Der freie Geist handelt nach seinen Impulsen, das sind Intuitionen,

die aus dem Ganzen seiner Ideenwelt durch das Denken ausgewählt

sind. Für den unfreien Geist liegt der Grund, warum er aus seiner

Ideenwelt eine bestimmte Intuition aussondert, um sie einer Handlung

zu Grunde zu legen, in der ihm gegebenen Wahrnehmungswelt, d. h. in

seinen bisherigen Erlebnissen. Er erinnert sich, bevor er zu einem

Entschluß kommt, daran, was jemand in einem dem seinigen analogen

Falle gethan oder zu thun für gut geheißen hat, oder was Gott für

diesen Fall befohlen hat u. s. w., und darnach handelt er. Dem freien

Geist stehen diese Vorbedingungen nicht zu Gebote. Er faßt einen

schlechthin ersten Entschluß. Es kümmert ihn dabei ebenso wenig, was

andere in diesem Falle gethan, noch was sie dafür befohlen haben. Er

hat rein ideelle (logische) Gründe, die ihn bewegen, aus der Summe

seiner Begriffe gerade einen bestimmten herauszuheben und ihn in

Handlung umzusetzen. Seine Handlung wird aber der wahrnehmbaren

Wirklichkeit angehören. Was er vollbringt, wird also mit einem ganz

bestimmten Wahrnehmungsinhalte identisch sein. Der Begriff wird sich

in einem konkreten Einzelgeschehnis zu verwirklichen haben. Er wird

als Begriff diesen Einzelfall nicht enthalten können. Er wird sich

darauf nur in der Art beziehen können, wie überhaupt ein Begriff

sich auf eine Wahrnehmung bezieht, z. B. wie der Begriff des Löwen

auf einen einzelnen Löwen. Das Mittelglied zwischen Begriff und

Wahrnehmung ist die Vorstellung (vgl. S. 103 ff.). Dem unfreien Geist

ist dieses Mittelglied von vornherein gegeben. Die Motive sind von

vornherein als Vorstellungen in seinem Bewußtsein vorhanden. Wenn

er etwas ausführen will, so macht er das so, wie er es gesehen hat,

oder wie es ihm für den einzelnen Fall befohlen wird. Die Autorität

wirkt daher am besten durch Beispiele, d. h. durch Überlieferung

ganz bestimmter Einzelhandlungen an das Bewußtsein des unfreien

Geistes. Der Christ handelt weniger nach den Lehren als nach dem

Vorbilde des Erlösers. Regeln haben für das positive Handeln weniger

Wert als für das Unterlassen bestimmter Handlungen. Gesetze treten nur

dann in die allgemeine Begriffsform, wenn sie Handlungen verbieten,

nicht aber wenn sie sie zu thun gebieten. Gesetze über das, was er

thun soll, müssen dem unfreien Geiste in ganz konkreter Form gegeben

werden. Reinige die Straße vor deinem Hausthore! Zahle deine Steuern

in dieser bestimmten Höhe bei dem Steueramte X! u. s. w. Begriffsform

haben die Gesetze zur Verhinderung von Handlungen. Du sollst nicht

stehlen! Du sollst nicht ehebrechen! Diese Gesetze wirken auf den

unfreien Geist aber auch nur durch den Hinweis auf eine konkrete

Vorstellung, z. B. die der entsprechenden zeitlichen Strafen, oder

der Gewissensqual, oder der ewigen Verdammnis u. s. w.

Sobald der Antrieb zu einer Handlung in der allgemein-begrifflichen

Form vorhanden ist (z. B. du sollst deinen Mitmenschen Gutes thun! du

sollst so leben, daß du dein Wohlsein am besten beförderst!), dann

muß in jedem einzelnen Fall die konkrete Vorstellung des Handelns

(die Beziehung des Begriffes auf einen Wahrnehmungsinhalt) erst

gefunden werden. Bei dem freien Geiste, den kein Vorbild und keine

Furcht vor Strafe etc. treibt, ist diese Umsetzung des Begriffes in

die Vorstellung immer notwendig.

