Das menschliche Individuum ist Quell aller Sittlichkeit und Mittelpunkt

alles Lebens. Der Staat, die Gesellschaft sind nur da, weil sie sich

als notwendige Folge des Individuallebens ergeben. Daß dann der Staat

und die Gesellschaft wieder zurückwirken auf das Individualleben,

ist ebenso begreiflich, wie der Umstand, daß das Stoßen, das durch

die Hörner da ist, wieder zurückwirkt auf die weitere Entwicklung

der Hörner des Stieres, die bei längerem Nichtgebrauch verkümmern

würden. Ebenso muß das Individuum verkümmern, wenn es außerhalb der

menschlichen Gemeinschaft ein abgesondertes Dasein führt. Darum bildet

sich ja gerade die gesellschaftliche Ordnung, um im günstigen Sinne

wieder zurück auf das Individuum zu wirken.

XI.

FREIHEITSPHILOSOPHIE UND MONISMUS.

Der naive Mensch, der nur als wirklich gelten läßt, was er mit Augen

sehen und mit Händen greifen kann, fordert auch für sein sittliches

Leben Beweggründe, die mit den Sinnen wahrnehmbar sind. Er fordert ein

Wesen, das ihm diese Beweggründe auf eine seinen Sinnen verständliche

Weise mitteilt. Er wird von einem Menschen, den er für weiser und

mächtiger hält als sich selbst, oder dem er aus einem andern Grunde als

eine über ihn stehende Macht anerkennt, diese Beweggründe als Gebote

sich diktieren lassen. Es ergeben sich auf diese Weise als sittliche

Prinzipien die schon früher genannten, der Familien-, staatlichen,

gesellschaftlichen, kirchlichen und göttlichen Autorität. Der

befangenste Mensch glaubt noch einem einzelnen andern Menschen;

der etwas fortgeschrittenere läßt sich sein sittliches Verhalten

von einer Mehrheit (Staat, Gesellschaft) diktieren. Immer sind es

wahrnehmbare Mächte, auf die er baut. Wem endlich die Überzeugung

aufdämmert, daß dies doch im Grunde ebenso schwache Menschen sind wie

er, der sucht bei einer höheren Macht Auskunft, bei einem göttlichen

Wesen, das er sich aber mit sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften

ausstattet. Er läßt sich von diesem Wesen den begrifflichen Inhalt

seines sittlichen Lebens wieder auf wahrnehmbare Weise vermitteln,

sei es, daß der Gott im brennenden Dornbusche erscheint, sei es,

daß er in leibhaftig-menschlicher Gestalt unter den Menschen wandelt

und ihren Ohren vernehmbar sagt, was sie thun und nicht thun sollen.

Die höchste Entwicklungsstufe des naiven Realismus auf dem Gebiete der

Sittlichkeit ist die, wo das Sittengebot (sittliche Idee) von jeder

fremden Wesenheit abgetrennt und hypothetisch als absolute Kraft im

eigenen Innern gedacht wird. Was der Mensch zuerst als Stimme Gottes

vernahm, das vernimmt er jetzt als selbständige Macht in seinem Innern

und nennt es Gewissen.

