Auch hier wird nur von Motiven im allgemeinen gesprochen, oh

DIE PHILOSOPHIE DER FREIHEIT.

GRUNDZÜGE EINER MODERNEN WELTANSCHAUUNG.

VON

DR. RUDOLF STEINER.

Beobachtungs-Resultate nach naturwissenschaftlicher

Methode.

BERLIN.

VERLAG VON EMIL FELBER.

1894.

Alle Rechte vorbehalten.

INHALT.

Wissenschaft der Freiheit. Seite

Die Ziele alles Wissens 3

Das bewußte menschliche Handeln 9

Der Grundtrieb zur Wissenschaft 22

Das Denken im Dienste der Weltauffassung 31

Die Welt als Wahrnehmung 52

Das Erkennen der Welt 77

Die menschliche Individualität 100

Giebt es Grenzen des Erkennens? 108

Die Wirklichkeit der Freiheit.

Die Faktoren des Lebens 129

Die Idee der Freiheit 136

Freiheitsphilosophie und Monismus 162

Weltzweck und Lebenszweck (Bestimmung des Menschen) 170

Die moralische Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit) 177

Der Wert des Lebens (Pessimismus und Optimismus) 191

Individualität und Gattung 224

Die letzten Fragen.

Die Konsequenzen des Monismus 233

WISSENSCHAFT DER FREIHEIT.

I.

DIE ZIELE ALLES WISSENS.

Ich glaube einen Grundzug unseres Zeitalters richtig zu treffen, wenn

ich sage: der Kultus des menschlichen Individuums strebt gegenwärtig

dahin, Mittelpunkt aller Lebensinteressen zu werden. Mit Energie wird

die Überwindung jeder wie immer gearteten Autorität erstrebt. Was

gelten soll, muß seinen Ursprung in den Wurzeln der Individualität

haben. Abgewiesen wird alles, was die volle Entfaltung der Kräfte

des Einzelnen hemmt. "Ein jeglicher muß seinen Helden wählen, dem

er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet," gilt nicht mehr für

uns. Wir lassen uns keine Ideale aufdrängen; wir sind überzeugt, daß

in jedem von uns etwas lebt, das edel ist und wert, zur Entwicklung

zu kommen, wenn wir nur tief genug, bis in den Grund unseres Wesens,

hinabzusteigen vermögen. Wir glauben nicht mehr daran, daß es einen

Normalmenschen giebt, zu dem alle hinstreben sollen. Unsere Anschauung

von der Vollkommenheit des Ganzen ist die, daß es auf der besonderen

Vollkommenheit jedes einzelnen Individuums beruht. Nicht das, was

jeder andere auch kann, wollen wir hervorbringen, sondern, was nach

der Eigentümlichkeit unseres Wesens nur uns möglich ist, soll als

unser Scherflein der Weltentwicklung einverleibt werden. Niemals

wollten die Künstler weniger wissen von Normen und Regeln der Kunst

als heute. Jeder behauptet ein Recht zu haben, das künstlerisch

zu gestalten, was ihm eigen ist. Es giebt Dramatiker, die lieber

im Dialekt schreiben, als in einer von der Grammatik geforderten

Normalsprache.

Keinen besseren Ausdruck kann ich finden für diese Erscheinungen

als den: sie gehen hervor aus dem bis aufs Höchste gesteigerten

Freiheitsdrang des Individuums. Wir wollen nach keiner Richtung

abhängig sein; und wo Abhängigkeit sein muß, da ertragen wir sie nur,

wenn sie mit einem Lebensinteresse unseres Individuums zusammenfällt.

Ein solches Zeitalter kann auch die Wahrheit nur aus der Tiefe des

menschlichen Wesens schöpfen wollen. Von Schillers bekannten zwei

Wegen:

"Wahrheit suchen wir beide, du außen im Leben, ich innen

In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiß.

Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer;

Ist es das Herz, dann gewiß spiegelt es innen die Welt"

wird der Gegenwart vorzüglich der zweite frommen. Eine Wahrheit,

die uns von außen kommt, trägt immer den Stempel der Unsicherheit

an sich. Nur was einem jeden von uns in seinem eigenen Innern als

Wahrheit erscheint, daran mögen wir glauben.

Nur die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im Entwickeln unserer

individuellen Kräfte. Wer von Zweifeln gequält ist, dessen Kräfte

sind gelähmt. In einer Welt, die ihm rätselhaft ist, kann er kein

Ziel seines Schaffens finden.

Wir wollen nicht mehr glauben; wir wollen wissen. Der Glaube fordert

Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz durchschauen. Was wir

aber nicht durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das alles mit

seinem tiefsten Innern durchleben will. Nur das Wissen befriedigt uns,

das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben

der Persönlichkeit entspringt.

Wir wollen auch kein solches Wissen, das in eingefrornen Schulregeln

sich ein- für allemal ausgestaltet hat, und in, für alle Zeiten

gültigen Kompendien aufbewahrt ist. Wir halten uns jeder berechtigt,

von seinen nächsten Erfahrungen, seinen unmittelbaren Erlebnissen

auszugehen, und von da aus zur Erkenntnis des ganzen Universums

aufzusteigen. Wir erstreben ein sicheres Wissen, aber jeder auf seine

eigene Art.

Unsere wissenschaftlichen Lehren sollen auch nicht mehr eine solche

Gestalt annehmen, als wenn ihre Anerkennung Sache eines unbedingten

Zwanges wäre. Keiner von uns möchte einer wissenschaftlichen

Schrift einen Titel geben, wie einst Fichte: "Sonnenklarer Bericht

an das größere Publikum über das eigentliche Wesen der neuesten

Philosophie. Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen." Heute

soll niemand zum Verstehen gezwungen werden. Wen nicht ein besonderes,

individuelles Bedürfnis zu einer Anschauung treibt, von dem fordern

wir keine Anerkennung. Auch dem noch unreifen Menschen, dem Kinde,

wollen wir gegenwärtig keine Erkenntnisse eintrichtern, sondern

wir suchen seine Fähigkeiten zu entwickeln, damit es nicht mehr zum

Verstehen gezwungen zu werden braucht, sondern verstehen will.

Ich gebe mich keiner Illusion hin in Bezug auf diese Charakteristik

meines Zeitalters. Ich weiß, wie viel individualitätloses Schablonentum

lebt und sich breit macht. Aber ich weiß ebenso gut, daß viele meiner

Zeitgenossen im Sinne der angedeuteten Richtung ihr Leben einzurichten

suchen. Ihnen möchte ich diese Schrift widmen. Sie soll nicht "den

einzig möglichen" Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll von demjenigen

erzählen, den einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu thun ist.

