AUF DER SCHWELLE DES BIENENSTOCKES

MEINEM FREUNDE

ALFRED SUTRO

GEWIDMET

AUTORISIERTE AUSGABE

IN DAS DEUTSCHE ÜBERTRAGEN

VON FRIEDRICH

v. OPPELN-BRONIKOWSKI

MIT SCHMUCKLEISTEN UND

INITIALEN VON WILHELM

MÜLLER-SCHOENEFELD

VERLEGT IN LEIPZIG 1901

BEI EUGEN DIEDERICHS

MAURICE

MAETERLINCK

DAS LEBEN

DER BIENEN

AUF DER SCHWELLE DES BIENENSTOCKES

Es ist kein Buch über Bienenzucht, kein Handbuch für Bienenzüchter, was

ich hier schreiben will. Jedes Land besitzt treffliche Werke dieser Art,

und es wäre zwecklos, sie noch einmal zu schreiben. In Frankreich hat

man die Werke von Dadant, Georges de Layens, Bonnier, Bertrand, Hamet,

Weber, Clément und Abbé Collin, auf englischem Sprachgebiete die

Schriften von Langstroth, Bevan, Cook, Cheshire, Cowan und Root, in

Deutschland die des Pfarrers Dzierzon, des Barons von Berlepsch,

Pollmann, Vogel u. v. a.

Ebensowenig will ich eine wissenschaftliche Monographie über apis

mellifica, ligustica, fasciata, dorsata u. s. w. schreiben, oder die

Ergebnisse neuer Forschungen und Beobachtungen mitteilen. Ich werde fast

nichts sagen, was nicht jedem, der sich ein wenig mit Bienenzucht

befasst hat, geläufig wäre, und, um dieses Buch nicht unnütz zu

beschweren, eine gewisse Anzahl von Beobachtungen und Erfahrungen, die

ich in zwanzigjährigem Verkehr mit den Bienen gewonnen, mir für ein

Spezialwerk vorbehalten, da sie nur von beschränktem, technischem

Interesse sind. Ich will nur ganz einfach von den Bienen reden, wie man

von einem vertrauten und geliebten Gegenstande redet, wenn man

Nichtkenner darüber belehren will. Ich will weder die Wahrheit

ausschmücken, noch, was Réaumur mit vollem Rechte allen seinen

Vorgängern in der Bienenkunde vorwirft, ein hübsch erfundenes Märchen an

die Stelle der ebenso wunderbaren Wirklichkeit setzen. Es giebt Wunder

genug im Bienenstaat, und man braucht darum keine hinzu zu erfinden.

Überdies habe ich schon lange darauf verzichtet, etwas Interessanteres

und Schöneres auf dieser Welt zu finden, als die Wahrheit oder doch

wenigstens das Trachten nach ihr. Ich werde im folgenden also nichts

vorbringen, was ich nicht selbst erprobt habe oder was von den

Klassikern der Bienenkunde nicht derartig bestätigt wird, dass jede

weitere Beweisführung langweilig würde. Ich beschränke mich darauf, die

Thatsachen ebenso zuverlässig wiederzugeben, nur etwas lebendiger und

mit Weiterentwickelung einiger eingeflochtener, freierer Gedanken, sowie

mit etwas harmonischerem Aufbau, als dies in den Handbüchern oder den

wissenschaftlichen Monographien zu geschehen pflegt. Wer dies Buch

ausgelesen hat, ist nicht gleich im stande, einen Bienenstock zu halten,

aber er erfährt daraus nahezu alles Merkwürdige und Tiefe, alle

feststehenden Einzelheiten über seine Bewohner, und zwar keineswegs auf

Kosten dessen, was noch zu wissen übrig bleibt. Ich übergehe all die

Fabeln, die auf dem Lande und in vielen Werken noch über die Bienen

verbreitet sind. Wo Zweifel herrschen, die Meinungen auseinandergehen,

etwas hypothetisch ist, wo ich zu etwas Unbekanntem komme, werde ich es

ehrlich erklären. Wir werden oft vor dem Unbekannten innezuhalten haben.

Ausser den grossen sichtbaren Vorgängen ihres Lebens weiss man sehr

wenig über die Bienen. Je länger man sie züchtet, desto mehr wird man

sich unserer tiefen Unkenntnis über ihr wirkliches Dasein bewusst, aber

diese Art des Nichtwissens ist immerhin besser, als die bewusstlose und

selbstzufriedene Unwissenheit.

