Barbiere zu den wenig geachteten Volksklassen. Die Verachtung ging
unter der Mandschudynastie noch so weit, dass ihre Söhne von allen
Staatsprüfungen ausgeschlossen waren und somit gewaltsam abgehalten
wurden, ihre gesellschaftliche Stellung zu verbessern. Die Revolution
hat, wenigstens soweit Schanghai in Betracht kommt, einen Umschwung
herbeigeführt. Die früher verachteten Barbiere treten plötzlich in
die Reihe der „Vorkämpfer für republikanische Freiheit“, indem sie
sich (was manche chinesische Behörden heute noch ihren Beamten als
Verdienst anrechnen) um die Abschneidung des Zopfes und die Einführung
einer „zivilisatorischen“ Haartracht (wen ming dsie fa) verdient
machten. Ebenso hat sich auch das Ansehen der Schauspieler gehoben,
weil sie als Leute angesehen werden, die die Revolution vorbereiten
halfen. Das trifft eigentlich nur auf die Schauspieler von drei
Theatern zu, die aus dem Rahmen der alten chinesischen Bühne durch ihr
modernes Repertoire heraustreten. Seit etwa drei Jahren hat nämlich
die chinesische Bühne eine bemerkenswerte Wandlung durchgemacht,
wobei die Anlehnung an westländische Muster unverkennbar ist. Mit den
Theatern der alten Art, wie sie sich besonders unverfälscht in den
Provinzen erhalten haben, haben die neuen Anstalten wenig gemein.
Die innere Einrichtung, der Bau des Zuschauerraums, die Anordnung
der Sitzplätze, die Bühne und die szenische Ausstattung sind völlig
europäisch. Ja, sie sind manchen europäischen Theatern noch überlegen,
da zur raschern Bewerkstelligung von Verwandlungen eine drehbare
Bühne eingebaut ist. Naturereignisse werden auf der Bühne durch
mechanische Hilfsmittel getreu nachgeahmt und durch die Anordnung
bemalter, in die Welt des aufgeführten Stückes passender Kulissen
werden keine besondern Ansprüche an die Phantasie der Zuschauer
gestellt, während bei den alten Theatern die Zuhörer sich oft damit
begnügen müssen, dass ein beschriebenes Schild ihnen andeutet, dass
es schneit, regnet, oder dass dort hinten ein Wald zu denken sei. Die
zur Aufführung gelangenden Stücke sind entweder aus einer fremden
Sprache übersetzt oder dem modernen chinesischen Leben entnommen. Sie
sind darauf zugeschnitten, weniger die Zuschauer zu unterhalten, als
sie über politische und soziale Fragen der Gegenwart aufzuklären.
Die Schauspieler sind so sehr von ihrer Aufgabe überzeugt, dass mir
vor kurzem einer der berühmtesten, der monatlich eine Gage von etwa
2500 M bezieht, erklärte: „Unser Theater ist eine Volkshochschule und
wir sind die Professoren.“ Die Arbeit, die heute von der modernen
chinesischen Bühne geleistet wird, ist nicht zu unterschätzen. So
musste vor etwa zwei Jahren die dem chinesischen Geschmack angepasste
Kameliendame fast jeden Abend gegeben werden, und sie beherrscht noch
heute den Spielplan, indem immer ein neuer Teil hinzugedichtet wird,
so dass das Stück, das in seiner ursprünglichen Form an zwei Abenden
aufgeführt werden konnte, jetzt von Anfang bis zu Ende vierzehn
Abende in Anspruch nimmt. Das Stück hat vor der Revolution eine
versteckte revolutionäre Propaganda gemacht und den kriegerischen
Geist im Volke zu wecken versucht. In Bezug auf szenische Ausstattung
ist für chinesische Verhältnisse Grossartiges geleistet worden.
Die Schlachtenszenen, in denen bald der Feind in von Wasserfällen
durchrauschten Gebirgsschluchten, teils mit Panzerschiffen auf dem
Meer bekämpft wurde, haben jeden Abend neue Beifallsstürme entfesselt.
