Gestossen und geschoben kommen wir allmählich in dem Gewühl

Produced by the Online Distributed Proofreading Team at

http://www.pgdp.net (This file was produced from images

generously made available by The Internet Archive)

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1913 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert; ungewöhnliche und

altertümliche Ausdrücke bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, sofern die

Verständlichkeit des Textes dadurch nicht berührt wird. Eine

Passage in Fettdruck wird durch =Gleichheitszeichen= hervorgehoben.

Das Unterkapitel ‚In der Foochow Road‘ (S. 62) wurde dem

Inhaltsverzeichnis hinzugefügt.

####################################################################

Fritz Secker

Schen

Studien aus einer chinesischen Weltstadt.

[Illustration]

Erstes Tausend.

[Illustration]

1913.

Druck und Verlag von Adolf Haupt, Tsingtau.

Kommissionsverlag für Deutschland:

Max Noessler & Co. Berlin, Friedrichstr. 207.

Vorwort.

Die Studien aus der chinesischen Weltstadt sind seit Anfang vorigen

Jahres in zwangsloser Reihenfolge im „Ostasiatischen Lloyd“ erschienen.

Wenn ich sie jetzt gesammelt von Neuem der Oeffentlichkeit darbiete, so

geschieht das aus mancherlei Gründen. Ich glaube, dass ich in diesen

Aufsätzen und Skizzen fast unbewusst eine bedeutende Epoche im modernen

chinesischen Kultur- und Sittenleben festgehalten habe. Jene Epoche

setzte kurz nach Beendigung der Wutschanger Revolution ein und fand mit

der Wahl Yüan Schi kais zum Präsidenten einen gewissen Abschluss.

Die fast zweijährige Zeitspanne stand unter dem Zeichen des

jungchinesischen Reformeifers, der ein Vernichten alter chinesischer

Kulturwerte und eine blinde Nachahmung alles Ausländischen zum Ziele

hatte. Welche neue, zweifelhafte Werte dadurch geschaffen wurden, soll

das Buch Schen zeigen. Wenn auch die Auswüchse jener Übergangszeit

zum Teil wieder verschwunden sind, so wird doch auch in Zukunft das

talmiglänzende Schanghai eine stete Gefahr für alle echten chinesischen

Kultur- und Zivilisationswerte bilden. Dem alten China kann man im

Interesse einer gesunden Weiterentwicklung nur wünschen, dass es für

alle Zeiten von dem verderblichen „Schanghaiismus“ verschont bleibt.

=Fritz Secker.=

Auf dem Westsee bei Hangtschou,

im 9ten chinesischen Monat

des Jahres

Kui tschu.

Inhalt:

Seite

Vorwort

Republikanisches Neujahr 1

Strassenbilder 7

Durch die Foochow Road 7

Die Revolution in der Nanking Road 18

Im Tor der Hoffnung 24

Eine chinesische Première 30

Bilder am Wege 41

Die Freude am Licht 41

Der Erdnusshändler 43

Der Heiratsvertrag 45

Der Schauspieler 47

Das Fest der Literaten 49

Zirkus in der Unterwelt 52

Vom westländischen Modefieber 55

Beim chinesischen Buchhändler 57

Der musikalische Obsthändler 61

In der Foochow Road 62

Grossstadtschicksale 63

A-säs Heirat 63

Eine verunglückte Zeitungsgründung 68

A-tous Vater 73

Huitungs Erlebnisse und Meinungen 80

Erinnerungen eines chinesischen Revolutionärs 96

Schanghai und China 111

Nächtliche Stromfahrt 120

[Illustration]

[Illustration: Der „Su-chou-Krick“ mit seinen rauchenden Schloten. (S.

63.)]

Republikanisches Neujahr.

Das chinesische Neujahrsfest 1912 hat infolge der politischen

Ereignisse, die gerade kurz vor dem Fest zu einem vorläufig

befriedigenden Abschluss kamen, ein besonderes Gepräge erhalten.

Wer während der Festtage durch die Hauptstrassen der Niederlassung

gewandert ist, dem fielen wohl zwei Dinge zuerst in die Augen. Einmal

waren es die wenig Schönheitsgefühl verratenden grellfarbigen Flaggen

der Republik, mit denen die Häuserfronten geschmückt waren, und

ferner die vielen feld- und hechtgrauen Uniformen in dem wogenden

Strassengetriebe. Diese beiden Aeusserlichkeiten waren gewissermassen

der Grundton, der den vielen Einzelwesen, die in den Strassen auf- und

abwogten oder sich an belebten Strassenecken als gaffende Zuschauer zu

Massen stauten, eine besondere Farbe lieh.

Noch vor einem Jahr war es bei dem männlichen Geschlecht Sitte, das

Neujahrsfest in einfachen, schmucklosen Feiertagsgewändern zu begehen.

Doch, wer dieses Jahr näher zuschaute, der erblickte auf dem obern

Gewand unscheinbaren Firlefanz, der trotzdem gross genug war, um

auf einen über Nacht gezüchteten Patriotismus und auf unverstanden

nachgeäffte Ausländerei des Trägers schliessen zu lassen; da gab es

kleine Emailleschildchen, auf denen sich die republikanische Land- und

Seeflagge kreuzten, fünffarbige in der Mitte zusammengeraffte Bändchen,

die offenbar den Inhaber eines Ehrenzeichens vortäuschen sollen, und

sogar richtige Orden wurden stolz zur Schau getragen. Ihre Träger waren

wahrscheinlich entlassene oder Soldaten in Zivil, die den „Feldzug“

mitgemacht haben. Orden und Ehrenzeichen scheinen in China allmählich

in Mode zu kommen; und damit werden dem Neid und der Eitelkeit neue

Türen geöffnet. Hatten doch in Tschangscha neuangeworbene Soldaten, die

während des Aufstands weder einen Feind gesehen, noch Pulver gerochen

hatten, gemeutert, weil ihre Kameraden sich mit Verdienstmedaillen auf

der Brust zeigen konnten und sie bei dem Ordensregen schnöde unbeachtet

geblieben waren! Und sogar ein „vorläufig amtlich revolutionäres“

Finanzinstitut stellte den Zeichnern einer allgemeinen öffentlichen

Anleihe, an der sich auch Westländer beteiligen konnten, Orden und

Ehrenzeichen in Aussicht. Uns liegt jede Kritik fern; aber solche

kleine Aeusserlichkeiten sind ein interessantes Schlaglicht auf das in

der Umwandlung begriffene China.

