Revolutionäres auf die Augen ein, dass man kaum weiss, was man zu
zuerst als besonders bezeichnend herausgreifen soll. Vor uns geht ein
Chinese in eigenartiger Tracht. Wenn Sie illustrierte chinesische
Romane aus dem fünfzehnten Jahrhundert durchblättern, finden Sie das
Vorbild. Das Volk bezeichnet sie als Mingtracht. Es ist ein langes,
quer über die Brust zusammengeschlagenes Gewand, dessen Kragen mit
Samt eingefasst ist. Wahrscheinlich haben wir es in diesem Falle mit
der neuen Nationaltracht zu tun, für die die chinesische Presse in
letzter Zeit Stimmung gemacht hat. Als ob die bisherige Kleidung nicht
praktisch wäre! Ja, praktisch ist sie, aber Manchem zu politisch.
Denn man muss wissen, dass der letzte Modewechsel nach dem Sturz der
Mingdynastie stattgefunden hat. Die neuen mandschurischen Herren
sorgten für eine neue Mode, um das Andenken an die Ming zu verwischen.
Und das Gleiche streben heute die Kleiderreformer an, die von der
jetzigen Volkstracht Alles verbannen wollen, was an die Mandschus
erinnert. Dann wollen sie aber auch dem Tragen westländischer Kleider
entgegenwirken, in denen sich junge Stutzer so gern gefallen. Wenn man
als durchschnittlich behäbig gekleideter Mitteleuropäer heute einem
jener modisch gekleideten Stutzer begegnet, so kommt man sich recht
klein vor. Und erst die Augen, die so herablassend auf den europäischen
Kuli blicken! Ja, die Zeiten beginnen sich zu ändern. Das sieht man
auch an dem Paar, das vor uns geht. Die Beiden sind entweder verlobt
oder jung verheiratet. Sie gehen Arm in Arm. O, heiliger Konfuzius!
Nein, wirklich nicht deshalb, weil sie Arm in Arm gehen, ich glaubte
zwar, das sei etwas ganz Neues.... Aber sehen Sie, die junge Chinesin
trägt ja ein -- „Korsett“ ergänzen Sie seelenruhig, als ob es das
gleichgültigste Ding der Welt sei. Keine Täuschung; die Chinesin trägt
ein Korsett. Man sieht ganz deutlich, wie stark die Hüften geschnürt
sind, wie mit Gewalt nach berühmten westländischen Vorbildern eine
neue Linie geschaffen werden soll. Wohin man blickt, Revolution. Noch
eine Schöpfung der neuen Zeit drängt sich in der Nanking Road zur
Schau. So farbenschreiend auffallend ist ihr Aeusseres, dass die Augen
mit Gewalt angezogen werden. Es sind die neuen Barbierläden. Um die
von Grund auf verfolgte Wandlung, die das Barbiergewerbe durchgemacht
hat, darzustellen, muss ich Ihnen zum Massstab erst einen der alten
Barbierläden vorzeichnen. Er war so sehr unter der Flucht von anderen
Lädchen versteckt, dass nur der Kundige das anpreisende Firmenschild
„Tscheng-jung“ (Ordnung des Gesichts) unter den vielen anderen
herausfand. Der Glasverschlag, der die Barbierstube von dem Lärm der
Strasse trennte, war schmutzig und mit Staub überzogen und wenn man
durch die Tür blickte, so sah man einige mit heissem Wasser gefüllte
Schüsseln auf Holzgestellen, worüber der sich in die Obhut des Barbiers
Begebende seinen borstigen Vorderschädel beugte und ihn mit heissem
Wasser einreiben liess. Der Barbiergehilfe setzte dann das viereckige,
an einem schwarzen Holzstengelchen befestigte Messer auf die Kopfhaut
und entfernte den Borstenwald. Dann wurde die verschlungene Strähne
des Zopfes geöffnet, das Haar mit einem starken Kamm durchgekämmt und
neu geflochten. Einschliesslich Rückenmassage zahlte der Kunde sechs
Kupferlinge. Diese Barbierläden wurden fast ausschliesslich von den
männlichen Angehörigen der unteren und mittleren Volksklassen besucht;
der Vornehme hielt sich seinen eigenen Barbier oder liess ihn täglich
ins Haus kommen. Dieser Zustand hat sich durch das Entstehen der
modernen Barbierläden geändert. Der Uebergang vollzog sich aber nicht
