Sie umfingen sich, sie wußten: das war Abschied auf Leben und Tod.
Die schneeweißen Berge schwiegen, die Bäume horchten und staunten,
die ganze wundergroße Natur schien sich in Andacht zu beugen vor
Menschenleib und Menschengröße.
Sie konnten voneinander nicht lassen.
»Mein ... mein ... du meine Seele -- du mein Glück und mein Leid,«
murmelte er.
»Du ganzer Mensch -- ich will deiner wert zu werden suchen.« Mit einer
kleinen, fernen Stimme sagte sie noch: »Arno, wenn dein Junge einmal
groß ist, schick ihn zu mir -- ja, willst du?«
Er erhob sich schwankend -- er sah sie noch einmal an, noch einmal
streckte sie ihm die Hände entgegen, noch einmal suchte er ihren
Mund -- dann ging er. -- Die Bäume schauerten zusammen, die Berge
leuchteten. -- --
Sibylle hat ihn nie wiedergesehen. Jahre kamen und gingen, und sie
wuchs und erstarkte in ihrer Seele. Sie entfaltete sich wie eine
Wunderblume. Wie ein freundliches Gestirn sandte sie ihre Strahlen in
Nacht und Dunkel an Kranken- und Sterbebetten. Wo es Leid zu tragen und
Wunden zu heilen gab, war sie zur Stelle; wo es zu raten, zu helfen,
zu lindern galt, fand sie sich ein; wo man der Mitfreude bedurfte, da
konnte man gewiß sein, ihrem freundlich-gütigen Lächeln zu begegnen.
Wenn aber jemand über Sünde und Schuld richtete und hart verurteilte,
die gefehlt hatten, da war sie es, die zur Milde ermahnte. »Wir stehen
allesamt an der Schwelle der Schuld,« sagte sie dann; »es weiß keiner,
ob er nicht schon diese Schwelle übertreten hat. Niemand hebe den
ersten Stein!« Die Leute im Dorfe nannten sie oft kopfschüttelnd ihre
Heilige. Gegen Kummer, Kränkungen und Leid jeder Art schien sie fortan
gefeit zu sein -- es gab ja nichts mehr, wodurch man sie hätte leiden
machen können. -- Mitten im Winter, am Datum ihres Geburtstages, am 9.
Dezember, legte sie plötzlich ihre Trauergewänder ab und ging fortan
in ihren lichten weißen Kleidern wie vor dem Tode ihrer Eltern. Die
Leute zerbrachen sich die Köpfe über diese freudige Wandlung; die alte
Kastellanin hatte den Grund vielleicht erraten, aber sie nickte nur mit
dem greisen Kopf und schwieg. Sibylle hatte an diesem Tage zwei Pakete
aus Berlin erhalten; in dem einen war ein Buch: »Goethes Briefwechsel
mit einem Kinde«, aus dem anderen fielen duftende Stiefmütterchen, das
Wort »~Pensées~« stand auf einem Zettel.
Geliebt, auf Händen getragen von ihrer Umgebung und dennoch gänzlich
vereinsamt, lebte sie dahin, Jahr um Jahr, und sie freute sich wie
ein Kind, als sie ihr erstes weißes Haar entdeckte. Ihr Leben ward in
seiner scheinbaren Einförmigkeit so reich und vielfältig, daß sie es
nicht hätte gegen irgendein anderes eintauschen wollen. Alle Jahre
zweimal aber hatte sie besondere Festtage: das eine Mal an ihrem
Geburtstage, wo sie immer wieder einen Strauß Stiefmütterchen oder
weißen Flieders und ein gutes Buch erhielt, das zweite Mal an dem Datum
ihres Wiedersehens mit Arno im Mai. Da brachte ihr die Post einen
Strauß Alpenblumen, Edelweiß und Veilchen, oft als Gruß aus nächster
Nähe, und sie wußte, Arno streifte dann einsam durch die Dolomiten,
seine innere Heimat -- sie -- mit der Seele suchend.
Sie begann sich im heißen Sommer auf den Silbergarten des Winters
zu freuen und im Winter auf den Mai, der ihr in seinem zarten
Frühlingsgewande fast ebenso lieb geworden war. In ihrem tiefsten
Innern aber hatte sie sich einen eigenen Silbergarten gezogen, den
sie vor fremden Blicken zu wahren und zu hüten wußte. Hier träumten
Wunderbäume, ihre heiligsten Erinnerungen, bereift und seltsam,
schauten nach innen und harrten der Zeitlosigkeit entgegen. Die
goldenen Tore des äußeren Lebens hatten sich für Sibylle früh
geschlossen, andere goldene Tore aber taten sich weit und lockend auf.
Gestorben war sie, um zu werden.
