Die Voraussetzung trifft aber nicht zu. Wir beziehen die Wahrnehmungen

nicht bloß ideell auf uns, durch den Begriff, sondern auch noch durch

das Gefühl, wie wir gesehen haben. Wir sind also nicht Wesen mit

bloß begrifflichem Lebensinhalt. Der naive Realist sieht sogar in dem

Gefühlsleben ein wirklicheres Leben der Persönlichkeit als in dem rein

ideellen Element des Wissens. Und er hat von seinem Standpunkte aus

ganz recht, wenn er in dieser Weise sich die Sache zurechtlegt. Das

Gefühl ist auf subjektiver Seite zunächst genau dasselbe, was die

Wahrnehmung auf objektiver Seite ist. Nach dem Grundsatz des naiven

Realismus: alles ist wirklich, was wahrgenommen werden kann, ist daher

das Gefühl die Bürgschaft der Realität der eigenen Persönlichkeit. Der

Monismus muß aber dem Gefühle die gleiche Ergänzung angedeihen lassen,

die er für die Wahrnehmung notwendig erachtet, wenn sie als vollkommene

Wirklichkeit sich darstellen soll. Für den Monismus ist das Gefühl

ein unvollständiges Wirkliche, das in der ersten Form, in der es

uns gegeben ist, seinen zweiten Faktor, den Begriff oder die Idee,

noch nicht mitenthält. Deshalb tritt im Leben auch überall das Fühlen

gleichwie das Wahrnehmen vor dem Erkennen auf. Wir fühlen uns zuerst

als Daseiende; und im Laufe der allmählichen Entwicklung ringen wir

uns erst zu dem Punkte durch, wo uns in dem dumpfgefüllten eigenen

Dasein der Begriff unseres Selbst aufgeht. Was für uns erst später

hervortritt, ist aber ursprünglich mit dem Gefühle unzertrennlich

verbunden. Der naive Mensch gerät durch diesen Umstand auf den

Glauben: in dem Fühlen stelle sich ihm das Dasein unmittelbar, in

dem Wissen nur mittelbar dar. Die Ausbildung des Gefühlslebens wird

ihm daher vor allen andern Dingen wichtig erscheinen. Er wird den

Zusammenhang der Welt erst erfasst zu haben glauben, wenn er ihn in

sein Fühlen aufgenommen hat. Er sucht nicht das Wissen, sondern das

Fühlen zum Mittel der Erkenntnis zu machen. Da das Gefühl etwas ganz

Individuelles ist, etwas der Wahrnehmung Gleichkommendes, so macht der

Gefühlsphilosoph ein Prinzip, das nur innerhalb seiner Persönlichkeit

eine Bedeutung hat, zum Weltprinzipe. Er sucht die ganze Welt mit

seinem eigenen Selbst zu durchdringen. Was der Monismus im Begriffe

zu erfassen strebt, das sucht der Gefühlsphilosoph mit dem Gefühle

zu erreichen, und sieht dieses sein Zusammensein mit den Objekten

als das unmittelbarere an.

Die hiermit gekennzeichnete Richtung, die Philosophie des Gefühls,

ist die Mystik. Der Irrtum dieser Anschauungsweise besteht darinnen,

daß sie erleben will, was sie wissen soll, daß sie ein individuelles,

das Gefühl, zu einem universellen erziehen will.

Das Fühlen ist ein rein individueller Akt, die Beziehung der Außenwelt

auf unser Subjekt, insofern diese Beziehung ihren Ausdruck findet in

einem bloß subjektiven Erleben.

Es giebt noch eine andere Äußerung der menschlichen Persönlichkeit. Das

Ich lebt durch sein Denken das allgemeine Weltleben mit; es bezieht

durch dasselbe rein ideell (begrifflich) die Wahrnehmungen auf sich,

sich auf die Wahrnehmungen. Im Gefühl erlebt es einen Bezug der

Objekte auf sein Subjekt; im Willen ist das Umgekehrte der Fall. Im

Wollen haben wir ebenfalls eine Wahrnehmung vor uns, nämlich die des

individuellen Bezugs unseres Selbstes auf das Objektive. Was am Wollen

nicht rein ideeller Faktor ist, das ist ebenso bloß Gegenstand des

Wahrnehmens wie das bei irgend einem Dinge der Außenwelt der Fall ist.

