»Ich konnte ihn nicht lieben, wie er es wollte,« sagte sie einfach.
»Ja, ich bin in einer Beziehung sehr unerfahren,« fuhr sie schelmisch
fort; »außer einer kleinen Tanzgesellschaft bei Wredes habe ich noch
nie einen Ball mitgemacht. Aber sind denn Bälle zum Leben nötig?
Dennoch aber sagt mir ein Instinkt: dies hast du zu tun, das zu lassen.
So konnte ich auch nicht Zur-Lindens Frau werden.«
Arno fühlte sein Herz beben. Was er da in den Armen hielt, war ein
Wunder, sein heiliges Wunder! Er hatte es erfaßt, dennoch aber
überwältigte es ihn.
»Kind --« sagte er gepreßt, »ist denn das möglich, ist es denkbar, daß
ein junges Mädchen so aufwächst, in solcher Stille, solch heiligem
Frieden? Hast du denn nie schlechte Menschen getroffen?«
»O,« meinte sie eifrig nickend, »mein Hauslehrer und deiner, der Herr
Brandt, der war schlecht. Er hat mich beim Baden belauscht, aber ich
bat ihn, seinen Abschied zu nehmen, und er tat es. So hat niemand etwas
davon erfahren.«
Auch dieses Erlebnis war ihm neu, und doch schien es ihm, als kenne er
auch ihre Fähigkeit der Abwehr. »So hast du auch Stacheln?« fragte er.
»Ellenlange, wenn's nötig wird. Denke nur ja nicht, daß ich keinen
Willen habe und nur ein gefügiges Lamm bin, Arno. Die Leute haben immer
Respekt vor mir. Jetzt aber hab' ich genug von mir geredet, nun will
ich von dir hören!«
»Du weißt ja schon alles,« sagte er traurig. Dennoch begann er zu
erzählen, wie sie es wollte, und ein bitterer Schmerz brannte sich
dabei ihm in die Seele. Während sie wie ein Schmetterling in schöner
Verklärung Friede und Freude aus des Lebens mannigfachen Blüten, den
süßen und bitteren, gesogen hatte, war er wie eine Motte um flackernde
Flammen getaumelt, hatte sich die Flügel versengt und die Kraft der
Seele geschwächt. Ihm blieb nur noch eine Hoffnung: rein zu werden in
ihrer Reinheit, stark, indem er sie schützte, und frei dadurch, daß er
sich selbst befreite.
Nachdem er ausführlich berichtet, sich selbst nicht schonend, schloß
er: »Den hellen Stern meiner Kindheit hatte ich verloren, mein Gewissen
verhärtet und betäubt. Toll genug habe ich gelebt. Anfangs fand ich
viele Freunde, mit den Jahren wurden sie seltener. Mein Beruf -- nun
ja, ich suche ihm zu genügen. Ein paar Avancements -- was will das im
Grunde sagen? Das Beste im Leben ist ja doch an mir vorübergegangen,
oder ich an ihm. Äußerlichkeiten, Geselligkeit -- das ist
übriggeblieben. Meine Frau liebt das. Nie kommen wir dazu, gemeinsam
ein gutes Buch zu lesen, wir reden eben verschiedene Sprachen. Meine
einzige Stärkung ist jährlich eine einsame Fußtour in die Berge, die
ich liebe wie du.«
Sie wußte und verstand ihn, noch ehe er zu Ende gesprochen. Sie sah ihn
voll Trauer an. »Aber du hast ja doch deine Kleinen!« sagte sie leise.
»Das ist auch das beste, was ich bisher besaß,« erwiderte er
bedeutungsvoll.
Sie versanken in ein tiefes Schweigen. Er fühlte sein Herz pochen,
als wolle es ihm die Brust sprengen. Konnte, durfte er ihr von seiner
Liebe sagen? Sie liebte ihn, das fühlte er mit einer Seligkeit, die
ihn schwindeln machte. Keinen Augenblick hatte sie gestrebt, ihm ihr
Empfinden zu verbergen -- offen und klar, wie ein Gebirgssee, lag es
vor ihm da. Aber folgte daraus, daß sie einwilligen würde, seine Frau
zu werden? Würde sie ihm erlauben, die anderen Bande zu zerreißen? Wie
hatte sie doch gesagt? »Wenn mein Gelöbnis auch auf einem eingebildeten
Grunde beruhte -- ein Gelöbnis war es immerhin, und das soll man
halten.« Hatte sie ihm damit einen Fingerzeig geben wollen? Oder hatte
sie das unbewußt hingesprochen, und war es nur einfach der Ausdruck
ihres Wesens? In ihrer Hand lag sein Geschick -- er war zur Scheidung,
auch zur Trennung von seinen Kindern bereit -- ja auch von seiner
kleinen Marie-Sibylle. Aber durfte er heute schon sprechen? Er hatte ja
vierzehn Tage Zeit, vierzehn goldene, endlose Tage! -- Er schwieg, sie
aber fühlte sein rasendes Herzklopfen.
