Sehen wir indes zu, was der Schwarm in der von dem Imker dargebotenen
Behausung macht. Und zunächst gedenken wir des Opfers, das die
fünfzigtausend Jungfrauen gebracht haben, die nach Ronsards Wort
»Ein edles Herz in kleinem Leibe tragen.«
Bewundern wir noch einmal den Mut, dessen es bedarf, um in der Wüste, in
die sie gefallen sind, das Leben fortzusetzen. Sie haben die
vorratsreiche, prächtige Stadt verlassen, in der sie geboren sind, wo
das Leben so gesichert, so wundervoll organisiert war, wo der Saft aller
Blumen, die der Sonne entgegenblühen, dem Dräuen des Winters zu spotten
erlaubte. Tausende und abertausende kleiner Töchter, die sie nie wieder
sehen werden, haben sie in ihren Wiegen schlummernd zurückgelassen. Sie
haben ausser dem riesigen Schatz von Wachs, Propolis und Blütenstaub,
den sie aufgehäuft hatten, mehr als hundertundzwanzig Pfund Honig im
Stich gelassen, d. h. mehr als das zwölffache Gewicht des ganzen Volkes
und das sechsmalhunderttausendfache jeder Biene, was für den Menschen
zweiundvierzigtausend Tonnen Lebensmittel vorstellen würde. Eine ganze
Flotte von grossen Lastschiffen, mit kostbareren und vollkommeneren
Lebensmitteln beladen, als die, welche wir kennen, denn der Honig ist
für die Bienen eine Art von Lebenselixir und Nahrungssaft, der
unmittelbar und fast restlos verdaulich ist.
Hier in der neuen Wohnung ist nichts vorhanden, kein Tropfen Honig, kein
Wachsstreifen, kein Merkzeichen und kein Stützpunkt. Es ist die
trostlose Nacktheit eines riesenhaften Bauwerks, das nur Dach und Mauern
hat. Die glatten, kreisrunden Wände bergen nur Finsternisse, und die
riesige Wölbung droben ründet sich über der grossen Leere. Aber die
Biene kennt kein unnötiges Heimweh, jedenfalls hält sie sich damit nicht
auf. Kaum ist der Bienenkorb wieder aufgerichtet und an seinen Platz
gestellt, kaum die Betäubung und Verwirrung des geräuschvollen Falles
etwas gewichen, so sieht man in der kribbelnden Masse eine sehr
reinliche und ganz unerwartete Scheidung eintreten. Die grosse Mehrzahl
der Bienen beginnt wie ein Heer, das einem bestimmten Befehl gehorcht,
in dichten Reihen an den Seitenwänden des Gebäudes hochzuklettern. In
der Kuppel angelangt, hängen die vordersten sich mit den Krallen ihrer
Vorderfüsse darin auf, die folgenden an den ersten und so weiter, bis
lange Ketten entstehen, die der nachdrängenden Menge zur Brücke dienen.
Allmählich vermehren, verstärken und verschränken sich diese Ketten und
es entstehen Guirlanden, die durch den fortwährenden Aufstieg der Massen
schliesslich in einen dicken, dreieckigen Vorhang übergehen, oder besser
in einen kompakten Kegel, dessen Spitze im höchsten Punkte der Kuppel
hängt, während die Basis sich bis zur Hälfte oder Dreiviertel der
Gesamthöhe des Bienenkorbes herabzieht. Hat die letzte Biene, die sich
durch eine innere Stimme zu dieser Gruppe berufen fühlt, den im Dunkeln
hängenden Vorhang erreicht, so hört das Klettern auf, jede Bewegung
erstirbt allmählich und der seltsame Kegel wartet Stunden und Stunden
lang in einem geradezu andachtsvollen Schweigen und in einer schier
erschrecklichen Unbeweglichkeit auf das Mysterium der Wachsbildung.
Während dieser Zeit prüft der Rest der Bienen, d. h. alle die, welche im
untern Teile des Bienenkorbes geblieben sind, das Gebäude und unternimmt
die notwendigen Arbeiten, ohne sich irgendwie an der Bildung des
wunderbaren Vorhanges zu beteiligen, in dessen Falten die Wundergabe
herabzuträufeln beginnt, ohne sich auch nur versucht zu fühlen, dabei
mitzuwirken. Sorgsam säubern sie den Fussboden und tragen welke Blätter,
Hälmchen und Sandkörner Stück für Stück hinaus, denn der
Reinlichkeitssinn der Bienen geht bis zur Manie, und wenn sie mitten im
Winter zur Zeit der grossen Fröste allzulange verhindert sind, den
»Reinigungsausflug« zu unternehmen, wie der Imker es nennt, so gehen sie
lieber massenhaft an grässlichen Unterleibsleiden zu Grunde, als dass
sie den Stock besudelten. Nur die Drohnen sind unverbesserlich unsauber
und beschmutzen schamlos die Waben, auf denen sie sitzen, und die
Arbeitsbienen sind dann gezwungen, hinter ihnen rein zu machen. Ist das
Säubern beendigt, so beginnen die Bienen derselben profanen Gruppe, die
sich an dem in einer Art von Extase dahängenden Kegel nicht beteiligt,
die Innenwände ihrer gemeinsamen Wohnung sorgfältig zu verkitten. Alle
Spalten werden untersucht und mit Propolis zugestopft und die Wände von
oben bis unten gefirnisst. Die Thorwache wird eingesetzt und bald fliegt
eine Anzahl von Arbeitsbienen aus, um Nektar und Pollen einzutragen.
* * * * *
Ehe wir die Falten des geheimnisvollen Vorhangs lüften, unter dem die
Grundmauern der eigentlichen Wohnung gelegt werden, versuchen wir doch
einmal uns klar zu machen, welche Intelligenz unser Völkchen von
Auswanderern entwickeln muss, welches Augenmass und welcher Fleiss nötig
sind, um das neue Obdach wohnlich zu machen, den Stadtplan im Leeren zu
entwerfen und in Gedanken den Platz für die einzelnen Gebäude
festzulegen, die so sparsam und so schnell wie möglich erbaut werden
müssen, denn die Königin hat es eilig mit dem Eierlegen und setzt die
ersten bereits auf den Boden. Es ist in diesem Labyrinth der
verschiedensten, bisher nur in der Vorstellung bestehenden Bauten, die
durchaus nach keinem Schema errichtet werden können, sowohl den Gesetzen
der Ventilation, wie denen der Haltbarkeit und Stabilität Rechnung zu
tragen; die Widerstandskraft des Wachses, die Art der aufzuspeichernden
Lebensmittel, die Bequemlichkeit der Zugänge, die Lebensgewohnheiten der
Königin, die gewissermassen vorherbestimmte, weil organisch
zweckmässigste Verteilung der Vorratshäuser und Wohnräume, der Strassen
und Durchgänge und viele andre Fragen, deren Aufzählung hier zu weit
führen würde, sind zu bedenken.
Nun aber ist die Form der Wohnungen, die der Mensch den Bienen anbietet,
die denkbar verschiedenste; sie wechselt vom hohlen Baumstamm oder der
Thonröhre, die in Asien und Afrika noch im Gebrauch ist, und von der
klassischen Strohglocke, die in einem Gebüsch von Monatsrosen und
Sonnenblumen im Gemüsegarten oder unter den Fenstern unserer meisten
Bauernhöfe steht, bis zu den wirklichen Werkstätten der modernen
Mobilzucht, wo sich oft mehr als 150 Kilogramm Honig in drei oder vier
Wabenstockwerken übereinander in einem herausnehmbaren Rahmen befinden,
der das Ausschleudern der Waben mit einer Honigschleuder und das
Wiedereinsetzen derselben gestattet, ganz als ob man in einer wohl
geordneten Bibliothek ein Buch nach Benutzung wieder an seinen Platz
stellt.
Laune oder Erwerbssinn des Menschen führt den Schwarm also eines Tages
in die eine oder andre dieser recht ungleichen Wohnungen ein, und es ist
nun Sache des kleinen Insekts, sich darin zurecht zu finden, Pläne zu
modifizieren, die eigentlich unveränderlich sein sollten, und in diesem
ungewohnten Raume die Lage des Wintersitzes zu bestimmen, der innerhalb
der Zone der von dem halb erstarrten Volke noch erzeugten Wärme liegen
muss; endlich muss der Brutraum seinen richtigen Platz haben, er darf,
wenn kein Unglück geschehen soll, weder zu hoch noch zu tief, weder zu
nahe am Flugloch noch zu weit davon entfernt sein. Der Schwarm kommt z.
B. aus einem umgestürzten hohlen Baumstumpf, der nur einen langen, engen
Gang bildete, und nun sieht er sich in einer Wohnung, die turmhoch ist
und deren Dach sich im Finstern verliert. Oder, um uns in sein
gewöhnliches Erstaunen zu versetzen: er war seit Jahrhunderten daran
gewöhnt, unter dem Strohdach unserer ländlichen Bienenwohnungen zu
hausen, und nun sperrt man ihn in eine Art Wandschrank oder grossen
Kasten, der drei oder viermal grösser ist, als sein Elternhaus, in ein
Durcheinander von Rahmen, die bald parallel, bald senkrecht zum Flugloch
über einander hängen und alle Wandflächen des Baues mit einem Netz von
Gerüsten bedecken.
* * * * *
Und doch giebt es keinen Fall, wo ein Schwarm die Arbeit verweigert
hätte, wo er sich durch die Seltsamkeit der Umstände hätte verwirren
oder entmutigen lassen, vorausgesetzt, dass die ihm dargebotene Wohnung
nicht schlecht riecht oder wirklich unbewohnbar ist. Aber selbst in
diesem Falle tritt keine Entmutigung und Bestürzung oder
Pflichtverweigerung ein: der Schwarm verlässt dann einfach die
ungastliche Stätte und sucht sich anderswo etwas Besseres. Ebensowenig
lässt sich sagen, dass man die Bienen je habe veranlassen können, eine
sinnlose oder unzweckmässige Arbeit zu verrichten. Man hat nie
festgestellt, dass die Bienen den Kopf verloren und nicht gewusst
hätten, welchen Entschluss sie fassen sollen, dass sie planlose,
missratene oder überflüssige Bauten unternommen hätten. Man schüttle sie
in eine Hohlkugel, einen Trichter, eine Pyramide, einen ovalen oder
eckigen Korb, eine Röhre oder eine Spirale, und man besuche sie einige
Tage später, vorausgesetzt, dass sie die Wohnung angenommen haben, so
wird man sehen, dass diese seltsame Vielheit von kleinen, selbständig
denkenden Köpfen sich unmittelbar geeinigt und nach einer Methode, deren
Grundsätze unwandelbar, aber deren Folgen lebendig sind, den günstigsten
und oft den einzig brauchbaren Punkt der sonderbaren Wohnung ohne
Zaudern gewählt hat.
Wenn man sie in einen der obengenannten grossen Kastenstöcke bringt, so
beachten sie die darin befindlichen Rahmen nur insoweit, als sie ihnen
zum Ausgangs- und Stützpunkt beim Bau ihrer Waben dienen, und das ist
schliesslich auch ganz verständlich, da die Wünsche und Absichten des
Menschen ihnen ja gleichgültig sind. Wenn der Bienenzüchter aber den
oberen Rand einiger Rahmen mit einem schmalen Wachsstreifen versehen
hat, so begreifen sie sogleich den Vorteil, der in dieser angefangenen
Arbeit liegt, bauen den Streifen sorgsam aus und führen den angedeuteten
Plan mit eigenem Wachs zu Ende. Desgleichen -- und der Fall tritt bei
dem intensiven Betriebe von heute häufig ein -- wenn alle Rahmen des
Stockes, in den man den Schwarm eingeschlagen hat, von oben bis unten
mit angefangenen Kunstwaben bedeckt sind, so fangen sie keinen Zeit und
Wachs vergeudenden Neubau an, sondern sie nehmen die Gelegenheit wahr,
führen das begonnene Werk weiter und bauen die eingepressten
Zellenansätze bis zur Normaltiefe fertig, wobei sie übrigens an Stellen,
wo die künstliche Wabe von der haarscharfen Senkrechten abweicht, ihre
Korrektur vornehmen. Auf diese Weise besitzen sie in mehr als einer
Woche eine ebenso prächtige und wohlgebaute Stadt, wie die eben
verlassene, während sie, auf sich allein angewiesen, zwei oder drei
Monate gebraucht hätten, um dasselbe Gewirr von Speicherräumen und
weissen Wachshäusern aufzuführen.
