Eine Hauptfrage für den Bekenner des transcendentalen Realismus

müßte sein: wie bringt das Ich aus sich selbst die Vorstellungswelt

zustande? Für eine uns gegebene Welt von Vorstellungen, die

verschwindet, sobald wir unsere Sinne der Außenwelt verschließen,

kann ein ernstes Erkenntnisstreben sich insofern erwärmen, als

sie das Mittel ist, die Welt des an sich seienden Ich mittelbar zu

erforschen. Wenn die Dinge unserer Erfahrung Vorstellungen wären,

dann gliche unser alltägliches Leben einem Traume und die Erkenntnis

des wahren Thatbestandes dem Erwachen. Auch unsere Traumbilder

interessieren uns so lange, als wir träumen, folglich die Traumnatur

nicht durchschauen. In dem Augenblicke des Erwachens fragen wir nicht

mehr nach dem inneren Zusammenhange unserer Traumbilder, sondern nach

den physikalischen, physiologischen und psychologischen Vorgängen,

die ihnen zum Grunde liegen. Ebensowenig kann sich der Philosoph,

der die Welt für seine Vorstellung hält, für den inneren Zusammenhang

der Einzelheiten in derselben interessieren. Falls er überhaupt

ein seiendes Ich gelten läßt, dann wird er nicht fragen, wie hängt

eine meiner Vorstellungen mit einer anderen zusammen, sondern was

geht in der von ihm unabhängigen Seele vor, während sein Bewußtsein

einen bestimmten Vorstellungsablauf enthält. Wenn ich träume, daß ich

Wein trinke, der mir ein Brennen im Kehlkopf verursache und dann mit

Hustenreiz aufwache (vgl. Weygandt, Entstehung der Träume, 1893), so

hört im Augenblicke des Erwachens die Traumhandlung auf, für mich ein

Interesse zu haben. Mein Augenmerk ist nur noch auf die physiologischen

und psychologischen Prozesse gerichtet, durch die der Hustenreiz

sich symbolisch in dem Traumbilde zum Ausdruck bringt. In ähnlicher

Weise muß der Philosoph, sobald er von dem Vorstellungscharakter der

gegebenen Welt überzeugt ist, von dieser sofort auf die dahinter

steckende wirkliche Seele überspringen. Schlimmer steht die Sache

allerdings, wenn der Illusionismus das Ich an sich hinter den

Vorstellungen ganz leugnet, oder es wenigstens für unerkennbar

hält. Zu einer solchen Ansicht kann sehr leicht die Erwägung führen,

daß es dem Träumen gegenüber zwar den Zustand des Wachens giebt,

in dem wir Gelegenheit haben, die Träume zu durchschauen und auf

reale Verhältnisse zu beziehen, daß wir aber keinen zu dem wachen

Bewußtseinsleben in einem ähnlichen Verhältnisse stehenden Zustand

haben. Wer zu dieser Ansicht sich bekennt, dem geht die Einsicht ab,

daß es etwas giebt, das sich in der That zum bloßen Wahrnehmen verhält

wie das Erfahren im wachen Zustande zum Träumen. Dieses Etwas ist

das Denken.

Dem naiven Menschen kann derselbe Mangel nicht angerechnet werden. Er

giebt sich dem Leben hin und hält die Dinge so für wirklich, wie

sie sich ihm in der Erfahrung darbieten. Der erste Schritt aber, der

über diesen Standpunkt hinaus unternommen wird, kann nur in der Frage

bestehen: wie verhält sich das Denken zur Wahrnehmung? Ganz einerlei:

ob die Wahrnehmung in der mir gegebenen Gestalt vor und nach meinem

Vorstellen weiterbesteht oder nicht: wenn ich irgend etwas über sie

aussagen will, so kann es nur mit Hilfe des Denkens geschehen. Wenn

ich sage: die Welt ist meine Vorstellung, so habe ich das Ergebnis

eines Denkprozesses ausgesprochen, und wenn mein Denken auf die Welt

nicht anwendbar ist, so ist dieses Ergebnis ein Irrtum. Zwischen die

Wahrnehmung und jede Art von Aussage über dieselbe schiebt sich das

Denken ein.

