Die Bienen des von uns erwählten Bienenstockes haben also die Starre des
Winterschlafes abgeschüttelt. Die Königin beginnt von Anfang Februar an
wieder Eier zu legen. Die Arbeitsbienen befliegen die Anemonen,
Narzissen, Veilchen, Salweiden und Haselnusssträucher. Der Frühling hält
seinen Einzug, die Speicher und Keller strotzen wieder von Honig und
Blütenstaub, und tausende von Bienen erblicken täglich das Licht der
Welt. Die ungeschlachten Drohnen kriechen aus ihren grossen Zellen,
laufen auf den Waben herum, und der Bevölkerungszuwachs der Stadt wird
bald so gross, dass hunderte von Arbeitsbienen, wenn sie abends vom
Felde heimkehren, kein Unterkommen mehr finden und genötigt sind, die
Nacht auf der Schwelle zuzubringen, wo viele vor Kälte sterben.
Eine allgemeine Unruhe ergreift das Volk, und die alte Königin gerät in
Aufregung. Sie ahnt, dass sich ein neues Schicksal vorbereitet. Sie hat
ihre Pflicht als Mutter gewissenhaft gethan, und nun führt ihre
Pflichterfüllung zu Verwirrung und Trübsal. Eine unabweisliche
Notwendigkeit bedroht ihre Ruhe: bald wird sie die Stadt ihrer
Herrschaft verlassen müssen. Und doch ist diese Stadt ihr Werk, ihr
eigenstes Ich. Sie ist keine Königin im menschlichen Sinne. Sie giebt
keine Befehle; sie ist, wie die letzte ihrer Unterthanen, einer
verhüllten Gewalt von überlegener Weisheit unterworfen, die wir
einstweilen, bis wir sie zu entschleiern versuchen, den »_Geist des
Bienenstockes_« nennen wollen. Sie ist die alleinige Mutter und das
Werkzeug der Liebe. Sie hat die Stadt in Unsicherheit und Armut
gegründet. Sie hat sie unaufhörlich mit ihrem eignen Fleisch und Blut
bevölkert, und alles, was darinnen lebt, -- Arbeitsbienen, Drohnen,
Larven, Nymphen und die jungen Prinzessinnen, deren baldiges
Ausschlüpfen ihren Aufbruch beschleunigen wird und deren eine ihr vom
»Geiste des Bienenstockes« schon zur Nachfolgerin bestimmt ist, -- ist
aus ihren Weichen hervorgegangen.
* * * * *
Wo befindet sich dieser »Geist des Bienenstockes« und wo hat er seinen
Sitz? Er ist nicht wie der individuelle Instinkt des Vogels, der sein
Nest mit Geschicklichkeit baut und andere Himmelsstriche aufzusuchen
weiss, wenn der Tag des Wanderns wieder angebrochen ist. Er ist
ebensowenig eine mechanische Gewohnheit der Gattung, die nur vom blinden
Lebenswillen beseelt ist und sich an allen Ecken des Zufalls stösst,
sobald ein unvorhergesehener Umstand die Abfolge der gewohnten
Erscheinungen durchbricht. Im Gegenteil, er folgt Schritt für Schritt
den allmächtigen Umständen, wie ein kluger und geschickter Sklave, der
auch die gefährlichsten Befehle seines Herrn sich zum Vorteil zu wenden
weiss.
Er verfügt ohne Rücksicht, aber gewissenhaft, als wäre ihm eine grosse
Pflicht auferlegt, über Wohlstand und Glück, Leben und Freiheit dieses
geflügelten Völkchens. Er bestimmt Tag für Tag die Zahl der Geburten und
zwar genau nach der Blumenzahl, die auf den Fluren blüht. Er sagt der
Königin, dass sie verbraucht ist oder dass sie ausschwärmen muss, er
zwingt sie, ihren Nebenbuhlerinnen das Leben zu geben, erhebt diese zu
Königinnen, schirmt sie vor dem politischen Hass ihrer Mutter und
veranlasst oder verhindert, -- je nach der Fülle des Blumensegens, dem
früheren oder späteren Eintreten des Frühjahrs und den beim
Hochzeitsflug zu befürchtenden Gefahren, -- dass die erstgeborene unter
den jungfräulichen Prinzessinnen ihre jüngeren Schwestern in der Wiege
tötet. Oder auch bei vorgerückter Jahreszeit, wenn die Blumenstunden
kürzer werden, gebietet er den Arbeitsbienen, die ganze königliche Brut
zu vernichten, damit die Ära der Umwälzungen ein Ende hat und die
fruchtbringende Arbeit wieder aufgenommen wird. Er ist ein Geist der
Vorsicht und Sparsamkeit, aber nicht des Geizes. Er weiss anscheinend um
die verhängnisvollen und etwas vernunftwidrigen Naturgesetze der Liebe,
und duldet darum in den reichen Sommertagen, in denen die junge Königin
ihren Liebhaber suchen geht, das Vorhandensein von drei- oder
vierhundert thörichten, ungeschickten, bei aller Geschäftigkeit nur
hinderlichen, anspruchvollen, schamlos müssigen, lärmenden, gefrässigen,
groben, unsauberen, unersättlichen und ungeschlachten Drohnen. Aber
sobald die Königin befruchtet ist, die Blumen ihre Kelche später öffnen
und früher schliessen, ordnet er eines Tages gelassen an, dass sie alle
miteinander ermordet werden. Er regelt die Arbeit jeder Biene nach ihrem
Alter, er bestimmt die einen zur Pflege der Brut, die anderen zur
königlichen Leibwache, welche die Königin zu unterhalten hat und sie nie
aus den Augen verlieren darf, wieder andere zum Ventilieren: sie lüften
mit ihren Flügeln den Stock, führen ihm Wärme oder Kälte zu und
beschleunigen die Verdunstung des dem Honig zuviel zugesetzten Wassers;
wieder andre verwertet er als Architekten, Maurer und Steinmetzen; sie
hängen sich in Ketten auf, um Wachs zu bereiten, und bauen die Waben,
während ein anderer Schwarm ausfliegt und einträgt: Nektar, der zu Honig
verarbeitet wird, Blütenstaub zum Futterbrei für die Brut, und
Stopfwachs (Propolis) zum Verkleben und Befestigen der Bauten. Er weist
den Chemikern im Bienenstaate ihre Aufgabe an: den Honig haltbar zu
machen, indem sie einen Tropfen Ameisensäure in die gefüllten Zellen
thun, den Arbeiterinnen, welche diese Zellen verdeckeln, den
Strassenkehrerinnen, die Strassen und Plätze in musterhafter Ordnung
halten, den Totengräberinnen, welche die Leichen fortschaffen, und den
Amazonen der Schildwache, die Tag und Nacht für Sicherheit des Eingangs
sorgen, die Kommenden und Gehenden befragen, sich die jungen Bienen beim
ersten Ausfluge merken, die Landstreicher, Bettler und Räuber fortjagen,
Eindringlinge austreiben, gefürchtete Feinde in Masse angreifen und
nötigenfalls das Flugloch verbarrikadieren.
Endlich bestimmt er die Stunde, wo dem Genius der Art das grosse
Jahresopfer gebracht wird, ich meine das Schwärmen, wo das ganze Volk,
auf dem Gipfel seiner Macht und seines Gedeihens angelangt, der nächsten
Generation plötzlich alles überlässt, seine Schätze und Paläste, seine
Wohnungen und die Frucht seiner Arbeit, um fern im Ungewissen und Öden
eine neue Heimat zu suchen. Es ist dies ein Akt, der -- bewusst oder
unbewusst -- über die menschliche Moral hinausgeht. Bisweilen zerstört
er, immer verarmt er, und sicher zerreisst er das glückgesegnete Volk,
damit es einem höheren Gesetze gehorche, als das Gedeihen der Stadt ist.
Wo entsteht dieses Gesetz, das, wie wir sogleich sehen werden, nicht so
fatalistisch und blind ist, wie man wohl glaubt? In welcher Versammlung,
welchem Rat, welcher gemeinsamen Sphäre hat er seinen Sitz, dieser
Geist, dem sich alle unterwerfen, und der selbst einer heroischen
Pflicht, einer stets auf die Zukunft gerichteten Vernunft gehorcht?
Es ist bei unsren Bienen wie bei der Mehrzahl aller irdischen Dinge: wir
beobachten einige ihrer Gewohnheiten, wir sagen, sie thun dies und
jenes, sie arbeiten so und so, ihre Königinnen sorgen für
Nachkommenschaft, ihre Arbeiterinnen bleiben Jungfrauen, und dann und
dann schwärmen sie. Damit glauben wir sie zu kennen und fragen nicht
weiter. Wir sehen sie von Blume zu Blume hasten, wir beobachten das
behende Kommen und Gehen im Stock, und dieses Leben scheint uns höchst
einfach und beschränkt, wie jedes Leben, das instinktiv nach
Selbsterhaltung und Vermehrung trachtet. Aber sobald das Auge tiefer
eindringt und sich Rechenschaft ablegen will, erkennt es die
erstaunliche Kompliziertheit der einfachsten Erscheinungen, das Wunder
des Verstandes und des Willens, der Bestimmungen und Ziele, der Ursachen
und Wirkungen, die unbegreifliche Organisation der geringsten
Lebensakte.
* * * * *
In unsrem Bienenstock bereitet sich also das grosse Opfer vor, das den
anspruchsvollen Volksgöttern gebracht wird. Den Geboten dieses »Geistes«
gehorsam, der uns ziemlich unerklärlich erscheint, vorausgesetzt, dass
er allen Instinkten und Gefühlen unsrer Art zuwiderläuft, -- sind
sechzig bis siebzigtausend von den achtzig bis hunderttausend Bienen des
Gesamtvolkes im Begriff, die Mutterstadt zur gegebenen Stunde zu
verlassen. Es ist kein Augenblick der Angst, in dem sie davonziehen,
kein plötzlicher toller Entschluss, das durch Hunger, Krieg oder Seuchen
verheerte Heimatland zu fliehen. Ihre Selbstverbannung ist seit langem
vorbedacht und die günstigste Stunde wird geduldig abgewartet. Ist der
Stock arm und durch Unglück im Königshause, schlechtes Wetter oder
Plünderung geschwächt worden, so wird nicht geschwärmt. Sie verlassen
ihre Stadt nur auf dem Gipfel ihres Wohlstands, wenn der mächtige
Wachsbau nach harter Frühjahrsarbeit in seinen 120000 schnurgerade
gebauten Zellen prangt und von frischem Honig strotzt, oder von jenem
bunten Mehl, das zur Auffütterung der Brut dient und Bienenbrot genannt
wird.