* * * * *
Dieses Anpassungsvermögen scheint die Grenzen des »Instinkts« doch
merklich zu überschreiten. Überdies ist nichts willkürlicher, als dieses
Unterscheiden zwischen Instinkt und Intellekt. Sir John Lubbock, der
über Ameisen, Wespen und Bienen ganz persönliche und sonderbare
Beobachtungen gemacht hat, ist vielleicht infolge einer unbewussten und
etwas ungerechten Vorliebe für die Ameisen, die er am genausten
beobachtet hat, -- denn jeder Beobachter will, dass das von ihm
studierte Insekt intelligenter und bemerkenswerter sei als die andern,
und man thut wohl daran, sich vor solchen kleinen Anwandlungen von
Eigenliebe zu hüten -- Sir John Lubbock, sage ich, ist sehr geneigt, der
Biene jedes Unterscheidungsvermögen und jede Überlegung abzusprechen,
sobald es sich nicht um ihre gewöhnlichen Arbeiten handelt. Als Beweis
giebt er ein Experiment, das Jeder leicht wiederholen kann. Man thue in
eine Wasserflasche ein halbes Dutzend Fliegen und ebenso viele Bienen,
lege die Flasche wagerecht und drehe ihren Boden dem Zimmerfenster zu.
Die Bienen werden sich stundenlang abquälen, einen Ausgang durch den
Glasboden zu finden, bis sie schliesslich vor Erschöpfung und Hunger
sterben, während die Fliegen in weniger als zwei Minuten zur
entgegengesetzten Seite durch den Flaschenhals entschlüpft sind. Sir
John Lubbock schliesst daraus, dass der Verstand der Biene äusserst
beschränkt ist und dass die Fliege viel mehr Geschick besitzt, sich aus
der Verlegenheit zu ziehen und ihren Weg zu finden. Dieser Schluss
scheint nicht einwandsfrei. Man wende bald den Boden, bald den
Flaschenhals dem Lichte zu, zwanzigmal, wenn man will, und die Bienen
werden sich zwanzigmal umdrehen, und dem Licht entgegenfliegen. Was sie
in dem Experiment des englischen Gelehrten herabsetzt, ist ihre Liebe
zum Licht und ihr Verstand selbst. Sie bilden sich augenscheinlich ein,
dass die Befreiung aus jedem Gefängnis auf der Lichtseite liegt, sie
handeln also ganz folgerichtig, nur zu folgerichtig. Sie wissen nichts
von dem übernatürlichen Mysterium, das für sie das Glas ist, diese
plötzlich undurchdringliche Luft, die es in der freien Natur nicht giebt
und die ihnen um so unverständlicher sein muss, je intelligenter sie
sind. Die hirnlosen Fliegen, die sich um die Logik, den Ruf des Lichtes
und das Wunder des Krystalls nicht kümmern, schwirren planlos in der
Flasche herum, bis sie schliesslich mit dem Glück der Einfältigen, die
sich oft da retten, wo die Weisheit verdirbt, in den guten Flaschenhals
geraten, der sie befreit.
* * * * *
Derselbe Naturforscher giebt noch einen anderen Beweis von ihrer
mangelnden Intelligenz, indem er sich auf den grossen amerikanischen
Bienenzüchter, den ehrwürdigen und väterlichen Langstroth beruft. »Da
die Fliege«, sagt Langstroth, »nicht dazu geschaffen ist, von Blumen,
sondern von Dingen zu leben, in denen sie leicht ertrinken könnte, so
setzt sie sich vorsichtig auf den Rand von Gefässen, die eine flüssige
Nahrung enthalten, und saugt klüglich daraus, während die arme Biene
sich kopfüber hineinstürzt und bald darin umkommt. Das traurige Geschick
ihrer Mitschwestern hält die anderen nicht ab: sobald sie sich derselben
Lockspeise nähern, setzen sie sich wie wahnsinnig auf Leichen und
Sterbende, um alsbald ihr trauriges Loos zu teilen. Niemand kann ihren
Wahnsinn ganz ermessen, wenn er nicht gesehen hat, mit welcher
nimmersatten Gier sie schaarenweise in die Zuckersiedereien eindringen.
Ich habe tausende aus dem Zuckersaft herausziehen sehen, in dem sie
ertrunken waren, tausende auf den siedenden Zucker sich setzen; der
Boden war mit Bienen bedeckt und die Fenster von ihnen verdunkelt; die
einen krochen, die andren flogen, wieder andere waren so vollständig
verkleistert, dass sie weder kriechen noch fliegen konnten; nicht eine
von zehn war im stande, die verderbliche Beute heimzutragen, und doch
war die Luft voll von Myriaden von Neuankömmlingen, die ebenso unsinnig
waren.«
Auch dies erscheint mir nicht entscheidender, als für einen
übermenschlichen Beobachter, der die Grenzen unserer Intelligenz
feststellen will, der Anblick der Alkoholverwüstungen unter den Menschen
oder eines Schlachtfeldes. Die Biene ist uns gegenüber in einer
seltsamen Lage, sie ist geschaffen, um in der gleichgiltigen und
unbewussten Natur zu leben, und nicht an der Seite eines Ausnahmewesens,
das die festesten Gesetze rings um sie erschüttert und grossartige,
unbegreifliche Erscheinungen hervorruft. In der Natur, im eintönigen
Waldleben wäre der von Langstroth beschriebene Wahnsinn nur dann
möglich, wenn ein honigstrotzender Bau durch irgend einen Zufall
auseinanderbräche. Aber dann gäbe es keine tötlichen Fenster, keinen
kochenden Zucker, keinen dicken Syrup, und folglich auch keine Toten und
keine anderen Gefahren als die, welche jedem Beute machenden Tiere
drohen.
Würden wir unsere Kaltblütigkeit besser bewahren als sie, wenn eine
unbekannte Gewalt unsere Vernunft auf Schritt und Tritt auf die Probe
stellte? Es ist für uns also sehr schwer, die Bienen zu beurteilen, die
wir selbst toll machen, und deren Intelligenz nicht darauf gerüstet ist,
unsere Fallen zu meiden, ebensowenig wie die unsere darauf gerüstet ist,
der Listen eines heutigen Tages unbekannten, aber nichts destoweniger
doch möglichen, höheren Wesens zu spotten. Da wir es nicht kennen,
schliessen wir daraus, dass wir den Gipfel dieses Erdenlebens erklommen
haben, aber im ganzen genommen ist das nicht unbestreitbar. Ich verlange
nicht, dass wir uns bei ungereimten oder niedrigen Handlungen, die wir
thun, in den Schlingen dieses Wesens wähnen, aber es ist nicht
unwahrscheinlich, dass dies eines Tages Wahrheit sein wird. Andererseits
kann man vernünftiger Weise nicht behaupten, die Bienen seien jedes
Verstandes bar, weil es ihnen noch nicht gelungen ist, uns von dem Affen
oder dem Bären zu unterscheiden, und sie uns behandeln, wie sie diese
eingeborenen Bewohner des Urwaldes behandeln würden. Es ist gewiss, dass
in und um uns Einflüsse und Mächte herrschen, die einander ebenso
unähnlich sind und von uns doch nicht unterschieden werden.
Zuletzt, und um diese Apologie der Bienen abzuschliessen, mit der ich
selbst ein wenig in die Anwandlungen von Eigenliebe verfalle, die ich
dem Sir John Lubbock vorwarf, steht die Frage noch offen, ob man nicht
intelligent sein muss, um so grosser Thorheiten fähig zu sein. Ist es
doch stets so in dem ungewissen Bereich des Verstandes, welcher der
unsicherste und schwankendste Zustand der Materie ist. In derselben
Flamme wie der Verstand, ist auch die Leidenschaft, und man kann nicht
einmal genau sagen, ob sie der Rauch oder der Docht der Flamme ist. Und
hier ist die Leidenschaft der Bienen edel genug, um das Schwanken des
Verstandes zu entschuldigen. Was sie zu dieser Tollheit treibt, ist
nicht das tierische Verlangen, sich voll Honig zu saugen. Das hätten sie
in den Zellen ihres Baues leichter. Man beobachte sie und verfolge sie
in einem analogen Falle, und man wird sehen, dass sie, sobald ihre
Honigblase voll ist, nach dem Bienenstock zurückkehren, ihre Beute
abgeben und dreissig Mal in einer Stunde nach dem wunderbaren Erntefelde
zurückkehren. Es ist also derselbe Trieb, der sie so viel
Bewundernswertes thun lässt: der Eifer, dem Hause ihrer Schwestern und
der Zukunft so viel Gutes zuzuführen, als sie vermögen. Wenn die
Thorheiten der Menschen eine ebenso selbstlose Ursache haben, pflegen
wir ihnen einen andern Namen zu geben.
* * * * *
Die ganze Wahrheit muss trotzdem gesagt werden. Angesichts der Wunder
ihres Gewerbfleisses, ihres Gemeinsinnes und ihrer Opferfreudigkeit,
muss uns ein Umstand immerhin in Erstaunen setzen und unsere Bewunderung
etwas beeinträchtigen, nämlich ihre Gleichgiltigkeit gegen den Tod und
das Unglück ihrer Mitschwestern. Es geht durch den Charakter der Bienen
ein seltsamer Spalt. Im Bienenkorbe lieben und helfen sich alle. Sie
sind so einig, wie die guten Gedanken derselben Seele. Verletzt man
eine, so opfern sich tausend, um ihre Mitbürgerin zu rächen.
_Ausserhalb_ des Bienenstockes kennen sie sich nicht mehr. Man
verstümmele oder vernichte -- oder besser, man thue es nicht, es wäre
eine unnötige Grausamkeit, denn die Thatsache steht fest, -- aber
gesetzt, man verstümmelte oder vernichtete auf einem Stück Wabenhonig,
ein paar Schritte vom Bienenstand entfernt, zwanzig oder dreissig Bienen
aus demselben Stocke, und die nicht getroffenen werden nicht einmal den
Kopf drehen, sondern achtlos gegen die in Todeszuckungen Liegenden,
deren letzte Bewegungen ihre Glieder streifen, deren Schmerzensrufe
ihnen ins Ohr gellen, saugen sie nach wie vor mit ihrer phantastischen
Zunge, die wie eine chinesische Waffe aussieht, den Saft, der ihnen
kostbarer ist als das Leben. Und wenn die Wabe leer ist, klettern sie,
um nichts zu verlieren, um auch _den_ Honig, der an den Opfern klebt,
noch zu gewinnen, ruhig über Leichen und Verwundete weg, ohne sich über
das Vorhandensein der Einen aufzuregen und ohne den Anderen Hilfe zu
bringen. Sie haben in diesem Falle also weder einen Begriff von der
Gefahr, die sie laufen, denn der Tod, den sie um sich sehen,
erschüttert sie nicht im Mindesten, noch das geringste Gefühl der
Zusammengehörigkeit und des Mitleids. Was die Gefahr betrifft, so ist
das erklärlich: die Biene kennt in der That keine Furcht, und nichts in
der Welt kann sie schrecken, ausser dem Rauche. Ausserhalb ihres
Bienenkorbes ist sie voller Langmütigkeit und Friedfertigkeit. Sie
weicht dem Störenfried aus und ignoriert das Vorhandensein alles dessen,
was sie nicht unmittelbar angeht. Man möchte sagen, dass sie sich in
einer Welt fühlt, die Allen gehört, wo Jeder Anspruch auf seinen Platz
hat, wo man friedlich und nachsichtig sein muss. Aber unter dieser
Nachsichtigkeit und Friedfertigkeit verbirgt sich ein so selbstgewisses
Herz, dass sie garnicht daran denkt, sich zu behaupten. Sie weicht aus,
wenn jemand sie bedroht, aber sie flieht nie. Andrerseits beschränkt sie
sich im Bienenstock keineswegs auf dieses passive Ignorieren der Gefahr.
