meinem Bewußtsein auf. Die Wahrnehmung erweist sich bei fortgehender
Betrachtung in Zusammenhang stehend mit anderen Wahrnehmungen,
z. B. einer bestimmten Figur, mit gewissen Temperatur- und
Tastwahrnehmungen. Diesen Zusammenhang bezeichne ich als einen
Gegenstand der Sinnenwelt. Ich kann mich nun fragen: was findet sich
außer dem angeführten noch in jenem Raumausschnitte, in dem mir
obige Wahrnehmungen erscheinen. Ich werde mechanische, chemische
und andere Vorgänge innerhalb des Raumteiles finden. Nun gehe ich
weiter und untersuche die Vorgänge, die ich auf dem Wege von dem
Gegenstande zu meinem Sinnesorgane finde. Ich werde Bewegungsvorgänge
in einem elastischen Mittel finden, die ihrer Wesenheit nach nicht
das Geringste mit den ursprünglichen Wahrnehmungen gemein haben. Das
gleiche Resultat erhalte ich, wenn ich die weitere Vermittelung vom
Sinnorgane zum Gehirn untersuche. Auf jedem dieser Gebiete mache ich
neue Wahrnehmungen; aber was als bindendes Mittel sich durch alle diese
räumlich und zeitlich auseinanderliegenden Wahrnehmungen hindurchwebt,
das ist das Denken. Die den Schall vermittelnden Schwingungen der Luft
sind mir gerade so als Wahrnehmungen gegeben wie der Schall selbst. Nur
das Denken gliedert alle diese Wahrnehmungen aneinander und zeigt sie
in ihren gegenseitigen Beziehungen. Wir können nicht davon sprechen,
daß es außer dem unmittelbar Wahrgenommenen noch anderes giebt,
als die ideellen (durch das Denken aufzudeckenden) Zusammenhänge
der Wahrnehmungen. Die über das bloß Wahrgenommene hinausgehende
Beziehung der Wahrnehmungsobjekte zum Wahrnehmungssubjekte ist also
eine bloß ideelle, d. h. nur durch Begriffe ausdrückbare. Nur in dem
Falle, wenn ich wahrnehmen könnte, wie das Wahrnehmungsobjekt das
Wahrnehmungssubjekt afficiert, oder umgekehrt, wenn ich den Aufbau
des Wahrnehmungsgebildes durch das Subjekt beobachten könnte, wäre
es möglich, so zu sprechen, wie es die moderne Physiologie und der
auf sie gebaute kritische Idealismus thun. Diese Ansicht verwechselt
einen ideellen Bezug (des Objekts auf das Subjekt) mit einem Prozeß,
von dem nur gesprochen werden könnte, wenn er wahrzunehmen wäre. Der
Satz "Keine Farbe ohne farbenempfindendes Auge" kann daher nicht
die Bedeutung haben, daß das Auge die Farbe hervorbringt, sondern
nur die, daß ein durch das Denken erkennbarer ideeller Zusammenhang
besteht zwischen der Wahrnehmung Farbe und der Wahrnehmung Auge. Die
empirische Wissenschaft wird festzustellen haben, wie sich die
Eigenschaften des Auges und die der Farben zu einander verhalten;
durch welche Einrichtungen das Sehorgan die Wahrnehmung der Farben
vermittelt u. s. w. Ich kann verfolgen, wie eine Wahrnehmung auf
die andere folgt, wie sie räumlich mit andern in Beziehung steht,
und dies dann in einen begrifflichen Ausdruck bringen; aber ich
kann nicht wahrnehmen, wie eine Wahrnehmung aus dem Unwahrnehmbaren
hervorgeht. Alle Bemühungen, zwischen den Wahrnehmungen andere als
Gedankenbezüge zu suchen, müssen notwendig scheitern.