Den Grund, warum das Denken bei der Betrachtung der Dinge zumeist

übersehen wird, haben wir bereits angegeben (vergl. S. 38 f.). Er liegt

in dem Umstande, daß wir nur auf den Gegenstand, über den wir denken,

nicht aber zugleich auf das Denken unsere Aufmerksamkeit richten. Das

naive Bewußtsein behandelt daher das Denken wie etwas, das mit den

Dingen nichts zu thun hat, sondern ganz abseits von denselben steht

und seine Betrachtungen über die Welt anstellt. Das Bild, das der

Denker von den Erscheinungen der Welt entwirft, gilt nicht als etwas,

was zu den Dingen gehört, sondern als ein nur im Kopfe des Menschen

existierendes; die Welt ist auch fertig ohne dieses Bild. Die Welt

ist fix und fertig in allen ihren Substanzen und Kräften; und von

dieser fertigen Welt entwirft der Mensch ein Bild. Die so denken,

muß man nur fragen: mit welchem Rechte erklärt ihr die Welt für

fertig, ohne das Denken? Bringt nicht mit der gleichen Notwendigkeit

die Welt das Denken im Kopfe des Menschen hervor, wie die Blüte an

der Pflanze? Pflanzet ein Samenkorn in den Boden. Es treibt Wurzel

und Stengel. Es entfaltet sich zu Blättern und Blüten. Stellet die

Pflanze euch selbst gegenüber. Sie verbindet sich in eurer Seele mit

einem bestimmten Begriffe. Warum gehört dieser Begriff weniger zur

ganzen Pflanze als Blatt und Blüte? Ihr saget: die Blätter und Blüten

sind ohne ein wahrnehmendes Subjekt da; der Begriff erscheint erst,

wenn sich der Mensch der Pflanze gegenüberstellt. Ganz wohl. Aber

auch Blüten und Blätter entstehen an der Pflanze nur, wenn Erde da

ist, in die der Keim gelegt werden kann, wenn Licht und Luft da sind,

in denen sich Blätter und Blüten entfalten können. Gerade so entsteht

der Begriff der Pflanze, wenn ein denkendes Bewußtsein an die Pflanze

herantritt.

Es ist ganz willkürlich, die Summe dessen, was wir von einem Dinge

durch die bloße Wahrnehmung erfahren, für eine Totalität, für ein

Ganzes zu halten und dasjenige, was sich durch die denkende Betrachtung

ergiebt, als ein solches Hinzugekommenes, das mit der Sache selbst

nichts zu thun hat. Wenn ich heute eine Rosenknospe erhalte, so

ist das Bild, das sich meiner Wahrnehmung darbietet, nur zunächst

ein abgeschlossenes. Wenn ich die Knospe in Wasser setze, so werde

ich morgen ein ganz anderes Bild meines Objektes erhalten. Wenn

ich mein Auge von der Rosenknospe nicht abwende, so sehe ich den

heutigen Zustand in den morgigen durch unzählige Zwischenstufen

kontinuierlich übergehen. Das Bild, das sich mir in einem bestimmten

Augenblicke darbietet, ist nur ein zufälliger Ausschnitt aus dem in

einem fortwährenden Werden begriffenen Gegenstande. Setze ich die

Knospe nicht in Wasser, so bringt sie eine ganze Reihe von Zuständen

nicht zur Entwickelung, die der Möglichkeit nach in ihr lagen. Ebenso

kann ich morgen verhindert sein, die Blüte weiter zu beobachten und

dadurch ein unvollständiges Bild haben.