Sie stürzt sich mit einer unerhörten Wucht auf jedes lebende Wesen,
Ameise, Löwe oder Mensch, das ihre heilige Arche anzutasten wagt. Nennen
wir das je nach unserer geistigen Veranlagung Zorn, Verbissenheit,
Stumpfsinn oder Heroismus.
Aber über ihren Mangel an Solidaritätsgefühl ausserhalb des
Bienenstockes weiss ich nichts zu sagen. Man muss wohl annehmen, dass es
sich auch hier um jene unverhofften Grenzen handelt, die jeder Art von
Verstand gezogen sind, und dass die kleine Flamme, die durch den
schwierigen Verbrennungsprozess so vieler träger Stoffe nur mühsam dem
Gehirn entstrahlt, jederzeit so ungewiss ist, dass sie einen Punkt nur
auf Kosten vieler anderer erleuchtet. Man kann sich sagen, dass die
Biene -- oder die Natur in der Biene -- die gemeinsame Arbeit, den
Kultus der Zukunft und die Fernstenliebe in einer nie wieder erreichten
Vollkommenheit durchgeführt hat. Sie lieben über sich hinaus und wir
lieben vornehmlich, was um uns ist. Vielleicht genügt es, hier zu
lieben, um dort keine Liebe mehr übrig zu haben. Nichts ist
veränderlicher als die Richtung der Barmherzigkeit oder des Mitleids.
Wir selbst wären ehedem über diese Fühllosigkeit der Bienen weit weniger
erstaunt gewesen, und manchen alten Schriftstellern wäre es garnicht
eingefallen, sie deswegen zu tadeln. Zudem können wir nicht ahnen, wie
sehr ein Wesen, das uns so beobachten würde, wie wir sie beobachten,
über uns in Erstaunen geraten würde.
* * * * *
Schliesslich müssten wir, um uns von ihrer Intelligenz eine genauere
Vorstellung zu machen, festzustellen suchen, auf welche Weise sie sich
mit einander verständigen. Denn dass sie sich verständigen, ist
sonnenklar; ein Gemeinwesen von so grosser Volkszahl, dessen Arbeiten so
mannigfach sind und doch so wunderbar harmonieren, könnte bei der
Unfähigkeit seiner Mitglieder, in Verbindung miteinander zu gelangen und
aus ihrer geistigen Vereinsamung herauszutreten, nicht bestehen. Sie
müssen also die Fähigkeit haben, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken,
sei es durch eine Lautsprache, sei es, was wahrscheinlicher ist, mit
Hilfe einer Tastsprache oder einer magnetischen Übertragung, die sich
vielleicht an Eigenschaften der Materie und an Sinne knüpft, die uns
völlig unbekannt sind, und der Sitz dieser Sinne könnte sich in ihren
geheimnisvollen Fühlern befinden, welche die Finsternis abtasten und
fühlen und nach den Berechnungen von Cheshire bei den Arbeitsbienen aus
zwölftausend Fühlfäden und fünftausend Geruchshöhlen bestehen. Dass sie
sich nicht nur über ihre gewöhnlichen Arbeiten verständigen, sondern
dass auch Aussergewöhnliches Platz und Namen in ihrer Sprache hat, das
geht daraus hervor, dass jede gute oder böse, gewohnte oder
übernatürliche Nachricht sich durch den Bienenstock verbreitet, z. B.
Verlust und Wiederkehr der Königin, Eindringen eines Feindes, einer
fremden Königin, Nahen eines Räuberschwarms, Entdeckung eines Schatzes
u. s. w. Das Benehmen und die Töne der Bienen sind bei jedem dieser
Ereignisse so verschieden, so charakteristisch, dass der gewiegte
Bienenwirth unschwer errät, was in dem kribbelnden Dunkel des
Bienenstockes vorgeht.
Will man einen deutlicheren Beweis, so beobachte man eine Biene, die auf
einem Fensterbrett oder einer Tischecke ein paar Honigtropfen gefunden
hat. Zuerst saugt sie sich so gierig voll, dass man sie in aller Musse,
ohne sie in ihrer Arbeit zu stören, mit einem kleinen Farbfleck zeichnen
kann. Aber diese Fressgier ist nur scheinbar. Der Honig kommt nicht in
den eigentlichen, sozusagen persönlichen Magen der Biene, er bleibt im
Honigmagen, der gewissermaassen der Magen der Gesamtheit ist. Sobald
dieses Behältnis gefüllt ist, fliegt die Biene von dannen, aber nicht
blind und unmittelbar, wie ein Schmetterling oder eine Fliege. Man wird
sie im Gegenteil einige Augenblicke _rückwärts fliegen_ sehen; sie
schwirrt aufmerksam in der Fensteröffnung oder um den Tisch herum, den
Kopf nach dem Zimmer gewandt. Sie prägt sich die Örtlichkeit ein und
merkt sich genau die Stelle, wo der Schatz liegt. Dann erst fliegt sie
nach dem Stock zurück, entleert ihre Beute in eine der Vorratszellen und
ist in drei oder vier Minuten wieder da, um eine neue Ladung von dem
wunderbaren Brett zu holen. Alle fünf Minuten kommt sie, solange noch
Honig da ist, und wenn es bis zum Abend währt, ununterbrochen wieder und
fliegt, ohne sich die geringste Ruhe zu gönnen, von dem Fenster nach dem
Bienenstock und vom Bienenstock nach dem Fenster.
* * * * *
Ich will die Wahrheit nicht ausschmücken, wie Viele es gethan haben, die
über die Bienen schrieben. Beobachtungen dieser Art sind nur dann von
Interesse, wenn sie absolut ehrlich sind. Ich hätte vielleicht gesagt,
dass die Bienen unfähig sind, sich über ein Ereignis ausserhalb des
Bienenstockes zu verständigen, wenn ich gelegentlich einer kleinen
experimentellen Enttäuschung ein Vergnügen daran gefunden hätte, wieder
einmal zu konstatieren, dass der Mensch im Grunde genommen doch das
einzige wirklich intelligente Wesen auf diesem Erdball ist. Und dann
empfindet man, wenn man bis zu einem gewissen Punkte des Lebens gekommen
ist, mehr Freude daran, etwas Wahres zu sagen, als etwas Auffälliges.
Hier wie in allen Dingen muss man sich von dem Grundsatz leiten lassen:
wenn die nackte Wahrheit uns im Augenblick weniger gross, edel oder
anziehend erscheint, als der erträumte Schmuck, mit dem man sie behängen
könnte, so liegt die Schuld an uns, weil wir die stets erstaunlichen
Beziehungen, die zwischen unserm Wesen und den Weltgesetzen bestehen
müssen, noch nicht zu erkennen vermögen, und es ist in diesem Falle also
nicht die _Wahrheit_, die einer Vergrösserung und Veredelung bedarf,
sondern unser _Intellekt_.
Ich will also eingestehen, dass die gezeichneten Bienen oft allein
wiederkehren. Man muss wohl glauben, dass es unter ihnen dieselben
Charakter-Unterschiede giebt, wie bei den Menschen, und dass die einen
schweigsam, die andern mitteilsam sind. Jemand, der meinen Versuchen
beiwohnte, bemerkte, dass es bei vielen Eitelkeit oder Egoismus sein
könnte, was sie bestimmt, die Quelle ihres Reichtums nicht zu verraten,
um den Ruhm einer Leistung, die der Schwarm für wunderbar halten muss,
nicht mit andern zu teilen. Aber das sind recht niedrige Laster, die
nicht nach dem reinen und frischen Duft des Hauses ihrer tausend
Schwestern schmecken. Wie dem indes auch sei, es geschieht auch oft
genug, dass die vom Glück begünstigte Biene mit zwei oder drei
Gefährtinnen wieder kommt. Es ist mir bekannt, dass Sir John Lubbock im
Anhang zu seinem Werke »Ants, Bees and Wasps« ausführliche und
gewissenhafte Beobachtungstabellen aufstellt, aus denen hervorzugehen
scheint, dass fast nie andere Bienen der Wegweiserin folgen. Ich weiss
freilich nicht, welche Bienenart der gelehrte Naturforscher beobachtet
hat, oder ob die Umstände besonders ungünstig waren. Meine eigenen
Beobachtungstabellen, die ich sorgfältigst aufgestellt habe, indem ich
unter Benutzung aller möglichen Vorsichtsmassregeln verhinderte, dass
die Bienen direkt durch den Honigduft angezogen wurden, ergaben, dass im
Durchschnitt _vier_mal in zehn Fällen andere Bienen von der ersten
mitgebracht wurden.
Einmal betupfte ich einer besonders kleinen italienischen Biene den Leib
mit einem Farbfleck. Beim zweiten Male kam sie mit zwei Schwestern
wieder. Ich fing diese weg, ohne dass sie sich stören liess. Das nächste
Mal kam sie mit drei Gefährtinnen wieder, die ich ebenfalls wegfing, und
so fort, bis ich am Ende des Nachmittags achtzehn Bienen gefangen hatte.
Sie hatte also achtzehn Schwestern die Mitteilung zu machen gewusst.
Alles in allem genommen, wird man bei solchen Experimenten zu dem
Schlusse kommen, dass die Mitteilung an andere, wo nicht regelmässig, so
doch häufig stattfindet, und dieses Vermögen der Bienen ist den
Bienenjägern Amerikas so gut bekannt, dass sie es sich regelmässig zu
nutze machen, wenn sie ein Nest ausspüren. »Sie wählen«, sagt Josiah
Emmery, »zum Beginn ihrer Thätigkeit ein Feld oder ein Gehölz, das
weitab von allen Bienenständen zahmer Bienen liegt. Hier angekommen,
lauern sie einigen Bienen auf, welche die Blüten befliegen, fangen sie
weg und sperren sie in einen mit Honig versehenen Kasten. Sobald sich
die Bienen darin vollgesogen haben, lassen sie sie wieder fliegen. Nun
kommt ein Augenblick des Wartens, dessen Dauer von der Entfernung des
Bienennestes abhängt, aber bei einiger Geduld findet der Jäger seine
Bienen allemal mit einem Gefolge von mehreren Gefährtinnen wieder. Er
fängt sie von neuem ein, regaliert sie und lässt sie jede nach einer
andern Seite fliegen, wobei er genau aufpasst, welche Richtung sie
nehmen. Der Punkt, nach dem sie zusammenzustreben scheinen, giebt ihm
die mutmassliche Lage des Nestes an.« (Citiert von _Romanes_ in
»L'Intelligence des Animaux«, Bd. I, S. 117)
* * * * *
Man wird bei Wiederholung des oben genannten Experimentes bemerken, dass
die mitgebrachten Freundinnen, die der Losung des Glückes gehorchen,
nicht immer zusammen ankommen und dass oft ein Zwischenraum von mehreren
Sekunden zwischen der Ankunft der einzelnen liegt. Man muss sich also
über ihr Mitteilungsvermögen dieselbe Frage vorlegen, die Sir John
Lubbock für die _Ameisen_ gelöst hat: Thun die Gefährtinnen, die sich
bei dem von der ersten Biene entdeckten Schatze mit einfinden, nichts
weiter, als dass sie dieser folgen, oder sind sie vielleicht von ihr
geschickt und finden ihn selbst nach deren Angaben und der von ihr
gemachten Ortsbeschreibung? Es wäre dies, wie man leicht einsieht, ein
gewaltiger Unterschied hinsichtlich der Höhe und Vollkommenheit ihrer
Intelligenz. Dem gelehrten Engländer ist es mit Hilfe eines
komplizierten und sehr sinnreichen Apparates von Gängen und Stegen,
Wassergräben und fliegenden Brücken gelungen, nachzuweisen, dass die
Ameisen in diesem Falle einfach der Fährte der Wegweiserin folgen.