Ebenso behauptet das aus zwei Teilen bestehende „Opiumstück“ seit
mehrern Jahren den Spielplan. Es ist ein soziales Drama, das den
Zusammenbruch einer reichen Kaufmannsfamilie zeigt, deren Haupt
sich dem Opiumgenusse hingibt. Das Stück hat recht eindrucksvolle
Szenen, die sicher dazu beitragen, den Chinesen den Westländer näher
zu bringen. Dabei erhält der Westländer einen Einblick in das Leben
innerhalb der vornehmen chinesischen Welt, die ihm wohl noch lange
geschlossen bleiben wird. Am meisten sind vom Publikum jetzt politische
Stücke begehrt. Während die Verhandlungen für die internationale
Anleihe dem Abschluss nahe waren, wurde ein (wie angenommen wird, von
Mitgliedern der damaligen kantonesischen Partei Tungmenghui verfasstes)
Stück auf die Bretter gebracht, das die Lage in China ausmalte, wenn
das Land in der finanziellen Abhängigkeit der Fremden wäre. Das Spiel
machte unter den Zuschauern einen so überwältigenden Eindruck, dass
viele weinten, Dollarstücke, Armspangen und sonstigen Schmuck auf die
Bühnen warfen, um Wohlwollen für die in hohem Pathos von der Bühne
gehaltenen Reden auszudrücken. Dass es dabei auch nicht an wenig
schmeichelhaften Worten gegen die Ausländer gefehlt hat, braucht kaum
besonders betont zu werden. In einem andern Stück, das den Namen: Das
Unglück Persiens trägt, wurde auf die Ausdehnungsgelüste Russlands
und Englands hingewiesen und Persien als warnendes Beispiel für
China hingestellt. Das neueste politische Stück ist die Darstellung
der chinesischen Revolution auf der Bühne. Unter Anlehnung an die
Ereignisse zieht der Aufstand in etwa 20 Szenen über die Bühne.
Auch bei dem Revolutionsstück: Liyuan hung ist grosser Wert auf die
szenische Ausstattung gelegt, die sich bemüht der Wirklichkeit nahe zu
kommen. Die neuen Stücke sind durchweg von geringem literarischen Wert.
Worauf es den Verfassern ankommt, ist im wesentlichen die Darstellung
einer breiten, in alle Einzelheiten gehenden Handlung, die weniger um
ihrer selbst willen als der neuen Umwelt wegen da ist. Rein äusserlich
bedeutet die Aufnahme moderner Stücke in den Spielplan einen gewissen
Fortschritt, der aber nur auf Kosten der Verflachung der chinesischen
Schauspielkunst erfolgt. Denn so lächerlich diese auch dem europäischen
Geschmack erscheint, so besitzt sie für die grosse Volksmasse doch
ein hohen erzieherischen Wert. Das gleiche kann man von der von
westländischen Vorbilder beeinflussten neuen Bühnenkunst, von ein oder
zwei Ausnahmen abgesehen, nicht behaupten. Ihr Verhältnis zur alten
Bühne ist etwa das gleiche wie heutzutage in Europa das der Operette
zum klassischen Schauspiel.
Wer einen Winter in Berlin verlebt und sich für die Bühnenwelt
interessiert hat, der kennt den eigentümlichen Reiz, der sich um
jede Erstaufführung rankt. Die Presse verkündigt schon Wochen
vorher, welches neue Stück von dieser oder jener Bühne erworben
ist, und dem Tag der Aufführung wird mit Spannung entgegengesehen.
Neben dem prunkenden Hausball, den Exzellenz X in Berlin W. gibt,
gilt eine gelungene Erstaufführung als der „Clou“ der Saison und
ist ein willkommener Gesprächsstoff in den Salons. Man muss einer
Erstaufführung beigewohnt haben, um als Bildungsmensch auf der Höhe zu
sein. Dadurch, dass oft Eintrittskarten im Preise steigen, wie ein von
allen möglichen Einflüssen abhängiger Börsenwert, hat sich der Besuch
der Premièren zu einem fast ausschliesslichen Vorrecht der vornehmen
Welt herausgebildet.