Dennoch wird der naive Realismus auch hier wieder ein weit wirklicheres

Sein vor sich zu haben glauben, als durch das Denken erlangt werden

kann. Er wird in dem Willen ein Element erblicken, in dem er ein

Geschehen, ein Verursachen unmittelbar gewahr wird, im Gegensatz zum

Denken, das das Geschehen erst in Begriffe faßt. Was das Ich durch

seinen Willen vollbringt, stellt für eine solche Anschauungsweise

einen Prozeß dar, der unmittelbar erlebt wird. In dem Wollen glaubt

der Bekenner dieser Philosophie das Weltgeschehen wirklich an einem

Zipfel erfaßt zu haben. Während er die anderen Geschehnisse nur durch

Wahrnehmen von außen verfolgen kann, glaubt er in seinem Wollen ein

reales Geschehen ganz unmittelbar zu erleben. Die Seinsform, in der

ihm der Wille innerhalb des Selbst erscheint, wird für ihn zu einem

Realprinzip der Wirklichkeit. Sein eigenes Wollen erscheint ihm als

Spezialfall des allgemeinen Weltgeschehens; dieses letztere somit

als allgemeines Wollen. Der Wille wird zum Weltprinzip wie in der

Mystik das Gefühl zum Erkenntnisprinzip. Diese Anschauungsweise ist

Willensphilosophie (Thelismus). Was sich nur individuell erleben läßt,

das wird durch sie zum konstituierenden Faktor der Welt gemacht.

So wenig die Mystik Wissenschaft genannt werden kann, so wenig kann

es die Willensphilosophie. Denn beide behaupten mit dem begrifflichen

Durchdringen der Welt nicht auskommen zu können. Beide fordern neben

dem Idealprinzip des Seins noch ein Realprinzip. Da wir aber für diese

sogenannten Realprinzipien nur das Wahrnehmen als Auffassungsmittel

haben, so ist die Behauptung der Mystik und der Willensphilosophie

identisch mit der Ansicht: wir haben zwei Quellen der Erkenntnis:

die des Denkens und die des Wahrnehmens, welches letztere sich

im Gefühl und Willen als individuelles Erleben darstellt. Da die

Ausflüsse der einen Quelle, die Erlebnisse, nicht direkt in die

der andern, des Denkens, aufgenommen werden können, so bleiben

die beiden Erkenntnisweisen, Wahrnehmen (Erleben) und Denken ohne

höhere Vermittlung nebeneinander bestehen. Neben dem durch das Wissen

erreichbaren Idealprinzip giebt es noch ein zu erlebendes Realprinzip

der Welt. Mit andern Worten: die Mystik und Willensphilosophie

sind naiver Realismus, weil sie dem Satz huldigen: das unmittelbar

Wahrgenommene (Erlebte) ist wirklich. Sie begehen dem ursprünglichen

naiven Realismus gegenüber nur noch die Inkonsequenz, daß sie eine

bestimmte Form des Wahrnehmens (das Fühlen, beziehungsweise Wollen)

zum alleinigen Erkenntnismittel des Seins machen, während sie das

doch nur können, wenn sie im allgemeinen dem Grundsatz huldigen:

das Wahrgenommene ist wirklich. Sie müßten somit auch dem äußeren

Wahrnehmen einen gleichen Erkenntniswert zuschreiben.

