Wir müssen erst das Denken ganz neutral, ohne Beziehung auf ein

denkendes Subjekt oder ein gedachtes Objekt betrachten. Denn in Subjekt

und Objekt haben wir bereits Begriffe, die durch das Denken gebildet

sind. Es ist nicht zu leugnen: ehe anderes begriffen werden kann,

muß es das Denken werden. Wer es leugnet, der übersieht, daß er als

Mensch nicht ein Anfangsglied der Schöpfung, sondern deren Endglied

ist. Man kann deswegen behufs Erklärung der Welt durch Begriffe nicht

von den zeitlich ersten Elementen des Daseins ausgehen, sondern von

dem, was uns als das Nächste, als das Intimste gegeben ist. Wir können

uns nicht mit einem Sprunge an den Anfang der Welt versetzen, um da

unsere Betrachtung anzufangen, sondern wir müssen von dem gegenwärtigen

Augenblick ausgehen, und sehen, ob wir von dem Späteren zu dem Früheren

aufsteigen können. So lange die Geologie von erdichteten Revolutionen

gesprochen hat, um den gegenwärtigen Zustand der Erde zu erklären, so

lange tappte sie in der Finsternis. Erst als sie ihren Anfang damit

machte, zu untersuchen, welche Vorgänge gegenwärtig noch auf der

Erde sich abspielen und von diesen zurückschloß auf das Vergangene,

hatte sie einen sicheren Boden gewonnen. So lange die Philosophie alle

möglichen Prinzipien annehmen wird, wie Atom, Bewegung, Materie, Wille,

Unbewußtes, wird sie in der Luft schweben. Erst wenn der Philosoph

das absolut letzte als sein erstes ansehen wird, kann er zum Ziele

kommen. Dieses absolut letzte, zu dem es die Weltentwicklung gebracht

hat, ist aber das Denken.

Es giebt Leute, die sagen: ob unser Denken an sich richtig sei oder

nicht, können wir aber doch nicht mit Sicherheit feststellen. Insoferne

bleibt also der Ausgangspunkt jedenfalls ein zweifelhafter. Das ist

gerade so vernünftig gesprochen, wie wenn man Zweifel hegt, ob ein

Baum an sich richtig sei oder nicht. Das Denken ist eine Thatsache;

und über die Richtigkeit oder Falschheit einer solchen zu sprechen,

ist sinnlos. Ich kann höchstens darüber Zweifel haben, ob das Denken

richtig verwendet wird, wie ich zweifeln kann, ob ein gewisser Baum

ein entsprechendes Holz zu einem zweckmäßigen Gerät giebt. Zu zeigen,

inwieferne die Anwendung des Denkens auf die Welt eine richtige oder

falsche ist, wird gerade Aufgabe dieser Schrift sein. Ich kann es

verstehen, wenn jemand Zweifel hegt, daß durch das Denken über die

Welt etwas ausgemacht werden kann; das aber ist mir unbegreiflich,

wie jemand die Richtigkeit des Denkens an sich anzweifeln kann.

V.

DIE WELT ALS WAHRNEHMUNG.

Durch das Denken entstehen Begriffe und Ideen. Was ein Begriff ist,

kann nicht mit Worten gesagt werden. Worte können nur den Menschen

darauf aufmerksam machen, daß er Begriffe habe. Wenn jemand einen

Baum sieht, so reagiert sein Denken auf seine Beobachtung; zu dem

Gegenstande tritt ein ideelles Gegenstück hinzu, und er betrachtet den

Gegenstand und das ideelle Gegenstück als zusammengehörig. Wenn der

Gegenstand aus seinem Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt nur

das ideelle Gegenstück davon zurück. Das letztere ist der Begriff des

Gegenstandes. Je mehr sich unsere Erfahrung erweitert, desto größer

wird die Summe unserer Begriffe. Die Begriffe stehen aber durchaus

nicht vereinzelt da. Sie schließen sich zu einem gesetzmäßigen Ganzen

zusammen. Der Begriff "Organismus" schließt sich z. B. an die andern:

