Der Dualismus begeht den Fehler, daß er den Gegensatz von Objekt und

Subjekt, der nur innerhalb des Wahrnehmungsgebietes eine Bedeutung hat,

auf rein erdachte Wesenheiten außerhalb desselben überträgt. Da aber

die innerhalb des Wahrnehmungshorizontes gesonderten Dinge nur so lange

gesondert sind, als der Wahrnehmende sich des Denkens enthält, das

alle Sonderung aufhebt und als eine bloß subjektiv bedingte erkennen

läßt, so überträgt der Dualist Bestimmungen auf Wesenheiten hinter

den Wahrnehmungen, die selbst für diese keine absolute, sondern nur

eine relative Geltung haben. Er zerlegt dadurch die zwei für den

Erkenntnisprozeß in Betracht kommenden Faktoren, Wahrnehmung und

Begriff, in vier: 1) Das Objekt an sich; 2) die Wahrnehmung, die das

Subjekt von dem Objekt hat; 3) das Subjekt; 4) den Begriff, der die

Wahrnehmung auf das Objekt an sich bezieht. Die Beziehung zwischen

dem Objekt und Subjekt ist eine reale; das Subjekt wird wirklich

(dynamisch) durch das Objekt beeinflußt. Dieser reale Prozeß fällt

nicht in unser Bewußtsein. Aber er ruft im Subjekt eine Gegenwirkung

auf die vom Objekt ausgehende Wirkung hervor. Das Resultat dieser

Gegenwirkung ist die Wahrnehmung. Diese fällt erst ins Bewußtsein. Das

Objekt hat eine objektive (vom Subjekt unabhängige), die Wahrnehmung

eine subjektive Realität. Diese subjektive Realität bezieht das

Subjekt auf das Objekt. Die letztere Beziehung ist eine ideelle. Der

Dualismus spaltet somit den Erkenntnisprozeß in zwei Teile. Den einen,

Erzeugung des Wahrnehmungsobjektes aus dem Ding an sich, läßt er

außerhalb, den andern, Verbindung der Wahrnehmung mit dem Begriff

und Beziehung desselben auf das Objekt, innerhalb des Bewußtseins

sich abspielen. Unter diesen Voraussetzungen ist es klar, daß der

Dualist in seinen Begriffen nur subjektive Repräsentanten dessen zu

gewinnen glaubt, was vor seinem Bewußtsein liegt. Der objektiv-reale

Vorgang im Subjekte, durch den die Wahrnehmung zustande kommt,

und umsomehr die objektiven Beziehungen der Dinge an sich bleiben

für den Dualisten direkt unerkennbar; seiner Meinung nach kann sich

der Mensch nur begriffliche Repräsentanten für das objektiv Reale

verschaffen. Das Einheitsband der Dinge, das diese unter sich und

objektiv mit unserem Individualgeist (als Ding an sich) verbindet,

liegt jenseits des Bewußtseins in einem göttlichen Wesen an sich,

von dem wir in unserem Bewußtsein ebenfalls nur einen begrifflichen

Repräsentanten haben.

Der Dualismus glaubt die ganze Welt zu einem abstrakten Begriffsschema

zu verflüchtigen, wenn er nicht neben den begrifflichen Zusammenhängen

der Gegenstände noch reale Zusammenhänge statuiert. Mit andern

Worten: dem Dualisten erscheinen die durch das Denken auffindbaren

Idealprinzipien zu luftig, und er sucht noch Realprinzipien, von

denen sie gestützt werden können.

Wir wollen uns diese Realprinzipien einmal näher anschauen. Der

naive Mensch (naive Realist) betrachtet die Gegenstände der äußeren

Erfahrung als Realitäten. Der Umstand, daß er diese Dinge mit seinen

Händen greifen, mit seinen Augen sehen kann, gilt ihm als Zeugnis

der Realität. "Nichts existiert, was man nicht wahrnehmen kann",

ist geradezu als das erste Axiom des naiven Menschen anzusehen,

das ebenso gut in seiner Umkehrung anerkannt wird: "Alles, was

wahrgenommen werden kann, existiert". Der beste Beweis für diese

Behauptung ist der Unsterblichkeits- und Geisterglaube des naiven

Menschen. Er stellt sich die Seele als feine sinnliche Materie vor,

die unter besonderen Bedingungen sogar für den gewöhnlichen Menschen

sichtbar werden kann (Gespensterglaube).

