Streben nach Befriedigung ist Hinausgreifen der Lebensthätigkeit

über den Lebensinhalt. Ein Wesen ist hungrig, d. h. es strebt nach

Sättigung, wenn seine organischen Funktionen zu ihrem weiteren

Verlauf Zuführung neuen Lebensinhaltes in Form von Nahrungsmitteln

verlangen. Das Streben nach Ehre besteht darin, daß der Mensch sein

persönliches Thun und Lassen erst dann für wertvoll ansieht, wenn zu

seiner Bethätigung die Anerkennung von außen kommt. Das Streben nach

Erkenntnis entsteht, wenn dem Menschen zu der Welt, die er sehen, hören

u. s. w. kann, solange etwas fehlt, als er sie nicht begriffen hat. Die

Erfüllung des Strebens erzeugt in dem strebenden Individuum Lust, die

Nichtbefriedigung Unlust. Es ist dabei wichtig zu beobachten, daß Lust

oder Unlust erst von der Erfüllung oder Nichterfüllung meines Strebens

abhängt. Das Streben selbst kann keineswegs als Unlust gelten. Wenn

es sich also herausstellt, daß in dem Momente des Erfüllens einer

Bestrebung sich sogleich wieder eine neue einstellt, so darf ich nicht

sagen: die Lust hat für mich Unlust geboren, weil unter allen Umständen

der Genuß das Begehren nach seiner Wiederholung oder nach einer

neuen Lust erzeugt. Erst wenn dieses Begehren auf die Unmöglichkeit

seiner Erfüllung stößt, kann ich von Unlust sprechen. Selbst dann,

wenn ein erlebter Genuß in mir das Verlangen nach einem größeren

oder raffinierteren Lusterlebnis erzeugt, kann ich von einer durch

die erste Lust erzeugten Unlust erst in dem Augenblicke sprechen,

wenn mir die Mittel versagt sind, die größere oder raffiniertere Lust

zu erleben. Nur dann, wenn als naturgesetzliche Folge des Genusses

Unlust eintritt, wie etwa beim Geschlechtsgenuß des Weibes durch

die Leiden des Wochenbettes und die Mühen der Kinderpflege, kann ich

in dem Genuß den Schöpfer des Schmerzes finden. Wenn Streben Unlust

hervorriefe, so müßte die Beseitigung des Strebens von Lust begleitet

sein. Es ist aber das Gegenteil der Fall. Der Mangel an Streben in

unserem Lebensinhalte erzeugt Langeweile, und diese ist mit Unlust

verbunden. Da aber das Streben naturgemäß lange Zeit dauern kann,

bevor ihm die Erfüllung zu teil wird und sich dann vorläufig mit

der Hoffnung auf dieselbe zufrieden giebt, so muß anerkannt werden,

daß die Unlust mit dem Streben als solchen gar nichts zu thun hat,

sondern lediglich an der Nichterfüllung desselben hängt. Schopenhauer

hat also unter allen Umständen Unrecht, wenn er das Begehren oder

Streben (den Willen) an sich für den Quell des Schmerzes hält.

In Wahrheit ist sogar das Gegenteil richtig. Streben (Begehren)

an sich macht Freude. Wer kennt nicht den Genuß, den die Hoffnung

auf ein entferntes, aber stark begehrtes Ziel bereitet. Diese Freude

ist die Begleiterin der Arbeit, deren Früchte uns in Zukunft erst zu

teil werden sollen. Diese Lust ist ganz unabhängig von der Erreichung

des Zieles. Wenn dann das Ziel erreicht ist, dann kommt zu der Lust

des Strebens die der Erfüllung als etwas Neues hinzu. Wer aber sagen

wollte: zur Unlust durch ein nichtbefriedigtes Ziel kommt auch noch

die über die getäuschte Hoffnung und mache zuletzt die Unlust an der

Nichterfüllung doch größer, als die etwaige Lust an der Erfüllung,

dem ist zu erwidern: es kann auch das Gegenteil der Fall sein; der

Rückblick auf den Genuß in der Zeit des unerfüllten Begehrens wird

ebenso oft lindernd auf die Unlust durch Nichterfüllung wirken. Wer im

Anblicke gescheiterter Hoffnungen ausruft: ich habe das meinige gethan,

der ist ein Beweisobjekt für diese Behauptung. Das beseeligende Gefühl,

nach Kräften das Beste gewollt zu haben, übersehen diejenigen, welche

an jedes nicht erfüllte Begehren die Behauptung knüpfen, daß nicht

nur allein die Freude an der Erfüllung ausgeblieben, sondern auch

der Genuß des Begehrens selbst zerstört ist.