von heute auf morgen. In den ersten Wochen nach dem Ausbrechen des
Aufstands lief noch Alles zu den alten Läden, deren Inhaber sich flugs
Haarschneidemaschinen anschafften, um für das Wachsen des plötzlich vom
Zopf entblössten Haares einen festen Grund zu legen. Derweilen wurden
auf die alte Art die sprossenden Gesichtshaare entfernt. Allmählich
gingen die Barbiere zur Benutzung von europäischem Barbierwerkzeug
über. Den Wünschen des „feinen Publikums“ gerecht werdend, wurde die
innere Ausstattung des Barbierladens nicht vernachlässigt. Heute
gibt es Läden in der Nanking Road, die in Bezug auf Ausstattung, von
dem bequemen, einstellbaren Lehnsessel bis zu dem mit einem blendend
weissen Ueberwurf bekleideten Gehülfen, den Vergleich mit manchem
westländischen Barbiergeschäft aushalten. Das schreiende Aeussere
der früher die Zurückhaltung bewahrenden Barbierläden liegt in dem
den japanischen Einfluss verratenden Anbringen von farbig bemalten
Stangen und in den hochtönenden Anpreisungen der neuen Haarschneide-
und Rasiermethoden; ja ein Barbier in der Nanking Road ging so weit,
ein Schild mit westländischen Köpfen malen zu lassen, worauf er in
Schriftzeichen andeutet, dass in seinem Geschäft die deutsche,
englische, amerikanische und französische Haar- und Barttracht gepflegt
würde. In den modernen Barbierläden findet die neue Zeit ihre stärkste
Ausprägung.
Von der friedlichen Revolution sind auch die chinesischen Kaufhäuser
nicht verschont geblieben, die sich wie hungrige Maultiere an die
Krippe zu beiden Seiten der allmählich breiter werdenden Nanking
Road drängen. Der Typ des alten, gemütlichen Ladens wird von der
neuen Zeit allmählich verdrängt. Ja, gemütlich war es darin, für die
Kunden sowohl wie für die Angestellten. Die Ladenfront war nach der
Strasse hin offen; und während der Verkäufer, die Wünsche des Kunden
erfüllend, die Waren zusammensuchte, konnte der Kunde an einem Tisch
Platz nehmen, seinen Tee schlürfen und plaudern, wozu immer einer
der Angestellten ein angenehmer Gesellschafter war. Es spielte sich
Alles in einem ruhigen, von gegenseitiger Ehrerbietung getragenen
Rahmen ab. Heute gibt es zwar noch Läden in der Nanking Road, die
ein Ueberbleibsel der gemütlichen, vorrevolutionären Zeit sind; aber
in den meisten Geschäften hat eine amerikanische Hast ihren Einzug
gehalten; übereifrige Höflichkeit und verächtliche Abfertigung werden
aus einem Mund den Kunden gegenüber gepflogen. In den Läden alten
Typs ist jeder Kunde den Verkäufern gegenüber nach Rang und Stand
gleich. Betritt aber heute ein ärmlich gekleidetes Bauernweib eines
der grossen Kaufhäuser und folgt ihm eine im Automobil angekommene, in
Seide strotzende und mit Armspangen und Similibrillanten geschmückte
Schöne, so wird Letztere mit unterwürfigen Bücklingen behandelt,
während das Bauernweib so ganz von oben herab nach seinen Wünschen
gefragt wird. Aeusserlich heben sich die Kaufhäuser neuen Stils von
den alten sehr ab. Die Schaufenster, in denen, soweit es solche
überhaupt gab, früher die Waren wahl- und ziellos durcheinanderlagen,
sind für die Augen geschmackvoll hergerichtet; man merkt, wie genau
die Aussteller vor den westlichen Läden Studien gemacht haben. Viele
Artikel, die vor wenigen Monaten einzelne Ladenhüter waren, sind nun
in den Vordergrund der Nachfrage gerückt, so Strohhüte, Taschentücher,
sogar solche mit Sun Ya tsen in Schwarzdruck, westländische Anzüge,
Schuhe und dergleichen. Und am Abend schwimmen die Fenster in
elektrischem Licht, sodass das bekannte Schild: „Tschen bu erl gia“
(Hier gibt es wirklich keine zwei Preise) merklich überstrahlt wird.