Solche Experimente sind nun zwar sehr sinnreich bei den Ameisen, die man
zwingen kann, einen bestimmten Weg zu wählen, aber der Biene, die Flügel
hat, stehen alle Wege offen und man müsste zu andern Hilfsmitteln
greifen. Das Folgende habe ich angewandt, ohne jedoch zu entscheidenden
Resultaten gekommen zu sein. In grösserer Vervollkommnung aber und unter
günstigeren Umständen dürfte es doch zu befriedigender Gewissheit
führen.
Mein Arbeitszimmer auf dem Lande liegt im ersten Stock über einem sehr
hohen Erdgeschoss. Ausser in der Blütezeit der Kastanien und Linden
pflegen die Bienen nie sehr hoch zu fliegen, sodass ich ein Stück
entdeckelten Wabenhonig (d. h. gefüllte Honigwaben, von denen die
Wachsdeckel entfernt waren) vor dem Experiment mehr als eine Woche lang
auf dem Tische liegen hatte, ohne dass eine einzige Biene von dem Duft
angelockt wurde und die Wabe beflog. Ich nahm nun eine italienische
Biene aus einem unfern des Hauses aufgestellten Beobachtungsstock, trug
sie in mein Arbeitszimmer hinauf und liess sie an dem Honig naschen,
während ich sie mit einem Farbfleck betupfte.
Als sie sich vollgesogen hatte, flog sie nach ihrem Bienenstock zurück.
Ich ging hinterher und sah, wie sie hastig über die andern Bienen
hinweglief, ihren Kopf in einer leeren Zelle verschwinden liess, den
Honig entleerte und sich zum Ausfliegen anschickte. Zwanzigmal
hintereinander wiederholte ich denselben Versuch mit verschiedenen
Bienen und fing dabei jedesmal die geköderte Biene fort, sodass die
andern ihrer Spur nicht folgen konnten. Ich hatte zu diesem Zwecke vor
dem Flugloch einen Glaskasten angebracht, der durch eine Klappthür in
zwei Abteilungen geschieden war. Kam die gezeichnete Biene allein
heraus, so fing ich sie einfach weg und wartete dann in meinem Zimmer
auf die Ankunft der Freundinnen, denen sie die Nachricht gebracht hätte.
Kam sie mit zwei oder drei andern Bienen heraus, so hielt ich sie in der
ersten Abteilung des Glaskastens gefangen und trennte sie so von ihren
Gefährtinnen, denen ich einen Fleck von anderer Farbe auftupfte und dann
die Freiheit gab, wobei ich sie mit den Augen verfolgte. Es ist klar,
dass, wenn eine lautliche oder magnetische Mitteilung stattgefunden
hätte, die eine Ortsbeschreibung und Orientierungsmethode in sich
schlösse, ich eine Anzahl von Bienen, die auf die Fährte gesetzt waren,
in meinem Zimmer hätte vorfinden müssen. Ich muss gestehen, dass sich
nur _eine_ einfand. Folgte sie den im Bienenstock empfangenen
Anweisungen, oder war es reiner Zufall? Die Beobachtung war nicht
ausreichend genug, aber die Umstände verstatteten nicht, sie
fortzusetzen. Ich liess die Bienen wieder frei, und alsbald war mein
Arbeitszimmer voll von der summenden Menge, der sie in ihrer gewohnten
Weise den Weg zum Schatze gewiesen hatten.[5]
* * * * *
Aber auch ohne aus diesem unvollkommenen Versuch Schlüsse zu ziehen,
sieht man sich zu der Annahme gezwungen, dass die Bienen in geistigen
Beziehungen zu einander stehen, die über ein blosses Ja und Nein oder
jene elementaren Mitteilungen, die durch Geberde oder Vorbild entstehen,
weit hinausgehen. Man braucht nur die rührende Harmonie ihrer Arbeiten
im Bienenstock, die überraschende Arbeitsteilung und die regelmässige
Ablösung in der Arbeit zu bedenken. Ich habe oft beobachtet, wie die
Beutemacherinnen, die ich am Morgen betupft hatte, ausser bei
ungewöhnlichem Blumenreichtum Nachmittags damit beschäftigt waren, das
Brutnest auszulüften oder zu »bebrüten«; andere fand ich unter der
Schaar wieder, die jene geheimnisvollen, wie tot dahängenden Ketten
bildet, in deren Mitte die Wachszieherinnen und Steinmetze arbeiten.
Ebenso habe ich beobachtet, wie die Arbeiterinnen einen ganzen Tag lang
Pollen eintrugen, am nächsten Tage dagegen ausschliesslich Nektar und
umgekehrt.
Schliesslich wäre noch eine Erscheinung zu berücksichtigen, die der
berühmte französische Bienenzüchter Georges de Layens »die Verteilung
der Bienen auf die honigspendenden Pflanzen« nennt. Allmorgendlich, wenn
die Sonne aufgeht und die mit dem Morgenrot ausgesandten Spürbienen
zurückkehren, erhält der erwachende Bienenstock sichere Nachrichten von
draussen. »Heute blühen die Linden an den Kanalufern.« »Der Weissklee
leuchtet durch das Gras am Wege.« »Steinklee und Salbei sind im
Aufblühen.« »Lilien und Reseda strömen von Pollen über.« Da heisst es,
sich schnell zusammenthun, Massregeln ergreifen und die Arbeit
einteilen. Fünftausend von den stärksten werden hinauf zu den
Lindenwipfeln fliegen, dreitausend jüngere den Weissklee besuchen. Die
einen fahndeten gestern auf den Nektar der Blumenkelche, heute sollen
sie ihre Zunge und die Drüsen des Honigmagens schonen; sie werden den
roten Reseda-Pollen, den gelben Pollen der grossen Lilien eintragen,
denn nie wird man eine Biene Pollen von verschiedenen Blumensorten und
verschiedener Farbe ernten oder vermischen sehen, und das methodische
Sortieren der einzelnen Arten dieses schönen duftigen Mehls, je nach
Farbe und Herkunft, bildet eine der Hauptbeschäftigungen im Stocke
selbst. So werden die Befehle von einem verborgenen Geiste ausgegeben,
und alsbald kommen die Arbeiterinnen in langen Zügen hervor, um jede
unbeirrt ihrer Aufgabe entgegenzufliegen. »Anscheinend«, sagt de Layens,
»sind die Bienen genau informiert über Standort, Honiggehalt und
Entfernung aller honigtragenden Pflanzen in einem gewissen Umkreise um
den Bienenstock. Merkt man sich genau die Richtung, welche die
Beutemacherinnen einschlagen, und kann man die Ernte, die sie von den
verschiedenen Pflanzen der Umgegend eintragen, methodisch beobachten, so
stellt sich heraus, dass die Arbeitsbienen sich sowohl nach der
Quantität der Pflanzen einer Art, wie nach ihrem Honigreichtum in die
verschiedenen Blumen teilen. Mehr noch: sie schätzen täglich ab, welcher
Zuckersaft der beste zum Einernten ist. Wenn z. B. nach Abblühen der
Sahlweiden noch nichts auf den Feldern erblüht ist und die Bienen auf
die ersten Waldblumen angewiesen sind, so kann man sie beim regen
Besuche von Anemonen, Schlüsselblumen, Narzissen und Veilchen sehen. Ein
paar Tage darauf, wenn die Raps- und Kohlfelder in genügender Menge
erblüht sind, sieht man sie ihre Waldblumen fast vollständig verlassen,
obschon sie noch in voller Blüte stehen, und sich ganz den Raps- und
Kohlblüten widmen. So verteilen sie sich täglich auf die Pflanzen, die
in möglichst kurzer Zeit den besten Zuckersaft liefern. Man kann also
sagen, das Bienenvolk weiss sowohl in seinen Erntearbeiten, wie im
Innern des Bienenstocks eine rationelle Verteilung der Arbeitsbienen
vorzunehmen und zwar unter strikter Anwendung des Prinzips der
Arbeitsteilung«.
* * * * *
Aber, wird man sagen, was liegt uns daran, ob die Bienen mehr oder
minder intelligent sind? Warum mit soviel Sorgfalt eine kleine, fast
unsichtbare Spur der Materie verfolgen, als handelte es sich um ein
Fluidum, von dem die Geschicke der Menschheit abhingen? Ohne zu
übertreiben: ich glaube, das Interesse, das wir hieran nehmen, ist nicht
genug zu schätzen. Indem wir ausser uns eine wirkliche Spur von
Intelligenz finden, empfinden wir etwas von dem seltsamen Schauder
Robinsons, als er den Eindruck eines menschlichen Fusses im Strandsande
seiner Insel fand. Es scheint uns, dass wir weniger allein sind, als wir
wähnten. Wenn wir uns über die Intelligenz der Bienen klar zu werden
versuchen, so erforschen wir im Grunde genommen das Kostbarste unseres
eigenen Wesens in ihnen und suchen ein Atom jenes seltenen Stoffes, der
überall, wo er hervortritt, die wunderbare Gabe hat, die blinden
Notwendigkeiten umzuformen und zu organisieren, das Leben zu verschönen
und zu mehren und der hartnäckigen Macht des Todes, dem grossen
gedankenlosen Strome, der fast Alles, was besteht, in ewiger
Unbewusstheit dahinträgt, ein sinnfälliges Halt zu gebieten.
Wären wir im Alleinbesitz eines Teiles dieser Kraft in dem besonderen
Blüte- und Glanzzustande, den wir Intelligenz nennen, so hätten wir
einiges Recht darauf, uns für bevorzugt zu halten und uns einzubilden,
dass die Natur ein Ziel in uns erreicht; aber da ist nun eine ganze
Kategorie von Wesen: die Honigwespen, in denen sie fast dasselbe Ziel
erreicht. Dies entscheidet nichts, wenn man will, aber die Thatsache
nimmt doch einen Ehrenplatz ein in der Menge der kleinen Thatsachen, die
zur Klärung unserer Lage auf Erden beitragen. Hier findet sich eine
Parallel-Erscheinung für den unentzifferbarsten Teil unseres Wesens,
eine Ablagerung von Schicksalen, die wir von einem höheren Standpunkt
aus überschauen, als wir es für die Geschicke der Menschheit je
vermöchten. Hier finden sich mit einem Worte die grossen, einfachen
Linien, die wir in unserm eigenen, unverhältnismässig grösseren
Wirkungskreis weder aufdecken, noch bis zu Ende verfolgen können. Hier
findet sich Geist und Materie, Art und Individuum, Entwickelung und
Beharren, Vergangenheit und Zukunft, Leben und Tod auf einen Raum
zusammengeschaart, den wir mit der Hand umspannen und mit einem Blick
überschauen können, und es drängt sich die Frage auf: hat die grössere
Ausdehnung unseres Körpers in Raum und Zeit wirklich soviel Einfluss auf
die geheimen Pläne der Natur, die wir im Bienenstock mit seiner kurzen,
nach Tagen zählenden Geschichte zu erforschen suchen, wie in unserer
grossen Menschheitsgeschichte, wo drei Geschlechter ein ganzes
Jahrhundert ausfüllen.
* * * * *
Nehmen wir die Geschichte unseres Bienenstockes also wieder auf, wo wir
sie fallen gelassen hatten, und versuchen wir eine der Falten des
geheimnisvollen Vorhanges zu lüften, von dem jene seltsame Ausschwitzung
herabzuträufen beginnt, die fast so weiss ist wie Schnee und leichter
als Daunenfedern. Denn das Wachs ist im Augenblick seiner Entstehung
anders als in dem allbekannten Zustand, in dem wir es finden; es ist
fleckenlos und leicht wie Luft; es scheint wirklich die Seele des Honigs
zu sein, der seinerseits wieder der Geist der Blumen ist, und wird durch
eine regungslose Beschwörung hervorgezaubert, um späterhin in unseren
Händen, gewiss im Angedenken an seinen Ursprung, in dem so viel
Himmelsbläue, soviel keuscher und segenspendender Wohlgeruch liegt, zur
duftenden Kerze unserer Totenbahre zu werden.