Nie sieht der Stock schmucker aus, als am Tage vor der heroischen
Entsagung. Es ist für ihn die Stunde ohne Gleichen, die lebensvolle,
etwas fieberhafte und doch so heitere Stunde des Überflusses und der
Ausgelassenheit. Suchen wir ihn uns vorzustellen, nicht wie ihn die
Bienen sehen, denn wir ahnen nicht, welche magische und furchtbare
Gestalt die Dinge in den sechs- bis siebentausend Facettenaugen
annehmen, die sie an der Seite haben, oder in dem dreifachen
Cyclopenauge auf ihrer Stirn, sondern so, wie wir ihn sehen würden, wenn
wir ihre Grösse hätten. Oben von der Wölbung, die noch ungeheurer ist,
als die des St. Peter in Rom, bis auf den Fussboden herab gehen
zahlreiche senkrechte, parallele Riesenmauern, die im Finstern und im
Leeren hängen und die man -- im Verhältnis gesprochen -- wegen ihrer
kühnen Bauart, ihrer Genauigkeit und Riesenhaftigkeit mit keinem
menschlichen Bauwerk vergleichen kann. Jede dieser Mauern, deren
Baustoff noch jungfräulich frisch, silbern, unbefleckt und duftend ist,
besteht aus tausenden von Zellen und enthält Vorräte, von denen das
ganze Volk wochenlang leben könnte. Hier und dort leuchten rote, gelbe,
schwarze und veilchenfarbene Flecken; es ist Pollen, der befruchtende
Blumenstaub der gesamten Frühlingsflora, in durchsichtigen Zellen
bewahrt, und ringsherum in schweren, üppigen Goldgewinden mit starren,
unbeweglichen Falten der Aprilhonig, der reinste und duftreichste, in
zwanzigtausend schon verdeckelten Behältern, die nur in den Tagen der
höchsten Not erbrochen werden. Weiter unten reift der Maihonig noch in
seinen weit geöffneten Behältern, an deren Rand eine wachsame Schaar für
ununterbrochenen Luftwechsel sorgt. In der Mitte, fernab vom Lichte,
dessen Diamantstrahlen durch die einzige Öffnung dringen, schlummert im
wärmsten Teile des Bienenstockes die Zukunft oder beginnt zu erwachen.
Es ist dies der Bezirk des Brutraums, in dem die Königin und ihre Mägde
hausen, etwa zehntausend Zellen, in denen die Eier ruhen, fünfzehn- oder
sechzehntausend, die von den Larven bewohnt sind, und vierzigtausend, in
denen die wachsbleichen Nymphen von tausenden von Pflegerinnen gewartet
werden. (Diese Zahlen entsprechen genau einem stark bevölkerten Stock
zur Zeit der Volltracht.) Endlich im Allerheiligsten des Kinderhimmels
drei bis zwölf geschlossene, verhältnismässig sehr grosse Weiselzellen,
in denen die jungen Prinzessinnen, in eine Art von Leichentuch gehüllt,
unbeweglich und bleich ihre Stunde erharren und im Finstern genährt
werden.
* * * * *
Dieser noch gestaltlosen Jugend räumt also zu einer gegebenen, vom
»Geiste des Bienenstocks« genau bestimmten Stunde ein Teil des Volkes
das Feld, und auch er ist nach unerschütterlichen, untrüglichen Gesetzen
hierzu erlesen. In der schlafenden Stadt zurück bleiben die Drohnen, aus
deren Reihen der königliche Buhle hervorgehen wird, die noch ganz jungen
Bienen, die die Brut füttern, und einige tausend Arbeitsbienen, die nach
wie vor eintragen, den aufgehäuften Schatz beschirmen und die
moralischen Traditionen des Bienenstockes aufrecht erhalten. Denn jeder
Bienenstock hat seine besondere Moral. Man findet sehr tugendhafte und
sehr verdorbene, und der unvorsichtige Imker kann ein Volk verderben, es
die Achtung vor fremdem Besitz verlieren lassen, zum Plündern verleiten,
ihm Eroberungsgelüste und Neigung zum Müssiggang beibringen, wodurch es
zum Schrecken aller schwachen Völker der Umgegend wird. Er braucht die
Bienen nur merken zu lassen, dass die Feldarbeit in den Blumen, von
denen hunderte beflogen werden müssen, um einen Tropfen Honig zu
liefern, weder das einzige, noch das bequemste Mittel zum Reichwerden
ist, sondern dass es viel leichter ist, durch List in schlecht bewachte
Städte oder durch Gewalt in solche einzudringen, deren Bevölkerung zu
schwach ist, um sich zu wehren. Sie verlieren bald den Sinn für die
glänzende, aber unbarmherzige Pflicht, die sie zu geflügelten Knechten
der Blumen im hochzeitlichen Reigen der Natur macht, und es ist zuweilen
garnicht leicht, ein so zuchtlos gewordenes Volk wieder auf den Weg der
Pflicht zu bringen.
* * * * *
Alles das beweist, dass das Schwärmen nicht von der Königin, sondern vom
»Geiste des Bienenstocks« ausgeht. Es ist mit der Königin, wie mit den
Führern der Menschen: sie scheinen zu befehlen, und gehorchen doch
selbst nur Geboten, die gebieterischer und unerklärlicher sind, als die,
welche sie ihren Untergebenen erteilen. Wann dieser »Geist« den
Augenblick für gekommen hält, muss er wohl schon bei Morgengrauen, ja
vielleicht schon am Tage vorher oder zwei Tage vorher bekannt geben,
denn kaum hat die Sonne die ersten Thautropfen aufgetrunken, so nimmt
man rings um den Bienenstand eine ungewöhnliche Unruhe wahr, über deren
Wesen sich der Bienenwirt selten täuscht. Manchmal soll selbst
Uneinigkeit, Zaudern und Zurückweichen eintreten. Es kommt sogar vor,
dass sich der goldig schimmernde, durchsichtige Schwarm mehrere Tage
hintereinander bildet und ohne ersichtlichen Grund wieder verschwindet.
Entsteht in diesem Augenblick am Himmel, den die Bienen sehen, eine
Wolke, die wir nicht wahrnehmen, oder ein Heimweh in ihrem Geiste? Wird
die Notwendigkeit des Aufbruches in einer geflügelten Ratsversammlung
erörtert? Wir wissen davon ebensowenig, wie wir wissen, auf welche Weise
der Geist des Bienenstocks seine Entschliessungen bekannt giebt. Wenn es
auch feststeht, dass die Bienen sich Mitteilungen machen, so wissen wir
doch keineswegs, ob sie dies nach Art der Menschen thun. Dieses
honigduftende Summen, dieses trunkene Schwirren an schönen Sommertagen,
welches eine der holdesten Freuden für den Bienenvater ist, dieser
Hochgesang der Arbeit, der im Krystall der Luft rings um den Bienenstand
bald steigt, bald fällt und gleichsam das fröhliche Flüstern des
Blumenflors, das Preislied seines Glückes, der Widerhall seiner süssen
Düfte ist, -- sie hören ihn vielleicht nicht einmal. Trotzdem besitzen
sie eine ganze Skala von Tönen, die wir selbst unterscheiden können und
die von tiefer Seligkeit bis zu Drohung, Zorn und Trübsal reicht, sie
besitzen ein Lied auf die Königin, ein Hoheslied des Überflusses und
Klagelieder, und endlich stossen die jungen Prinzessinnen in den Kämpfen
und Blutbädern, die dem Hochzeitsausflug vorausgehen, ein langgezogenes,
seltsames Kriegsgeschrei aus. Sind das alles nur Laute von ungefähr, die
ihr inneres Schweigen nicht berühren? Um die Geräusche, die wir rings um
ihre Wohnungen machen, scheinen sie sich allerdings nicht zu kümmern,
aber vielleicht sind sie der Meinung, dass diese Geräusche nicht zu
ihrer Welt gehören und für sie keine Bedeutung haben. Wahrscheinlich
hören wir unsererseits auch nur einen geringen Teil dessen, was sie
sagen, und vielleicht verfügen sie über eine Menge von harmonischen
Tönen, die nicht für unsre Organe gemacht sind. Jedenfalls werden wir
weiterhin sehen, dass sie sich verständigen können und zwar mit einer
oft wunderbaren Geschwindigkeit, z. B. wenn der grosse Honigdieb, der
Totenkopf-Schmetterling, in den Stock dringt und dabei von Zeit zu Zeit
eine eigentümliche, unwiderstehliche Beschwörungsformel murmelt. Sofort
läuft die Kunde von Mund zu Mund und das ganze Volk von den Wachen am
Eingang bis zu den letzten Arbeitsbienen, die auf den fernsten Waben
arbeiten, gerät in Schrecken.
* * * * *
Man hat lange gemeint, die klugen Honigwespen, die für gewöhnlich so
sparsam, nüchtern und weitblickend sind, gehorchten in dem Augenblick,
wo sie die Schätze ihrer Wohnung im Stiche lassen, um sich selbst ins
Ungewisse hinauszuwagen, einer Art von Wahnsinn und Verhängnis, einem
instinktiven Trieb und Gattungsgesetz oder Naturgebot, kurz, jener
dunklen Gewalt, der alle in der Zeitlichkeit lebenden Wesen unterworfen
sind. Handelt es sich um die Bienen oder um uns selbst, uns scheint
alles, was wir noch nicht verstehen, ein Verhängnis. Aber man hat den
Bienen heute drei oder vier ihrer materiellen Geheimnisse abgewonnen,
und da hat es sich erwiesen, dass dieser Auszug weder instinktiv, noch
vom Schicksal verhängt ist. Es ist keine blinde Auswanderung, sondern
ein anscheinend bewusstes Opfer, welches das lebende Geschlecht dem
zukünftigen bringt. Der Bienenzüchter braucht nur die jungen,
unausgeschlüpften Königinnen in ihren Zellen zu töten und, wenn viele
Larven und Nymphen vorhanden sind, gleichzeitig Honig- und Brutraum des
Volkes zu erweitern -- und alsbald hört das ganze unfruchtbare Treiben
auf, die gewöhnliche Arbeit wird wieder aufgenommen, Honig eingetragen,
und die alte Königin, die jetzt unentbehrlich geworden ist und keine
Nebenbuhlerinnen zu hoffen oder zu fürchten hat, verzichtet in diesem
Jahre auf ein Wiedersehen des Sonnenlichtes. Friedlich nimmt sie ihre
Mutterpflicht im Finstern wieder auf und legt methodisch, eine Spirale
beschreibend, von Zelle zu Zelle, ohne eine einzige auszulassen, ohne je
inne zu halten, jeden Tag zwei- bis dreitausend Eier.
Was wäre in alledem fatalistisch als die Liebe des Volkes von heute zu
dem von morgen? Diese Art von Verhängnis findet sich auch in der
menschlichen Gattung, wenn auch nicht mit der gleichen Gewalt und
Unbedingtheit, denn sie führt bei uns nie zu so grossen, einmütigen und
vollständigen Opfern. Welchem weitblickenden Fatum, das jenes andre
ersetzt, mögen wir gehorchen? Niemand weiss es, denn keiner kennt das
Wesen, das uns so ansieht, wie wir die Bienen.
* * * * *
Aber der Mensch soll den Gang der Dinge in dem von uns beobachteten
Bienenstocke nicht unterbrechen, und die feuchte Wärme eines langsam
dahinfliessenden Sommertages, der seine Strahlen schon unter das
Blattwerk sendet, beschleunigt die Stunde des Aufbruchs. Überall in den
goldbraunen Gängen, die zwischen den senkrechten Riesenmauern laufen,
rüsten die Arbeitsbienen sich zur Reise. Jede versieht sich mit einem
Honigvorrat für fünf bis sechs Tage. Aus diesem Honig bereiten sie,
durch einen noch nicht recht aufgeklärten chemischen Prozess, das zur
Aufführung von neuen Bauten unmittelbar erforderliche Wachs. Ferner
versehen sie sich mit einer gewissen Menge von Propolis, einer harzigen
Substanz, die dazu bestimmt ist, die Spalten und Ritzen der neuen
Wohnung zu verkitten, alles, was locker ist, zu befestigen, alle Wände
zu firnissen und alles Licht abzublenden, denn sie arbeiten nur in einer
fast völligen Dunkelheit, in der sie sich mit Hülfe ihrer Facettenaugen
oder auch ihrer Fühler zurechttasten, denn diese scheinen in der That
der Sitz eines unbekannten Sinnes zu sein, welcher die Finsternis fühlt
und misst.
