In einem der vielen Seitengänge, die sich von der Nanking Road in die

dahinter liegenden Häuserblöcke bohren, hat seit Jahren ein Verkäufer

von verzuckerten Erdnüssen seinen Stand aufgeschlagen. Die hohe

Gestalt, die braunrote Gesichtsfarbe und die starkknochigen Finger,

mit denen er die gezuckerten Früchte in senffarbenes Papier wickelt,

oder mit denen er ab und zu eine überdauerte Winterfliege mit dem

Federwedel verjagt, deuten daraufhin, dass er nicht ein eingeborener

Schanghaier ist, sondern von einem andern Teil des Reiches in die

Weltstadt zog. Der Erdnussverkäufer stammt aus Schantung; er gehört

zu meinen Freunden, wie Alles, was von dort kommt. Eines Tages machte

er mir einen Besuch und überreichte mir seine knabenfusslange,

knallrote Visitenkarte, darauf in schwarzer Tuschschrift zu lesen

stand: Wang Tung hai. Seit dem Besuch, den ich in seiner Wohnung in der

Peking Road erwidert hatte, wurden wir Freunde, ein für das Studium

soziologischer Verhältnisse in China wichtiger Umstand. Ich sprach

über Dieses und Jenes mit ihm. So fragte ich ihn gelegentlich auch

wie er sich in der Weltstadt Schanghai durchschlüge. Da erzählte er

mir, dass er an regenfreien Tagen im Durchschnitt sechs chinesische

Pfund gezuckerte Erdnüsse verkaufe. Er bezieht die Erdnüsse von einem

Zwischenhändler, der sie wieder vom Produzenten in Kiangsu kauft.

Die sechs Pfund Erdnüsse kosten ihm, einschliesslich Zuckerung und

Einschlagpapier, zwanzig Zent. Der Tagesverdienst beträgt nach dem

Verkauf der sechs Pfund fünfundvierzig Zent oder zwölfeinhalb Dollar im

Monat. Wenn es regnet, bleibt er zu Hause und trommelt mit den Fingern

an die vom Staub erblindeten Fensterscheiben; denn an Regentagen ist

der Verdienst so gering, dass er lieber ganz darauf verzichtet. Als

durchschnittlichen Monatsgewinn rechnet Freund Wang zehn Dollar;

er hat aber in ganz besonders guten Zeiten schon fünfzehn Dollar

verdient. Davon bestreitet er die Kosten für seine mit zweieinhalb

Dollar im Haushalt veranschlagte Wohnung und sein mit Schantunger

Leibgerichten gewürztes Essen, das die Summe von sechs Dollar nicht

überschreiten darf. Der Mehrverdienst der guten Monate muss über die

schlechten hinweghelfen. Und die machen fast die Hälfte des Jahres

aus. Besonders graut es Freund Wang vor der „toten Saison“, die die

Sommermonate umfasst. Denn zu dieser Zeit sind die gezuckerten Erdnüsse

am Wenigsten schmackhaft. Deshalb klappt Wang beim Beginn der heissen

Zeit den Verkaufstisch zusammen, isst des Morgens den Rest der ihm

verbliebenen Zuckernüsse zum Frühstück und besucht ein halbes Jahr lang

die Stadtkundschaft eines Getreidegeschäftes. Das bringt noch weniger

ein, als der Erdnussverkauf, hält aber den wackern Schantunger so lange

in der Weltstadt über Wasser, bis wieder die Zeit anbricht, wo er seine

gezuckerte Ware verkaufen und, je nachdem, mit den harten Fingern

auf den Fensterscheiben trommeln kann, gegen die der unerbittliche,

geschäftsstörende Herbstregen schlägt.

[Illustration]

Der Heiratsvertrag.

Vor Kurzem war ich Zeuge einer Verkehrsstockung in der Szechuan Road.