Damit ist aber die Stufe des naiven Bewußtseins bereits verlassen,

und wir sind eingetreten in die Region, wo die Sittengesetze als

Normen verselbständigt werden. Sie haben dann keinen Träger mehr,

sondern werden zu metaphysischen Wesenheiten, die durch sich

selbst existieren. Sie sind analog den unsichtbar-sichtbaren

Kräften des metaphysischen Realismus. Sie treten auch immer als

Begleiterscheinung des metaphysischen Realismus auf. Der metaphysische

Realismus bezieht ja die uns gegebene Wahrnehmungswelt und die von uns

gedachte Begriffssphäre auf ein außerhalb liegendes Wesen an sich. In

dieser seiner zweiten Welt muß er auch den Ursprung der Sittlichkeit

suchen. Es giebt da verschiedene Möglichkeiten. Ist das Wesen an

sich ein gedankenloses, nach rein mechanischen Gesetzen wirkendes,

wie es der moderne Materialismus sich vorstellt, dann wird es auch

das menschliche Individuum durch rein mechanische Notwendigkeit aus

sich hervorbringen samt allem, was an diesem ist. Das Bewußtsein

unserer Freiheit kann dann nur eine Illusion sein. Denn während ich

mich für den Schöpfer meiner Handlung halte, wirkt in mir die mich

zusammensetzende Materie und ihre Bewegungsvorgänge. Ich glaube mich

frei; alle meine Handlungen sind aber thatsächlich nur Ergebnisse

des meinem leiblichen und geistigen Organismus zu Grunde liegenden

Stoffwechsels. Nur weil wir die uns zwingenden Motive nicht kennen,

haben wir das Gefühl der Freiheit. "Wir müssen hervorheben, daß das

Gefühl der Freiheit auf der Abwesenheit äußerer zwingender Motive

beruht." "Unser Handeln ist necessitiert wie unser Denken." (Ziehen,

Leitfaden der physiologischen Psychologie S. 207 f.)

Eine andere Möglichkeit ist die, daß jemand in einem geistigen Wesen

das hinter den Erscheinungen steckende Absolute sieht. Dann wird

er auch den Antrieb zum Handeln in einer geistigen Kraft suchen. Er

wird die in seiner Vernunft auffindbaren Sittenprinzipien für einen

Ausfluß dieses Wesens an sich ansehen, das mit dem Menschen seine

besonderen Absichten hat. Die Sittengesetze erscheinen dem Dualisten

dieser Richtung als von dem Absoluten diktiert, und der Mensch hat

durch seine Vernunft einfach diese Ratschlüsse des absoluten Wesens zu

erforschen und auszuführen. Die sittliche Weltordnung erscheint dem

Dualisten als wahrnehmbarer Abglanz einer hinter derselben stehenden

höheren Ordnung. Die irdische Sittlichkeit ist die Erscheinung

der göttlichen Weltordnung. Nicht der Mensch ist es, auf den es in

dieser sittlichen Ordnung ankommt, sondern auf das Wesen an sich, auf

Gott. Der Mensch soll das, was Gott will. Eduard von Hartmann, der

das Wesen an sich als Gottheit vorstellt, für die das eigene Dasein

Leiden ist, glaubt, dieses göttliche Wesen habe die Welt erschaffen,

damit es durch dieselbe von seinem unendlich großen Leiden erlöst

werde. Dieser Philosoph sieht daher die sittliche Entwicklung der

Menschheit als einen Prozeß an, der dazu da ist, die Gottheit zu

erlösen. "Nur durch den Aufbau einer sittlichen Weltordnung von

seiten vernünftiger selbstbewußter Individuen kann der Weltprozeß

seinem Ziel entgegengeführt werden." "Das reale Dasein ist die

Inkarnation der Gottheit, der Weltprozeß die Passionsgeschichte

des fleischgewordenen Gottes, und zugleich der Weg der Erlösung des

im Fleische Gekreuzigten; die Sittlichkeit aber ist die Mitarbeit

an der Abkürzung dieses Leidens- und Erlösungsweges." (Hartmann,

Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins § 871.) Hier handelt

der Mensch nicht, weil er will, sondern er soll handeln, weil Gott

erlöst sein will. Wie der materialistische Dualist den Menschen zum

Automaten macht, dessen Handeln nur das Ergebnis rein mechanischer

Gesetzmäßigkeit ist, so macht ihn der spiritualistische Dualist

(d. i. derjenige, der das Absolute, das Wesen an sich, in einem

geistigen sieht) zum Sklaven des Willens jenes Absoluten. Freiheit

ist innerhalb des Materialismus sowie des Spiritualismus, überhaupt

innerhalb des metaphysischen Realismus, ausgeschlossen.

Der naive wie der metaphysische Realismus müssen konsequenterweise

aus einem und demselben Grunde die Freiheit leugnen, weil sie in

dem Menschen nur den Vollstrecker oder Vollzieher von notwendig

ihm aufgedrängten Prinzipien sehen. Der naive Realismus tötet die

Freiheit durch Unterwerfung unter die Autorität eines wahrnehmbaren

oder nach Analogie der Wahrnehmungen gedachten Wesens oder endlich

unter die abstrakte Stimme seines Gewissens; der Metaphysiker kann

die Freiheit nicht anerkennen, weil er den Menschen von einem "Wesen

an sich" mechanisch oder moralisch bestimmt sein läßt.