* * * * *
Sie vermögen also die Ereignisse des gefahrvollsten Tages in ihrem
Dasein vorauszusehen. Heute leben sie nur für den grossen Akt und die
vielleicht wunderbaren Abenteuer, die er mit sich bringt; heute haben
sie keine Zeit, in Gärten und Wiesen hinauszuschwärmen, und morgen oder
übermorgen kann es vielleicht regnen und stürmen, ihre kleinen Flügel
können erstarren und ihre Blumen sich nicht mehr öffnen. Ohne diese
Voraussicht wären sie dem Hungertode preisgegeben. Nichts käme ihnen zu
Hülfe, und sie würden niemanden um Hülfe bitten. Von Stock zu Stock
kennen sie sich nicht und helfen sich nie. Es kommt sogar vor, dass der
Bienenzüchter den Bienenstock, in den er die alte Königin und den sie
umgebenden Schwarm eingeschlagen hat, dicht neben den eben verlassenen
Stock stellt. Welches Unglück sie nun auch trifft, man kann sagen, dass
sie seinen Frieden, sein emsiges Glück, seine Reichtümer und seine
Sicherheit unwiderruflich vergessen haben, und dass sie alle, eine nach
der andern bis zur letzten, lieber bei ihrer unglücklichen Königin
verhungern, als in ihr Elternhaus zurückzukehren, obschon der Duft
seines Überflusses, welches der Duft ihrer verflossenen Arbeit ist, bis
in ihre Trübsal herüberdringt.
* * * * *
Was, wird man sagen, würden die Menschen nicht thun; es ist dies ein
Beweis dafür, dass hier trotz einer staunenswerten Organisation keine
eigentliche Vernunft, kein Bewusstsein vorhanden ist. Was wissen wir
davon? Sind wir, ganz abgesehen davon, dass es sehr wohl möglich ist,
dass andere Wesen eine andere Vernunft haben als die unsre, eine
Vernunft, die sich in ganz anderer Weise äussert, ohne darum
minderwertig zu sein, -- sind wir, die wir nie aus dem engen Kreise des
Menschlichen herauskommen, so gute Richter über geistige Dinge? Wir
brauchen nur zwei oder drei Personen hinter einem Fenster sprechen und
gestikulieren zu sehen, ohne zu hören, was sie sich sagen, und schon
wird es uns sehr schwer, den sie leitenden Gedanken zu erraten. Glaubt
man etwa, ein Bewohner des Mars oder der Venus, der von einem Berggipfel
herab die kleinen schwarzen Punkte, die wir im Raume sind, durch die
Strassen und Plätze hin- und herwimmeln sähe, könnte sich aus dem
Anblick unserer Bewegungen, unserer Gebäude und Kanäle oder Maschinen,
eine genaue Vorstellung von unserem Verstande, unserer Moral, unserer
Art zu lieben, zu denken und zu hoffen, kurz unsrem inneren und
wirklichen Wesen machen? Er würde sich damit begnügen, gewisse
erstaunliche Thatsachen festzustellen, ganz wie wir es im Bienenstock
thun, und daraus würde er wahrscheinlich ebenso unsichre und irrige
Folgerungen ziehen wie wir. Auf alle Fälle dürfte es ihm sehr schwer
fallen, in den »kleinen schwarzen Punkten« die grosse moralische
Tendenz, das wunderbar einmütige Gefühl zu entdecken, das im Bienenstock
zum Ausdruck kommt. »Wohin gehen sie?« würde er sich fragen, wenn er uns
Jahre und Jahrhunderte lang beobachtet hätte. »Was thun sie? Welches ist
der Mittelpunkt und der Zweck ihres Lebens? Gehorchen sie irgend einem
Gotte? Ich sehe nichts, was ihre Schritte lenkt. Heute scheinen sie
allerhand Kleinigkeiten aufzuhäufen und aufzubauen, und morgen zerstören
und zerstreuen sie sie. Sie kommen und gehen, sie versammeln sich und
gehen auseinander, aber man weiss nicht, was sie eigentlich wollen. Sie
bieten allerhand unerklärliche Anblicke. So sieht man z. B. etliche, die
sich sozusagen nicht rühren. Man erkennt sie an ihren glänzenderen
Gewändern. Oft auch sind sie von grösserem Umfange, als die, welche
ihnen dienen. Ihre Wohnungen sind zehn oder zwanzig Mal so gross, auch
zweckmässiger eingerichtet und reicher als die der andren. Sie halten
darin Tag für Tag Mahlzeiten ab, die stundenlang dauern und sich
bisweilen tief in die Nacht erstrecken. Alle, die ihnen näher kommen,
scheinen sie ausserordentlich zu ehren; aus den Nachbarhäusern wird
ihnen Nahrung zugetragen, und vom Lande her strömen sie in Massen
herbei, um ihnen Geschenke zu bringen. Man muss wohl glauben, dass sie
unentbehrlich sind und ihrer Gattung wesentliche Dienste leisten,
wiewohl unsre Forschungen uns noch keinen Aufschluss darüber gegeben
haben, welcher Art diese Dienste sind. Dann wieder sieht man andre in
grossen Häusern, die mit kreisenden Rädern angefüllt sind, in düsteren
Schlupfwinkeln an den Häfen, oder auf kleinen Erdgevierten, auf denen
sie vom Morgen bis zum Abend herumwühlen, in unaufhörlicher, mühevoller
Arbeit. Dies alles führt zu der Vermutung, dass ihre Thätigkeit eine
Strafe ist. Man lässt sie in engen, schmutzigen und baufälligen Hütten
wohnen. Sie sind mit einem farblosen Stoffe bekleidet. Und so gross
scheint ihr Eifer bei ihrer schädlichen oder doch zum mindesten unnützen
Thätigkeit, dass sie sich kaum zum Schlafen und zum Essen Zeit gönnen.
Auf einen der vorhin genannten kommen ihrer Tausend. Es ist zu
bewundern, dass sich die Gattung unter Umständen, die ihrer Entwicklung
so ungünstig sind, bis auf diesen Tag erhalten hat. Übrigens muss man
hinzusetzen, dass sie, wenn man von dem zähen Eifer absieht, mit dem sie
ihr mühevolles Tagewerk betreiben, harmlos und willfährig erscheinen und
sich in allem jenen andren anbequemen, die augenscheinlich die Hüter und
vielleicht die Retter der Gattung sind.«
* * * * *
Ist es nicht sonderbar, dass der Bienenstock, den wir aus der Höhe einer
andren Welt nur undeutlich erkennen, uns beim ersten Blick eine tiefe
und gewisse Antwort giebt? Ist es nicht wunderbar, dass seine Bauten,
seine Sitten und Gesetze, seine soziale und politische Organisation,
seine Tugenden und selbst seine Grausamkeiten, uns unmittelbar den
Gedanken oder Gott offenbaren, dem die Bienen dienen, der weder der
unrechtmässigste, noch der vernunftwidrigste ist, den man sich
vorstellen kann, wiewohl vielleicht der einzige, den wir noch nicht
ernstlich angebetet haben, nämlich die Zukunft? Wir suchen in unsrer
Menschheits-Geschichte bisweilen die moralische Kraft und Grösse eines
Volkes zu bewerten, und wir finden keinen andren Maassstab, als die
Dauerhaftigkeit und Grösse des von ihm verfolgten Ideals und die
Selbstverleugnung, mit der es sich ihm hingiebt. -- Haben wir oft ein
Ideal gefunden, das dem Weltall näher steht, das fester, erhabener,
selbstloser und offenkundiger ist und mit einer gänzlicheren und
heldenhafteren Selbstverleugnung Hand in Hand geht?
* * * * *
O seltsame kleine Republik, so logisch und so ernst, so zweckvoll und so
streng durchgeführt, so sparsam und doch einem so grossen und ungewissen
Traume hingegeben! O kleines Volk, so entschlossen und so tief, von
Licht und Wärme und allem Reinsten in der Welt genährt, vom Kelch der
Blumen, das ist vom sichtbarsten Lächeln der Materie und ihrem
rührendsten Streben nach Glück und Schönheit! Wer wird uns sagen, welche
Probleme Ihr gelöst habt und uns zu lösen aufgebt, welche Gewissheiten
Ihr erworben habt und uns zu erwerben noch übrig lasset! Und wenn es
wahr ist, dass Ihr Probleme gelöst, Gewissheiten erlangt habt, indem Ihr
nicht dem Verstande folgtet, sondern einem blinden und dumpfen Drange:
welches noch unlösbarere Rätsel zwingt Ihr uns dann noch zu lösen? O
kleine Stadt voller Glauben und Hoffen, und voller Mysterien, warum wird
Deinen hunderttausend Jungfrauen eine Aufgabe zuteil, die kein
menschlicher Sklave je auf sich genommen hat? Schonten sie ihre Kräfte,
dächten sie ein wenig mehr an sich selbst, wären sie etwas weniger
eifrig bei der Arbeit, sie sähen einen zweiten Lenz und einen neuen
Sommer, und doch scheinen sie in dem grossen Augenblick, wo alle Blumen
ihnen winken, von einer mörderischen Arbeitslust ergriffen zu werden,
und mit geknickten Flügeln, mit eingeschrumpftem, wundenbedecktem Leibe
finden sie fast alle in weniger als fünf Wochen den Tod.
»Tantus amor florum et generandi gloria mellis«, ruft Vergil aus, der
uns im vierten Buche seiner »Georgica«, das den Bienen gewidmet ist, die
holden Irrtümer der Alten überliefert hat, welche die Natur mit einem
durch die glänzende Vision des Olymps geblendeten Auge betrachteten.
* * * * *
Warum entsagen sie dem Schlafe, den Wonnen des Honigs, der Liebe und der
göttlichen Musse, die z. B. ihr geflügelter Bruder, der Schmetterling,
kennt? Könnten sie nicht leben wie er? Der Hunger ist es nicht, der sie
zur Arbeit treibt. Zwei oder drei Blumen genügen zu ihrer Ernährung, und
sie befliegen stündlich zwei- oder dreihundert, um einen Schatz
aufzuhäufen, dessen Süsse sie nie kosten werden. Wozu schaffen sie sich
soviel Qual und Mühe, und woher kommt eine solche Entschiedenheit? Es
muss also das Geschlecht, für das sie sterben, dieses Opfer wohl
verdienen, es muss schöner und glücklicher sein und etwas thun, was sie
nicht vermochten? Wir erkennen ihr Ziel, es ist klarer, als das unsre,
sie wollen in ihren Nachkommen leben, solange die Welt steht: aber
welches ist doch der Zweck dieses grossen Ziels und die Aufgabe dieses
ewig wiederkehrenden Kreislaufes? -- Oder sind wir, die da zweifeln und
zaudern, nicht viel eher kindliche Träumer, die unnütze Fragen stellen?
Sie könnten von Stufe zu Stufe gestiegen und allmächtig und glückselig
geworden sein, sie könnten die letzten Höhen erklommen haben, von denen
sich die Naturgesetze beherrschen lassen, sie könnten unsterbliche
Göttinnen geworden sein, und wir würden sie immer noch befragen, was sie
hofften, wohin sie gingen, wo sie Halt zu machen gedächten und sich am
Ziel ihrer Wünsche glaubten. Wir sind so geschaffen, dass uns nichts
befriedigt, dass uns nichts seinen eigenen Zweck zu haben und einfach,
ohne Hintergedanken, zu existieren scheint. Haben wir uns bis auf diesen
Tag auch nur einen Gott vorstellen können, so dumm oder so
vernunftgemäss er auch sein mag, ohne dass wir ihn uns unmittelbar
geschäftig und wirkend dachten, ohne dass wir ihn zum Schöpfer einer
Menge von Wesen und Dingen machten und tausend Zwecke noch hinter ihm
annahmen? Werden wir uns wohl je damit begnügen, einige Stunden lang
ruhig eine besondere Form der wirkenden Materie darzustellen, um alsbald
ohne Staunen und ohne Bedauern jene andre Form anzunehmen, welches die
unbewusste, unbekannte, schlafende, ewige ist?