Es wäre eine ganz unsachliche, an Zufälligkeiten sich heftende Meinung,

die von dem in einer gewissen Zeit sich darbietenden Bilde erklärte:

das ist die Sache.

Ebensowenig ist es statthaft, die Summe der Wahrnehmungsmerkmale

für die Sache zu erklären. Es wäre sehr wohl möglich, daß ein Geist

zugleich und ungetrennt von der Wahrnehmung den Begriff mitempfangen

könnte. Ein solcher Geist würde gar nicht auf den Einfall kommen, den

Begriff als etwas nicht zur Sache Gehöriges zu betrachten. Er müßte

ihm ein mit der Sache unzertrennlich verbundenes Dasein zuschreiben.

Ich will mich noch durch ein Beispiel deutlicher machen. Wenn ich einen

Stein in horizontaler Richtung durch die Luft werfe, so sehe ich ihn

nacheinander an verschiedenen Orten. Ich verbinde diese Orte zu einer

Linie. In der Mathematik lerne ich verschiedene Linienformen kennen,

darunter auch die Parabel. Ich kenne die Parabel als eine Linie,

die entsteht, wenn sich ein Punkt in einer gewissen gesetzmäßigen

Art bewegt. Wenn ich die Bedingungen untersuche, unter denen sich der

geworfene Stein bewegt, so finde ich, daß die Linie seiner Bewegung mit

der identisch ist, die ich als Parabel kenne. Daß sich der Stein gerade

in einer Parabel bewegt, das ist eine Folge der gegebenen Bedingungen

und folgt mit Notwendigkeit aus diesen. Die Form der Parabel gehört

zur ganzen Erscheinung, wie alles andere, was an derselben in Betracht

kommt. Dem oben beschriebenen Geist, der nicht den Umweg des Denkens

nehmen müßte, wäre nicht nur eine Summe von Gesichtsempfindungen an

verschiedenen Orten gegeben, sondern ungetrennt von der Erscheinung

auch die parabolische Form der Wurflinie, die wir erst durch Denken

zu der Erscheinung hinzufügen.

Nicht an den Gegenständen liegt es, daß sie uns zunächst ohne die

entsprechenden Begriffe gegeben werden, sondern an unserer geistigen

Organisation. Unsere totale Wesenheit funktioniert in der Weise,

daß ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei Seiten her die

Elemente zufließen, die für die Sache in Betracht kommen: von seiten

des Wahrnehmens und des Denkens.

Es hat mit der Natur der Dinge nichts zu thun, wie ich organisiert

bin, sie zu erfassen. Der Schnitt zwischen Wahrnehmen und Denken

ist erst in dem Augenblicke vorhanden, wo ich, der Betrachtende,

den Dingen gegenübertrete. Welche Elemente dem Dinge angehören und

welche nicht, kann aber durchaus nicht davon abhängen, auf welche

Weise ich zur Kenntnis dieser Elemente gelange.