Konkrete Vorstellungen aus der Summe seiner Ideen heraus produziert

der Mensch durch die Phantasie. Was der freie Geist nötig hat, um

seine Ideen zu verwirklichen, um sich durchzusetzen, ist also die

moralische Phantasie. Sie ist die Quelle für das Handeln des freien

Geistes. Deshalb sind auch nur Menschen mit moralischer Phantasie

eigentlich sittlich produktiv. Die bloßen Moralprediger, d. i. die

Leute, die sittliche Regeln ausspinnen, ohne sie zu konkreten

Vorstellungen verdichten zu können, sind moralisch unproduktiv. Sie

gleichen den Kritikern, die verständig auseinanderzusetzen wissen,

wie ein Kunstwerk beschaffen sein soll, selbst aber auch nicht das

geringste zustande bringen können.

Die moralische Phantasie muß, um ihre Vorstellung zu verwirklichen, in

ein bestimmtes Gebiet von Wahrnehmungen eingreifen. Die Handlung des

Menschen schafft keine Wahrnehmungen, sondern prägt die Wahrnehmungen,

die bereits vorhanden sind, um, erteilt ihnen eine neue Gestalt. Um

ein bestimmtes Wahrnehmungsobjekt oder eine Summe von solchen,

einer moralischen Vorstellung gemäß, umbilden zu können, muß

man den gesetzmäßigen Inhalt (die bisherige Wirkungsweise, die

man neu gestalten oder der man eine neue Richtung geben will)

dieses Wahrnehmungsbildes begriffen haben. Man muß ferner den

Modus finden, nach dem sich diese Gesetzmäßigkeit in eine neue

verwandeln läßt. Dieser Teil der moralischen Wirksamkeit beruht auf

Kenntnis der Erscheinungswelt, mit der man es zu thun hat. Er ist

also zu suchen in einem Zweige der wissenschaftlichen Erkenntnis

überhaupt. Das moralische Handeln setzt also voraus neben dem

moralischen Ideenvermögen [3] und der moralischen Phantasie

die Fähigkeit, die Welt der Wahrnehmungen umzuformen, ohne ihren

naturgesetzlichen Zusammenhang zu durchbrechen. Diese Fähigkeit ist

moralische Technik. Sie ist in dem Sinne lernbar, wie Wissenschaft

überhaupt lernbar ist. Im allgemeinen sind Menschen nämlich geeigneter,

die Begriffe für die schon fertige Welt zu finden, als produktiv

aus der Phantasie die noch nicht vorhandenen zukünftigen Handlungen

zu bestimmen. Deshalb ist es sehr wohl möglich, daß Menschen ohne

moralische Phantasie die moralischen Vorstellungen von andern empfangen

und diese geschickt der Wirklichkeit einprägen. Auch der umgekehrte

Fall kann vorkommen, daß Menschen mit moralischer Phantasie ohne die

technische Geschicklichkeit sind und sich dann anderer Menschen zur

Verwirklichung ihrer Vorstellungen bedienen müssen.

Insofern zum moralischen Handeln die Kenntnis der Objekte unseres

Handelnsgebietes notwendig ist, beruht unser Handeln auf dieser

Kenntnis. Was hier in Betracht kommt, sind Naturgesetze. Wir haben

es mit Naturwissenschaft zu thun, nicht mit Ethik.

Die moralische Phantasie und das moralische Ideenvermögen können erst

Gegenstand des Wissens werden, nachdem sie vom Individuum produziert

sind. Dann aber regeln sie nicht mehr das Leben, sondern haben es

bereits geregelt. Sie sind als wirkende Ursachen wie alle andern

aufzufassen (Zwecke sind sie bloß für das Subjekt). Wir beschäftigen

uns mit ihnen als mit einer Naturlehre der moralischen Vorstellungen.

Eine Ethik als Normwissenschaft kann es daneben nicht geben.