Dieser seiner realen Welt gegenüber ist für den naiven Realisten alles

andere, namentlich die Welt der Ideen, unreal, "bloß ideell". Was

wir zu den Gegenständen hinzudenken, das ist bloßer Gedanke über die

Dinge. Der Gedanke fügt nichts Reales zu der Wahrnehmung hinzu.

Aber nicht nur in Bezug auf das Sein der Dinge hält der naive Mensch

die Sinneswahrnehmung für das einzige Zeugnis der Realität, sondern

auch in Bezug auf das Geschehen. Ein Ding kann, nach seiner Ansicht,

nur dann auf ein anderes wirken, wenn eine für die Sinneswahrnehmung

vorhandene Kraft von dem einen ausgeht und das andere ergreift. Ältere

griechische Philosophen, die naive Realisten im besten Sinne des

Wortes waren, stellten sich das Sehen in der Weise vor, daß das

Auge Fühler ausstrecke, die die Dinge berühren. Die ältere Physik

glaubte, daß sehr feine Stoffe von den Körpern ausströmen und durch

unsere Sinnesorgane in die Seele eindringen. Das wirkliche Sehen

dieser Stoffe ist nur durch die Grobheit unserer Sinne im Verhältnis

zu der Feinheit dieser Stoffe unmöglich. Prinzipiell gestand man

diesen Stoffen aus demselben Grunde Realität zu, warum man es den

Gegenständen der Sinnenwelt zugesteht, nämlich wegen ihrer Seinsform,

die derjenigen der sinnenfälligen Realität analog gedacht wurde.

Die in sich beruhende Wesenheit der Ideen gilt dem naiven Bewußtsein

nicht in gleichem Sinne als real. Ein in der "bloßen Idee"

gefaßter Gegenstand gilt so lange als bloße Chimäre, bis durch

die Sinneswahrnehmung die Überzeugung von der Realität geliefert

werden kann. Der naive Mensch verlangt, um es kurz zu sagen, zum

ideellen Zeugnis seines Denkens noch das reale der Sinne. In diesem

Bedürfnisse des naiven Menschen liegt der Grund zur Entstehung des

Offenbarungsglaubens. Der Gott, der durch das Denken gegeben ist,

bleibt immer nur ein gedachter Gott. Das naive Bewußtsein verlangt

die Kundgebung durch Mittel, die der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich

sind. Der Gott muß leibhaftig erscheinen, und seine Göttlichkeit durch

sinnenfällig konstatierbares Verwandeln von Wasser in Wein erweisen.

Auch das Erkennen selbst stellt sich der naive Mensch als einen

den Sinnesprozessen analogen Vorgang vor. Die Dinge machen einen

Eindruck in der Seele, oder sie senden Bilder aus, die durch die

Sinne eindringen u. s. w.

Dasjenige, was der naive Mensch mit den Sinnen wahrnehmen kann, das

hält er für wirklich, und dasjenige, wovon er keine solche Wahrnehmung

hat (Gott, Seele, das Erkennen u. s. w.), das stellt er sich analog

dem Wahrgenommenen vor.

Will der naive Realismus eine Wissenschaft begründen, so kann er eine

solche nur in einer genauen Beschreibung des Wahrnehmungsinhaltes

sehen. Die Begriffe sind ihm nur Mittel zum Zweck. Sie sind da, um

ideelle Gegenbilder für die Wahrnehmungen zu schaffen. Für die Dinge

selbst bedeuten sie nichts. Als real gelten dem naiven Realisten nur

die Tulpenindividuen, die gesehen werden, oder gesehen werden können;

die Eine Idee der Tulpe gilt ihm als Abstraktum, als das unreale

Gedankenbild, das sich die Seele aus den allen Tulpen gemeinsamen

Merkmalen zusammengefügt hat.