Die Schrift führt zuerst in abstraktere Gebiete, wo der Gedanke

scharfe Contouren ziehen muß, um zu sichern Punkten zu kommen. Aber

der Leser wird aus den dürren Begriffen heraus auch in das konkrete

Leben geführt. Ich bin eben durchaus der Ansicht, daß man auch

in das Ätherreich der Abstraktion sich erheben muß, wenn man das

Dasein nach allen Richtungen durchleben will. Wer nur mit den

Sinnen zu genießen versteht, der kennt die Leckerbissen des Lebens

nicht. Die orientalischen Gelehrten lassen die Lernenden erst Jahre

eines entsagenden und asketischen Lebens verbringen, bevor sie

ihnen mitteilen, was sie selbst wissen. Das Abendland fordert zur

Wissenschaft keine frommen Übungen und keine Askese mehr, aber es

verlangt dafür den guten Willen, kurze Zeit sich den unmittelbaren

Eindrücken des Lebens zu entziehen, und in das Gebiet der reinen

Gedankenwelt sich zu begeben.

Der Gebiete des Lebens sind viele. Für jedes einzelne entwickeln

sich besondere Wissenschaften. Das Leben selbst aber ist eine

Einheit, und je mehr die Wissenschaften bestrebt sind, sich in die

einzelnen Gebiete zu vertiefen, desto mehr entfernen sie sich von

der Anschauung des lebendigen Weltganzen. Es muß ein Wissen geben,

das in den einzelnen Wissenschaften die Elemente sucht, um den

Menschen zum vollen Leben wieder zurückzuführen. Der wissenschaftliche

Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse ein Bewußtsein von

der Welt und ihren Wirkungen erwerben; in dieser Schrift ist das Ziel

ein philosophisches: die Wissenschaft soll selbst organisch-lebendig

werden. Die Einzelwissenschaften sind Vorstufen der hier angestrebten

Wissenschaft. Ein ähnliches Verhältnis herrscht in den Künsten. Der

Komponist arbeitet auf Grund der Kompositionslehre. Die letztere

ist eine Summe von Kenntnissen, deren Besitz eine notwendige

Vorbedingung des Komponierens ist. Im Komponieren dienen die Gesetze

der Kompositionslehre dem Leben, der realen Wirklichkeit. Genau

in demselben Sinne ist die Philosophie eine Kunst. Alle wirklichen

Philosophen waren Begriffskünstler. Für sie wurden die menschlichen

Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur

künstlerischen Technik. Das abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes,

individuelles Leben. Die Ideen werden Lebensmächte. Wir haben dann

nicht bloß ein Wissen von den Dingen, sondern wir haben das Wissen

zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser

wirkliches, thätiges Bewußtsein hat sich über ein bloß passives

Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.

Wie sich die Philosophie als Kunst zur Freiheit des Menschen verhält,

was die letztere ist, und ob wir ihrer teilhaftig sind oder es

werden können: das ist die Hauptfrage meiner Schrift. Alle anderen

wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier nur, weil sie zuletzt

Aufklärung geben über jene, meiner Meinung nach, den Menschen am

nächsten liegenden Fragen. Eine "Philosophie der Freiheit" soll in

diesen Blättern gegeben werden.

Alle Wissenschaft wäre nur Befriedigung müßiger Neugierde, wenn

sie nicht auf die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen

Persönlichkeit hinstrebte. Den wahren Wert erhalten die Wissenschaften

erst durch eine Darstellung der menschlichen Bedeutung ihrer

Resultate. Nicht die Veredlung eines einzelnen Seelenvermögens

kann Endzweck des Individuums sein, sondern die Entwicklung aller

in uns schlummernden Fähigkeiten. Das Wissen hat nur dadurch Wert,

daß es einen Beitrag liefert zur allseitigen Entfaltung der ganzen

Menschennatur.

Diese Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und

Leben nicht so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat und

seine Kräfte ihrem Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er

sich der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen Zielen,

die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.

Man muß sich der Idee als Herr gegenüberstellen, sonst gerät man

unter ihre Knechtschaft.

II.

DAS BEWUSSTE MENSCHLICHE HANDELN.

Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln frei, oder steht er

unter dem Zwange einer ehernen Notwendigkeit? Auf wenige Fragen

ist soviel Scharfsinn gewendet worden, als auf diese. Die Idee der

Freiheit hat warme Anhänger wie hartnäckige Gegner in reicher Zahl

gefunden. Es giebt Menschen, die in ihrem sittlichen Pathos jeden für

einen beschränkten Geist erklären, der eine so offenkundige Thatsache

wie die Freiheit zu leugnen vermag. Ihnen stehen andere gegenüber,

die darin den Gipfel der Unwissenschaftlichkeit erblicken, wenn jemand

die Gesetzmäßigkeit der Natur auf dem Gebiete des menschlichen Handelns

und Denkens unterbrochen glaubt. Ein und dasselbe Ding wird hier gleich

oft für das kostbarste Gut der Menschheit wie für die ärgste Illusion

erklärt. Unendliche Spitzfindigkeit wurde aufgewendet, um zu erklären,

wie sich die menschliche Freiheit mit dem Wirken in der Natur, der

doch auch der Mensch angehört, verträgt. Nicht geringer ist die Mühe,

mit der von anderer Seite begreiflich zu machen gesucht wurde, wie

eine solche Wahnidee hat entstehen können. Daß man es hier mit einer

der wichtigsten Fragen des Lebens, der Religion, der Praxis und der

Wissenschaft zu thun hat, das fühlt jeder, bei dem nicht das Gegenteil

von Gründlichkeit der hervorstechendste Zug seines Charakters ist. Und

es gehört zu den traurigen Zeichen der Oberflächlichkeit gegenwärtigen

Denkens, daß ein Buch, das aus den Ergebnissen neuerer Naturforschung

einen "neuen Glauben" prägen will (Dav. Fried. Strauss: "Der alte

und neue Glaube"), über diese Frage nichts enthält als die Worte:

"Auf die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens haben wir uns

hierbei nicht einzulassen. Die vermeintlich indifferente Wahlfreiheit

ist von jeder Philosophie, die des Namens wert war, immer als ein

leeres Phantom erkannt worden; die sittliche Wertbestimmung der

menschlichen Handlungen und Gesinnungen aber bleibt von jener Frage

unberührt." Nicht weil ich glaube, daß das Buch, in dem sie steht,

eine besondere Bedeutung hat, führe ich diese Stelle hier an, sondern

weil sie mir die Meinung auszusprechen scheint, bis zu der sich in der

fraglichen Angelegenheit die Mehrzahl unserer denkenden Zeitgenossen

aufzuschwingen vermag. Daß die Freiheit darin nicht bestehen könne,

von zwei möglichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder die

andere zu wählen, scheint heute jeder zu wissen, der darauf Anspruch

macht, den wissenschaftlichen Kinderschuhen entwachsen zu sein. Es

ist immer, so behauptet man, ein ganz bestimmter Grund vorhanden,

warum man von mehreren möglichen Handlungen gerade eine bestimmte

zur Ausführung bringt.