Was sich dem Westländer so unangenehm aufdrängt ist die Prunksucht
der Ladeninhaber. Man merkt, wie mit Gewalt alle Mittel des äussern
Scheins angewandt werden, um die Käufer anzulocken. Von den mit
englischen Aufschriften versehenen Firmenschilder anfangend bis zu dem
in verschwenderischer Pracht geübten elektrischen Farbenspiel sind das
Alles Zeichen für die Vorliebe äusserer Gefallsucht, wenn nicht Zeichen
eines erbitterten Wettbewerbs, der in der lärmdurchtobten Nanking Road
ausgefochten wird und den der Aussenstehende nur ahnen kann. Für die
Spezialgeschäfte scheint eine bedenkliche Krisis gekommen zu sein. In
den chinesischen Städten steht zwar heute das Spezialgeschäft, das
in der Regel die Verkaufstelle der in dem damit verbundenen Betrieb
hergestellen Ware ist, noch in hoher Blüte. Von der Nanking Road wird
es aber verdrängt, wenn es sich nicht den neuen Verhältnissen anpasst.
Denn schon sind Kaufhäuser entstanden, die alle Bedarfsartikel des
täglichen Leben führen. Interessant ist die Beobachtung, wie sich die
alten Spezialgeschäfte für Fussbekleidung umformen. Sie sind zunächst
der gegenwärtigen Entwicklung gefolgt und haben ihren Betrieb auf den
Verkauf von westländischem Schuhwerk erweitert. Das scheint aber nicht
den erwünschten Gewinn zu bringen; denn alle Schuhgeschäfte führen
neuerdings auch Kopfbedeckungen. Also auch der chinesische Kaufmann in
der Nanking Road macht seine Revolution durch. Sie hat schon manches
Ehrwürdige eingerissen und Zweifelhaftes an seine Stelle gestellt; und
Letzteres neigt bedenklich vom Soliden zum Unsoliden.
Mit solchen Betrachtungen bahnen wir uns den Weg durch das Gewühl.
Sehen ab und zu mit eitlen, parfümduftenden Chinesen besetzte
Autos vorbeijagen, die man für ein paar Dollar mieten kann; sehen
überelegante, zierliche Ponygespanne, deren Insassen prunkende Gewänder
tragen, und lassen uns schliesslich, auf der Suche nach einem ruhenden
Punkt, in einem chinesischen Café nieder, wo wir in Eiskaffee mit
Schlagsahne schlemmen. Die Sahne, die eben noch süsser als Honig
schmeckt, wurde plötzlich bitter; denn herein trat das verliebte Braut-
oder Ehepaar von vorhin, dessen weiblicher Teil die Linienrevolution
durchmacht. Der galante junge Mann bestellte zweimal Fleischbrühe mit
Hörnchen....
Im Tor der Hoffnung.
Schanghai ist eine verderbte Stadt, das Sodom und Gomorrha in
China. Der Westländer bezeichnet es als das „Paris des Osten“.