Das ist an sich kein sonderliches Erlebnis. Sonderlich genug war

aber die Ursache, die zu der Verkehrsstockung führte. Halblinks von

mir ging ein alter, behäbig-vornehm gekleideter Chinese; es war eine

typisch chinesische Erscheinung vom Zopf bis zur Sohle. Die Gestalt

erinnerte an einen biedern Provinzonkel, der sich einmal Schanghai

„ansehen“ wollte. Die muntere Art, mit der er seine Aeuglein über das

Grossstadtgetriebe spielen liess, zeigte, dass er sich an all dem

Neuen, das rings um ihn herandrängte, ergötzte. Das Spielen seiner

Gesichtsmuskeln liess einen Schluss in Das zu, wie er seine Eindrücke

innerlich verdaute. Bald verzogen sich seine Züge zu einem behaglichen

Lächeln, bald braute es vorwurfsvoll um Stirn und Augen. Da bleibt

der Alte plötzlich wie angewurzelt auf der Mitte der Strasse stehen,

den Kopf lauernd nach vorn gebogen, die Augen aufgerissen, und hinter

ihm staute sich der Verkehr. Rickschas, Automobile, Kutschen und

Fussgänger hielten an, und gar schrecklich bimmelte der ungeduldige

Wagenführer der Elektrischen, als sich sein Wagen im Gewühl verrannte.

Der Alte stand immer noch lauernd da, bis ihn schliesslich ein

hochstämmiger rotbeturbanter indischer Schutzmann zur Seite schob und

dem angestauten Verkehr freie Bahn schaffte. Der alte Chinese setzte

wie eine vom Räderwerk aufgezogene Puppe seinen Gang fort, die Augen

immer unverwandt nach vorn gerichtet. Ich ging unauffällig neben ihm

her und versuchte mit meinen Augen das Ziel seiner Blicke zu ergründen.

Endlich fand ich es. Es war eine tannenschlanke Chinesin der besseren

Gesellschaftskreise; sie trug eine grüne Wollmütze und eilte mit ihren

lackierten Lederschühchen über den Asphalt, den langen Rock mit der

linken Hand ein wenig knöchelfrei hochschürzend.

Der Alte beschleunigte seinen Schritt und ging immer hinter her,

immer hinterher... Mir fiel dabei eine wahre Geschichte ein, in

der ein alter Chinese und eine „moderne“ Chinesin eine Heldenrolle

spielten, und die fast genau so anfing wie die, die zu der

Verkehrsstockung Anlass gegeben hatte. Im winterlich eisbestarrten

Herzen des alten „konservativen“ Tsai, eines Bücherlesers, wurde es

noch einmal Frühling. Es begann zu sprossen wie einst im Mai. Eine

keck gekleidete, jugendliche Landsmännin hatte es ihm angetan.

Seitdem er Fräulein Edelstein an jenem Abend gesehen hatte, wo sie

als begeisterte Agitatorin für das Frauenstimmrecht den Männern den

Krieg erklärte, musste Tsai kapitulieren. „Du gleichst der Sonne am

klaren Winterhimmel. Aus deinen Augen leuchtet der lautere Quell des

Herzens. Deine Stimme ist so süss, wie die einer Nachtigall im vom

Abendwind durchflüsterten Bambushain. Deine Lippen gleichen hellroten

Frühkirschen.“ So himmelte er sie an, verbrach Gedichte und suchte in

alten Klassikern nach sinnreichen Stellen, die seinem Liebesgestammel

den Schein tiefgründiger Gelehrsamkeit geben sollten. Die Angebetete

blieb hart. Sie sah ihn mit kalten Augen an und sagte rauh, dass sie

sich mehr für Politik als für die Ehe interessiere. Dadurch immer mehr

angestachelt, nahm er den letzten Anlauf. Und er gelang. Tsai führte

die Heissumkämpfte heim. Er eroberte die Sonne, deren Licht ihm die

Augen verblendet hatte. Vorher machten Beide einen Heiratskontrakt,

darin zu lesen stand: „Der Unterzeichnete führt Fräulein Edelstein

als seine Frau heim. Er ist damit einverstanden, dass sie, als seine

rechtmässige Gattin 352 Tage im Jahre zu Zwecken der Agitation für

das Frauenstimmrecht alle Plätze des Reichs bereisen darf. Die

unterzeichnete Gattin verpflichtet sich, während des Neujahrsfest nach

Schanghai zurückzukehren; sie braucht jedoch den Aufenthalt nicht über

acht Tage auszudehnen.“

[Illustration]

Der Schauspieler.