Abgesehen von jenen halb verdeckt zur Schau getragenen neumodischen

Aeusserlichkeiten, scheint das Neujahrsfest auf gewisse chinesische

Kreise doch etwas ernüchternd und national sammelnd gewirkt zu haben.

Denn Viele, besonders Angehörige der mittleren Volksschichten,

die sich, in eitler Nachahmerei, dem Ausland zu einer Zeit in die

Arme geworfen hatten, wo sinnbetörende Schlagworte durch die Luft

schwirrten, mögen sich plötzlich auf das Erbe besonnen haben, das sie

in einer freiheitlichen Regung verschleuderten, um dafür europäische

Hosen, Kragen, Schlipse und Manschetten einzutauschen. Das höchste

Fest des Jahres hat sie aber sich darauf besinnen lassen, dass sie

keine halben Ausländer, sondern Chinesen sind. Und daraus erklärt sich

offenbar auch die Tatsache, dass verhältnismässig wenig Chinesen in

westländischer Kleidung auf der Strasse zu sehen waren. Dem Schreiber

dieses erklärte ein solcher „halber Ausländer“, der sich noch vor den

Festtagen in einem nicht sehr blendend weissen Kragen und auf etwas

schief getretenen Absätzen gefallen hatte, auf die Frage, weshalb er

heute chinesische Kleider trage: „Heute bin ich Chinese.“ Auch die

chinesischen Theater, auf deren Spielplan jetzt sonst die neuen, von

westländischer Bühnenkunst beeinflussten Stücke wie die „Kameliendame“

und „Napoleon“ mit an erster Stelle stehen, hatten während der Festtage

ihren Spielplan auf einen nationalchinesischen Ton gestimmt und dem

klassischen Schauspiel wieder vorübergehend zur Ehre verholfen.

An dem Tage, wo die Neujahrsfeier zu Ende geht und man über die

zahlreichen Pflichtbesuche und Schmausereien hinweg ist, besucht man

gerne das Theater, wo man noch diesen oder jenen Bekannten trifft,

der nachträglich beglückwünscht wird. Wer an diesem Neujahrsfest seit

langen Monaten wieder einmal das Theater besucht und von stolzer

Loge auf die hundertköpfige Menge im Parkett geschaut hat, der

erblickte unter sich ein ungewohntes Bild: hunderte, fein säuberlich

gescheitelte, fest angeklebte, glänzende und nach Schmalz und Haaröl

duftende Köpfe nickten, sich kurz verbeugend, nach rechts und links.

Wie gemessen und würdevoll war das Bild noch vor wenigen Monaten, als

Zopf an Zopf sich reihte.

Nun, der Zopf ist weg, vielleicht deshalb, weil ein chinesisches

Sprichwort sagt: „Wer nicht mit der Mode geht, gilt als arm“. Und

war das Zopfabschneiden nicht vielleicht Mode? Wenn nicht, so hat es

wenigstens einer andern Mode zur Geburt verholfen, nämlich dem Tragen

westländischer Mützen auf chinesischer Kleidung. Wer vor den Festtagen

noch keine solche Mütze sein eigen nannte, der kaufte sich eine. Die

europäische Industrie wird wenig Nutzen mehr von den Massenkäufen in

Mützen vor Chinesisch-Neujahr gehabt haben; denn sie wurden entweder

von Japan eingeführt oder aus „Aikuopu“ (vaterländischem Tuch) in

China verfertigt. Man konnte Mützen in allen Formen sehen; besonders

beliebt waren aber anscheinend die aus Stoff gesteppten, hutförmigen

Kopfbedeckungen, deren Rand sich nach jeder Richtung beliebig biegen

lässt und die dem Träger ein etwas verwegenes und keckes Aussehen

verleihen sollen. Nur ganz vereinzelt tauchte hie und da unter dem

auf- und abwandernden Volk jene altchinesische, die obere Stirn scharf

umrahmende, schwarz seidene, mit einem roten Bandknäuel gekrönte

Form auf; nur verstohlen wagte es ein Chinese, sich mit diesem

Erinnerungszeichen an die „Knechtschaft der Mandschus“ sehen zu lassen.

Namentlich bei der chinesischen Damenwelt Schanghais hat in den letzten

Jahren das Tragen von Mützen immer mehr Eingang gefunden. Sie bedeckt

aber nur den obern Teil des Kopfes und schmiegt sich leicht an das

dicke, straff ausgekämmte Haar an. Die ursprünglich westländische

Mützenart ist stetig verchinesisiert worden. An den Festtagen, wo sich

die Damen nach dem „dernier cri de Changhaï“ kleiden, hat man besonders

Gelegenheit zum Studium. Die Farbe der Mütze wird nach Möglichkeit

dem Kostüm angepasst, himmelblau scheint besonders bevorzugt zu sein;

von der Mitte aus, wo bei den Jungenmützen der Knopf sitzt, gehen

strahlenförmig einige kurze Schleifchen flatternd auseinander. Auch

das Verzieren der Damenkleider mit losen Bändern scheint beliebt

geworden zu sein; auf Brusthöhe werden rechts und links, unter einer

Art Kokarde, einige flatternde Bänder befestigt, die oft einen halben

Meter lang sind; bei manchen Damen waren die Bänder mit Spangen

festgemacht, die das fünffarbige, republikanische Abzeichen trugen.

Eine solche modisch gekleidete Schöne erinnerte gar zu sehr an ein

festlich geschmücktes Pfingstöchslein. Auf den winzigen Schuhen, die

allmählich vom Tuch zum Leder übergehen, werden jetzt gerne kleine

Quasten getragen. Die Hosen nehmen eine bedenkliche Enge an; sie sind

oft nicht weiter als der kleine Fuss, auf den sie herabfallen. Wenn

die Mode die Hosenform noch weiter auf die Spitze treibt, dann weiss

man wirklich nicht, was noch werden mag. Oder soll die Methode des

alten Seydlitz eingeführt werden, dass künftighin die Hosen vor dem

Anziehen in Wasser getaucht werden müssen, damit sie sich straff und

prall an die Beine anschmiegen? Ein Teil der chinesischen Damenwelt

scheint dies schon vorauszuahnen und trifft deshalb zeitig Vorsorge;

darum heisst die Losung: „Zurück zum Rock“. Tatsächlich war die Zahl

der rocktragenden Damen beim Neujahrsfest bedeutend. Mit dem Rock, der

allmählich westländische Formen anzunehmen beginnt, wird auch wieder

aller überflüssiger Firlefanz von der Kleidung verbannt. Wodurch die

„Langröckigen“ aber auffallen, ist die neumodische Haartracht, die

nicht mit einer Mütze verdeckt wird; auf dem vordern Teil des Hauptes

werden einige geflochtene Haarsträhne mit einander verschlungen, sodass

die Haartracht der Form eines Bretzels gleicht. Einen noch drastischern

Vergleich möchte ich lieber unerwähnt erlassen.