Man wird diese Gesichtspunkte im Auge behalten müssen, wenn man
als kritisch veranlagter Westländer der Erstaufführung in einem
chinesischen Theater beiwohnt. Denn gerade auf diesem Gebiet zeigen
sich die Verschiedenheiten des westländischen und des chinesischen,
oder besser Schanghaier Theaterpublikums. Zunächst muss vorausgeschickt
werden, dass alle chinesischen Theater, von zwei oder drei Ausnahmen
abgesehen, Erstaufführungen garnicht kennen. Ihr Spielplan bewegt
sich seit Alters in berühmten klassischen Stücken, mit deren Inhalt
der Grossvater schon seinen lauschenden Enkel vertraut macht;
die Stücke haben in der Regel einen geschichtlichen Hintergrund,
in den sich der Chinese schon als Junge hineinfühlt, und wenn er
später einer Vorstellung beiwohnt, dann sieht er auf der Bühne,
„dargestellte Geschichte.“ Bei Theatern, die sich die Pflege der alten
Schauspielkunst nach wie vor zur Aufgabe gemacht haben, kann man also
deshalb von Erstaufführungen im Sinne europäischer Hauptstädte nicht
sprechen. Aber es gibt Ausnahmen; und diese finden wir in Schanghai,
wo es moderne Theater gibt, die neben dem alten Schauspiel moderne, an
westländische Vorbilder angelehnte Stücke auf ihrem Spielplan haben.
Der Erstaufführung eines solchen modernen Theaters galt vor einiger
Zeit unser Besuch.
Mit den Premièren der Berliner Bühnen haben chinesische
Erstaufführungen garnichts gemein. Keine Zeitung schlägt vorher die
Reklametrommel, kein auserwähltes Publikum füllt die Plätze, keine
Kritik hebt das Stück in alle Himmel oder reisst es herunter, in keinem
Salon ist es das Gesprächsthema für Monate, und Niemand kennt den Namen
des Dichters. Erstaufführungen sind für das chinesische Theaterpublikum
etwas Gleichgültiges; man sieht es sich an, weil es auf dem Programm
steht; denn kein Theaterdirektor würde es wagen, mit einer Première als
abendfüllendem Stück hervorzutreten. Trotz des neuen Zugs, der in die
moderne chinesische Bühne gekommen ist, wird an dem alten überlieferten
Brauch festgehalten, dass jeden Abend mehrere Stücke ausgeführt werden
müssen. Selbst das am chinesischen Bund gelegene Theater Sin-wu-tai,
dessen aufgeklärte Leitung für alle Neuerungen auf dem Gebiet des
Bühnenwesens leicht zugänglich ist, hat an dem alten Brauch noch
nicht gerüttelt. Neben der Erstaufführung standen (über zwei Abende
verteilt!) mehrere alte Stücke auf dem Programm. So „Schnee im sechsten
Monat“, „Der Eisendrachen-Berg“, „Der Berg Tung Tschün“, der spassige
„Spaziergang des Fräulein Liu Erh tsieh“ und ein mehrstündiges
historisches Schauspiel aus der Zeit der „Drei Reiche.“ Durch diesen
Grützenberg historischer Stücke musste man sich als premièrehungriger
Westländer erst durchfressen, bis man das -- nach westländischer
Auffassung -- Ereignis von zwei Abenden erleben konnte.
Das Stück hiess: „Li Yüan hung“. Welch ein Klang liegt in diesen
Worten! Das zarte, verbindliche Li, das an unumschränkte Diktatur
erinnernde Yüan, und das mit elementarer Wucht ausgesprochene hung. Es
ist der Rhythmus eines ereignisvollen Zeitabschnittes, der aus diesem
Namen heraustönt. Wer kennt nicht Li Yüan hung, das Zünglein an der
Wage beim Ausbrechen der Revolution in Wutschang, den vergötterten
Helden des Volksheers? Der Titel, den das Stück führt, lässt seinen
Inhalt erraten. Denn Alles, was sich um diesen Namen gruppiert, ist
neueste chinesische Zeitgeschichte. Wir Alle haben sie miterlebt;
Manche aus nächster Nähe, und ganz Wenige haben die Ereignisse pochen
hören, als sie Li Yüan hung in seiner schwersten verantwortungsvollsten
Zeit, während vom Hankouer Bahnhof die Geschütze der Kaiserlichen
Granaten nach Wutschang sandten, im Hauptquartier besuchten und
gemütlich mit ihm zusammensassen. Uns ging es wie dem erwähnten
chinesischen Jungen, der mit Andacht der „dargestellten Geschichte“
lauscht, nur mit dem Unterschied, dass wir zum Teil selbst mit dabei
sein konnten, als sie gemacht wurde. Daraus erklärt sich die Spannung,
mit der wir der Aufführung entgegensahen.