Den naiven Realismus mit seinem Grundsatz von der Wirklichkeit

alles Wahrgenommenen widerlegt die Erfahrung, welche lehrt, daß

der Inhalt der Wahrnehmungen vergänglicher Natur ist. Die Tulpe,

die ich sehe, ist heute wirklich; nach einem Jahre wird sie in

Nichts verschwunden sein. Was sich behauptet hat, ist die Gattung

Tulpe. Diese Gattung ist aber für den naiven Realismus nur eine Idee,

keine Wirklichkeit. So sieht sich denn diese Weltanschauung in der

Lage, ihre Wirklichkeiten kommen und verschwinden zu sehen, während

sich das, nach ihrer Meinung, Unwirkliche dem Wirklichen gegenüber

behauptet. Der naive Realismus muß also neben den Wahrnehmungen

auch noch etwas Ideelles gelten lassen. Er muß Wesenheiten in sich

aufnehmen, die er nicht mit den Sinnen wahrnehmen kann. Er findet

sich dadurch mit sich selbst ab, daß er deren Daseinsform analog mit

derjenigen der Sinnesobjekte denkt. Solche hypothetisch angenommenen

Realitäten sind die unsichtbaren Kräfte, durch die die sinnlich

wahrzunehmenden Dinge aufeinander wirken. Ein solches Ding ist die

Vererbung, die über das Individuum hinaus fortwirkt und die der Grund

ist, daß sich aus dem Individuum ein neues entwickelt, das ihm ähnlich

ist, wodurch sich die Gattung erhält. Ein solches Ding ist das den

organischen Leib durchdringende Lebensprinzip, die Seele, für die man

im naiven Bewußtsein stets einen nach Analogie mit Sinnesrealitäten

gebildeten Begriff findet, und ist endlich das göttliche Wesen des

naiven Menschen. Dieses göttliche Wesen wird in einer Weise wirksam

gedacht, die ganz dem entspricht, was als Wirkungsart des Menschen

selbst wahrgenommen werden kann: anthropomorphisch.

Die moderne Physik führt die Sinnesempfindungen auf Bewegungen der

kleinsten Teile der Körper und eines unendlich feinen Stoffes, des

Äthers, zurück. Was wir z. B. als Wärme empfinden, ist innerhalb des

Raumes, den der wärmeverursachende Körper einnimmt, Bewegung seiner

Teile. Auch hier wird wieder ein Unwahrnehmbares in Analogie mit dem

Wahrnehmbaren gedacht. Das sinnliche Analogon des Begriffs "Körper"

ist in diesem Sinne etwa das Innere eines allseitig geschlossenen

Raumes, in dem sich nach allen Richtungen elastische Kugeln bewegen,

die einander stoßen, an die Wände an- und von ihnen abprallen u. s. w.

Ohne solche Annahmen zerfiele dem naiven Realismus die Welt in ein

unzusammenhängendes Aggregat von Wahrnehmungen ohne gegenseitige

Beziehungen, das sich zu keiner Einheit zusammenschließt. Es ist

aber klar, daß der naive Realismus nur durch eine Inkonsequenz

zu dieser Annahme kommen kann. Wenn er seinem Grundsatz: nur das

Wahrgenommene ist wirklich, treu bleiben will, dann darf er doch,

wo er nichts wahrnimmt, kein Wirkliches annehmen. Die unwahrnehmbaren

Kräfte, die von den wahrnehmbaren Dingen aus wirken, sind eigentlich

unberechtigte Hypothesen vom Standpunkte des naiven Realismus. Und weil

er keine anderen Realitäten kennt, so stattet er seine hypothetischen

Kräfte mit Wahrnehmungsinhalt aus. Er wendet also eine Seinsform

(das Wahrnehmungsdasein) auf ein Gebiet an, wo ihm das Mittel fehlt,

das allein über diese Seinsform eine Aussage zu machen hat: das

sinnliche Wahrnehmen.

Diese in sich widerspruchvolle Weltanschauung führt zum metaphysischen

Realismus. Der konstruiert neben der wahrnehmbaren Realität noch eine

unwahrnehmbare, die er der erstem analog denkt. Der metaphysische

Realismus ist deshalb notwendig Dualismus.