* * * * *
Indessen vergessen wir nicht unsren Bienenstock, dessen Schwarm die
Geduld verliert, unsern Bienenstock, der schon von schwärzlichen,
kribbelnden Fluten brodelt und überschwillt, wie ein klingendes Gefäss
in der Sonnenglut. Es ist Mittag, und man möchte sagen, dass die Bäume
mitsamt in der brütenden Hitze kein Blättchen bewegen, wie man seinen
Atem anhält, wenn man vor etwas sehr Holdem, aber sehr Ernstem steht.
Die Bienen schenken dem Menschen Honig und duftendes Wachs, aber was
vielleicht mehr wert ist, als Honig und Wachs: sie lenken seinen Sinn
auf den heiteren Junitag, sie öffnen ihm das Herz für den Zauber der
schönen Jahreszeit, und alles, woran sie Anteil haben, verknüpft sich in
der Vorstellung mit blauem Himmel, Blumensegen und Sommerlust. Sie sind
die eigentliche Seele des Sommers, die Uhr der Stunden des Überflusses,
der schnelle Flügel der aufsteigenden Düfte, der Geist und Sinn des
strömenden Lichtes, das Lied der sich dehnenden, ruhenden Luft, und ihr
Flug ist das sichtbare Wahrzeichen, die deutliche musikalische Note der
tausend kleinen Freuden, die von der Wärme erzeugt sind und im Lichte
leben. Sie lehren uns die zarteste Stimme der Natur verstehen, und wer
sie einmal kennen und lieben gelernt hat, für den ist ein Sommer ohne
Bienensummen so unglücklich und unvollkommen, wie ohne Blumen und ohne
Vögel.
* * * * *
Wer die betäubende und wirre Episode des Schwärmens bei einem starken
Bienenvolke zum ersten Male miterlebt, der ist ziemlich ausser Fassung
und kommt nur furchtsam näher. Er erkennt die friedlichen und ernsten
Bienen der Trachtzeit nicht wieder. Noch vor wenigen Minuten sah er sie
aus allen vier Winden herbeifliegen, wie kleine emsige Bürgerfrauen, die
sich durch nichts von ihren Haushaltungsgeschäften ablenken lassen.
Erschöpft, atemlos, hastig und aufgeregt, aber leise, schlüpften sie
fast unbemerkt in das Flugloch und die jungen Wächterinnen am Eingang
nickten ihnen im Vorbeikommen mit den Fühlern zu. Kaum wechselten sie
die drei oder vier Worte, die wahrscheinlich unerlässlich sind, und
übergaben ihre Honigbürde hastig einer der jungen Trägerinnen, die stets
im Innenhofe der Werkstätte postiert sind, oder sie gingen selbst hinauf
und entleerten die zwei schweren Körbe von Blumenstaub, die an ihren
Hinterschenkeln hängen, in den geräumigen Speichern, die rings um dem
Brutraum liegen, um alsbald wieder davonzufliegen, ohne sich darum zu
kümmern, was im Laboratorium, im Schlafraume der Nymphen oder im
königlichen Palaste vorgeht, ohne sich auch nur eine Sekunde in das
geschwätzige Treiben des öffentlichen Platzes vor dem Thore zu mischen,
wo in den Stunden grosser Hitze eine Anzahl von Bienen für Luftzufuhr
sorgt, indem sie, eine an der andern hängend, hin- und herschaukeln, als
ob ein Bart im Winde flattert.
* * * * *
Heute bietet sich ein ganz anderes Bild dar. Eine Zahl von Arbeitsbienen
fliegt allerdings nach wie vor, als wäre nichts geschehen, friedlich aus
und ein, reinigt den Stock, klettert zu den Brutzellen hinauf und
scheint von der allgemeinen Trunkenheit nicht fortgerissen zu werden. Es
sind die, welche die Königin nicht begleiten werden, sondern im alten
Heim zurückbleiben, um es zu beschützen, die neun- oder zehntausend
Eier, die achtzehntausend Larven, die sechsunddreissigtausend Nymphen
und sieben oder acht Prinzessinnen, die allein zurückbleiben, zu pflegen
und zu ernähren. Sie werden zu dieser schweren Aufgabe auserkoren, ohne
dass man wüsste, wie, noch durch wen und nach welchem Gesetze. Doch sind
sie diesem Gesetze fest und unverbrüchlich treu, und wiewohl ich
mehrmals das Experiment gemacht habe, eines dieser selbstverleugnenden
Aschenbrödel, die man an ihrem ernsten und bedächtigen Wesen leicht aus
dem schwärmenden Volke herauserkennt, mit einem Farbstoffe zu bestäuben,
so habe ich doch nur selten eine von ihnen in der trunkenen Menge des
Schwarmes wiedergefunden.
* * * * *
Und doch scheint der Reiz unwiderstehlich. Es ist der Wonnetaumel des --
vielleicht unbewussten -- gottverordneten Opfers, das Honigfest, der
Sieg der Rasse und der Zukunft, es ist der einzige Tag der Freude, des
Vergessens und der Ausgelassenheit, es ist der einzige Sonntag der
Bienen. Und anscheinend auch der einzige Tag, wo sie nur für ihren
Hunger essen, wo sie die ganze Süsse des von ihnen aufgespeicherten
Schatzes empfinden. Sie sind wie freigelassene Gefangene, die sich
plötzlich ins Land der Freiheit und des Überflusses versetzt sehen. Sie
frohlocken, sie sind nicht mehr Herr ihrer selbst; sie, die nie eine
unangebrachte oder unnötige Bewegung machen, sie kommen und gehen,
fliegen ein und aus und immer wieder, um ihre Mitschwestern anzufeuern,
um nachzusehen, ob die Königin bereit ist, um ihre Ungeduld zu betäuben.
Sie fliegen höher, als es sonst der Fall ist, und das Laub der grossen
Bäume rings um den Bienenstand bebt von ihrem Schwirren. Sie kennen
keine Furcht und Sorge mehr. Sie sind nicht mehr wild, schnüfflerisch,
argwöhnisch, reizbar, heftig und unbändig. Der Mensch, der unbekannte
Herr, den sie nie anerkennen, und der ihrer nur dadurch Herr wird, dass
er sich allen ihren Arbeitsgewohnheiten anpasst, alle ihre Gesetze
achtet und Schritt für Schritt der Spur folgt, die ihr stets auf die
Zukunft gerichteter Sinn, ihr durch nichts zu trübender, durch nichts
von seinem Ziele abzulenkender Verstand dem Leben aufdrückt, -- der
Mensch kann ihnen nahen, kann den brausenden, kreisenden Schleier
zerreissen, in den sie ihn goldig und sanft einhüllen, er kann sie in
die Hand nehmen, sie einzeln abpflücken, wie Weinbeeren von der Traube;
sie sind ebenso sanft, ebenso harmlos, wie ein Schwarm Libellen oder
Nachtfalter. Sie sind an diesem Tage glücklich, obwohl sie nichts mehr
besitzen, sie blicken vertrauensvoll in die Zukunft, und wenn man sie
nicht von ihrer Königin trennt, die diese Zukunft in sich trägt, fügen
sie sich in Alles und verletzen niemand.
* * * * *
Aber das eigentliche Zeichen ist noch nicht gegeben. Im Bienenstock
herrscht eine unbegreifliche Aufregung und eine anscheinend durch nichts
zu erklärende Unordnung. Sonst scheinen die Bienen, wenn sie heimgekehrt
sind, zu vergessen, dass sie Flügel haben, und jede einzelne sitzt
nahezu unbeweglich, wenn auch nicht unthätig, auf den Waben, und zwar an
dem Flecke, der ihr durch die Art ihrer Arbeit zugewiesen ist. Jetzt
fliegen sie wie unsinnig in dichten Ketten an den Seitenwänden hinauf
und hinunter, wie ein bebender Teig, der von einer unsichtbaren Hand
geknetet wird. Die Temperatur steigt im Innern jäh, oft so weit, dass
der Wachsbau weich wird und sich zerdehnt. Die Königin, welche den
Brutraum sonst nie verlässt, läuft aufgeregt und kopflos durch die
Oberfläche der brausenden Masse, die sich gleichsam um sich selbst
dreht. Geschieht dies zur Beschleunigung oder zur Verzögerung des
Aufbruches? Befiehlt sie oder bittet sie? Verbreitet sie die wunderbare
Aufregung oder unterliegt sie ihr? Nach dem, was wir von der Psychologie
der Bienen im allgemeinen wissen, scheint es ziemlich erwiesen, dass das
Schwärmen allemal gegen den Willen der alten Königin stattfindet. Im
Grunde ist die Königin in den Augen der asketischen Arbeitsbienen,
welche ihre Töchter sind, das unentbehrliche und geheiligte, aber auch
ein wenig geistesschwache und oft kindliche Organ der Liebe. Sie
behandeln sie darum auch wie eine Mutter, die unter Vormundschaft steht.
Sie besitzen eine grenzenlose Verehrung und heldenmütige Anhänglichkeit
gegen sie. Ihr bleibt der reinste, besonders geläuterte und fast restlos
verdauliche Honig vorbehalten. Sie hat ein Gefolge von Trabanten oder
Liktoren, wie Plinius sagt, eine Leibwache, die Tag und Nacht über sie
wacht, ihr die mütterliche Arbeit erleichtert, die Zellen zum Eierlegen
bereit macht, sie pflegt, liebkost, ernährt, reinigt, ja, selbst ihre
Exkremente auffrisst. Wenn ihr das Geringste zustösst, verbreitet sich
die Kunde durch das ganze Volk; alles umdrängt sie und klagt. Wenn man
einem Stocke die Königin nimmt und die Bienen auf einen Ersatz nicht
hoffen können, sei es, dass sie keine königliche Nachkommenschaft
hinterlassen hat, sei es, dass keine Larven von Arbeitsbienen im Alter
von weniger als drei Tagen vorhanden sind (denn jede Arbeitsbienenlarve
unter drei Tagen kann durch besondere Ernährung in eine Königinnenlarve
verwandelt werden; das ist das grosse demokratische Prinzip des
Bienenstockes, welches die Vorrechte der mütterlichen Abkunft
kompensiert), -- wenn man, sage ich, unter diesen Verhältnissen einem
Stocke die Königin nimmt und ihr Fehlen bemerkt wird -- es vergehen oft
zwei bis drei Stunden, ehe alle Bienen es wissen, so gross ist ihre
Stadt, -- so ruht alsbald fast jede Arbeit, die Brut wird im Stich
gelassen, ein Teil des Volkes irrt im Stock umher und sucht nach seiner
Mutter, ein anderer fliegt aus und sucht sie da, die Ketten der
Arbeitsbienen, die am Wachsbau beschäftigt waren, zerreissen und lösen
sich auf, die Honigsucherinnen befliegen ihre Blumen nicht mehr, die
Schildwachen am Eingang verlassen ihren Posten und die fremden Räuber
und Honigschmarotzer, die stets auf unverhoffte Beute lauern, kommen und
gehen, ohne dass jemand daran denkt, den mühsam erworbenen Schatz zu
verteidigen. Allmählich verarmt und verödet der Stock und seine
trostlosen Bewohnerinnen sterben bald vor Trübsal und Elend, wiewohl der
Sommer ihnen alle seine Blüten öffnet.