Das scheint einleuchtend. Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage

die Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit. Sagt

doch sogar Herbert Spencer, dessen Ansichten mit jedem Tage an

Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien der Psychologie, von Herbert

Spencer, deutsche Ausgabe von Dr. B. Vetter, Stuttgart 1882): "Daß

aber jedermann auch nach Belieben begehren oder nicht begehren könne,

was der eigentliche, im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das

wird freilich ebensosehr durch die Analyse des Bewußtseins, als durch

den Inhalt der vorhergehenden Kapitel (der Psychologie) verneint." Von

demselben Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn sie den Begriff

des freien Willens bekämpfen. Im Keime finden sich alle diesbezüglichen

Ausführungen schon bei Spinoza. Was dieser klar und einfach gegen

die Idee der Freiheit vorbrachte, das wurde seitdem unzählige Male

wiederholt, nur eingehüllt zumeist in die spitzfindigsten theoretischen

Lehren, sodaß es schwer wird, den schlichten Gedankengang, auf den

es allein ankommt, zu erkennen. Spinoza schreibt in einem Briefe

vom Oktober oder November 1674: "Ich nenne nämlich die Sache frei,

die aus der bloßen Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und

gezwungen nenne ich die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken

in genauer und fester Weise bestimmt wird. So besteht z. B. Gott,

obgleich notwendig, doch frei, weil er nur aus der Notwendigkeit

seiner Natur allein besteht. Ebenso erkennt Gott sich selbst und alles

andere frei, weil es aus der Notwendigkeit seiner Natur allein folgt,

daß er alles erkennt. Sie sehen also, daß ich die Freiheit nicht in

ein freies Beschließen, sondern in eine freie Notwendigkeit setze.

"Doch wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen, welche

sämtlich von äußeren Ursachen bestimmt werden, in fester und genauer

Weise zu bestehen und zu wirken. Um dies deutlicher einzusehen, wollen

wir uns eine ganz einfache Sache vorstellen. So erhält z. B. ein

Stein von einer äußeren, ihn stoßenden Ursache eine gewisse Menge

von Bewegung, mit der er nachher, wenn der Stoß der äußeren Ursache

aufgehört hat, notwendig fortfährt, sich zu bewegen. Dieses Beharren

des Steines in seiner Bewegung ist deshalb ein erzwungenes und kein

notwendiges, weil es durch den Stoß einer äußeren Ursache definiert

werden muß. Was hier von dem Stein gilt, gilt von jeder anderen

einzelnen Sache, und mag sie noch so zusammengesetzt und zu vielem

geeignet sein, nämlich, daß jede Sache notwendig von einer äußeren

Ursache bestimmt wird, in fester und genauer Weise zu bestehen und

zu wirken.

"Nehmen Sie nun, ich bitte, an, daß der Stein, während er sich bewegt,

denkt und weiß, er bestrebe sich, soviel er kann, in dem Bewegen

fortzufahren. Dieser Stein, der nur seines Strebens sich bewußt ist

und keineswegs gleichgültig sich verhält, wird glauben, daß er ganz

frei sei und daß er aus keinem anderen Grunde in seiner Bewegung

fortfahre, als weil er es wolle. Dies ist aber jene menschliche

Freiheit, die alle zu besitzen behaupten und die nur darin besteht,

daß die Menschen ihres Begehrens sich bewußt sind, aber die Ursachen,

von denen sie bestimmt werden, nicht kennen. So glaubt das Kind,

daß es die Milch frei begehre, und der zornige Knabe, daß er frei

die Rache verlange, und der Furchtsame die Flucht. Ferner glaubt

der Betrunkene, daß er nach freiem Entschluß dies spreche, was er,

wenn er nüchtern geworden, gern nicht gesprochen hätte, und da dieses

Vorurteil allen Menschen angeboren ist, so kann man sich nicht leicht

davon befreien. Denn wenn auch die Erfahrung genügend lehrt, daß

die Menschen am wenigsten ihr Begehren mäßigen können und daß sie,

von entgegengesetzten Leidenschaften bewegt, das Bessere einsehen

und das Schlechtere thun, so halten sie sich doch für frei und zwar,

weil sie manches weniger stark begehren und manches Begehren leicht

durch die Erinnerung an anderes, dessen man sich oft entsinnt,

gehemmt werden kann."

Weil hier eine klar und bestimmt ausgesprochene Ansicht vorliegt, wird

es auch leicht, den Grundirrtum, der darin steckt, aufzudecken. So

notwendig wie der Stein auf einen Anstoß hin eine bestimmte Bewegung

ausführt, ebenso notwendig soll der Mensch eine Handlung ausführen,

wenn er durch irgend einen Grund dazu getrieben wird. Nur weil der

Mensch ein Bewußtsein von seiner Handlung hat, hält er sich für

den freien Veranlasser derselben. Er übersieht dabei aber, daß eine

Ursache ihn treibt, der er unbedingt folgen muß. Der Irrtum in diesem

Gedankengange ist bald gefunden. Spinoza und alle, die denken wie

er, übersehen, daß der Mensch nicht nur ein Bewußtsein von seiner

Handlung hat, sondern es auch von den Ursachen haben kann, von denen

er geleitet wird. Niemand wird es bestreiten, daß das Kind unfrei

ist, wenn es die Milch begehrt, daß der Betrunkene es ist, wenn er

Dinge spricht, die er später bereut. Beide wissen nichts von den

Ursachen, die in den Tiefen ihres Organismus thätig sind, und unter

deren unwiderstehlichem Zwange sie stehen. Aber ist es berechtigt,

Handlungen dieser Art in einen Topf zu werfen mit solchen, bei denen

sich der Mensch nicht nur seines Handelns bewußt ist, sondern auch der

Gründe, die ihn veranlassen? Sind die Handlungen der Menschen denn

von einerlei Art? Darf die That des Kriegers auf dem Schlachtfelde,

die des wissenschaftlichen Forschers im Laboratorium, des Staatsmannes

in verwickeltsten diplomatischen Angelegenheiten wissenschaftlich

auf gleiche Stufe gestellt werden mit der des Kindes, wenn es nach

Milch begehrt? Wohl ist es wahr, daß man die Lösung einer Aufgabe

da am besten versucht, wo die Sache am einfachsten ist. Aber oft

schon hat der Mangel an Unterscheidungsvermögen endlose Verwirrung

gebracht. Und ein tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich

weiß, warum ich etwas thue, oder ob das nicht der Fall ist. Zunächst

scheint das eine ganz selbstverständliche Wahrheit zu sein. Und doch

wird von den Gegnern der Freiheit nie darnach gefragt: ob denn ein

Beweggrund meines Handelns, den ich erkenne und durchschaue, für mich

in gleichem Sinne einen Zwang bedeutet, wie der organische Prozeß,

der das Kind veranlaßt, nach Milch zu schreien.