Gab es bisher eine solche Arbeit über die Bienen? Ich glaube, nahezu

alles gelesen zu haben, was über die Bienen geschrieben worden ist, aber

ich kenne nichts ähnliches ausser dem Kapitel, das Michelet ihnen am

Schlusse seines Werkes »Das Insekt« widmet, und dem Essay von Ludwig

Büchner, dem bekannten Verfasser von »Kraft und Stoff«, in seinem

»Geistesleben der Tiere«.[1] Michelet hat den Gegenstand kaum gestreift;

Büchners Studie ist ziemlich erschöpfend; aber liest man all die

gewagten Behauptungen und längst widerlegten Fabeln, die er von

Hörensagen berichtet, so kann man nicht umhin, zu glauben, dass er nie

seine Bibliothek verlassen hat, um seine Heldinnen selbst zu befragen,

und dass er nicht einen von den hundert summenden und flügelglänzenden

Bienenstöcken geöffnet hat, die man vergewaltigt haben muss, bevor unser

Instinkt sich ihrem Geheimnis anpasst, bevor wir mit dem Dunstkreise und

dem Geiste des Mysteriums, das diese emsigen Jungfrauen bilden, vertraut

werden. Das riecht weder nach Honig noch nach Bienen, und es hat

denselben Mangel, wie viele unserer gelehrten Werke: die Schlüsse sind

vielfach schon bekannt, und der wissenschaftliche Apparat besteht aus

einer riesenhaften Anhäufung von unsicheren Geschichten aus jedermanns

Munde. Indessen werde ich ihm in meiner Arbeit nicht oft begegnen; unsre

Ausgangspunkte, Ansichten und Ziele liegen zu weit auseinander.

* * * * *

Die Bibliographie der Bienenkunde -- denn ich möchte den Anfang mit den

Büchern machen, um sie möglichst schnell zu erledigen und zu der Quelle

zu kommen, aus der sie geschöpft sind -- ist sehr umfangreich. Von

Urbeginn an hat dies kleine seltsame Gesellschaftstier mit seinen

komplizierten Gesetzen und seinen im Dunkeln entstehenden Wunderwerken

die Wissbegier der Menschen gefesselt. Aristoteles, Cato, Varro,

Plinius, Columella, Palladius haben sich damit beschäftigt, nicht zu

reden von dem Philosophen Aristomachos, der sie nach Aussage des Plinius

58 Jahre lang beobachtet hat, oder Phyliscus von Thasos, der in öden

Landstrichen lebte, um nur sie zu sehen, und den Beinamen »der Wilde«

trug. Aber das sind im Grunde Fabeln über die Bienen, und alles, was der

Rede wert ist, d. h. so gut wie garnichts, findet sich zusammengefasst

im vierten Buche von Virgils »Georgica«.

Die Geschichte der Biene beginnt erst im 17. Jahrhundert mit den

Entdeckungen des grossen holländischen Gelehrten Swammerdam. Jedoch, um

der Wahrheit die Ehre zu geben, muss vorausgeschickt werden, dass schon

vor Swammerdam ein vlämischer Naturforscher Clutius gewisse wichtige

Wahrheiten gefunden hat, z. B. dass die Königin die alleinige Mutter

ihres ganzen Volkes ist und die Attribute beider Geschlechter besitzt,

aber er hat dies nicht bewiesen. Swammerdam war der erste, der eine

wissenschaftliche Beobachtungsmethode einführte; er schuf das Mikroskop,

sezierte die Bienen zuerst und bestimmte endgültig, durch Entdeckung der

Eierstöcke und des Eileiters, das Geschlecht der Königin, die man bisher

für einen König (»Weisel«) gehalten hatte. Er warf ein unerwartetes

Licht auf die politische Verfassung des Bienenstockes, indem er sie auf

die Mutterschaft begründete. Ausserdem hat er Durchschnitte entworfen

und Platten gezeichnet, die so tadellos waren, dass man sie noch heute

zur Illustration von Werken über Bienenzucht benutzt. Er lebte in dem

geräuschvollen, trübseligen Amsterdam von ehemals, voller Sehnsucht nach

»dem süssen Landleben«, und starb im Alter von 43 Jahren, von Arbeit

erschöpft. In deutlicher, frommer Sprache, mit schönen, schlichten

Sätzen, in denen er beständig Gott die Ehre giebt, hat er seine

Beobachtungen niedergelegt; sein Hauptwerk »Bybel der Natuure« wurde ein

Jahrhundert später von Dr. Boerhave aus dem Niederländischen ins

Lateinische übersetzt (unter dem Titel Biblia naturae, Leyden 1737).