Das Stück zerfällt in zwei Teile, die nacheinander an zwei Tagen,
Abends von halbelf bis halbein Uhr, aufgeführt wurden, nachdem der
übrige Teil des Programms erledigt war. Wie alle „modernen Stücke“
der chinesischen Bühne zerfällt auch „Li Yüan hung“ nicht in drei
oder vier, mit steigender Handlung straff durchgeführte Akte, sondern
in etwa zwanzig Szenengruppen von fünf bis zehn Minuten langer
Dauer, die die Geschehnisse in ununterbrochener Reihe darstellen,
damit der Zuhörer nicht den Faden verliert; manche Szenen sind nach
westländischer Auffassung unbedingt überflüssig, und sie könnten ebenso
gut im Dialog angedeutet werden.
Das Stück wird mit einer Szene im Gouverneursyamen eröffnet. Dort sind
der Generalgouverneur Jui Tscheng und die höchsten Spitzen der Provinz
versammelt. Die Beamten tragen die feierliche Amtskleidung und den Hut
mit ihrem Rangknopf. Jedes Wort, das sie sprechen, wird mit besonderer
Sorgfalt betont, jede Bewegung ist fein abgewogen, Alles bewegt sich
in exakten, zeremoniellen Formen, die dem Gesamtbild etwas überaus
Feierliches und Würdevolles geben. Das Gespräch dreht sich um die
innerpolitische Lage; etwas Banges, Ungewisses wird mit dem Ausdruck
„Autoritätsverwerfer“ verknüpft. Inzwischen sind die Umstürzler in
Hankou an der Arbeit. Wir blicken in die historische Bombenwerkstätte.
Der Revolutionär Sun Wu empfängt seine Gesinnungsgenossen, mit denen
er den Plan der Erhebung schmiedet. Unter dem Sitzpolster von Stühlen
werden wohlversteckte Waffen und Bomben hervorgeholt und verteilt.
Eine treffend gesehene Gestalt, ausser Sun Wu, ist ein westländisch
gekleideter Revolutionär; eine kindische Freude liegt auf seinem
Gesicht, wenn von Revolution gesprochen wird; er hüpft und klatscht
in die Hände, wie ein Schuljunge; dabei zittert er fortwährend
vor freudiger Erregung. Die Verschwörer fassen den Entschluss,
den Brigadekommandeur Li Yüan hung in Wutschang für die Sache der
Umsturzgesellschaft zu gewinnen. Das nächste Bild zeigt die Ankunft
Tuan Fangs in Wutschang. Tuan Fang, der seither in Zurückgezogenheit
gelebt hatte, erhielt von der kaiserlichen Regierung den Auftrag,
die in Folge der Bahnverstaatlichung in Szetschuan erregten Gemüter
zu beruhigen. Nach Rücksprache mit dem Generalgouverneur Jui Tscheng
sollte er von Wutschang nach Szetschuan abreisen. Tuan Fang wird mit
amtlichem Gepränge vor dem Stadttor empfangen und nach dem Yamen
geleitet, wo das Festmahl für ihn bereit ist; auch hier wirken die
feinen Beamtenzeremonien äusserst angenehm auf das Auge. Während die
Beamten sorglos beim Mahle sind, bereitet sich in der Wohnung des
Brigadekommandeurs Li Yüan hung eine grosse Aktion vor. Sun Wu und
der westländisch gekleidete Revolutionär besuchen General Li. Er
trägt die Uniform eines Brigadekommandeurs. Die Gesichtsmaske ist im
Wesentlichen erfasst; nur der Bart und die Augen müssten schwärzer
und buschiger sein. Als Li die Revolutionäre nach ihrem Begehr
fragt, entsteht eine Verlegenheitspause. Man glaubt, die Herzen der
Revolutionäre vor Aufregung zum Bersten schlagen hören. Sie fühlen:
jetzt steht die Revolution auf des Messers Schneide; entweder ist
Li Yüan hung der richtige Mann, oder wir haben uns getäuscht; und
dann rollen unsere Köpfe morgen im Sande. Auch die Zuschauer, die
sich vorher ab und zu laut unterhalten hatten, halten eine Weile den
Atem an; auch sie fühlen, dass sie einen wichtigen geschichtlichen
Augenblick vor sich abspielen sehen. Die Verlegenheitspause lässt
nach. Ein harmloses Gesprächsthema ist gefunden, und vorsichtig
sondierend, wird es von den Revolutionären ins Politische übergeleitet,
indem sie es, sich gegenseitig ermunternd anstossend, im Fluss
halten. Vor dem Kernpunkt des Gesprächs schrecken die Revolutionäre
zurück. Da entsteht ihnen eine willkommene Helferin. Eine „weibliche
Verwandte“ des Brigadekommandeurs, die Vertreterin der weiblichen
„Autoritätsverwerfer“, mischt sich ins Gespräch und verlangt von Li,
dass er sich der Aufstandsbewegung anschliesse. Ein kurzer innerer
Kampf Li Yüan hungs, und er reicht den Revolutionären stumm die
Hand, zum Zeichen, dass auf ihn und seine Brigade zu rechnen sei.