Wo der metaphysische Realismus eine Beziehung zwischen wahrnehmbaren

Dingen bemerkt (Annäherung durch Bewegung, Bewußtwerden eines

Objektiven u. s. w.), da setzt er eine Realität hin. Die Beziehung,

die er bemerkt, kann er jedoch nur durch das Denken ausdrücken, nicht

aber wahrnehmen. Die ideelle Beziehung wird willkürlich zu einem

dem Wahrnehmbaren Ähnlichen gemacht. So ist für diese Denkrichtung

die wirkliche Welt zusammengesetzt aus den Wahrnehmungsobjekten,

die im ewigen Werden sind, kommen und verschwinden, und aus

den unwahrnehmbaren Kräften, von denen die Wahrnehmungsobjekte

hervorgebracht werden, und die das Bleibende sind.

Der metaphysische Realismus ist eine widerspruchsvolle Mischung des

naiven Realismus mit dem Idealismus. Seine hypothetischen Kräfte

sind unwahrnehmbare Wesenheiten mit Wahrnehmungsqualitäten. Er hat

sich entschlossen, außer dem Weltgebiete, für dessen Daseinsform er

in dem Wahrnehmen ein Erkenntnismittel hat, noch ein Gebiet gelten

zu lassen, bei dem dieses Mittel versagt, und das nur durch das

Denken zu ermitteln ist. Er kann sich aber nicht zu gleicher Zeit

auch entschließen, die Form des Seins, die ihm das Denken vermittelt,

den Begriff (die Idee), auch als gleichberechtigten Faktor neben der

Wahrnehmung anzuerkennen. Will man den Widerspruch der unwahrnehmbaren

Wahrnehmung vermeiden, so muß man zugestehen, daß es für die durch

das Denken vermittelten Beziehungen zwischen den Wahrnehmungen für

uns keine andere Existenzform als die des Begriffes giebt. Als

die Summe von Wahrnehmungen und ihrer begrifflichen (ideellen)

Bezüge stellt sich die Welt dar, wenn man aus dem metaphysischen

Realismus den unberechtigten Bestandteil hinauswirft. So läuft der

metaphysische Realismus in eine Weltanschauung ein, welche für die

Wahrnehmung das Prinzip der Wahrnehmbarkeit, für die Beziehungen

unter den Wahrnehmungen die Denkbarkeit fordert. Diese Weltanschauung

kann kein drittes Weltgebiet neben der Wahrnehmungs- und Begriffswelt

gelten lassen, für das beide Prinzipien, das sogenannte Realprinzip

und das Idealprinzip, zugleich Geltung haben.

Wenn der metaphysische Realismus behauptet, daß neben der

ideellen Beziehung zwischen dem Wahrnehmungsobjekt und seinem

Wahrnehmungssubjekt noch eine reale Beziehung zwischen dem "Ding

an sich" der Wahrnehmung und dem "Ding an sich" des wahrnehmbaren

Subjektes (des sogenannten Individualgeistes) bestehen muß, so beruht

diese Behauptung auf der falschen Annahme eines den Prozessen der

Sinnenwelt analogen, nicht wahrnehmbaren Seinsprozesses. Wenn ferner

der metaphysische Realismus sagt: mit meiner Wahrnehmungswelt komme

ich in ein bewußt-ideelles Verhältnis; mit der wirklichen Welt kann

ich aber nur in ein dynamisches (Kräfte-) Verhältnis kommen, so begeht

er nicht weniger den schon gerügten Fehler. Von einem Kräfteverhältnis

kann nur innerhalb der Wahrnehmungswelt (dem Gebiete des Tastsinnes),

nicht aber außerhalb desselben die Rede sein.

Wir wollen die oben charakterisierte Weltanschauung, in die

der metaphysische Realismus zuletzt einmündet, wenn er seine

widerspruchsvollen Elemente abstreift, Monismus nennen, weil sie den

einseitigen Realismus mit dem Idealismus zu einer höheren Einheit

vereinigt.