Dass die neue Mode keineswegs den vollen Beifall des männlichen

Geschlechts findet, zeigen die Spottverse, die in einem chinesischen

Blatt auf die Frauenmode erschienen sind. Darin heisst es:

„Eine Dame mit blauer Brille gleicht dem Kopf eines Ochsen.“

„Das weisse Band um den Hals sieht aus wie ein Strick, an dem sie sich

aufhängen will.“

„Die ledernen Schuhe machen Einen glauben, dass das Fräulein einer

Missionsgesellschaft angehört.“

„Die goldene Kette um den Hals erinnert an die Eisenkette eines

Strafgefangenen.“

„Der Aufputz der Haartracht, von hinten gesehen, gleicht dem Kopf eines

Lämmleins, das auf der Weide Gras schnuppert.“

„Der „Gretchenzopf“ erinnert an einen zum Kampf bereiten Rauflustigen.“

(Wenn zwei Zopfträger in Streit geraten, dann wickeln sie gewöhnlich

vorher ihre Zöpfe um den Kopf, um dem Gegner keine Gelegenheit zu

geben, den Zopf zu packen.)

„Eine Dame mit einem Spazierstock gleicht einem Affen, der spazieren

geht.“

Der Schreiber war offenbar derart über die Kühnheit seiner bissigen

Kritik erschrocken, dass er rasch noch die letzte Glosse anflickte, um

alles Vorhergesagte zu mildern:

„Im Uebrigen gleicht das Auftreten und das Gehen der Damen dem eines

Kriegers, der in die Schlacht zieht.“

Mit dem Vergleich des Kriegers hat er jedenfalls eine rührsame Seite

der Schanghaier Frauenwelt getroffen, wenn man sich vor Augen hält, mit

welcher Begeisterung während der Revolution ein Amazonenkorps gegründet

wurde, um gegen die Reichshauptstadt zu Felde zu ziehen.

Dieser Umstand ändert aber nichts an der Tatsache, dass die neue Zeit

China kostspielige und putzsüchtige Frauen beschert hat. Vorläufig

beschränken sich zum Glück die neuen Modeauswüchse noch auf Schanghai.

Wenn auch die anderen Städte und später das flache Land von dem

Modefieber ergriffen werden, so wird manche Ehe an der teuren Putzsucht

der weiblichen Hälfte scheitern. Dann wird auch das Epigramm in seiner

wahren Bedeutung von den chinesischen Männern gewürdigt werden, das ein

vor Jahrhunderten lebender chinesischer Philosoph über die Ehe verfasst

hat. Er sagte: „Die Ehe gleicht einer belagerten Stadt; die draussen

sind, möchten hinein, und die drinnen sind, möchten heraus.“

Der von der weiblichen Lebewelt am Neujahrstage entfaltete Luxus

war recht bedeutend. Ein abendlicher Gang durch die berühmte, in

märchenhaftem Farbenspiel der Lichter erstrahlende Foochow Road

führte dem beobachtenden Westländer die steigend kostspieligere und

prunkhaftere Lebensführung gewisser chinesischer Kreise überzeugend

vor Augen. Rickschas, Sänften und selbst die mit Gummi beräderten

Glaskutschen kommen allmählich auf den Aussterbeetat und werden von

dem Kraftwagen verdrängt. Trotz Gummispekulation, Krisen auf dem

Finanzmarkt und trotz den schweren Geldopfern, die für die „gute

Sache“ der Revolution beigesteuert werden mussten, wurde der Tag der

chinesischen Jahreswende mit Prunk und tändelndem Saitenspiel gefeiert.

Wie wohltuend wirkte da eine Flucht aus dem lärmenden Neujahrsgetriebe

in die ruhige, behäbige Landschaft jenseits des Suchouer Krieks. Dort

ist noch echtes, gemütliches, von dem nahen Schanghai unbeeinflusstes

China, und es wurde dort auch dementsprechend Neujahr gefeiert. Wenn

auch die Bauern jenseits des Krieks nichts von Goethe kennen, so ist

ihnen wohl der Ausspruch des dritten Bürgers im Faust aus der Seele

geschrieben:

„Herr Nachbar, ja! so lass ich’s auch geschehn:

Sie mögen sich die Köpfe spalten,

Mag Alles durcheinandergehn;

Doch nur zu Hause bleib’s beim Alten!“

[Illustration]

Strassenbilder.

Durch die Foochow Road.

Im Schanghaier Sprachgebrauch ist das Wort „Fu-tschou lu“ nicht sehr

häufig. Wenn ein Einheimischer nach der Fuoochow Road geht, dann geht

er nach dem „Vierten Pferdeweg.“ Die Hauptstrassen der internationalen

Niederlassung haben sich nämlich die Chinesen in Ma-lu (wörtlich:

Pferdeweg) eingeteilt. So ist zum Beispiel die Nanking Road der „grosse

Pferdeweg“, die erste Parallelstrasse der „erste Pferdeweg“, die

zweite, der „zweite Pferdeweg“, und so fort. Von allen Pferdewegen

hat aber der vierte den besten Klang: Sze-ma-lu ist ein Schlagwort,

das weit mehr sagt, als die nüchternen Worte ahnen lassen. Mit dem

Szemalu sind die Gestalten pfirsichfarben geschminkter und winzig

befusster Mädchen, Politik, Theater, aus der Kehle gequetschter und

mit der Fiedel begleiteter Gesang, die neuesten Witze, schlemmerhafte

Restaurants und langverandige Teehäuser auf das Engste verknüpft,

kurz, der Szemalu ist „die“ Strasse Schanghais, wenn nicht ganz

Chinas. Daraus erhellt, dass der Szemalu die Strasse der chinesischen

Lebewelt ist. Bei Tage unterscheidet sich die Foochow Road kaum von den

übrigen Pferdewegen. Sie trägt dann ein nüchternes, geschäftsmässiges

Kleid; in der Luft liegt der Schweiss des Alltags, ausgehaucht von

heissgelaufenen Rickschakulies und Lastträgern, vermischt mit Gerüchen,

die den Läden entströmen. Die Menschen, die sich durch die Strassen

bewegen, tun es nicht zum Zeitvertreib und zum Vergnügen. Jeder hat

seine Bestimmung. Wer also bei Tage als studientreibender Ausländer die

vielgerühmte Foochow Road durchwandert, der wird enttäuscht sein; denn

ihr Bild ist ebenso alltäglich und farblos wie das jeder andern Strasse

der Niederlassung. Er muss trotzdem aber einmal bei Tage durchgewandert

sein, um die Folie für Das zu haben, was die Augen am Abend erschauen.