Nach ihm hat Réaumur, derselben Methode getreu, in seinen Gärten in

Charenton eine Menge merkwürdiger Experimente und Beobachtungen gemacht

und den Bienen in seinen »Mémoires pour servir à l'Histoire des

Insectes« einen ganzen Band gewidmet. Man kann ihn noch heute mit Erfolg

und ohne Langeweile lesen. Er ist klar, ehrlich, gerade, und nicht ohne

einen gewissen verschlossenen und herben Reiz. Er hat es sich vor allem

angelegen sein lassen, eine Reihe von alten Irrtümern zu zerstreuen, --

wofür er freilich einige neue in Umlauf gesetzt hat --; er gewann einen

Einblick in die Entstehung der Schwärme, die politischen Gewohnheiten

der Königinnen, kurz, er fand verschiedene verwickelte Wahrheiten und

wies den Weg zu anderen. Er heiligte durch seine Wissenschaft die

architektonischen Wunder des Bienenstaates, und alles, was er darüber

gesagt hat, kann nicht besser gesagt werden. Man verdankt ihm

schliesslich den Gedanken der Kasten mit Glaswänden, der in seiner

späteren Vervollkommnung das ganze häusliche Treiben dieser

unermüdlichen Arbeiterinnen ans Licht gebracht hat, die, wenn sie ihr

Werk in blendendem Sonnenschein beginnen, es doch nur im Finstern

vollenden und krönen. Der Vollständigkeit halber wären noch die etwas

späteren Untersuchungen und Arbeiten von Charles Bonnet und Schirach zu

nennen, welch letzterer das Rätsel des königlichen Eis gelöst hat; aber

ich will mich auf die grossen Züge beschränken und gehe darum zu

François Huber über, dem Meister und Klassiker der heutigen Bienenkunde.

Huber wurde i. J. 1750 in Genf geboren und erblindete schon als Knabe.

Durch Réaumurs Experimente angeregt, die er zunächst nur auf ihre

Richtigkeit prüfen wollte, empfand er bald eine Leidenschaft für diese

Dinge und widmete mit Hilfe eines treuen und verständigen Dieners,

François Burnens, sein ganzes Leben dem Studium der Bienen. In den

Annalen des menschlichen Leidens und Siegens ist nichts rührender und

lehrreicher, als die Geschichte dieses geduldigen Zusammenarbeitens, wo

der eine, der nur einen unstofflichen Schimmer wahrnahm, die Hände und

Blicke des Anderen, der sich des wirklichen Lichtes erfreute, mit seinem

Geiste lenkte, und obschon er, wie versichert wird, nie mit eigenen

Augen eine Honigwabe gesehen hat, durch den Schleier dieser toten Augen

hindurch, der jenen andren Schleier, in den die Natur alle Dinge hüllt,

für ihn verdoppelte, dem Geiste, der diesen unsichtbaren Honigbau schuf,

seine tiefsten Geheimnisse ablauschte, wie um uns zu lehren, dass wir

unter keinen Umständen darauf verzichten sollten, die Wahrheit

herbeizuwünschen und zu suchen. Ich will hier nicht aufzählen, was die

Bienenkunde ihm alles verdankt, ich könnte leichter sagen, was sie ihm

nicht verdankt. Seine »Nouvelles Observations sur les Abeilles«, von

denen der erste Band i. J. 1789 in Form von Briefen an Charles Bonnet

erschien -- der zweite folgte erst 25 Jahre später -- sind der

unerschöpfliche, untrügliche Schatz für alle Bienenforscher. Gewiss

enthält das Werk auch Irrtümer und Unzulänglichkeiten, es sind seit

diesem Buche in der mikroskopischen Bienenkenntnis und praktischen

Bienenzucht, der Behandlung der Königinnen u. s. w. manche Fortschritte

gemacht worden, aber nicht eine seiner Hauptbeobachtungen ist widerlegt

oder als irrig erwiesen worden; sie sind im Gegenteil die Grundlage

unseres heutigen Wissens.