Für den naiven Realismus ist die wirkliche Welt eine Summe von

Wahrnehmungsobjekten; für den metaphysischen Realismus kommt außer den

Wahrnehmungen auch noch den unwahrnehmbaren Kräften Realität zu; der

Monismus setzt an die Stelle von Kräften die ideellen Zusammenhänge,

die er durch sein Denken gewinnt. Das aber sind die Naturgesetze. Ein

Naturgesetz ist ja nichts anderes als der begriffliche Ausdruck für

den Zusammenhang gewisser Wahrnehmungen.

Der Monismus kommt gar nicht in die Lage, außer Wahrnehmung und

Begriff, nach anderen Erklärungsprinzipien der Wirklichkeit zu

fragen. Er weiß, daß sich im ganzen Bereiche der Wirklichkeit

kein Anlaß dazu findet. Er sieht in der Wahrnehmungswelt, wie

sie unmittelbar dem Wahrnehmen vorliegt, ein halbes Wirkliches;

in der Vereinigung derselben mit der Begriffswelt findet er die

volle Wirklichkeit. Der metaphysische Realist kann dem Anhänger des

Monismus einwenden: es mag sein, daß für deine Organisation deine

Erkenntnis in sich vollkommen ist, daß kein Glied fehlt; du weißt

aber nicht: wie sich die Welt in einer Intelligenz abspiegelt, die

anders organisiert ist als die deinige. Die Antwort des Monismus

wird sein: Es mag sein, daß es andere Intelligenzen giebt als die

menschlichen; es mag auch sein, daß ihre Wahrnehmungen eine andere

Gestalt haben als die unsrigen, wenn bei ihnen überhaupt Wahrnehmen

stattfindet. Das alles geht mich aber aus folgenden Gründen gar nichts

an. Ich bin durch mein Wahrnehmen, und zwar durch dieses spezifische

menschliche Wahrnehmen als Subjekt dem Objekt gegenübergestellt. Der

Zusammenhang der Dinge ist damit unterbrochen. Das Subjekt stellt

durch das Denken diesen Zusammenhang wieder her. Damit hat es sich

dem Weltganzen wieder eingefügt. Da nur durch unser Subjekt dieses

Ganze an der Stelle zwischen unserer Wahrnehmung und unserem Begriff

zerschnitten erscheint, so ist in der Vereinigung dieser beiden

auch eine vollkommene Erkenntnis gegeben. Für Wesen mit einer andern

Wahrnehmungswelt (z. B. mit der doppelten Anzahl von Sinnesorganen)

erschiene der Zusammenhang an einer andern Stelle unterbrochen, und

die Wiederherstellung müßte demnach auch eine diesem Wesen spezifische

Gestalt haben. Nur für den naiven und den metaphysischen Realismus,

die beide in dem Inhalte der Seele nur eine ideelle Repräsentation der

Welt sehen, besteht die Frage nach der Grenze des Erkennens. Für sie

ist nämlich das außerhalb des Subjektes Befindliche ein Absolutes, ein

in sich Beruhendes, und der Inhalt des Subjektes ein Bild desselben,

das schlechthin außerhalb dieses Absoluten steht. Die Vollkommenheit

der Erkenntnis beruht auf der größeren oder geringeren Ähnlichkeit

des Bildes mit dem absoluten Objekte. Ein Wesen, bei dem die Zahl

der Sinne kleiner ist, als beim Menschen, wird weniger, eines, bei

dem sie größer ist, mehr von der Welt wahrnehmen. Das erstere wird

demnach eine unvollkommenere Erkenntnis haben als das letztere.

Für den Monismus liegt die Sache anders. Durch die Organisation des

wahrnehmenden Wesens wird die Gestalt bestimmt, wo der Weltzusammenhang

in Subjekt und Objekt auseinandergerissen erscheint. Das Objekt

ist kein absolutes, sondern nur ein relatives, in Bezug auf dieses

bestimmte Subjekt. Die Überbrückung des Gegensatzes kann demnach auch

nur wieder in der ganz spezifischen, gerade dem menschlichen Subjekt

eigenen Weise geschehen. Sobald das Ich, das in dem Wahrnehmen von

der Welt abgetrennt ist, in der denkenden Betrachtung wieder in den

Weltzusammenhang sich einfügt, dann hört alles weitere Fragen, das

nur eine Folge der Trennung war, auf.

