das Denken müssen wir erst durch Beobachtung kennen lernen. Es war
wesentlich die Beschreibung einer Beobachtung, als wir am Eingange
dieses Kapitels darstellten, wie sich das Denken an einem Vorgange
entzündet und über das ohne sein Zuthun Gegebene hinausgeht. Alles
was in den Kreis unserer Erlebnisse eintritt, werden wir durch die
Beobachtung erst gewahr. Der Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen,
Anschauungen, die Gefühle, Willensakte, Traum- und Phantasiegebilde,
Vorstellungen, Begriffe und Ideen, sämtliche Illusionen und
Hallucinationen werden uns durch die Beobachtung gegeben.
Nur unterscheidet sich das Denken als Beobachtungsobjekt doch
wesentlich von allen andern Dingen. Die Beobachtung eines Tisches,
eines Baumes tritt bei mir ein, sobald diese Gegenstände auf dem
Horizonte meiner Erlebnisse auftauchen. Das Denken aber über diese
Gegenstände beobachte ich nicht gleichzeitig. Den Tisch beobachte ich,
das Denken über den Tisch führe ich aus, aber ich beobachte es nicht
in demselben Augenblicke. Ich muß mich erst auf einen Standpunkt
außerhalb meiner eigenen Thätigkeit versetzen, wenn ich neben dem
Tische auch mein Denken über den Tisch beobachten will. Während das
Beobachten der Gegenstände und Vorgänge und das Denken darüber ganz
alltägliche, mein fortlaufendes Leben ausfüllende Zustände sind,
ist die Beobachtung des Denkens eine Art Ausnahmezustand. Diese
Thatsache muß in entsprechender Weise berücksichtigt werden, wenn
es sich darum handelt, das Verhältnis des Denkens zu allen anderen
Beobachtungsinhalten zu bestimmen. Man muß sich klar darüber sein,
daß man bei der Beobachtung des Denkens auf dieses ein Verfahren
anwendet, das für die Betrachtung des ganzen übrigen Weltinhaltes
den normalen Zustand bildet, das aber im Verfolge dieses normalen
Zustandes für das Denken selbst nicht eintritt.
Es könnte jemand den Einwand machen, daß das gleiche, was ich hier
von dem Denken bemerkt habe, auch von dem Fühlen und den übrigen
geistigen Thätigkeiten gelte. Wenn wir z. B. das Gefühl der Lust haben,
so entzünde sich das auch an einem Gegenstande, und ich beobachte
zwar diesen Gegenstand, nicht aber das Gefühl der Lust. Dieser
Einwand beruht aber auf einem Irrtum. Die Lust steht durchaus nicht
in demselben Verhältnisse zu ihrem Gegenstande wie der Begriff, den
das Denken bildet. Ich bin mir auf das bestimmteste bewußt, daß der
Begriff einer Sache durch meine Thätigkeit gebildet wird, während die
Lust in mir auf ähnliche Art durch einen Gegenstand erzeugt wird, wie
z. B. die Veränderung, die ein fallender Stein in einem Gegenstande
bewirkt, auf den er auffällt. Für die Beobachtung ist die Lust in
genau derselben Weise gegeben, wie der sie veranlassende Vorgang. Ein
Gleiches gilt nicht vom Begriffe. Ich kann fragen: warum erzeugt ein
bestimmter Vorgang bei mir das Gefühl der Lust? Aber ich kann durchaus
nicht fragen: warum erzeugt ein Vorgang bei mir eine bestimmte Summe
von Begriffen? Das hätte einfach keinen Sinn. Bei dem Nachdenken über
einen Vorgang handelt es sich gar nicht um eine Wirkung auf mich. Ich
kann dadurch nichts über mich erfahren, daß ich für die beobachtete
Veränderung, die ein gegen eine Fensterscheibe geworfener Stein in
dieser bewirkt, die entsprechenden Begriffe kenne. Aber ich erfahre
sehr wohl etwas über meine Persönlichkeit, wenn ich das Gefühl kenne,
das ein bestimmter Vorgang in mir erweckt. Wenn ich einem beobachteten
Gegenstand gegenüber sage: dies ist eine Rose, so sage ich über mich
selbst nicht das Geringste aus; wenn ich aber von demselben Dinge sage:
es bereitet mir das Gefühl der Lust, so habe ich nicht nur die Rose,
sondern auch mich selbst in meinem Verhältnis zur Rose charakterisiert.