»Was ist dir, Arno?« fragte sie sanft. »Ich bin dir doch wohl auf die
Dauer zu schwer. Rasten wir ein wenig.«
Da brach es aus ihm hervor, heiß, glühend, unaufhaltsam: »O Sibylle,
o Geliebtes -- was sollen wir miteinander Versteck spielen? Du weißt
es ja, und du mußt es in jeder Fiber fühlen: Ich liebe dich, ich liebe
dich ...«
Sie wurde sehr blaß. »Ich habe dich mein Leben lang geliebt,« flüsterte
sie. »Du weißt es auch.«
»Und Sibylle ... und ... und ...?« drängte er, »willst du, kannst du
mein werden?«
»Setze mich nieder,« sprach sie erstickt. »Ich will dir zu antworten
versuchen ...«
Er setzte sie behutsam auf einen Stein, warf sich vor ihr nieder und
vergrub den Kopf in ihrem Schoß.
Sie legte die Hand auf sein Haar und rang nach Worten. Mit zitternder
Stimme begann sie zu sprechen: »Daß es so kommen würde und mußte,
wußte ich in dem Augenblick, als du vor mir standest. Ich habe dir
nichts verhehlt ... zu lange Jahre habe ich gedürstet -- nach dir,
Arno, ohne es zu wissen. Aber jetzt antworten kann ich dir noch nicht,
denn ich weiß nicht -- was ich soll. Hättest du nicht die Kleinen, die
du liebst, die an dir hängen, denen du Vater und Vorbild sein sollst --
sieh, dann wüßt' ich's. Laß mir Zeit, Arno, dränge mich nicht. Sprich
mir nicht mehr davon, ich will's dir selber sagen, wenn ich Klarheit
habe ...«
Ihre Stimme klang flehend und zerbrochen.
»Daß ich dir Kampf und Leid bringen muß!« schluchzte er.
»Du hast mir die Seligkeit meines Lebens gebracht, Arno -- ob sie
Stunden dauert oder Jahre, ist gleich. -- Es gibt Blumen, die nur
einmal blühen -- sagte mir einmal eine alte Freundin -- und vielleicht
nur eine kurze Stunde lang, aber zum Blühen und zur Vollendung kommen
sie doch, früher oder später. -- Du hast mir meine Blüte geschenkt,
Arno, und ich habe nicht umsonst gelebt. Das ist das eine, das andere
aber ist: dein Gelöbnis und daß du Vater bist und Pflichten hast.«
»Ja! Ja!« stöhnte er.
Sie sah ihn leuchtend an. »Du Armer, Lieber!« sagte sie, »daß du deine
Pflichten nicht leicht nimmst, das macht dich mir ja noch lieber.« Sie
schwieg, in sich versunken, dann fuhr sie leise und fast feierlich
fort: »Die nächsten Tage werden es mir sagen, wie lieb ich dich habe
-- denn noch kenne ich mein Herz nicht -- ob für die Ewigkeit, Arno,
und daraus folgt Trennung, oder für die Zeit. Trage mich heim, Arno,
Geliebter, und sprechen wir nicht mehr darüber. Ich sage es dir selbst.«
Er beugte sein Haupt tiefer und tiefer. Ihm war, als sei sein Urteil
schon gesprochen -- ehrfurchtsvoll, von heiligen Schauern erschüttert,
berührte er ihren Fuß mit seinen Lippen.
»Trage mich heim!« gebot sie tonlos.
Und er nahm sie wieder in seine Arme und trug sie heimwärts.