Giebt man ihnen ihre Königin aber wieder, ehe ihr Verlust ihnen zur
vollendeten, unumstösslichen Thatsache geworden ist, ehe die
Demoralisation zu sehr um sich gegriffen hat, -- denn die Bienen sind
wie die Menschen; Unglück und Verzweiflung brechen mit der Zeit ihren
Charakter und trüben ihren Verstand, -- giebt man ihnen die Königin nach
einigen Stunden wieder, so bereiten sie ihr einen ausserordentlich
rührenden Empfang. Alle umdrängen sie und rotten sich zusammen, klettern
über einander weg und liebkosen sie im Vorbeilaufen mit ihren langen
Fühlhörnern, die noch manche unaufgeklärten Organe enthalten, bieten ihr
Honig dar und geleiten sie im Gedränge bis zu den königlichen Gemächern.
Sofort ist die Ordnung wieder hergestellt und die Arbeit wird wieder
aufgenommen, von den innersten Waben des Brutraumes bis zu den
abgelegensten Vorbauten, in denen der Überschuss der Ernte gespeichert
wird; die Honigsucherinnen fliegen in schwarzen Fäden hinaus und kehren
oft schon drei Minuten darnach mit Nektar und Blütenstaub beladen heim;
die Räuber und Schmarotzer werden vertrieben oder umgebracht, die Gänge
gesäubert und der Stock ertönt wieder von dem sanften und eintönigen,
eigentümlich freudigen Summen, welches gleichsam das Hohelied auf die
Gegenwart der Königin ist.
* * * * *
Es giebt tausend Beispiele für diese unbedingte Treue und Hingebung der
Arbeitsbienen an ihre Königin. Bei fast allen Missgeschicken dieser
kleinen Republik, wenn einzelne Tafeln oder der ganze Bau durch
menschliche Rohheit oder Unwissenheit zerstört werden, wenn das Volk
durch Kälte, Hungersnöte oder Krankheiten dahingerafft wird, bleibt die
Königin fast immer wohlbehalten und man findet sie lebend unter den
Leichen ihrer treuen Töchter. Denn alle beschützen sie, erleichtern ihr
die Flucht und schirmen sie mit ihrem eigenen Leibe, sparen für sie die
bekömmlichste Nahrung und die letzten Honigtropfen. Und so lange sie am
Leben ist, mag das Missgeschick noch so gross sein, die Verzweiflung
bleibt der Stadt der Jungfrauen fern. Man mag ihnen zwanzigmal
hintereinander die Waben zertrümmern, die Brut und die Lebensmittel
nehmen, man macht sie doch nicht irre an der Zukunft. Mögen sie
gezehntet, halb verhungert sein und kaum noch so viele Überlebende
zählen, dass sie ihre Mutter vor den Augen des Feindes verbergen können,
sie werden doch die Ordnung im Bau wiederherstellen, werden so schnell
wie möglich für Vorräte sorgen und sich nach den neuen Ansprüchen ihrer
unglücklichen Lage in die Arbeit teilen. Und sie werden diese Arbeit mit
einer Geduld, einem Eifer, einer Umsicht und Beharrlichkeit verrichten,
die man in der Natur nicht oft findet, obgleich die Mehrzahl ihrer
Bewohner mehr Mut und Zuversicht zu entwickeln pflegt, als der Mensch.
Um der Verzweiflung vorzubeugen und die Arbeitslust wach zu erhalten,
bedarf es nicht einmal des Vorhandenseins einer Königin: genug, wenn
diese bei ihrem Scheiden die entfernteste Hoffnung auf Nachkommenschaft
zurücklässt. »Wir haben«, sagt der ehrwürdige Langstroth, einer der
Väter der modernen Bienenzucht, »ein Volk gesehen, das nicht Bienen
genug zählte, um eine Fläche von zehn Quadratzentimetern zu bedecken,
und doch suchte es eine Königin zu erziehen. Zwei volle Wochen gab es
die Hoffnung nicht auf; endlich, als die Bienen auf die Hälfte reduziert
waren, kroch die Königin aus, aber ihre Flügel waren so schwach, dass
sie nicht fliegen konnte. Aber trotz ihrer Ohnmacht behandelten ihre
Bienen sie nicht weniger ehrerbietig. Eine Woche darauf war nur noch ein
Dutzend Bienen übrig und einige Tage später war die Königin
verschwunden, einige verzweifelte Überlebende auf den Waben
zurücklassend.«
* * * * *
Noch eine Thatsache, die der Mensch in seiner unerhörten tyrannischen
Einmischung an diesen unglücklichen, aber unerschütterlichen Heldinnen
erprobt hat, ein Experiment, an dem sich die letzte Geberde der
kindlichen Liebe und Selbstverleugnung beobachten lässt. Ich liess mir
mehrmals aus Italien geschwängerte Königinnen kommen, wie dies jeder
Bienenfreund thut, denn die italienische Rasse ist besser, kräftiger und
fruchtbarer, sie ist emsiger und von sanfterer Gemütsart, als die
einheimischen. Man verschickt sie in kleinen durchlöcherten Kästen,
giebt ihnen etwas Nahrung und einige Arbeitsbienen mit, die nach
Möglichkeit aus den älteren Jahrgängen ausgesucht sind. (Das Alter der
Bienen erkennt man ziemlich leicht an ihrem glatteren, mageren, fast
kahlen Leib und vor allem an ihren abgenutzten und durch die Arbeit
beschädigten Flügeln.) Diese Begleiterinnen haben die Aufgabe, sie zu
ernähren, zu pflegen und während der Reise zu bewachen. In vielen Fällen
kommt eine Reihe davon tot an. In einem Falle waren sogar alle
verhungert, aber hier wie dort war die Königin unversehrt und kräftig,
und die letzte ihrer Gefährtinnen war wahrscheinlich umgekommen, indem
sie ihrer Herrin, der Verkörperung eines kostbareren und herrlicheren
Lebens, als das eigene war, den letzten Honigtropfen gegeben hatte, den
sie in der Tiefe ihrer Honigblase aufgespart hatte.
* * * * *
Die Erkenntnis dieser unverbrüchlichen Hingebung hat dem Menschen den
Weg gewiesen, wie er den wunderbaren politischen Sinn der Bienen, ihre
Arbeitslust, ihre Beharrlichkeit, Hochherzigkeit und Liebe zur Zukunft,
die aus dieser Hingebung hervorgehen oder darin einbegriffen sind, zu
seinem Vorteil zu benutzen hat. Durch sie ist es ihm seit einigen Jahren
gelungen, die wilden Bienen, ohne dass sie es ahnen, bis zu einem
gewissen Grade zu zähmen; denn sie weichen keiner fremden Gewalt und
noch in ihrer unbewussten Knechtschaft dienen sie nur ihren eignen
Gesetzen. Der Mensch kann glauben, dass er mit der Königin die Seele und
das Geschick des Schwarmes in Händen hält. Je nachdem er sie verwendet,
je nachdem er sozusagen mit ihr spielt, kann er z. B. das Schwärmen
hervorrufen oder verhüten, künstliche Schwärme machen, Schwärme
vereinigen oder teilen und die Auswanderung der Völker regeln. Die
Königin ist im Grunde eine Art von lebendigem Symbol, das, wie alle
Symbole, ein weniger sichtbares und allgemeineres Prinzip vertritt, und
der Imker muss sich dessen wohl bewusst werden, wenn er sich nicht
mancherlei Misserfolgen aussetzen will. Übrigens täuschen sich die
Bienen keineswegs über ihre Königin und verlieren nie aus den Augen,
dass hinter ihrer sichtbaren und kurzlebigen Gebieterin eine höhere,
beharrende, geistige Macht steht, das ist ihr herrschender Gedanke. Ob
dieser Gedanke bewusst oder unbewusst ist, darauf kommt es nur dann an,
wenn wir die Bienen, die ihn haben, oder die Natur, die ihn in sie
gelegt hat, insbesondere bewundern wollen. Wo er aber auch seinen Sitz
hat, dieser herrschende Gedanke, in den kleinen zarten Bienenleibern
oder in dem grossen unerkennbaren Weltkörper, er ist unserer Beachtung
wert, und wenn wir uns nebenbei gesagt davor hüteten, unsre Bewunderung
gewohnheitsmässig von örtlichen Nebenumständen abhängig zu machen, oder
von der Herkunft eines Dinges, so würden wir nicht so oft die
Gelegenheit versäumen, unsre Augen voll Bewunderung zu öffnen; denn
nichts ist heilsamer, als sie so zu öffnen.
* * * * *
Vielleicht wird man sagen, dass dies sehr gewagte und allzumenschliche
Annahmen sind, dass die Bienen wahrscheinlich keinen Gedanken dieser Art
haben und dass die Begriffe Zukunft, Liebe zur Rasse und viele andre,
die wir ihnen andichten, im Grunde weiter nichts sind, als die Formen,
welche der Selbsterhaltungstrieb, die Furcht vor Schmerz und Tod oder
der Lustreiz bei ihnen annehmen. Ich gebe zu, dass dies alles nur eine
Ausdrucksweise ist und darum messe ich ihm auch keinen allzugrossen Wert
bei. Das Einzige, was in diesem Falle -- wie in allen andern Fällen --
sicher feststeht, ist die Thatsache, dass die Bienen unter den und den
Verhältnissen sich gegen ihre Königin so und so benehmen. Der Rest ist
ein Mysterium, über das man nur Vermutungen haben kann, die mehr oder
weniger annehmbar, mehr oder weniger zutreffend sind. Aber wenn wir von
den Menschen so sprächen, wie es vielleicht klug wäre, von den Bienen zu
sprechen, hätten wir dann wohl das Recht, mehr zu sagen? Auch wir
gehorchen nur den Notwendigkeiten des Lebens, dem Lustreiz oder der
Furcht vor Schmerz und Tod, und was wir unsern Verstand nennen, das hat
den gleichen Ursprung und den gleichen Zweck wie das, was wir bei den
Tieren Instinkt nennen. Wir vollziehen gewisse Akte, deren Folgen wir zu
kennen meinen, wir unterliegen anderen, deren Gründe wir uns besser zu
kennen schmeicheln, als sie selbst; aber abgesehen davon, dass diese
Annahme durchaus nicht unanfechtbar dasteht, sind solche Akte
unerheblich und im Vergleich mit der Unzahl der übrigen selten, und
alle, die bestbekannten und die unbekanntesten, die kleinsten und die
gewaltigsten, vollziehen sich in einer undurchdringlichen Nacht, in der
wir fast ebenso blind sind, wie nach unserer Meinung die Bienen.
* * * * *
»Man muss gestehen«, sagt Buffon, der gegen die Bienen eine höchst
spasshafte Abneigung hat, »man muss gestehen, dass diese Tiere einzeln
genommen weniger Witz haben als der Hund, der Affe und die meisten
anderen Wesen. Man muss gestehen, dass sie weniger gelehrig und
anhänglich sind und weniger Gemüt, kurz, weniger menschenähnliche
Eigenschaften besitzen, und ferner, dass ihr anscheinender Verstand nur
von ihrer vereinigten Masse kommt. Doch setzt diese Vereinigung selbst
keinerlei Verstand voraus, denn sie vereinigen sich keineswegs aus
moralischen Absichten, sie finden sich ohne ihre Einwilligung zusammen.
Ihr >Staat< ist also nur eine physische Versammlung, von der Natur
angeordnet und ohne irgendwelche Bewusstheit und Überlegung entstanden.