Eduard von Hartmann behauptet in seiner "Phänomenologie des

sittlichen Bewußtseins" (S. 451), das menschliche Wollen hänge

von zwei Hauptfaktoren ab: von den Beweggründen und von dem

Charakter. Betrachtet man die Menschen alle als gleich, oder

doch ihre Verschiedenheiten als unerheblich, so erscheint ihr

Wollen von außen als bestimmt; nämlich durch die Umstände, die an

sie herantreten. Erwägt man aber, daß verschiedene Menschen eine

Vorstellung erst dann zum Beweggrund ihres Handelns machen, wenn ihr

Charakter ein solcher ist, der durch die entsprechende Vorstellung

zu einer Begehrung veranlaßt wird, so erscheint der Mensch von innen

bestimmt und nicht von außen. Der Mensch glaubt nun, weil er, gemäß

seinem Charakter, eine ihm von außen aufgedrängte Vorstellung erst

zum Beweggrund machen muß: er sei frei, d. h. unabhängig von äußeren

Beweggründen. Die Wahrheit aber ist, nach Eduard von Hartmann, daß:

"wenn wir auch selbst die Vorstellungen erst zu Motiven erheben, so

thun wir dies doch nicht willkürlich, sondern nach der Notwendigkeit

unserer charakterologischen Veranlagung, also nichts weniger als

frei." Auch hier bleibt der Umstand ohne alle Berücksichtigung, der

besteht zwischen Beweggründen, die ich erst auf mich wirken lasse,

nachdem ich sie mit meinem Bewußtsein durchdrungen habe, und solchen,

denen ich folge, ohne daß ich ein klares Wissen von ihnen besitze.

Und dies führt unmittelbar auf den Standpunkt, von dem aus hier die

Sache angesehen werden soll. Darf die Frage nach der Freiheit unseres

Willens überhaupt einseitig für sich versucht werden? Und wenn nicht:

mit welcher andern muß sie notwendig verknüpft werden?

Ist ein Unterschied zwischen einem bewußten Beweggrund meines Handelns

und einem unbewußten, dann wird der erstere auch eine Handlung nach

sich ziehen, die anders beurteilt werden muß, als eine solche aus

blindem Drange. Die Frage nach diesem Unterschied wird also die erste

sein. Und was sie ergiebt, davon wird es erst abhängen, wie wir uns

zu der eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen haben.

Was heißt es, ein Wissen von den Gründen seines Handelns haben? Man

hat diese Frage zu wenig berücksichtigt, weil man leider immer in zwei

Teile zerrissen hat, was ein untrennbares Ganzes ist: den Menschen. Den

Handelnden und den Erkennenden unterschied man, und leer ausgegangen

ist dabei nur der, auf den es vor allen andern Dingen ankommt: der

aus Erkenntnis Handelnde.

Man sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter der Herrschaft seiner

Vernunft stehe und nicht unter der der animalischen Begierden. Oder

auch: Freiheit bedeute, sein Leben und Handeln nach Zwecken und

Entschlüssen bestimmen zu können.

Mit Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts gewonnen. Denn das

ist ja eben die Frage, ob die Vernunft, ob Zwecke und Entschlüsse in

gleicher Weise auf den Menschen einen Zwang ausüben wie animalische

Begierden. Wenn ohne mein Zuthun ein vernünftiger Entschluß in mir

auftaucht, gerade mit derselben Notwendigkeit wie Hunger und Durst,

dann kann ich ihm nur notgedrungen folgen, und meine Freiheit ist

eine Illusion.

Eine andere Redensart lautet: Freisein heißt: nicht wollen können,

was man will, sondern thun können, was man will. Diesem Gedanken

hat der Dichterphilosoph Robert Hamerling in seiner "Atomistik des

Willens" einen scharfumrissenen Ausdruck gegeben. "Der Mensch kann

allerdings thun, was er will -- aber er kann nicht wollen, was er will,

weil sein Wille durch Motive bestimmt ist! -- Er kann nicht wollen

was er will? Sehe man sich diese Worte doch einmal näher an. Ist

ein vernünftiger Sinn darin? Freiheit des Wollens müßte also darin

bestehen, daß man ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen könnte? Aber

was heißt denn Wollen anders, als einen Grund haben, dies lieber zu

thun oder anzustreben als jenes? Ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen,

hieße etwas wollen, ohne es zu wollen. Mit dem Begriffe des Wollens

ist der des Motivs unzertrennlich verknüpft. Ohne ein bestimmendes

Motiv ist der Wille ein leeres Vermögen: erst durch das Motiv wird er

thätig und reell. Es ist also ganz richtig, daß der menschliche Wille

insofern nicht "frei" ist, als seine Richtung immer durch das stärkste

der Motive bestimmt ist. Aber es muß andererseits zugegeben werden,

daß es absurd ist, dieser "Unfreiheit" gegenüber von einer denkbaren

"Freiheit" des Willens zu reden, welche dahin ginge, wollen zu können,

was man nicht will." (Atomistik des Willens S. 213 f.)

Auch hier wird nur von Motiven im allgemeinen gesprochen, ohne auf den

Unterschied zwischen unbewußten und bewußten Rücksicht zu nehmen. Wenn

ein Motiv auf mich wirkt und ich gezwungen bin, ihm zu folgen, weil

es sich als das "stärkste" unter seinesgleichen erweist, dann hört

der Gedanke an Freiheit auf, einen Sinn zu haben. Wie soll es für

mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas thun kann oder nicht, wenn

ich von dem Motive gezwungen werde, es zu thun? Nicht darauf kommt

es zunächst an: ob ich dann, wenn das Motiv auf mich gewirkt hat,

etwas thun kann oder nicht, sondern ob es nur solche Motive giebt,

die mit zwingender Notwendigkeit wirken. Wenn ich etwas wollen muß,

dann ist es mir unter Umständen höchst gleichgültig, ob ich es auch

thun kann. Wenn mir wegen meines Charakters und wegen der in meiner

Umgebung herrschenden Umstände ein Motiv aufgedrängt wird, das sich

meinem Denken gegenüber als unvernünftig erweist, dann müßte ich

sogar froh sein, wenn ich nicht könnte, was ich will.

Nicht darauf kommt es an, ob ich einen gefaßten Entschluß zur

Ausführung bringen kann, sondern wie der Entschluß in mir entsteht.