Von einer Gleichstellung des Denkens mit dem Fühlen der Beobachtung
gegenüber kann also nicht die Rede sein. Dasselbe ließe sich leicht
auch für die andern Thätigkeiten des menschlichen Geistes ableiten. Sie
gehören dem Denken gegenüber in eine Reihe mit anderen beobachteten
Gegenständen und Vorgängen. Es gehört eben zu der eigentümlichen Natur
des Denkens, daß es eine Thätigkeit ist, die bloß auf den beobachteten
Gegenstand gelenkt ist und nicht auf die denkende Persönlichkeit. Das
spricht sich schon in der Art aus, wie wir unsere Gedanken über eine
Sache zum Ausdruck bringen im Gegensatz zu unseren Gefühlen oder
Willensakten. Wenn ich einen Gegenstand sehe und diesen als einen
Tisch erkenne, werde ich im allgemeinen nicht sagen: ich denke über
einen Tisch, sondern: dies ist ein Tisch. Wohl aber werde ich sagen:
ich freue mich über den Tisch. Im ersteren Falle kommt es mir eben gar
nicht darauf an, auszusprechen, daß ich zu dem Tisch in ein Verhältnis
trete; in dem zweiten Falle handelt es sich aber gerade um dieses
Verhältnis. Mit dem Ausspruch: ich denke über einen Tisch, trete ich
bereits in den oben charakterisierten Ausnahmezustand ein, wo etwas
zum Gegenstand der Beobachtung gemacht wird, was in unserer geistigen
Thätigkeit immer mitenthalten ist, aber nicht als beobachtetes Objekt.
Das ist die eigentümliche Natur des Denkens, daß der Denkende das
Denken vergisst, während er es ausübt. Nicht das Denken beschäftigt
ihn, sondern der Gegenstand des Denkens, den er beobachtet.
Die erste Beobachtung, die wir über das Denken machen, ist also die,
daß es das unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens
ist.
Der Grund, warum wir das Denken im alltäglichen Geistesleben nicht
beobachten, ist kein anderer als der, daß es auf unserer eigenen
Thätigkeit beruht. Was ich nicht selbst hervorbringe, tritt als
ein gegenständliches in mein Beobachtungsfeld ein. Ich sehe mich
ihm als einem ohne mich zustande Gekommenen gegenüber; es tritt an
mich heran; ich muß es als die Voraussetzung meines Denkprozesses
hinnehmen. Während ich über den Gegenstand nachdenke, bin ich mit
diesem beschäftigt, mein Blick ist ihm zugewandt. Diese Beschäftigung
ist eben die denkende Betrachtung. Nicht auf meine Thätigkeit,
sondern auf das Objekt dieser Thätigkeit ist meine Aufmerksamkeit
gerichtet. Mit anderen Worten: während ich denke, sehe ich nicht auf
mein Denken, das ich selbst hervorbringe, sondern auf das Objekt des
Denkens, das ich nicht hervorbringe.
Ich bin sogar in demselben Fall, wenn ich den Ausnahmszustand
eintreten lasse, und über mein Denken selbst nachdenke. Ich kann mein
gegenwärtiges Denken nie beobachten; sondern nur die Erfahrungen,
die ich über meinen Denkprozeß gemacht habe, kann ich nachher zum
Objekt des Denkens machen. Ich müßte mich in zwei Persönlichkeiten
spalten: in eine, die denkt, und in die andere, welche sich bei diesem
Denken selbst zusieht, wenn ich mein gegenwärtiges Denken beobachten
wollte. Das kann ich nicht. Ich kann das nur in zwei getrennten Akten
ausführen. Das Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das dabei in
Thätigkeit befindliche, sondern ein anderes. Ob ich zu diesem Zwecke
meine Beobachtungen an meinem eigenen früheren Denken mache, oder ob
ich den Gedankenprozeß einer anderen Person verfolge, oder endlich,
ob ich, wie im obigen Falle mit der Bewegung der Billardkugeln,
einen fingierten Gedankenprozeß voraussetze, darauf kommt es nicht an.
Zwei Dinge vertragen sich nicht: thätiges Hervorbringen und
beschauliches Gegenüberstellen. Das weiß schon das 1. Buch Moses. An
den ersten sechs Welttagen läßt es Gott die Welt hervorbringen, und
erst als sie da ist, ist die Möglichkeit vorhanden, sie zu beschauen:
"Und Gott sahe an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war
sehr gut." So ist es auch mit unserem Denken. Es muß erst da sein,
wenn wir es beobachten wollen.