Man hat den normativen Charakter der moralischen Gesetze wenigstens

insofern halten wollen, daß man die Ethik im Sinne der Diätetik

auffaßte, welche aus den Lebensbedingungen des Organismus allgemeine

Regeln ableitet, um auf Grund derselben dann den Körper im besonderen

zu beeinflussen (Paulsen, System der Ethik). Dieser Vergleich ist

falsch, weil unser moralisches Leben sich nicht mit dem Leben des

Organismus vergleichen läßt. Die Wirksamkeit des Organismus ist

ohne unser Zuthun da; wir finden dessen Gesetze in der Welt fertig

vor, können sie also suchen, und dann die gefundenen anwenden. Die

moralischen Gesetze werden aber von uns erst geschaffen. Wir können

sie nicht anwenden, bevor sie geschaffen sind. Der Irrtum entsteht

daher, daß die moralischen Gesetze nicht in jedem Momente inhaltlich

neu geschaffen werden, sondern sich forterben. Die von den Vorfahren

übernommenen erscheinen dann gegeben wie die Naturgesetze des

Organismus. Sie werden aber durchaus nicht mit demselben Rechte von

einer späteren Generation wie diätetische Regeln angewendet. Denn sie

gehen auf das Individuum und nicht wie das Naturgesetz auf das Exemplar

einer Gattung. Als Organismus bin ich ein solches Gattungsexemplar

und ich werde naturgemäß leben, wenn ich die Naturgesetze der Gattung

in meinem besonderen Falle anwende; als sittliches Wesen bin ich

Individuum und habe meine ganz eigenen Gesetze [4].

Die hier vertretene Ansicht scheint in Widerspruch zu stehen

mit jener Grundlehre der modernen Naturwissenschaft, die man als

Entwicklungstheorie bezeichnet. Aber sie scheint es nur. Unter

Entwicklung wird verstanden das reale Hervorgehen des Späteren

aus dem Früheren auf naturgesetzlichem Wege. Unter Entwicklung in

der organischen Welt versteht man den Umstand, daß die späteren

(vollkommneren) organischen Formen reale Abkömmlinge der früheren

(unvollkommnen) sind und auf naturgesetzliche Weise aus ihnen

hervorgegangen sind. Die Bekenner der organischen Entwicklungstheorie

stellen sich vor, daß es auf der Erde einmal eine Zeitepoche gegeben

hat, wo ein Mensch das allmähliche Hervorgehen der Reptilien aus

den Uramnioten mit Augen hätte verfolgen können, wenn er damals

als Mensch hätte dabei sein können und mit entsprechend langer

Lebensdauer ausgestattet gewesen wäre. Ebenso stellen sich die

Entwicklungstheoretiker vor, daß ein Mensch das Hervorgehen des

Sonnensystems aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel hätte beobachten

können, wenn er während der unendlich langen Zeit frei im Gebiet

des Weltäthers sich an einem entsprechenden Orte hätte aufhalten

können. Keinem Entwicklungstheoretiker wird es aber einfallen, zu

behaupten, daß er aus seinem Begriffe des Uramniontieres den des

Reptils mit allen seinen Eigenschaften herausholen kann, auch wenn

er nie ein Reptil gesehen hat. Ebenso wenig könnte aus dem Begriff

des Kant-Laplaceschen Urnebels das Sonnensystem abgeleitet werden,

wenn dieser Begriff des Urnebels direkt nur an der Wahrnehmung des

Urnebels bestimmt worden wäre. Das heißt mit anderen Worten: der

Entwicklungstheoretiker muß, wenn er konsequent denkt, behaupten,

daß aus früheren Entwicklungsphasen spätere sich real entwickeln, daß

wir, wenn wir den Begriff des Unvollkommnen und den des Vollkommnen

gegeben haben, den Zusammenhang einsehen können; keineswegs aber wird

er zugeben, daß der an dem Früheren erlangte Begriff hinreicht, um

das Spätere daraus zu entwickeln. Daraus folgt für den Ethiker, daß

er zwar den Zusammenhang späterer moralischer Begriffe mit früheren

einsehen kann; aber nicht, daß auch nur eine einzige neue moralische

Idee aus früheren geholt werden kann. Als moralisches Wesen produziert

das Individuum seinen Inhalt. Dieser produzierte Inhalt ist für

den Ethiker gerade so ein Gegebenes, wie für den Naturforscher die

Reptilien ein Gegebenes sind. Die Reptilien sind aus den Uramnioten

hervorgegangen; aber der Naturforscher kann aus dem Begriff der

Uramnioten den der Reptilien nicht herausholen. Spätere moralische

Ideen entwickeln sich aus früheren; der Ethiker kann aber aus den

sittlichen Begriffen einer früheren Kulturperiode die der späteren

nicht herausholen. Die Verwirrung wird dadurch hervorgerufen, daß wir

als Naturforscher die Thatsachen bereits vor uns haben und hinterher

sie erst erkennend betrachten; während wir beim sittlichen Handeln

selbst erst die Thatsachen schaffen, die wir hinterher erkennen. Beim

Entwicklungsprozeß der sittlichen Weltordnung verrichten wir das,

was die Natur auf niedrigerer Stufe verrichtet: wir verändern ein

Wahrnehmbares. Die ethische Norm kann also zunächst nicht wie ein

Naturgesetz erkannt, sondern sie muß geschaffen werden. Erst wenn

sie da ist, kann sie Gegenstand des Erkennens werden.