Was ist also die Wahrnehmung? Diese Frage ist, im allgemeinen
gestellt, absurd. Die Wahrnehmung tritt immer als eine ganz bestimmte,
als konkreter Inhalt auf. Dieser Inhalt ist unmittelbar gegeben,
und erschöpft sich in dem Gegebenen. Man kann in Bezug auf dieses
Gegebene nur fragen, was es außerhalb der Wahrnehmung d. i. für das
Denken ist. Die Frage nach dem Was einer Wahrnehmung kann also nur
auf die begriffliche Intuition gehen, die ihr entspricht. Unter diesem
Gesichtspunkte kann die Frage nach der Subjektivität der Wahrnehmung
im Sinne des kritischen Idealismus gar nicht aufgeworfen werden. Als
subjektiv darf nur bezeichnet werden, was als zum Subjekte gehörig
wahrgenommen wird. Das Band zu bilden zwischen Subjektivem und
Objektivem kommt keinem, im naiven Sinn realen, Prozeß d. h. einem
wahrnehmbaren Geschehen zu, sondern allein dem Denken. Es ist also
für uns objektiv, was sich für die Wahrnehmung als außerhalb des
Wahrnehmungssubjektes gelegen darstellt. Mein Wahrnehmungssubjekt
bleibt für mich wahrnehmbar, wenn der Tisch, der soeben vor mir
steht, aus dem Kreise meiner Beobachtung verschwunden sein wird. Die
Beobachtung des Tisches hat eine, ebenfalls bleibende, Veränderung in
mir hervorgerufen. Ich behalte ein Bild des Tisches zurück, das nun mit
meinem Selbst verbunden ist. Die moderne Psychologie bezeichnet dieses
Bild als Erinnerungsvorstellung. Es ist aber dasjenige, was allein mit
Recht Vorstellung des Tisches genannt werden kann. Es ist nämlich die
wahrnehmbare Veränderung meines eigenen Zustandes durch die Anwesenheit
des Tisches in meinem Gesichtsfelde. Und zwar bedeutet sie nicht die
Veränderung irgend eines hinter dem Wahrnehmungssubjekte stehenden
"Ich an sich", sondern die Veränderung des wahrnehmbaren Subjektes
selbst. Die Vorstellung ist also eine subjektive Wahrnehmung im
Gegensatz zur objektiven Wahrnehmung bei Anwesenheit des Gegenstandes
im Wahrnehmungshorizonte. Das Zusammenwerfen jener subjektiven mit
dieser objektiven Wahrnehmung führt zu dem Mißverständnisse des
Idealismus: die Welt ist meine Vorstellung.
Es wird sich nun zunächst darum handeln, den Begriff der Vorstellung
näher zu bestimmen. Was wir bisher über sie vorgebracht haben, ist
nicht der Begriff derselben, sondern weist nur den Weg, wo sie im
Wahrnehmungsfelde zu finden ist. Der genaue Begriff der Vorstellung
wird es uns dann auch möglich machen, einen befriedigenden Aufschluß
über das Verhältnis von Vorstellung und Gegenstand zu gewinnen. Dies
wird uns dann auch über die Grenze führen, wo das Verhältnis zwischen
Subjekt und Objekt von dem rein begrifflichen Felde des Erkennens
hinabgeführt wird in das konkrete individuelle Leben. Wissen wir erst,
was wir von der Welt zu halten haben, dann wird es ein Leichtes sein,
auch uns darnach einzurichten. Wir können erst mit voller Kraft thätig
sein, wenn wir das Objekt kennen, dem wir unsere Thätigkeit widmen.
VII.
DIE MENSCHLICHE INDIVIDUALITÄT.