Die Königin gebiert zehntausend Stück auf einmal und am nämlichen Fleck,
also müssen diese zehntausend Stück, auch wenn sie noch tausendmal
stumpfsinniger sein mögen, als ich annehme, sich um der blossen
Lebenserhaltung willen irgendwie zusammenthun, und da sie alle
miteinander mit denselben Kräften ausgerüstet sind, so müssen sie gerade
durch den Schaden, den sie sich anfangs etwa thun, bald dahin kommen,
sich möglichst wenig zu schaden, d. h. sich zu helfen; sie erwecken
infolgedessen den Anschein eines Einvernehmens und eines gemeinsamen
Zieles; wer sie beobachtet, wird ihnen also leicht Absichten und den
Geist, der ihnen gerade fehlt, unterschieben, er wird bemüht sein, für
jede Handlung eine Ursache zu entdecken, jede Bewegung wird bald einen
Beweggrund haben, und daraus werden dann Vernunft-Ungeheuer oder
Wundertiere ohne Gleichen; denn diese zehntausend Stück, die alle
zugleich zur Welt gekommen sind, die zusammen gewohnt haben und fast
alle zugleich die Metamorphose durchgemacht haben, können nicht umhin,
alle dasselbe zu thun und, wenn sie auch noch so wenig Gemüt haben, die
gleichen Gewohnheiten anzunehmen, sich in die Arbeit zu teilen und in
dieser Gemeinschaft sich wohl zu fühlen, sich um ihre Wohnung zu
kümmern, nach dem Ausfluge wieder zurückzukehren u. s. w. Daher kommt
auch die Architektur, die Geometrie, die Ordnung, die Voraussicht und
Heimatsliebe, mit einem Wort: die Republik und das, wie man sieht, auf
der Bewunderung des Beobachters beruhende Ganze.«
Diese Art, unsere Bienen zu erklären, ist freilich eine ganz andere. Sie
kann auf den ersten Blick als natürlicher erscheinen, aber sollte sie
nicht gerade, weil sie so einfach klingt, garnichts erklären? Ich
übergehe die sachlichen Irrtümer der eben zitierten Worte; aber wenn man
sagt, sie passten sich, indem sie sich möglichst wenig schadeten, den
Notwendigkeiten des gemeinsamen Lebens an, setzt man dann nicht eine
gewisse Intelligenz voraus und zwar eine, die um so beträchtlicher
erscheinen muss, je genauer man zusieht, auf welche Weise diese
»zehntausend Stück« sich zu schaden vermeiden und sich zu helfen wissen?
Ist das nicht ebensogut unsere eigene Geschichte, die der alte
ärgerliche Naturforscher da erzählt, und lässt sie sich nicht ganz genau
auf alle unsere menschlichen Gesellschaften anwenden? Unsere Weisheit,
unsere Tugenden, unsere Politik sind weiter nichts als die Früchte der
herben Notwendigkeit, die unsere Einbildungskraft vergoldet hat; sie
haben keinen anderen Zweck, als unsere Selbstsucht nutzbar zu machen und
die ursprünglich schädliche Thätigkeit der Einzelwesen zum gemeinsamen
Heile zu wenden. Und dann, um es noch einmal zu sagen: wenn man den
Bienen jeden Gedanken, jedes Gefühl abspricht, das wir ihnen zugelegt
haben: was liegt schliesslich an dem Gegenstande unserer Bewunderung?
Wenn man es für unvernünftig hält, die Bienen zu bewundern, so können
wir ja die Natur bewundern; es wird allemal ein Augenblick kommen, wo
man uns unsere Bewunderung nicht mehr rauben kann, und wir werden dann
nichts verloren haben, indem wir warteten und zurückwichen.
* * * * *
Wie dem aber auch sei, und um unsere Annahme nicht fallen zu lassen,
denn sie hat wenigstens den Vorzug, gewisse mit der Wirklichkeit in
Beziehung stehende Thatsachen auch mit unserem Geiste in Beziehung zu
setzen, so ist es unstreitig weit mehr das unendliche Fortbestehen ihrer
Rasse, was die Bienen in ihrer Königin anbeten, als die Königin selbst.
Die Bienen sind keineswegs empfindsam, und wenn eine von ihnen mit so
schweren Verletzungen von der Arbeit heimkommt, dass sie für dauernd
arbeitsunfähig erachtet werden muss, so wird sie ohne Erbarmen verjagt.
Und doch kann man nicht sagen, dass sie jeder persönlichen
Anhänglichkeit an ihre Mutter bar sind. Sie erkennen sie unter allen
anderen heraus. Selbst wenn sie alt, elend und gelähmt ist, werden die
Wachen am Eingang keiner unbekannten Königin Einlass gewähren, so jung,
schön und fruchtbar sie auch scheinen mag. Es ist dies freilich einer
der Fundamentalgrundsätze ihrer Polizei, und nur in der grossen
Trachtzeit wird er zu gunsten einiger fremden Arbeitsbienen aufgegeben,
vorausgesetzt, dass diese mit Vorräten wohl beladen sind. -- Wird sie
schliesslich völlig unfruchtbar, so wird sie ersetzt, indem eine gewisse
Zahl von jungen Königinnen erzogen wird. Was aber geschieht mit der
alten Herrin? Man weiss es nicht genau, aber es begegnet dem
Bienenzüchter bisweilen, dass er auf den Waben eines Bienenstockes eine
prachtvolle Königin in der Blüte ihres Alters findet, und ganz im Grunde
in einer dunklen Ecke die alte »Herrin«, wie sie in der Normandie
heisst, abgemagert und gelähmt. Wie es scheint, haben sie sie in diesem
Falle bis zuletzt gegen den Hass ihrer jugendstarken Rivalin geschützt,
die ihren Tod will, denn die Königinnen haben stets einen
unbezwinglichen Abscheu vor einander und stürzen auf einander los,
sobald zwei unter demselben Dache vereinigt sind. Man ist also zu der
Annahme geneigt, dass sie der alten Königin eine Art von friedlichem und
bescheidenem Alterssitz in einem entfernten Eckchen des Stockes sichern,
wo sie ihre Tage in Frieden beschliessen kann. Es ist dies eines der
tausend Wunder dieses Wachskönigreiches, und wir können wieder einmal
feststellen, dass die Politik und die Lebensgewohnheiten der Bienen
nichts Fatalistisches und Engherziges an sich haben, und dass sie vielen
weit verborgeneren Gesetzen gehorchen, als wir zu kennen wähnen.
* * * * *
Aber wir kreuzen alle Augenblicke die Naturgesetze, die den Bienen
unerschütterlich erscheinen müssen. Wir versetzen sie alle Tage in die
Lage, in der wir uns selbst sehen würden, wenn jemand plötzlich die
Gesetze der Schwerkraft, des Lichtes und des Todes aufhöbe.
Was werden sie z. B. thun, wenn man dem Stocke durch List oder Gewalt
eine zweite Königin beisetzt? Von Natur ist dieser Fall nie eingetreten,
seit Bienen leben, dafür sorgen die Wachen am Eingang. Sie verlieren den
Verstand indess nicht, sondern wissen die zwei Grundsätze, die sie wie
Göttergebote zu achten scheinen, in einer wunderbaren Weise zu
vereinigen. Der eine dieser Grundsätze ist der der ungeteilten
Mutterschaft _einer_ Königin, ein unverbrüchlicher Grundsatz, ausser
wenn die herrschende Königin unfruchtbar ist (und auch in diesem Falle
nur ganz ausnahmsweise). Der zweite ist noch sonderbarer, denn wenn er
auch nicht übertreten werden darf, so lässt er sich sozusagen doch
beugen. Es ist dies das Prinzip der Unverletzlichkeit jeder königlichen
Person. Es wäre den Bienen ein leichtes, die Eingedrungene mit ihren
tausend Giftstacheln zu durchbohren, sie würde auf der Stelle tot sein
und sie hätten ihren Leichnam nur aus dem Bau zu schaffen. Aber obwohl
ihr Stachel stets kampfbereit ist, obwohl sie ihn jeden Augenblick
gebrauchen, um innere Zwistigkeiten auszufechten, die Drohnen oder die
Schmarotzer des Bienenstockes zu töten, so brauchen sie ihn nie gegen
eine Königin, ebenso wie die Königin den ihren nie gegen Menschen, Tiere
oder Arbeitsbienen zückt: sie zieht ihre königliche Waffe, die nicht
gerade ist, wie bei den Arbeitsbienen, sondern gekrümmt, wie ein
Türkensäbel, nur im Kampfe mit ihresgleichen, d. h. gegen eine andere
Königin.
Keine Biene wagt also, wie es scheint, einen unmittelbaren, blutigen
Königsmord auf sich zu nehmen, und so suchen sie in allen Fällen, wo
Ordnung und Gedeihen ihrer Republik den Tod der einen Königin
erheischen, diesem Tode den Anschein eines natürlichen zu geben: sie
teilen das Verbrechen in tausend Teile, und so wird es anonym.
Sie schliessen dann die Eingedrungene in einen dichten Knäuel ein und
bilden eine Art von lebendem Kerker um sie, in dem sie sich nicht rühren
kann, bis sie nach vierundzwanzig Stunden verhungert oder erstickt ist.
Erscheint inzwischen aber die rechtmässige Königin und wagt den Kampf
gegen die Nebenbuhlerin, so öffnen sich alsbald die lebendigen
Kerkerwände, die Bienen ziehen sich zurück und schliessen um die beiden
Gegnerinnen einen Kreis, ohne sich an dem Kampfe zu beteiligen.
Aufmerksam, aber unparteiisch verfolgen sie diesen eigentümlichen
Zweikampf, denn nur eine Mutter darf den Stachel gegen eine Mutter
erheben, und nur die, welche zwei Millionen Leben in ihren Weichen
birgt, scheint das Recht zu haben, mit einem Streiche zwei Millionen zu
töten. Wenn aber der Kampf unentschieden bleibt, wenn die zwei
gekrümmten Stachel an den schweren Chitinpanzern machtlos abgleiten, so
wird die, welche Miene macht zu fliehen, die rechtmässige sowohl wie die
fremde, ergriffen und wieder in den lebenden Kerker eingeschlossen, bis
sie die Absicht kundgiebt, den Kampf von neuem aufzunehmen. Es muss
übrigens noch hinzugefügt werden, dass bei den zahlreichen Versuchen
dieser Art die regierende Königin fast immer Siegerin bleibt, sei es,
dass sie im Gefühl zu Hause zu sein, mehr Wagemut und Kraft hat, als die
andre, sei es, dass die Bienen nur im Augenblick des Kampfes
unparteiisch, hingegen in der Art, wie sie die beiden Rivalinnen
einschliessen, ziemlich parteiisch sind, denn ihre Mutter scheint unter
ihrer Einkerkerung keineswegs zu leiden, aber die Fremde geht fast immer
sichtlich gelähmt und zerquetscht daraus hervor.
* * * * *
Ein einfaches Experiment zeigt besser als alles andere, dass die Bienen
ihre Königin wiedererkennen und eine wirkliche Anhänglichkeit an sie
haben. Nimmt man einem Bienenstocke die Königin, so sieht man bald alle
die Kundgebungen der Unruhe und Trübsal eintreten, die ich in einem
früheren Kapitel beschrieben habe. Lässt man nach einigen Stunden
dieselbe Königin wieder ein, so kommen alle ihre Töchter ihr huldigend
entgegen und bieten ihr Honig dar. Die einen bilden Spalier vor ihr, die
andern »präsentieren« in grossen unbeweglichen Halbkreisen um sie herum,
d. h. sie senken den Kopf, halten den Hinterleib hoch und schwirren
dabei in eigentümlich zitternder Weise mit den Flügeln. Dieses
sonderbare Gebahren ist der Ausdruck ihrer Freude über die glückliche
Heimkehr und bedeutet in ihrem Hofceremoniell anscheinend feierliche
Verehrung oder höchstes Wohlbehagen. Aber man glaube nicht, man könnte
sie täuschen, und statt der rechtmässigen Königin eine fremde einführen.
Wenn diese kaum einige Schritte vorwärts gemacht hat, so laufen die
Arbeitsbienen von allen Seiten entrüstet zusammen. Sie wird auf der
Stelle umringt, in das furchtbare Getümmel des Schwarms eingekerkert und
darin gefangen gehalten, bis sie stirbt, denn in diesem besonderen Falle
kommt es fast nie vor, dass sie lebend entrinnt.
