Die Vorstellung nehme ich an meinem Selbst wahr, in dem Sinne,

wie Farbe, Ton u. s. w. an andern Gegenständen. Ich kann jetzt

auch den Unterschied machen, daß ich diese andern Gegenstände, die

sich mir gegenüberstellen, Außenwelt nenne, während ich den Inhalt

meiner Selbstwahrnehmung als Innenwelt bezeichne. Die Verkennung

des Verhältnisses von Vorstellung und Gegenstand hat die größten

Mißverständnisse in der neueren Philosophie herbeigeführt. Die

Wahrnehmung einer Veränderung in uns, die Modifikation, die mein

Selbst erfährt, wurde in den Vordergrund gedrängt und das diese

Modifikation veranlassende Objekt ganz aus dem Auge verloren. Man

hat gesagt: wir nehmen nicht die Gegenstände wahr, sondern nur

unsere Vorstellungen. Ich soll nichts wissen von dem Tische an

sich, der Gegenstand meiner Beobachtung ist, sondern nur von der

Veränderung, die mit mir selbst vorgeht, während ich den Tisch

wahrnehme. Diese Anschauung darf nicht mit der vorhin erwähnten

Berkeleyschen verwechselt werden. Berkeley behauptet die subjektive

Natur meines Wahrnehmungsinhaltes, aber er sagt nicht, daß ich nur von

meinen Vorstellungen wissen kann. Er schränkt mein Wissen auf meine

Vorstellungen ein, weil er der Meinung ist, daß es keine Gegenstände

außerhalb des Vorstellens giebt. Was ich als Tisch ansehe, das ist

im Sinne Berkeleys nicht mehr vorhanden, sobald ich meinen Blick

nicht mehr darauf richte. Deshalb läßt Berkeley meine Wahrnehmungen

unmittelbar durch die Macht Gottes entstehen. Ich sehe einen Tisch,

weil Gott diese Wahrnehmung in mir hervorruft. Berkeley kennt daher

keine anderen realen Wesen als Gott und die menschlichen Geister. Was

wir Welt nennen, ist nur innerhalb der Geister vorhanden. Was der

naive Mensch Außenwelt, körperliche Natur nennt, ist für Berkeley

nicht vorhanden. Dieser Ansicht steht die jetzt herrschende Kantsche

gegenüber, welche unsere Erkenntnis von der Welt nicht deshalb auf

unsere Vorstellungen einschränkt, weil sie überzeugt ist, daß es

außer diesen Vorstellungen keine Dinge geben kann, sondern weil sie

uns so organisiert glaubt, daß wir nur von den Veränderungen unseres

eigenen Selbst, nicht von den diese Veränderungen veranlassenden

Dingen an sich erfahren können. Sie folgert aus dem Umstande, daß

ich nur meine Vorstellungen kenne, nicht, daß es keine von diesen

Vorstellungen unabhängige Existenz giebt, sondern nur, daß das Subjekt

eine solche nicht unmittelbar in sich aufnehmen, sie nicht anders als

durch das "Medium seiner subjektiven Gedanken imaginieren, fingieren,

denken, erkennen, vielleicht auch nicht erkennen kann" (O. Liebmann,

Zur Analysis der Wirklichkeit, S. 28). Diese Anschauung glaubt etwas

unbedingt Gewisses zu sagen, etwas, was ohne alle Beweise unmittelbar

einleuchtet. "Der erste Fundamentalsatz, den sich der Philosoph zu

deutlichem Bewußtsein zu bringen hat, besteht in der Erkenntnis,

daß unser Wissen sich zunächst auf nichts weiter als auf unsere

Vorstellungen erstreckt. Unsere Vorstellungen sind das Einzige, was

wir unmittelbar erfahren, unmittelbar erleben; und eben weil wir sie

unmittelbar erfahren, deshalb vermag uns auch der radikalste Zweifel

das Wissen von denselben nicht zu entreißen. Dagegen ist das Wissen,

das über mein Vorstellen -- ich nehme diesen Ausdruck hier überall im

weitesten Sinne, so daß alles psychische Geschehen darunter fällt --

hinausgeht, vor dem Zweifel nicht geschützt. Daher muß zu Beginn des

Philosophierens alles über die Vorstellungen hinausgehende Wissen