Die Hauptschwierigkeit bei der Erklärung der Vorstellungen wird von
den Philosophen in dem Umstande gefunden, daß wir die äußeren Dinge
nicht selbst sind, und unsere Vorstellungen doch eine den Dingen
entsprechende Gestalt haben sollen. Bei genauerem Zusehen stellt
sich aber heraus, daß diese Schwierigkeit gar nicht besteht. Die
äußeren Dinge sind wir allerdings nicht, aber wir gehören mit den
äußeren Dingen zu ein und derselben Welt. Der Ausschnitt aus der
Welt, den ich als mein Subjekt wahrnehme, wird von dem Strome des
allgemeinen Weltgeschehens durchzogen. Für mein Wahrnehmen bin ich
zunächst innerhalb der Grenzen meiner Leibeshaut eingeschlossen. Aber
was da drinnen steckt in dieser Leibeshaut, gehört zu dem Kosmos
als einem Ganzen. Damit also eine Beziehung bestehe zwischen meinem
Organismus und dem Gegenstande außer mir, ist es gar nicht nötig,
daß etwas von dem Gegenstande in mich hereinschlüpfe oder in meinen
Geist einen Eindruck mache, wie ein Siegelring in Wachs. Die Frage:
wie bekomme ich Kunde von dem Baume, der zehn Schritte von mir
entfernt steht, ist völlig schief gestellt. Sie entspringt aus der
Anschauung, daß meine Leibesgrenzen absolute Scheidewände seien,
durch die die Nachrichten von den Dingen in mich hereinwandern. Die
Kräfte, welche innerhalb meiner Leibeshaut wirken, sind die gleichen
wie die außerhalb bestehenden. Ich bin also wirklich die Dinge;
allerdings nicht Ich, insoferne ich Wahrnehmungssubjekt bin, aber
Ich, insofern ich ein Teil innerhalb des allgemeinen Weltgeschehens
bin. Die Wahrnehmung des Baumes liegt mit meinem Ich in demselben
Ganzen. Dieses allgemeine Weltgeschehen ruft in gleichem Maße dort
die Wahrnehmung des Baumes hervor, wie hier die Wahrnehmung meines
Ich. Wäre ich nicht Welterkenner, sondern Weltschöpfer, so entstünde
Objekt und Subjekt (Wahrnehmung und Ich) in einem Akte. Denn sie
bedingen einander gegenseitig. Als Welterkenner kann ich das Gemeinsame
der beiden als zusammengehöriger Wesenseiten nur durch Denken finden,
das durch Begriffe beide aufeinander bezieht.
Am schwierigsten aus dem Felde zu schlagen werden die sogenannten
physiologischen Beweise für die Subjektivität unserer Wahrnehmungen
sein. Wenn ich einen Druck auf die Haut meines Körpers ausführe,
so nehme ich ihn als Druckempfindung wahr. Denselben Druck kann ich
durch das Auge als Licht, durch das Ohr als Ton wahrnehmen. Einen
elektrischen Schlag nehme ich durch das Auge als Licht, durch das
Ohr als Schall, durch die Hautnerven als Stoß, durch das Geruchsorgan
als Phosphorgeruch wahr. Was folgt aus dieser Thatsache? Nur dieses:
Ich nehme einen elektrischen Schlag wahr (resp. einen Druck) und
darauf eine Lichtqualität, oder einen Ton, bezw. einen gewissen
Geruch u. s. w. Wenn kein Auge da wäre, so gesellte sich zu der
Wahrnehmung der mechanischen Erschütterung in der Umgebung keine
Lichtqualität, ohne die Anwesenheit eines Gehörorgans kein Ton
u. s. w. Mit welchem Rechte kann man sagen, ohne Wahrnehmungsorgane
wäre der ganze Vorgang nicht vorhanden? Wer von dem Umstande, daß
ein elektrischer Vorgang im Auge Licht hervorruft, zurückschließt:
also ist das, was wir als Licht empfinden, außer unserem Organismus
nur ein mechanischer Bewegungsvorgang, der vergißt, daß er nur von
einer Wahrnehmung auf die andere übergeht und durchaus nicht auf
etwas außerhalb der Wahrnehmung. Ebenso gut, wie man sagen kann:
das Auge nimmt einen mechanischen Bewegungsvorgang seiner Umgebung
als Licht wahr, ebensogut kann man behaupten: eine gesetzmäßige
Veränderung eines Gegenstandes wird von uns als Bewegungsvorgang
wahrgenommen. Wenn ich auf dem Umfang einer rotierenden Scheibe ein
Pferd zwölfmal male, und zwar genau in den Gestalten, die sein Körper
im fortgehenden Laufe annimmt, so kann ich durch Rotieren der Scheibe
den Schein der Bewegung hervorrufen. Ich brauche nur durch eine Öffnung
zu blicken und zwar so, daß ich in den entsprechenden Zwischenzeiten
die aufeinander folgenden Stellungen des Pferdes sehe. Ich sehe nicht
zwölf Pferdebilder, sondern das Bild eines dahineilenden Pferdes.