Es ist darum auch sehr schwierig für den Bienenzüchter, Königinnen zu
ersetzen. Es ist eigentümlich zu sehen, zu welchen Kniffen und
komplizierten Listen der Mensch greifen muss, um seinen Willen
durchzusetzen und diese kleinen klugen, aber stets im besten Glauben
lebenden Insekten irrezuführen, die mit rührendem Mute die
unverhofftesten Ereignisse annehmen und augenscheinlich nichts anderes
in ihnen sehen, als eine neue unvermeidliche Laune der Natur. Auf jeden
Fall rechnet der Mensch bei all seiner List und bei der trostlosen
Verwirrung, die er mit seinen gewagten Manövern oft anrichtet, allemal
auf den wunderbaren praktischen Sinn der Bienen, auf den
unerschöpflichen Schatz ihrer Gesetze und merkwürdigen Gewohnheiten, auf
ihre Ordnungs- und Friedensliebe, ihren Gemeinsinn, ihre Treue gegen die
Zukunft, ihre so geschickte Charakterfestigkeit und ihren so selbstlosen
Ernst, vor allem aber auf ihre unermüdliche Pflichterfüllung. Doch die
Einzelheiten dieses Verfahrens gehören in das Gebiet der eigentlichen
Bienenzucht und würden uns hier zu weit führen.[3]
* * * * *
Was aber die persönliche Anhänglichkeit betrifft, mit der ich hier zu
Ende kommen möchte, so scheint es gewiss, dass sie vorhanden ist, ebenso
gewiss aber, dass sie nicht lange im Gedächtnis bleibt, und wenn man
eine Mutter, die mehrere Tage verschwunden war, wieder in ihr Reich
einsetzen will, so wird sie von ihren erbitterten Kindern derart
behandelt, dass man sich beeilen muss, sie der tötlichen Einkerkerung zu
entziehen, welche das Loos der fremden Königinnen ist. Denn sie haben
inzwischen Zeit gehabt, ein Dutzend Zellen für Arbeitsbienen in solche
für Königinnen umzubauen, und die Zukunft des Volkes steht nicht mehr
auf dem Spiele. Ihre Anhänglichkeit nimmt also in dem Maasse zu oder ab,
inwieweit die Königin diese Zukunft vertritt. So sieht man, wenn eine
Königin die gefährliche Zeremonie des Hochzeitsausfluges vollzieht, ihre
Unterthanen häufig so besorgt, sie möchte verloren gehen, dass sie sie
auf diesem tragischen Liebesfluge, von dem ich späterhin reden werde,
begleiten. Das thun sie aber nie, wenn man ihnen ein Stück Zellenbau
gegeben hat, der junge Brutzellen enthält, weil sie dann die Aussicht
haben, andere Mütter aufzuziehen. Die Anhänglichkeit kann sogar in Wut
und Hass umschlagen, wenn ihre Herrin nicht alle ihre Pflichten gegen
jene abstrakte Gottheit erfüllt, die man die künftige Gesellschaft
nennen könnte und die sie höher zu verehren scheinen, als wir. So hat
man die Königin z. B. aus verschiedenen Gründen am Schwärmen gehindert,
indem man ein Gitter am Flugloch anbrachte, durch das die dünnen und
gelenken Arbeitsbienen ahnungslos hindurchschlüpften, während die arme
Sklavin der Liebe mit ihrem beträchtlich schwereren und umfangreicheren
Körper nicht hindurchkonnte. Beim ersten Ausflug merkten die Bienen,
dass sie ihnen nicht gefolgt war, kehrten in die alte Wohnung zurück und
stiessen, drängten und misshandelten die unglückliche Gefangene, die sie
ohne Zweifel der Trägheit anklagten oder für etwas geistesschwach
hielten, auf eine sehr unzweideutige Weise. Beim zweiten Ausflug schien
ihr böser Wille festzustehen, der Zorn wuchs und die Ausschreitungen
wurden ernster. Endlich beim dritten Ausflug waren sie der Meinung, dass
sie ihrem Loose und der Zukunft der Rasse für immer untreu geworden war,
und verurteilten sie zum Tode in dem königlichen Gefängnis.
* * * * *
Man sieht, dieser Zukunft ist alles mit einer Voraussicht, einer
Einstimmigkeit, einer Unbeugsamkeit und Geschicklichkeit im Auslegen und
Benutzen der Umstände untergeordnet, dass man vor Bewunderung starr ist,
wenn man bedenkt, wie unverhofft und übernatürlich unser Eingreifen den
Bienen erscheinen muss. Man wird vielleicht sagen, dass sie sich in
diesem Falle das Unvermögen der Königin, ihnen zu folgen, sehr schlecht
deuten. Aber würden wir viel hellsichtiger sein, wenn ein anders
gearteter Verstand in Verbindung mit einem so riesenhaften Körper, dass
seine Bewegungen fast ebenso unfasslich sind, wie die einer
Naturerscheinung, sich das Vergnügen machte, uns Fallen gleicher Art zu
stellen? Haben wir nicht einige tausend Jahre gebraucht, um eine
einigermassen annehmbare Erklärung für den Blitzstrahl zu finden? Jeder
Intellekt ist mit Langsamkeit geschlagen, wenn er aus seiner eng
begrenzten Wirkungssphäre heraustritt und sich Vorgängen gegenüber
sieht, zu denen er nicht den Anstoss gegeben hat. Ausserdem ist nicht
gesagt, dass die Bienen, wenn man das Experiment mit dem Gitter
fortsetzen und verallgemeinern würde, nicht schliesslich doch
dahinterkämen und einen Ausweg fänden. Sie haben schon manches andre
Experiment begriffen und das bestmögliche Teil dabei erwählt, z. B. das
Experiment mit den beweglichen Waben oder das mit den Aufsätzen, wo man
sie zwingt, ihren überschüssigen Honig in die kleinen amerikanischen
Honigkästen zu tragen, oder endlich das ausserordentliche Experiment mit
den Kunstwaben, wo die Zellen nur durch einen dünnen Wachsumriss
angedeutet sind und die Bienen sofort die Nützlichkeit begreifen und sie
sorgfältig ausbauen, ohne Stoff und Arbeitskraft zu verlieren. Finden
sie nicht unter allen Verhältnissen, die sich ihnen in Gestalt einer von
einem böswilligen und hinterlistigen Gotte gestellten Falle darstellen
müssen, stets die beste und einzig menschliche Lösung? Um nur einen ganz
naturgemässen, aber abnormen Fall zu erwähnen: wenn eine Schnecke oder
eine Maus in den Stock gerät oder darin umkommt -- was werden sie wohl
thun, um den Kadaver loszuwerden, der alsbald ihre ganze Wohnung
verpesten würde? Wenn es ihnen nicht möglich ist, den Eindringling
hinauszujagen oder zu zerstückeln, so schliessen sie ihn methodisch in
ein hermetisches Grabmal von Wachs und Propolis ein, das unter den
gewöhnlichen Bauten der Stadt einen bizarren Eindruck macht. Letztes
Jahr fand ich in einem meiner Bienenstöcke ein Konglomerat von drei
solchen Grabhügeln, die wie die Zellen des Wachsbaues nur durch eine
gemeinsame Mittelwand getrennt waren, um möglichst viel Wachs zu sparen.
Die klugen Totengräberinnen hatten sie über den Leichen dreier Schnecken
errichtet, welche ein Kind in ihre Behausung hineingesteckt hatte.
Gewöhnlich begnügen sie sich bei Schnecken damit, die Öffnung des
Gehäuses mit Wachs zu verkleben. Aber hier, wo die Schale mehr oder
weniger zerbrochen oder rissig war, hatten sie es für klüger gehalten,
das Ganze zu begraben, und um den Eingang nicht zu verstopfen, hatten
sie in dieser den Weg versperrenden Masse eine Anzahl von Gängen
angebracht, die genau der Körpergrösse der Drohnen angepasst waren,
welche zweimal so gross sind, wie die Bienen. Dies und der folgende Fall
erlauben wohl die Annahme, dass sie eines Tages dahinterkommen könnten,
warum die Königin ihnen durch das Gitter nicht folgen kann. Sie haben
einen ganz ausgeprägten Sinn für Proportionen und den nötigen Spielraum,
dessen ein Körper zu seiner Bewegung bedarf. In den Gegenden, wo der
Totenkopfschmetterling (Acherontia atropos) häufig ist, errichten sie am
Flugloche ihrer Stöcke kleine Wachssäulen, zwischen denen der nächtliche
Räuber seinen dicken Leib nicht hindurchzwängen kann.
* * * * *
Aber genug davon, ich hätte erst garnicht damit angefangen, wenn es
gälte, alle Beispiele zu erschöpfen. Um jedoch die Rolle und Lage der
Königin noch einmal zusammenzufassen, so kann man sagen, dass sie das
sklavische Herz des Schwarmes ist, während die Arbeitsbienen den
Verstand darstellen. Sie ist die Alleinherrscherin, aber auch die
königliche Magd, die gefangene Hüterin und die verantwortliche
Vertreterin der Liebe. Ihr Volk dient ihr und verehrt sie, ohne darüber
zu vergessen, dass es nicht ihrer Person unterthan ist, sondern der von
ihr erfüllten Aufgabe und Bestimmung. Man wird schwerlich ein
menschliches Gemeinwesen finden, dessen Plan und Anlage einen so
beträchtlichen Teil der Wünsche und Sehnsüchte unseres Planeten erfüllt,
eine Gesellschaft, deren Glieder eine grössere und vernünftigere
Unabhängigkeit geniessen, und wo andererseits eine unerbittlichere und
zweckmässigere Unterordnung herrscht, wo die Opfer härter und
unbedingter sind. Man glaube nicht, dass ich diese Opfer ebenso
bewunderte, wie ihre Resultate. Es wäre augenscheinlich zu wünschen,
dass diese Resultate mit weniger Leid und Selbstaufopferung zu erreichen
wären. Stimmt man dem Prinzip aber einmal bei -- und vielleicht will die
Vernunft unseres Erdballs dieses Prinzip -- so ist seine Durchführung
jedenfalls bewundernswert. Mag für die Menschen eine andere Wahrheit
gelten oder nicht, im Bienenstock wird das Leben jedenfalls nicht als
eine Reihe von mehr oder minder angenehmen Stunden angesehen, die man
sich nur so weit verbittern und verdüstern darf, als zu seiner Erhaltung
unerlässlich ist, sondern als eine grosse gemeinsame Pflicht, die auf
eine von Weltbeginn an ewig zurückweichende Zukunft gerichtet ist. Jedes
Individuum verzichtet hier auf mehr als auf sein halbes Glück und seine
halben Rechte. Die Königin entsagt dem Tageslicht, den Blumenkelchen und
der süssen Freiheit, die Arbeitsbienen entsagen der Liebe, fünf oder
sechs Lebensjahren und dem Mutterglück. Die Königin sieht ihr Hirn zu
Gunsten der Zeugungsorgane auf ein Nichts reduziert und die
Arbeitsbienen eben diese Organe auf Kosten ihres Intellekts
verkümmern. Es wäre unrecht zu behaupten, dass der Wille an diesen
Verzichtleistungen keinen Anteil hat. Die Arbeitsbiene ist zwar nicht
Herrin ihres eigenen Geschickes, aber sie bestimmt das Schicksal aller
Nymphen ihrer Umgebung, die ihre mittelbaren Töchter sind. Wir haben
gesehen, dass aus jeder Larve, wenn sie königlich ernährt oder
untergebracht wird, eine Königin entstehen kann, und wenn man umgekehrt
die Ernährung einer königlichen Larve ändert und ihre Zelle verkleinert,
würde eine Arbeitsbiene daraus hervorgehen. Diese geheimnisvollen Wahlen
finden jeden Tag in dem goldbraunen Schatten des Bienenstockes statt.