Mehr als ein Dutzend Male habe ich den berühmten Schauspieler Wu Tschan

djiao auf der Bühne des Theaters Hsin wu tai gesehen, viertausend

Zuhörer mit seiner melodischen Nordsprache und seinem eindrucksvollen

Mienenspiel im Bann haltend. Unvergleichlich war er in dem klassischen

Stück: „Die lachende Kaiserin“ als Staatsminister Sze Lang oder in

dem Stück „Tsie Tsien“, das in die Zeit der „Drei Reiche“ versetzt.

Die ganze Skala feinsinnigster bis zur berstenden Leidenschaft

ausartender Gemütsbewegungen beherrschte er. In klassischen Stücken

atmeten seine Rollen verhaltene Leidenschaft, die nach der alten

chinesischen Schauspielkunst in scharf umgrenzte, rhythmische

Bewegungen eingeschachtelt werden muss, aber darum nicht weniger

eindrucksvoll ist. Dem westländischen Empfinden und Fühlen kam Wu in

den modernen politischen Stücken am Nächsten. Da durfte er kühn alle,

die innere Leidenschaft hemmenden Banden von sich streifen, da durfte

er, frei von konventionellen Zunftüberlieferungen toben, schreien,

begeistern, überzeugen, und ganz in seiner Rolle aufgehen, wimmern

und schluchzen wie ein Kind. In solchen Augenblicken stand nicht mehr

ein Schauspieler auf der Bühne, sondern ein Volksredner, der den

Instinkt der Masse auszunutzen versteht; dann wurde das Theater zu

einem politischen Versammlungsort, von mitgerissenen Zuhörern geworfen,

prasselten Armspangen und harte Dollar auf die Bühne. Wer Wu Tschan

djiao als Verschwörer Sun Wu in dem Revolutionsstück „Li Yüan hung“

gesehen hat, wird ihn nicht so leicht vergessen. Wu Tschan djiao war

aber eine Kampfnatur. Die Bühne wurde ihm zu eng, und er suchte sich

ein anderes Feld. Sein Streben ging höher. Nicht mehr auf viertausend

Zuhörer wollte er wirken, sondern auf vierhundert Millionen, die

-- wie er meint -- mehr oder weniger nichts Anderes als Zuschauer

der grossen politischen Tragikomödie sind, an der unfreiwillig das

gesamte chinesische Beamtenheer, die fremden Gesandten und der

unter der Steuerschraube seufzende Bauer und Hunderttausende von

Statisten mitwirken. Vor diese vierhundert Millionen ist vor Kurzem

der Schauspieler Wu Tschan djian hingetreten und hat gerufen: „Achtet

auf die gefrässigen Russen. Sie wollen den Zusammenbruch Chinas.

Sie wollen Euch, meine heissgeliebten Brüder, zu Sklaven machen.