Die erwähnte physiologische Thatsache kann also kein Licht auf das
Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung werfen. Wir müssen uns
auf andere Weise zurechtfinden.
In dem Augenblicke, wo eine Wahrnehmung in meinem Beobachtungshorizonte
auftaucht, bethätigt sich durch mich auch das Denken. Ein Glied
in meinem Gedankensysteme, eine bestimmte Intuition, ein Begriff
verbindet sich mit der Wahrnehmung. Wenn dann die Wahrnehmung
aus meinem Gesichtskreise verschwindet: was bleibt zurück? Meine
Intuition mit der Beziehung auf die bestimmte Wahrnehmung, die sich
im Momente des Wahrnehmens gebildet hat. Mit welcher Lebhaftigkeit
ich dann später diese Beziehung mir wieder vergegenwärtigen kann,
das hängt von der Art ab, in der mein geistiger und körperlicher
Organismus funktioniert. Die Vorstellung ist nichts anderes als eine
auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein Begriff,
der einmal mit einer Wahrnehmung verknüpft war, und dem der Bezug
auf diese Wahrnehmung geblieben ist. Mein Begriff eines Löwen ist
nicht aus meinen Wahrnehmungen von Löwen gebildet. Wohl aber ist
meine Vorstellung vom Löwen an der Wahrnehmung gebildet. Ich kann
jemandem den Begriff eines Löwen beibringen, der nie einen Löwen
gesehen hat. Eine lebendige Vorstellung ihm beizubringen, wird mir
ohne sein eigenes Wahrnehmen nicht gelingen.
Die Vorstellung ist also nichts anderes als ein individualisierter
Begriff. Und nun ist es uns erklärlich, daß für uns die Dinge der
Wirklichkeit durch Vorstellungen repräsentiert werden können. Die
volle Wirklichkeit eines Dinges ergiebt sich uns im Augenblicke der
Beobachtung aus dem Zusammengehen von Begriff und Wahrnehmung. Der
Begriff erhält durch eine Wahrnehmung eine individuelle Gestalt,
einen Bezug zu dieser bestimmten Wahrnehmung. In dieser individuellen
Gestalt, die den Bezug auf die Wahrnehmung als eine Eigentümlichkeit
in sich trägt, lebt er in uns fort und bildet die Vorstellung des
betreffenden Dinges. Treffen wir auf ein zweites Ding, mit dem sich
derselbe Begriff verbindet, so erkennen wir es mit dem ersten als
zu derselben Art gehörig; treffen wir dasselbe Ding ein zweites Mal
wieder, so finden wir in unserem Begriffssysteme nicht nur überhaupt
einen entsprechenden Begriff, sondern den individualisierten Begriff
mit dem ihm eigentümlichen Bezug auf denselben Gegenstand, und wir
erkennen den Gegenstand wieder.
Die Vorstellung steht also zwischen Wahrnehmung und Begriff. Sie ist
der bestimmte, auf die Wahrnehmung deutende Begriff.