Die Willensphilosophie wird zum metaphysischen Realismus, wenn sie den

Willen auch in die Daseinssphären verlegt, in denen ein unmittelbares

Erleben desselben nicht wie in dem eigenen Subjekt möglich ist. Sie

nimmt ein Prinzip außer dem Subjekt hypothetisch an, für das das

subjektive Erleben das einzige Wirklichkeitskriterium ist. Als

metaphysischer Realismus verfällt die Willensphilosophie der im

vorhergehenden Kapitel angegebenen Kritik, welche das widerspruchsvolle

Moment jedes metaphysischen Realismus überwinden und anerkennen muß,

daß der Wille nur insofern ein allgemeines Weltgeschehen ist, als er

sich ideell auf die übrige Welt bezieht.

X.

DIE IDEE DER FREIHEIT.

Der Begriff des Baumes ist für das Erkennen durch die Wahrnehmung

des Baumes bedingt. Ich kann der bestimmten Wahrnehmung gegenüber

nur einen ganz bestimmten Begriff aus dem allgemeinen Begriffssystem

herausheben. Der Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung wird durch

das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und objektiv bestimmt. Die

Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem

Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der

Sache selbst bestimmt.

Anders ist das bei unserem Wollen. Hier ist die Wahrnehmung unser

individueller Daseinsgehalt, wie der Begriff das Allgemeine in uns

ist. Was durch den Begriff in ideelle Beziehung zur Außenwelt tritt,

das ist unser eigenes Erlebnis, eine Wahrnehmung an uns selbst. Und

zwar nehmen wir uns als thätiges, auf die Außenwelt wirksames Wesen

wahr. Was ich bei Erkenntnis meines eigenen Wollens in Verbindung

bringe, das ist der Begriff mit einer entsprechenden Wahrnehmung,

nämlich der einzelnen Willensäußerung. Mit anderen Worten: ich

gliedere meine individuelle Fähigkeit (das Wollen) dem allgemeinen

Weltgeschehen mit Hilfe meines Denkens ein. Der Inhalt des Begriffs

für eine am Horizonte unserer Erfahrung auftretende äußere Wahrnehmung

wird durch Intuition gegeben. Die Intuition ist die Quelle für den

Inhalt unseres ganzen Begriffssystems. Die Wahrnehmung zeigt mir nur,

welchen Begriff ich aus der Summe meiner Intuitionen im gegebenen Falle

anzuwenden habe. Der Inhalt eines Begriffes ist durch die Wahrnehmung

zwar bedingt aber nicht hervorgebracht; sondern er ist intuitiv

gegeben und durch das Denken mit der Wahrnehmung verbunden. Der

begriffliche Inhalt eines Willensaktes ist ebensowenig aus diesem

Willensakte abzuleiten. Er wird durch Intuition gewonnen.

Tritt nun die begriffliche Intuition (der ideelle Inhalt) meines

Willensaktes vor dessen Wahrnehmung auf, dann ist der Inhalt meines

individuellen Thuns das Ergebnis einer ideellen Bestimmung. Der Grund,

warum ich aus der Summe der mir möglichen Intuitionen gerade die Eine

heraushebe, kann nicht in einem Wahrnehmungsobjekte gesucht werden,

sondern liegt in der gegenseitigen, rein ideellen Bedingtheit der

Glieder meines Ideensystems. Mit andern Worten: für mein Wollen kann

ich keine bestimmenden Elemente in der Wahrnehmungswelt, sondern nur

in der Ideenwelt finden. Das Wollen ist durch die Idee bestimmt. --

Das Begriffssystem, welches der Außenwelt entspricht, ist durch diese

Außenwelt auch bedingt. Welche Intuition einer Wahrnehmung entspricht,

das muß an letzterer bestimmt werden; und wie sich dann diese Intuition

mit unserem übrigen Ideengebäude zusammenschließt, das ist wieder

von dem intuitiven Inhalt abhängig. Die Wahrnehmung bedingt also

direkt ihren Begriff, und indirekt dadurch auch ihre Stellung in dem

Begriffssysteme der Welt. Der aus dem Begriffssysteme herausgehobene

ideelle Inhalt eines Willensaktes, der diesem vorhergeht, ist nur

durch das Begriffssystem selbst bestimmt. -- Ein Willensakt, der von

nichts anderem als von diesem ideellen Inhalte abhängt, ist selbst

als ideell, als ein durch die Idee bestimmter aufzufassen. Damit

ist natürlich nicht gesagt, daß alle Willensakte nur ideell bestimmt

sind. Es haben alle das menschliche Individuum bestimmenden Faktoren

Einfluß auf das Wollen.