Achtet auf den „lebenden Buddha“, der im Solde Russlands steht!“ Und

die Augen der vierhundert Millionen Zuschauer sind seit dem auf Wu

gerichtet; die chinesischen Zeitungen berichten getreulich über Alles,

was er tut. Und die Neuigkeitsucher machten sogar nicht vor Wu Tschan

djiaos Privatwohnung Halt. Dort spielte sich eine eindrucksvolle Szene

ab. Wu rief seine beiden Frauen und sprach: „Von heute ab zähle ich

nicht mehr zu den jüngeren Brüdern des Pfirsichgartens. Jetzt bin

ich General. Ich muss in den Kampf nach der Mongolei. Das Vaterland

ruft.“ Da brachen die beiden Frauen in herzbrechendes Weinen aus. Sie

sahen den Körper des geliebten Mannes von mongolischen Aufständischen

zerfleischt, zerrissen und die Knochen auf gelbem Wüstensand bleichen,

und zogen an Arm und Rock, damit er nicht von ihnen gehe. Wu Tschan

djiao riss sich los und griff nach dem Abschiedstrank und sprach, fest

mit strengen Augen seine Frauen anblickend: „Ich gehe.“ Die Frauen

trockneten ihre Tränen, und sie hörten gefasst auf die Anordnungen

des Mannes. Der ältern Frau vertraute er die Erziehung des kleinen

Ahing an; er müsse fleissig lernen, um später ein tüchtiger Mensch zu

werden. Die jüngere, die ihn sparsam dünkte, erhielt die Verwaltung

des Vermögens. Jetzt ist Wu Tschan djiao schon im Norden und eifrig

dabei, die Söldnerzahl um sich zu scharen, die seine Stellung als

General rechtfertigen soll. Das schlecht bezahlte Schauspielervolk

Chinas, besonders die, die müde sind, den Thespiskarren weiter durch

den Schlamm zu ziehen, eilen zu den Fahnen Wu Tschan djiaos. So ist es

den Erfolglosen, den Vielzuvielen, denen mit dem Schauspieler Wu Tschan

djiao zu spielen verwehrt war, vielleicht noch vergönnt, unter dem

General Wu Tschan djiao zu kämpfen. Hei, das wird ein heisses Streiten

auf der mongolischen Steppe! Schulter an Schulter kämpfen dann die

alten Heldengestalten, Tsao Tsao, Tschang Fe, Liu Pei, Kung Ming, wie

sie Alle heissen, gegen den gemeinsamen Feind. Weh dir, Hutuktu!

[Illustration]

[Illustration: Der Garten Li-Hsüan

Zu Seite 49.]

Das Fest der Literaten.

Der berühmte, achtzig Jahre alte Bücherleser Wang Hui kai aus

Hunan hat am Fest des „Erwachens der Insekten“ den ehemaligen

Provinzialschatzmeister Wu Hsi kai, den frühern Minister der Ta Tsing

Dynastie Ku Hung chi und einige andere hochgebildete Literaten im

Garten Li hsüan zu sich einladen, um sich zu unterhalten und „Gedichte

zu machen“. So war vor einiger Zeit in einem Schanghaier chinesischen

Blatt, das zu den „gemässigten“ Republikanern gehört, am Liebsten

aber sein republikanisches Mäntelchen gegen einen Kaisermantel

eintauschen möchte, zu lesen. Zwischen all den Artikeln und Artikelchen

über Parteiquacksalbereien, tollgewordenen Hunden, Lokalpolitik und

Verschwörergesellschaften, wirkte das Lesen jener kleinen Mitteilung

erquickend, wie ein kräftiger Landregen im heissen Sommer. Die

Mitteilung hatte „Erdgeruch“. Endlich wieder einmal eine Neuigkeit,

die Einen daran erinnert, dass man in China lebt. Ich kenne weder den

Herrn Wang Hui kai noch den gewesenen Schatzmeister Wu Hsi kui und

die Anderen. Ich weiss nur, dass sie echte Chinesen sind, Chinesen,

die in der Zeit des Umsturzes und der politischen Zersetzung in ihrem

tiefsten Herzensschrein noch ein Fünkchen Liebe für ihre alte Kultur

bewahrt haben. Und das bedeutet viel, sehr viel. Bei den sogenannten

Jungchinesen wäre ein solches Fest, das der achtzigjährige Wang Hui

kai aus Hunan im Garten Li hsüan veranstaltet hat, ganz undenkbar. Wo

heute zwei Jungchinesen zusammensitzen, wird über Politik gesprochen.