Der Grund, der es uns unmöglich macht, das Denken in seinem
jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie
der, der es uns unmittelbarer und intimer erkennen läßt als jeden
andern Prozeß der Welt. Eben weil wir es selbst hervorbringen,
kennen wir das Charakteristische seines Verlaufs, die Art, wie
sich das dabei in Betracht kommende Geschehen vollzieht. Was in den
übrigen Beobachtungssphären nur auf mittelbare Weise gefunden werden
kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und das Verhältnis der
einzelnen Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz unmittelbare
Weise. Warum für meine Beobachtung der Donner auf den Blitz folgt,
weiß ich nicht ohne weiteres; warum mein Denken den Begriff Donner mit
dem des Blitzes verbindet, weiß ich unmittelbar aus den Inhalten der
beiden Begriffe. Es kommt natürlich gar nicht darauf an, ob ich die
richtigen Begriffe von Blitz und Donner habe. Der Zusammenhang derer,
die ich habe, ist mir klar und zwar durch sie selbst.
Diese durchsichtige Klarheit in Bezug auf den Denkprozeß ist ganz
unabhängig von unserer Kenntnis der physiologischen Grundlagen des
Denkens. Ich spreche hier von dem Denken, insoferne es sich aus der
Beobachtung unserer geistigen Thätigkeit ergiebt. Wie ein materieller
Vorgang meines Gehirns einen andern veranlaßt oder beeinflußt,
während ich eine Gedankenoperation ausführe, kommt dabei gar nicht in
Betracht. Was ich am Denken beobachte ist nicht: welcher Vorgang in
meinem Gehirne den Begriff des Blitzes mit dem des Donners verbindet,
sondern, was mich veranlaßt, die beiden Begriffe in ein bestimmtes
Verhältnis zu bringen. Meine Beobachtung ergiebt, daß ich mich in
meinen Gedankenverbindungen nach dem Inhalte meiner Gedanken richte,
nicht nach den materiellen Vorgängen in meinem Gehirn. Für ein weniger
materialistisches Zeitalter, als das unsrige, wäre diese Bemerkung
natürlich vollständig überflüssig. Gegenwärtig aber, wo es Leute giebt,
die glauben: wenn wir wissen, was Materie ist, werden wir auch wissen,
wie die Materie denkt, muß doch gesagt werden, daß man vom Denken
reden kann, ohne sogleich mit der Gehirnphysiologie in Kollision
zu treten. Es wird heute sehr vielen Menschen schwer, den Begriff
des Denkens in seiner Reinheit zu fassen. Wer der Vorstellung, die
ich hier vom Denken entwickelt habe, sogleich den Satz des Cabanis
entgegensetzt: "Das Gehirn sondert Gedanken ab wie die Leber Galle,
die Speicheldrüse Speichel u. s. w.", der weiß einfach nicht, wovon
ich rede. Er sucht das Denken durch einen bloßen Beobachtungsprozeß
zu finden in derselben Art, wie wir bei anderen Gegenständen des
Weltinhaltes verfahren. Er kann es aber auf diesem Wege nicht finden,
weil es sich, wie ich nachgewiesen habe, gerade da der normalen
Beobachtung entzieht. Wer den Materialismus nicht überwinden kann,
dem fehlt die Fähigkeit, bei sich den geschilderten Ausnahmezustand
herbeizuführen, der ihm zum Bewußtsein bringt, was bei aller andern
Geistesthätigkeit unbewußt bleibt. Wer den guten Willen nicht hat,
sich in diesen Standpunkt zu versetzen, mit dem könnte man über das
Denken so wenig wie mit dem Blinden über die Farbe sprechen. Er möge
nur aber nicht glauben, daß wir physiologische Prozesse für Denken
halten. Er erklärt das Denken nicht, weil er es überhaupt nicht sieht.
Für jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken zu beobachten --
und bei gutem Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch -- ist
diese Beobachtung die allerwichtigste, die er machen kann. Denn er
beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich
nicht einem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner eigenen
Thätigkeit gegenüber. Er weiß, wie das zustande kommt, was er
beobachtet. Er durchschaut die Verhältnisse und Beziehungen. Es ist
ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung
nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann.