Was den Menschen von allen andern organischen Wesen unterscheidet,

ist sein vernünftiges Denken. Thätig zu sein, hat er mit anderen

Organismen gemein. Nichts ist damit gewonnen, wenn man zur Aufhellung

des Freiheitsbegriffes für das Handeln des Menschen nach Analogieen

im Tierreiche sucht. Die moderne Naturwissenschaft liebt solche

Analogieen. Und wenn es ihr gelungen ist, bei den Tieren etwas dem

menschlichen Verhalten Ähnliches gefunden zu haben, glaubt sie, die

wichtigste Frage der Wissenschaft vom Menschen berührt zu haben. Zu

welchen Mißverständnissen diese Meinung führt, zeigt sich z. B. in

dem Buche: "Die Illusion der Willensfreiheit" von P. Rée, 1885, der

(S. 5) über die Freiheit folgendes sagt: "Daß es uns so scheint,

als ob die Bewegung des Steines notwendig, des Esels Wollen nicht

notwendig wäre, ist leicht erklärlich. Die Ursachen, welche den

Stein bewegen, sind ja draußen und sichtbar. Die Ursachen aber,

vermöge deren der Esel will, sind drinnen und unsichtbar: zwischen

uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale

des Esels..... Man sieht die kausale Bedingtheit nicht, und meint

daher, sie sei nicht vorhanden. Das Wollen, erklärt man, sei zwar die

Ursache der Umdrehung [des Esels], selbst aber sei es unbedingt; es

sei ein absoluter Anfang." Also auch hier wieder wird über Handlungen

des Menschen, bei denen er ein Bewußtsein von den Gründen seines

Handelns hat, einfach hinweggegangen, denn Rée erklärt: "zwischen

uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale des

Esels". Daß es, zwar nicht Handlungen des Esels, wohl aber solche der

Menschen giebt, bei denen zwischen uns und der Handlung das bewußt

gewordene Motiv liegt, davon hat, schon nach diesen Worten, Rée keine

Ahnung. Er beweist das einige Seiten später auch noch durch die Worte:

"Wir nehmen die Ursachen nicht wahr, durch welche unser Wollen bedingt

wird, daher meinen wir, es sei überhaupt nicht ursachlich bedingt."

Doch genug der Beispiele, welche beweisen, daß viele gegen die Freiheit

kämpfen, ohne zu wissen, was Freiheit überhaupt ist.

Daß eine Handlung nicht frei sein kann, von der der Thäter nicht weiß,

warum er sie vollbringt, ist ganz selbstverständlich. Wie verhält

es sich aber mit einer solchen, über deren Gründe gedacht wird? Das

führt uns auf die Frage: welches ist der Ursprung und die Bedeutung

des Denkens? Wenn wir wissen, was Denken im allgemeinen bedeutet,

dann wird es auch leicht sein, klar darüber zu werden, was für eine

Rolle das Denken beim menschlichen Handeln spielt. "Das Denken macht

die Seele, womit auch das Tier begabt ist, erst zum Geiste", sagt

Hegel mit Recht, und deshalb wird das Denken auch dem menschlichen

Handeln sein eigentümliches Gepräge geben.

Keineswegs soll behauptet werden, daß all unser Handeln nur aus

der nüchternen Überlegung unseres Verstandes fließe. Nur diejenigen

Handlungen als im höchsten Sinne menschlich hinzustellen, die aus

dem abstrakten Urteil hervorgehen, liegt mir ganz fern. Aber sobald

sich unser Handeln herauferhebt aus dem Gebiete der Befriedigung rein

animalischer Begierden, sind unsere Beweggründe immer von Gedanken

durchsetzt. Liebe, Mitleid, Patriotismus sind Triebfedern des Handelns,

die sich nicht in kalte Verstandesbegriffe auflösen lassen. Man sagt:

das Herz, das Gemüt treten da in ihre Rechte. Ohne Zweifel. Aber das

Herz und das Gemüt schaffen keine Beweggründe des Handelns. Sie setzen

dieselben voraus. In meinem Herzen stellt sich das Mitleid ein, wenn

in meinem Bewußtsein die Vorstellung einer mitleiderregenden Person

aufgetreten ist. Der Weg zum Herzen geht durch den Kopf. Davon macht

auch die Liebe keine Ausnahme. Wenn sie nicht die bloße Äußerung

des niedrigen Geschlechtstriebes ist, dann beruht sie auf den

Vorstellungen, die wir uns von dem geliebten Wesen machen. Und je

idealistischer diese Vorstellungen sind, desto beseligender ist die

Liebe. Auch hier ist der Gedanke der Vater des Gefühles. Man sagt: die

Liebe mache blind für die Schwächen des geliebten Wesens. Die Sache

kann auch umgekehrt angefaßt werden und behauptet: die Liebe öffne

gerade für die Vorzüge das Auge. Viele gehen ahnungslos an diesen

Vorzügen vorbei, ohne sie zu bemerken. Der eine sieht sie, und eben

deswegen erwacht die Liebe in seiner Seele. Was hat er anderes gethan:

als von dem sich eine Vorstellung gemacht, wovon hundert andere keine

haben. Sie haben die Liebe nicht, weil ihnen die Vorstellung mangelt.

Wir mögen die Sache anfassen, wie wir wollen: immer klarer muß es

werden, daß die Frage nach dem Wesen des menschlichen Handelns die

andere voraussetzt nach dem Ursprunge des Denkens. Ich wende mich

daher zunächst dieser Frage zu.

III.

DER GRUNDTRIEB ZUR WISSENSCHAFT.

"Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,

Die eine will sich von der andern trennen;

Die eine hält, in derber Liebeslust,

Sich an die Welt mit klammernden Organen;

Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust

Zu den Gefilden hoher Ahnen."

(Faust I, 1112-1117.)

Mit diesen Worten spricht Goethe einen tief in der menschlichen Natur

begründeten Charakterzug aus. Kein einheitlich organisiertes Wesen

ist der Mensch. Er verlangt stets mehr, als die Welt ihm freiwillig

giebt. Bedürfnisse hat die Natur uns gegeben, und die Befriedigung

überläßt sie unserer eigenen Thätigkeit. Reichlich sind die Gaben,

die uns zugeteilt, aber noch reichlicher ist unser Begehren. Wir

scheinen zur Unzufriedenheit geboren. Nur ein besonderer Fall

dieser Unzufriedenheit ist unser Erkenntnisdrang. Wir blicken einen

Baum zweimal an. Wir sehen das eine Mal seine Äste in Ruhe, das

andere Mal in Bewegung. Wir geben uns mit dieser Beobachtung nicht

zufrieden. Warum stellt sich uns der Baum das eine Mal ruhend, das

andere Mal in Bewegung dar? So fragen wir. Jeder Blick in die Natur

erzeugt in uns eine Summe von Fragen. Mit jeder Erscheinung, die uns

entgegentritt, ist uns eine Aufgabe mitgegeben. Jedes Erlebnis wird

uns zum Rätsel. Wir sehen aus dem Ei ein dem Muttertiere ähnliches

Wesen hervorgehen: wir fragen nach dem Grunde dieser Ähnlichkeit. Wir

beobachten an einem Lebewesen Wachstum und Entwicklung bis zu einem

bestimmten Grade der Vollkommenheit: wir suchen nach den Bedingungen

dieser Erfahrung. Nirgends sind wir mit dem zufrieden, was die Natur

vor unseren Sinnen ausbreitet. Wir suchen überall nach dem, was wir

Erklärung der Thatsachen nennen.