Sie geschehen nicht auf gut Glück, sondern eine Klugheit, deren
tiefehrlichen Ernst nur der Mensch missbrauchen kann, eine allzeit
wachsame Weisheit, die sich von allem Rechenschaft ablegt, was
ausserhalb und innerhalb des Stockes vor sich geht, lenkt sie in ihren
Entschliessungen. Tritt ein unverhoffter Blumenreichtum ein, wird die
Königin alt oder lässt ihre Fruchtbarkeit nach, wird es dem Schwarm
infolge starker Vermehrung zu eng in seinen Wänden, so entstehen alsbald
Königinnenzellen. Dieselben Zellen können aber wieder abgetragen werden,
wenn die Ernte nicht hält, was sie versprach, oder wenn der Bienenstock
grösser geworden ist. Sie werden oft nicht zerstört, so lange die junge
Königin ihren Hochzeitsausflug noch nicht -- oder noch nicht erfolgreich
-- ausgeführt hat, aber sofort geschieht dies, sobald sie heimgekehrt
und das untrügliche Zeichen ihrer Befruchtung wie eine Trophäe hinter
sich herschleppt. Wo befindet sich diese Weisheit, die Gegenwart und
Zukunft so gewissenhaft abwägt und für die das noch nicht Sichtbare mehr
in die Waage fällt, als alles, was man sehen kann? Wo hat sie ihren
Sitz, diese unpersönliche Klugheit, die da entsagt und wählt, erhöht und
erniedrigt, die so viele Bienen zu Königinnen machen könnte und aus
sovielen Müttern ein Volk von Jungfrauen erzieht? Wir sagten weiter
oben, dass sie im Geiste des Bienenstockes zu suchen sei, aber wo ist
dieser Geist schliesslich zu finden, wenn nicht in der Masse der
Arbeitsbienen? Vielleicht war es, um sich zu überzeugen, dass er hier
seinen Sitz hat, nicht nötig, die Sitten und Gebräuche dieses
republikanischen Königreiches so aufmerksam zu studieren. Es genügte,
wie Dujardin, Brandt, Girard, Vogel und andere Entomologen gethan haben,
den etwas leeren Hirnschädel der Königin und den prächtigen Drohnenkopf,
an dem zwanzigtausend Augen glänzen, neben den kleinen undankbaren und
kümmerlichen Kopf der jungfräulichen Arbeitsbiene unter das Mikroskop zu
legen. Wir würden alsdann gesehen haben, dass sich in diesem kleinen
Köpfchen das grösste und vollkommenste Schädelmark des ganzen
Gemeinwesens windet, ja, selbst das schönste, komplizierteste und nächst
dem des Menschen auch das vollkommenste in der ganzen Natur, wenngleich
es auf einer ganz anderen Stufe steht und ganz anders beschaffen ist.[4]
Hier wie überall in der uns bekannten Welt ist da, wo das Gehirn liegt,
der Sitz der Autorität, der wirklichen Kraft, der Weisheit und des
Sieges. Auch hier findet sich ein fast unsichtbares Atom jener
geheimnisvollen Substanz, welche die Materie unterjocht und organisiert
und den ungeheuren, trägen Gewalten des Nichts und des Todes ein
gesichertes, dauerndes Plätzchen abzuringen weiss.
* * * * *
Doch kehren wir zu unsren schwärmenden Bienen zurück, die nicht auf das
Ende dieses Exkurses gewartet haben, um das Zeichen zum Aufbruch zu
geben. In dem Augenblick, wo dieses Zeichen gegeben wird, scheinen sich
alle Thore der Stadt mit einem Male zu öffnen, wie von einem
plötzlichen, irren Stosse, und die schwarze Menge strömt oder vielmehr
stürzt heraus, je nach der Anzahl der Öffnungen in einem doppelten,
dreifachen oder vierfachen, geraden, straffen, zitternden und
ununterbrochenen Strahle, der sich alsbald in der Luft zu einem
summenden Netze von hunderttausend wild schwirrenden, durchsichtigen
Flügeln zerteilt. Einige Minuten schwebt dieses Netz über dem
Bienenstock wie ein durchsichtiges, knisterndes Seidengewebe, das
tausend und abertausend elektrisch bewegte Hände unaufhörlich zerreissen
und wieder zusammenfügen; es schwankt hin und her, stockt und wallt von
neuem zwischen den Blumen der Erde und dem Blau des Himmels auf und
nieder, wie ein Schleier der Freude, den unsichtbare Hände beständig
schwenken, zusammenraffen und wieder entfalten, als feierten sie die
Ankunft oder das Scheiden eines hohen Gastes. Endlich senkt sich einer
der Zipfel, ein andrer hebt sich, die vier sonnenglänzenden Enden des
schimmernden Mantels stossen zusammen, und wie ein Zaubertuch im
Märchen, das den Horizont durchsegelt, um irgend welche Wünsche zu
erfüllen, steigt der Schwarm, bereits wieder geballt, nach dem nächsten
Linden-, Birnen- oder Weidenbaum auf, um die heilige Trägerin der
Zukunft wieder mit seinen Leibern zu bedecken. Denn die Königin hat sich
dort bereits angesetzt, wie ein goldener Nagel, an den sich nun die
brausenden Wellen des Schwarmes eine nach der andern anhängen, bis rings
herum sich ein flügelglänzender Perlenmantel schlingt.
Dann wird es plötzlich still, und das laute Brausen dieser
sonnenverfinsternden Wolke, die aus unendlichem Zorn und unzähligen
Drohungen gewebt schien, der betäubende Goldhagel, der unaufhörlich über
der ganzen Umgebung schwebte und tönte, verwandelt sich eine Minute
darauf zu einer grossen, harmlosen und friedlichen Traube von tausend
und abertausend kleinen, lebenden Beeren, die unbeweglich an einem
Baumzweige hängt und geduldig auf die Rückkehr der Spürbienen wartet,
die eine neue Wohnung auskundschaften.
* * * * *
Es ist dies das erste Stadium des Schwärmens, der s. g. erste oder
Hauptschwarm, der allemal die alte Königin bei sich hat. Er legt sich
gewöhnlich an einem Baume oder Busche in nächster Nähe des Bienenstocks
an, denn die Königin ist mit ihren Eiern beschwert und hat das Licht
seit ihrem Hochzeitsausflug oder dem vorjährigen Schwärmen nicht mehr
erblickt, deshalb zaudert sie noch, sich dem weiten Luftmeer
anzuvertrauen, ja, sie scheint den Gebrauch ihrer Flügel verlernt zu
haben.
Der Bienenzüchter wartet, bis der Schwarm sich recht zusammengeballt
hat. Dann geht er mit einem grossen Strohhut auf dem Kopfe (denn die
harmloseste Biene macht unweigerlich Gebrauch von ihrem Stachel, sobald
sie sich in die Haare verirrt, wo sie sich jedenfalls in einer Falle
wähnt), aber ohne Bienenhaube, sofern er Erfahrung besitzt, und nachdem
er die Arme bis an den Ellenbogen in kaltes Wasser getaucht hat, auf den
Schwarm zu und schüttelt ihn von dem Aste, an dem er hängt, in einen
umgestülpten Bienenkorb. Die Traube fällt schwer hinein wie eine reife
Frucht. Oder, wenn der Ast zu stark ist, schöpft er den Klumpen mit
einem Löffel auf und schüttet die vollen Löffel wie Getreide, wohin er
will. Er braucht die Bienen, die um ihn herumsummen und ihm auf Gesicht
und Händen herumkriechen, nicht zu fürchten. Vernimmt er doch ihr
trunkenes Lied, den s. g. Schwarmgesang, das ihrem zornigen Summen ganz
unähnlich ist. Er braucht nicht zu fürchten, dass der Schwarm sich
teilt, wütend wird, sich zerstreut oder entschlüpft. Wie ich schon
sagte, haben die geheimnisvollen Arbeiterinnen heute ihren Festtag und
sind voll unwandelbaren Zutrauens. Sie haben sich von dem unter ihrer
Obhut stehenden Schatze losgerissen und kennen ihre Feinde nun nicht
mehr. Sie sind harmlos vor Glückseligkeit, und man weiss nicht, warum
sie so glücklich sind: erfüllen sie doch nur das Gesetz. Aber alle Wesen
kennen diese Stunden blinden Glücks, welche die Natur für solche
Augenblicke aufspart, wo sie ihr Ziel erreichen will. Wundern wir uns
nicht, dass sie die Betrogenen sind! Auch wir mit unserm vollkommeneren
Gehirn, das sie seit vielen Jahrhunderten beobachtet, werden von ihr zum
Besten gehalten und wissen noch nicht einmal, ob sie wohlwollend,
gleichgültig oder niedrig grausam ist. --
Der Schwarm bleibt da, wohin die Königin gefallen ist, und wenn sie
allein in den Bienenkorb gefallen ist, so ziehen alle Bienen, sobald sie
dies merken, in langen, schwarzen Fäden nach dem mütterlichen Obdach,
die meisten hastig eindringend, andre wieder an der Schwelle des
unbekannten Thores stutzend und jenen Reigen feierlicher Freude bildend,
mit dem sie glückliche Ereignisse zu begrüssen pflegen. Sie
»präsentieren«, wie der Kunstausdruck lautet. Im Nu wird der unerwartete
Unterkunftsort angenommen und bis in seine kleinsten Schlupfwinkel
untersucht, seine Lage, Form und Farbe vermerkt und in die tausend
kleinen, klugen und treuen Gedächtnisse eingegraben. Die Merkzeichen der
Umgebung werden sorgsam eingeprägt, die neue Stadt mit ihrem Platze in
Geist und Herzen aller Bewohnerinnen gegründet, und bald erschallt in
ihren Mauern das Liebeslied der königlichen Gegenwart, während die
Arbeit beginnt.
* * * * *
Wenn der Mensch den Schwarm nicht pflückt, so ist seine Geschichte hier
noch nicht zu Ende. Er bleibt an seinem Aste hängen, bis die zur
Rekognoszierung und zum Quartiermachen ausgesandten Spürbienen, die sich
von Anbeginn des Schwärmens an nach allen Windrichtungen zerstreut
haben, um eine neue Wohnung zu suchen, sich wieder eingefunden haben.
Eine nach der andern kehrt zurück und berichtet, was sie gefunden hat,
denn da wir nicht im stande sind, in das Denken der Bienen einzudringen,
so müssen wir uns das Schauspiel, dem wir beiwohnen, wohl auf
menschliche Weise erklären. Es ist also wahrscheinlich, dass man ihren
Meldungen aufmerksam lauscht. Die eine rühmt gewiss einen hohlen
Baumstamm, die andere die Vorteile einer alten Mauerspalte, einer
Felsenhöhle oder einer verlassenen Grube. Oft geschieht es, dass der
Schwarm zaudert und bis zum nächsten Morgen berät. Endlich wird die Wahl
getroffen und die Einstimmigkeit erzielt. In einem bestimmten Augenblick
beginnt der Schwarm zu kribbeln, sich zu zerteilen und mit ungestümem,
andauernden Fluge, der jetzt kein Hindernis mehr kennt, über Hecken,
Getreide- und Leinfelder, Heuschober und Teiche, Flüsse und Ortschaften
hinweg, in gerader Linie einem bestimmten und jedesmal sehr entfernten
Ziele entgegenzufliegen. Selten kann der Mensch ihnen auf diesem zweiten
Teil ihres Fluges folgen. Sie kehren zur Natur zurück und wir verlieren
die Spur ihres Schicksals.