Der Monismus wird die teilweise Berechtigung des naiven Realismus

anerkennen müssen, weil er die Berechtigung der Wahrnehmungswelt

anerkennt. Wer unfähig ist, die sittlichen Ideen durch Intuition

hervorzubringen, der muß sie von andern empfangen. Insoweit der Mensch

seine sittlichen Prinzipien von außen empfängt, ist er thatsächlich

unfrei. Aber der Monismus schreibt der Idee neben der Wahrnehmung

eine gleiche Bedeutung zu. Die Idee kann aber nur im menschlichen

Individuum zur Erscheinung kommen. Insofern der Mensch den Antrieben

von dieser Seite folgt, ist er frei. Der Monismus spricht aber der

Metaphysik alle Berechtigung ab, folglich auch den von sogenannten

"Wesen an sich" herrührenden Antrieben des Handelns. Der Mensch

kann nach monistischer Auffassung unfrei handeln, wenn er einem

wahrnehmbaren äußeren Zwange folgt; er kann frei handeln, wenn er

nur sich selbst gehorcht. Einen unbewußten, hinter Wahrnehmung und

Begriff steckenden Zwang kann der Monismus nicht anerkennen. Wenn

jemand von einer Handlung seines Mitmenschen behauptet: sie sei unfrei

vollbracht, so muß er innerhalb der wahrnehmbaren Welt das Ding, oder

den Menschen, oder die Einrichtung nachweisen, die jemand zu seiner

Handlung veranlaßt haben; wenn der Behauptende sich auf Ursachen des

Handelns außerhalb der sinnlich und geistig wirklichen Welt beruft,

dann kann sich der Monismus auf eine solche Behauptung nicht einlassen.

Nach monistischer Auffassung handelt der Mensch teils unfrei, teils

frei. Er findet sich als unfrei in der Welt der Wahrnehmungen vor

und verwirklicht in sich den freien Geist.

Die sittlichen Gebote, die der Metaphysiker als Ausflüsse einer

höheren Macht ansehen muß, sind dem Bekenner des Monismus Gedanken der

Menschen; die sittliche Weltordnung ist ihm weder der Abklatsch einer

rein mechanischen Naturordnung, noch einer göttlichen Weltregierung,

sondern durchaus freies Menschenwerk. Der Mensch hat nicht den

Willen Gottes in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen;

er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern

Wesens, sondern seine eigenen. Hinter den handelnden Menschen sieht

der Monismus nicht einen Weltenlenker, der die Menschen nach seinem

Willen bestimmt, sondern die Menschen verfolgen nur ihre eigenen,

menschlichen Zwecke. Und zwar verfolgt jedes Individuum seine besondern

Zwecke. Denn die Ideenwelt lebt sich nicht in einer Gemeinschaft

von Menschen, sondern nur in menschlichen Individuen aus. Was als

gemeinsames Ziel einer menschlichen Gesamtheit sich ergiebt, das ist

nur die Folge der einzelnen Willensthaten der Individuen, und zwar

meist einiger weniger Auserlesener, denen die anderen, als ihren

Autoritäten, folgen. Jeder von uns ist berufen zum freien Geiste,

wie jeder Rosenkeim berufen ist, Rose zu werden.

Der Monismus ist also im Gebiete des wahrhaft sittlichen Handelns

Freiheitsphilosophie. Weil er Wirklichkeitsphilosophie ist, so weist

er ebenso gut die metaphysischen (unwirklichen) Einschränkungen

des freien Geistes zurück, wie er die physischen und historischen

(naiv-wirklichen) des naiven Menschen anerkennt. Weil er den Menschen

nicht als abgeschlossenes Produkt, das in jedem Augenblicke seines

Lebens sein volles Wesen entfaltet, betrachtet, so scheint ihm der

Streit, ob der Mensch als solcher frei ist oder nicht, nichtig. Er

sieht in dem Menschen ein sich entwickelndes Wesen und fragt, ob auf

dieser Entwicklungsbahn auch die Stufe des freien Geistes erreicht

werden kann.

Der Monismus weiß, daß die Natur den Menschen nicht als freien Geist

fix und fertig aus ihren Armen entläßt, sondern daß sie ihn bis zu

einer gewissen Stufe führt, von der aus er noch immer als unfreies

Wesen sich weiter entwickelt, bis er an den Punkt kommt, wo er sich

selbst findet.