[Illustration: Ein Teehaus in der Foochow-Road.]

Sobald sich die Dämmerung über Shanghai senkt, wird die Foochow Road

von einem Zauberstab berührt. Der Zauberer ist ein böses weibliches

Wesen; es heisst Vergnügungs- und Genussucht. Wenn die aus dem

Herzen der chinesischen Lebewelt verbannt werden könnte, so gäbe es

eben keine Foochow Road. Der Zauber teilt sich den Menschen mit,

und diese zwingen die Elektrizität in bunte Glaslampen zum frohen

Farbenspiel. Trotz des ununterbrochenen Lärmens und Schreiens,

mit dem sich die Menschenmenge durch den Strassenschlund zwängt,

liegt darin Feierliches und Würdevolles. Das wird vor Allem durch

die einheitliche Kleidung, den behäbig schlendernden Gang und das

anmutige Spiel des Fächers bedingt. Nach des Tages Last und Hitze

streift der Schanghaier Lebemann seine Alltagskleidung ab und wirft

sich in ein leichtes, crêmefarbiges Gewand und presst das mit Pomade

gesteifte Haar nach rechts und links zu einem Scheitel; er trägt in

der Regel hellfarbige westländische Schuhe und weisse Strümpfe, die

mit äusserlich sichtbaren Gummibändern straff gehalten werden. Das ist

die Schanghaier Herrenmode im Sommer. Wer aus dem Norden des Reiches

kommt, kann ihr nur schwer widerstehen; denn der „Wind des Südens“,

der auf den harten Nordmann bald von verderblichem Einfluss wird, dass

er sich wie „frühe Sommergarben im Winde beugt“, macht sich nicht

allein in dem Unterwerfen unter die Schanghaier Weltanschauung des

äusserlichen Scheins und des ausschöpfenden Geniessens (was man am

Besten mit „Schanghaiismus“ bezeichnen könnte) geltend, sondern auch

auf dem Gebiet der Mode. Nur ganz charakterfeste Nordleute vermögen

ihre völkische Eigenart inmitten des Schanghaier Völkergewimmels

aufrecht zu erhalten. Zur Ehre der Schantung- und Kiangpei-Leute,

die ob ihrer besondern Zuverlässigkeit auf vorgeschobenen Posten als

Schutzleute für die Sicherheit der Niederlassung Sorge tragen, sei es

gesagt, dass sie bisher dem „Schanghaiismus“ mannhaft Stand gehalten

haben. Sie sind die Einzigen unter der chinesischen Schutzmannschaft,

die ihren Zopf zur Schau tragen; dass die konservative Beharrung

durchaus mit einer kernfesten, das Zersetzende der Republik erkennenden

Auffassung der Dinge in Einklang steht, erfährt, wer sich mit ihnen in

eine Unterhaltung einlässt. Gar zu bald schleift sich aber bei weniger

standhaften Nordchinesen die breite, harte und doch so wohlklingende

Sprache zu Gunsten des wischwaschigen Schanghaier Dialekts ab, und

auch das dunkelblaue, grobleinene Gewand, das vielleicht die Mutter dem

nach Süden ziehenden Sohn liebevoll mit eignen Händen gewebt hat, wird

bald mit dem verweichlichenden Schanghaier Gewand vertauscht. Bei den

Schanghaiern mehr wesensverwandten Mittel- und Südchinesen geht der

Wechsel noch rascher vor sich. Daraus erklärt sich das einheitliche

Strassenbild in der Foochow Road, obwohl unter der Menge, die täglich

am Abend durch die Strasse wandert, Vertreter aller Provinzen des

Reiches sind. Ein erlauschtes Wort und ein Blick ins Gesicht lässt

aber stets mit ziemlicher Sicherheit erkennen, welcher Heimatprovinz

der also vom „Schanghaiismus“ Besiegte angehört. Da drängt sich der

vornehme Tschekianger, auf dessen edel geschnittenem Gesicht und in

zwei weichen Augen ein Abglanz jener schwelgerischen Zeiten zu liegen

scheint, als die alte Sungdynastie in Hangtschou herrschte; da fächelt

sich selbstzufrieden der Musik und Sang liebende Hunaner; da schreitet

der wetterfeste, von Nordsturm und Sonne gebräunte Schantunger; ihm

folgt der melodisch gesprächige Ost-Tschihlier und der behagliche

Pekinger. Und im Gegensatz zu diesen steht der Kantoner; er steht über

allen diesen Gruppen. In seinem pergamentgelben Gesicht treten starke

Backenknochen hervor, wodurch die Augen umso stärker zurückgedrückt

erscheinen. In den Augen liegt der ganze Charakter; dort sprüht und

flackert es von zielbewusstem Vorwärtsstreben, aber auch von Ermattung

nach einem fruchtlosen Kampf; die Schnelle der Augenbewegungen wird

von einer abgehackt, nervös klingenden Sprache unterstützt; eine

Gestalt voll Leben und Unruhe. Wenn ein Mittelchinese diese Zeilen zu

schreiben hätte, so würde er die Menge ganz anders charakterisiert

haben, denn fast jeder Provinzler, Städter und Dörfler in China hat

einen „Spitznamen“. Er würde zum Beispiel so gesagt haben: „Sehen

Sie, dort geht eine Ningpoer „Wasserschüssel“, dort eine Tsimoer

„Süsskartoffel“, dort steht eine Südschantunger „Wassermelone“, in

der Sänfte sitzt ein Hangtschouer „Eisenkopf“, hier ist ein Anhuier

„Maultier“, im Rickscha fährt ein Schansier „Rauhbein“, und dort drüben

an der Ecke stehen eine Tientsiner „Schnauze“ und ein Pekinger „Aal“.