Der Überschuß dessen, was wir in den Dingen suchen, über das, was

uns in ihnen unmittelbar gegeben ist, spaltet unser ganzes Wesen in

zwei Teile; wir werden uns unseres Gegensatzes zur Welt bewußt. Wir

stellen uns als ein selbständiges Wesen der Welt gegenüber. Das

Universum erscheint uns in den zwei Gegensätzen: Ich und Welt.

Diese Scheidewand zwischen uns und der Welt errichten wir, sobald

das Bewußtsein in uns aufleuchtet. Aber niemals verlieren wir das

Gefühl, daß wir doch zur Welt gehören, daß ein Band besteht, das uns

verbindet, daß wir nicht ein Wesen außerhalb, sondern innerhalb des

Universums sind.

Dieses Gefühl erzeugt das Streben, den Gegensatz zu überbrücken. Und

in der Überbrückung dieses Gegensatzes besteht im letzten Grunde das

ganze geistige Streben der Menschheit. Die Geschichte des geistigen

Lebens ist ein fortwährendes Suchen der Einheit zwischen uns und

der Welt. Religion, Kunst und Wissenschaft verfolgen gleichermaßen

dieses Ziel. Der Religiös-Gläubige sucht in der Offenbarung, die ihm

Gott zuteil werden läßt, die Lösung der Welträtsel, die ihm sein mit

der bloßen Erscheinungswelt unzufriedenes Ich aufgiebt. Der Künstler

sucht dem Stoffe die Ideen seines Ich einzubilden, um das in seinem

Innern Lebende mit der Außenwelt zu versöhnen. Auch er fühlt sich

unbefriedigt von der bloßen Erscheinungswelt und sucht ihr jenes

Mehr einzuformen, das sein Ich, über sie hinausgehend, birgt. Der

Denker sucht nach den Gesetzen der Erscheinungen, er strebt denkend zu

durchdringen, was er beobachtend erfährt. Erst wenn wir den Weltinhalt

zu unserem Gedankeninhalt gemacht haben, erst dann finden wir den

Zusammenhang wieder, aus dem wir uns selbst gelöst haben. Wir werden

später sehen, daß dieses Ziel nur erreicht wird, wenn die Aufgabe des

wissenschaftlichen Forschers allerdings viel tiefer aufgefaßt wird,

als dies oft geschieht. Das ganze Verhältnis, das ich hier dargelegt

habe, tritt uns in einer weltgeschichtlichen Erscheinung entgegen:

in dem Gegensatze der einheitlichen Weltauffassung oder des Monismus

und der Zweiweltentheorie oder des Dualismus. Der Dualismus richtet den

Blick nur auf die von dem Bewußtsein des Menschen vollzogene Trennung

zwischen Ich und Welt. Sein ganzes Streben ist ein ohnmächtiges Ringen

nach der Versöhnung dieser Gegensätze, die er bald Geist und Materie,

bald Subjekt und Objekt, bald Denken und Erscheinung nennt. Er hat

ein Gefühl, daß es eine Brücke geben muß zwischen den beiden Welten,

aber er ist nicht imstande, sie zu finden. Der Monismus richtet

den Blick allein auf die Einheit und sucht die einmal vorhandenen

Gegensätze zu leugnen oder zu verwischen. Keine von den beiden

Anschauungen kann befriedigen, denn sie werden den Thatsachen nicht

gerecht. Der Dualismus sieht Geist (Ich) und Materie (Welt) als zwei

grundverschiedene Wesenheiten an, und kann deshalb nicht begreifen,

wie beide aufeinander wirken können. Wie soll der Geist wissen,

was in der Materie vorgeht, wenn ihm deren eigentümliche Natur ganz

fremd ist? Oder wie soll er unter diesen Umständen auf sie wirken,

so daß sich seine Absichten in Thaten umsetzen? Die widersinnigsten

Hypothesen wurden aufgestellt, um diese Fragen zu lösen. Aber auch

mit dem Monismus steht es bis heute nicht viel besser. Er hat sich bis

jetzt in einer dreifachen Art zu helfen gesucht: entweder er leugnet

den Geist und wird zum Materialismus; oder er leugnet die Materie,

um im Spiritualismus sein Heil zu suchen; oder aber er behauptet, daß

auch schon in dem einfachsten Weltwesen Materie und Geist untrennbar

verbunden sind, weswegen man gar nicht erstaunt zu sein brauchte,

wenn in dem Menschen diese zwei Daseinsweisen auftreten, die ja

nirgends getrennt sind.

Der Materialismus kann niemals eine befriedigende Welterklärung

liefern. Denn jeder Versuch einer Erklärung muß damit beginnen,

daß man sich Gedanken über die Welterscheinungen bildet. Der

Materialismus macht deshalb den Anfang mit dem Gedanken der Materie

oder der materiellen Vorgänge. Damit hat er bereits zwei verschiedene

Thatsachengebiete vor sich: die materielle Welt und die Gedanken

über sie. Er sucht die letzteren dadurch zu begreifen, daß er sie als

einen rein materiellen Prozeß auffaßt. Er glaubt, daß das Denken im

Gehirne etwa so zustande komme, wie die Verdauung in den animalischen

Organen. So wie er der Materie mechanische, chemische und organische

Wirkungen zuschreibt, so legt er ihr auch die Fähigkeit bei, unter

bestimmten Bedingungen zu denken. Er vergißt, daß er nun das Problem

nur an einen andern Ort verlegt hat. Statt sich selbst, schreibt er

die Fähigkeit des Denkens der Materie zu. Und damit ist er wieder an

seinem Ausgangspunkte. Wie kommt die Materie dazu, über ihr eigenes

Wesen nachzudenken? Warum ist sie nicht einfach mit sich zufrieden

und nimmt ihr Dasein hin? Von dem bestimmten Subjekt, von unserem

eigenen Ich hat er den Blick abgewandt und auf ein unbestimmtes,

nebelhaftes Gebilde ist er gekommen. Und hier tritt ihm dasselbe

Rätsel entgegen. Die materialistische Anschauung vermag das Problem

nicht zu lösen, sondern nur zu verschieben.