Erfüllung eines Begehrens ruft Lust und Nichterfüllung eines

solchen Unlust hervor. Daraus darf nicht geschlossen werden: Lust

ist Befriedigung eines Begehrens, Unlust Nichtbefriedigung. Sowohl

Lust wie Unlust können sich in einem Wesen einstellen, auch ohne

daß sie Folgen eines Begehrens sind. Krankheit ist Unlust, der

kein Begehren vorausgeht. Wer behaupten wollte: Krankheit sei

unbefriedigtes Begehren nach Gesundheit, der beginge den Fehler,

daß er den selbstverständlichen und nicht zum Bewußtsein gebrachten

Wunsch, nicht krank zu werden, für ein positives Begehren hielte. Wenn

jemand von einem reichen Verwandten, von dessen Existenz er nicht die

geringste Ahnung hatte, eine Erbschaft macht, so erfüllt ihn diese

Thatsache ohne vorangegangenes Begehren mit Lust.

Wer also untersuchen will, ob auf Seite der Lust oder der Unlust

ein Überschuß zu finden ist, der muß in Rechnung bringen: die Lust

am Begehren, die an der Erfüllung des Begehrens, und diejenige, die

uns unerstrebt zu teil wird. Auf die andere Seite des Kontobuches

wird zu stehen kommen: Unlust aus Langeweile, solche aus nicht

erfülltem Streben, und endlich solche, die ohne unser Begehren an

uns herantritt. Zu der letzteren Gattung gehört auch die Unlust,

die uns aufgedrängte, nicht selbstgewählte Arbeit verursacht.

Nun entsteht die Frage: welches ist das rechte Mittel, um aus

diesem Soll und Haben die Bilanz zu erhalten? Eduard von Hartmann

ist der Meinung, daß es die abwägende Vernunft ist. Er sagt zwar

(Philosophie des Unbewußten 7. Auflage, II. Band, S. 290): "Schmerz

und Lust sind nur insofern sie empfunden werden." Hieraus folgt,

daß es für die Lust keinen andern Maßstab giebt, als den subjektiven

des Gefühles. Ich muß empfinden, ob die Summe meiner Unlustgefühle

zusammengestellt mit meinen Lustgefühlen in mir einen Überschuß von

Freude oder Schmerz ergiebt. Dessen ungeachtet behauptet Hartmann:

"Wenn der Lebenswert jedes Wesens nur nach seinem eigenen subjektiven

Maßstabe in Anschlag gebracht werden kann, so ist doch damit keineswegs

gesagt, daß jedes Wesen aus den sämtlichen Affektionen seines Lebens

die richtige algebraische Summe zieht, oder mit andern Worten, daß

sein Gesamturteil über sein eigenes Leben ein in Bezug auf seine

subjektiven Erlebnisse richtiges sei." Damit wird doch wieder die

vernunftgemäße Beurteilung des Gefühles zum Wertschätzer gemacht.

Und weil Hartmann dieser Meinung ist, glaubt er, um zu einer

richtigen Bewertung des Lebens zu kommen, die Faktoren aus dem Wege

räumen zu müssen, die unser Urteil über die Lust- und Unlustbilanz

verfälschen. Er sucht das auf zwei Wegen zu erreichen. Erstens

indem er nachweist, daß unser Begehren (Trieb, Wille) sich störend

in unsere nüchterne Beurteilung des Gefühlswertes einmischt. Während

wir uns z. B. sagen müßten, daß der Geschlechtsgenuß eine Quelle des

Übels ist, verführt uns der Umstand, daß der Geschlechtstrieb in uns

mächtig ist, dazu, uns eine Lust vorzugaukeln, die in dem Maße gar

nicht da ist. Wir wollen genießen; deshalb gestehen wir uns nicht,

daß wir unter dem Genusse leiden. Zweitens unterwirft Hartmann die

Gefühle einer Kritik und sucht nachzuweisen, daß die Gegenstände,

an die sich die Gefühle knüpfen, vor der Vernunfterkenntnis sich als

Illusionen erweisen, und daß sie in dem Augenblicke zerstört werden,

wenn unsere stets wachsende Intelligenz die Illusionen durchschaut.