Ein chinesisches Blatt hat diese Tatsache vor Jahresfrist einmal
ausdrücklich festgestellt. „Bei Denen, die nach Schanghai gekommen
sind“, schrieb das Blatt, „gilt Schanghai für einen hochkultivierten
Platz. Indessen gilt auch hier das alte Wort: Aussen rein, innen
Schmutz. Und was in Schanghai geschieht, das ist auf das ganze Reich
von Einfluss. Der Luxus nimmt bei Männern und Frauen überhand. Es
gibt in der Kleidung noch kaum einen Unterschied zwischen ehrlichen
und unehrlichen Frauen, und zu Letzteren gehören neunzig vom Hundert
aller hier lebenden chinesischen Frauen. Was anfänglich nur die
auffällige Tracht der öffentlichen Dirnen war, ist jetzt fast von
allen Anderen angenommen worden. Die alten Sitten sind weggefegt.
Die Väter kümmern sich kaum mehr um die Erziehung ihrer Kinder, und
die Lehrer nicht mehr um die Sitten. Das übt mit der Zeit einen
üblen Einfluss auf das ganze Reich aus.“ Diese Moralpredigt der
schulmeisternden „Dschendschoujihpao“ ist wirkungslos verpufft; sie hat
sich auch nicht als eindruckvoll genug erwiesen, die als Nachklang der
Revolution immer üppiger werdenden Ausschweifungen der chinesischen
Lebewelt einzudämmen. Die Revolution hat Arme zu Reichen und Reiche
zu Armen gemacht, und wer heute in den Vergnügungsvierteln herrscht,
ist der über Nacht reich gewordene Pöbel. Nicht mit Unrecht höhnen
die chinesischen Blätter in ihren Witzspalten, dass der Handel mit
„Ameisen“ (jungen Mädchen) und die einträgliche Ausübung von Gesang
und tändelndem Saitenspiel das beste wirtschaftliche Ergebnis der
Revolution seien. Die angenehmsten Freudespender sind dem chinesischen
Lebemann die kleinen Mädchen; sie gehören sozusagen zum Menü eines
jeden auf Reichhaltigkeit Anspruch machenden Essens; sie singen, und
Manche sind nach dem Mahl bereit, mit ihren zarten Fingern die braune
Opiummasse zu Kügelchen zu kneten, während der mit Haifischflossen
und Schwalbennestern angemästete Lebemann sich behaglich auf die
rot bepolsterte Bank ausstreckt und im Vorgefühl auf den kommenden
Opiumgenuss erheitert scherzt.
[Illustration: Schanghai, Teil der Nanking Road.]
[Illustration: Die Nanking Road.]
[Illustration: Geschäftshäuser in der Nanking Road.]
Jene Mädchen stammen meistens aus der Sutschouer und Hangtschouer
Gegend; man findet unter ihnen reizende Gestalten. Von der
Hangtschouerin hat schon der Italiener Marco Polo im dreizehnten
Jahrhundert geschwärmt. Er sagt von ihr, dass sie „in den Künsten der
Verlockung und Betörung vollkommen sei.“ Auf ihre Schönheit trifft auch
der Lobgesang zu, der im „Schih-king“ auf die Fürstin Tschuang-Giang
gedichtet ist:
Die Hand wie Lilienknospen weich,
Die Haut geronnenem Balsam gleich,
Der Hals wie weisser Holzwurm bleich,
Die Zähn ein Kürbiskernbereich,
Zikadenstirne seidenbraun,
Ein Lächeln lieblich zum Bestricken
Und schönster Augen glänzend Blicken!
Das ist etwa der Typ des „vornehmen“ Mädchens in der Foochow Road und
ihrer Umgebung.