Nein, nicht gesprochen, sondern geprahlt, unerreichbaren Phantomen

nachgejagt, statt hübsch mit den Füssen auf dem Boden zu bleiben und

tapfern Auges umherzublicken. Da wird der Mund recht voll genommen,

gemäkelt, kritisiert, geschimpft, verschworen, eine andere Zeit

herbeigesehnt und stumm die Hand gedrückt: „Na warte, wenn wir ans

Ruder kommen!“ So ringt das immer gärende Jungchinesentum nach Gärung,

in Wirklichkeit wühlt es den Schlamm im unergründlichen Brackwasser

der sogenannten neuen chinesischen Weltanschauung immer tiefer auf.

Anders ist es bei den „Altchinesen“, wie sie Herr Wang Hui kai im

Garten Li hsüan um sich geschart hatte. „Um Gedichte zu machen“ stand

auf der Einladungskarte. Herr Wang hatte mich mit keiner Einladung

beehrt. Darob zürnte ich ihm nicht; denn wie könnte er doch auch von

einem „fremden Teufel“ annehmen, dass er sich für seine literarischen

Schmausereien interessiere, ein „fremder Teufel“, der dazu noch in

einer von chinesisch westländischem Materialismus beglückten Weltstadt

wohnt. Aber die kurze Mitteilung in dem chinesischen Blatt liess das

ganze Fest der Literaten vor mir entstehen, liess es mich innerlich

miterleben.

Der Garten Li hsüan. Ich weiss nicht, wo der Garten liegt, kann mir

aber genau vorstellen, wie es dort aussieht. Wenn man hineinblickt,

sieht man eine in Miniatur zusammengepresste chinesische Landschaft.

Die aus grünbemoosten, kopfgrossen Steinen zurechtgebauten Berge sind

kaum drei Meter hoch; sie schliessen einen mit Riedgras bewachsenen

„See“ ein, auf dessen Wasser Trauerweiden ihre Zweige wiegen. In

dem Teich tummeln sich Karpfen und Goldfische, die mitunter, nach

Fressbarem schnappend, die Wasserfläche quirlend aufwühlen. In den

Trauerweiden streitet sich ein beutehungriges Elsternpaar. In einem

kleinen Pavillon am Seeufer, von dem man die ganze Landschaft übersehen

kann, sitzen am steinernen Tisch und auf steinernen, säulenförmigen

Stühlen Wang Hui kai aus Hunan und seine Gäste, machen sich in artigen

Redensarten Komplimente und nippen feurigen Schau hsinger Wein, mit

mageren, zitternden Händen die kleinen Schälchen an den zuckenden

Mund führend und mit dem Seidenärmel verlorene Tröpfchen vom Bart

wischend. Die Herren gedachten alter Zeiten, beweihräucherten sich

gegenseitig und lächelten zufrieden. Und dann belauschten sie die

Natur. Das Elsternpaar in der Trauerweide hatte sich noch nicht

ausgetobt; von Krallen- und Flügelschlag löste sich ein dürrer Zweig

und klatschte, sich überstürzend ins Wasser, dieweil die hungrigen

Goldfische danach schnappten und dann wieder enttäuscht ihre Köpfe

unter das Wasser steckten. Der Zweig trieb auf ein einsam schwimmendes

Blatt zu, und Beide schwammen vereint zum Ufer. Die Köpfe der

Greise klappten nachsinnend zusammen; nach wenigen Sekunden war die

chinesische Literatur um ein Gedicht bereichert. Das beste Gedicht

in Schönheit des Ausdrucks und des Rhythmus erhielt der Minister

Ku Hung tschi. Und so ging es Stunden lang. Die Wangen der Greise

glühten in dichterischem Rausch. Dann wurde es still im Kreis, so

still, dass man die Trauerweidenzweige knistern und knacken hörte.