Hartmann denkt sich also die Sache folgendermaßen. Wenn ein

Ehrgeiziger sich darüber klar werden will, ob bis zu dem Augenblicke,

in dem er seine Betrachtung anstellt, die Lust oder die Unlust den

überwiegenden Anteil an seinem Leben gehabt hat, dann muß er sich

von zwei Fehlerquellen bei seiner Beurteilung frei machen. Da er

ehrgeizig ist, wird dieser Grundzug seines Charakters ihm die Freuden

über Anerkennung seiner Leistungen durch ein Vergrößerungsglas, die

Kränkungen durch Zurücksetzungen aber durch ein Verkleinerungsglas

zeigen. Damals, als er die Zurücksetzungen erfuhr, fühlte er die

Kränkungen, gerade weil er ehrgeizig ist; in der Erinnerung erscheinen

sie in milderem Lichte, während sich die Freuden über Anerkennungen,

für die er so zugänglich ist, um so tiefer einprägen. Nun ist es

zwar für den Ehrgeizigen eine wahre Wohlthat, daß es so ist. Die

Täuschung vermindert sein Unlustgefühl in dem Augenblicke der

Selbstbeobachtung. Dennoch ist seine Beurteilung eine falsche. Die

Leiden, über die sich ihm ein Schleier breitet, hat er wirklich

durchmachen müssen in ihrer ganzen Stärke, und er setzt sie somit

in das Kontobuch seines Lebens thatsächlich falsch ein. Um zu einem

richtigen Urteile zu kommen, müßte der Ehrgeizige für den Moment seiner

Betrachtung sich seines Ehrgeizes entledigen. Er müßte ohne Gläser vor

seinem geistigen Auge sein bisher abgelaufenes Leben betrachten. Er

gleicht sonst dem Kaufmanne, der beim Abschluß seiner Bücher seinen

Geschäftseifer mit auf die Einnahmeseite setzt.

Hartmann geht aber noch weiter. Er sagt: Der Ehrgeizige muß sich

auch klar machen, daß die Anerkennungen, nach denen er jagt,

wertlose Dinge sind. Er muß selbst zur Einsicht kommen, oder von

andern dazu gebracht werden, daß einem vernünftigen Menschen an der

Anerkennung von Seite der Menschen nichts liegen könne, da man ja "in

allen solchen Sachen, die nicht Lebensfragen der Entwicklung, oder

gar von der Wissenschaft schon endgültig gelöst sind", immer darauf

schwören kann, "daß die Majoritäten Unrecht und die Minoritäten Recht

haben." "Einem solchen Urteile giebt derjenige sein Lebensglück in

die Hände, welcher den Ehrgeiz zu seinem Leitstern macht." (Phil. des

Unbew. II. Bd. S. 332.) Wenn sich der Ehrgeizige das alles sagt, dann

muß er alles als eine Illusion bezeichnen, was er durch seinen Ehrgeiz

erreicht hat, folglich auch die Gefühle, die sich an die entsprechende

Befriedigung seines Ehrgeizes knüpfen. Aus diesem Grunde sagt Hartmann:

es muß auch noch das aus dem Konto der Lebenswerte gestrichen werden,

was sich an unseren Lustgefühlen als Illusion ergiebt; was dann übrig

bleibt, stelle die Lustsumme des Lebens dar, und diese sei gegen die

Unlustsumme so klein, daß das Leben kein Genuß, und Nichtsein dem

Sein vorzuziehen sei.