Eine zweite Gruppe sind die Kantonesinnen, die nur sehr selten
öffentlich als Sängerinnen auftreten. Ihr Aeusseres sticht
unvorteilhaft von den Angehörigen der ersten Gruppe ab; das Gesicht ist
gröber und die Gestalt plumper und gedrungener; es wird aber an ihnen
gerühmt, dass sie „häuslicher“ seien.
Eine dritte Gruppe von Mädchen, die in den unteren Klassen eine
grössere Rolle spielt, stammt aus jährlichen Ueberschwemmungsgebieten
in den Provinzen Anhui, Kiangsi und Kiangpe.
Nach statistischen Erhebungen sind vor einem Jahrzehnt in Schanghai
fünftausend öffentliche chinesische Mädchen gezählt worden; ausserdem
soll eine gleiche Anzahl heimlich ihrem unsittlichen Gewerbe
nachgegangen sein. Diese Zahlen dürften sich jetzt verdoppelt und
verdreifacht haben. Die Häuser werden fast ausschliesslich von den
Mädchenhändlern gefüllt. Der Mädchenhandel, dessen Sitz Schanghai
ist, ist wie jeder andere Geschäftsbetrieb organisiert. Von Schanghai
werden die Mädchen nach den südchinesischen Häfen bis hinunter nach
Kanton, nach Westen bis Hankou und Szechuan und nach Norden bis
Tschifu, Tientsin, Niutschuang gesandt; es ist ein immerwährender
Mädchenaustauch zwischen jenen Plätzen und Schanghai im Gange, und nur
in seltenen Fällen gelingt es den Behörden, den Handel vorübergehend zu
stören. Die Mädchen werden in der Regel schon als Kinder aufgekauft.
In schlechten Zeiten, wenn Ueberschwemmungen manchen Bauer an den
Bettelstab gebracht haben, stehen die Preise am Niedrigsten. Dass diese
Gelegenheit von den Händlern besonders ausgenutzt wird, beweist die
volkstümliche Redensart: „Die Zeiten waren so schlecht, dass Kinder
verkauft werden mussten.“ Für ein paar Dollar erwirbt der Händler ein
kleines Mädchen und setzt es mit hundertfachem Gewinn ab. Dass tausend
Tael dafür gezahlt werden, ist keine Seltenheit. Die Käuferin ist
entweder die Besitzerin eines Freudenhauses oder eine „selbstständig
arbeitende“ Sängerin. Die in vornehmere Privatfamilien, wo sie als
Magd arbeiten, verkauften Mädchen, haben ein weit besseres Los. Für
die beiden Ersteren ist der Kauf die denkbar beste Kapitalsanlage; am
Grössten ist die Verzinsung des Kapitals an dem Tage, wo das Mädchen,
nach Monate oder Jahr langer, von roher Misshandlung geförderter
Erziehung, den ersten Schritt ins wirkliche Leben unternimmt, wo die
Zwölf- oder Dreizehnjährige zum ersten Mal die Freuden ihres Berufs
kennen lernt; dieses Ereignis ist ein beliebter chinesischer, unerhört
realistisch dargestellter Novellenstoff. Nach diesem Ereignis ist das
Mädchen dauernd werbendes Kapital für ihre Käuferin. Wenn die Reize
der Sängerin verblühen, hat sie durch den Kauf ihres Mädchens eine
Altersversorgung bis zum Tod. Und wenn das Mädchen in die Jahre des
Verwelkens ihrer Reize kommt, wird es dem Beispiel seiner Käuferin
folgen und auch für seine Zukunft sorgen. So besteht seit Jahrhunderten
auf dem Gebiet der Prostitution in China ein ununterbrochener Kreislauf.