* * * * *
Es ist sehr schwer, die verschiedenen Phasen der Wachsbildung und des
Wachsbaues bei einem Volke, das zu bauen beginnt, zu verfolgen. Es
vollzieht sich alles in der Enge des Schwarmes, der sich immer dichter
zusammenschliesst, um die zu seiner Ausschwitzung erforderliche
Temperatur zu erzeugen; diese Ausschwitzung selbst ist das Vorrecht der
jüngsten Bienen. Huber, der sie zuerst mit unsäglicher Geduld studiert
hat, nicht ohne bisweilen in ernste Gefahr zu geraten, widmet diesem
Vorgang mehr als 250 spannende, aber notwendigerweise zusammenhangslose
Seiten. Ich, der ich kein technisches Werk schreibe, beschränke mich
darauf, unter gelegentlicher Benutzung seiner trefflichen Beobachtungen
nur das zu berichten, was jeder beobachten kann, wenn er einen Schwarm
in einen mit Glaswänden versehenen Beobachtungskasten einschlägt.
Zunächst muss man gestehen, dass wir noch nicht wissen, durch welchen
chemischen Vorgang der Honig in dem rätselreichen Körper unserer
regungslos dahängenden Bienenketten sich in Wachs umformt. Man kann nur
feststellen, dass nach einer Wartezeit von achtzehn bis zu
vierundzwanzig Stunden und bei einer so hohen Temperatur, dass man
glauben möchte, der Bienenstock glühte innerlich, weisse durchsichtige
Schuppen aus den vier kleinen Taschen auf jeder Seite des Hinterleibes
der Bienen hervortreten.
Sobald die Mehrzahl derer, welche den hängenden Kegel bilden, diese
Elfenbeinblättchen am Hinterleib trägt, sieht man eine von ihnen, als ob
sie einer plötzlichen Erleuchtung folgte, sich mit einem Male von der
Menge ihrer Schwestern ablösen, über die ruhig dahängende Masse
hinwegklettern und den höchsten Punkt der inneren Kuppel erklimmen. Hier
angekommen, hängt sie sich fest auf, indem sie die Nachbarinnen, die ihr
in ihren Bewegungen hinderlich sind, mit dem Kopfe beiseite schiebt.
Dann packt sie mit Füssen und Mund eines der acht Plättchen ihres
Hinterleibes, beschneidet und hobelt es, dehnt und durchkaut es mit
ihrem Speichel, biegt und reckt es, zerdrückt und stellt es wieder her,
wie ein geschickter Tischler, der eine kunstvolle Lade zimmert. Endlich
scheint ihr das durchgekaute Wachs die richtige Form und Haltbarkeit zu
haben, und sie klebt es in der Spitze der Kuppel an: es ist die
Grundsteinlegung der neuen Stadt, oder vielmehr die des Schlusssteins,
denn es handelt sich hier um eine umgekehrte Stadt, die vom Himmel
herabwächst, statt von der Erde empor, wie eine Menschenstadt.
Dies geschehen, klebt sie an den im Leeren hängenden Schlussstein neue
Wachsstückchen, die sie einzeln unter ihren Hornringen hervorzieht,
giebt dem Ganzen die letzte Feile mit der Zunge und den Fühlern, und
verschwindet darauf ebenso plötzlich, wie sie gekommen ist, in der
Menge. Sofort tritt eine andre an ihre Stelle, setzt die Arbeit fort, wo
jene sie liegen gelassen hat, fügt das ihrige hinzu, verbessert, was ihr
mit dem Idealplan des Volkes nicht übereinzustimmen scheint, und
verschwindet dann gleichfalls, während eine dritte, eine vierte und
fünfte ihr unerwartet und plötzlich folgen, keine das Werk vollendend,
aber alle ihr Scherflein zum allgemeinen Wohle beitragend.
* * * * *
Bald hängt ein kleiner, noch ungestalter Wachszipfel von der Decke
herab. Sobald er ihnen die nötige Dicke zu haben scheint, sieht man aus
der hängenden Traube eine andere Biene auftauchen, deren körperliche
Erscheinung von der der ihr vorangegangenen Gründerinnen merklich
absticht. Wenn man die Sicherheit ihres Auftretens und die Erwartung der
sie umgebenden Schwestern sieht, so könnte man meinen, dass es eine
erleuchtete Baumeisterin ist, die den Plan der ersten Zelle, welche die
Lage aller anderen mathematisch nach sich zieht, im Leeren entwirft.
Jedenfalls aber gehört sie zu der Klasse der Steinmetze und Bauleute,
die kein Wachs hervorbringen, sondern das ihnen gelieferte Material nur
bearbeiten. Sie wählt also den Platz für die erste Zelle aus, gräbt eine
Vertiefung in den Wachsblock und zieht das Wachs, das sie aus dem Boden
herausgräbt, nach den Rändern zu aus, die allmählich rings um die Grube
entstehen. Dann lässt sie, ganz wie die Gründerinnen, ihr angefangenes
Werk plötzlich liegen, eine ungeduldige Arbeiterin tritt an ihre Stelle
und führt ihre Arbeit weiter, und eine dritte vollendet sie, während
andere rechts und links davon nach derselben Methode der
Arbeitsunterbrechung und Fortsetzung den Rest der Wachsfläche und die
andere Seite der Wachswand bearbeiten. Man möchte sagen, dass ein
wesentliches Gesetz des Bienenstaates den Arbeitsstolz verteilt und dass
jedes Werk gemeinsam und namenlos sein muss, um desto brüderlicher zu
sein.
* * * * *
Bald lässt sich die werdende Wabe erkennen. Sie ist einstweilen noch
linsenförmig, denn die kleinen prismatischen Wachsröhren, aus denen sie
besteht, sind ungleich lang und nehmen in regelmässiger Verjüngung von
der Mitte nach den Enden zu ab. Sie hat jetzt fast das Aussehen und die
Stärke einer menschlichen Zunge, die auf ihren beiden Breitseiten aus
sechseckigen, mit den Seiten aneinander stossenden und mit den Böden
sich berührenden Zellen besteht.
Sobald die ersten Zellen fertig sind, heften die Gründerinnen einen
zweiten, dann einen dritten und vierten Wachsblock an die Wölbung an,
und zwar mit regelmässigen, wohl berechneten Zwischenräumen, sodass,
wenn die Tafeln ihre volle Stärke erreichen, was allerdings erst viel
später eintritt, die Bienen immer Platz genug behalten, um zwischen den
Parallelwänden durchzugehen.
Sie müssen also einen bestimmten Plan vor Augen haben, in dem die
endgiltige Stärke jeder Tafel (22 bis 23 mm) vorgesehen ist, desgleichen
die Breite der trennenden Strassen, die etwa 11 mm betragen muss, d. h.
die doppelte Höhe einer Biene, denn sie müssen zwischen den Tafeln
Rücken an Rücken an einander vorüber.
Übrigens sind sie nicht unfehlbar, und ihre Sicherheit hat nichts
mechanisches. Unter schwierigen Verhältnissen machen sie manchmal recht
bedeutende Fehler. Bisweilen ist zuviel Zwischenraum zwischen den
Tafeln, oft auch zu wenig. Sie suchen dem später abzuhelfen, so gut es
geht, sei es, dass sie die zu eng herangerückte Tafel schräg weiter
führen, oder in den zu grossen Zwischenraum eine Zwischenwabe einbauen.
»Bisweilen geschieht es, dass sie sich täuschen«, sagt Réaumur in
Hinblick hierauf, »und gerade das scheint zu beweisen, dass sie
urteilen«.
* * * * *
Wie bekannt, bauen die Bienen viererlei Zellen. Erstens die
Königinnenzellen von ungewöhnlicher Bauart, wie Eicheln aussehend,
zweitens die geräumigen Zellen zur Aufziehung der Drohnen und zum
Aufspeichern von Vorräten in der Haupttrachtzeit, ferner die kleinen
Zellen, die zur Erziehung der Arbeitsbienen und als gewöhnliche Speicher
dienen und unter normalen Verhältnissen acht Zehntel des Baues
einnehmen, und endlich, um zwischen den grossen und kleinen Zellen eine
ordnungsmässige Verbindung herzustellen, eine Zahl von Übergangszellen.
Abgesehen von der unvermeidlichen Unregelmässigkeit der letzteren, sind
die Dimensionen des zweiten und dritten Typus so gut berechnet, dass
Réaumur, als das Dezimalsystem festgesetzt wurde und man in der Natur
nach einem festen Maasse suchte, das zum unumstösslichen Normalmaass
erhoben werden konnte, die Bienenzelle vorschlug.[6]
Jede dieser Zellen bildet eine sechseckige Röhre mit pyramidaler Basis,
und jede Wabe besteht aus zwei Schichten dieser Röhren, die mit der
Basis gegen einander liegen, und zwar derart, dass jeder der drei
Rhomben, welche die pyramidale Basis einer Zelle der Vorderseite bilden,
auch drei Zellen der Rückseite zur Basis dient.
In diese prismatischen Röhren wird der Honig eingetragen. Um zu
vermeiden, dass er in der Zeit des Ausreifens herausfliesst, was
unvermeidlich eintreten würde, wenn sie, wie es den Anschein hat, genau
horizontal lägen, geben die Bienen ihnen ein leichtes Gefälle von vier
bis fünf Winkelgraden.
»Ausser der Wachsersparnis«, sagt Réaumur im Hinblick auf das
Gesamtgefüge dieses Wunderbaus, »ausser der Wachsersparnis, die durch
die Anordnung der Zellen erreicht wird, und abgesehen davon, dass die
Bienen mit Hilfe dieser Anordnung die ganzen Tafeln anfüllen, ohne eine
Lücke zu lassen, führt dieselbe auch zu einer grösseren Haltbarkeit des
Baues. Der Bodenwinkel jeder Zelle, die Spitze der pyramidenförmigen
Vertiefung, findet ein Widerlager in der Spitze zweier Ecken des
Sechsecks einer andern Zelle. Die beiden Dreiecke oder Fortsetzungen der
hexagonalen Seitenwände, die einen der ausspringenden Winkel der von den
drei Rhomben begrenzten Vertiefung ausfüllen, bilden mit einander einen
Flächenwinkel an ihrer Berührungsseite; jeder dieser Winkel, der im
Innern der Zelle konkav ist, stützt mit seiner konvexen Kante eine der
Kanten des Sechsecks einer anderen Zelle, und diese Kante übt ihrerseits
wieder einen Gegendruck, ohne den der Winkel nach aussen getrieben
würde; derart sind alle Kanten verstärkt. Alles, was man von der
Haltbarkeit jeder einzelnen Zelle verlangen könnte, wird somit durch die
Form der Zellen sowohl, wie durch die wechselseitige Anordnung derselben
erreicht.«
»Die Mathematiker«, sagt Dr. Reid, »wissen, dass es nur drei Arten von
Figuren giebt, um eine Fläche in kleine Teile von regelmässiger Form und
gleicher Grösse ohne Zwischenraum zu teilen. Es sind dies: das
gleichseitige Dreieck, das Quadrat und das gleichseitige Sechseck, das
in Hinsicht auf die Bauart der Zellen vor den beiden anderen Figuren
durch grössere Bequemlichkeit und Widerstandskraft den Vorrang verdient.