* * * * *

Nach Hubers Entdeckungen herrschte einige Jahre Schweigen, aber bald

entdeckte ein deutscher Bienenzüchter, der Pfarrer Dzierzon, von

Karlsmarck in Schlesien, die jungfräuliche Zeugung (Parthenogenesis) und

erfindet den ersten Kastenstock mit beweglichen Waben, durch den der

Imker befähigt wird, seinen Anteil an der Honigernte zu gewinnen, ohne

seine besten Völker zu zerstören und die Arbeit eines ganzen Jahres in

einem Augenblick zu vernichten. Dieser noch sehr unvollkommene

Kastenstock ist dann von Langstroth meisterhaft vervollkommnet worden.

Er erfand den eigentlichen beweglichen Rahmen, der in Amerika

Verbreitung fand und ausserordentliche Erfolge erzielte. Root, Quinby,

Dadant, Cheshire, de Layens, Cowan, Heddon, Houward u. a. brachten dann

noch einige wertvolle Verbesserungen an. Endlich erfand Mehring, um den

Bienen Arbeit und Wachs, also auch viel Honig und Zeit zu sparen,

Kunstwaben, die sie alsbald benutzten und ihren Bedürfnissen anpassten,

während Major von Hruschka die Honigschleuder erfand, eine

Centrifugalmaschine, die den Honig ausschleudert, ohne dass die Waben

zerstört werden. Damit eröffnet sich eine neue Periode der Bienenzucht.

Die Kästen sind von dreifachem Fassungsvermögen und dreifacher

Ergiebigkeit. Überall entstehen grosse, leistungsfähige

Bienenwirtschaften. Das unnütze Hinmorden der arbeitslustigsten Völker

und die »Auslese der Schlechtesten«, welche die Folge davon war, hören

auf. Der Mensch bekommt die Bienen wirklich in seine Gewalt, er kann

seinen Willen durchsetzen, ohne einen Befehl zu geben, und sie gehorchen

ihm, ohne ihn zu kennen. Er übernimmt die Rolle des Schicksals, die

sonst in der Hand der Jahreszeiten lag. Er gleicht die Ungunst der

einzelnen Jahreszeiten aus. Er vereinigt die feindlichen Völker. Er

macht reich arm und arm reich. Er vermehrt oder verringert die Geburten.

Er regelt die Fruchtbarkeit der Königin. Er entthront und ersetzt sie in

schwer errungenem Einvernehmen mit dem beim blossen Argwohn einer

unbegreiflichen Einmischung rasenden Bienenvolke. Er versehrt, wenn er

es für nützlich hält, ohne Kampf das Geheimnis des Allerheiligsten und

kreuzt die kluge und weitblickende Politik des königlichen

Frauengemaches. Er bringt sie fünf oder sechs Mal hintereinander um die

Früchte ihrer Arbeit, ohne sie zu verletzen, zu entmutigen und arm zu

machen. Er passt die Honigräume und Speicher ihrer Wohnungen dem Ertrage

der Blumenernte, die der Frühling über die Berghänge ausstreut, an. Er

zwingt sie, die üppige Zahl der Bewerber, welche auf die Geburt der

Prinzessinnen harren, herabzusetzen. Kurz, er thut mit ihnen, was er

will, und erreicht von ihnen, was er fordert, vorausgesetzt, dass seine

Forderungen mit ihren Tugenden und Gesetzen übereinstimmen, denn sie

sehen über den Willen des unerwarteten Gottes hinaus, der sich ihrer

bemächtigt hat und der zu ungeheuer ist, um erkannt, zu fremd, um

begriffen zu werden, weiter als dieser Gott selbst, und sind nur darauf

bedacht, in unermüdlicher Selbstverleugnung die geheimnisvolle Pflicht

gegen die Gattung zu erfüllen.

* * * * *

Nachdem uns die Bücher nunmehr das Wesentlichste gesagt haben, was sie

uns über eine sehr alte Geschichte zu sagen hatten, lassen wir die durch

andere erworbene Erfahrungsweisheit fallen und sehen uns die Bienen

selbst einmal an. Eine Stunde im Bienenstock sagt uns vielleicht Dinge,

die zwar weniger gewiss, aber ungleich lebendiger und fruchtbarer sind.