Gegen diese geschilderten Missstände anzukämpfen und zu retten, was
zu retten, ist, ist das Ziel des von ausländischen Missionaren
geleiteten „Tors der Hoffnung“. Das Institut arbeitet in engem
Anschluss an die Polizei und das Gemischte Gericht, die ihm die
Mädchen überweisen; mitunter klopft es auch verstohlen an der
schweren Holztür, und ein von Reue über ihr unehrenvolles Leben
ergriffenes Mädchen begehrt Einlass. Was kann nicht die Chronik der
Rettungsanstalt von dem letzten Jahrzehnt erzählen! Von rachedurstigen
Mädchen, die, unglücklich über das geordnete Leben in der Anstalt,
drei Mal versuchten, Feuer an das gebrechliche Gebäude zu legen; von
geglückten und missglückten Selbstmorden; von unehrlichen Handlungen
und Diebstählen; aber auch von Freude über die Errettung aus dem
Schanghaier Moloch, von Dankbarkeit gegen ihre Erzieher und von
glücklicher Heirat, von einem neuen Leben mit innigem Familienglück.
In der Nähe des Bahnhofs der Schanghai-Nankinger Bahn, in einem Geäder
von Seitengassen, liegt das „Tor der Hoffnung“. Es fällt nicht durch
eine besondere Bauart auf, sondern schmiegt sich in die gewöhnliche
Häuserflucht ein. Drei ursprünglich selbständige Gebäude sind mit
Durchgängen verbunden; sie genügen aber kaum, den hundertzwanzig dort
untergebrachten Mädchen Unterkunft zu geben. In den engen Schlafräumen
reiht sich Bett an Bett, und selbst ein kleines Stückchen mit einer
Bambusmatte überdeckter Hof muss als vorläufige Nachtunterkunft dienen.
Die Mädchen, die zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahre alt sind,
werden zuerst in der „Reinen-Herz-Schule“ in allgemeinen Hausarbeiten
ausgebildet. Ein grösserer Raum ist als Schule hergerichtet, die aus
mehreren Klassen besteht; jede Klasse wird durch einen viereckigen
Tisch dargestellt, um den sechs Schülerinnen sitzen und in chinesischen
Elementarlehrbüchern oder im Neuen Testament lesen; mitunter wird der
Unterricht durch Kindergeschrei gestört, denn einige Schülerinnen
sind bald nach ihrer Aufnahme in das Heim Mutter geworden, und
sie müssen während des Unterrichts ihre Kinder in Schlaf wiegen.
Wenn sich die Mädchen nach einem einjährigen Aufenthalt im Heim
bewährt haben, kommen sie in die Abteilung für Handarbeiten, wo die
Nähmaschine ohne Unterlass surrt und die Finger geschickt die Nadel
zu geschmackvollen Stickereien meistern; diese Mädchen stehen sich
wirtschaftlich verhältnismässig gut, weil ihre Arbeit bezahlt wird; je
nach ihrer Leistungsfähigkeit erhalten die Näherinnen und Stickerinnen
eindreiviertel bis drei Dollar im Monat. Sie haben auch mehr
Bewegungsfreiheit, können ausgehen und Einkäufe machen, was den anderen
Mädchen verschlossen bleibt, die nur den sonntäglichen Kirchgang als
Abwechslung in ihrem Leben kennen. Das grösste Glück ist aber die
Heirat, die ebenso sehr von den Mädchen, wie von der ausländischen
Leitung gewünscht wird, da sie der beste Ausweg ist, den überfüllten
Räumen Luft zu schaffen. Im letzten Jahrzehnt sind hundertdreissig
Mädchen, trotz ihres wenig geordneten Vorlebens, noch glücklich unter
die Haube gekommen. Wenn man das Heiratsfieber der Mädchen in Betracht
zieht, so ist auch die Aufregung unter den kichernden Mädchen wohl zu
verstehen, als wir, als chinesischen Studien nachgehende Westländer,
die Anstalt besichtigten. Die Mädchen hielten uns offenbar für den