Der nervöse westländisch gekleidete Revolutionär will vor Freude
schier an die Decke springen, als sein Ohr die Botschaft vernimmt.
Unterdessen wiegt sich der Vorgesetzte Li Yüan hungs, General
Tschang Piao, in Sorglosigkeit. Die Schlichtung von Streitigkeiten
zwischen seiner zweiten und vierten Frau, erstere ein Geschenk des
greisen Tschang Chih tung, dünkt ihm wichtiger, als den Gerüchten
über revolutionäre Umtriebe nachzugehen, die seit den letzten Tagen
Wutschang durchschwirren. In diesen Tagen kehrt auch Tschang Piaos
Sohn, der in Japan seinen Studien obgelegen hat, ins väterliche Haus
zurück, wo gerade Li Yüan hung mit Tschang Piao eine Unterredung hat.
Der kleine Tschang Piao wird als kecker, übermütiger Junge in kurzen
europäischen Hosen und Halbstrümpfen dargestellt; er benimmt sich wie
ein ausgelassener Quartaner. „Ha, das ist Li Yüan hung. Jedes Kind
auf der Strasse kennt ihn. Er ist berühmt, und Dich kennt Niemand,“
ruft der Sprössling seinem Vater zu. Mit Entsetzen erkennt Tschang
Piao, dass sein Sohn keinen Zopf trägt. Darob zur Rede gestellt,
bekennt der Kleine trotzig: „Ich bin ein Umstürzler.“ Mit derben
Schimpfworten: „Faules Ei, faules Ei, Schildkrötenei, Schildkrötenei!“
herrscht Tschang Piao aus heller Wut über das Geständnis seines
Sohnes die Diener an. Danach setzt eine abgespannte Ermattung ein, und
zur Beruhigung seines Innern lässt er sich von seiner Lieblingsfrau
den Rücken massieren. Unter dem lieblichen Blick der Gattin glättet
sich schliesslich das von Zornesrunseln durchfurchte Gesicht. Im
Verschwörernest Sun Wus wird unterdessen fieberhaft gearbeitet. Zum
ersten Mal wird die neue fünffarbige Flagge entfaltet; die Siegel der
neuen Regierung werden angefertigt, Proklamationen geschrieben und
Bomben mit tödlichen Sprengstoffen gefüllt. Eine Bombe explodiert und
versengt Sun Wus Gesichtshaare. In wilder Hast fliehen die Verschwörer.
Vier fallen in die Hände der Polizei. Nun treibt die Handlung Schlag
auf Schlag vorwärts. Li Yüan hung versammelt telephonisch seine Brigade
und wirbt über Nacht neue Truppen an. Im Yamen des Generalgouverneurs
herrscht grenzenlose Verwirrung. Die ersten Geschosse fallen in den
Hof. Die höchsten Beamten in ihren kostbaren Amtstrachten rennen
mit schlotternden Knien umher, stossen gegenseitig mit den Köpfen
an einander und schreien sich an, wie in einem Tollhause, kurz, die
Verwirrung ist unbeschreiblich. Ein Hügel wird von den Aufständischen
gestürmt, eine Schnellfeuerkanone aufgefahren und ununterbrochen
Schüsse in die treugebliebenen Truppen Tschang Piaos gesandt. Die
Umsturzfurie ist entfesselt. Mit der Flucht Tuan Fangs, der sich von
seinem schönen Bart trennen muss, schliesst der erste Teil.
Der zweite Teil, der am folgenden Abend gespielt wurde, steht an
Lebhaftigkeit hinter dem des ersten Abends bedeutend zurück; man
vermisst die Sorgfalt im Aufbau der Szenen und findet die belehrenden,
langatmigen Reden ermüdend, deren Grundton stets der gleiche ist,
und die immer beginnen: „Mehr als zweihundert Jahre seufzte das
Volk unter der Knechtschaft der Mandschus, jetzt aber usw.“. Recht
eindrucksvoll ist indessen eine der ersten Szenen, wo Li Yüan hung von
den Aufständischen und den Notabeln des Landtags zum Tutu erwählt wird.