Desgleichen besteht der Zellenboden aus drei in der Mitte
zusammenstossenden Flächen, und es ist bewiesen worden, dass diese
Bauart eine beträchtliche Arbeits- und Materialersparnis mit sich
bringt. Es war auch die Frage, welcher Neigungswinkel der Flächen zu
einander der grössten Ersparnis entspricht, ein Problem der höheren
Mathematik, das von einigen Gelehrten, u. a. Maclaurin S., gelöst worden
ist, man findet die Lösung dieses Gelehrten in den Berichten der
königlichen Gesellschaft zu London.[7] Nun aber entspricht der derart
errechnete Winkel dem Bodenwinkel der Bienenzellen.«
* * * * *
Gewiss, ich glaube es nicht, dass die Bienen diese komplizierten
Berechnungen angestellt haben, aber ich glaube ebensowenig, dass der
blosse Zufall oder die Gewalt der Dinge zu so erstaunlichen Resultaten
führen. Für die Wespen, welche ebenfalls Tafeln mit sechseckigen Zellen
bauen, war das Problem dasselbe, und sie haben es doch auf weit weniger
sinnreiche Art gelöst. Ihre Zellen sind nur einfach gelagert und
besitzen somit keinen gemeinsamen Boden, wie die doppelseitige
Bienenwabe. Daher besitzen sie auch weniger Haltbarkeit und
Regelmässigkeit und verursachen einen Zeit-, Raum- und Materialverlust,
der etwa ein Viertel der unumgänglichen Arbeit und ein Drittel des
notwendigen Raumes darstellt. Desgleichen bauen die Trigonen und
Meliponen, die wirkliche Hausbienen sind, doch auf einer niedrigeren
Kulturstufe stehen, ihre Zellen nur ein Stockwerk hoch und verbinden die
horizontalen, über einander liegenden Stockwerke durch unförmige,
zeitraubende Wachssäulen. Ihre Vorratszellen oder »Honigtöpfe« sind
grosse, regellos neben einander sitzende Schläuche und werden von den
Meliponen, jeder Raum- und Materialersparnis zum Trotze, zwischen die
Tafeln des regulären Wachsbaues eingeschoben. Und so machen denn ihre
Nester, im Vergleich zu der mathematisch gebauten Stadt unserer
Hausbienen, den Eindruck eines Marktfleckens von primitiven Hütten neben
einer jener unerbittlich regelmässigen Städte, die das vielleicht
reizlose, aber der menschlichen Logik mehr entsprechende Resultat eines
immer härter gewordenen Kampfes gegen Zeit, Raum und Materie sind.
Nach einer landläufigen, übrigens von Buffon wieder aufgewärmten Theorie
sollen die Bienen gar nicht die Absicht haben, sechseckige Cylinder mit
pyramidaler Basis zu bauen; sie wollen nur runde Zellen in das Wachs
eingraben, aber ihre Nachbarinnen und die auf der anderen Seite der
Tafel arbeitenden graben zu gleicher Zeit mit der gleichen Absicht die
gleichen Zellen, und folglich nehmen diese an den Berührungsstellen
notwendigerweise eine sechseckige Form an. Dasselbe, sagt man, findet
bei den Krystallen, den Schuppen gewisser Fische, den Seifenblasen u. s.
w. statt. Es findet gleichfalls bei folgendem, von Buffon
vorgeschlagenem Experiment statt. »Man fülle«, sagt er, »ein Gefäss mit
Erbsen oder einer anderen, cylindrischen Hülsenfrucht, giesse soviel
Wasser hinein, als zwischen den Körnern Platz ist, schliesse es und
lasse es kochen. Alle diese cylindrischen Körner werden zu sechsseitigen
Säulen werden. Der Grund ist leicht ersichtlich, er ist rein
mechanischer Natur. Jedes Korn von cylindrischer Form hat beim
Aufquellen die Tendenz, sich in einem gegebenen Raume so weit wie
möglich auszudehnen; sie werden durch den wechselseitigen Druck also
notwendiger Weise sämtlich sechseckig. Ebenso sucht jede Biene in einem
gegebenen Raume soviel Platz wie möglich zu erlangen, und da der Körper
der Bienen cylindrisch ist, so _müssen_ ihre Zellen ebenfalls
sechsseitig werden, eben infolge des wechselseitigen Widerstandes.« --
* * * * *
In der That sind dies wechselseitige Widerstände von wunderbarer
Wirkung, ebenso wie die Laster der einzelnen Menschen eine gemeinsame
Tugend hervorbringen, die genügt, um der menschlichen Gattung, die in
ihrem Individuum oft hassenswert ist, jedes Odium zu nehmen. Zunächst
könnte man mit Brougham, Kirby, Spence u. a. Gelehrten antworten, dass
das Experiment mit den Seifenblasen und Erbsen nichts beweist, denn in
beiden Fällen führt der wechselseitige Druck nur zu ganz unregelmässigen
Formen und erklärt jedenfalls nicht die Ursache des prismatischen
Zellenbodens. Vor allem aber könnte man entgegnen, dass es mehr als eine
Art giebt, aus den blinden Notwendigkeiten sein Teil zu ziehen. Z. B.
kommen die Papierwespen, die Erdhummeln, die Meliponen und Trigonen
Mexikos und Brasiliens bei gleichen Umständen und gleichem Zweck zu ganz
anderen und offenbar minderwertigen Ergebnissen. Endlich könnte man
sagen, dass die Bienenzellen, wenn sie den Gesetzen der Krystalle, des
Schnees, der Seifenblasen und der gekochten Erbsen Buffons unterworfen
sind, durch ihre allgemeine Symmetrie, ihre Anordnung in doppelseitigen
Waben, ihre berechnete Neigung u. s. w. gleichzeitig noch vielen anderen
Gesetzen gehorchen, welche die tote Materie nicht kennt.
Man könnte schliesslich noch hinzufügen, dass der menschliche Geist sich
auch in der Form befindet, in der er aus den gleichen Notwendigkeiten
sein Teil zieht, und dass uns diese Form nur darum als die bestmögliche
erscheint, weil wir keinen Beurteiler über uns haben. Aber es ist
besser, die Thatsachen selbst reden zu lassen, denn um einer Einwendung
zu begegnen, die aus einem Experiment gezogen ist, giebt es nur ein
Mittel: ein Gegenexperiment.
Um mich also zu vergewissern, dass der sechsseitige Bau der Zellen
wirklich in den Geist der Bienen eingeschrieben ist, habe ich eines
Tages aus der Mitte einer Wabe, und zwar an einer Stelle, wo sich
Brutzellen und Honigbau befanden, ein rundes Stück von der Grösse eines
Fünffrankenstücks herausgeschnitten. Nachdem ich dieses Stück in der
Mitte durchgeteilt hatte, wo die pyramidalen Zellenböden aneinander
stossen, legte ich auf die Schnittfläche der einen Hälfte ein
Zinnblättchen von demselben Umfange und stark genug, dass die Bienen es
nicht verbiegen konnten. Dann setzte ich den Ausschnitt wieder ein. Die
eine Wabenseite war also ganz normal, da der Schaden derart repariert
war, die andre dagegen enthielt ein grosses Loch, dessen Boden aus einer
Zinnscheibe bestand, und in dem etwa dreissig Zellen fehlten. Die Bienen
waren zunächst ganz verblüfft, kamen massenhaft herbei, um den
unglaublichen Abgrund zu prüfen und zu erforschen, und liefen mehrere
Tage ratlos herum, ohne zu einem Entschluss kommen zu können. Da ich sie
aber jeden Abend stark fütterte, kam schliesslich ein Augenblick, wo sie
keine Zellen mehr frei hatten, um ihre Vorräte zu bergen. Wahrscheinlich
erhielten die grossen Baumeister, die Steinmetze und Wachszieherinnen
nun Befehl, den unnützen Abgrund nutzbar zu machen. Eine dicke Kette von
Wachsbereiterinnen bildete sich um das Loch, um die nötige Wärme zu
erzeugen, andere kletterten hinein und begannen die Metallscheibe mit
kleinen Wachsleisten in regelmässigen Abständen ringsherum an den Ecken
der angrenzenden Zellen zu befestigen. Dann gingen sie an die Errichtung
von drei oder vier Zellen in dem oberen Halbkreise der Scheibe, und zwar
im Anschluss an die kleinen Leisten. Jede dieser Übergangszellen war am
äusseren Rande mehr oder weniger unregelmässig gebaut, um sich dem
ursprünglichen Bau anzuschliessen, aber die untere Hälfte bildete auf
der Zinnscheibe stets drei genau abgezirkelte Winkel, und es entstanden
bereits drei kleine gerade Linien, welche die erste Hälfte der nächsten
Zelle andeuteten.
Nach 48 Stunden war die ganze Zinnscheibe mit angefangenen Zellen
bedeckt, obschon höchstens drei Bienen in der engen Öffnung bauen
konnten. Die Zellen waren zwar unregelmässiger, als bei gewöhnlichem
Bau, und die Königin hütete sich wohl, als sie dieselben untersucht
hatte, sie zu »bestiften«, denn die Brut, die daraus entstanden wäre,
würde sehr unregelmässig ausgefallen sein. Aber sie waren alle
vollständig sechseckig, ohne eine krumme Linie, eine abgerundete Ecke,
wiewohl alle gewöhnlichen Voraussetzungen verändert waren. Die Zellen
waren nicht, wie bei Hubers Beobachtung, in einen Wachsblock
eingegraben, noch, wie nach Darwins Beobachtung, in einem Wachszipfel
angelegt, erst kreisförmig und dann durch den Gegendruck derer
Nachbarzellen sechseckig. Es war keine Rede von wechselseitigen
Widerständen, denn sie entstanden eine nach der andern und ihre kleinen
Anfangslinien entstanden frei auf eine Art von tabula rasa. Es scheint
also festzustehen, dass das Sechseck nicht das Resultat mechanischen
Druckes ist, sondern vielmehr der Absicht und Erfahrung, der Intelligenz
und dem Willen der Bienen entspringt. Nebenbei gesagt, beobachtete ich
noch einen anderen merkwürdigen Zug ihres Scharfsinns: die auf die
Metallscheibe gebauten Zellen hatten keinen Wachsboden. Die Baumeister
des Volkes hatten also augenscheinlich festgestellt, dass das Zinn stark
genug war, um Flüssigkeiten abzudämmen, und darum hatten sie es nicht
für nötig erachtet, es mit Wachs zu überziehen. Doch als kurz darauf ein
paar Honigtropfen in zwei dieser Zellen gebracht wurden, bemerkten sie
wahrscheinlich, dass sich der Honig bei Berührung mit dem Metall mehr
oder weniger veränderte. Sie liessen sich dies also gesagt sein und
überzogen die ganze Zinnfläche mit Wachs.
* * * * *
Wollten wir alle die Geheimnisse dieser geometrischen Bauweise ans Licht
ziehen, so müssten wir mehr als eine seltsame Frage erörtern, z. B. die
Form der ersten, an das Dach des Bienenstockes angehefteten Zellen,
welche so gebaut sind, dass sie dieses Dach an möglichst vielen Stellen
berühren.
Man müsste auch sein Augenmerk nicht sowohl auf die Anlage der grossen
Strassen lenken, die durch den Parallelismus der Waben bedingt wird, als
vielmehr auf die Verteilung der Gassen und Durchgänge, die hin und
wieder durch die Tafeln hindurch oder um sie herum ausgespart sind, um
den Verkehr zu erleichtern und Luftwege zu schaffen, und die durch ihre
geschickte Anlage sowohl grosse Umwege wie zu grosses Gedränge
verhindern.
Endlich müsste man die Bauart der Übergangszellen und die wunderbare
Einmütigkeit studieren, mit der die Bienen ihre Zellen in einem
gegebenen Augenblick erweitern, sei es, dass die Ernte besonders
ergiebig ausfällt und grössere Gefässe erheischt, sei es, dass sie die
Volkszahl für stark genug halten oder die Aufziehung von Drohnen
notwendig wird. Zugleich müsste man die kluge Sparsamkeit und
harmonische Sicherheit bewundern, mit der sie in solchen Fällen von den
kleinen Zellen zu grossen und von den grossen zu kleinen, von der
vollendeten Symmetrie zu einer unvermeidlich unsymmetrischen Bauart
übergehen, um alsbald, wenn die Gesetze ihrer lebendigen Mathematik es
erlauben, zur idealen Regel zurückzukehren, ohne eine Zelle zu
verlieren, ohne in der Flucht ihrer Bauten ein aufgegebenes, kindliches,
unreifes und barbarisches Stadtviertel, einen unbrauchbaren Bezirk zu
hinterlassen. Aber ich fürchte, ich habe mich schon in viele belanglose
Einzelheiten verloren, wenigstens sind sie belanglos für einen Leser,
der vielleicht nie mit eigenen Augen einen Bienenschwarm gesehen hat
oder sich nur im Vorbeigehen dafür interessiert, wie wir im Vorbeigehen
an einer Blume, einem Vogel, einem seltenen Steine Gefallen finden, ohne
etwas anderes zu verlangen, als eine kleine, oberflächliche Gewissheit,
und ohne uns genugsam zu sagen, dass das geringste Geheimnis eines
Dinges, das wir in der aussermenschlichen Natur erblicken, an dem tiefen
Rätsel unseres Ursprunges und Zweckes vielleicht einen unmittelbareren
Anteil hat, als das Geheimnis unserer glühendsten und mit besonderer
Vorliebe erforschten Leidenschaften.