Und wenn wieder ein Nordchinese seine Charakteristik abgeben sollte,

dann würde er die „Schanghaiisten“ mit dem Sammelnamen „Nanmandse“

(Süd-Barbaren) abfertigen; als Antwort würde ihm aber von dem

Schanghaier entgegenschallen: „Du kulturloser Nordmann.“ Doch genug

von dem Partikularismus, der sich gerade jetzt, nach der „Zurückziehung

der Mandschus von den Staatsgeschäften“, so verderblich für eine

zielbewusste Politik gezeigt hat.

[Illustration: Die Foochow-Road.]

Gestossen und geschoben kommen wir allmählich in dem Gewühl vorwärts.

Der Weg vom deutschen Postamt bis zur Stelle, wo der Szemalu von der

Kiang-nan Road gekreuzt wird, kann man noch ziemlich ungestört gehen.

Was jenen Teil der Strasse auszeichnet, sind die chinesischen Drogerien

und die Ateliers der Zahnkünstler. Beide erfreuen sich, trotz der

Abendstunden, eines lebhaften Zuspruchs; denn in ihnen liegt die Quelle

des innern und äussern Wohlergehens für den Chinesen. Innerlich, weil

in den Drogerien westländische und japanische Allerweltsheilmittel

verkauft werden, die angeblich ebenso sicher bei nervösem Asthma

wie bei schmerzenden Hühneraugen wirken, wodurch also die Erfüllung

des Lebenswunsches eines jeden Chinesen nach „schou“ (langes Leben)

gewährleistet wird; äusserlich, weil in den Zahnateliers gleissend

goldene Zähne verfertigt werden, die, den zernagten angeschmolzen,

eine prahlerische Zahnreihe schaffen, die das stets geübte Lächeln

vergolden, wodurch vor Allem zum Ausdruck kommen soll, dass der

Besitzer zur Schau getragener Goldzähne wirtschaftlich in der Lage

ist, sich ein solches Vergnügen zu leisten. Das hat den Vorteil,

dass der Kredit gestärkt wird, und mancher Gläubiger, auch die des

weiblichen Geschlechts, die von den verführerischen Zahnreihen

bezaubert wurden, raufen sich oft die Haare, weil sie so dumm waren

und um eines vergoldeten Zahns willen so weitherzig Kredit gegeben

hatten. In der Foochow Road dem Vergnügen nachzugehen, ist für den

mit den Verhältnissen nicht vertrauten chinesischen Lebemann nicht

immer leicht. Wer aus den tiefsten Quellen geniessen will, dem muss

ein kreditfähiger Name, der durch die Einführung eines bekannten

Freundes erworben werden kann, vorausgehen. Der Provinzler, der ohne

die nötige Einführung durch die Foochow Road bummelt, schöpft nur von

der Oberfläche. Man findet ihn deshalb fast nur in den Teehäusern mit

und ohne Gesang, die auch für den Einheimischen billige Stätten der

Unterhaltung und des Vergnügens sind. In dem Teehaus ohne Musik trinkt

man Tee, knappert Melonenkerne und versucht, möglichst einen Platz auf

den langen, nach der Strasse liegenden Veranden zu ergattern, wo man

in das bunte Strassengewühl blicken kann. Die männliche jeunesse dorée

schätzt diese Art Teehäuser nicht besonders, weil ihre Gegenwart nicht

von sangesfrohen Damen verschönt wird. Dafür gibt es aber Stätten,

wo ebenso wie aus der Teekanne das heisse Getränk, Mädchengesang

ohne Unterlass aus den Kehlen quillt. Betritt ein Gast den zu dem

ersten Stockwerk des Teehauses führenden Treppenaufgang, so stösst

ein Bedienster einen kurzen Zuruf aus, der oben, aus mehreren Kehlen

klingend, seinen Widerhall findet. Für die Aufwärter ist der Zuruf

ein Zeichen, dass sich ein Gast naht. Ist man inzwischen die Treppe

emporgeklommen, so wird man von der Aufwärterschar empfangen, die sich

bemüht, jeder für seine Abteilung, den Gast unterzubringen; zugleich

wird aber durch den Zuruf die Aufmerksamkeit der anwesenden Gäste nach

dem Treppenfirst gelenkt, die in infolgedessen Gelegenheit haben, den

Ankömmling zu mustern und, wenn es ein Freund ist, ihn zu begrüssen.

Es ist eine geräumige Halle, die wir betreten. Die vier Wände sind

völlig mit Wandrollen, die sinnige Inschriften tragen, geschmückt.

Geschenke, die dem Unternehmer vor einigen Jahren oder Jahrzehnten

aus Anlass der Geschäftseröffnung von Freunden überreicht wurden. An

einer Reihe viereckiger, braun gebeizter Tische, deren Flächen mit

Marmorplatten eingelegt sind, sitzen die Gäste; andere machen es sich

auf den an bessere Opiumhöhlen erinnernden Bänken, auf denen sie mit

angezogenen Beinen ruhen, bequem. An der hintern Wand befindet sich

die Bühne mit rot und gold bemaltem, verschnörkelten Schnitzwerk. Auf

der Bühne steht ein langer Tisch, um den fünf Sängerinnen sitzen. Sie

lösen sich gegenseitig im Singen ab. Eine klassische Melodie steht auf

dem Programm; ein Gesang aus dem Theaterstück „Yang-gia-dsiang“, das

das Schicksal eines hohen verdienten Staatsbeamten aus der Sungzeit

schildert, dem ein Aufstand Macht und Ansehen raubte und der, verlassen

von Allen, den Hungertod stirbt. Die Seelenkämpfe des qualvoll Endenden

behandelte ein Lied, an das sich der Klagegesang eines Trauernden

schloss. Für Begleitmusik sorgte die Hauskapelle, die aus Trommel,

Zimbel, Fiedel und Flöte bestand. Derweilen der gedämpfte Sterbegesang

der Kehle einer Sängerin entquoll, lag ein kremefarbig gekleideter,

langbeiniger Flegel auf der Bank, guckte mit dem Kopf nach der Decke,

und spuckte die nicht essbaren Ueberreste von Melonenkernen in weitem

Bogen durch die Luft. Die Sängerinnen wechselten häufig. Sie waren

nicht prunkvoll gekleidet, sondern trugen schlichte Leinenkleider. Ihre

tägliche Einnahme ist äusserst gering; für ein Lied erhalten sie etwa

zwanzig Zent Singhonorar. Jeden Abend treten sie nach einander in vier

bis fünf Teehäusern auf; das macht im Monat kaum dreissig Dollar. Es

ist klar, dass die Mädchen auf Nebenverdienst angewiesen sind; noch

klarer ist, dass dieser nicht in Stricken und Häkeln besteht.