Die Summe meiner Vorstellungen kann ich meine Erfahrung
nennen. Derjenige Mensch wird die reichere Erfahrung haben, der
eine größere Zahl individualisierter Begriffe hat. Ein Mensch, dem
jedes Intuitionsvermögen fehlt, ist nicht geeignet, sich Erfahrung zu
erwerben. Er verliert die Gegenstände wieder aus seinem Gesichtskreise,
weil ihm die Begriffe fehlen, die er zu ihnen in Beziehung setzen
soll. Ein Mensch mit gut entwickeltem Denkvermögen, aber mit einem
infolge grober Sinneswerkzeuge schlecht funktionierenden Wahrnehmen,
wird ebensowenig Erfahrung sammeln können. Er kann sich zwar auf
irgend eine Weise Begriffe erwerben; aber seinen Intuitionen fehlt
der lebendige Bezug auf bestimmte Dinge. Der gedankenlose Reisende
und der in abstrakten Begriffssystemen lebende Gelehrte sind gleich
unfähig, sich eine reiche Erfahrung zu erwerben.
Als Wahrnehmung und Begriff stellt sich uns die Wirklichkeit; als
Vorstellung die subjektive Repräsentation dieser Wirklichkeit dar.
Wenn sich unsere Persönlichkeit bloß als erkennend äußerte, so wäre die
Summe alles Objektiven in Wahrnehmung, Begriff und Vorstellung gegeben.
Wir begnügen uns aber nicht damit, die Wahrnehmung mit Hilfe des
Denkens auf den Begriff zu beziehen, sondern wir beziehen sie auch
auf unsere besondere Subjektivität, auf unser individuelles Ich. Der
Ausdruck dieses individuellen Bezuges ist das Gefühl, das sich als
Lust oder Unlust auslebt.
Denken und Fühlen entsprechen der Doppelnatur unseres Wesens, der wir
schon gedacht haben. Das Denken ist das Element, durch das wir das
allgemeine Geschehen des Kosmos mitmachen; das Fühlen das, wodurch
wir uns in die Enge des eigenen Wesens zurückziehen.
Unser Denken verbindet uns mit der Welt; unser Fühlen führt uns in uns
selbst zurück, macht uns erst zum Individuum. Wären wir bloß denkende
und wahrnehmende Wesen, so müßte unser ganzes Leben in unterschiedloser
Gleichgültigkeit dahinfließen. Wenn wir uns bloß als Selbst erkennen
könnten, so wären wir uns vollständig gleichgültig. Erst dadurch, daß
wir mit der Selbsterkenntnis das Selbstgefühl, mit der Wahrnehmung der
Dinge Lust und Schmerz empfinden, leben wir als individuelle Wesen,
deren Dasein nicht mit dem Begriffsverhältnis erschöpft ist, in dem
sie zu der übrigen Welt stehen, sondern die noch einen besonderen
Wert für sich haben.
Man könnte versucht sein, in dem Gefühlsleben ein Element zu sehen,
das reicher mit Wirklichkeit gesättigt ist als das denkende Betrachten
der Welt. Darauf ist zu erwidern, daß das Gefühlsleben eben doch nur
für mein Individuum diese reichere Bedeutung hat. Für das Weltganze
kann mein Gefühlsleben nur einen Wert erhalten, wenn das Gefühl,
als Wahrnehmung an meinem Selbst, mit einem Begriffe in Verbindung
tritt und sich auf diesem Umwege dem Kosmos eingliedert.