"gesetzmäßige Entwicklung, Wachstum" an. Andere an Einzeldingen

gebildete Begriffe fallen völlig in Eins zusammen. Alle Begriffe

die ich mir von Löwen bilde, fallen in den Gesamtbegriff "Löwe"

zusammen. Auf diese Weise verbinden sich die einzelnen Begriffe zu

einem geschlossenen Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle

hat. Ideen sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden. Sie sind

nur inhaltsvollere, gesättigtere und umfangreichere Begriffe. Ich muß

einen besonderen Wert darauflegen, daß hier an dieser Stelle beachtet

werde, daß ich als meinen Ausgangspunkt das Denken bezeichnet habe,

und nicht Begriffe und Ideen, die erst durch das Denken gewonnen

werden. Diese setzen das Denken bereits voraus. Es kann daher, was

ich in Bezug auf die in sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte

Natur des Denkens gesagt habe, nicht einfach auf die Begriffe

übertragen werden. (Ich bemerke das hier ausdrücklich, weil hier

meine Differenz mit Hegel liegt. Dieser setzt den Begriff als Erstes

und Ursprüngliches.)

Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen werden. Das geht

schon aus dem Umstande hervor, daß der heranwachsende Mensch sich

langsam und allmählich erst die Begriffe zu den Gegenständen bildet,

die ihn umgeben. Die Begriffe werden zu der Beobachtung hinzugefügt.

Ein vielgelesener Philosoph der Gegenwart (Herbert Spencer) schildert

den geistigen Prozeß, den wir gegenüber der Beobachtung vollziehen,

folgendermaßen:

"Wenn wir an einem Septembertag, durch die Felder wandelnd, wenige

Schritte vor uns ein Geräusch hören und an der Seite des Grabens,

von dem es herzukommen schien, das Gras in Bewegung sehen, so werden

wir wahrscheinlich auf die Stelle losgehen, um zu erfahren, was

das Geräusch und die Bewegung hervorbrachte. Bei unserer Annäherung

flattert ein Rebhuhn in den Graben und damit ist unsere Neugierde

befriedigt: wir haben, was wir eine Erklärung der Erscheinungen

nennen. Diese Erklärung läuft, wohlgemerkt, auf folgendes hinaus:

weil wir im Leben unendlich oft erfahren haben, daß eine Störung

der ruhigen Lage kleiner Körper die Bewegung anderer zwischen ihnen

befindlicher Körper begleitet, und weil wir deshalb die Beziehungen

zwischen solchen Störungen und solchen Bewegungen verallgemeinert

haben, so halten wir diese besondere Störung für erklärt, sobald wir

finden, daß sie ein Beispiel eben dieser Beziehung darbietet." Genauer

besehen stellt sich die Sache ganz anders dar, als sie hier beschrieben

ist. Wenn ich ein Geräusch höre, so suche ich zunächst den Begriff für

diese Beobachtung. Dieser Begriff erst weist mich über das Geräusch

hinaus. Wer nicht weiter nachdenkt, der hört eben das Geräusch und

giebt sich damit zufrieden. Durch mein Nachdenken aber ist mir klar,

daß ich ein Geräusch als Wirkung aufzufassen habe. Also erst wenn ich

den Begriff der Wirkung mit der Wahrnehmung des Geräusches verbinde,

werde ich veranlaßt, über die Einzelbeobachtung hinauszugehen und nach

der Ursache zu suchen. Der Begriff der Wirkung ruft den der Ursache

hervor und ich suche dann nach dem verursachenden Gegenstande, den ich

in der Gestalt des Rebhuhns finde. Diese Begriffe, Ursache und Wirkung,

kann ich aber niemals durch bloße Beobachtung, und erstrecke sie sich

auf noch so viele Fälle, gewinnen. Die Beobachtung ruft das Denken

hervor und erst dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne

Erlebnis an ein anderes anzuschließen.

Wenn man von einer "streng objektiven Wissenschaft" fordert, daß

sie ihren Inhalt nur der Beobachtung entnehme, so muß man zugleich

fordern, daß sie auf alles Denken verzichte. Denn dieses geht seiner

Natur nach über das Beobachtete hinaus.