Für den einzelnen Willensakt kommt in Betracht: das Motiv und die

Triebfeder. Das Motiv ist der begriffliche Faktor; die Triebfeder

ist der Wahrnehmungsfaktor des Wollens. Der begriffliche Faktor oder

das Motiv ist der augenblickliche Bestimmungsgrund des Wollens; die

Triebfeder der bleibende Bestimmungsgrund des Individuums. Motiv

des Wollens kann nur ein reiner Begriff oder ein Begriff mit

einem bestimmten Bezug auf das Wahrnehmen sein, d. i. eine

Vorstellung. Allgemeine und individuelle Begriffe (Vorstellungen)

werden dadurch zu Motiven des Wollens, daß sie auf das menschliche

Individuum wirken und dasselbe in einer gewissen Richtung zum Handeln

bestimmen. Ein und derselbe Begriff, beziehungsweise eine und dieselbe

Vorstellung wirkt aber auf verschiedene Individuen verschieden. Sie

veranlaßt verschiedene Menschen zu verschiedenen Handlungen. Das Wollen

ist also nicht bloß ein Ergebnis des Begriffes oder der Vorstellung,

sondern auch der individuellen Beschaffenheit des Menschen. Diese

individuelle Beschaffenheit wollen wir -- nach Eduard von Hartmann

-- die charakterologische Anlage nennen. Die Art, wie Begriff und

Vorstellung auf die charakterologische Anlage des Menschen wirken,

giebt seinem Leben ein bestimmtes moralisches oder ethisches Gepräge.

Die charakterologische Anlage wird gebildet durch den mehr oder

weniger bleibenden Lebensgehalt unseres Subjektes, d. i. durch unseren

Vorstellungs- und Gefühlsinhalt. Ob mich eine in mir gegenwärtig

auftretende Vorstellung zu einem Wollen anregt, das hängt davon

ab, wie sie sich zu meinem übrigen Vorstellungsinhalte und auch zu

meinen Gefühlseigentümlichkeiten verhält. Mein Vorstellungsinhalt

ist aber wieder bedingt durch die Summe derjenigen Begriffe, die im

Verlaufe meines individuellen Lebens mit Wahrnehmungen in Berührung

gekommen, d. h. zu Vorstellungen geworden sind. Diese hängt wieder ab

von meiner größeren oder geringeren Fähigkeit der Intuition und von

dem Umkreis meiner Beobachtungen, d. i. von dem subjektiven und dem

objektiven Faktor der Erfahrungen, von der inneren Bestimmtheit und dem

milieu. Ganz besonders ist meine charakterologische Anlage durch mein

Gefühlsleben bestimmt. Ob ich an einer bestimmten Vorstellung oder

einem Begriff Freude oder Schmerz empfinde, davon wird es abhängen,

ob ich sie zum Motiv meines Handelns machen will oder nicht. --

Dies sind die Elemente, die bei einem Willensakte in Betracht

kommen. Die unmittelbar gegenwärtige Vorstellung oder der Begriff,

die zum Motiv werden, bestimmen das Ziel, den Zweck meines Wollens;

meine charakterologische Anlage bestimmt mich, auf dieses Ziel meine

Thätigkeit zu richten. Die Vorstellung, in der nächsten halben Stunde

einen Spaziergang zu machen, bestimmt das Ziel meines Handelns. Diese

Vorstellung wird aber nur dann zum Motiv des Wollens erhoben,

wenn sie auf eine geeignete charakterologische Anlage auftrifft,

d. i. wenn sich durch mein bisheriges Leben in mir die Vorstellungen

gebildet haben von der Zweckmäßigkeit des Spazierengehens, von dem

Wert der Gesundheit, und ferner, wenn sich mit der Vorstellung des

Spazierengehens in mir das Gefühl der Lust verbindet.