Und dann wurde es laut. Aus der Ferne fauchte es heran, tutend und

staubaufwirbelnd. Keck durchbrach es die Eingangspforte und drang

störend in das Dichterreich. Es war ein Auto, ein ganz gewöhnliches

Auto. Ihm entstiegen drei chinesische Damen und zwei Herren, von denen

Einer Offiziersuniform trug; dem Range nach war er kommandierender

General, dem Geburtsschein nach kaum dreiundzwanzig. Der andere Herr

war im Gehrock und Zylinder, er war höherer Beamter. Die Kleidung der

Damen trug den Modelaunen der Zeit Rechnung. Fast bestürzt richteten

sich die Augen der Literaten auf die Eindringlinge, die sich frei und

ungezwungen bewegten. Eine Dame rief dem kommandierenden General ein

zärtliches Scherzwort zu, und er haschte nach ihr; wie eine Gazelle

sprang sie davon; endlich erreichte er sie, drückte mit seiner

kommandierenden Generals-Hand die Handknöchel der Entwichenen und sah

ihr mit heissen Augen ins Gesicht. Der andere Herr quetschte vor lauter

Vergnügen den Gummiball der Automobilhupe und die beiden anderen Damen

stachen mit dünnen Spazierstöckchen nach den Goldfischen. Oben im

Pavillon waren die Gesichter immer noch bestürzt. Der siebzigjährige Wu

Hsi kuei murmelte eine Strophe aus dem „Schih tsching“:

Habt vor dem Himmelszorne Scheu,

wagt nicht so eitle Spielerei!

Die Literaten horchten auf. Und der achtzigjährige Wang Hui kai aus

Hunan ergänzte:

Der Himmel wirft sein Strafnetz aus:

Fresswürmer, die am Innern zehren.

Dummköpfe, Harte, Leut’ ohn’ Ehren,

Verwirrungsstifter, Rechtsverdreher.

Die herrschen, unserm Land Zucht zu lehren.

(Schih tsching III 3.11)

Wang Hui kai lachte, alle Form vergessend, laut auf und damit endete

das Fest der Literaten...

[Illustration]

Zirkus in der Unterwelt.

Vor ein paar Tagen war ich Abends in einem chinesischen Theater. Es

war eines von den modernen, mit Rang und Sperrsitz, Kronleuchter,

schiebbaren Kulissen und fürstlich bezahlten Schauspielern. Ich kam

gegen elf Uhr. Ein wildes Durcheinander war auf der Bühne. Zwei Helden

bekämpften sich. Wild flogen die Bärte, grimmig blitzten die Augen,

geschmeidig dehnten sich die Körper unter den schweren Heldenkostümen.

Im rhythmischen Takt der Musik schlugen die Gegner auf einander

ein; der Rhythmus stockt, sechsmal hintereinander wie ferne Schüsse

aus einem Schnellfeuergeschütz knallt der Trommler auf das gellende

Holz, und dann war es still. In eherner Haltung, mit rollenden Augen

und schnaubendem Atem standen die Kämpen an der Rampe und starrten

unverwandt in die Zuschauer. Das Stück war aus; ein neues begann. Auf

dem Theaterzettel stand: „Hsin Lo yang tschiao“ (Die neue Lo yang

Brücke). Die alte Lo yang Brücke hatte ich früher einmal gesehen;

soweit ich mich erinnerte, war es ein Stück mit vielen Göttern. Auch

die Kuan yin pu sa, die Göttin der Barmherzigkeit war -- Richtig, da

kommt sie. In prunkendem Gewand, mit glänzendem Gefolge, das bunte

Lichter und Laternen trug, wird sie auf ihrem Thron auf die Bühne

getragen; sanft tönt die Musik; die Göttin singt ein Lied und wird dann

wieder weiterbefördert. Der Vorhang senkt sich, hebt sich von Neuem,

und man erblickt einen Mann im gewöhnlichen, chinesischen bürgerlichen

Gewand, der sich mit einer Kanne Wein unterhält, des Spruchs von Li Tai

po gedenkend:

Wenn tausendfach die Sorgen sind

Und drücken sie noch so schwer,

Dann trink’ dreihundert Glas geschwind,

Da fühlst du sie nicht mehr.