Der Mensch ist ein eingeschränktes Wesen. Zunächst ist er ein

Ding unter anderen Dingen. Sein Dasein gehört dem Raum und der

Zeit an. Dadurch kann ihm auch immer nur ein beschränkter Teil

des gesamten Universums gegeben sein. Dieser beschränkte Teil

schließt sich aber ringsherum sowohl zeitlich wie räumlich an

anderes an. Wäre unser Dasein so mit den Dingen verknüpft, daß

jedes Weltgeschehen zugleich unser Geschehen wäre, dann gäbe

es den Unterschied zwischen uns und den Dingen nicht. Dann aber

gäbe es für uns auch keine Einzeldinge. Da ginge alles Geschehen

kontinuierlich ineinander über. Der Kosmos wäre eine Einheit und

eine in sich beschlossene Ganzheit. Der Strom des Geschehens hätte

nirgends eine Unterbrechung. Wegen unserer Beschränkung erscheint uns

als Einzelheit, was in Wahrheit nicht Einzelheit ist. Nirgends ist

z. B. die Einzelqualität des Rot abgesondert für sich vorhanden. Sie

ist allseitig von anderen Qualitäten umgeben, zu denen sie gehört,

und ohne die sie nicht bestehen könnte. Für uns aber ist es eine

Notwendigkeit, gewisse Ausschnitte aus der Welt herauszuheben,

und sie für sich zu betrachten. Unser Auge kann nur einzelne Farben

nacheinander aus einem vielgliedrigen Farbenganzen, unser Verstand

nur einzelne Begriffe aus einem zusammenhängenden Begriffssysteme

erfassen. Diese Absonderung ist ein subjektiver Akt, bedingt durch

den Umstand, daß wir nicht identisch sind mit dem Weltprozeß, sondern

ein Ding unter anderen Dingen.

Es kommt nun alles darauf an, die Stellung des Dinges, das wir

selbst sind, zu den anderen Dingen zu bestimmen. Diese Bestimmung

muß unterschieden werden von dem bloßen Bewußtwerden unseres

Selbst. Das letztere beruht auf dem Wahrnehmen wie das Bewußtwerden

jedes anderen Dinges. Die Selbstwahrnehmung zeigt mir eine Summe von

Eigenschaften, die ich ebenso zu dem Ganzen meiner Persönlichkeit

zusammenfasse, wie ich die Eigenschaften: gelb, metallglänzend, hart

u. s. w. zu der Einheit "Gold" zusammenfasse. Die Selbstwahrnehmung

führt mich nicht aus dem Bereiche dessen hinaus, was zu mir

gehört. Dieses Selbstwahrnehmen ist zu unterscheiden von dem denkenden

Selbstbestimmen. Wie ich eine einzelne Wahrnehmung der Außenwelt durch

das Denken eingliedere in den Zusammenhang der Welt, so gliedere ich

die an mir selbst gemachten Wahrnehmungen in den Weltprozeß durch das

Denken ein. Mein Selbstwahrnehmen schließt mich innerhalb bestimmter

Grenzen ein; mein Denken hat nichts zu thun mit diesen Grenzen. In

diesem Sinne bin ich ein Doppelwesen. Ich bin eingeschlossen in

das Gebiet, das ich als das meiner Persönlichkeit wahrnehme, aber

ich bin Träger einer Thätigkeit, die von einer höheren Sphäre aus

mein begrenztes Dasein bestimmt. Unser Denken ist nicht individuell

wie unser Empfinden und Fühlen. Es ist universell. Es erhält ein

individuelles Gepräge in jedem einzelnen Menschen nur dadurch, daß es

auf sein individuelles Fühlen und Empfinden bezogen ist. Durch diese

besonderen Färbungen des universellen Denkens unterscheiden sich die

einzelnen Menschen voneinander. Ein Dreieck hat nur einen einzigen

Begriff. Für den Inhalt dieses Begriffes ist es gleichgiltig, ob ihn

das menschliche Bewußtsein A oder B faßt. Er wird aber von jedem der

zwei Bewußtseine in individueller Weise erfaßt werden.

Diesem Gedanken steht ein schwer zu überwindendes Vorurteil der

Menschen gegenüber. Die Befangenheit kommt nicht bis zu der Einsicht,

daß der Begriff des Dreieckes, den mein Kopf erfaßt, derselbe ist,

wie der durch den Kopf meines Nebenmenschen ergriffene. Der naive

Mensch hält sich für den Bildner seiner Begriffe. Er glaubt deshalb,

jede Person hat ihre eigenen Begriffe. Es ist eine Grundforderung

des philosophischen Denkens, dieses Vorurteil zu überwinden. Der

Eine einheitliche Begriff des Dreiecks wird nicht dadurch zu einer

Vielheit, daß von vielen gedacht wird. Denn das Denken der vielen

selbst ist eine Einheit.