ausdrücklich als bezweifelbar hingestellt werden," so beginnt Volkelt

sein Buch über "Kants Erkenntnistheorie". Was hiermit so hingestellt

wird, als ob es eine unmittelbare und selbstverständliche Wahrheit

wäre, ist aber in Wirklichkeit das Resultat einer Gedankenoperation,

die folgendermaßen verläuft: Der naive Mensch glaubt, daß die

Gegenstände, so wie er sie wahrnimmt, auch außerhalb seines Bewußtseins

vorhanden sind. Die Physik, Physiologie und Psychologie lehren aber,

daß zu unseren Wahrnehmungen unsere Organisation notwendig ist,

daß wir folglich von nichts wissen können, als von dem, was unsere

Organisation uns von den Dingen überliefert. Unsere Wahrnehmungen sind

somit Modifikationen unserer Organisation, nicht Dinge an sich. Den

hier angedeuteten Gedankengang hat Eduard von Hartmann in der That

als denjenigen charakterisiert, der zur Überzeugung von dem Satze

führen muß, daß wir ein direktes Wissen nur von unseren Vorstellungen

haben können (vergl. dessen Grundproblem der Erkenntnistheorie,

S. 16-40). Weil wir außerhalb unseres Organismus Schwingungen der

Körper und der Luft finden, die sich uns als Schall darstellen, so

wird gefolgert, daß das, was wir Schall nennen, nichts weiter sei als

eine subjektive Reaktion unseres Organismus auf jene Bewegungen in

der Außenwelt. In derselben Weise findet man, daß Farbe und Wärme nur

Modifikationen unseres Organismus sind. Und zwar ist man der Ansicht,

daß diese beiden Wahrnehmungsarten in uns hervorgerufen werden durch

die Wirkung der Bewegung eines den Weltraum füllenden, unendlich feinen

Stoffes, des Äthers. Wenn die Schwingungen dieses Äthers die Hautnerven

meines Körpers erregen, so habe ich die Wahrnehmung der Wärme, wenn sie

den Sehnerv treffen, nehme ich Licht und Farbe wahr. Licht, Farbe und

Wärme sind also das, womit meine Sinnesnerven auf den Reiz von außen

antworten. Auch der Tastsinn liefert mir nicht die Gegenstände der

Außenwelt, sondern nur meine eigenen Zustände. Der Physiker glaubt,

daß die Körper aus unendlich kleinen Teilen, den Molekülen, bestehen,

und daß diese Moleküle nicht unmittelbar aneinandergrenzen, sondern

gewisse Entfernungen voneinander haben. Es ist also zwischen ihnen der

leere Raum. Durch diese wirken sie aufeinander mittelst anziehender

und abstoßender Kräfte. Wenn ich meine Hand einem Körper nähere,

so berühren die Moleküle meiner Hand keineswegs unmittelbar diejenigen

des Körpers, sondern es bleibt eine gewisse Entfernung zwischen

Körper und Hand, und was ich als Widerstand des Körpers empfinde,

das ist nichts weiter als die Wirkung der abstoßenden Kraft, die

seine Moleküle auf meine Hand ausüben. Ich bin schlechthin außerhalb

des Körpers und nehme nur seine Wirkung auf meinen Organismus wahr.

Ergänzend zu diesen Überlegungen tritt die Lehre von den sogenannten

spezifischen Sinnesenergien, die J. Müller aufgestellt hat. Sie

besteht darin, daß jeder Sinn die Eigentümlichkeit hat, auf alle

äußeren Reize nur in einer bestimmten Weise zu antworten. Wird auf

den Sehnerv eine Wirkung ausgeübt, so entsteht Lichtwahrnehmung,

gleichgültig ob die Erregung durch das geschieht, was wir Licht nennen,

oder ob ein mechanischer Druck oder ein elektrischer Strom auf den

Nerv einwirkt. Andrerseits werden in verschiedenen Sinnen durch die

gleichen äußeren Reize verschiedene Wahrnehmungen hervorgerufen. Daraus

scheint hervorzugehen, daß unsere Sinne nur das überliefern können,

was in ihnen selbst vorgeht, nichts aber von der Außenwelt. Sie

bestimmen die Wahrnehmungen je nach ihrer Natur.