Ein anders geartetes Wesen hätte eine anders geartete Erkenntnis. Die

unsrige ist ausreichend, um die durch unser eigenes Wesen aufgestellten

Fragen zu beantworten.

Der metaphysische Realismus muß fragen, wodurch ist das als Wahrnehmung

Gegebene gegeben; wodurch wird das Subjekt affiziert?

Für den Monismus ist die Wahrnehmung durch das Subjekt bestimmt. Dieses

hat aber in dem Denken zugleich das Mittel, die durch es selbst

hervorgerufene Bestimmtheit wieder aufzuheben.

Der metaphysische Realismus steht vor einer weiteren Schwierigkeit,

wenn er die Ähnlichkeit der Weltbilder verschiedener menschlicher

Individuen erklären will. Er muß sich fragen: wie kommt es, daß

das Weltbild, das ich aus meiner subjektiv bestimmten Wahrnehmung

und meinen Begriffen aufbaue, gleichkommt dem, das ein anderes

menschliches Individuum aus denselben beiden subjektiven Faktoren

aufbaut? Wie kann ich überhaupt aus meinem subjektiven Weltbilde auf

das eines andern Menschen schließen? Daraus, daß die Menschen sich

miteinander praktisch abfinden, glaubt der metaphysische Realist die

Ähnlichkeit ihrer subjektiven Weltbilder erschließen zu können. Aus

der Ähnlichkeit dieser Weltbilder schließt er dann weiter auf die

Gleichheit der den einzelnen menschlichen Wahrnehmungssubjekten zu

Grunde liegenden Individualgeister oder der den Subjekten zu Grunde

liegenden "Ich an sich".

Dieser Schluß ist also ein solcher aus einer Summe von Wirkungen auf

den Charakter der ihnen zu Grunde liegenden Ursachen. Wir glauben

aus einer hinreichend großen Anzahl von Fällen den Sachverhalt so

zu erkennen, daß wir wissen, wie sich die erschlossenen Ursachen

in andern Fällen verhalten werden. Einen solchen Schluß nennen wir

einen Induktionsschluß. Wir werden uns genötigt sehen, die Resultate

desselben zu modifizieren, wenn in einer weitern Beobachtung etwas

Unerwartetes sich ergiebt, weil der Charakter des Resultates doch nur

durch die individuelle Gestalt der geschehenen Beobachtungen bestimmt

ist. Diese bedingte Erkenntnis der Ursachen reiche aber für das

praktische Leben vollständig aus, behauptet der metaphysische Realist.

Der Induktionsschluß ist die methodische Grundlage des modernen

metaphysischen Realismus. Es gab eine Zeit, in der man aus Begriffen

glaubte etwas herauswickeln zu können, was nicht mehr Begriff ist. Man

glaubte aus den Begriffen die metaphysischen Realwesen, deren der

metaphysische Realismus einmal bedarf, erkennen zu können. Diese Art

des Philosophierens gehört heute zu den überwundenen Dingen. Dafür aber

glaubt man, aus einer genügend großen Anzahl von Wahrnehmungsthatsachen

auf den Charakter des Dinges an sich schließen zu können, das diesen

Thatsachen zu Grunde liegt. Wie früher aus dem Begriffe, so sucht

man heute das Metaphysische aus den Wahrnehmungen herauswickeln

zu können. Da man die Begriffe in durchsichtiger Klarheit vor sich

hat, so glaubte man aus ihnen auch das Metaphysische mit absoluter

Sicherheit ableiten zu können. Die Wahrnehmungen liegen nicht

mit gleich durchsichtiger Klarheit vor. Jede folgende stellt sich

wieder etwas anders dar, als die gleichartigen vorhergehenden. Im

Grunde wird daher das aus den vorhergehenden Erschlossene durch jede

folgende etwas modifiziert. Die Gestalt, die man auf diese Weise

für das Metaphysische gewinnt, ist also nur eine relativ richtige

zu nennen; sie unterliegt der Korrektur durch künftige Fälle. Einen

durch diesen methodischen Grundsatz bestimmten Charakter trägt die

Metaphysik Eduard von Hartmanns, der als Motto auf das Titelblatt

seines ersten Hauptwerkes gesetzt hat: "Spekulative Resultate nach

induktiv naturwissenschaftlicher Methode."