Wir haben somit zu unterscheiden: 1) Die möglichen subjektiven

Anlagen, die geeignet sind, bestimmte Vorstellungen und Begriffe zu

Motiven zu machen; und 2) die möglichen Vorstellungen und Begriffe,

die imstande sind, meine charakterologische Anlage so zu beeinflussen,

daß sich ein Wollen ergiebt. Jene stellen die Triebfedern, diese die

Ziele der Sittlichkeit dar.

Die Triebfedern der Sittlichkeit können wir dadurch finden, daß

wir nachsehen, aus welchen Elementen sich das individuelle Leben

zusammensetzt.

Die erste Stufe des individuellen Lebens ist das Wahrnehmen,

und zwar das Wahrnehmen der Sinne. Wir stehen hier in jener Region

unseres individuellen Lebens, wo sich das Wahrnehmen unmittelbar, ohne

Dazwischentreten eines Gefühles oder Begriffes in Wollen umsetzt. Die

Triebfeder des Menschen, die hierbei in Betracht kommt, wird als

Trieb schlechthin bezeichnet. Die Befriedigung unserer niederen,

rein animalischen Bedürfnisse (Hunger, roher Geschlechtsverkehr

u. s. w.) kommt auf diesem Wege zustande. Das charakteristische

des Trieblebens besteht in der Unmittelbarkeit, mit der die

Einzelwahrnehmung das Wollen auslöst. Diese Art der Bestimmung des

Wollens, die ursprünglich nur dem niederen Sinnenleben eigen ist,

kann aber auch auf die Wahrnehmungen der höheren Sinne ausgedehnt

werden. Wir lassen auf die Wahrnehmung irgend eines Geschehens in

der Außenwelt, ohne weiter nachzudenken und ohne daß sich uns an die

Wahrnehmung ein besonderes Gefühl knüpft, eine Handlung folgen, wie

das namentlich im konventionellen Umgange mit Menschen geschieht. Die

Triebfeder dieses Handelns bezeichnet man als Takt oder sittlichen

Geschmack. Je öfter sich ein solches unmittelbares Auslösen einer

Handlung durch eine Wahrnehmung vollzieht, desto geeigneter wird sich

der betreffende Mensch erweisen, rein unter dem Einfluß des Taktes

zu handeln, d. i. der Takt wird zu seiner charakterologischen Anlage.

Die zweite Sphäre des menschlichen Lebens ist das Fühlen. An die

Wahrnehmungen der Außenwelt knüpfen sich bestimmte Gefühle. Diese

Gefühle können zu Triebfedern des Handelns werden. Wenn ich einen

hungernden Menschen sehe, so kann mein Mitgefühl mit demselben

die Triebfeder meines Handelns bilden. Solche Gefühle sind etwa:

das Schamgefühl, der Stolz, das Ehrgefühl, die Demut, die Reue, das

Mitgefühl, das Rache- und Dankbarkeitsgefühl, die Pietät, die Treue,

das Liebes- und Pflichtgefühl [2].

Die dritte Stufe des Lebens endlich ist das Denken und

Vorstellen. Durch bloße Überlegung kann eine Vorstellung oder

ein Begriff zum Motiv einer Handlung werden. Vorstellungen werden

dadurch Motive, daß wir im Laufe des Lebens fortwährend gewisse

Ziele des Wollens an Wahrnehmungen knüpfen, die in mehr oder weniger

modifizierter Gestalt immer wiederkehren. Daher kommt es, daß bei

Menschen, die nicht ganz ohne Erfahrung sind, stets mit bestimmten

Wahrnehmungen auch die Vorstellungen von Handlungen ins Bewußtsein

treten, die sie in einem ähnlichen Fall ausgeführt oder ausführen

gesehen haben. Diese Vorstellungen schweben ihnen als bestimmende

Muster bei allen späteren Entschließungen vor, sie werden Glieder

ihrer charakterologischen Anlage. Wir können die damit bezeichnete

Triebfeder des Wollens die praktische Erfahrung nennen. Die praktische

Erfahrung geht allmählich in das rein taktvolle Handeln über. Wenn sich

bestimmte typische Bilder von Handlungen mit Vorstellungen von gewissen

Situationen des Lebens in unserem Bewußtsein so fest verbunden haben,

daß wir gegebenen Falles mit Überspringung aller auf Erfahrung sich

gründenden Überlegung unmittelbar auf die Wahrnehmung hin ins Wollen

übergehen, dann ist dies der Fall.