Und richtig. Der Mann trank, trank so viel, dass sich der Lung Wang,

der König der Unterwelt, veranlasst sah, einen Schergen zur Warnung vor

dem Alkoholgenuss an die Oberwelt zu senden. Der Trinker schlug die

Warnungen des Höllenschergen lachend in den Wind. Da ereilt ihn sein

Geschick. Man sieht den Trinker, wie er auf schwankem Kahn über das

Wasser fahren will; es rauscht eine Welle heran, das Boot kippt um,

und der Trinker, (ebenso wie der Dichter Li Tai po, der den Mond in

des Wassers Mitte fassen wollte) sinkt immer tiefer und tiefer bis er

den Wassergrund berührt. Der Vorhang senkt sich und hebt sich wieder,

und der Trinker steht im Reich des Höllenkönigs. Mit wunderbarem

Geschick hat dort der chinesische Regisseur ein Stück Unterwelt vor

die Augen des Zuschauers gestellt. Man erblickt den Lung Wang mit

seinem greulichen Gefolge, und im düstern Hintergrund blinken zahllose

Lichter; hier erlischt ein Licht, dort facht ein neues an, dort brennt

eins mit beängstigender Schnelle ab. Die Lichter sollen das Sinnbild

des Menschenlebens sein, dessen Geschick in den Händen des Höllengottes

liegt. „Aha,“ denkt der Zuschauer, „jetzt geht es dem Trinker an den

Kragen.“ Man wartet; aber nichts ereignet sich. Der Trinker, der

Höllenkönig und sein greuliches Gefolge blicken auffällig nach einer

Seitenkulisse. Hat ein Schauspieler sein Stichwort überhört? Plötzlich

hört man Schreie; dazwischen klingt es wie englische Laute. Ehe man

sich dessen versieht, plumpen zwei Säcke auf die Bühne, die sich

überschlagend drehen, vor der Rampe haltmachen und sich höflich vor

dem Zuschauer verneigen. Es sind, wie man jetzt sieht, keine Säcke,

sondern weissgepuderte Chinesen im Clownkostüm, Gestalten, wie sie

zum eisernen Bestand jeder westländischen Zirkusvorstellung gehören.

Und nun geht es los. Der neueste „Clou“ der chinesischen Bühne! Die

zwei dummen „Aujuste“ in der Unterwelt! Glanznummer der biedern,

verschandelten „Lo yang Brücke“! Ein Clown will sich setzen, flugs

zieht der andere den Stuhl weg, und er liegt auf dem Boden. Bautz, da

knallt die luftgefüllte Schweinsblase auf dem Rücken des Andern; bautz,

da fliegt sie auf den harten Schädel. Und so geht es eine halbe Stunde

lang. Die Zuschauer kreischen und lachen; der König der Unterwelt und

sein Gefolge bemühen sich krampfhaft, ernst zu bleiben. Schallender

Beifall belohnt die beiden Säcke, die sich überkugelnd vor die Rampe

rollen, den spitzen Zuckerhut abnehmen und sich höflichst verbeugen.

Der Vorhang senkt sich und hebt sich; verschwunden ist der Spuk. Der

Trinker unterhält sich wieder mit einer Kanne Wein, des Spruchs von Li

Tai po gedenkend:

„Wenn tausendfach die Sorgen sind

Und drücken sie noch so schwer,

Dann trink dreihundert Glas geschwind,

Da fühlst du sie nicht mehr.“

Arme, chinesische Bühne! Wie lange wirst Du dich noch der

„Autoliebchen“-, „Puppchen“- und „Filmzauber“-Kultur erwehren können!

[Illustration]

Vom westländischen Modefieber.

Schen: Studien aus einer chinesischen Weltstadt · 第 4 / 11 段