Einmal war sie auch wieder nach Wangen gefahren, aber sie blieb dort
nur kurze Zeit. Der Vormund schlug ihr nun selbst vor, das Gut zu
verkaufen, da er einen zahlungsfähigen Käufer gefunden hatte. Sie
aber schüttelte mit einem leisen Lächeln den Kopf. »Ich habe meine
Verfügungen darüber schon anders getroffen,« sagte sie freundlich.
Das Erbgut ihrer Eltern vermachte sie testamentarisch Arnos Sohn und
der kleinen Marie-Sibylle.
Der alte Pastor schüttelte bekümmert das Haupt. »Sie hatte alle Anlagen
zu einer echten Christin,« meinte er, »aber ihre Verinnerlichung und
Umdichtung der Natur ist doch wohl nicht der direkte Weg zum Heil.«
Und zu Sibylle sprach er, als er von ihrer Tätigkeit hörte: »Martha,
Martha, du machst dir viele Mühe.«
So war sie einsam, wie sie als Kind gewesen, einsam bis ins innerste
Mark, doch nicht allein. Sie hatte ja doch ihren köstlichen
Silbergarten, und da träumten hohe, schlanke Bäume und dufteten,
leuchtete glanzerfüllte Stille. -- --
Der 18. Mai war gekommen. Sibylle saß in festliches Weiß gekleidet
in ihrer tiroler Heimat in ihrer Lieblingsallee, einen köstlichen,
taufrischen Strauß Alpenblumen vor sich, den ihr die Post soeben
gebracht hatte.
Da trippelte die alte Kastellanin freudig erregt auf sie zu. »Es ist
ein junger Herr da, gnädig Fräulein,« sagte sie geschäftig, »der fragt
nach gnädig Fräulein.«
Sibylle öffnete weit die Augen -- ein schöner, schlanker Knabe von etwa
fünfzehn Jahren kam eilends über den Gartenkies gelaufen und schwenkte
seine Touristenmütze.
»Tante Sibylle! Liebe Tante Sibylle!« rief er von weitem. Er trat vor
sie hin, groß, braun, feurig, und küßte ihr ritterlich die Hände.
»So bist du Arnos Sohn!« sprach sie mit zitternder Stimme. Sie legte
ihm die feinen Hände auf die Schultern und sah ihm tief in die Augen.
»Arnos Augen!« murmelte sie.
Der Knabe stand betreten. Eine heilige Ahnung mochte seine junge Seele
durchrieseln.
»Mein Vater --« er stockte, »wir sind auf einer Gebirgstour -- die
Blumen hat er alle selbst gepflückt ... ich darf vierzehn Tage bei dir
bleiben, wenn du mich magst.«
»Mein lieber Junge,« sie schloß ihn in ihre Arme, »wenn du bei mir
bleiben magst!«
»O -- gern!« sagte er ein wenig gönnerhaft. »Du bist mir doch viel
lieber als Tante Elisabeth, die redet immer so gräßlich fromm.«
Sie lachte hell auf.
»Wie du lachen kannst!« sagte er anerkennend, »und doch hast du weiße
Haare!«
»Wir wollen noch oft zusammen lachen -- du mußt mir aber auch alle
deine Schulstreiche erzählen, gelt?«
»Hm,« meinte er listig zwinkernd, »wenn wir erst damit anfangen, gibt's
sobald kein Ende. Ich bin aber Primus in Sekunda geworden -- weißt du
das schon?«
»Potztausend!« sagte Sibylle mit lachenden Augen, »da wird sich der
Papa aber gefreut haben!«
»Na und ob!« meinte der Junge selbstbewußt. »Ich hab' ja auch nur
Papa zuliebe gebüffelt, denn eigentlich mach' ich mir aus dem ganzen
gelehrten Kram wenig. Landwirt möcht' ich werden! Das ist doch eine
andere Sache!«
»Du bist ja ein Blitzkerl!« sagte Sibylle strahlend. »Was sind denn
sonst deine Passionen? Schlittschuhlaufen, Skilaufen, Reiten und, ich
wette, Sahnentörtchen -- heraus mit den Leibspeisen, Junge!«
»Oho! Das kommt später -- ausführlich. Ich hab' dir aber noch was
mitgebracht, Tante Sibylle. Erst die Pflicht, dann das Vergnügen. Das
ist nämlich Papas Lieblingsspruch.«
Er suchte umständlich in seinen Taschen und holte eine Photographie
hervor. »Das da ist Marie-Sibylle!« sagte er mit verschämtem
brüderlichen Stolz. »Ein ganz passables Mädel -- nicht? Und hier --
das schickt dir der Papa, das hast du ihm einmal als kleines Mädel
geschenkt. Vielleicht macht es dir Freude. Ihm ist es lieber als alle
Schätze -- komisch, was? Aber Papa kann man so was nachsehen -- er ist
schon so besonders!« schloß er großmütig. Wichtig überreichte er ihr
eine alte Zündholzschachtel. Sie zog sie auf, darin lag in verblaßtem
rosa Seidengewand ein winziges Püppchen -- Lady Rosalind.