Nun ist es am Platze von dem Denken auf das denkende Wesen

überzugehen. Denn durch dieses wird das Denken mit der Beobachtung

verbunden. Das menschliche Bewußtsein ist der Schauplatz, wo

Begriff und Beobachtung einander begegnen und wo sie miteinander

verknüpft werden. Dadurch ist aber dieses (menschliche) Bewußtsein

zugleich charakterisiert. Es ist der Vermittler zwischen Denken und

Beobachtung. Insoferne es einen Gegenstand beobachtet, erscheint ihm

dieser als gegeben, insoferne es denkt, erscheint es sich selbst als

thätig. Es betrachtet den Gegenstand als Objekt, sich selbst als das

denkende Subjekt. Weil es sein Denken auf die Beobachtung richtet,

ist es Bewußtsein von den Objekten; weil es sein Denken auf sich

richtet, ist es Bewußtsein seiner selbst oder Selbstbewußtsein. Das

menschliche Bewußtsein muß notwendig zugleich Selbstbewußtsein sein,

weil es denkendes Bewußtsein ist. Denn wenn das Denken den Blick auf

seine eigene Thätigkeit richtet, dann hat es seine ureigene Wesenheit,

also sein Subjekt als Objekt zum Gegenstande.

Nun darf aber nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit Hilfe des

Denkens als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen

können. Deshalb darf das Denken niemals als eine bloß subjektive

Thätigkeit aufgefaßt werden. Das Denken ist jenseits von Subjekt und

Objekt. Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen. Wenn

wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen,

so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives

auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt,

sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt

ist; sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken

vermag. Die Thätigkeit, die das Bewußtsein als denkendes Wesen

ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine solche, die

weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe

hinausgehende. Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt

denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden. Das Denken

ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und

mit den Objekten verbindet. Aber es trennt mich zugleich von ihnen,

indem es mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt.

Darauf beruht die Doppelnatur des Menschen: Er denkt und umschließt

damit sich selbst und die übrige Welt; aber er muß sich mittels des

Denkens zugleich als ein den Dingen gegenüberstehendes Individuum

bestimmen.

Das nächste wird nun sein, uns zu fragen: wie kommt das andere Element,

das wir bisher bloß als Beobachtungsobjekt bezeichnet haben, und das

sich mit dem Denken im Bewußtsein begegnet, in das letztere?

Wir müssen, um diese Frage zu beantworten, aus unserem

Beobachtungsfelde alles aussondern, was durch das Denken bereits

in dasselbe hineingetragen worden ist. Denn unser jeweiliger

Bewußtseinsinhalt ist immer schon mit Begriffen in der mannigfachsten

Weise durchsetzt.

Wir müssen uns vorstellen, daß ein Wesen mit vollkommen entwickelter

menschlicher Intelligenz aus dem Nichts entstehe und der Welt

gegenübertrete. Was es da gewahr würde, bevor es das Denken in

Thätigkeit bringt, das ist der reine Beobachtungsinhalt. Die Welt

zeigte dann diesem Wesen nur das bloße zusammenhanglose Aggregat von

Empfindungsobjekten: Farben, Töne, Druck-, Wärme-, Geschmacks- und

Geruchsempfindungen; dann Lust- und Unlustgefühle. Dieses Aggregat

ist der Inhalt der reinen, gedankenlosen Beobachtung. Ihm gegenüber

steht das Denken, das bereit ist, seine Thätigkeit zu entfalten,

wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet. Die Erfahrung lehrt bald,

daß er sich findet. Das Denken ist imstande Fäden zu ziehen von einem

Beobachtungselement zum andern. Es verknüpft mit diesen Elementen

bestimmte Begriffe und bringt sie dadurch in ein Verhältnis. Wir

haben oben bereits gesehen, wie ein uns begegnendes Geräusch mit

einer andern Beobachtung dadurch verbunden wird, daß wir das erstere

als Wirkung der letzteren bezeichnen.

Wenn wir uns nun daran erinnern, daß die Thätigkeit des Denkens

durchaus nicht als eine subjektive aufzufassen ist, so werden wir

auch nicht versucht sein zu glauben, daß solche Beziehungen, die

durch das Denken hergestellt sind, bloß eine subjektive Geltung haben.

Es wird sich jetzt darum handeln, durch denkende Überlegung die

Beziehung zu suchen, die der oben angegebene unmittelbar gegebene

Beobachtungsinhalt zu unserem bewußten Subjekt hat.