Der Monismus leugnet nicht die Sittlichkeit, aber er ist sich klar

darüber, daß ein Wesen, das unter einem physischen oder moralischen

Zwange handelt, nicht wahrhaftig sittlich sein kann. Er betrachtet den

Durchgang durch das automatische Handeln (nach natürlichen Trieben

und Instinkten) und denjenigen durch das gehorsame Handeln (nach

sittlichen Normen) als notwendige Vorstufen der Sittlichkeit, aber er

sieht die Möglichkeit ein, beide Durchgangsstadien durch den freien

Geist zu überwinden. Der Monismus befreit den Menschen im allgemeinen

von den innerweltlichen Fesseln der naiven Sittlichkeitsmaximen

und von den außerweltlichen Sittlichkeitsmaximen der spekulierenden

Metaphysiker. Jene kann er nicht aus der Welt schaffen, wie er die

Wahrnehmung nicht aus der Welt schaffen kann, diese lehnt er ab, weil

er alle Erklärungsprinzipien zur Aufhellung der Welterscheinungen

innerhalb der Welt sucht und keine außerhalb derselben. Ebenso

wie der Monismus es ablehnt, an andere Erkenntnisprinzipien als

solche für Menschen auch nur zu denken (vgl. S. 124), so weist

er auch den Gedanken an andere Sittlichkeitsmaximen als solche für

Menschen entschieden zurück. Die menschliche Sittlichkeit ist wie die

menschliche Erkenntnis bedingt durch die menschliche Natur. Und so

wie höhere Wesen wahrscheinlich unter Erkenntnis etwas ganz anderes

verstehen würden als wir, so würden wohl andere Wesen auch eine andere

Sittlichkeit haben; vielleicht wäre aber ihr Handeln überhaupt gar

nicht unter dem Gesichtspunkte der Sittlichkeit zu betrachten. Kurz

über solche Dinge zu reden, ist für den Monismus absurd. Sittlichkeit

ist dem Anhänger des Monismus eine spezifisch menschliche Eigenschaft,

und Freiheit die menschliche Form, sittlich zu sein.

XII.

WELTZWECK UND LEBENSZWECK.

BESTIMMUNG DES MENSCHEN.

Unter den mannigfaltigen Strömungen in dem geistigen Leben der

Menschheit ist eine zu verfolgen, die man die Überwindung des

Zweckbegriffes nennen kann. Die Zweckmäßigkeit ist eine bestimmte

Art in der Abfolge von Erscheinungen. Wahrhaft wirklich ist die

Zweckmäßigkeit nur dann, wenn im Gegensatz zu dem Verhältnis von

Ursache und Wirkung, wo das vorhergehende Ereignis ein späteres

bestimmt, umgekehrt das folgende Ereignis bestimmend auf das

frühere einwirkt. Dies kann aber nur bei menschlichen Handlungen

der Fall sein. Der Mensch vollbringt eine Handlung, die er sich

vorher vorstellt, und läßt sich von dieser Vorstellung zur Handlung

bestimmen. Das Spätere, die Handlung, wirkt mit Hilfe der Vorstellung

auf das frühere, den handelnden Menschen. Dieser Umweg durch das

menschliche Vorstellen ist aber zum zweckmäßigen Zusammenhange

durchaus notwendig.