Aber können wir denn nicht das Neue an dem Alten messen? Wird nicht

jeder Mensch gezwungen sein, das durch seine moralische Phantasie

Produzierte an den hergebrachten sittlichen Lehren zu bemessen? Wenn

er wahrhaft sittlich produktiv sein will, so ist das ein eben solches

Unding, wie es das andere wäre, wenn man eine neue Naturform an der

alten bemessen wollte und sagte: weil die Reptilien mit den Uramnioten

nicht übereinstimmen, sind sie eine unberechtigte (krankhafte) Form.

Der ethische Individualismus steht also nicht im Gegensatz zur

Entwicklungstheorie, sondern folgt direkt aus ihr. Der Haeckelsche

Stammbaum von den Urtieren bis hinauf zum Menschen als organisches

Wesen müßte sich ohne Unterbrechung der natürlichen Gesetzlichkeit

und ohne eine Durchbrechung der einheitlichen Entwicklung herauf

verfolgen lassen bis zu dem Individuum als einem im bestimmten Sinne

sittlichen Wesen. So wahr es aber ist, daß die sittlichen Ideen des

Individuums wahrnehmbar aus denen seiner Vorfahren hervorgegangen

sind, so wahr ist es auch, daß dasselbe sittlich unfruchtbar ist,

wenn es nicht selbst moralische Ideen hat.

Derselbe ethische Individualismus, den ich auf Grund der

vorangehenden Anschauungen entwickelt habe, würde sich auch aus der

Entwicklungstheorie ableiten lassen. Die schließliche Überzeugung

wäre dieselbe; nur der Weg ein anderer, auf dem sie erlangt ist.

Das Hervortreten völlig neuer sittlicher Ideen aus der moralischen

Phantasie ist für die Entwicklungstheorie gerade so wenig wunderbar,

wie das Hervorgehen einer neuen Tierart aus einer andern. Nur muß

diese Theorie als monistische Weltanschauung im sittlichen Leben

ebenso wie im natürlichen jeden jenseitigen (metaphysischen) Einfluß

abweisen. Sie folgt dabei demselben Prinzip, das sie antreibt, wenn sie

die Ursachen neuer organischer Formen in bereits bestehenden sucht;

nicht in dem Eingreifen eines außerweltlichen Gottes, der jede neue

Art nach einem neuen Schöpfungsgedanken durch übernatürlichen Einfluß

hervorruft. Sowie der Monismus zur Erklärung des Lebewesens keinen

übernatürlichen Schöpfungsgedanken brauchen kann, so ist es ihm auch

unmöglich, die sittliche Weltordnung von Ursachen abzuleiten, die nicht

innerhalb der Welt liegen. Er kann keinen fortdauernden übernatürlichen

Einfluß auf das sittliche Leben (göttliche Weltregierung von außen),

noch einen zeitlichen durch eine besondere Offenbarung (Erteilung der

zehn Gebote) oder durch Erscheinung Gottes auf der Erde (Göttlichkeit

Christi) zulassen. Die sittlichen Prozesse sind dem Monismus

Naturprodukte wie alles andere Bestehende und ihre Ursachen müssen

in der Natur, d. i., weil der Mensch der Träger der Sittlichkeit ist,

im Menschen gesucht werden.

Der ethische Individualismus ist somit die Krönung des Gebäudes,

das Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft errichtet haben. Er

ist Entwicklungslehre auf das sittliche Leben übertragen.

Wer dem Begriff des Natürlichen von vornherein in engherziger Weise

ein willkürlich begrenztes Gebiet anweist, der kann dann leicht

dazu kommen, für die freie individuelle Handlung keinen Raum darin

zu finden. Der konsequent verfahrende Entwicklungstheoretiker kann

in solche Engherzigkeit nicht verfallen. Er kann die natürliche

Entwicklungsweise beim Affen nicht abschließen und dem Menschen

einen "übernatürlichen" Ursprung zugestehen; er kann auch bei den

organischen Verrichtungen des Menschen nicht stehen bleiben und nur

diese natürlich finden, sondern er muß auch das sittlich-freie Leben

als Fortsetzung des organischen ansehen.