Die Gestalt, die der metaphysische Realist gegenwärtig seinen Dingen

an sich giebt, ist eine durch Induktionsschlüsse gewonnene. Von dem

Vorhandensein eines objektiv-realen Zusammenhanges der Welt neben dem

"subjektiven" durch Wahrnehmung und Begriff erkennbaren, ist er durch

Erwägungen über den Erkenntnisprozeß überzeugt. Wie diese objektive

Realität beschaffen ist, das glaubt er durch Induktionsschlüsse aus

seinen Wahrnehmungen heraus bestimmen zu können.

DIE WIRKLICHKEIT DER FREIHEIT.

IX.

DIE FAKTOREN DES LEBENS.

Rekapitulieren wir das in den vorangehenden Kapiteln Gewonnene. Die

Welt tritt dem Menschen als eine Vielheit gegenüber, als eine Summe

von Einzelheiten. Eine von diesen Einzelheiten, ein Ding unter Dingen,

ist er selbst. Diese Gestalt der Welt bezeichnen wir schlechthin

als gegeben, und insofern wir sie nicht durch bewußte Thätigkeit

entwickeln, sondern vorfinden, als Wahrnehmung. Innerhalb der Welt

der Wahrnehmungen nehmen wir uns selbst wahr. Diese Selbstwahrnehmung

bliebe einfach als eine unter den vielen anderen Wahrnehmungen stehen,

wenn nicht aus der Mitte dieser Selbstwahrnehmung etwas auftauchte,

das sich geeignet erweist die Wahrnehmungen überhaupt, also auch

die Summe aller anderen Wahrnehmungen mit der unseres Selbst, zu

verbinden. Dieses auftauchende Etwas ist nicht mehr bloße Wahrnehmung;

es wird auch nicht gleich den Wahrnehmungen einfach vorgefunden. Es

wird durch Thätigkeit hervorgebracht. Es erscheint zunächst an

das gebunden, was wir als unser Selbst wahrnehmen. Seiner inneren

Bedeutung nach greift es aber über das Selbst hinaus. Es fügt den

einzelnen Wahrnehmungen ideelle Bestimmtheiten bei, die sich aber

aufeinander beziehen, die in einem Ganzen gegründet sind. Das durch

Selbstwahrnehmung Gewonnene bestimmt es auf gleiche Weise ideell

wie alle andern Wahrnehmungen und stellt es als Subjekt oder "Ich"

den Objekten gegenüber. Dieses Etwas ist das Denken, und die ideellen

Bestimmtheiten sind die Begriffe und Ideen. Das Denken äußert sich

daher zunächst an der Wahrnehmung des Selbst; ist aber nicht bloß

subjektiv; denn das Selbst bezeichnet sich erst mit Hilfe des Denkens

als Subjekt. Diese gedankliche Beziehung auf sich selbst ist eine

Lebensbestimmung unserer Persönlichkeit. Durch sie führen wir ein rein

ideelles Dasein. Wir fühlen uns durch sie als denkende Wesen. Diese

Lebensbestimmung bliebe eine rein begriffliche (logische), wenn keine

anderen Bestimmungen unseres Selbst hinzuträten. Wir wären dann Wesen,

deren Leben sich in der Herstellung rein ideeller Beziehungen zwischen

den Wahrnehmungen untereinander und den letztern und uns selbst

erschöpfte. Nennt man die Herstellung eines solchen gedanklichen

Verhältnisses ein Erkennen, und den durch dieselbe gewonnenen Zustand

unseres Selbst Wissen, so müßten wir uns beim Eintreffen der obigen

Voraussetzung als bloß erkennende oder wissende Wesen ansehen.

Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung · 第 7 / 14 段