In dem Prozesse, der in Ursache und Wirkung zerfällt, ist zu

unterscheiden die Wahrnehmung von dem Begriff. Die Wahrnehmung

der Ursache geht der Wahrnehmung der Wirkung vorher; Ursache und

Wirkung blieben in unserem Bewußtsein einfach nebeneinander bestehen,

wenn wir sie nicht durch ihre entsprechenden Begriffe miteinander

verbinden könnten. Die Wahrnehmung der Wirkung kann stets nur auf

die Wahrnehmung der Ursache folgen. Wenn die Wirkung einen realen

Einfluß auf die Ursache haben soll, so kann dies nur durch den

begrifflichen Faktor sein. Denn der Wahrnehmungsfaktor der Wirkung

ist vor dem der Ursache einfach gar nicht vorhanden. Wer behauptet,

die Blüte sei der Zweck der Wurzel, d. h. die erstere habe auf die

letztere einen Einfluß, der kann das nur von dem Faktor an der Blüte

behaupten, den er durch sein Denken an derselben konstatiert. Der

Wahrnehmungsfaktor der Blüte hat zur Zeit der Entstehungszeit der

Wurzel noch kein Dasein. Zum zweckmäßigen Zusammenhange ist aber

nicht bloß der ideelle, gesetzmäßige Zusammenhang des Späteren mit dem

Früheren notwendig, sondern der Begriff (das Gesetz) der Wirkung muß

real, durch einen wahrnehmbaren Prozeß die Ursache beeinflussen. Einen

wahrnehmbaren Einfluß von einem Begriff auf etwas anderes können wir

aber nur bei den menschlichen Handlungen beobachten. Hier ist also

der Zweckbegriff allein anwendbar. Das naive Bewußtsein, das nur das

Wahrnehmbare gelten läßt, sucht -- wie wir wiederholt bemerkt -- auch

dorthin Wahrnehmbares zu versetzen, wo nur Ideelles zu erkennen ist. In

dem wahrnehmbaren Geschehen sucht es wahrnehmbare Zusammenhänge oder,

wenn es solche nicht findet, träumt sie es hinein. Der im subjektiven

Handeln geltende Zweckbegriff ist ein geeignetes Element für solche

erträumte Zusammenhänge. Der naive Mensch weiß, wie er ein Geschehen

zustande bringt und folgert daraus, daß es die Natur ebenso machen

wird. In den rein ideellen Naturzusammenhängen sieht er nicht nur

unsichtbare Kräfte, sondern auch unwahrnehmbare reale Zwecke. Der

Mensch macht seine Werkzeuge zweckmäßig; nach demselben Rezept läßt der

naive Realist den Schöpfer die Organismen bauen. Nur ganz allmählich

verschwindet dieser falsche Zweckbegriff aus den Wissenschaften. In der

Philosophie treibt er auch heute noch ziemlich arg sein Unwesen. Da

wird gefragt nach dem Zweck der Welt, nach der Bestimmung (folglich

auch dem Zweck) des Menschen u. s. w.

Der Monismus weist den Zweckbegriff auf allen Gebieten, mit alleiniger

Ausnahme des menschlichen Handelns zurück. Er sucht nach Naturgesetzen,

aber nicht nach Naturzwecken. Naturzwecke sind willkürliche Annahmen

wie die unwahrnehmbaren Kräfte (S. 118). Aber auch Lebenszwecke,

die der Mensch sich nicht selbst setzt, sind vom Standpunkte des

Monismus unberechtigte Annahmen. Zweckvoll ist nur dasjenige, was

der Mensch erst dazu gemacht hat, denn nur durch Verwirklichung einer

Idee entsteht Zweckmäßiges. Wirksam im realistischen Sinne wird die

Idee aber nur im Menschen. Deshalb hat das Leben nur den Zweck und

die Bestimmung, die der Mensch ihm giebt. Auf die Frage: was hat der

Mensch für eine Aufgabe im Leben, kann der Monismus nur antworten:

die, die er sich selbst setzt. Meine Sendung in der Welt ist keine

vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle. Ich

trete nicht mit gebundener Marschroute meinen Lebensweg an.

Ideen werden nur durch Menschen verwirklicht. Es ist also unstatthaft,

von der Verkörperung von Ideen durch die Geschichte zu sprechen. Alle

solche Wendungen wie: "die Geschichte ist die Entwicklung der Menschen

zur Freiheit", oder die Verwirklichung der sittlichen Weltordnung

u. s. w. sind von monistischen Gesichtspunkten aus unhaltbar.

Die Anhänger des Zweckbegriffes glauben mit demselben zugleich alle

Ordnung und Einheitlichkeit der Welt preisgeben zu müssen. Man höre

z. B. Robert Hamerling (Atomistik des Willens, II. Band., S. 201):

"So lange es Triebe in der Natur giebt, ist es eine Thorheit, Zwecke

in derselben zu leugnen.

"Wie die Gestaltung eines Gliedes des menschlichen Körpers nicht

bestimmt und bedingt ist durch eine in der Luft schwebende Idee

dieses Gliedes, sondern durch den Zusammenhang mit dem größeren

Ganzen, dem Körper, welchem das Glied angehört, so ist die Gestaltung

jedes Naturwesens, sei es Pflanze, Tier, Mensch, nicht bestimmt und

bedingt durch eine in der Luft schwebende Idee desselben, sondern

durch das Formprinzip des größeren, sich zweckmäßig auslebenden und

ausgestaltenden Ganzen der Natur." Und S. 191 desselben Bandes: "Die

Zwecktheorie behauptet nur, daß trotz der tausend Unbequemlichkeiten

und Qualen dieses kreatürlichen Lebens eine hohe Zweck- und

Planmäßigkeit unverkennbar in den Gebilden und in den Entwicklungen der

Natur vorhanden ist -- eine Plan- und Zweckmäßigkeit jedoch, welche

sich nur innerhalb der Naturgesetze verwirklicht, und welche nicht

auf eine Schlaraffenwelt abzielen kann, in welcher dem Leben kein Tod,

dem Werden kein Vergehen mit allen mehr oder weniger unerfreulichen,

aber schlechterdings unvermeidlichen Mittelstufen gegenüberstünde.