Ich habe den ersten Bienenstand, den ich zu Gesichte bekommen und an dem

ich die Bienen lieben gelernt habe, noch nicht vergessen. Es ist manches

Jahr darüber verflossen. Es war in einem grossen Dorfe im flandrischen

Seeland, jenem reinlichen und anmutigen Erdenwinkel, der noch kräftigere

Farben entwickelt, als das eigentliche Seeland, der Hohlspiegel

Hollands, und das Auge gefangen nimmt mit dem allerliebsten, tiefernsten

Spielzeug seiner Tauben und Türme, seiner bemalten Wagen, seiner

Wandschränke und Stutzuhren, die aus dem Dunkel der Korridore

hervorleuchten, seiner Grachten und Kanäle mit ihren Spalier bildenden

kleinen Bäumen, die auf eine fromme, kindliche Zeremonie zu warten

scheinen, seiner Barken und Marktschiffe mit geschnitztem Bug, seiner

buntfarbigen Fenster und Thüren, seiner prächtigen Schleusen und

schwarzgetheerten Zugbrücken, seiner schmucken Häuschen, die wie

glänzende, zartgetönte Topfwaaren leuchten, und aus denen Weiber wie

grosse Klingeln, mit Gold- und Silberschmuck behängt, heraustreten, um

auf die weissumzäunten Wiesen zu gehen und die Kühe zu melken, oder

Wäsche auf dem in Ovale oder schräge Vierecke geteilten und peinlich

grünen, blumenreichen Rasenteppich auszubreiten.

Ein alter Weiser, an den Greis Vergils erinnernd,

»Ein Mann, den Kön'gen gleich, ein Mann, den Göttern nah,

Und ruhig und zufrieden gleich wie diese«.

würde Lafontaine sagen, hatte sich dorthin zurückgezogen, wo das Leben

enger scheinen könnte, als wo anders, wenn es möglich wäre, das Leben

wirklich einzuschränken, und hatte seinen Alterssitz dort aufgeschlagen,

nicht lebensmüde zwar, -- denn der Weise kennt keine Lebensmüdigkeit, --

aber ein wenig müde, die Menschen zu befragen, denn sie antworten

weniger einfältig als Tier und Pflanze auf die einzigen Fragen von

Belang, die man der Natur über ihre wahren Gesetze stellen kann. Sein

ganzes Glück, wie das des Philosophen Skytha, bestand in einem schönen

Garten, und unter dessen Schönheiten liebte er am meisten und besuchte

er am häufigsten einen Bienenstand von zwölf Strohglocken, die er mit

hellem Gelb, Rosenrot und vor allem mit zartem Blau angestrichen hatte,

denn er wusste schon lange vor den Experimenten von Sir John Lubbock,

dass Blau die Lieblingsfarbe der Bienen ist. Der Bienenstand befand sich

an der Hausmauer, im Winkel einer jener kühlen und leckeren

holländischen Küchen mit Porzellanbrettern an den Wänden und leuchtendem

Zinn- und Kupfergeschirr darauf, das sich durch die offene Hausthür in

einem stillen Kanal spiegelte. Und der Blick glitt über den

Wasserspiegel mit seinen häuslichen Bildern, die ein Rahmen von

Pappelbäumen umschloss, und fand seinen Ruhepunkt am Horizont mit seinen

Mühlen und Weidetriften.

Hier wie überall, wo man sie aufstellt, hatten die Bienenstöcke den

Blumen, der Stille, der milden Luft, den Sonnenstrahlen eine neue

Bedeutung verliehen. Man griff hier mit Händen das festliche Gleichnis

der hohen Sommertage. Man ruhte unter dem funkelnden Kreuzweg, von

welchem die luftigen Strassen ausstrahlen, die sie vom Morgen bis zum

Abend, mit allen Düften der Fluren beladen, geschäftig durchsummen. Man

lauschte der heiteren, sichtbaren Seele, der klugen, wohlklingenden

Stimme, man sah den Brennpunkt der Freude der sommerlichen Gartenlust.