Besser ist es um die Klasse der Sängerinnen bestellt, von denen wir

eine Vertreterin auf Bestellung hören sollten. So glatt auch Alles am

Nachmittag schon eingeleitet war: als die Ausführung kommen sollte,

stiessen wir auf Schwierigkeiten. Wir besuchten eine Reihe der ersten

Restaurants, um ein kleines Zimmer zu erhalten; aber sie waren besetzt.

Es blieb nichts weiter übrig, als ein zweitklassiges Restaurant

zu wählen. Arglos füllten wir einen Zettel aus, der den Namen des

Restaurants trug, und baten unsere Sängerin, die zu den besten und

bekanntesten Schanghais zählt, uns mit dem bestellten Gesang zu

erfreuen. Dem Ruf wich aber unsere Freundin vorläufig aus und schickte

zur nähern Auskundschaftung ihre Dienerin, die sich scheinbar etwas

bestürzt in unserm spiessbürgerlich mittelstandsmässig eingerichteten

Speisezimmer umsah, einige entschuldigende Worte sprach und verschwand.

Unterdessen wurde ein kleiner Imbiss aufgetragen; es gab Huhn in

Scheiben mit würziger Tunke, geschmorte Krabben und kleine, in brauner

Tunke schwimmende Fische; 1898er Wein aus Schauhsing würzte den Imbiss.

Es schmeckte, aber der verdauende Gesang fehlte immer noch. Eine

zweite Dienerin kam, sprach und ging. Wir wurden ungeduldig. Gerade

als ein zweiter Zettel abgeschickt werden sollte, erschien unsere

Freundin, liess sich, wie üblich auf der Seite des Gastgebers nieder

und sang. Aber leider nicht die von uns gewünschte Parodie, sondern das

Original, das berühmte Lied von den „Fünf Nachtwachen“, das kurz nach

der Revolution mit zu den volkstümlichsten Schlagern gehört. Es ist in

der Begeisterung entstanden, die damals in gewissen Kreisen herrschte,

als es hiess, ein „nördliches Expeditionskorps“ der Revolutionäre

rüste sich zum Vormarsch gegen Peking, und es ist den Eroberern zum

Geleit gedichtet und in Marschmusik gesetzt worden. Das Lied ist von

dem in chinesischen Kreisen rühmlichst bekannten Liederdichter Lin

Butsing verfasst worden und zuerst in der Liedersammlung „Hsiaoyehhun“

erschienen. Die nicht in Reim und Rhythmus gezwängte Uebersetzung des

Liedes, wie es uns die Sängerin am jenem Abend vortrug, lautet:

Der erste Schlag ertönt.

Der Mond geht auf.

Beeilt euch, Soldat zu werden.

Ajo, ajo!

Wir fürchten nicht den Tod,

denn wir sind voller Mut.

Wir setzen unsere Kraft ein

und werden überwinden.

Je eher wir schlagen,

Desto früher wird uns der Sieg.

Auf, nach Peking heisst die Losung.

Ajo, ajo!

Der zweite Schlag ertönt.

Der Mond steht hoch.

Haltet Stand.

Ajo, ajo!

Wir müssen ein Verdienst erwerben

Und einmal alle Kraft einsetzen,

Wir, ein liebend Brüdervolk.

Die Erfüllung naht.

Schart Euch um eure Führer.

Ajo, ajo!

Der dritte Schlag ertönt.

Der Mond steht in der Mitte.

Schliesst die Reihen.

Ajo, ajo!

Wir ziehn bestimmt nach Norden.

Der Name Li-Yüan-hung sei unser Leitstern.

Nehmt alle Kraft zusammen.

Ajo, ajo!

Der vierte Schlag ertönt.

Der Mond neigt sich westwärts.

Freut euch und seid nicht traurig.

Ajo, ajo!

Lasst die Banner der Ko-ming wallen.

Wenn auch das Blut auf dem Schlachtfeld dampft, seid fröhlich.

Und dann atmet auf

und ziehet siegreich heimwärts.

Ajo, ajo!

Der fünfte Schlag ertönt.

Der Mond geht unter.

Das krafterfüllte Volksheer

Ajo, ajo!

ernennt einen starken Präsidenten,

der furchtlos und treu

die alte Ordnung vernichtet.

Sein Name wird ewig genannt.

Ajo, ajo!

Es ist eine Melodie, die jedes ausländische Ohr erfreuen würde; es

haftet ihr aber in Takt und Rhythmus etwas Unchinesisches an, doch ist

es wohl gerade die Eigenart, die dem Ausländer gefällt. Wenn man den

Text einigermassen beherrscht und die Melodie dazu singen hört, kann

man sich sogar für das Lied begeistern; so lebendig und rhythmisch

ist der Gesang, dass man den Marschschritt der Soldaten zu vernehmen

glaubt und sich mitten in dem Kampf wähnt. Unsere Freundin, die ein

dünngewebtes, gazeeartiges Kleid trug und aus deren Haar eine stark

duftende Jasminblüte einen erfrischenden Duft verbreitete, blieb nach

dem Gesang noch eine Weile plaudernd bei uns. Und dann klärte sich

auch auf, weshalb sie zu kommen gezögert hatte. Einfach deshalb, weil

zwischen ihrem Ruf als erstklassiger Sängerin und dem zweitklassigen

Restaurant, das wir, der Not gehorchend, wählen mussten, eine schier

unüberbrückbare Kluft bestehe. Wir mussten ihr Recht geben. Unser

Verhältnis wurde aber dadurch nicht getrübt. Sie lud uns freundlich

ein, sie in einer Stunde in ihrer Wohnung zu besuchen. Der kleine

Zwischenfall gab zu denken, und er hat bewiesen, dass man chinesisches

Wesen nicht immer aus chinesischen Verhältnissen heraus erklären

muss, sondern dass auch in Einzelfällen westländisches Taktgefühl

als Massstab geübt werden kann. Denn wer würde es wagen, eine grosse

Künstlerin zum „Strammen Hund“ in Berlin zu bitten, die Unnahbare, die

nur auf Dressel und höher abgestimmt ist?