Der Doyen des Konsularkorps in Hankou soll von dieser Wahl in Kenntnis
gesetzt werden. Einen beissenden Hieb erhält dabei die Anknüpfung
der ersten „auswärtigen Beziehungen“ der neuen Regierung. Jeder der
Anwesenden möchte die Mission zu dem fremden Konsul übernehmen.
Schliesslich wird ein sehr korpulenter Herr, der sich auf seine fremden
Sprachkenntnisse beruft, als Dolmetscher in Hankou und ein Anderer als
Abgesandter gewählt. Die Szene, die sich dann in dem Empfangszimmer
des Konsuls abspielt, ist köstlich. Denn es stellt sich heraus, dass
der angebliche Dolmetscher keine fremde Sprache spricht. Die heiteren
Zwischenfälle, die dadurch entstehen, halten die Zuschauer fortgesetzt
im Lachen. Schliesslich werden die Abgesandten Li Yüan hungs auf nicht
allzu höfliche Weise verabschiedet. Diese Szene und die folgende im
Hauptquartier Li Yüan hungs im Provinziallandtagsgebäude in Wutschang
gehören zu den gelungensten des zweiten Teils des Stücks. Wie trefflich
sind die Gestalten gesehen, die sich im Hauptquartier um General Li
gruppieren; sie rufen in mir die Erinnerung wach, wo ich im November
1911 als besuchender Westländer das interessante Milieu störte. Da
steht ein Mitglied der „Zum Sterben Bereiten“ mit der weissen, über
die Brust gekreuzten Binde, der kämpfende Student, nur mit einem Säbel
bewaffnet, der jugendliche Offizier mit dem roten Tuch am Schwertknauf,
alles Gestalten, die der Wirklichkeit entnommen sind. Nur hätte
General Li, der in prunkender militärischer Uniform dargestellt wurde,
seinen schlichten bayrisch-blauen Anzug, die gelben Reitstiefel und
den grossen Schlapphut tragen sollen, und die getreue Nachahmung des
Lischen Hauptquartiers wäre auf Höchste vollendet gewesen. Trotzdem ist
die Darstellung des Lebens und Treibens in jenem historischen Eckzimmer
des Landtagsgebäudes recht gut wiedergegeben. Während Li mit seinem
Stab versammelt ist, kommt die Meldung, dass eine starke Streitmacht
unter dem Befehl des Generals Feng Kuo tschang von Peking unterwegs
sei, und dass er die Aufgabe habe, Hankou und Hanyang dem Volksheer zu
entreissen. Die nächsten Szenenbilder zeigen dann Gefechte zwischen den
noch von Tschang Piao geführten Kaiserlichen und den Aufständischen,
die für Letztere siegreich sind; Tschang Piao ergreift vor Angst
an allen Gliedern zitternd, die Flucht. Inzwischen trifft Feng Kuo
tschang mit seinem Heer vor Hankou ein. Die Aufständischen werden
von Kilometer Zehn nach Hankou zurückgedrängt, und die Stadt von den
Kaiserlichen eingenommen. Eine Szene zeigt die Chinesenstadt Hankou.
Vom Ta tsche men fliegen die Brandgranaten in die Stadt. Ein Haus geht
in Flammen auf; das Feuer greift um sich, bis schliesslich die Stadt
in einen Trümmerhaufen sinkt. Die Schlusszene zeigt die Batterien
von Wutschang, die mit dem Geschwader des Admirals Sah kämpfen. Eine
Granate zerschmettert den Mast des ersten Kreuzers, und gleich steigt
die weisse Flagge am Heck auf. Die Flotte ist zu den Aufständischen
übergegangen. Damit schliesst das Stück.
Wie aus der gedrängten Inhaltsangabe hervorgeht, ist es eine
Darstellung der Ereignisse wie sie sich im Wesentlichen in den
Monaten Oktober und November in den Wu Han-Städten abgespielt haben.