berühmten „Mittelsmann“, der eine neue Heirat einzuleiten hat. Nach
chinesischer Sitte erscheint nämlich zuerst der „chung-jen“, der
Vermittler, der im Auftrag des Bräutigam handelt, während eine Dame der
ausländischen Leitung des Heims die Interessen der werdenden (wenn auch
schon einmal gewesenen) Braut vertritt. Die Verhältnisse des Bräutigams
werden genau geprüft, um zu verhüten, dass das in die Ehe eintretende
Mädchen nicht zum zweiten Male in die Hände eines Händlers gerät. Wenn
die Vorbesprechungen zur Zufriedenheit ausgefallen sind, findet ein
kurze Begegnung zwischen Braut und Bräutigam statt. Nach der Begegnung
erscheint der Vermittler und teilt endgiltig mit, ob der Bräutigam
die ihm auserwählte Braut heimführen will. Fällt die Antwort bejahend
aus, so zahlt der Bräutigam vierzig Dollar, mit der die Aussteuer
gekauft wird. Die Trauung findet in dem „Tor der Hoffnung“ statt. Wenn
das Mädchen als junge Frau endgiltig das Heim verlässt, so folgen ihr
die Blicke einer hoffenden und harrenden Mädchenschar. Die Jungen
warten voll schäumender Ungeduld auf den Bräutigam, der sie bestimmt
heimführen wird. Aeltere, die auch früher einmal bestimmt gehofft
hatten, sind stiller geworden, und manche Träne tropft auf den Saum des
Kleides, derweil die Nähmaschine surrt: „Niemals kommt der Freiersmann.“
Kein Neid und keine Missgunst trübt das Zusammenleben der ganz
Kleinen, die draussen bei Kianwan, in frischer Feldluft, sorgenfrei
leben, ohne das Schicksal zu ahnen, dem sie entronnen sind. Aus der
handelsfähigen Ware, als die sie der Mädchenhändler mit Kenneraugen
erkannt hatte, wurden wieder Menschenkinder, die durch richterliche
Entscheidung des Gemischten Gerichts dem Heim überwiesen sind. In dem
Kinderheim herrscht eitel Wonne und Frohsinn. Ein munteres Völkchen
wohnt dort zusammen. Da ist die achtjährige Tseli, deren Eigentümerin
vor dem Gemischten Gericht mit Aufbietung ihrer ganzen Beredsamkeit
für ihr „Kapital“ kämpfte, aber abgewiesen wurde; das ist die „kleine
Tigerin“, wild und unbändig, die immer ihre zum Biss bereite Zahnreihe
zeigt; sie wurde elternlos auf der Strasse aufgefasst und ins Heim
gebracht. Da gibt es die Efu mit ihren runden Eulenaugen, und die
sechsjährige Enan mit ihren beiden Grübchen in den Wangen und dem immer
zum Lächeln geneigten Mund; und ausser diesen Kleinen gibt es noch
hundertachtzig Andere, die all in dem Heim Unterkunft gefunden haben.
Alles hübsche niedliche Dinger, die beweisen, dass die „Warenkenntnis“
der Mädchenhändler nicht gering ist. Welch ein Frohsinn herrscht,
wenn die Kleinen zu den gemeinsamen Kindergartenspielen antreten; da
können die kleinen Füsschen nicht flink genug sein, wenn es im raschen
Lauf den Nachbar zu haschen gilt; und nicht langsam genug, wenn beim
Blindekuhspiel die Füsschen behutsam über Geröll stolpern und die
Händchen tastend in der Luft suchen.
Aber was bedeutet es: hundertachtzig Menschenkinder aus dem
Weltstadtstrudel gerettet, wenn Zehntausende darin untergehen? Die
im „Tor der Hoffnung“ getane Arbeit verflüchtigt sich wie der Dunst
des Wassertropfens, der auf den heissen Stein schlägt. Solange
die chinesischen Behörden nicht nachdrücklich den Kampf gegen die
Mädchenhändler aufnehmen, wird eine Besserung der Verhältnisse kaum zu
erwarten sein.
[Illustration]
Eine chinesische Première.