Sie sprachen kein Wort. Ihre Seelen aber redeten miteinander
ununterbrochen. -- --
Es folgten nun seltsame Tage. Sibylle mußte ihres geschwollenen Fußes
wegen der Ruhe pflegen; Arno besuchte sie auf der Burg und saß die Tage
über bei ihr in ihrem Zimmer, oder er trug sie hinunter in den Park, wo
er ihr in der breiten Hauptallee, die die Aussicht auf die Schneeberge
frei ließ, ein Ruhebett hergerichtet hatte. Da saßen sie stundenlang
schweigend Hand in Hand unter den schweigenden Bäumen, angesichts
der hart und gewaltsam aufgetürmten grandiosen Hochgebirgskette, die
Seelen voll ungesprochener tiefer Zärtlichkeit. Manchmal sah ihn
Sibylle mit einem so strahlenden Blick der Liebe an, daß er bis ins
Innerste in Hoffnung erbebte -- es war ja nicht möglich, daß sie ihn
wieder gehen hieß! Nach und nach aber wurde es ihm zur schmerzlichen
Gewißheit, daß sie gerade um der Größe ihrer Liebe auf ihn verzichten
werde. Sie konnte ruhig, fast heiter mit ihm reden. Sie sprach von
ihren Lieblingsbüchern, bat ihn, das oder jenes zu lesen, erzählte
mit freundlicher Selbstironie von ihren naturwissenschaftlichen und
medizinischen Studien, sie berührte die höchsten und tiefsten Dinge mit
schlichtem, wahrheitsuchendem Ernste, aber Tag für Tag sah er, daß sie
feiner, blasser und zarter wurde, daß sie gleichsam dahinschwand in
einer seelischen Verklärung. Manchmal fühlte er, daß sie zum Sprechen
ansetzen wollte und doch wieder innehielt, weil sie die Kraft in sich
nicht fand, oder weil sie die kostbaren Stunden weder ihm noch sich zu
verkürzen wagte.
So war ihnen jede Minute ihres Beisammenseins zum Kleinod geworden,
das sie hüteten wie einen Schatz, der ihnen unter den Händen zergehen
könnte wie ein Tropfen Wassers, ein Hauch, ein Klang ...
Qualvoll-süße, selige Stunden waren es, aber wie sie auch die
Augenblicke festzuhalten, wie sie sie auch in heiligem Schweigen zu
verlängern strebten -- diese Augenblicke schwanden unaufhaltsam,
unwiederbringlich dahin. --
Zwei Tage vor der angesetzten Zeit seiner Abreise saßen sie wieder Hand
in Hand, stumm vor seligem Leid. Arno sah, daß Sibylle mehrmals die
Lippen öffnete und tief Atem schöpfte. Aber ihre Lippen erzitterten
immer wieder, und sie schwieg. Er sah, wie sie litt. Um ihretwillen
mußte der Qual ein Ende gemacht werden. Er kniete vor ihr nieder, nahm
ihre beiden Hände, küßte sie und legte ihre Fingerspitzen auf seine
Augenlider.
»Sprich, mein Liebling!« sagte er sanft, »ich bin gefaßt.«
Es kam kein Ton als ein schwerer, leidvoller Seufzer, dann einige
unverständliche Flüsterworte. Er wartete, wie man auf den Todesstoß
wartet.
»Arno, Geliebter --« begann sie, als sie ihre Stimme gefunden
hatte, »ich habe die Tiefe meiner Liebe erkannt; sie ist wie das
Himmelsgewölbe, sie reicht so weit, daß ich selber eher alles Leid und
jeden Schmerz auf mich nehmen könnte, als das Bewußtsein, dich mir
weniger groß, weniger stark und frei zu denken. Das Bittere ist nur,
daß du leiden sollst ...«
»Süße ... Süße ...!« stammelte er.
»Du sollst dir nie vorzuwerfen haben, deinen Kindern nicht ein Vorbild
gewesen zu sein, nie sollst du dich einer unerfüllten Pflicht wegen
anklagen dürfen. Ich danke dir -- mit meinem ganzen Leben, mit jedem
Atemzuge für deine Liebe, Arno, aber wir zwei wollen nichts halb tun --
nicht wahr?«
Sie rang nach Atem, ihre Finger zitterten auf seinen geschlossenen
Lidern, sie waren eiskalt, obwohl die heiße Junisonne brannte.
»Ich darf dich weder deinen Kindern nehmen, noch will ich dich deiner
Frau stehlen,« fuhr sie tonlos fort, »du sollst mir nie schreiben,
Arno, weder Briefe noch Karten.«
Er zog ihre Hände an seine Lippen und küßte sie voll unendlichen
Schmerzes, voll unendlichen Mitleidens.
»Versprich mir das, mein Liebling --«
Er beugte das Haupt und gelobte.
»Ich ... habe nie einen Menschen geliebt wie dich und werde nie einen
Menschen lieben wie dich ...«
Jetzt sah er auf. Sie war geisterhaft bleich, um ihre Lippen zuckte ein
herzzerreißendes Lächeln.