Bis zum Besuch der Sängerin hatten wir noch eine gute Stunde, die

mit dem Besuch des in dem westlichen Teil der Fuchou Road gelegenen

Theater Tanguidi itai ausgefüllt wurde. Seine innere Einrichtung ist

völlig europäisch. Ein reicher elektrischer Lichtglanz bestrahlt die

vielhundertköpfige Zuschauermenge, die, gleichfarbig gekleidet, gar

würdevoll und peinlich sauber ausschaut. Es wird ein leichter Schwank:

„Der geheilte Spieler“ gegeben; der Dialog ist überaus gewandt und

witzig, und er hält die Zuschauer fortwährend in Spannung. Der Held und

seine Frau, die sich bald zärtlich anschäkern, bald erregte Auftritte

haben, sprechen Schanghaier Dialekt, während der Schwiegervater und

die Schwiegermutter in schönem Norddialekt dazwischen poltern. Der

Schwiegervater ist eine köstliche Figur, die jetzt noch dem wirklichen

Leben entnommen werden kann, in einigen Jahrzehnten vielleicht der

Vergangenheit angehört und sich in Theaterstücken und Romanen nur noch

künstlich als behäbiger Biedermeier erhält. Der Westländer, der dem

Schwank zu folgen vermag, wird anregend unterhalten, und er verlässt

das Theater fast mit demselben Genuss wie eine europäische Aufführung.

Nun noch rasch einen Blick in das japanische Panoptikum; an den Wänden

stehen Kästen mit Drehkurbeln. Für einen Zent sieht darin der Chinese

anschauliche, bewegliche Bilder, wie sie in der Wirklichkeit zu schauen

auch dem reichsten Chinesen verschlossen bleiben. Jeder Kasten trägt

eine chinesische Aufschrift, die kitzelnd andeutet, was darin zu

sehen ist. Aufschriften wie: „Amerikanerinnen Zigaretten rauchend“,

„Amerikanerinnen im Bade“, „Amerikanerinnen beim Schlafengehen“

bedürfen keines weitern Kommentars. Im Interesse des Ansehens der

Westländer ist eine solche Schaustellung höchlich bedauernswert, und

die Foochow Road würde wirklich keiner Eigentümlichkeit beraubt werden,

wenn von massgebender Seite eine Schliessung dieses Lokals erfolgen

würde.

Zur festgesetzten Stunde sassen wir unserer Freundin in ihrer

Häuslichkeit gegenüber. Die erste Scheu, einen „Nakoning“ (Ausländer)

zu bewirten, war bald überwunden, nachdem einige erheiternde

Scherzworte gefallen waren. Das Zimmer war hoch und sehr geräumig.

An dem hintern Ende stand eine aus schwerem Ningpoholz geschnitzte

Lagerstätte; an der Wand die üblichen kleinen Empfangstische und

nach Süden eine bequeme mit rotem Polster ausgelegte Ruhebank. Die

nur zwei Sekunden glimmende Wasserpfeife, die mit einem Fidibus, der

durch geschicktes Anblasen in Brand gerät, angezündet wurde, machte

die Runde. Doch: Sieh da, Timotheus! Zwei Stückchen deutsche Heimat

hängen dort an der Wand: billige Drucke mit der Unterschrift: „Winter

am Main“ und „Windmühlen in Schleswig“, wodurch das Gespräch neue

Anküpfungspunkte erhielt. Aus der weitern Unterhaltung erklärte sich

auch, weshalb unsere Freundin nicht die „Neuen fünf Nachtwachen“

sang. Um das Weitere zu verstehen, muss der Leser zunächst mit der

Tendenz der Parodie vertraut gemacht werden, die einen Mitarbeiter der

„Schenpao“ zum Verfasser hat. Die ersten zwei Strophen lauten:

„Der erste Schlag ertönt.

Der Mond geht auf.

Eine merkwürdige Geschichte hat sich ereignet.

Ajo, ajo!

Der Ministerpräsident ist weggelaufen

samt Familie nach Tientsin.

Das hatte seinen Grund,

Yüan-Shih-kai sitzt in der Patsche,

Weil er der Stimme eines Schauspielers glaubte.

Der zweite Schlag ertönt.

Der Mond steigt höher.

Die Parteien plärren sich an.

Ajo ajo!

Telegramme höhnten Tang.

Der Blumen- und Wein-Tutu wollte eine Erklärung;

die Antwort blieb aus.

Darob war er erbittert,

Und er pfiff auf den Posten eines Handelsministers.

Das war sehr dumm.“

Neben den Ausfällen gegen Tang Shau i und den „Blumen- und Wein-Tutu“

(damit ist der Tutu von Schanghai Tschen Ki mei gemeint, der den ihm

angebotenen Posten eines Handelsministers im ersten republikanischen

Kabinett nicht antrat) enthalten die drei letzten Strophen scharfe

Angriffe gegen die kantonesische Partei Tungmenghui, ferner wird über

die belgische Anleihe, über die keine Abrechnung vorliege, gespottet,

und der neue Ministerpräsident Lu Tscheng-hsiang wird gerühmt, dass

er sich auf die auswärtige Politik wohl verstehe. Also: „Ein garstig

Lied. Pfui! Ein politisch Lied.“ Wenn sich eine namhafte Sängerin wie

unsere Freundin nicht in ihrem Erwerb schädigen will, so darf sie ein

solches Lied, das ein Kampfmittel der gemässigten Republikaner gegen

die kantonesische Partei darstellt, nicht in ihr Repertoir aufnehmen;

denn Shanghai ist noch eine starke Hochburg der Kantonesen. Aber

trotzdem wird der Sang von Mädchen schon verschwiegen gepflegt. Man

kann sich leicht ausmalen, wie es manchem eingefleischten gegnerischen

Parteigänger gleich Balsam über die Seele tropft, wenn aus einem

kleinen, ein wenig karmesinrot betupften Mündchen die Moritaten Tang

Shau yis und seiner Parteigenossen ertönen. Unsere Freundin bleibt aber

neutral; sie kennt den Text und schweigt. Man sieht, dass die neue

Politik, die in Peking gemacht wird, ihren Einfluss sogar auf die Welt

der Sängerinnen ausübt.