Bei dem Schwanken des Sprachgebrauches erscheint es mir geboten, daß

ich mich mit meinem Leser über den Gebrauch eines Wortes verständige,

das ich im folgenden anwenden muß. Ich werde die unmittelbaren

Empfindungsobjekte, die ich oben genannt habe, insoferne das bewußte

Subjekt von ihnen durch Beobachtung Kenntnis nimmt, Wahrnehmungen

nennen. Also nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt

dieser Beobachtung bezeichne ich mit diesem Namen.

Ich wähle den Ausdruck Empfindung nicht, weil dieser in der

Physiologie eine bestimmte Bedeutung hat, die enger ist, als die

meines Begriffes von Wahrnehmung. Ein Gefühl in mir selbst kann ich

wohl als Wahrnehmung, nicht aber als Empfindung im physiologischen

Sinne bezeichnen. Wenn ich von meinem Gefühle Kenntnis erhalten

soll, so muß es erst Wahrnehmung für mich werden. Und die Art, wie

wir durch Beobachtung Kenntnis von unserem Denken erhalten, ist eine

solche, daß wir auch das Denken in seinem ersten Auftreten für unser

Bewußtsein Wahrnehmung nennen können.

Der naive Mensch betrachtet seine Wahrnehmungen in dem Sinne, wie

sie ihm unmittelbar erscheinen, als Dinge, die ein von ihm ganz

unabhängiges Dasein haben. Wenn er einen Baum sieht, so glaubt er

zunächst, daß dieser in der Gestalt, die er sieht, mit den Farben,

die seine Teile haben u. s. w., dort an dem Orte steht, wohin der

Blick gerichtet ist. Wenn derselbe Mensch morgens die Sonne als eine

Scheibe am Horizonte erscheinen sieht und den Lauf dieser Scheibe

verfolgt, so ist er der Meinung, daß das alles in dieser Weise

(an sich) besteht und vorgeht, wie er es beobachtet. Er hält so

lange an diesem Glauben fest, bis er anderen Wahrnehmungen begegnet,

die jenen widersprechen. Das Kind, das noch keine Erfahrungen über

Entfernungen hat, greift nach dem Monde und stellt das, was es nach

dem ersten Augenschein für wirklich gehalten hat, erst richtig,

wenn eine zweite Wahrnehmung sich mit der ersten im Widerspruch

befindet. Jede Erweiterung des Kreises meiner Wahrnehmungen nötigt

mich, mein Bild der Welt zu berichtigen. Das zeigt sich im täglichen

Leben ebenso wie in der Geistesentwicklung der Menschheit. Das Bild,

das sich die Alten von der Beziehung der Erde zu der Sonne und den

andern Himmelskörpern machten, mußte von Copernikus durch ein anderes

ersetzt werden, weil es mit Wahrnehmungen, die früher unbekannt

waren, nicht zusammenstimmte. Als Dr. Franz einen Blindgeborenen

operierte, sagte dieser, daß er sich vor seiner Operation durch die

Wahrnehmungen seines Tastsinnes ein ganz anderes Bild von der Größe

der Gegenstände gemacht habe. Er mußte seine Tastwahrnehmungen durch

seine Gesichtswahrnehmungen berichtigen.

Woher kommt es, daß wir zu solchen fortwährenden Richtigstellungen

unserer Beobachtungen gezwungen sind?