Die höchste Stufe des individuellen Lebens ist das begriffliche Denken

ohne Rücksicht auf einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt. Wir bestimmen

den Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der ideellen

Sphäre heraus. Ein solcher Begriff enthält dann zunächst keinen Bezug

auf bestimmte Wahrnehmungen. Wenn wir unter dem Einflusse eines auf

eine Wahrnehmung deutenden Begriffes, d. i. einer Vorstellung, in das

Wollen eintreten, so ist es diese Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege

durch das begriffliche Denken bestimmt. Wenn wir unter dem Einflusse

bloßer Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder unseres Handelns

das reine Denken. Da man gewohnt ist das reine Denkvermögen in der

Philosophie als Vernunft zu bezeichnen, so ist es wohl auch berechtigt,

die auf dieser Stufe gekennzeichnete moralische Triebfeder die

praktische Vernunft zu nennen. Am klarsten hat von dieser Triebfeder

des Wollens Kreyenbühl (Philosophische Monatshefte, Bd. XVIII, Heft

3) gehandelt. Ich rechne seinen darüber geschriebenen Aufsatz zu den

bedeutsamsten Erzeugnissen der gegenwärtigen Philosophie, namentlich

der Ethik. Kreyenbühl bezeichnet die in Rede stehende Triebfeder als

praktisches Apriori, d. h. unmittelbar aus meiner Intuition fließenden

Antrieb zum Handeln.

Es ist klar, daß ein solcher Antrieb nicht mehr im strengen Wortsinne

zu dem Gebiete der charakterologischen Anlagen gerechnet werden

kann. Denn was hier als Triebfeder wirkt, ist nicht mehr ein bloß

Individuelles in mir, sondern der ideelle und folglich allgemeine

Inhalt meiner Intuition. Sobald ich die Berechtigung dieses Inhaltes

als Grundlage und Ausgangspunkt einer Handlung ansehe, trete ich

in das Wollen ein, gleichgültig ob der Begriff bereits zeitlich

vorher in mir da war, oder erst unmittelbar vor dem Handeln in mein

Bewußtsein eintritt, d. i. gleichgültig, ob er bereits als Anlage in

mir vorhanden war oder nicht.

Zu einem wirklichen Willensakt kommt es nur dann, wenn ein

augenblicklicher Antrieb des Handelns in Form eines Begriffes oder

einer Vorstellung auf die charakterologische Anlage einwirkt. Ein

solcher Antrieb wird dann zum Motiv des Wollens.

Die Motive der Sittlichkeit sind Vorstellungen und Begriffe. Es giebt

Ethiker, die auch im Gefühle ein Motiv der Sittlichkeit sehen; sie

behaupten z. B. Ziel des sittlichen Handelns sei die Beförderung des

größtmöglichen Quantums von Lust im handelnden Individuum. Die Lust

selbst aber kann nicht Motiv werden, sondern nur eine vorgestellte

Lust. Die Vorstellung eines künftigen Gefühles, nicht aber das Gefühl

selbst kann auf meine charakterologische Anlage einwirken. Denn das

Gefühl selbst ist im Augenblicke der Handlung noch nicht da, soll

vielmehr erst durch die Handlung hervorgebracht werden.