Aber während es unmittelbar einleuchtend ist, daß die durch Einmischung

des ehrgeizigen Triebes bewirkte Täuschung bei Aufstellung der

Lustbilanz ein falsches Resultat bewirkt, muß das von der Erkenntnis

des illusorischen Charakters der Gegenstände der Lust Gesagte

jedoch bestritten werden. Ein Ausscheiden aller an wirkliche oder

vermeintliche Illusionen sich knüpfenden Lustgefühle von der Lustbilanz

des Lebens würde die letztere geradezu verfälschen. Denn der Ehrgeizige

hat über die Anerkennung der Menge wirklich seine Freude gehabt, ganz

gleichgültig, ob er selbst später, oder ein anderer diese Anerkennung

als Illusion erkennt. Damit wird die genossene freudige Empfindung

nicht um das Geringste kleiner gemacht. Die Ausscheidung aller solchen

"illusorischen" Gefühle aus der Lebensbilanz stellt nicht etwa unser

Urteil über die Gefühle richtig, sondern löscht wirklich vorhandene

Gefühle aus dem Leben aus.

Und warum sollen diese Gefühle ausgeschieden werden? Weil sie sich

an Gegenstände heften, die sich als Illusionen entpuppen. Dabei ist

also der Wert des Lebens nicht von der Menge der Lust, sondern von der

Qualität der Lust und diese von dem Werte der die Lust verursachenden

Dinge abhängig gemacht. Wenn ich den Wert des Lebens aber erst aus der

Menge der Lust oder Unlust bestimmen will, das es mir bringt, dann

darf ich nicht etwas anderes voraussetzen, wodurch ich erst wieder

den Wert oder Unwert der Lust bestimme. Wenn ich sage: ich will die

Lustmenge mit der Unlustmenge vergleichen und sehen, welche größer ist,

dann muß ich auch alle Lust und Unlust in ihren wirklichen Größen

in Rechnung bringen, ganz abgesehen davon, ob ihnen eine Illusion

zum Grunde liegt oder nicht. Wer einer auf Illusion beruhenden Lust

einen geringeren Wert für das Leben zuschreibt, als einer solchen,

die sich vor der Vernunft rechtfertigen läßt, der macht eben den Wert

des Lebens noch von anderen Faktoren abhängig als von der Lust.

Wer, gleich Eduard von Hartmann, die Lust deshalb geringer

veranschlägt, weil sie sich an einen eitlen Gegenstand knüpft,

der gleicht einem Kaufmanne, der das bedeutende Erträgnis einer

Spielwarenfabrik deshalb mit dem Viertel des Betrages in sein Konto

einsetzt, weil in derselben Gegenstände zur Tändelei für Kinder

produziert werden.

Wenn es sich bloß darum handelt, die Lust- und Unlustmenge

gegeneinander abzuwägen, dann ist also der illusorische Charakter der

Gegenstände gewisser Lustempfindungen völlig aus dem Spiele zu lassen.

Der von Hartmann empfohlene Weg: vernünftiger Betrachtung der vom

Leben erzeugten Lust- und Unlustmenge, hat uns also bisher so weit

geführt, daß wir wissen, wie wir die Rechnung aufzustellen haben,

was wir auf die eine, was auf die andere Seite unseres Kontobuches

zu setzen haben. Wie soll aber nun die Rechnung gemacht werden? Ist

die Vernunft auch geeignet, die Bilanz zu bestimmen?

Der Kaufmann hat in seiner Rechnung einen Fehler gemacht, wenn der

berechnete Gewinn sich mit den durch das Geschäft nachweislich

genossenen oder noch zu genießenden Gütern nicht deckt. Auch

der Philosoph wird unbedingt einen Fehler in seiner Beurteilung

gemacht haben, wenn er den etwa ausgeklügelten Überschuß an Lust,

beziehungsweise Unlust in der Empfindung nicht nachweisen kann.

Ich will vorläufig die Rechnung der auf vernunftgemäße Weltbetrachtung

sich stützenden Pessimisten nicht kontrollieren: wer aber sich

entscheiden soll, ob er das Lebensgeschäft weiter führen soll oder

nicht, der wird erst den Nachweis verlangen, wo der berechnete

Überschuß an Unlust steckt?