Das Gefühl, einen solchen festen Punkt zu haben, veranlaßte den
Begründer der neueren Philosophie, Renatus Cartesius, das ganze
menschliche Wissen auf den Satz zu gründen: Ich denke, also bin
ich. Alle andern Dinge, alles andere Geschehen ist ohne mich da;
ich weiß nicht, ob als Wahrheit, ob als Gaukelspiel und Traum. Nur
eines weiß ich ganz unbedingt sicher, denn ich bringe es selbst zu
seinem sichern Dasein: mein Denken. Mag es noch einen andern Ursprung
seines Daseins haben, mag es von Gott oder anderswoher kommen; daß
es in dem Sinne da ist, in dem ich es selbst hervorbringe, dessen
bin ich gewiß. Einen andern Sinn seinem Satze unterzulegen hatte
Cartesius zunächst keine Berechtigung. Nur daß ich mich innerhalb des
Weltinhaltes in meinem Denken als in meiner ureigensten Thätigkeit
erfasse, konnte er behaupten. Was das darangehängte: also bin ich
heißen soll, darüber ist viel gestritten worden. Einen Sinn kann
es aber nur unter einer einzigen Bedingung haben. Die einfachste
Aussage, die ich von einem Dinge machen kann, ist die, daß es ist,
daß es existiert. Wie dann dieses Dasein näher zu bestimmen ist, das
ist bei keinem Dinge, das in den Horizont meiner Erlebnisse eintritt,
sogleich im Augenblicke zu sagen. Es wird jeder Gegenstand erst in
seinem Verhältnisse zu andern zu untersuchen sein, um bestimmen zu
können, in welchem Sinne von ihm als einem existierenden gesprochen
werden kann. Ein erlebter Vorgang kann eine Summe von Wahrnehmungen,
aber auch ein Traum, eine Hallucination u. s. w. sein. Kurz, ich
kann nicht sagen, in welchem Sinne er existiert. Das werde ich dem
Vorgange selbst nicht entnehmen können, sondern ich werde es erfahren,
wenn ich ihn im Verhältnisse zu andern Dingen betrachte. Da kann
ich aber wieder nicht mehr wissen, als wie er im Verhältnisse zu
diesen Dingen steht. Mein Suchen kommt erst auf einen festen Grund,
wenn ich ein Objekt finde, bei dem ich den Sinn seines Daseins aus
ihm selbst schöpfen kann. Das bin ich aber selbst als Denkender,
denn ich gebe meinem Dasein den bestimmten, in sich beruhenden Inhalt
der denkenden Thätigkeit. Nun kann ich von da ausgehen und fragen:
existieren die andern Dinge in dem gleichen oder in einem andern Sinne?
Wenn man das Denken zum Objekt der Beobachtung macht, fügt man zu
dem übrigen beobachteten Weltinhalte etwas hinzu, was sonst der
Aufmerksamkeit entgeht; man ändert aber nicht die Art, wie sich
der Mensch auch den andern Dingen gegenüber verhält. Man vermehrt
die Zahl der Beobachtungsobjekte, aber nicht die Methode des
Beobachtens. Während wir die andern Dinge beobachten, mischt sich in
das Weltgeschehen -- zu dem ich jetzt das Beobachten mitzähle -- ein
Prozeß, der übersehen wird. Es ist etwas von allem andern Geschehen
verschiedenes vorhanden, das nicht mitberücksichtigt wird. Wenn ich
aber mein Denken betrachte, so ist kein solches unberücksichtigtes
Element vorhanden. Denn was jetzt im Hintergrunde schwebt, ist selbst
wieder nur das Denken. Der beobachtete Gegenstand ist qualitativ
derselbe wie die Thätigkeit, die sich auf ihn richtet. Und das ist
wieder eine charakteristische Eigentümlichkeit des Denkens. Wenn
wir es zum Betrachtungsobjekt machen, sehen wir uns nicht gezwungen,
dies mit Hilfe eines Qualitativ-Verschiedenen zu thun, sondern wir
können in demselben Element verbleiben.
Wenn ich einen ohne mein Zuthun gegebenen Gegenstand in mein Denken
einspinne, so gehe ich über meine Beobachtung hinaus, und es wird
sich darum handeln: was giebt mir ein Recht dazu? Warum lasse ich
den Gegenstand nicht einfach auf mich einwirken? Auf welche Weise ist
es möglich, daß mein Denken einen Bezug zu dem Gegenstande hat? Das
sind Fragen, die sich jeder stellen muß, der über seine eigenen
Gedankenprozeße nachdenkt. Sie fallen weg, wenn man über das Denken
selbst nachdenkt. Wir fügen zu dem Denken nichts ihm Fremdes hinzu,
haben uns also auch über ein solches Hinzufügen nicht zu rechtfertigen.