Wie steht es mit der spiritualistischen? Der Spiritualist leugnet

die Materie (die Welt) und faßt sie nur als ein Produkt des Geistes

(des Ich) auf. Er stellt sich vor, daß die ganze Erscheinungswelt nur

ein aus dem Geiste herausgesponnenes Wesen sei. Diese Weltanschauung

sieht sich sofort in die Enge getrieben, wenn sie den Versuch

macht, irgend eine konkrete Erscheinung aus dem Geiste heraus zu

entwickeln. Sie kann es weder im Erkennen noch im Handeln. Will man

die Aussenwelt wirklich erkennen, so muß man den Blick nach außen

wenden und eine Anleihe bei der Erfahrung machen. Ohne dieses kann

unser Geist zu keinem Inhalt kommen. Ebenso müssen wir, wenn wir

ans Handeln gehen, unsere Absichten mit Hülfe der materiellen Stoffe

und Kräfte in Wirklichkeit umsetzen. Wir sind also auf die Außenwelt

angewiesen. Der extremste Spiritualist, oder wenn man will, Idealist,

ist Johann Gottlieb Fichte. Er versuchte das ganze Weltgebäude aus

dem "Ich" abzuleiten. Was ihm dabei wirklich gelungen ist, ist ein

großartiges Gedankenbild der Welt, ohne allen Erfahrungsinhalt. So

wenig es dem Materialisten möglich ist, den Geist, ebensowenig ist

es dem Idealisten möglich, die materielle Außenwelt wegzudekretieren.

Eine merkwürdige Abart des Idealismus ist die Anschauung

Fried. Alb. Langes, wie er sie in seiner vielgelesenen "Geschichte

des Materialismus" vertreten hat. Er nimmt an, daß der Materialismus

ganz recht hat, wenn er alle Welterscheinungen, einschließlich

unseres Denkens, für das Produkt rein stofflicher Vorgänge erklärt;

nur sei umgekehrt die Materie und ihre Vorgänge selbst wieder ein

Produkt unseres Denkens. "Die Sinne geben uns Wirkungen der Dinge,

nicht getreue Bilder, oder gar die Dinge selbst. Zu diesen bloßen

Wirkungen gehören aber auch die Sinne selbst samt dem Hirn und den in

ihm gedachten Molecularschwingungen." D. h. unser Denken wird von den

materiellen Prozessen erzeugt und diese von unserem Denken. Langes

Philosophie ist somit nichts anderes, als die in Begriffe umgesetzte

Geschichte des wackeren Münchhausen, der sich an seinem eigenen

Haarschopf frei in der Luft festhält.

Die dritte Form des Monismus ist die, welche in dem einfachsten Wesen

(Atom) bereits die beiden Wesenheiten, Materie und Geist, vereinigt

sieht. Damit ist aber auch nichts erreicht, als daß die Frage,

die eigentlich in unserem Bewußtsein entsteht, auf einen anderen

Schauplatz versetzt wird. Wie kommt das einfache Wesen dazu, sich in

einer zweifachen Weise zu äußern, wenn es eine ungetrennte Einheit ist?

Allen diesen Standpunkten gegenüber muß geltend gemacht werden,

das uns der Grund- und Urgegensatz zuerst in unserem eigenen

Bewußtsein entgegentritt. Wir sind es selbst, die wir uns von

dem Mutterboden der Natur loslösen, und uns als "Ich" der "Welt"

gegenüberstellen. Klassisch spricht das Goethe in seinem Aufsatz

"Die Natur" aus: "Wir leben mitten in ihr (der Natur) und sind ihr

fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns, und verrät uns ihr Geheimnis

nicht." Aber auch die Kehrseite kennt Goethe: "Die Menschen sind alle

in ihr und sie in allen."

So wahr es ist, daß wir uns der Natur entfremdet haben, so wahr ist

es, daß wir fühlen: wir sind in ihr und gehören zu ihr. Es kann nur

ihr eigenes Wirken sein, das auch in uns lebt.

Wir müssen den Weg zu ihr zurück wieder finden. Eine einfache

Überlegung kann uns diesen Weg weisen. Wir haben uns zwar losgerissen

von der Natur; aber wir müssen doch etwas mit herübergenommen haben in

unser eigenes Wesen. Dieses Naturwesen in uns müssen wir aufsuchen,

dann werden wir den Zusammenhang auch wieder finden. Das versäumt

der Dualismus. Er hält das menschliche Innere für ein der Natur ganz

fremdes Geistwesen und sucht dieses an die Natur anzukoppeln. Kein

Wunder, daß er das Bindeglied nicht finden kann. Wir können die

Natur außer uns nur finden, wenn wir sie in uns erst kennen. Das ihr

Gleiche in unserem eigenen Innern wird uns der Führer sein. Damit

ist uns unsere Bahn vorgezeichnet. Wir wollen keine Spekulationen

anstellen über die Wechselwirkung von Natur und Geist. Wir wollen

aber hinuntersteigen in die Tiefen unseres eigenen Wesens, um da jene

Elemente zu finden, die wir herübergerettet haben bei unserer Flucht

aus der Natur.

Die Erforschung unseres Wesens muß uns die Lösung des Rätsels

bringen. Wir müssen an einen Punkt kommen, wo wir uns sagen können:

hier sind wir nicht mehr bloß "Ich", hier liegt etwas, was mehr als

"Ich" ist.

Ich bin darauf gefaßt, daß mancher, der bis hierher gelesen hat,

meine Ausführungen nicht "dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft"

gemäß findet. Ich kann dem gegenüber nur erwidern, daß ich es bisher

mit keinerlei wissenschaftlichen Resultaten zu thun haben wollte,

sondern mit der einfachen Beschreibung dessen, was jedermann in

seinem eigenen Bewußtsein erlebt. Daß dabei auch einzelne Sätze über

Versöhnungsversuche des Bewußtseins mit der Welt eingeflossen sind,

hat nur den Zweck, die eigentlichen Thatsachen zu verdeutlichen. Ich

habe deshalb auch keinen Wert darauf gelegt, die einzelnen Ausdrücke,

wie "Ich", "Geist", "Welt", "Natur" u. s. w. in der präcisen Weise zu

gebrauchen, wie es in der Psychologie und Philosophie üblich ist. Das

alltägliche Bewußtsein kennt die scharfen Unterschiede der Wissenschaft

nicht, und um eine Aufnahme des alltäglichen Thatbestandes handelte es

sich bisher bloß. Der Einwand, daß meine bisherigen Ausführungen der

Wissenschaft nicht entsprechen, gliche etwa dem, der jemand gemacht

würde, wenn er ein Gedicht zunächst recitierte und nicht gleich bei

jeder Zeile eine ästhetisch-wissenschaftliche Kritik gäbe. Nicht wie

die Wissenschaft bisher das Bewußtsein interpretiert hat, geht mich

an, sondern wie sich dasselbe stündlich darlebt.

IV.

DAS DENKEN IM DIENSTE DER WELTAUFFASSUNG.