Hiermit haben wir den Punkt berührt, wo die Vernunft nicht in der

Lage ist, den Überschuß an Lust oder Unlust allein von sich aus zu

bestimmen, sondern wo sie diesen Überschuß im Leben als Wahrnehmung

zeigen muß. Nicht in dem Begriff allein, sondern in dem durch das

Denken vermittelten Ineinandergreifen von Begriff und Wahrnehmung

(und Gefühl ist Wahrnehmung) ist dem Menschen das Wirkliche erreichbar

(vergl. S. 86 ff.). Der Kaufmann wird ja auch sein Geschäft erst dann

aufgeben, wenn der von seinem Buchhalter berechnete Verlust an Gütern

sich durch die Thatsachen bestätigt. Wenn das nicht der Fall ist,

dann läßt er den Buchhalter die Rechnung nochmals machen. Genau in

derselben Weise wird es der im Leben stehende Mensch machen. Wenn

der Philosoph ihm beweisen will, daß die Unlust weit größer ist

als die Lust, er jedoch das nicht empfindet, dann wird er sagen:

du hast dich in deinem Grübeln geirrt, denke die Sache nochmals

durch. Sind aber in einem Geschäfte zu einem bestimmten Zeitpunkte

wirklich solche Verluste vorhanden, daß kein Kredit mehr ausreicht,

um die Gläubiger zu befriedigen, so tritt auch dann der Bankerott ein,

wenn der Kaufmann es vermeidet, durch Führung der Bücher Klarheit über

seine Angelegenheiten zu haben. Ebenso müßte es, wenn das Unlustquantum

bei einem Menschen in einem bestimmten Zeitpunkte so groß würde,

daß keine Hoffnung (Kredit) auf künftige Lust ihn über den Schmerz

hinwegsetzen könnte, zum Bankerott des Lebensgeschäftes führen.

Nun ist aber die Zahl der Selbstmörder doch eine relativ geringe

im Verhältnis zu der Menge derjenigen, die mutig weiter leben. Die

wenigsten Menschen stellen das Lebensgeschäft der vorhandenen Unlust

willen ein. Was folgt daraus? Entweder, daß es nicht richtig ist,

zu sagen, die Unlustmenge sei größer als die Lustmenge, oder daß wir

unser Weiterleben gar nicht von der empfundenen Lust- oder Unlustmenge

abhängig machen.

Auf eine ganz eigenartige Weise kommt der Pessimismus

Ed. v. Hartmanns dazu, das Leben wertlos zu erklären, weil darinnen

der Schmerz überwiegt, und doch die Notwendigkeit zu behaupten, es

durchzumachen. Diese Notwendigkeit liegt darin, daß der oben (S. 194)

angegebene Weltzweck nur durch rastlose, hingebungsvolle Arbeit der

Menschen erreicht werden kann. So lange aber die Menschen noch ihren

egoistischen Gelüsten nachgehen, sind sie zu solcher selbstlosen Arbeit

untauglich. Erst wenn sie sich durch Erfahrung und Vernunft überzeugt

haben, daß die vom Egoismus erstrebten Lebensgenüsse nicht erlangt

werden können, widmen sie sich ihrer eigentlichen Aufgabe. Auf

diese Weise soll die pessimistische Überzeugung der Quell der

Selbstlosigkeit sein. Eine Erziehung auf Grund des Pessimismus soll

den Egoismus dadurch ausrotten, daß sie ihm seine Aussichtslosigkeit

vor Augen stellt.

Nach dieser Ansicht liegt also das Streben nach Lust ursprünglich in

der Menschennatur begründet. Nur aus Einsicht in die Unmöglichkeit der

Erfüllung dankt dieses Streben zu Gunsten höherer Menschheitsaufgaben

ab.

Von der sittlichen Weltanschauung, die von der Anerkennung des

Pessimismus die Hingabe an unegoistische Lebensziele erhofft, kann

nicht gesagt werden, daß sie den Egoismus im wahren Sinne des Wortes

überwinde. Die sittlichen Ideale sollen erst dann stark genug sein,

sich des Willens zu bemächtigen, wenn der Mensch eingesehen hat,

daß das selbstsüchtige Streben nach Lust zu keiner Befriedigung

führen kann. Der Mensch, dessen Selbstsucht nach den Trauben der

Lust begehrt, findet sie sauer, weil er sie nicht erreichen kann: er

geht von ihnen und widmet sich einem selbstlosen Lebenswandel. Die

sittlichen Ideale sind, nach der Meinung der Pessimisten, nicht

stark genug, den Egoismus zu überwinden; aber sie errichten ihre

Herrschaft auf dem Boden, den ihnen vorher die Erkenntnis von der

Aussichtslosigkeit der Selbstsucht frei gemacht hat.