* * * * *
Um diese Studie nicht unnötig zu beschweren, übergehe ich auch die
erstaunliche Thatsache, dass die Bienen die Ränder ihrer Waben bisweilen
abtragen und zerstören, wenn sie dieselben erweitern oder verlängern
wollen. Man wird mir freilich zugeben, dass zerstören, um neu zu bauen,
vernichten, was man geschaffen hat, um es noch einmal und zwar
regelmässiger zu machen, eine eigentümliche Spaltung des blinden
Instinkts voraussetzt. Ich übergehe ferner einige bemerkenswerte
Experimente, bei denen man sie zwingen kann, ihre Waben kreisförmig,
oval oder in ganz bizarren Formen anzulegen; ebenso will ich nicht
weiter erörtern, auf welche sinnreiche Weise sie es fertig bringen, dass
die erweiterten Zellen der konvexen Seite mit denen der konkaven Seite
der Tafel übereinstimmen. Nur möchte ich, ehe ich diesen Gegenstand
verlasse, einen Augenblick dabei verweilen, auf welche geheimnisvolle
Weise sie ihre Arbeit in Einklang setzen und ihre Massregeln ergreifen,
wenn sie zu gleicher Zeit und ohne sich zu sehen, auf beiden Seiten
einer Tafel arbeiten. Man halte eine dieser Tafeln gegen das Licht, und
man wird aus dem durchsichtigen Wachs ein ganzes Netz von Prismen mit
haarscharfen Spitzen und Kanten, ein ganzes System von Konstruktionen
mit scharfen Schattenlinien hervortreten sehen, die so sicher geführt
sind, als wären sie in Stahl geätzt.
Ich weiss nicht, ob sich jemand, der nie einen Blick in das Innere eines
Bienenstockes geworfen hat, die Anordnung und das Aussehen der Waben
richtig vorstellen kann. Man denke sich also, um den bäurischen
Bienenstock zu nehmen, in dem die Biene sich völlig selbst überlassen
ist, einen Stroh- oder Weidenkorb. Dieser Korb ist von oben bis unten in
fünf, sechs, acht, bisweilen auch zehn genau parallele Wachstafeln
geteilt, die wie grosse durchgeschnittene Brote aussehen und sich von
der Spitze des Bienenstockes bis auf den Boden herab ziehen, indem sie
sich der ovalen Form seiner Wände genau anschmiegen. Zwischen je zwei
dieser Tafeln ist ein Raum von einer Zellenhöhe ausgespart, in dem die
Bienen sich aufhalten und gehen. In dem Augenblicke, wo oben in der
Spitze des Bienenstockes mit dem Bau einer dieser Tafeln begonnen wird,
ist die angefangene Wachswand, die später ausgezogen und verdünnt wird,
noch sehr stark und trennt die fünfzig oder sechzig Bienen, die auf der
Vorderseite arbeiten, vollständig von den ebensovielen Bienen, die die
Rückwand ausmeisseln, sodass sie sich gegenseitig nicht sehen können,
vorausgesetzt, dass ihre Augen nicht die Gabe haben, die dunkelsten
Körper zu durchdringen. Nichtsdestoweniger gräbt keine Biene der
Vorderseite ein Loch oder klebt ein Wachsstück an, das nicht einer Aus-
oder Einbuchtung auf der anderen Seite entspräche und umgekehrt. Wie
fangen sie das an? Wie kommt es, dass die eine nicht zu tief und die
andere nicht zu flach gräbt? Wie kommt es, dass alle Winkel der Rhomben
stets so wunderbar zusammentreffen? Wer sagt ihnen, hier anzufangen und
dort aufzuhören? Wir müssen uns wieder einmal mit der Antwort begnügen,
die keine Antwort ist: »Das ist ein Mysterium des Bienenstocks.« Huber
hat versucht, dieses Geheimnis zu erklären; er hat gesagt, sie riefen
durch den Druck ihrer Füsse oder ihrer Zähne in gewissen Abständen
leichte Ausbuchtungen auf der entgegengesetzten Seite hervor, oder sie
überzeugten sich von der grösseren oder geringeren Stärke der Wachswand
durch den Grad der Biegsamkeit, Elastizität oder einer anderen
physischen Eigenschaft des Wachses, oder auch, ihre Fühler schienen zur
Untersuchung der zartesten, fernsten Umrisse gemacht und dienten ihnen
zum Kompass im Unsichtbaren, oder endlich, die Lage aller Zellen ergäbe
sich mit mathematischer Genauigkeit aus Anlage und Grössenverhältnissen
der obersten Zellen, ohne dass es anderweitiger Maassnahmen bedürfte.
Aber diese Erklärungen sind, wie man sieht, unzulänglich. Die ersteren
sind unbeweisbare Hypothesen, und die anderen geben dem Mysterium nur
einen anderen Namen. Und wenn es auch gut ist, mit den Mysterien so oft
wie möglich einen Namens- und Ortswechsel vorzunehmen, so darf man sich
doch nicht dem Irrglauben hingeben, dass solch ein Ortswechsel
hinreichte, um sie zu zerstören.
* * * * *
Verlassen wir endlich die eintönigen Tafeln und die geometrische Einöde
der Zellen. Hier sind fertige Waben, die bewohnt werden können. Wenn
auch nur verschwindend Kleines sich zu verschwindend Kleinem fügt, ohne
scheinbare Aussicht auf Fortschritt, und unser Auge, das so wenig sieht,
hinblickt, ohne etwas zu sehen, so bleibt der Wachsbau doch keinen
Augenblick stehen, weder bei Tage noch bei Nacht, vielmehr wächst er mit
ausserordentlicher Geschwindigkeit. Mehr als einmal ist die Königin
schon durch das Dunkel der wachsbleichen Werkstätten gelaufen, und
sobald die ersten Reihen der künftigen Wohnung entstanden sind, ergreift
sie von ihnen Besitz, und mit ihr das Gefolge ihrer Leibwache, ihrer
Beraterinnen und Mägde, denn man kann nicht sagen, ob sie geführt oder
begleitet, verehrt oder überwacht wird. An der Stelle angekommen, die
sie für geeignet hält oder die ihre Ratgeberinnen ihr bezeichnen, krümmt
sie den Rücken, beugt sich zurück und führt das Ende ihres langen,
spindelförmigen Hinterleibes in eine der Zellen ein, während all die
kleinen aufmerksamen Köpfe mit den grossen schwarzen Augen sie
begeistert umringen, ihr die Beine stützen, die Flügel streicheln und
mit ihren fiebernden Fühlern über sie hintasten, wie um sie zu
ermutigen, zu drängen und zu beglückwünschen.
Die Stelle, an der sie sitzt, erkennt man leicht; sie bildet in jener
gestirnten Kokarde, oder besser in jener ovalen Brosche, die den
mächtigen Broschen unserer Grossmütter ähnelt, den Mittelstein. Es ist
nämlich bemerkenswert, da sich die Gelegenheit, es zu bemerken, hier
bietet, dass die Arbeitsbienen ihrer Königin niemals den Rücken
zudrehen. Sobald sie einer Gruppe naht, stellen sich alle mit den Augen
und Fühlern gegen sie und gehen rückwärts vor ihr. Es ist dies ein
Zeichen von Ehrfurcht oder vielleicht von Besorgnis, die, so grundlos
sie hier auch scheinen mag, nichtsdestoweniger immer rege und ganz
allgemein ist. Kommen wir indes auf unsere Königin zurück.
Oft geschieht es bei dem leichten Krampf, der das Eierlegen sichtbar
begleitet, dass eine ihrer Töchter sie in ihre Arme schliesst und Stirn
an Stirn, Mund an Mund, mit ihr zu flüstern scheint. Sie bleibt diesen
etwas überschwenglichen Liebesbezeugungen gegenüber jedoch ziemlich
gleichgiltig; sie regt sich nie auf, nimmt sich stets Zeit und geht ganz
in ihrem Berufe auf, der für sie mehr eine Liebeswonne als eine Arbeit
zu sein scheint. Endlich, nach Verlauf einiger Sekunden, richtet sie
sich ruhig wieder auf, macht einen Schritt zur Seite, dreht sich etwas
um und steckt den Kopf in die Nebenzelle, um sich, bevor sie den
Hinterleib in diese einführt, zu überzeugen, ob alles in Ordnung ist und
ob sie dieselbe Zelle nicht zweimal bestiftet, während zwei oder drei
Bienen aus ihrem Gefolge schnell nacheinander in die von ihr verlassene
Zelle stürzen, um nachzusehen, ob das Werk vollbracht ist, und das
kleine bläuliche Ei, das sie auf den Boden gesetzt hat, mit ihrer
Fürsorge zu umgeben oder richtig hinzustellen.
Von nun an rastet sie bis zu den ersten Herbstfrösten nicht mehr im
Eierlegen; sie legt, während sie gefüttert wird, und schläft, wenn sie
schläft, im Legen. Sie ist fortan die Verkörperung jener alles
verschlingenden Macht, die jeden Winkel des Stockes ergreift: der
Zukunft. Schritt für Schritt folgt sie den unglücklichen Arbeitsbienen,
die sich im Bauen der Wiegen erschöpfen, welche ihre Fruchtbarkeit
heischt. Man kann auf diese Weise einem Wettkampfe zweier mächtiger
Instinkte folgen, dessen Ausgang auf verschiedene Wunder des
Bienenstockes genug Licht wirft, nicht um sie zu erklären, wohl aber, um
auf sie hinzuweisen.
Es kommt z. B. vor, dass die Arbeitsbienen in ihrer treuen
Hausfrauenfürsorge, die sie Vorräte für schlechte Zeiten aufspeichern
heisst, einen Vorsprung gewinnen, indem sie die Zellen, die sie der
Habsucht der Gattung abgerungen haben, in aller Eile mit Honig füllen.
Aber die Königin kommt herbei; die materiellen Güter müssen dem Gedanken
der Art weichen, und die Arbeitsbienen schaffen den lästigen Schatz
voller Verzweiflung hastig bei Seite.
Es kommt auch vor, dass ihr Vorsprung eine ganze Wabe beträgt: dann
haben sie das Symbol der Tyrannei einer Zukunft, die keine von ihnen je
erblicken wird, nicht mehr vor Augen und bauen, sich dies zu Nutze
machend, so schnell wie möglich eine Reihe von grossen, sogenannten
Drohnenzellen, die viel leichter und schneller zu errichten sind. In
dieser undankbaren Zone angelangt, bestiftet die Königin hie und da
nicht ohne Widerwillen eine Zelle, überschlägt die meisten anderen und
fordert, am Ende angelangt, neue Arbeitsbienenzellen. Die Arbeitsbienen
gehorchen, verengern die Zellen allmählich und die unersättliche Mutter
setzt ihren Rundgang fort, bis sie von den Enden des Bienenstockes
wieder zu den ersten Zellen gelangt ist, die in der Zwischenzeit von der
eben auskriechenden ersten Generation besetzt waren, welche sich aus
ihrem dunklen Geburtswinkel soeben über die Blumen der Umgegend
ergiesst, die Sonnenstrahlen bevölkert und die schönsten Stunden des
Jahres belebt, um sich ihrerseits wieder dem nachfolgenden Geschlechte
zu opfern, das sie in ihren Wiegen schon ablöst.
