführt wurde. Während die junge Frau staunenden Auges über das
Geländer stierte, fächelte sich A-sä selbstzufrieden und tat blasiert,
als ob er den ganzen Rummel kenne.
Wenn die Mäuse satt sind, schmeckt das Mehl bitter. So erging es auch
A-sä in seinem Ehestand. Die kleinen Nadelstiche der Ehe brachten
ihn zur Verzweiflung. Wo er beständiges Glück erhofft hatte (wie
es in dem Buche stand), fand er den nüchternsten Alltag. Und er
kam zu der Feststellung, dass seine glücklichsten Stunden vor der
Zivilisationsheirat gelegen hatten; damals, als er sich so zärtlich
an seine Liebe schmiegen, ihr Beseligendes beteuern und zuflüstern
konnte, während er ihr die Händchen und die Wangen streichelte. Ja, in
diese Zeit sehnte er sich zurück. Und als diese Sehnsucht immer stärker
wurde, schenkte er seiner Frau seinen Ehering, den sie mit dem ihren
auf dem Pfandhaus versetzen sollte, und bedeutete ihr, dass nun die
Zeit für sie wieder gekommen sei, in der Spinnerei zu arbeiten. Ein
wenig schluchzend verliess die Frau das Haus: sie tröstete sich aber,
als ihr A-sä beim Abschied sagte, dass Alles so kommen müsse, weil es
so in dem französischen Buche stünde.