Bei der anregenden Unterhaltung ist es inzwischen Mitternacht geworden;

es ist Zeit zum Aufbruch. Durch zahllose Winkelwege führt der Weg

auf die Foochow Road. Dort herrscht noch immer brausendes Leben. Die

Theatereingänge speien ununterbrochen hellfarbige Menschenketten

aus, unzählige Wagen und Rickschas drängen sich dazwischen, stauen

sich und fahren mit Gästen davon. Allmählich kommt Ordnung in den

Menschenschwarm, der sich in die Seitengasssen und in den zahlreichen

Restaurants verteilt, wo vor dem Schlafengehen noch rasch ein kleiner

Imbiss genommen, politisiert und geschwelgt wird. Aus kleinen winkligen

Gässchen tönt hie und da noch ein später Gesang mit Fiedelbegleitung;

er wird aus holdem Mund den Lebemännern gesungen, die ohne ihn keine

erquickliche Nachtruhe finden können.

[Illustration]

Die Revolution in der Nanking Road.

Eine blutrünstige Ueberschrift, nicht wahr, meine Gnädige? Wenn man in

China nur das Wort Revolution hört, verknüpft man (die Erfahrung lehrt

es) gleich etwas Schreckliches damit. Henkersschwert, lose sitzende

Köpfe, Bomben und abgerissene Gliedmassen. Man denkt dabei auch an

Fürsten, die ihre verbrieften Herrscherrechte scheinbar aus den Händen

gegeben haben, weil das Volk, zornig mit dem Fuss stampfend, darauf

bestand; man denkt an Männer, die sich bei dem Streben nach Neuerungen

von wahrem Patriotismus leiten lassen, aber auch an Schreier, Schwätzer

und unreife Politiker. Nichts von alle Dem will ich Ihnen erzählen.

Denn Sie wissen, dass eine Revolution nicht immer politisch grausam zu

sein braucht, sie kann auch wirtschaftlich friedlich sein. Und darüber

möchte ich mit Ihnen plaudern, wenn Sie im Geiste Ihren Arm in den

meinen legen wollen, damit ich Sie ohne Fährnisse vom Bund bis zum

Rennplatz führen kann.

Wenn Sie an jenem grossen westländischen Kaufhaus an der Ecke der

Szechuan Road stehen bleiben, so sind Ihnen schon gelegentlich im

Schaufenster in protzig chinesischer Schrift geschriebene Ankündigungen

aufgefallen. Sie haben sicher schon darüber ihren Kopf geschüttelt,

haben Ihre Augen bestürzt über die krausen Schriftzeichen wandern

lassen und vergeblich nach dem Preis gesucht, ohne aber auf den

Gedanken zu kommen, etwas zu kaufen; die Güte des Ausgestellten und

die chinesische Anpreisung sagten Ihnen, dass die Waren nicht für

Westländer bestimmt sind. Hier haben Sie es schon: Revolution. Vor ein

paar Monaten hätte kaum ein westländisches Geschäft daran gedacht, auf

diese Weise chinesische Kundschaft heranzuziehen. Wie sollte es auch,

wo das chinesische Gewerbe und die Industrie leistungsfähig genug

waren, die Bedürfnisse der chinesischen Massen zu befriedigen. Wie

viel Chinesen dachten vor ein paar Monaten an Schuhe, Hemden, Strümpfe

und dergleichen Erzeugnisse westländischer Art? Heute ist es anders

geworden. Bleiben Sie bitte noch ein Weilchen vor dem Schaufenster

stehen und schauen Sie ab und zu nach dem Eingang. Jetzt hält ein

Ponygespann an. Ihm entsteigen drei vornehme Chinesinnen. Sie betreten

das Kaufhaus. Eine Schiebetür hinter dem Schaufenster öffnet sich, Sie

sehen die drei Damen nach Gegenständen deuten. Die zierliche flinke

Verkäuferin vermag kaum noch Alles auf ihren Armen zu halten; das

kleine Köpfchen verschwindet fast hinter dem Stapel Baumwollwaren.

Gerade als der Pony unruhig zu stampfen anfängt, kommen die drei

Vornehmen, mit Paketen beladen, aus der Eingangstür, und die Fahrt

geht weiter. Sie aber sehen mich entrüstet an. Ihre Augen scheinen zu

sprechen: „Wie kann man nur...“ Ich weiss genau, was Sie sagen wollen:

Wie so vornehme Frauen so billige Ware kaufen können. Die verwöhnte

Westländerin verlangt natürlich die feinsten Stoffe, weisses Linnen

oder knisternde Seide. Alles Andere hält sie für „shocking“. Was Sie so

entrüstet, ist jetzt aber bei der vornehmen Frauenwelt Chinas Mode. Und

die Mode ist eine eigensinnige Dame.

Jetzt kreuzen wir die Strasse und betreten die deutsche Buchhandlung.

Während wir die neu eingetroffenen Bücher ansehen, kommen einige

Chinesen und zuletzt eine Chinesin in den Laden. Ich weiss

bestimmt, wenn Sie Verkäuferin wären, dass Sie in Ihrem Schanghaier

Kosmopolitismus gefragt hätten: „Woat ting wantschie?“ Aber lauschen

Sie nur. „N’ Tag, möchte mir ’mal Ihre Bücher ansehen.“ Ein junger

Chinese spricht es in fliessendem Deutsch und begibt sich auf die

Wanderung durch die Menge der ausgelegten Bücher. Ein anderer

tritt ein und spricht, den Oberkörper steif biegend, kurz und

abgehackt militärisch deutsch: „Famoses Buch, die Kriegsgeschichte

von General Müller. Ist mir leider während der Revolution abhanden

gekommen. Möchte nachbestellen. Sein Sohn stand übrigens mit mir

in Halberstadt in Garnison.“ Und er kauft sich die neuen deutschen

Dienstvorschriften, einen Kriegsroman und einen Neuruppiner Bilderbogen

von der preussischen Garde für seinen Jungen. Und von den anderen

Chinesen nimmt der Eine ein technisches Fachwörterbuch, der Andere die

Verfassung des Deutschen Reiches, und wieder ein Andrer interessiert

sich für Berg- und Hüttenwesen. So geht es Tag für Tag. Sprechen

solche Augenblicksbilder in dem deutschen Buchladen nicht ganze

Bände? Sieht man nicht daraus, wie sich merklich das Interesse für

deutsches Wesen unter den Chinesen zu regen beginnt. Ist es nicht

ein Stückchen geistige Revolution? Doch beinahe hätten wir die junge

Chinesin vergessen. Sie steht ein wenig schüchtern abseits und endlich

verlangt sie -- Hand aufs Herz -- das bekannte Buch vom „imponierenden

Auftreten“ und ein Werk über moderne Frauenfragen.

Schen: Studien aus einer chinesischen Weltstadt · 第 1 / 11 段