Manches, ja Vieles, lehnt sich wahrheitsgetreu an die Geschehnisse
an. Anderes ist aber stark zu Gunsten der revolutionären Sache
gefärbt. Das Stück ist kein Drama eines Helden in westländischem
Sinne, wie der Titel vielleicht ahnen lässt. Nicht Li Yüan hung
wirkt als Heldennatur gestaltend auf die Ereignisse, sondern er
wird von ihnen getragen. Ob damals Li Yüan hung, überzeugt von der
Schädlichkeit der Mandschuherrschaft, aus freiem Entschluss das Banner
der Empörung ergriffen hat, ist stets von unparteiischen Kennern
bezweifelt worden. Weit eindrucksvoller und der historischen Wahrheit
näher liegend wäre die auch später von Li Yüan hung bestätigte Szene
gewesen, als damals, in der kritischen Nacht vom 8ten auf den 9ten
Oktober, Angehörige seiner Brigade auf sein Zimmer kamen, ihm das
Schwert an den Nacken setzten und ihn zwischen Tod oder Gefolgschaft
wählen liessen. Li nahm das Letztere. Und von diesem Augenblick an
hatte er seine Natur als Held an seine Umgebung verkauft, die ihm
jede seiner Handlung vorschrieb. Anzuerkennen ist jedoch, dass ihn
das Stück nicht von vorneherein als einen Umstürzler hinstellte,
der nicht wie andere deshalb nach Rang und Würde im Heer strebte,
um rascher zu seinem Ziel zu gelangen; das geht daraus hervor, dass
er zuerst in einer Unterredung mit der „weiblichen Verwandten“ und
den beiden Revolutionären für die Sache der Ko ming tang, der er
zunächst unwissend, ablehnend gegenübersteht, gewonnen werden muss.
Solche Feststellungen müssen westländischen Kreisen gegenüber gemacht
werden, damit sie nicht Opfer einer Geschichtsklitterung werden, die
jetzt von „national“ gesinnten chinesischen Kreisen getrieben wird.
Das trifft auch auf Tschang Piao zu. Seine Gestalt wird ins allzu
Lächerliche karrikiert, doch immerhin für chinesische Auffassung noch
so glaubwürdig, dass jeder kritiklose Beobachter mit dem Namen Tschang
Piao die feige Jammergestalt verknüpft. Möge das häusliche Idyll,
das Tschang Piao in den launigen Händen von zwei Frauen zeigt, auch
zutreffen, im Kampf gegen den überlegenen Feind hat er sich in jenen
kritischen Tagen, als er mit ein paar Getreuen den Bahnhof Kilometer
Zehn verteidigte, als ein Held gezeigt. Und seinem Heldentum setzte er
die Krone auf, als er in einer sternenklaren Novembernacht allein auf
schwankendem Kahn über den Han-Fluss ruderte, eine dicke Hanftrosse
nach sich zog und sie in unmittelbarer Nähe des feindlichen Lagers
an seinem Pfahl festmachte, wodurch er das Schlagen der Brücke über
den Han ermöglichte und auf diese Weise die Einnahme von Han yang
vorbereitete! General Feng Kuo tschang, der Eroberer von Hanyang und
Hankou, bleibt in dem Stück von Lächerlichkeiten verschont. Kein
verulkendes Lachen ertönte aus dem Zuschauerraum, als er auftrat. Die
Maske des Schauspielers war vorzüglich; Feng Kuo tschang, wie er leibt
und lebt! Aus seinen Zügen leuchtete Tatkraft und Entschlossenheit;
er war noch nicht gramgebeugt wie von jenem Tage ab, als ihm die
Nachricht aus dem Norden zuging, dass fanatische Revolutionäre seine
Familie ausgerottet und die Gräber seiner Ahnen geschändet hätten.
Das Stück bemüht sich, den Wutschanger Aufstand so unblutig wie
möglich darzustellen. Flüchtende Mandschus werden von den Soldaten
angehalten und nach kurzem Verhör weiter gelassen. Das entspricht nicht
den geschichtlichen Tatsachen. Viele wurden grausam niedergemacht,
ganz zu schweigen von den achthundert mandschurischen Männern,
Frauen und Kindern, die im Revolutionseifer von der Wutschanger
Stadtmauer gestürzt wurden, wo sie mit zerschmetterten Gliedern liegen
blieben. Doch die Zeit heilt. Sie heilt auch die Erinnerung an die
Schattenseiten und unbedachte Grausamkeiten der Revolution, und nur das
Lichte, Ideale soll der Nachwelt erhalten bleiben. In diesem Sinne ist
auch das Stück „Li Yüan hung“ aufzufassen.