Der Entwicklungstheoretiker kann, seiner Grundauffassung gemäß, nur

behaupten, daß das sittliche Handeln aus den unvollkommneren Arten

des Naturgeschehens hervorgeht; die Charakteristik des Handelns,

d. i. seine Bestimmung als eines freien, muß er der unmittelbaren

Beobachtung des Handelns überlassen. Er behauptet ja auch nur, daß

Menschen aus Affen sich entwickelt haben. Wie die Menschen beschaffen

sind, das muß durch Beobachtung dieser selbst festgestellt werden. Die

Ergebnisse dieser Beobachtung können nicht in Widerspruch geraten mit

der Entwicklungsgeschichte. Nur die Behauptung, daß die Ergebnisse

solche sind, die eine natürliche Weltordnung ausschließen, könnte

nicht in Übereinstimmung mit der neueren Richtung der Naturwissenschaft

gebracht werden [5].

Von einer sich selbst verstehenden Naturwissenschaft hat der ethische

Individualismus nichts zu fürchten: die Beobachtung ergiebt als

Charakteristikum der vollkommenen Form des menschlichen Handelns die

Freiheit; die begriffliche Beziehung dieses Ergebnisses auf andere

Formen des Geschehens ergiebt den natürlichen Ursprung der freien

Handlungen.

Wie steht es nun, vom natürlichen Standpunkte aus, mit der bereits

oben (S. 17) erwähnten Unterscheidung zwischen den beiden Sätzen:

"Frei sein heißt thun können, was man will" und dem andern: "nach

Belieben begehren können und nicht begehren können sei der eigentliche

Sinn des Dogmas vom freien Willen"? Hamerling begründet gerade seine

Ansicht vom freien Willen auf diese Unterscheidung, indem er das erste

für richtig, das zweite für eine absurde Tautologie erklärt. Er sagt:

"ich kann thun, was ich will. Aber zu sagen: ich kann wollen, was ich

will, ist eine leere Tautologie." Ob ich thun, d. i. in Wirklichkeit

umsetzen kann, was ich will, was ich mir also als Idee meines Thuns

vorgesetzt habe, das hängt von äußeren Umständen und von meiner

technischen Geschicklichkeit (vergl. S. 180) ab. Frei sein heißt die

dem Handeln zu Grunde liegenden Vorstellungen (Beweggründe) durch

die moralische Phantasie von sich aus bestimmen können. Freiheit

ist unmöglich, wenn etwas außer mir (mechanischer Prozeß oder

Gott) meine moralischen Vorstellungen bestimmt. Ich bin also nur

dann frei, wenn ich selbst diese Vorstellungen produziere; nicht,

wenn ich die Beweggründe, die ein anderes Wesen in mich gesetzt hat,

ausführen kann. Ein freies Wesen ist dasjenige, welches wollen kann,

was es selbst für richtig hält. Wer etwas anderes thut, als er will,

der muß zu diesem anderen durch Motive getrieben werden, die nicht in

ihm liegen. Ein solcher handelt unfrei. Nach Belieben wollen können,

was man für richtig oder nicht richtig hält, heißt also: nach Belieben

frei oder unfrei sein zu können. Das ist natürlich ebenso absurd,

wie die Freiheit in dem Vermögen zu sehen, thun zu können, was man

wollen muß. Das letztere aber behauptet Hamerling, wenn er sagt: "Es

ist vollkommen wahr, daß der Wille immer durch Beweggründe bestimmt

wird, aber es ist absurd zu sagen, daß er deshalb unfrei sei; denn

eine größere Freiheit läßt sich für ihn weder wünschen noch denken,

als die, sich nach Maßgabe seiner eigenen Stärke und Entschiedenheit zu

verwirklichen?" Ja wohl: es läßt sich eine größere Freiheit wünschen,

und das ist erst die wahre. Nämlich die: sich die Gründe seines

Wollens selbst zu bestimmen.

Von der Ausführung dessen abzusehen, was er will; dazu läßt sich der

Mensch unter Umständen bewegen. Sich vorschreiben zu lassen, was er

thun soll, d. i. zu wollen, was ein Anderer und nicht Er für richtig

hält, dazu ist er nur zu haben, wenn er sich nicht frei fühlt.