Eine einfache Überlegung bringt die Antwort auf diese Frage. Wenn ich

an dem einen Ende einer Allee stehe, so erscheinen mir die Bäume an dem

andern, von mir entfernten Ende kleiner und näher aneinandergerückt

als da, wo ich stehe. Mein Wahrnehmungsbild wird ein anderes, wenn

ich den Ort ändere, von dem aus ich meine Beobachtungen mache. Es

ist also in der Gestalt, in der es an mich herantritt, abhängig von

einer Bestimmung, die nicht an dem Objekte hängt, sondern die mir,

dem Wahrnehmenden, zukommt. Es ist für eine Allee ganz gleichgültig,

wo ich stehe. Das Bild aber, das ich von ihr erhalte, ist wesentlich

davon abhängig. Ebenso ist es für die Sonne und das Planetensystem

gleichgültig, daß die Menschen sie gerade von der Erde aus ansehen. Das

Wahrnehmungsbild aber, das sich diesen darbietet, ist durch diesen

ihren Wohnsitz bestimmt. Diese Abhängigkeit des Wahrnehmungsbildes

von unserem Beobachtungsorte ist diejenige, die am leichtesten zu

durchschauen ist. Schwieriger wird die Sache schon, wenn wir die

Abhängigkeit unserer Wahrnehmungswelt von unserer leiblichen und

geistigen Organisation kennen lernen. Der Physiker zeigt uns, daß

innerhalb des Raumes, in dem wir einen Schall hören, Schwingungen

der Luft stattfinden, und daß auch der Körper, in dem wir den

Ursprung des Schalles suchen, eine schwingende Bewegung seiner Teile

aufweist. Wir nehmen diese Bewegung nur als Schall wahr, wenn wir

ein normal organisiertes Ohr haben. Ohne ein solches bliebe uns die

ganze Welt ewig stumm. Die Physiologie belehrt uns darüber, daß es

Menschen giebt, die nichts wahrnehmen von der herrlichen Farbenpracht,

die uns umgiebt. Ihr Wahrnehmungsbild weist nur Nuancen von Hell und

Dunkel auf. Andere nehmen nur eine bestimmte Farbe, z. B. das Rot,

nicht wahr. Ihrem Weltbilde fehlt dieser Farbenton, und es ist daher

thatsächlich ein anderes als das eines Durchschnittsmenschen. Ich

möchte die Abhängigkeit meines Wahrnehmungsbildes von meinem

Beobachtungsorte eine mathematische, die von meiner Organisation

eine qualitative nennen. Durch jene werden die Größenverhältnisse und

gegenseitigen Entfernungen meiner Wahrnehmungen bestimmt, durch diese

die Qualität derselben. Daß ich eine rote Fläche rot sehe -- diese

qualitative Bestimmung -- hängt von der Organisation meines Auges ab.

Meine Wahrnehmungsbilder sind also zunächst subjektiv. Die Erkenntnis

von dem subjektiven Charakter unserer Wahrnehmungen kann leicht zu

Zweifeln darüber führen, ob überhaupt etwas Objektives denselben

zum Grunde liegt. Wenn wir wissen, daß eine Wahrnehmung, z. B. die

der roten Farbe, oder eines bestimmten Tones nicht möglich ist,

ohne eine bestimmte Einrichtung unseres Organismus, so kann man zu

dem Glauben kommen, daß dieselbe, abgesehen von unserem subjektiven

Organismus keinen Bestand hat, daß sie ohne den Akt des Wahrnehmens,

dessen Objekt sie ist, keine Art des Daseins hat. Diese Ansicht hat in

George Berkeley einen klassischen Vertreter gefunden, der der Meinung

war, daß der Mensch von dem Augenblicke an, wo er sich der Bedeutung

des Subjekts für die Wahrnehmung bewußt geworden ist, nicht mehr an

eine ohne den bewußten Geist vorhandene Welt glauben könne. Er sagt:

"Einige Wahrheiten liegen so nahe und sind so einleuchtend, daß man nur

die Augen zu öffnen braucht, um sie zu sehen. Für eine solche halte

ich den wichtigen Satz, daß der ganze Chor am Himmel und alles, was

zur Erde gehört, mit einem Worte alle die Körper, die den gewaltigen

Bau der Welt zusammensetzen, keine Subsistenz außerhalb des Geistes

haben, daß ihr Sein in ihrem Wahrgenommen- oder Erkannt-Werden

besteht, daß sie folglich, so lange sie nicht wirklich von mir

wahrgenommen werden oder in meinem Bewußtsein oder dem eines anderen

geschaffenen Geistes existieren, entweder überhaupt keine Existenz

haben oder in dem Bewußtsein eines ewigen Geistes existieren". Für

diese Ansicht bleibt von der Wahrnehmung nichts mehr übrig, wenn man

von dem Wahrgenommen-Werden absieht. Es giebt keine Farbe, wenn keine

gesehen, keinen Ton, wenn keiner gehört wird. Ebensowenig wie Farbe

und Ton existieren Ausdehnung, Gestalt und Bewegung außerhalb des

Wahrnehmungsaktes. Wir sehen nirgends bloße Ausdehnung oder Gestalt,

sondern diese immer mit Farbe oder andern unbestreitbar von unserer

Subjektivität abhängigen Eigenschaften verknüpft. Wenn die letzteren

mit unserer Wahrnehmung verschwinden, so muß das auch bei den ersteren

der Fall sein, die an sie gebunden sind.