Unser Leben ist ein fortwährendes Hin- und Herpendeln zwischen dem
Mitleben des allgemeinen Weltgeschehens und unserem individuellen
Sein. Je weiter wir hinaufsteigen in die allgemeine Natur des Denkens,
wo uns das Individuelle zuletzt nur mehr als Beispiel, als Exemplar des
Begriffes interessiert, desto mehr verliert sich in uns der Charakter
des besonderen Wesens, der ganz bestimmten einzelnen Persönlichkeit. Je
weiter wir herabsteigen in die Tiefen des Eigenlebens und unsere
Gefühle mitklingen lassen mit den Erfahrungen der Außenwelt, desto
mehr sondern wir uns ab von dem universellen Sein. Eine wahrhafte
Individualität wird derjenige sein, der am weitesten hinaufreicht mit
seinen Gefühlen in die Region des Ideellen. Es giebt Menschen, bei
denen auch die allgemeinsten Ideen, die in ihrem Kopfe sich festsetzen,
noch jene besondere Färbung tragen, die sie unverkennbar als mit ihrem
Träger im Zusammenhange zeigt. Andere existieren, deren Begriffe so
ohne jede Spur einer Eigentümlichkeit an uns herankommen, als wären
sie gar nicht aus einem Menschen entsprungen, der Fleisch und Blut hat.
Das Vorstellen giebt unserem Begriffsleben bereits ein individuelles
Gepräge. Jedermann hat ja einen eigenen Standort, von dem aus
er die Welt betrachtet. An seine Wahrnehmungen schließen sich
seine Begriffe an. Er wird auf seine besondere Art die allgemeinen
Begriffe denken. Diese besondere Bestimmtheit ist ein Ergebnis unseres
Standortes in der Welt, der an unseren Lebensplatz sich anschließenden
Wahrnehmungssphäre. Wir nennen die hiermit gekennzeichneten
Voraussetzungen des Individuellen das milieu.
Dieser Bestimmtheit steht entgegen eine andere, von unserer
besonderen Organisation abhängige. Unsere Organisation ist ja
eine spezielle, vollbestimmte Einzelheit. Wir verbinden jeder
besondere Gefühle und zwar in den verschiedensten Stärkegraden
mit unseren Wahrnehmungen. Dies ist das Individuelle unserer
Eigenpersönlichkeit. Es bleibt als Rest zurück, wenn wir die
Bestimmtheiten des milieu alle in Rechnung gebracht haben.
Ein völlig gedankenleeres Gefühlsleben müßte allmählich allen
Zusammenhang mit der Welt verlieren. Die Erkenntnis der Dinge wird
bei dem auf Totalität angelegten Menschen Hand in Hand gehen mit der
Ausbildung und Entwicklung des Gefühlslebens.
Das Gefühl ist das Mittel, wodurch die Begriffe zunächst konkretes
Leben gewinnen.
VIII.
GIEBT ES GRENZEN DES ERKENNENS?
Wir haben festgestellt, daß die Elemente zur Erklärung der Wirklichkeit
den beiden Sphären: dem Wahrnehmen und dem Denken zu entnehmen
sind. Unsere Organisation bedingt es, wie wir gesehen haben, daß
uns die volle, totale Wirklichkeit, einschließlich unseres eigenen
Subjektes, zunächst als Zweiheit erscheint. Das Erkennen überwindet
diese Zweiheit, indem es aus den beiden Elementen der Wirklichkeit:
der Wahrnehmung und dem Begriff das ganze Ding zusammenfügt. Nennen
wir die Weise, in der uns die Welt entgegentritt, bevor sie
durch das Erkennen ihre rechte Gestalt gewonnen hat, die Welt der
Erscheinung im Gegensatz zu der aus Wahrnehmung und Begriff einheitlich
zusammengesetzten Wesenheit. Dann können wir sagen: die Welt ist uns
als Zweiheit (dualistisch) gegeben, und das Erkennen verarbeitet
sie zur Einheit (monistisch). Eine Philosophie, welche von diesem
Grundprinzip ausgeht, kann als monistische Philosophie oder Monismus
bezeichnet werden. Ihr steht gegenüber die Zweiweltentheorie oder
der Dualismus. Der letztere nimmt nicht etwa zwei bloß durch unsere
Organisation auseinandergehaltene Seiten der einheitlichen Wirklichkeit
an, sondern zwei von einander absolut verschiedene Welten. Er sucht
dann Erklärungsprinzipien für die eine Welt in der andern.