Die Physiologie zeigt, daß auch von einem direkten Wissen dessen

keine Rede sein kann, was die Gegenstände in unseren Sinnesorganen

bewirken. Indem der Physiologe die Vorgänge in unserem eigenen Leibe

verfolgt, findet er, daß schon in den Sinnesorganen die Wirkungen der

äußeren Bewegung in der mannigfaltigsten Weise umgeändert werden. Wir

sehen das am deutlichsten an Auge und Ohr. Beide sind sehr komplizierte

Organe, die den äußeren Reiz wesentlich verändern, ehe sie ihn zum

entsprechenden Nerv bringen. Von dem peripherischen Ende des Nerv wird

nun der schon veränderte Reiz weiter zum Gehirn geleitet. Hier erst

müssen wieder die Centralorgane erregt werden. Daraus wird geschlossen,

daß der äußere Vorgang eine Reihe von Umwandlungen erfahren hat, ehe

er zum Bewußtsein kommt. Was da im Gehirne sich abspielt, ist durch

so viele Zwischenvorgänge mit dem äußeren Vorgang verbunden, daß an

eine Ähnlichkeit mit denselben nicht mehr gedacht werden kann. Was

das Gehirn der Seele zuletzt vermittelt, sind weder äußere Vorgänge,

noch Vorgänge in den Sinnesorganen, sondern nur solche innerhalb

des Gehirnes. Aber auch die letzteren nimmt die Seele noch nicht

unmittelbar wahr. Was wir im Bewußtsein zuletzt haben, sind gar keine

Gehirnvorgänge, sondern Empfindungen. Meine Empfindung des Rot hat gar

keine Ähnlichkeit mit dem Vorgange, der sich im Gehirn abspielt, wenn

ich das Rot empfinde. Das letztere tritt erst wieder als Wirkung in

der Seele auf und wird nur verursacht durch den Hirnvorgang. Deshalb

sagt Hartmann (Grundproblem der Erkenntnistheorie S. 37): "Was das

Subjekt wahrnimmt, sind also immer nur Modifikationen seiner eigenen

psychischen Zustände und nichts anderes." Wenn ich die Empfindungen

habe, dann sind diese aber noch lange nicht zu dem gruppiert, was ich

als Dinge wahrnehme. Es können mir ja nur einzelne Empfindungen durch

das Gehirn vermittelt werden. Die Empfindungen der Härte und Weichheit

werden mir durch den Tast-, die Farbe- und Lichtempfindungen durch

den Gesichtssinn vermittelt. Doch finden sich dieselben an einem

und demselben Gegenstande vereinigt. Diese Vereinigung muß also

erst von der Seele selbst bewirkt werden. Das heißt, die Seele setzt

die einzelnen durch das Gehirn vermittelten Empfindungen zu Körpern

zusammen. Mein Gehirn überliefert mir einzeln die Gesichts-, Tast-

und Gehörempfindungen, und zwar auf ganz verschiedenen Wegen, die dann

die Seele zu der Vorstellung Trompete zusammensetzt. Dieses Endglied

(Vorstellung der Trompete) eines Prozesses ist es, was für mein

Bewußtsein zu allererst gegeben ist. Es ist in demselben nichts mehr

von dem zu finden, was außer mir ist und ursprünglich einen Eindruck

auf meine Sinne gemacht hat. Der äußere Gegenstand ist auf dem Wege zum

Gehirn und durch das Gehirn zur Seele vollständig verloren gegangen.

Es wird schwer sein, ein zweites Gedankengebäude in der Geschichte

des menschlichen Geisteslebens zu finden, das mit größerem Scharfsinn

zusammengetragen ist, und das bei genauerer Prüfung doch in nichts

zerfällt. Sehen wir einmal näher zu, wie es zustande kommt. Man

geht zunächst von dem aus, was dem naiven Bewußtsein gegeben ist,

von dem wahrgenommenen Dinge. Dann zeigt man, daß alles, was an

diesem Dinge sich findet, für uns nicht da wäre, wenn wir keine

Sinne hätten. Kein Auge: keine Farbe. Also ist die Farbe in dem

noch nicht vorhanden, was auf das Auge wirkt. Sie entsteht erst

durch die Wechselwirkung des Auges mit dem Gegenstande. Dieser

ist also farblos. Aber auch im Auge ist die Farbe nicht vorhanden;