Dem Einwand, daß, wenn auch Figur, Farbe, Ton u. s. w. keine andere

Existenz als die innerhalb des Wahrnehmungsaktes haben, es doch

Dinge geben müsse, die ohne das Bewußtsein da sind und denen die

bewußten Wahrnehmungsbilder ähnlich seien, begegnet die geschilderte

Ansicht damit, daß sie sagt: eine Farbe kann nur ähnlich einer Farbe,

eine Figur ähnlich einer Figur sein. Unsere Wahrnehmungen können

nur unseren Wahrnehmungen, aber keinerlei anderen Dingen ähnlich

sein. Auch was wir einen Gegenstand nennen, ist nichts anderes als

eine Gruppe von Wahrnehmungen, die in einer bestimmten Weise verbunden

sind. Nehme ich von einem Tische Gestalt, Ausdehnung, Farbe u. s. w.,

kurz alles, was nur meine Wahrnehmung ist, weg, so bleibt nichts mehr

übrig. Diese Ansicht führt, konsequent verfolgt, zu der Behauptung:

Die Objekte meiner Wahrnehmungen sind nur durch mich vorhanden und

zwar nur insoferne und so lange ich sie wahrnehme; sie verschwinden

mit dem Wahrnehmen und haben keinen Sinn ohne dieses. Außer meinen

Wahrnehmungen weiß ich aber von keinen Gegenständen und kann von

keinen wissen.

Gegen diese Behauptung ist so lange nichts einzuwenden, als ich bloß

im allgemeinen den Umstand in Betracht ziehe, daß die Wahrnehmung von

der Organisation meines Subjektes mitbestimmt wird. Wesentlich anders

stellte sich die Sache aber, wenn wir imstande wären, anzugeben,

welches die Funktion unseres Wahrnehmens beim Zustandekommen einer

Wahrnehmung ist. Wir wüßten dann, was an der Wahrnehmung während des

Wahrnehmens geschieht, und könnten auch bestimmen, was an ihr schon

sein muß, bevor sie wahrgenommen wird.

Damit wird unsere Betrachtung von dem Objekt der Wahrnehmung auf das

Subjekt derselben geleitet. Ich nehme nicht nur andere Dinge wahr,

sondern ich nehme mich selbst wahr. Die Wahrnehmung meiner selbst hat

zunächst den Inhalt, daß ich das Bleibende bin gegenüber den immer

kommenden und gehenden Wahrnehmungsbildern. Die Wahrnehmung des Ich

geht in meinem Bewußtsein als Begleiter aller andern Wahrnehmungen

nebenher. Wenn ich in die Wahrnehmung eines gegebenen Gegenstandes

vertieft bin, so habe ich vorläufig nur von diesem ein Bewußtsein. Dazu

tritt dann die Wahrnehmung meines Selbst. Ich bin mir nunmehr nicht

bloß des Gegenstandes bewußt, sondern auch meiner Persönlichkeit,

die dem Gegenstand gegenübersteht und ihn beobachtet. Ich sehe

nicht bloß einen Baum, sondern ich weiß auch, daß ich es bin, der ihn

sieht. Ich erkenne auch, daß in mir etwas vorgeht, während ich den Baum

beobachte. Wenn der Baum aus meinem Gesichtskreise verschwindet, bleibt

ein Rückstand von diesem Vorgange: ein Bild des Baumes. Dieses Bild

hat sich während meiner Beobachtung mit meinem Selbst verbunden. Mein

Selbst hat sich bereichert; sein Inhalt hat ein neues Element in

sich aufgenommen. Dieses Element nenne ich meine Vorstellung von dem

Baume. Ich käme nie in die Lage von Vorstellungen zu sprechen, wenn

ich nicht die Wahrnehmung meines Selbst machte. Wahrnehmungen würden

kommen und gehen; ich ließe sie vorüberziehen. Nur dadurch, daß ich

mein Selbst wahrnehme und merke, daß mit jeder Wahrnehmung sich auch

dessen Inhalt ändert, sehe ich mich gezwungen, die Beobachtung des

Gegenstandes mit meiner eigenen Zustandsveränderung in Zusammenhang

zu bringen und von meiner Vorstellung zu sprechen.

Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung · 第 3 / 14 段