Man lernte in der Schule der Bienen das geheimnisvolle Weben der Natur,

die Fäden, die sich zwischen ihren drei Reichen knüpfen, die

unermüdliche Selbstgestaltung des Lebens, die Moral der selbstlosen,

eifrigen Arbeit, und was ebensoviel wert ist, wie diese: die heroischen

Arbeiterinnen lehrten den Geschmack an der unbestimmten Süssigkeit der

Musse, sie unterstrichen mit ihren tausend kleinen Flügeln wie mit

Feuerzeichen die fast unstoffliche Wonne jener jungfräulichen Tage, die

in ewig gleicher Reinheit und Klarheit wiederkehren, ohne Erinnerungen

zu hinterlassen, wie ein zu reines Glück.

* * * * *

Wir beginnen, um die Geschichte des Bienenstaates im Kreislaufe des

Jahres so einfach wie möglich zu erzählen, mit dem Erwachen im Lenz und

dem Wiederbeginn der Arbeit, und wir werden die Hauptstadien des

Bienenlebens in ihrer natürlichen Reihenfolge einander ablösen sehen:

das Schwärmen und was ihm vorangeht, die Gründung der neuen Stadt,

Geburt, Kämpfe und Hochzeitsausflug der jungen Königinnen, die

Drohnenschlacht und die Wiederkehr des Winterschlafes. Jede dieser

Episoden erfordert die nötigen Erklärungen der Gesetze,

Eigentümlichkeiten, Gewohnheiten und Ereignisse, die sie verursachen

oder sie begleiten, sodass wir am Ende des Bienenjahres, das vom April

bis Ende September reicht, alle Geheimnisse des Honigstaates kennen

werden.

Vorderhand, ehe ich einen Bienenstock öffne, um einen allgemeinen Blick

darauf zu werfen, mag es genügen zu wissen, dass er sich aus einer

Königin, der Mutter des ganzen Volkes, vielen tausend Arbeitsbienen, d.

h. unentwickelten und unfruchtbaren Weibchen, und einigen hundert

männlichen Bienen oder Drohnen zusammensetzt. Aus den letzteren geht der

einzige unglückliche Auserwählte der künftigen Herrscherin hervor,

welche die Bienen nach dem mehr oder minder unfreiwilligen Scheiden der

alten Königin auf den Thron erheben.

* * * * *

Wenn man zum ersten Male einen Bienenstock öffnet, so verspürt man etwas

von der Erregung, die einen stets befällt, wenn man etwas Unbekanntes

vergewaltigt, das voll von furchtbaren Überraschungen sein kann, wie z.

B. ein Grab. Es spinnt sich um die Bienen eine Fabel von Gefahren und

Drohungen. Man hat eine unbestimmte Erinnerung an die Bienenstiche, die

einen zu eigenen Schmerz verursachen, als dass man wüsste, womit man ihn

vergleichen soll; es ist ein trockenes, zuckendes Brennen, eine Art

Wüstensonnenbrand, möchte man sagen, der sich bald über den ganzen

Körperteil verbreitet. Es ist, als ob diese Sonnenkinder aus den

glühendsten Strahlen ihrer Mutter ein leuchtendes Gift gesogen hätten,

um die Schätze der Süssigkeit, die sie in ihren segenspendenden Stunden

sammeln, desto wirksamer zu verteidigen.

Freilich, wird ein Bienenstock ohne Vorsichtsmassregeln geöffnet, von

einem, der weder Charakter noch Sitten seiner Bewohner kennt und achtet,

so verwandelt er sich im Nu in einen feurigen Busch von Zorn und

Heldenmut. Aber es lernt sich nichts leichter als das bischen

Geschicklichkeit, das erforderlich ist, um ihn ungestraft zu

vergewaltigen. Es genügt etwas Rauch, den man von Zeit zu Zeit

hineinbläst, etwas Kaltblütigkeit und Sanftheit, und die wohlbewehrten

Arbeiterinnen lassen sich ausplündern, ohne daran zu denken, ihren

Stachel zu zücken. Sie erkennen ihren Herrn nicht, wie behauptet worden

ist, sie fürchten den Menschen nicht, aber wenn sie den Rauch riechen

und die ruhigen Bewegungen in ihrer Wohnung sehen, so bilden sie sich

ein, dass es sich nicht um einen Angriff oder einen Feind handelt, gegen

den sie sich verteidigen können, sondern um eine Naturkraft oder

Katastrophe, in die sie sich fügen müssen. Statt einen fruchtlosen Kampf

zu wagen, wollen sie in ihrer diesmal getäuschten Klugheit wenigstens

die Zukunft retten: sie stürzen sich auf die Honigvorräte und schlucken

möglichst viel davon herunter, um sie wo anders, gleichgültig wo, aber

sofort, zur Gründung einer neuen Stadt zu verwerten, wenn die alte

zerstört ist oder sie gezwungen sind, sie aufzugeben.