denn da ist ein chemischer oder physikalischer Vorgang vorhanden,

der erst durch den Nerv zum Gehirn geleitet wird, und da einen andern

auslöst. Dieser ist noch immer nicht die Farbe. Sie wird erst durch

den Hirnprozeß in der Seele hervorgerufen. Da tritt sie mir noch immer

nicht ins Bewußtsein, sondern wird erst durch die Seele nach außen

an einen Körper verlegt. An diesem nehme ich sie endlich wahr. Wir

haben einen vollständigen Kreisgang durchgemacht. Wir sind uns eines

farbigen Körpers bewußt geworden. Das ist das Erste. Nun hebt die

Gedankenoperation an. Wenn ich keine Augen hätte, wäre der Körper für

mich farblos. Ich kann die Farbe also nicht in den Körper verlegen. Ich

gehe auf die Suche nach ihr. Ich suche sie im Auge: vergebens; im

Nerv: vergebens; im Gehirne: ebenso vergebens; in der Seele: hier

finde ich sie zwar, aber nicht mit dem Körper verbunden. Den farbigen

Körper finde ich erst wieder da, wo ich ausgegangen bin. Der Kreis ist

geschlossen. Ich glaube das als Erzeugnis meiner Seele zu erkennen,

was der naive Mensch sich als draußen im Raume vorhanden denkt.

So lange man dabei stehen bleibt, scheint alles in schönster

Ordnung. Aber die Sache muß noch einmal von vorne angefangen

werden. Ich habe ja bis jetzt mit einem Dinge gewirtschaftet: mit

der äußeren Wahrnehmung, von dem ich früher, als naiver Mensch, eine

ganz falsche Ansicht gehabt habe. Ich war der Meinung: sie hätte so,

wie ich sie wahrnehme, einen objektiven Bestand. Nun merke ich, daß

sie mit meinem Vorstellen verschwindet, daß sie nur eine Modifikation

meiner seelischen Zustände ist. Habe ich nun überhaupt noch ein Recht,

in meinen Betrachtungen von ihr auszugehen? Kann ich von ihr sagen,

daß sie auf meine Seele wirkt? Ich muß von jetzt ab den Tisch,

von dem ich früher geglaubt habe, daß er auf mich wirkt und in

mir eine Vorstellung von sich hervorbringt, selbst als Vorstellung

behandeln. Konsequenterweise sind dann aber auch meine Sinnesorgane

und die Vorgänge in ihnen bloß subjektiv. Ich habe kein Recht, von

einem wirklichen Auge zu sprechen, sondern nur von meiner Vorstellung

des Auges. Ebenso ist es mit der Nervenleitung und dem Gehirnprozeß

und nicht weniger mit dem Vorgange in der Seele selbst, durch den

aus dem Chaos der mannigfaltigen Empfindungen Dinge aufgebaut werden

sollen. Durchlaufe ich unter Voraussetzung der Richtigkeit des ersten

Gedankenkreisganges die Glieder meines Erkenntnisaktes nochmals, so

zeigt sich der letztere als ein Gespinst von Vorstellungen, die doch

als solche nicht aufeinander wirken können. Ich kann nicht sagen:

meine Vorstellung des Gegenstandes wirkt auf meine Vorstellung des

Auges, und aus dieser Wechselwirkung geht die Vorstellung der Farbe

hervor. Aber ich habe es auch nicht nötig. Denn sobald mir klar ist,

daß mir meine Sinnesorgane und deren Thätigkeiten, mein Nerven-

und Seelenprozeß auch nur durch die Wahrnehmung gegeben werden

können, zeigt sich der geschilderte Gedankengang in seiner vollen

Unmöglichkeit. Es ist richtig: für mich ist keine Wahrnehmung ohne das

entsprechende Sinnesorgan gegeben. Aber ebensowenig ein Sinnesorgan

ohne Wahrnehmung. Ich kann von meiner Wahrnehmung des Tisches auf das

Auge übergehen, das ihn sieht, auf die Hautnerven, die ihn tasten;

aber was in diesen vorgeht, kann ich wieder nur aus der Wahrnehmung

erfahren. Und da bemerke ich denn bald, daß in dem Prozeß, der sich

im Auge vollzieht, nicht eine Spur von Ähnlichkeit ist mit dem,

was ich als Farbe wahrnehme. Ich kann meine Farbenwahrnehmung nicht

dadurch vernichten, daß ich den Prozeß im Auge aufzeige, der sich

während dieser Wahrnehmung darin abspielt. Ebensowenig finde ich

in den Nerven- und Gehirnprozessen die Farbe wieder; ich verbinde

nur neue Wahrnehmungen innerhalb meines Organismus mit der ersten,

die der naive Mensch außerhalb seines Organismus verlegt. Ich gehe

nur von einer Wahrnehmung zur andern über.