Die äußeren Gewalten können mich hindern, zu thun, was ich will. Dann

verdammen sie mich einfach zum Nichtsthun. Erst wenn sie meinen

Geist knechten und mir meine Beweggründe aus dem Kopfe jagen und an

deren Stelle die ihrigen setzen wollen, dann beabsichtigen sie meine

Unfreiheit. Die Kirche wendet sich daher nicht bloß gegen das Thun,

sondern namentlich gegen die unreinen Gedanken, d. i. die Beweggründe

meines Handelns. Unrein sind ihr aber alle Beweggründe, die sie nicht

angiebt. Eine Kirche erzeugt erst wahre Sklaven, wenn ihre Priester

sich zu Gewissensräten machen, d. i. wenn die Gläubigen sich von ihnen

(aus dem Beichtstuhle) die Beweggründe ihres Handelns holen.

XIV.

DER WERT DES LEBENS.

(PESSIMISMUS UND OPTIMISMUS).

Ein Gegenstück zu der Frage nach dem Zwecke oder der Bestimmung

des Lebens (vergl. S. 170 ff.) ist die nach dessen Wert. Zwei

entgegengesetzten Ansichten begegnen wir in dieser Beziehung, und

dazwischen allen denkbaren Vermittlungsversuchen. Eine Ansicht sagt:

die Welt ist die denkbar beste, die es geben kann, und das Leben und

Handeln in derselben ein Gut von unschätzbarem Werte. Alles bietet

sich als harmonisches und zweckmäßiges Zusammenwirken dar und ist

der Bewunderung wert. Auch das scheinbar Böse und Üble ist von einem

höhern Standpunkte als gut erkennbar; denn es stellt einen wohlthuenden

Gegensatz zum Guten dar; wir können dies um so besser schätzen, wenn

es sich von jenem abhebt. Auch ist das Übel kein wahrhaft wirkliches;

wir empfinden nur einen geringeren Grad des Wohles als Übel. Das Übel

ist Abwesenheit des Guten; nichts was an sich Bedeutung hat.

Die andere Ansicht ist die, welche behauptet: das Leben ist voll Qual

und Elend, die Lust überwiegt überall die Unlust, der Schmerz die

Freude. Das Dasein ist eine Last, und das Nichtsein wäre dem Sein

unter allen Umständen vorzuziehen.

Als die Hauptvertreter der ersteren Ansicht, des Optimismus, haben

wir Shaftesbury und Leibniz, als die der zweiten, des Pessimismus,

Schopenhauer und Eduard von Hartmann aufzufassen.

Leibniz sagt: die Welt ist die beste, die es geben kann. Eine bessere

ist unmöglich. Denn Gott ist gut und weise. Ein guter Gott will die

beste der Welten schaffen; ein weiser kennt sie; er kann sie vor

allen anderen möglichen schlechteren unterscheiden. Nur ein böser

oder unweiser Gott könnte eine schlechtere als die bestmögliche

Welt schaffen.

Wer von diesem Gesichtspunkte ausgeht, wird leicht dem menschlichen

Handeln die Richtung vorzeichnen können, die es einschlagen muß,

um zum Besten der Welt das seinige beizutragen. Der Mensch wird nur

die Ratschlüsse Gottes zu erforschen und sich darnach zu benehmen

haben. Wenn er weiß, was Gott mit der Welt und dem Menschengeschlecht

für Absichten hat, dann wird er auch das Richtige thun. Und er

wird sich glücklich fühlen, zu dem andern Guten auch das seinige

hinzuzufügen. Vom optimistischen Standpunkt aus ist also das Leben

des Lebens wert. Es muß uns zur mitwirkenden Anteilnahme anregen.

Anders stellt sich Schopenhauer die Sache vor. Er denkt sich den

Weltengrund nicht als allweises und allgütiges Wesen, sondern als

blinden Drang oder Willen. Ewiges Streben, unaufhörliches Schmachten

nach Befriedigung, die doch nie erreicht werden kann, ist der

Grundzug alles Wollens. Denn ist ein erstrebtes Ziel erreicht, so

entsteht ein neues Bedürfnis u. s. w. Die Befriedigung kann immer

nur von verschwindend kleiner Dauer sein. Der ganze übrige Inhalt

unseres Lebens ist unbefriedigtes Drängen, d. i. Unzufriedenheit,

Leiden. Stumpft sich der blinde Drang endlich ab, so fehlt

uns jeglicher Inhalt; eine unendliche Langeweile erfüllt unser

Dasein. Daher ist das relativ Beste, Wünsche und Bedürfnisse in sich

zu ersticken, das Wollen zu ertöten. Der Schopenhauersche Pessimismus

führt zur Thatenlosigkeit, sein sittliches Ziel ist Universalfaulheit.