Die Vorstellung des eigenen oder fremden Wohles wird aber mit Recht

als ein Motiv des Wollens angesehen. Das Prinzip, durch sein Handeln

die größte Summe eigener Lust zu bewirken, d. i. die individuelle

Glückseligkeit zu erreichen, heißt Egoismus. Diese individuelle

Glückseligkeit wird entweder dadurch zu erreichen gesucht, daß man

in rücksichtsloser Weise nur auf das eigene Wohl bedacht ist und

dieses auch auf Kosten des Glückes fremder Individualitäten erstrebt

(reiner Egoismus), oder dadurch, daß man das fremde Wohl aus dem

Grunde befördert, weil man sich dann mittelbar von den glücklichen

fremden Individualitäten einen günstigen Einfluß auf die eigene Person

verspricht, oder weil man durch Schädigung fremder Individuen auch eine

Gefährdung des eigenen Interesses befürchtet (Klugheitsmoral). Der

besondere Inhalt der egoistischen Sittlichkeitsprinzipien wird davon

abhängen, welche Vorstellung sich der Mensch von seiner eigenen oder

der fremden Glückseligkeit macht. Nach dem, was einer als ein Gut des

Lebens ansieht (Wohlleben, Hoffnung auf Glückseligkeit, Erlösung von

verschiedenen Übeln u. s. w.), wird er den Inhalt seines egoistischen

Strebens bestimmen.

Als ein weiteres Motiv ist dann der rein begriffliche Inhalt

einer Handlung anzusehen. Dieser Inhalt bezieht sich nicht wie

die Vorstellung der eigenen Lust auf die einzelne Handlung allein,

sondern auf die Begründung einer Handlung aus einem Systeme sittlicher

Prinzipien. Diese Moralprinzipien können in Form abstrakter Begriffe

das sittliche Leben regeln, ohne daß der Einzelne sich um den Ursprung

der Begriffe kümmert. Wir empfinden dann einfach die Unterwerfung unter

den sittlichen Begriff, der als Gebot über unserem Handeln schwebt,

als sittliche Notwendigkeit. Die Begründung dieser Notwendigkeit

überlassen wir dem, der die sittliche Unterwerfung fordert, d. i. der

sittlichen Autorität, die wir anerkennen (Familienoberhaupt,

Staat, gesellschaftliche Sitte, kirchliche Autorität, göttliche

Offenbarung). Eine besondere Art dieser Sittlichkeitsprinzipien

ist die, wo das Gebot sich nicht durch eine äußere Autorität

für uns kundgiebt, sondern durch unser eigenes Innere (sittliche

Autonomie). Wir glauben dann die Stimme in unserem eigenen Innern

zu vernehmen, der wir uns zu unterwerfen haben. Der Ausdruck dieser

Stimme ist das Gewissen.

Es bedeutet einen sittlichen Fortschritt, wenn der Mensch zum

Motiv seines Handelns nicht einfach das Gebot einer äußeren oder

der inneren Autorität macht, sondern wenn er den Grund einzusehen

bestrebt ist, aus dem irgend eine Maxime des Handelns als Motiv in

ihm wirken soll. Dieser Fortschritt ist der von der autoritativen

Moral zu dem Handeln aus sittlicher Einsicht. Der Mensch wird auf

dieser Stufe der Sittlichkeit die Bedürfnisse des sittlichen Lebens

aufsuchen und sich von der Erkenntnis derselben zu seinen Handlungen

bestimmen lassen. Solche Bedürfnisse sind: 1) das größtmögliche

Wohl der Gesamtmenschheit rein um dieses Wohles willen; 2) der

Kulturfortschritt oder die sittliche Entwicklung der Menschheit zu

immer größerer Vollkommenheit; 3) die Verwirklichung rein intuitiv

erfaßter individueller Sittlichkeitsziele.

Das größtmögliche Wohl der Gesamtmenschheit wird natürlich von

verschiedenen Menschen in verschiedener Weise aufgefaßt werden. Die

obige Maxime bezieht sich nicht auf eine bestimmte Vorstellung von

diesem Wohl, sondern darauf, daß jeder Einzelne, der dies Prinzip

anerkennt, bestrebt ist, dasjenige zu thun, was nach seiner Ansicht

das Wohl der Gesamtmenschheit am meisten fördert.

Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung · 第 8 / 14 段