Schelling sagt: "Die Natur erkennen, heißt die Natur schaffen." Wer
diese Worte des tollkühnen Naturphilosophen wörtlich nimmt, wird wohl
zeitlebens auf alles Naturerkennen verzichten müssen. Denn die Natur
ist einmal da, und um sie ein zweites Mal zu schaffen, muß man die
Prinzipien erkennen, nach denen sie entstanden ist. Für die Natur,
die man erst schaffen wollte, müßte man der bereits bestehenden die
Bedingungen ihres Daseins abgucken. Dieses Abgucken, das dem Schaffen
vorausgehen müßte, wäre aber das Erkennen der Natur, und zwar auch
dann, wenn nach erfolgtem Abgucken das Schaffen ganz unterbliebe. Nur
eine noch nicht vorhandene Natur könnte man schaffen, ohne sie vorher
zu erkennen.
Was bei der Natur unmöglich ist: das Schaffen vor dem Erkennen; beim
Denken vollbringen wir es. Wollten wir mit dem Denken warten, bis wir
es erkannt haben, dann kämen wir nie dazu. Wir müssen resolut darauf
losdenken, um hinterher mittels der Beobachtung des Selbstgethanen zu
seiner Erkenntnis zu kommen. Der Beobachtung des Denkens schaffen wir
selbst erst ein Objekt. Für das Vorhandensein aller anderen Objekte
ist ohne unser Zuthun gesorgt worden.
Leicht könnte jemand meinem Satze: wir müssen denken, bevor wir
das Denken betrachten können, den andern als gleichberechtigt
entgegenstellen: wir können auch mit dem Verdauen nicht warten, bis
wir den Vorgang des Verdauens beobachtet haben. Das wäre ein Einwand
ähnlich dem, den Pascal dem Cartesius machte, indem er behauptete,
man könne auch sagen: ich gehe spazieren, also bin ich. Ganz gewiß
muß ich auch resolut verdauen, bevor ich den physiologischen Prozeß
der Verdauung studiert habe. Aber mit der Betrachtung des Denkens
ließe sich das nur vergleichen, wenn ich die Verdauung hinterher
nicht denkend betrachten, sondern essen und verdauen wollte. Das
ist doch eben auch nicht ohne Grund, daß das Verdauen zwar nicht
Gegenstand des Verdauens, das Denken aber sehr wohl Gegenstand des
Denkens werden kann.
Es ist also zweifellos: in dem Denken halten wir das Weltgeschehen
an einem Zipfel, wo wir dabei sein müssen, wenn etwas zustande kommen
soll. Und das ist doch gerade das, worauf es ankommt. Das ist gerade
der Grund, warum mir die Dinge so rätselhaft gegenüberstehen: daß ich
an ihrem Zustandekommen so unbeteiligt bin. Ich finde sie einfach vor;
beim Denken aber weiß ich, wie es gemacht wird. Daher giebt es keinen
ursprünglicheren Ausgangspunkt für das Betrachten alles Weltgeschehens
als das Denken.
Ich möchte nun einen weitverbreiteten Irrtum noch erwähnen, der in
Bezug auf das Denken herrscht. Er besteht darin, daß man sagt: das
Denken, so wie es an sich selbst ist, ist uns nirgends gegeben. Das
Denken, das die Beobachtungen unserer Erfahrungen verbindet und mit
einem Netz von Begriffen durchspinnt, sei durchaus nicht dasselbe
wie dasjenige, das wir hinterher wieder von den Gegenständen der
Beobachtung herausschälen und zum Gegenstande unserer Betrachtung
machen. Was wir erst unbewußt in die Dinge hineinweben, sei ein ganz
anderes, als was wir dann mit Bewußtsein wieder herauslösen.