In dem Denken haben wir das Element gegeben, das unsere besondere

Individualität mit dem Kosmos zu einem Ganzen zusammenschließt. Indem

wir empfinden und fühlen (wahrnehmen), sind wir einzelne, indem wir

denken, sind wir das All-Eine Wesen, das alles durchdringt. Dies

ist der tiefere Grund unserer Doppelnatur: Wir sehen in uns eine

schlechthin absolute Kraft zum Dasein kommen, eine Kraft, die

universell ist, aber wir lernen sie nicht bei ihrem Ausströmen aus dem

Centrum der Welt kennen, sondern in einem Punkte der Peripherie. Wäre

das erstere der Fall, dann wüßten wir in dem Augenblicke, in dem wir

zum Bewußtsein kommen, das ganze Welträtsel. Da wir aber in einem

Punkte der Peripherie stehen und unser eigenes Dasein in bestimmte

Grenzen eingeschlossen finden, müssen wir das außerhalb unseres eigenen

Wesens gelegene Gebiet mit Hilfe des aus dem allgemeinen Weltensein

in uns hereinragenden Denkens kennen lernen.

Dadurch, daß das Denken in uns übergreift über unser Sondersein und

auf das allgemeine Weltensein sich bezieht, entsteht in uns der Trieb

der Erkenntnis. Wesen ohne Denken haben diesen Trieb nicht. Wenn sich

ihnen andere Dinge gegenüberstellen, so sind dadurch keine Fragen

gegeben. Diese anderen Dinge bleiben solchen Wesen äußerlich. Bei

denkenden Wesen stößt dem Außendinge gegenüber der Begriff auf. Er

ist dasjenige, was wir von dem Dinge nicht von außen, sondern von

innen empfangen. Den Ausgleich, die Vereinigung der beiden Elemente,

des inneren und des äußeren, soll die Erkenntnis liefern.

Die Wahrnehmung ist also nichts Fertiges, Abgeschlossenes, sondern

die eine Seite der totalen Wirklichkeit. Die andere Seite ist der

Begriff. Der Erkenntnisakt ist die Synthese von Wahrnehmung und

Begriff. Wahrnehmung und Begriff eines Dinges machen aber erst das

ganze Ding aus.