[Illustration]
Bilder am Wege.
Die Freude am Licht.
Es gibt Gassen in Schanghai, die in regenschweren Tagen von einem
düstern Halbdunkel durchwoben sind. Es sind eigentlich gar keine
Gassen, sondern schmale Gänge, die von einer Hauptstrasse abzweigen
und stracks durch die Häuserblöcke führen. Die Gänge werden mit Namen
bezeichnet, die manchmal sehr merkwürdig klingen und dem ganzen
„Milieu“ Hohn sprechen. Hier sind einige Gassenbezeichnungen: „Die
ewige Kostbarkeit,“ „die ewige Tugend,“ „der ewige Frühling,“ „der
friedliche „Ursprung“,“ „die vollendete Schönheit,“ „das immerwährende
Glück,“ „die hundert Harmonien,“ „die unwandelbare Gerechtigkeit“ und
„der erhabene Friede.“
Eines Tages ging ich durch die „Gasse der „unwandelbaren
Gerechtigkeit“.“ Zu beiden Seiten waren hohe Häuserwände und die
Gasse war so schmal, dass man, wenn man sich in ihre Mitte stellte,
mit den Fingerspitzen der ausgestreckten Hände die Wände berühren
konnte. Die steilen, schmutzig grauen Wände wurden oben vom Himmel
abgeschlossen, der von einem düstern Grau umflort war. Braun und
klitschig von Regen und aufgeweichtem Staub war das Pflaster. Ein
Geruch von Moder und Kellerdunst erfüllte die Luft. In der Gasse
schien alles Leben ausgestorben. Nein, doch nicht. Denn dort, an die
Wand gekauert, lag ein Sack aus groben, ackerfarbenem Tuch. Unter dem
Sack war Leben. Vielleicht lag ein Hund darunter. Nein, es war nur ein
Häufchen zusammengeknäueltes menschliches Elend. Auf dem Sack, der als
kälteschützende Schlafdecke diente, kramte sich eine magere Hand hervor
und schlug abwehrend in die Luft. Dabei verzog sich die Decke und ein
Kopf kam zum Vorschein. Ein würdiger Greisenkopf. Das Gesicht war braun
wie die Sackleinwand. Der Bart und die spärlichen Zopfhaare weiss
wie frischgefallener Schnee. Die Augen waren zum Schlaf geschlossen.
Da surrte eine Fliege heran, die, in irgend einem warmen Unterschlupf
aufgestöbert, im Zickzackflug durch die Luft taumelte, sich auf dem
Greisengesicht niederliess, und ihren schwarzglänzenden Leib an der
von warmem Blut durchströmten Wange des Schlafenden wärmte. Der Greis
lag offenbar im Halbschlaf; er erhob die Hände und klatschte nach
der Fliege; unbeirrt kam sie immer wieder. Und plötzlich ging ein
Aufleuchten durch die düstere Gasse; es flammte auf und verschwand wie
ein Streichholz, das man in einem dunstigen, düstern Keller anzündet.
Und dann leuchtete es wieder auf, das würdige Greisengesicht mit
Helle überstrahlend und den schwarzen Leib der vorwitzigen Fliege mit
grünschillernden Ringen umgürtend. Es war die Sonne, die, die graue
Wolkenwand zerschneidend, ihre Strahlen in der „Gasse der unwandelbaren
Gerechtigkeit“ spielen liess. Noch merkte der schlafende Greis das
Wirken der Lichtspenderin nicht, obwohl die Fliege eindringlich zum
Erwachen mahnte. Als aber die Sonne mit all ihrer Leuchtkraft in die
muffige Gasse fuhr, da zwinkerte es um die verwitterten Augenwinkel des
Greises, und langsam, langsam öffneten sie sich und blickten so hell
und freudig in die Sonne, wie die frohen Augen eines kleinen Kindes,
das beim Erwachen seine Mutter erblickt. Und dann schlossen sich die
Augen wieder, und um den Mund des Bettlers zog sich ein stilles Lächeln.
Seit diesen kleinem Erlebnis sind für mich ein durch die Wolken
dringender Sonnenstrahl und das Lächeln des Bettlergreises in der
„Gasse der unwandelbaren Gerechtigkeit“ zwei unzertrennbare Begriffe.
[Illustration]
Der Erdnusshändler.