Wer so schließt, der begreift nicht, daß es ihm gar nicht möglich
ist, dem Denken zu entschlüpfen. Ich kann aus dem Denken gar nicht
herauskommen, wenn ich das Denken betrachten will. Wenn man das
vorbewußte Denken, von dem nachher bewußten Denken unterscheidet, so
sollte man doch nicht vergessen, daß diese Unterscheidung eine ganz
äußerliche ist, die mit der Sache selbst gar nichts zu thun hat. Ich
mache eine Sache dadurch überhaupt nicht zu einer andern, daß ich
sie denkend betrachte. Ich kann mir denken, daß ein Wesen mit ganz
anders gearteten Sinnesorganen und mit einer anders funktionierenden
Intelligenz von einem Pferde eine ganz andere Vorstellung hat als ich,
aber ich kann mir nicht denken, daß mein eigenes Denken dadurch ein
anderes wird, daß ich es beobachte. Ich beobachte selbst, was ich
selbst vollbringe. Wie mein Denken sich für eine andere Intelligenz
ausnimmt als die meine, davon ist jetzt nicht die Rede; sondern
davon, wie es sich für mich ausnimmt. Jedenfalls aber kann das Bild
meines Denkens in einer andern Intelligenz nicht ein wahreres sein
als mein eigenes. Nur wenn ich nicht selbst das denkende Wesen wäre,
sondern das Denken mir als Thätigkeit eines mir fremdartigen Wesens
gegenüberträte, könnte ich davon sprechen, daß mein Bild des Denkens
zwar auf eine bestimmte Weise auftrete; wie das Denken des Wesens
aber an sich selber sei, das könnte ich nicht wissen.
Mein eigenes Denken von einem anderen Standpunkte aus anzusehen, liegt
aber vorläufig für mich nicht die geringste Veranlassung vor. Ich
betrachte ja die ganze übrige Welt mit Hilfe des Denkens. Wie sollte
ich bei meinem Denken hiervon eine Ausnahme machen.
Damit betrachte ich für genügend gerechtfertigt, wenn ich in meiner
Weltbetrachtung von dem Denken ausgehe. Als Archimedes den Hebel
erfunden hatte, da glaubte er mit seiner Hilfe den ganzen Kosmos
aus den Angeln heben zu können, wenn er nur einen Punkt fände, wo
er sein Instrument aufstützen könnte. Er brauchte etwas, was durch
sich selbst, nicht durch anderes getragen wird. Im Denken haben
wir ein Prinzip, das durch sich selbst besteht. Von hier aus sei
es versucht, die Welt zu begreifen. Das Denken können wir durch es
selbst erfassen. Die Frage ist nur, ob wir durch dasselbe auch noch
etwas anderes ergreifen können.
Ich habe bisher von dem Denken gesprochen, ohne auf seinen Träger, das
menschliche Bewußtsein, Rücksicht zu nehmen. Die meisten Philosophen
der Gegenwart werden mir einwenden: bevor es ein Denken giebt, muß
es ein Bewußtsein geben. Deshalb sei vom Bewußtsein und nicht vom
Denken auszugehen. Es gebe kein Denken ohne Bewußtsein. Ich muß dem
gegenüber erwidern: Wenn ich darüber Aufklärung haben will, welches
Verhältnis zwischen Denken und Bewußtsein besteht, so muß ich darüber
nachdenken. Ich setze das Denken damit voraus. Nun kann man darauf
allerdings antworten: Wenn der Philosoph das Bewußtsein begreifen
will, dann bedient er sich des Denkens; er setzt es insoferne voraus;
im gewöhnlichen Verlaufe des Lebens aber entsteht das Denken innerhalb
des Bewußtseins und setzt also dieses voraus. Wenn diese Antwort dem
Weltschöpfer gegeben würde, der das Denken schaffen will, so wäre
sie ohne Zweifel berechtigt. Man kann natürlich das Denken nicht
entstehen lassen, ohne vorher das Bewußtsein zustande zu bringen. Dem
Philosophen aber handelt es sich nicht um die Weltschöpfung, sondern
um das Begreifen derselben. Er hat daher auch nicht die Ausgangspunkte
für das Schaffen, sondern für das Begreifen der Welt zu suchen. Ich
finde es ganz sonderbar, wenn man dem Philosophen vorwirft, daß er
sich vor allen andern Dingen um die Richtigkeit seiner Prinzipien,
nicht aber sogleich um die Gegenstände bekümmert, die er begreifen
will. Der Weltschöpfer mußte vor allem wissen, wie er einen Träger für
das Denken findet, der Philosoph aber muß nach einer sichern Grundlage
suchen, von der aus er das Vorhandene begreifen kann. Was frommt es
uns, wenn wir vom Bewußtsein ausgehen und es der denkenden Betrachtung
unterwerfen, wenn wir vorher über die Möglichkeit, durch denkende
Betrachtung Aufschluß über die Dinge zu bekommen, nichts wissen?