Der Dualismus beruht auf einer falschen Auffassung dessen, was
wir Erkenntnis nennen. Er trennt das gesamte Sein in zwei Gebiete,
von denen jedes seine eigenen Gesetze hat, und läßt diese Gebiete
einander äußerlich gegenüberstehen.
Einem solchen Dualismus entspringt die durch Kant in die Wissenschaft
eingeführte und bis heute nicht wieder herausgebrachte Unterscheidung
von Wahrnehmungsobjekt und Ding an sich. Unseren Ausführungen
gemäß liegt es in der Natur unserer geistigen Organisation, daß
ein besonderes Ding nur als Wahrnehmung gegeben sein kann. Das
Denken überwindet dann die Besonderung, indem es jeder Wahrnehmung
ihre gesetzmäßige Stelle im Weltganzen anweist. So lange die
gesonderten Teile des Weltganzen als Wahrnehmungen bestimmt werden,
folgen wir einfach in der Aussonderung einem Gesetze unserer
Subjektivität. Betrachten wir aber die Summe aller Wahrnehmungen als
den Einen Teil und stellen diesem dann einen zweiten in den "Dingen an
sich" gegenüber, so philosophieren wir ins Blaue hinein. Wir haben es
dann mit einem bloßen Begriffsspiel zu thun. Wir konstruieren einen
künstlichen Gegensatz, können aber für das zweite Glied desselben
keinen Inhalt gewinnen, denn ein solcher kann für ein besonderes Ding
nur aus der Wahrnehmung geschöpft werden.
Jede Art des Seins, das außerhalb des Gebietes von Wahrnehmung
und Begriff angenommen wird, ist in die Sphäre der unberechtigten
Hypothesen zu verweisen. In diese Kategorie gehört das "Ding an
sich". Es ist nur ganz natürlich, daß der dualistische Denker
den Zusammenhang des hypothetisch angenommenen Weltprinzipes
und des erfahrungsmäßig Gegebenen nicht finden kann. Für das
hypothetische Weltprincip läßt sich nur ein Inhalt gewinnen,
wenn man ihn aus der Erfahrungswelt entlehnt und sich über diese
Thatsache hinwegtäuscht. Sonst bleibt es ein inhaltsleerer Begriff,
ein Unbegriff, der nur die Form des Begriffes hat. Der dualistische
Denker behauptet dann gewöhnlich: der Inhalt dieses Begriffes sei
unserer Erkenntnis unzugänglich; wir könnten nur wissen, daß ein
solcher Inhalt vorhanden ist, nicht was vorhanden ist. In beiden
Fällen ist die Überwindung des Dualismus unmöglich. Bringt man ein paar
abstrakte Elemente der Erfahrungswelt in den Begriff des Dinges an sich
hinein, dann bleibt es doch unmöglich, das reiche konkrete Leben der
Erfahrung auf ein paar Eigenschaften zurückzuführen, die selbst nur
aus dieser Wahrnehmung entnommen sind. Du Bois-Reymond stellt fest,
daß die unwahrnehmbaren Atome der Materie durch ihre Lage und Bewegung
Empfindung und Gefühl erzeugen, um dann zu dem Schlusse zu kommen:
wir können niemals zu einer befriedigenden Erklärung darüber kommen,
wie Materie und Bewegung Empfindung und Gefühl erzeugen, denn "es ist
eben durchaus und für immer unbegreiflich, daß es einer Anzahl von
Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff- u. s. w. Atomen nicht sollte
gleichgiltig sein, wie sie liegen und sich bewegen, wie sie lagen
und sich bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden. Es ist
in keiner Weise einzusehen, wie aus ihrem Zusammenwirken Bewußtsein
entstehen könne". Diese Schlußfolgerung ist charakteristisch für
die ganze Denkrichtung. Aus der reichen Welt der Wahrnehmungen wird
abgesondert: Lage und Bewegung. Diese werden auf die erdachte Welt
der Atome übertragen. Dann tritt die Verwunderung darüber ein, daß
man aus diesem selbstgemachten und aus der Wahrnehmungswelt entlehnten
Prinzip das konkrete Leben nicht herauswickeln kann.