Wenn ich beobachte, wie eine Billardkugel, die gestoßen wird, ihre

Bewegung auf eine andere überträgt, so bleibe ich auf den Verlauf

dieses beobachteten Vorganges ganz ohne Einfluß. Die Bewegungsrichtung

und Schnelligkeit der zweiten Kugel ist durch die Richtung und

Schnelligkeit der ersten bestimmt. So lange ich mich bloß als

Beobachter verhalte, weiß ich über die Bewegung der zweiten Kugel

erst dann etwas zu sagen, wenn dieselbe eingetreten ist. Anders ist

die Sache, wenn ich über den Inhalt meiner Beobachtung nachzudenken

beginne. Mein Nachdenken hat den Zweck, von dem Vorgange Begriffe zu

bilden. Ich bringe den Begriff einer elastischen Kugel in Verbindung

mit gewissen anderen Begriffen der Mechanik und ziehe die besonderen

Umstände in Erwägung, die in dem vorkommenden Falle obwalten. Ich suche

also zu dem Vorgange, der sich ohne mein Zuthun abspielt, einen zweiten

hinzuzufügen, der sich in der begrifflichen Sphäre vollzieht. Der

letztere ist von mir abhängig. Das zeigt sich dadurch, daß ich mich

mit der Beobachtung begnügen und auf alles Begriffesuchen verzichten

kann, wenn ich kein Bedürfnis darnach habe. Wenn dieses Bedürfnis aber

vorhanden ist, dann beruhige ich mich erst, wenn ich die Begriffe:

Kugel, Elasticität, Bewegung, Stoß, Geschwindigkeit u. s. w. in

eine gewisse Verbindung gebracht habe, zu welcher der beobachtete

Vorgang in einem bestimmten Verhältnisse steht. So gewiß es nun ist,

daß sich der Vorgang unabhängig von mir vollzieht, so gewiß ist es,

daß sich der begriffliche Prozeß ohne mein Zuthun nicht abspielen kann.

Ob diese meine Thätigkeit wirklich der Ausfluß meines selbständigen

Wesens ist, oder ob die modernen Physiologen Recht haben, welche

sagen, daß wir nicht denken können, wie wir wollen, sondern denken

müssen, wie es die gerade in unserem Bewußtsein vorhandenen Gedanken

und Gedankenverbindungen bestimmen (vergl. Ziehen, Leitfaden der

physiologischen Psychologie, Jena 1893, S. 171), wird Gegenstand

einer späteren Auseinandersetzung sein. Vorläufig wollen wir bloß

die Thatsache feststellen, daß wir uns fortwährend gezwungen fühlen,

zu den ohne unser Zuthun uns gegebenen Gegenständen und Vorgängen

Begriffe und Begriffsverbindungen zu suchen, die zu jenen in einer

gewissen Beziehung stehen. Ob dies Thun in Wahrheit unser Thun ist

oder ob wir es einer unabänderlichen Notwendigkeit gemäß vollziehen,

lassen wir vorläufig dahin gestellt. Daß es uns zunächst als das

unserige erscheint, ist ohne Frage. Wir wissen ganz genau, daß

uns mit den Gegenständen nicht zugleich deren Begriffe mitgegeben

werden. Daß ich selbst der Thätige bin, mag auf einem Schein beruhen;

der unmittelbaren Beobachtung stellt sich die Sache jedenfalls so

dar. Die Frage ist nun: was gewinnen wir dadurch, daß wir zu einem

Vorgange ein begriffliches Gegenstück hinzufinden?

Es ist ein tiefgreifender Unterschied zwischen der Art, wie sich für

mich die Teile eines Vorganges zu einander verhalten vor und nach der

Auffindung der entsprechenden Begriffe. Die bloße Beobachtung kann

die Teile eines gegebenen Vorganges in ihrem Verlaufe verfolgen;

ihr Zusammenhang bleibt aber vor der Zuhilfenahme von Begriffen

dunkel. Ich sehe die erste Billardkugel in einer gewissen Richtung und

mit einer bestimmten Geschwindigkeit gegen die zweite sich bewegen;

was nach erfolgtem Stoß geschieht, muß ich abwarten und kann es dann

auch wieder nur mit den Augen verfolgen. Nehmen wir an, es verdecke

mir im Augenblicke des Stoßes jemand das Feld, auf dem der Vorgang

sich abspielt, so bin ich -- als bloßer Beobachter -- ohne Kenntnis,

was nachher geschieht. Anders ist das, wenn ich für die Konstellation

der Verhältnisse vor dem Verdecken die entsprechenden Begriffe gefunden

habe. In diesem Falle kann ich angeben, was geschieht, auch wenn die

Möglichkeit der Beobachtung aufhört. Ein bloß beobachteter Vorgang oder

Gegenstand ergiebt aus sich selbst nichts über seinen Zusammenhang

mit anderen Vorgängen oder Gegenständen. Dieser Zusammenhang wird

erst ersichtlich, wenn sich die Beobachtung mit dem Denken verbindet.

Beobachtung und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles

geistige Streben des Menschen, insoferne er sich eines solchen

bewußt ist. Die Verrichtungen des gemeinen Menschenverstandes und die

verwickeltesten wissenschaftlichen Forschungen ruhen auf diesen beiden

Grundsäulen unseres Geistes. Die Philosophen sind von verschiedenen

Urgegensätzen ausgegangen: Idee und Wirklichkeit, Subjekt und Objekt,

Erscheinung und Ding an sich, Ich und Nicht-Ich, Idee und Wille,

Begriff und Materie, Kraft und Stoff, Bewußtes und Unbewußtes. Es

läßt sich aber leicht zeigen, daß allen diesen Gegensätzen der

von Beobachtung und Denken, als der für den Menschen wichtigste,

vorangehen muß.

Was für ein Prinzip wir auch aufstellen mögen: wir müssen es irgendwo

als von uns beobachtet nachweisen, oder in Form eines klaren Gedankens,

der von jedem anderen nachgedacht werden kann, aussprechen. Jeder

Philosoph, der anfängt über seine Urprinzipien zu sprechen, muß sich

der begrifflichen Form, und damit des Denkens bedienen. Er giebt

damit indirekt zu, daß er zu seiner Bethätigung das Denken bereits

voraussetzt. Ob das Denken oder irgend etwas anderes Hauptelement der

Weltentwicklung ist, darüber werde hier noch nichts ausgemacht. Daß

aber der Philosoph ohne das Denken kein Wissen darüber gewinnen kann,

das ist von vornherein klar. Beim Zustandekommen der Welterscheinungen

mag das Denken eine Nebenrolle spielen, beim Zustandekommen einer

Ansicht darüber kommt ihm aber sicher eine Hauptrolle zu.

Was nun die Beobachtung betrifft, so liegt es in unserer Organisation,

daß wir derselben bedürfen. Unser Denken über ein Pferd und der

Gegenstand Pferd sind zwei Dinge, die für uns getrennt auftreten. Und

dieser Gegenstand ist uns nur durch Beobachtung zugänglich. So wenig

wir durch das bloße Anstarren eines Pferdes uns einen Begriff von

demselben machen können, ebensowenig sind wir im Stande, durch bloßes

Denken einen entsprechenden Gegenstand hervorzubringen.

Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung · 第 1 / 14 段