* * * * *

Der Laie pflegt zuerst einigermassen enttäuscht zu sein, wenn man ihm

Einblick in einen Beobachtungskasten[2] gewährt. Man hatte ihm

versprochen, dass dieser Kasten ein ungeheures Maass von Thatkraft, eine

Unzahl von weisen Gesetzen, eine erstaunliche Fülle von Geist, dass er

Mysterien, Erfahrungen, Berechnungen, Wissen und Gewerbfleiss der

verschiedensten Art, weise Voraussichten, Gewissheiten und Gewohnheiten

voller Klugheit und eine Menge von seltsamen Tugenden und Gefühlen

enthielte. Und nun erblickt er nur ein Gekribbel von rötlichen Beeren,

die wie geröstete Kaffeebohnen aussehen, oder wie Rosinen, die

massenhaft an den Scheiben sitzen. Sie scheinen mehr tot als lebendig

und ihre Bewegungen sind langsam, unzusammenhängend und unverständlich.

Er erkennt die herrlichen Lichttropfen nicht wieder, die noch eben ohne

Unterlass in den gold- und perlenschimmernden Schoss von tausend

geöffneten Blumenkelchen hinabtauchten und wieder hervorkamen. Sie

zittern anscheinend in der Finsternis. Sie ersticken in einer

unbeweglichen Menge; man möchte sagen, sie sind wie kranke Gefangene

oder entthronte Königinnen, die nur einen glänzenden Augenblick unter

den leuchtenden Blumen des Gartens leben, um alsbald in das scheussliche

Elend ihres armseligen, engen Kerkers zurückzukehren.

Es ist mit ihnen, wie mit allen tiefen Realitäten. Man muss sie

beobachten _lernen_. Wenn ein Bewohner einer andren Welt auf die Erde

herabkäme und sähe, wie die Menschen durch die Strassen gehen, wie sie

sich um einzelne Gebäude schaaren oder auf gewissen Plätzen

zusammendrängen, wie sie ohne auffällige Gebärden in ihren Wohnungen

sitzen und harren, so würde er auch zu dem Schlusse kommen, dass sie

träge und bedauernswert sind. Mit der Zeit erst beginnt man die

vielseitige Thätigkeit, die in dieser Trägheit liegt, zu erkennen.