Wenn die Menschen ihrer Naturanlage nach die Lust erstreben, sie aber

unmöglich erreichen können, dann ist Vernichtung des Daseins und

Erlösung durch das Nichtsein das einzig vernünftige Ziel. Und wenn

man der Ansicht ist, daß der eigentliche Träger des Weltschmerzes Gott

ist, so müssen die Menschen es sich zur Aufgabe machen, die Erlösung

Gottes herbeizuführen. Durch den Selbstmord des einzelnen wird die

Erreichung dieses Zieles nicht gefördert, sondern beeinträchtigt. Gott

kann vernünftigerweise die Menschen nur geschaffen haben, damit

sie durch ihr Handeln seine Erlösung herbeiführen. Sonst wäre die

Schöpfung zwecklos. Jeder muß in dem allgemeinen Erlösungswerke

seine bestimmte Arbeit verrichten. Entzieht er sich derselben durch

den Selbstmord, so muß die ihm zugedachte Arbeit von einem andern

verrichtet werden. Dieser muß statt ihm die Daseinsqual ertragen. Und

da in jedem Wesen Gott steckt als der eigentliche Schmerzträger, so

hat der Selbstmörder die Menge des Gottesschmerzes nicht im geringsten

vermindert, vielmehr Gott die neue Schwierigkeit auferlegt, für ihn

einen Ersatzmann zu schaffen.

Dies alles setzt voraus, daß die Lust ein Wertmaßstab für das

Leben sei. Das Leben äußert sich durch eine Summe von Trieben

(Bedürfnissen). Wenn der Wert des Lebens davon abhinge, ob es mehr

Lust oder Unlust bringt, dann ist ein Trieb als wertlos zu bezeichnen,

der seinem Träger einen Überschuß der letztern einträgt. Wir wollen

einmal Trieb und Lust daraufhin ansehen, ob der erste durch die zweite

gemessen werden kann. Um nicht den Verdacht zu erwecken, das Leben

erst mit der Sphäre der "Geistesaristokratie" anfangen zu lassen,

beginnen wir mit einem "rein tierischen" Bedürfnis, dem Hunger.

Der Hunger entsteht, wenn unsere Organe ohne neue Stoffzufuhr nicht

weiter funktionieren können. Was der Hungrige zunächst erstrebt,

ist die Sättigung. Sobald die Nahrungszufuhr in dem Maße erfolgt ist,

daß der Hunger aufhört, ist alles erreicht, was der Ernährungstrieb

erstrebt. Der Genuß, der sich an die Sättigung knüpft, besteht fürs

erste in der Beseitigung des Schmerzes, den der Hunger bereitet. Zu

dem bloßen Ernährungstriebe tritt ein anderes Bedürfnis. Der

Mensch will durch die Nahrungsaufnahme nicht bloß seine gestörten

Organfunktionen wieder in Ordnung bringen, beziehungsweise den Schmerz

des Hungers überwinden: er sucht dies auch unter Begleitung angenehmer

Geschmacksempfindungen zu bewerkstelligen. Wenn er Hunger hat und

eine halbe Stunde vor einer genußreichen Mahlzeit steht, vermeidet

er es, durch minderwertige Kost, die ihn früher befriedigen könnte,

sich die Lust für das bessere zu verderben. Er braucht den Hunger,

um von seiner Mahlzeit den vollen Genuß zu haben. Dadurch wird ihm

der Hunger zugleich zum Veranlasser der Lust. Wenn nun aller in der

Welt vorhandene Hunger gestillt werden könnte, dann ergäbe sich die

volle Genußmenge, die dem Vorhandensein des Nahrungsbedürfnisses zu

verdanken ist. Hinzuzurechnen wäre noch der besondere Genuß, den

Leckermäuler durch eine über das Gewöhnliche hinausgehende Kultur

ihrer Geschmacksnerven erzielen.

Den denkbar größten Wert hätte diese Genußmenge, wenn kein auf die in

Betracht kommende Genußart hinzielendes Bedürfnis unbefriedigt bliebe,

und wenn mit dem Genuß nicht zugleich eine gewisse Menge Unlust in

den Kauf genommen werden müßte.

Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung · 第 12 / 14 段