In wesentlich anderer Art sucht Hartmann den Pessimismus zu

begründen und für die Ethik auszunutzen. Hartmann sucht, einem

Lieblingsstreben unserer Zeit folgend, seine Weltanschauung

auf Erfahrung zu begründen. Aus der Beobachtung des Lebens will

er Aufschluß darüber gewinnen, ob die Lust oder die Unlust in

der Welt überwiege. Er läßt, was den Menschen als Gut und Glück

erscheint, vor der Vernunft Revue passieren, um zu zeigen, daß alle

vermeintliche Befriedigung bei genauerem Zusehen sich als Illusion

erweist. Illusion ist es, wenn wir glauben in: Gesundheit, Jugend,

Freiheit, auskömmlicher Existenz, Liebe (Geschlechtsgenuß), Mitleid,

Freundschaft und Familienleben, Ehrgefühl, Ehre, Ruhm, Herrschaft,

religiöser Erbauung, Wissenschafts- und Kunstbetrieb, Hoffnung auf

jenseitiges Leben, Beteiligung am Kulturfortschritt -- Quellen

des Glückes und der Befriedigung zu haben. Vor einer nüchternen

Betrachtung bringt jeder Genuß viel mehr Übel und Elend als Lust

in die Welt. Die Unbehaglichkeit des Katzenjammers ist stets größer

als die Behaglichkeit des Rausches. Die Unlust überwiegt bei weitem

in der Welt. Kein Mensch, auch der relativ glücklichste, würde,

gefragt, das elende Leben ein zweites Mal durchmachen wollen. Da

nun aber Hartmann die Anwesenheit des Ideellen (der Weisheit) in

der Welt nicht leugnet, ihm vielmehr eine gleiche Berechtigung neben

dem blinden Drange (Willen) zugesteht, so kann er seinem Urwesen die

Schöpfung der Welt nur zumuten, wenn es den Schmerz der Welt in einen

weisen Weltzweck auslaufen läßt. Der Schmerz der Weltwesen ist aber

kein anderer als der Gottesschmerz selbst, denn das Leben der Natur

als Ganzes ist identisch mit dem Leben Gottes. Ein allweises Wesen

kann aber sein Ziel nur in der Befreiung vom Leid sehen, und da alles

Dasein Leid ist, in der Befreiung vom Dasein. Das Sein in das weit

bessere Nichtsein überzuführen, ist der Zweck der Weltschöpfung. Der

Weltprozeß ist ein fortwährendes Ankämpfen gegen den Gottesschmerz,

das zuletzt mit der Vernichtung alles Daseins endet. Das sittliche

Leben der Menschen wird also sein: Teilnahme an der Vernichtung des

Daseins. Gott hat die Welt erschaffen, damit er sich durch dieselbe

vor seinem unendlichen Schmerze befreie. Diese ist "gewissermaßen

wie ein juckender Ausschlag am Absoluten zu betrachten", durch den

dessen unbewußte Heilkraft sich von einer inneren Krankheit befreit,

"oder auch als ein schmerzhaftes Zugpflaster, welches das all-eine

Wesen sich selbst appliziert, um einen innern Schmerz zunächst nach

außen abzulenken und für die Folge zu beseitigen." Die Menschen sind

Glieder der Welt. In ihnen leidet Gott. Er hat sie geschaffen, um

seinen unendlichen Schmerz zu zersplittern. Der Schmerz, den jeder

einzelne von uns leidet, ist nur ein Tropfen in dem unendlichen

Meere des Gottesschmerzes (Hartmann, Phänomenologie des sittlichen

Bewußtseins S. 866 ff.).

Der Mensch hat sich mit der Erkenntnis zu durchdringen, daß das Jagen

nach individueller Befriedigung (der Egoismus) eine Thorheit ist, und

hat sich einzig von der Aufgabe leiten zu lassen, durch selbstlose

Hingabe an den Weltprozeß der Erlösung Gottes sich zu widmen. Im

Gegensatz zu dem Schopenhauers führt uns Hartmanns Pessimismus zu

einer hingebenden Thätigkeit für eine erhabene Aufgabe.

Wie steht es aber mit der Begründung auf Erfahrung?

Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung · 第 11 / 14 段