In Wahrheit arbeitet jede dieser fast unbeweglichen kleinen Bienen

unermüdlich, und jede thut etwas andres. Keine kennt die Ruhe, und

gerade die z. B., welche scheinbar eingeschlafen sind und wie leblose

Trauben an den Scheiben hängen, haben die geheimnisvollste und

ermüdendste Arbeit zu verrichten, sie bereiten das Wachs. Aber wir

werden auf diese Einzelheiten ihrer streng geteilten Thätigkeit bald

näher eingehen. Inzwischen genügt es, die Aufmerksamkeit auf den

Hauptcharakterzug der Bienen zu lenken, durch den sich das enge

Beieinandersitzen in dieser mannigfachen Thätigkeit erklärt. Die Biene

ist vor allem und mehr noch als die Ameise ein Gesellschaftstier, sie

kann nur zu vielen leben. Wenn sie aus dem dichtbesetzten Stocke

ausfliegt, so muss sie sich mit dem Kopfe einen Weg durch die lebenden

Mauern bahnen, die sie umschliessen, und verlässt damit ihr eigentliches

Element. Sie taucht einen Augenblick in den blumenreichen Raum, wie der

Schwimmer in den perlenreichen Ocean, aber sie muss, wenn ihr das Leben

lieb ist, von Zeit zu Zeit wieder in den Dunstkreis ihrer Gefährtinnen

zurück, wie der Schwimmer wieder auftaucht, um Luft zu schöpfen. Bleibt

sie allein, so geht sie auch bei den günstigsten Temperaturverhältnissen

und dem grössten Blumenreichtum in wenigen Stunden zu Grunde, nicht

infolge von Hunger oder Kälte, sondern von Einsamkeit. Die Menge ihrer

Schwestern, der Bienenstock, ist für sie ein zwar unsichtbares, aber

nicht weniger unentbehrliches Nahrungsmittel als der Honig. Dieses

Bedürfnis muss man sich gegenwärtig halten, will man den Geist der

Gesetze des Bienenstaates erfassen. Das Individuum gilt im Bienenstock

nichts, es hat nur ein Dasein aus zweiter Hand, es ist gleichsam ein

nebensächlicher Faktor, ein geflügeltes Organ der Gattung. Sein ganzes

Leben ist eine vollständige Aufopferung für das unzählige, beharrende

Wesen, zu dem es gehört. Sonderbarerweise lässt sich feststellen, dass

dies nicht immer so war. Man findet auch heute noch unter den

Honigwespen alle Stadien der schrittweisen Entwickelung unserer

Hausbiene vor. Auf der untersten Stufe arbeitet sie allein im Elend; oft

erblickt sie nicht einmal ihre Nachkommenschaft (wie bei den Prosopis

und Colletes), bisweilen lebt sie im engen Familienkreise mit ihrer

jährlichen Brut (wie bei den Hummeln), vereinigt sich dann vorübergehend

zu Gesellschaften (Grabbienen, Hosenbienen, Ballenbienen) und erreicht

schliesslich, von Stufe zu Stufe steigend, die nahezu vollkommene

Gesellschaftsform unserer Bienenstöcke, wo das Individuum vollständig in

der Gesamtheit aufgeht und die Gesamtheit wiederum der abstrakten,

unsterblichen Gesellschaft der Zukunft geopfert wird.

* * * * *

Hüten wir uns, aus diesen Thatsachen voreilige Schlüsse auf den Menschen

zu ziehen. Der Mensch hat das Vermögen, sich den Naturgesetzen nicht zu

fügen. Ob es Recht oder Unrecht ist, von diesem Vermögen Gebrauch zu

machen: das ist der wichtigste, aber auch der unaufgeklärteste Punkt

unserer Moral. Inzwischen ist es nicht belanglos, den Willen der Natur

in einer anders gearteten Welt zu belauschen, und gerade bei den

Honigwespen, die nächst dem Menschen unzweifelhaft die intelligentesten

Bewohner dieses Erdballes sind, tritt dieser Wille sehr deutlich zu

Tage. Er trachtet sichtlich nach Veredelung der Art, aber er zeigt auch,

dass er diese nur auf Kosten der individuellen Freiheit und des

individuellen Glückes erreichen will oder kann. In dem Maasse, wie die

Gesellschaft sich organisiert und erhebt, wird dem Sonderleben eines

jeden ihrer Glieder ein immer engerer Kreis gezogen. Wo ein Fortschritt

eintritt, geschieht dies durch ein immer vollkommeneres Opfer der

persönlichen zu Gunsten der allgemeinen Interessen. Zunächst muss ein

jedes Individuum auf eigenmächtige Laster verzichten. So findet man auf

der vorletzten Kulturstufe der Bienen die Hummeln, die unseren

Menschenfressern zu vergleichen sind: die ausgewachsenen Arbeiterinnen

stellen nämlich unaufhörlich den Eiern nach, um sie zu fressen, und die

Mutter muss sie mit aller Energie dagegen verteidigen. Ferner muss sich

jedes Individuum, nachdem es die gefährlichsten Laster abgelegt hat,

eine Anzahl von immer strenger gefassten Tugenden zu eigen machen. Die

Arbeiterinnen bei den Hummeln lassen es sich z. B. noch nicht einfallen,

der Liebe zu entsagen, während unsere Hausbiene in unbedingter

Keuschheit lebt. Nun, wir werden ja bald sehen, was sie alles in Tausch

giebt für das Wohlbefinden, die Sicherheit, die architektonische,

ökonomische und politische Vollkommenheit des Bienenstockes, und wir

kommen auf den Entwicklungsgang der Honigwespen in dem Kapitel über den

»Fortschritt der Art« noch einmal zurück.

Das Leben der Bienen · 第 1 / 18 题