Außerdem enthält die ganze Schlußfolgerung einen Sprung. Ich bin in

der Lage, die Vorgänge in meinem Organismus bis zu den Prozessen

in meinem Gehirne zu verfolgen, wenn auch meine Annahmen immer

hypothetischer werden, je mehr ich mich den centralen Vorgängen des

Gehirnes nähere. Der Weg der äußeren Beobachtung hört mit dem Vorgange

in meinem Gehirne auf, und zwar mit jenem, den ich wahrnehmen würde,

wenn ich mit physikalischen, chemischen u. s. w. Hilfsmitteln und

Methoden das Gehirn behandeln könnte. Der Weg der inneren Beobachtung

fängt mit der Empfindung an und reicht bis zum Aufbau der Dinge

aus dem Empfindungsmaterial. Beim Übergange von dem Hirnprozeß zur

Empfindung ist der Beobachtungsweg unterbrochen.

Die charakterisierte Denkart, die sich im Gegensatz zum Standpunkte

des naiven Bewußtseins, den sie naiven Realismus nennt, als kritischen

Idealismus bezeichnet, macht den Fehler, daß sie die Eine Wahrnehmung

als Vorstellung charakterisiert, aber die andere gerade in dem Sinne

hinnimmt, wie es der von ihr scheinbar widerlegte naive Realismus

thut. Sie beweist den Vorstellungscharakter der Wahrnehmungen, indem

sie in naiver Weise die Wahrnehmungen am eigenen Organismus als

objektiv giltige Thatsachen hinnimmt und zu alledem noch übersieht,

daß sie zwei Beobachtungsgebiete durcheinanderwirft, zwischen denen

sie keine Vermittlung finden kann.

Der kritische Idealismus kann den naiven Realismus nur widerlegen, wenn

er selbst in naiv-realistischer Weise seinen eigenen Organismus als

objektiv existierend annimmt. In demselben Augenblicke, wo er sich der

vollständigen Gleichartigkeit der Wahrnehmungen am eigenen Organismus

mit den vom naiven Realismus als objektiv existierend angenommenen

Wahrnehmungen bewußt wird, kann er sich nicht mehr auf die ersteren

als auf eine sichere Grundlage stützen. Er müßte auch seine subjektive

Organisation als bloßen Vorstellungskomplex ansehen. Damit geht aber

die Möglichkeit verloren, den Inhalt der wahrgenommenen Welt durch

die geistige Organisation bewirkt zu denken. Man müßte annehmen, daß

die Vorstellung "Farbe" nur eine Modifikation der Vorstellung "Auge"

sei. Der sogenannte kritische Idealismus kann nicht bewiesen werden,

ohne eine Anleihe beim naiven Realismus zu machen. Der letztere wird

nur dadurch widerlegt, daß man dessen eigene Voraussetzungen auf

einem anderen Gebiete ungeprüft gelten läßt.

Soviel ist hieraus gewiß: durch Untersuchungen innerhalb des

Wahrnehmungsgebietes kann der kritische Idealismus nicht bewiesen,

somit die Wahrnehmung ihres objektiven Charakters nicht entkleidet

werden.

Noch weniger aber darf der Satz: "die wahrgenommene Welt ist meine

Vorstellung" als durch sich selbst einleuchtend und keines Beweises

bedürftig hingestellt werden. Schopenhauer beginnt sein Hauptwerk,

"Die Welt als Wille und Vorstellung", mit den Worten: "Die Welt ist

meine Vorstellung. -- Dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung

auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt, wiewohl der Mensch

allein sie in das reflektierte abstrakte Bewußtsein bringen kann:

und thut er dies wirklich, so ist die philosophische Besonnenheit

bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß

er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge,

das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt,

welche ihn umgiebt, nur als Vorstellung da ist; d. h. durchweg nur in

Beziehung auf ein anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist. --

Wenn irgend eine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist

es diese: denn sie ist die Aussage derjenigen Form aller möglichen

und erdenklichen Erfahrung, welche allgemeiner als alle anderen,

als Zeit, Raum und Kausalität ist: denn alle diese setzen jene

eben voraus ..." Der ganze Satz scheitert an dem oben bereits von

uns angeführten Umstande, daß das Auge und die Hand nicht weniger

Wahrnehmungen sind als die Sonne und die Erde. Und man könnte im

Sinne Schopenhauers und mit Anlehnung an seine Ausdrucksweise seinen

Sätzen entgegenhalten: Mein Auge, das die Sonne sieht, und meine Hand,

die die Erde fühlt, sind meine Vorstellungen gerade so wie die Sonne

und die Erde selbst. Daß ich damit aber den Satz wieder aufhebe, ist

ohne weiteres klar. Denn nur mein wirkliches Auge und meine wirkliche

Hand könnten die Vorstellungen Sonne und Erde als ihre Modifikationen

an sich haben, nicht aber meine Vorstellungen Auge und Hand.

Der kritische Idealismus ist völlig ungeeignet, eine Ansicht über

das Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung zu gewinnen. Die auf

S. 63 angedeutete Scheidung dessen, was an der Wahrnehmung während

des Wahrnehmens geschieht und was an ihr schon sein muß, bevor sie

wahrgenommen wird, kann er nicht vornehmen. Dazu muß also ein anderer

Weg eingeschlagen werden.

VI.

DAS ERKENNEN DER WELT.

Aus den vorhergehenden Betrachtungen folgt, daß es unmöglich ist,

durch Untersuchung unseres Beobachtungsinhalts den Beweis zu erbringen,

daß unsere Wahrnehmungen Vorstellungen sind. Dieser Beweis soll nämlich

dadurch erbracht werden, daß man zeigt: wenn der Wahrnehmungsprozeß in

der Art erfolgt, wie man ihn gemäß den naiv-realistischen Annahmen über

die psychologische und physiologische Konstitution unseres Individuums

sich vorstellt, dann haben wir es nicht mit Dingen an sich, sondern

bloß mit unseren Vorstellungen von den Dingen zu thun. Wenn nun der

naive Realismus, konsequent verfolgt, zu Resultaten führt, die das

gerade Gegenteil seiner Voraussetzungen darstellen, so müssen diese

Voraussetzungen als ungeeignet zur Begründung einer Weltanschauung

bezeichnet und fallen gelassen werden. Jedenfalls ist es unstatthaft,

die Voraussetzungen zu verwerfen und die Folgerungen gelten zu lassen,

wie es der kritische Idealist thut, der seiner Behauptung: die Welt

ist meine Vorstellung, den obigen Beweisgang zu Grunde legt. (Eduard

von Hartmann giebt in seiner Schrift "Das Grundproblem der

Erkenntnistheorie" eine ausführliche Darstellung dieses Beweisganges.)

Ein anderes ist die Richtigkeit des kritischen Idealismus, ein anderes

die Überzeugungskraft seiner Beweise. Wie es mit der ersteren steht,

wird sich später im Zusammenhange unserer Ausführungen ergeben. Die

Überzeugungskraft seines Beweises ist aber gleich Null. Wenn man

ein Haus baut, und bei Herstellung des ersten Stockwerkes bricht das

Erdgeschoß in sich zusammen, so stürzt das erste Stockwerk mit. Der

naive Realismus und der kritische Idealismus verhalten sich wie dies

Erdgeschoß zum ersten Stockwerk.