Die vorangehenden Ausführungen liefern den Beweis, daß es ein Unding

ist, etwas anderes Gemeinsames in den Einzelwesen der Welt zu suchen,

als den ideellen Inhalt, den uns das Denken darbietet. Alle Versuche

müssen scheitern, die nach einer anderen Welteinheit streben als

nach diesem in sich zusammenhängenden ideellen Inhalt, welchen wir

uns durch denkende Betrachtung unserer Wahrnehmungen erwerben. Nicht

ein persönlicher Gott, nicht Kraft oder Stoff, noch der ideenlose

Wille (Schopenhauers und Hartmanns) können uns als eine universelle

Welteinheit gelten. Diese Wesenheiten gehören sämtlich nur einem

beschränkten Gebiet unserer Beobachtung an. Persönlichkeit nehmen

wir nur an uns, Kraft und Stoff an den Außendingen wahr. Was den

Willen betrifft, so kann er nur als die Thätigkeitsäußerung unserer

beschränkten Persönlichkeit gelten. Schopenhauer will es vermeiden, das

"abstrakte" Denken zum Träger der Welteinheit zu machen und sucht statt

dessen etwas, das sich ihm unmittelbar als ein Reales darbietet. Dieser

Philosoph glaubt, daß wir der Welt nimmermehr beikommen, wenn wir sie

als Außenwelt ansehen. "In der That würde die nachgeforschte Bedeutung

der mir lediglich als meine Vorstellung gegenüberstehenden Welt,

oder der Übergang von ihr, als bloße Vorstellung des erkennenden

Subjekts, zu dem, was sie noch außerdem sein mag, nimmermehr zu

finden sein, wenn der Forscher selbst nichts weiter als das rein

erkennende Subjekt (geflügelter Engelskopf ohne Leib) wäre. Nun

aber wurzelt er selbst in jener Welt, findet sich nämlich in ihr

als Individuum, d. h. sein Erkennen, welches der bedingende Träger

der ganzen Welt als Vorstellung ist, ist demnach durchaus vermittelt

durch einen Leib, dessen Affektionen, wie gezeigt, dem Verstande der

Ausgangspunkt der Anschauung jener Welt sind. Dieser Leib ist dem rein

erkennenden Subjekt als solchen eine Vorstellung wie jede andere,

ein Objekt unter Objekten: die Bewegungen, die Aktionen desselben

sind ihm insoweit nicht anders als wie die Veränderungen aller

anderen anschaulichen Objekte bekannt, und wären ihm ebenso fremd

und unverständlich, wenn die Bedeutung derselben ihm nicht etwa auf

eine ganz andere Art enträtselt wäre...... Dem Subjekt des Erkennens,

welches durch seine Identität mit dem Leibe als Individuum auftritt,

ist dieser Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben: einmal als

Vorstellung in verständiger Anschauung, als Objekt unter Objekten,

und den Gesetzen dieser unterworfen; sodann aber auch zugleich auf

eine ganz andere Weise, nämlich als jenes jedem unmittelbar bekannte,

welches das Wort Wille bezeichnet. Jeder wahre Akt seines Willens ist

sofort und unausbleiblich auch eine Bewegung seines Leibes: er kann

den Akt nicht wirklich wollen, ohne zugleich wahrzunehmen, daß er

als Bewegung des Leibes erscheint. Der Willensakt und die Aktion des

Leibes sind nicht zwei objektiv erkannte verschiedene Zustände, die das

Band der Kausalität verknüpft, stehen nicht im Verhältnis von Ursache

und Wirkung; sondern sind eins und dasselbe, nur auf zwei gänzlich

verschiedene Weisen gegeben: einmal ganz unmittelbar und einmal in

der Anschauung für den Verstand." Durch diese Auseinandersetzungen

glaubt sich Schopenhauer berechtigt, in dem Leibe des Menschen die

"Objektität" des Willens zu finden. Er ist der Meinung, in den

Aktionen des Leibes unmittelbar eine Realität, das Ding an sich in

concreto zu fühlen. Gegen diese Ausführungen muß eingewendet werden,

daß uns die Aktionen unseres Leibes nur durch Selbstwahrnehmungen

zum Bewußtsein kommen und als solche nichts voraus haben vor anderen

Wahrnehmungen. Wenn wir ihre Wesenheit erkennen wollen, so können

wir dies nur durch denkende Betrachtung, d. h. durch Eingliederung

derselben in das ideelle System unserer Begriffe und Ideen.