Daß der Dualist, der mit einem vollständig inhaltleeren Begriff vom
Ansich arbeitet, zu keiner Welterklärung kommen kann, folgt schon
aus der, oben angegebenen, Definition seines Prinzipes.
In jedem Falle sieht sich der Dualist gezwungen, unserem
Erkenntnisvermögen unübersteigliche Schranken zu setzen. Der Anhänger
einer monistischen Weltanschauung weiß, daß alles, was er zur Erklärung
einer ihm gegebenen Erscheinung der Welt braucht, im Bereiche der
letztern liegen müsse. Was ihn hindert, dazu zu gelangen, können
nur zufällige zeitliche oder räumliche Schranken oder Mängel seiner
Organisation sein. Und zwar nicht der menschlichen Organisation im
allgemeinen, sondern nur seiner besonderen individuellen.
Es folgt aus dem Begriffe des Erkennens, wie wir ihn bestimmt haben,
daß von Erkenntnisgrenzen nicht gesprochen werden kann. Das Erkennen
ist keine allgemeine Weltangelegenheit, sondern ein Geschäft, das
der Mensch mit sich selbst abzumachen hat. Die Dinge verlangen
keine Erklärung. Sie existieren und wirken aufeinander nach den
Gesetzen, die durch das Denken auffindbar sind. Sie existieren in
unzertrennlicher Einheit mit diesen Gesetzen. Da tritt ihnen unsere
Ichheit gegenüber und erfaßt von ihnen zunächst nur das, was wir
als Wahrnehmung bezeichnet haben. Aber in dem Innern dieser Ichheit
findet sich die Kraft, um auch den andern Teil der Wirklichkeit zu
finden. Erst wenn die Ichheit die beiden Elemente der Wirklichkeit,
die in der Welt unzertrennlich verbunden sind, auch für sich vereinigt
hat, dann ist die Erkenntnisbefriedigung eingetreten: das Ich ist
wieder bei der Wirklichkeit angelangt.
Die Vorbedingungen zum Entstehen des Erkennens sind also durch und
für das Ich. Das letztere giebt sich selbst die Fragen des Erkennens
auf. Und zwar entnimmt es sie aus dem in sich vollständig klaren
und durchsichtigen Elemente des Denkens. Stellen wir uns Fragen,
die wir nicht beantworten können, so kann der Inhalt der Frage nicht
in allen seinen Teilen klar und deutlich sein. Nicht die Welt stellt
an uns die Fragen, sondern wir selbst stellen sie.
Ich kann mir denken, daß mir jede Möglichkeit fehlt, eine Frage zu
beantworten, die ich irgendwo aufgeschrieben finde, ohne daß ich die
Sphäre kenne, aus der der Inhalt der Frage genommen ist.
Bei unserer Erkenntnis handelt es sich um Fragen, die uns dadurch
aufgegeben werden, daß einer durch Ort, Zeit und subjektive
Organisation bedingten Wahrnehmungssphäre eine auf die Allheit der
Welt gehende Begriffssphäre gegenübersteht. Meine Aufgabe besteht
in dem Ausgleich dieser beiden mir wohlbekannten Sphären. Von einer
Grenze der Erkenntnis kann da nicht gesprochen werden. Es kann zu
irgend einer Zeit dieses oder jenes unaufgeklärt bleiben, weil wir
durch zufällige Umstände verhindert sind, die Dinge wahrzunehmen, die
dabei im Spiele sind. Was aber heute nicht gefunden ist, kann es morgen
werden. Die hierdurch bedingten Schranken sind nur zufällige, die mit
dem Fortschreiten von Wahrnehmung und Denken überwunden werden müssen.