Wer der Ansicht ist, daß die ganze wahrgenommene Welt nur eine

vorgestellte ist, und zwar die Wirkung der mir unbekannten Dinge auf

meine Seele, für den geht die eigentliche Erkenntnisfrage natürlich

nicht auf die nur in der Seele vorhandenen Vorstellungen, sondern

auf die jenseits unseres Bewußtseins liegenden, von uns unabhängigen

Dinge. Er fragt: Wieviel können wir von den letzteren mittelbar

erkennen, da sie unserer Beobachtung unmittelbar nicht zugänglich

sind? Der auf diesem Standpunkt Stehende kümmert sich nicht um den

inneren Zusammenhang seiner bewußten Wahrnehmungen, sondern um deren

nicht mehr bewußte Ursachen, die ein von ihm unabhängiges Dasein

haben, während, nach seiner Ansicht, die Wahrnehmungen verschwinden,

sobald er seine Sinne von den Dingen abwendet. Unser Bewußtsein wirkt,

von diesem Gesichtspunkte aus, wie ein Spiegel, dessen Bilder von

bestimmten Dingen auch in dem Augenblicke verschwinden, in dem seine

spiegelnde Fläche ihnen nicht zugewandt ist. Wer aber die Dinge selbst

nicht sieht, sondern nur ihre Spiegelbilder, der muß aus dem Verhalten

der letzteren über die Beschaffenheit der ersteren durch Schlüsse

indirekt sich unterrichten. Auf diesem Standpunkte steht die neuere

Naturwissenschaft, welche die Wahrnehmungen nur als Mittel benutzt,

um Aufschluß über die hinter denselben stehenden und allein wahrhaft

seienden Bewegungen des Stoffes zu gewinnen. Wenn der Philosoph als

kritischer Idealist überhaupt ein Sein gelten läßt, dann geht sein

Erkenntnisstreben mit mittelbarer Benutzung der Vorstellungen allein

auf dieses Sein. Sein Interesse überspringt die subjektive Welt der

Vorstellungen und geht auf das Erzeugende dieser Vorstellungen los.

Der kritische Idealist kann aber soweit gehen, daß er sagt: ich

bin in meine Vorstellungswelt eingeschlossen und kann aus ihr nicht

hinaus. Wenn ich ein Ding hinter meinen Vorstellungen denke, so ist

dieser Gedanke doch auch weiter nichts als meine Vorstellung. Ein

solcher Idealist wird dann das Ding an sich entweder ganz leugnen

oder wenigstens davon erklären, daß es für uns Menschen gar keine

Bedeutung hat, d. i. so gut wie nicht da ist, weil wir nichts von

ihm wissen können.

Einem kritischen Idealisten dieser Art erscheint die ganze Welt als

ein wüster Traum, dem gegenüber jeder Erkenntnisdrang einfach sinnlos

wäre. Für ihn kann es nur zwei Gattungen von Menschen geben: Befangene,

die ihre eigenen Traumgespinste für wirkliche Dinge halten, und Weise,

die die Nichtigkeit dieser Traumwelt durchschauen, und die nach und

nach alle Lust verlieren müssen, sich weiter darum zu bekümmern. Für

diesen Standpunkt kann auch die eigene Persönlichkeit zum bloßen

Traumbilde werden. Gerade so wie unter den Bildern des Schlaftraums

unser eigenes Traumbild erscheint, so tritt im wachen Bewußtsein die

Vorstellung des eigenen Ich zu der Vorstellung der Außenwelt hinzu. Wir

haben im Bewußtsein dann nicht unser wirkliches Ich, sondern nur unsere

Ichvorstellung gegeben. Wer nun leugnet, daß es keine Dinge giebt,

oder wenigstens, daß wir von ihnen etwas wissen können: der muß auch

das Dasein beziehungsweise die Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit

leugnen. Der kritische Idealist kommt dann zu der Behauptung: "Alle

Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben,

von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt;

in einen Traum, der in einem Traume von sich selbst zusammenhängt"

(vgl. Fichte, die Bestimmung des Menschen).

Gleichgiltig, ob derjenige, der das unmittelbare Leben als Traum zu

erkennen glaubt, hinter diesem Traum nichts mehr vermutet, oder ob

er seine Vorstellungen auf wirkliche Dinge bezieht: das Leben selbst

muß für ihn alles wissenschaftliche Interesse verlieren. Während

aber für denjenigen, der mit dem Traume das uns zugängliche All

erschöpft glaubt, alle Wissenschaft ein Unding ist, wird für den

andern, der sich befugt glaubt, von den Vorstellungen auf die Dinge

zu schließen, die Wissenschaft in der Erforschung dieser "Dinge an

sich" bestehen. Die erstere Weltansicht kann mit dem Namen absoluter

Illusionismus bezeichnet werden, die zweite nennt ihr konsequentester

Vertreter, Eduard von Hartmann, transcendentalen Realismus [1].

Diese beiden Ansichten haben mit dem naiven Realismus das gemein,

daß sie Fuß in der Welt zu fassen suchen durch eine Untersuchung der

Wahrnehmungen. Sie können aber innerhalb dieses Gebietes nirgends

einen festen Punkt finden.

Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung · 第 4 / 14 段