"Wenn die Gegner des Zweckbegriffes ein mühsam zusammengebrachtes

Kehrichthäufchen von halben oder ganzen, vermeintlichen oder wirklichen

Unzweckmäßigkeiten einer Welt von Wundern der Zweckmäßigkeit, wie sie

die Natur in allen Bereichen aufweist, entgegenstellen, so finde ich

das ebenso drollig". --

Was wird hier Zweckmäßigkeit genannt? Ein Zusammenstimmen von

Wahrnehmungen zu einem Ganzen. Da aber allen Wahrnehmungen Gesetze

(Ideen) zu Grunde liegen, die wir durch unser Denken finden, so ist

das planmäßige Zusammenstimmen der Glieder eines Wahrnehmungsganzen

nichts weiter als das ideelle (logische) Zusammenstimmen der in

diesem Wahrnehmungsganzen enthaltenen Glieder eines Ideenganzen. Wenn

gesagt wird, das Tier oder der Mensch sei nicht bestimmt durch eine

in der Luft schwebende Idee, so ist das schief ausgedrückt, und die

verurteilte Ansicht verliert bei der Richtigstellung des Ausdruckes von

selbst den absurden Charakter. Das Tier ist allerdings nicht durch eine

in der Luft schwebende Idee, wohl aber durch eine ihm eingeborene und

seine gesetzmäßige Wesenheit ausmachende Idee bestimmt. Gerade weil

die Idee nicht außer dem Dinge ist, sondern in demselben als dessen

Wesen wirkt, kann nicht von Zweckmäßigkeit gesprochen werden. Gerade

derjenige, der leugnet, daß das Naturwesen von außen bestimmt ist

(ob durch eine in der Luft schwebende Idee oder eine im Geiste eines

Weltschöpfers existierende ist in dieser Beziehung ganz gleichgültig),

muß zugeben, daß dieses Wesen nicht zweckmäßig und planvoll von außen,

sondern ursächlich und gesetzmäßig von innen bestimmt wird. Eine

Maschine gestalte ich dann zweckmäßig, wenn ich die Teile in einen

Zusammenhang bringe, den sie von Natur aus nicht haben. Das Zweckmäßige

der Einrichtung besteht dann darin, daß ich die Wirkungsweise der

Maschine als deren Idee ihr zu Grunde gelegt habe. Die Maschine ist

dadurch ein Wahrnehmungsobjekt mit entsprechender Idee geworden. Solche

Wesen sind auch die Naturwesen. Wer ein Ding deshalb zweckmäßig nennt,

weil es gesetzmäßig gebildet ist, der mag die Naturwesen eben auch mit

dieser Bezeichnung belegen. Nur darf diese Gesetzmäßigkeit nicht mit

jener des subjektiven menschlichen Handelns verwechselt werden. Zum

Zweck ist eben durchaus notwendig, daß die wirkende Ursache ein

Begriff ist, und zwar der der Wirkung. In der Natur sind aber nirgends

Begriffe als Ursachen nachzuweisen; der Begriff erweist sich stets

nur als der ideelle Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Ursachen

sind in der Natur nur in Form von Wahrnehmungen vorhanden.

Der Dualismus kann von Welt- und Naturzwecken reden. Wo für unsere

Wahrnehmung eine gesetzmäßige Verknüpfung von Ursache und Wirkung

sich äußert, da kann der Dualist annehmen, daß wir nur den Abklatsch

eines Zusammenhanges sehen, in dem das absolute Weltwesen seine Zwecke

verwirklichte. Für den Monismus entfällt mit dem absoluten Weltwesen

auch der Grund zur Annahme von Welt- und Naturzwecken.

XIII.

DIE MORALISCHE PHANTASIE.

(DARWINISMUS UND SITTLICHKEIT.)

Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung · 第 10 / 14 段