* * * * *
Und die Bienenkönigin, wem gehorcht die? Der Nahrung, die ihr gegeben
wird, denn sie ernährt sich nicht selbst, sie wird wie ein Kind von eben
den Arbeitsbienen gefüttert, die ihre Fruchtbarkeit erschöpft. Und diese
Nahrung wiederum, die ihr die Arbeitsbienen zuteilen, hängt von dem
Blumenreichtum und den Ergebnissen der Trachtzeit ab. Auch hier also,
wie überall auf Erden, ist ein Teil des Kreises in Finsternis getaucht;
auch hier, wie überall, kommt der höchste Befehl von aussen, von einer
unbekannten Macht, und die Bienen gehorchen gleich uns dem namenlosen
Herrn des aus sich rollenden Rades, das die es bewegenden Willenskräfte
zermalmt.
Als ich einem Freunde kürzlich in einem meiner Beobachtungskästen die
Bewegung dieses Rades zeigte, die so sichtbar ist, wie die einer grossen
Wanduhr, als er die Unruhe und das zahllose Hin und Her auf den Waben,
das beständige, rätselhafte, tolle Beben und Zittern der Pflegerinnen
auf dem Brutnest, die lebenden Gänge und Leitern, welche die
Wachszieherinnen bilden, die alles befruchtenden Spiralen der Königin,
das mannigfaltige, unaufhörliche Schaffen des Schwarmes, die
erbarmungslose und vergebliche Arbeit, den verzehrenden Eifer im Gehen
und Kommen, das Fehlen jedes Schlafes, ausser in den Wiegen, welche von
Arbeit umringt sind, ja selbst das Fernbleiben des Todes von einem Orte,
der weder Krankheit noch Gräber zulässt -- als er dies alles sah, da
wandte er nach dem ersten Staunen die Augen ab und ich las darin Trübsal
und Schauder.
In der That steht im Bienenstock hinter dem fröhlichen Eindruck des
ersten Anblicks, hinter den leuchtenden Erinnerungen der schönen Tage,
die ihn erfüllen und zur Juwelenlade des Sommers machen, hinter dem
trunkenen Hin und Her, das ihn mit den Blumen, den Wasserbächen und dem
blauen Himmel, mit dem friedlichen Überfluss aller schönen und
glücklichen Dinge verknüpft -- hinter all diesen äusseren Wonnen
verbirgt sich in der That ein Schauspiel, das zu dem Traurigsten gehört,
was man sehen kann. Und wir Blinde, die wir nur blöde Augen öffnen, wenn
wir diese unschuldig Verurteilten ansehen, wir wissen wohl, dass es
nicht sie allein sind, die wir zu sehen uns bemühen, dass es nicht sie
allein sind, die wir nicht verstehen, sondern nur eine traurige Gestalt
jener grossen Kraft, die auch uns beseelt.
Ja, wenn man will, so ist dies traurig, wie alles in der Natur, wenn man
näher zusieht. Und es wird so lange traurig sein, solange wir ihr
Geheimnis nicht wissen, noch ob sie eines hat. Und wenn wir eines Tages
erfahren, dass sie keines hat oder dass dies Geheimnis schauerlich ist,
dann werden andere Pflichten zu Tage treten, die vielleicht noch
namenlos sind. Inzwischen möge unser Herz sich sagen, wenn ihm danach
gelüstet: »Das ist traurig«, aber unsere Vernunft möge sich begnügen, zu
sagen: »Das ist so«. Unsere Pflicht ist zu dieser Stunde, danach zu
suchen, ob hinter diesem Traurigen nichts anderes liegt, und darum soll
man die Augen nicht davon abwenden, sondern es fest anschauen und mit so
viel Mut und Teilnahme erforschen, als wäre es etwas Freudiges. Es
gebührt sich, die Natur zu befragen, ehe wir sie verurteilen und uns
beklagen. --
* * * * *
Wir haben gesehen, dass die Arbeitsbienen, sobald sie durch die
bedrohliche Fruchtbarkeit der Mutter nicht mehr gedrängt werden,
Vorratszellen anlegen, die sich mit geringeren Mitteln bauen lassen und
mehr Fassungsvermögen haben, als die Arbeitsbienenzellen. Wir haben
andererseits gesehen, dass die Königin lieber die kleinen Zellen
bestiftet und unaufhörlich nach solchen verlangt. Nichtsdestoweniger
schickt sie sich, wenn keine da sind, in die Verhältnisse und legt in
Erwartung neu zu erbauender Arbeitsbienenzellen ihre Eier auch in die
grossen Zellen, die sie auf ihrem Wege findet.
Die Bienen, die aus ihnen hervorgehen, sind männliche Bienen oder
Drohnen, wiewohl die Eier genau ebenso aussehen, wie die der
Arbeitsbienen. Nun aber ist im Gegensatz zur Verwandlung einer
Arbeitsbiene in eine Königin, nicht die Form und der grössere Umfang der
Zelle für die Veränderung maassgebend, denn wenn man ein Ei, das in eine
grosse Zelle gelegt ist, in eine kleine Zelle schafft (was schwer zu
bewerkstelligen ist, weil das Ei sehr klein und verletzlich ist, so dass
mir diese Umquartierung nur vier- oder fünfmal geglückt ist), so geht
daraus ein mehr oder minder schmächtiges, aber unverkennbares Männchen
hervor. -- Die Königin muss beim Eierlegen also das Vermögen haben, das
Geschlecht des Eies zu erkennen oder zu bestimmen und der Grösse der
Zelle, über der sie niederhockt, anzupassen. Es kommt selten vor, dass
sie sich täuscht. Wie geschieht das? Wie ist es möglich, dass sie bei
den tausenden von Eiern, die ihre beiden Eierstöcke enthalten, die
männlichen und weiblichen zu scheiden weiss, und wie gelangen diese nach
ihrem Willen in den gemeinsamen Eileiter?
Wir stehen hier wiederum vor einem der Wunder des Bienenstockes, und
zwar vor einem der unerklärlichsten. Es ist bekannt, dass die
jungfräuliche Königin keineswegs unfruchtbar ist, dass sie hingegen nur
Drohneneier legen kann. Erst nach der Befruchtung des Hochzeitsausfluges
bringt sie Drohnen- _und_ Arbeitsbieneneier zur Welt, und zwar bleibt
sie von dem Hochzeitsausfluge an bis zu ihrem Tode mit den Samenfäden
geschwängert, die sie ihrem unglücklichen Buhlen entreisst. Diese
Samenfäden, deren Zahl Dr. Leuckart auf 25 Millionen schätzt, bleiben in
einer besonderen Samentasche unter den Eierstöcken am Anfang des
gemeinsamen Eileiters bewahrt und halten sich darin lebend. Man nimmt
an, dass die enge Öffnung der kleinen Zellen und die Art, wie die Form
dieser Mündung die Königin zwingt, sich zu bücken und niederzuhocken,
auf die Samenfäden einen gewissen Druck ausübt, so dass dieselben
herausquellen und das Ei im Vorbeigleiten befruchten. Dieser Druck
findet nicht statt bei den grossen Drohnenzellen und die Samentasche
öffnet sich dann nicht. Andere dagegen sind der Meinung, dass die
Königin wirklich Herr der Schliessmuskeln ihrer Samentasche ist, und in
der That sind diese Muskeln ausserordentlich zahlreich, ausgebildet und
mannigfach. Ohne darum entscheiden zu wollen, welche von diesen zwei
Hypothesen die bessere ist -- denn je weiter man geht, desto mehr nimmt
man wahr, je mehr man einsieht, dass man nur ein Schiffbrüchiger auf dem
bisher fast unerforschten Meere der Natur ist, desto besser erkennt man,
dass immer eine Thatsache bereit ist, aus dem Schosse einer plötzlich
durchsichtiger werdenden Welle emporzutauchen und mit einem Schlage
alles zu vernichten, was man zu wissen glaubte -- so kann ich doch nicht
leugnen, dass ich mehr zu der letzteren Annahme hinneige. Denn einmal
beweisen die Experimente eines Bienenvaters aus Bordeaux, Namens Drory,
dass die Königin, auch wenn alles Drohnenwerk aus dem Stocke entfernt
ist, sobald der Augenblick zum Legen von Drohneneiern gekommen ist,
nicht zögert, diese in Arbeitsbienenzellen zu legen, und umgekehrt
Arbeitsbieneneier in Drohnenzellen, wenn man ihr keine anderen übrig
gelassen hat. Ferner geht aus den schönen Beobachtungen von Fabre über
die Mauerbienen (Osmiae), einsame Kunstbienen aus der Familie der
Bauchsammler, zur Genüge hervor, dass die Mauerbiene das Geschlecht des
Eies, das sie legen wird, nicht nur im Voraus kennt; auch die
Geschlechtsbestimmung liegt in der Macht der Mutter, und diese richtet
sich dabei nach dem ihr zu Gebote stehenden Platz, »der oft vom Zufall
abhängig und nicht modificierbar ist«, indem sie hier ein männliches,
dort ein weibliches Ei legt. Ich will auf die Einzelheiten der
Experimente des grossen französischen Entomologen nicht näher eingehen;
sie sind zu verwickelt und würden uns zu weit führen. Aber welche
Hypothese auch zuletzt recht behält, sie würden beide die Vorliebe der
Königin, nur Arbeitsbienenzellen zu »bestiften«, ganz ohne Hineinziehung
der Zukunft erklären.
Es ist dabei nicht ausgeschlossen, dass die Sklavin dieser Zukunft, die
wir zu beklagen geneigt sind, vielleicht eine grosse Liebende, ein
Ausbund von Wollust ist und in der Vereinigung des männlichen und
weiblichen Prinzipes, die sich in ihrem Wesen vollzieht, eine gewisse
Wonne und gleichsam einen Nachgeschmack der Trunkenheit ihres einzigen
Hochzeitsausfluges empfindet. Vielleicht ist die Natur, die nie
sinnreicher, nie hinterlistiger, weitblickender und erfindungsreicher
ist, als wenn sie die Fallen der Liebe stellt, auch hier darauf bedacht
gewesen, das Interesse der Gattung auf eine persönliche Wonne zu
stützen. Aber seien wir vorsichtig und lassen wir uns nicht von unserer
eigenen Erklärung blenden. Der Natur derart einen Gedanken zuschreiben
und wähnen, das sei genug, heisst einen Stein in einen unerforschlichen
Abgrund werfen, wie man ihn im Grunde mancher Höhlen findet, und sich
dabei einbilden, der Schall, den dieser Stein im Fallen verursacht, wird
auf alle unsere Fragen antworten und uns mehr offenbaren, als die
Unermesslichkeit des Abgrundes.
Wenn man nachspricht: die Natur will dies, sie organisiert dieses
Wunder, geht auf diesen Endzweck aus, so kommt das auf dasselbe heraus,
als wenn man sagt: eine kleine Erscheinung des Lebens weiss sich in der
Zeit, in der wir sie beobachten können, auf der ungeheuren Oberfläche
der Materie, die uns leblos erscheint und darum von uns, anscheinend
sehr zu Unrecht, das Nichts oder der Tod genannt wird, zu behaupten.
Ein durchaus nicht notwendiges Zusammentreffen von Umständen liess diese
Erscheinung unter tausend anderen, vielleicht nicht minder sinn- und
belangreichen, sich durchsetzen, während diese nicht die Gunst der
Verhältnisse besassen und auf ewig verschwunden sind, ohne dass wir sie
hätten bestaunen können. Es wäre tollkühn, wollte man mehr sagen, und
alles Übrige, unsere Gedanken und unser hartnäckiger Glaube an Zwecke,
unser Hoffen und unsere Bewunderung ist im Grunde etwas Unbekanntes, das
wir in etwas noch Unbekannteres werfen, um ein kleines Geräusch zu
verursachen, das uns ein Bewusstsein von der höchsten Stufe des
besonderen Daseins giebt, die wir auf dieser stummen und
unerforschlichen Oberfläche erreichen können, wie das Lied der
Nachtigall und der Flug dem Kondor die höchste Stufe des besonderen
Daseins ihrer Art offenbaren. Nichts destoweniger bleibt es eine unserer
unzweifelhaftesten Pflichten, dieses kleine Geräusch hervorzurufen, ohne
uns dadurch entmutigen zu lassen, dass es wahrscheinlich vergeblich ist.