Am tiefsten eingewurzelt in das naive Menschheitsbewußtsein ist die

Meinung: das Denken sei abstrakt, ohne allen konkreten Inhalt. Es könne

höchstens ein "ideelles" Gegenbild der Welteinheit liefern, nicht etwa

diese selbst. Wer so urteilt, hat sich niemals klar gemacht, was die

Wahrnehmung ohne den Begriff ist. Sehen wir uns nur diese Welt der

Wahrnehmung an: Ein bloßes Nebeneinander im Raum und Nacheinander in

der Zeit, ein Aggregat zusammenhangloser Einzelheiten ist sie. Keines

der Dinge, die da auftreten und abgehen auf der Wahrnehmungsbühne,

hat mit dem andern etwas zu thun. Die Welt ist eine Mannigfaltigkeit

von gleichwertigen Gegenständen. Keiner spielt eine größere Rolle

als der andere im Getriebe der Welt. Soll uns klar werden, daß diese

oder jene Thatsache größere Bedeutung hat als die andere, so müssen

wir unser Denken befragen. Ohne das funktionierende Denken erscheint

uns das rudimentäre Organ des Tieres, das ohne Bedeutung für dessen

Leben ist, gleichwertig mit dem wichtigsten Körpergliede. Die einzelnen

Thatsachen treten in ihrer Bedeutung in sich und für die übrigen Teile

der Welt erst hervor, wenn das Denken seine Fäden zieht von Wesen zu

Wesen. Diese Thätigkeit des Denkens ist eine inhaltvolle. Denn nur

durch einen ganz bestimmten konkreten Inhalt kann ich wissen, warum

die Schnecke auf einer niedrigeren Organisationsstufe steht als der

Löwe. Der bloße Anblick, die Wahrnehmung giebt mir keinen Inhalt,

der mich über die Vollkommenheit der Organisation belehren könnte.

Diesen Inhalt bringt das Denken der Wahrnehmung aus der

Begriffs- und Ideenwelt des Menschen entgegen. Im Gegensatz zum

Wahrnehmungsinhalte, der uns von außen gegeben ist, erscheint der

Gedankeninhalt im Innern. Die Form, in der er zunächst auftritt,

wollen wir als Intuition bezeichnen. Sie ist für das des Denkens, was

die Beobachtung für die Wahrnehmung ist. Intuition und Beobachtung

sind die Quellen unserer Erkenntnis. Wir stehen einem beobachteten

Dinge der Welt so lange fremd gegenüber, so lange wir in unserem

Innern nicht die entsprechende Intuition haben, die uns das in der

Wahrnehmung fehlende Stück der Wirklichkeit ergänzt. Wer nicht die

Fähigkeit hat, die den Dingen entsprechenden Intuitionen zu finden,

dem bleibt die volle Wirklichkeit verschlossen. Wie der Farbenblinde

nur Helligkeitsunterschiede ohne Farbenqualitäten sieht, so kann der

Intuitionslose nur unzusammenhängende Wahrnehmungsfragmente beobachten.

Ein Ding erklären, verständlich machen heißt nichts anderes, als

es in den Zusammenhang hinein versetzen, aus dem es durch die oben

geschilderte Einrichtung unserer Organisation herausgerissen ist. Ein

von dem Weltganzen abgetrenntes Ding giebt es nicht. Alle Sonderung

hat bloß subjektive Geltung für unsere Organisation. Für uns legt

sich das Weltganze auseinander in: oben und unten, vor und nach,

Ursache und Wirkung, Gegenstand und Vorstellung, Stoff und Kraft,

Objekt und Subjekt u. s. w. Was uns in der Beobachtung an Einzelheiten

gegenübertritt, das verbindet sich durch die zusammenhängende,

einheitliche Welt unserer Intuitionen Glied für Glied; und wir fügen

durch das Denken alles wieder in Eins zusammen, was wir durch das

Wahrnehmen getrennt haben.

Die Rätselhaftigkeit eines Gegenstandes liegt in seinem

Sonderdasein. Diese ist aber von uns hervorgerufen und kann, innerhalb

der Begriffswelt, auch wieder aufgehoben werden.

Außer durch Denken und Wahrnehmen ist uns direkt nichts gegeben. Es

entsteht nun die Frage: wie steht es gemäß unseren Ausführungen

mit der Bedeutung der Wahrnehmung? Wir haben zwar erkannt, daß der

Beweis, den der kritische Idealismus für die subjektive Natur der

Wahrnehmungen vorbringt, in sich zerfällt; aber mit der Einsicht in

die Unrichtigkeit des Beweises ist noch nicht ausgemacht, daß die

Sache selbst auf einem Irrtume beruht. Der kritische Idealismus geht

in seiner Beweisführung nicht von der absoluten Natur des Denkens

aus, sondern stützt sich darauf, daß der naive Realismus, konsequent

verfolgt, sich selbst aufhebt. Wie stellt sich die Sache, wenn die

Absolutheit des Denkens erkannt ist?

Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung · 第 5 / 14 段