Der Stein des Pietro.
In Quinto bei Genua, dort, wo sich der Weg nach Nervi zu gabelt, lag
vor einigen Jahren noch ein mächtiger Quaderstein. Rauh war seine
Oberfläche und ein wenig schartig, wie das pockennarbige, mitgenommene
Gesicht eines älteren Mannes, der auch sonst vom Leben nicht allzusehr
geschont worden war. Die Unbilden der Witterung, sowohl die sengende
Glut italienischer Sommer wie die andauernden Regenperioden und die
heftigen Stürme des Mittelmeeres, hatte er seit vielen, vielen Jahren
über sich ergehen lassen müssen. Dennoch stand er so bieder, so fest
und treuherzig da wie am ersten Tage, da ihn ein unbekannter Zufall auf
diesen Platz gestellt haben mochte.
Zu welchem Zweck und aus welcher Ursache er hierhergekommen war, danach
fragte niemand; genug, er stand nun einmal da, trotzig und unentwegt,
und diente bereits seit grauen Zeiten den Wanderern als willkommener
Ruheplatz, den Fremden als orientierendes Merkmal, den spielenden
Kindern, die lachend auf ihm herumzuklettern pflegten, als freundlich
stummer Gefährte.
Vor vier, fünf Jahren etwa kam ein sonnengebräunter, fremder Gesell des
Wegs gezogen, einen Basthut im Nacken, einen derben Stock in der Hand,
einen abgenutzten Ranzen auf dem Rücken. Er kam von Genua und mußte
seiner Kleidung nach von weit her sein.
Düster schaute er aus brennend schwarzen Augen geradeaus. Das magere,
braune, fest umrissene Gesicht war von wenigen, aber tiefen Falten
durchfurcht, die Zeit und einförmiger Kummer hineingegraben haben
mochten. Von den Nasenflügeln an den Mundwinkeln vorbei gruben sich
wie vielbenutzte, einsame Fahrstraßen harte Linien und verliefen erst
unter dem festen Kinn. Auch die schön gewölbte Stirn zeigte Furchen
und Rinnsale, die sich über den beweglichen Augenbrauen in scharfen,
bogenförmigen Strichen zeichneten.
Als habe das Leid sich nicht genuggetan in der Ausmeißelung dieser
schmerzlichen Züge, hatte es auch noch zwei finstere, tiefe Rinnen von
den Augenwinkeln quer über die Wangen gezogen. Ein dunkler Schnurrbart
verschleierte einen feinen, träumerischen Mund, über den sich eine
starke, hagere Nase buckelte, als erhebe sie energischen Protest gegen
alle weicheren Regungen. Es war ein einsames, schwermütiges Gesicht.
Rüstig wanderte der Mann vorwärts und begleitete seinen Schritt mit dem
taktmäßigen Aufschlagen seines Stockes.
Seine Gangart war noch jugendlich. Er mochte in der Mitte der vierziger
Jahre stehen. Als er den großen Quaderstein von weitem erblickte,
leuchtete es hell auf in seinen durchfurchten Zügen.
Rasch ging er auf ihn zu und blieb gedankenvoll vor ihm stehen.
»Hier war es,« murmelte er, »grad vor dreiundzwanzig Jahren ... an
einem heißen, blauen Tage wie heute.«
Und fast zärtlich strich er mit der gebräunten, feingliederigen Hand
über die rauhe Steinfläche.
Dann setzte er sich darauf, warf seinen Ranzen ab und stützte die
Ellbogen auf die Knie.
Trübe starrte er die Straße entlang.
»Alles verändert -- neue Häuser, neue Menschen, neue Zeiten. Annunziata
verheiratet, Emilio und Giovanni hinaus in die Welt ... von dem Hause
des Vaters auch nicht ein Stein! Ah, sakramento!«
Seine Züge zogen sich in bitterem Gram zusammen.
Alle Furchen wurden tiefer.
Er nickte düster mehrmals vor sich hin.
»Nur dieser Alte hat noch das gleiche Gesicht.«
Regungslos blieb er eine Weile sitzen. Seine hagere Gestalt war in sich
zusammengesunken.
Die Kindheitserinnerungen gaukelten ihm lichte, freundliche Bilder vor
die Seele.
Drüben an Stelle des fünfstöckigen, kasernenartigen Gebäudes hatte die
kleine Osteria seines Vaters gestanden mit weinumranktem Laubengang.
Sein freundliches Erbe.
Als kleiner Junge war er dem dicken Vincenzo, der hier täglich seine
zwei Liter Chianti einzunehmen pflegte, auf den Schoß geklettert und
hatte aus seinem Glase genippt, und der feiste Alte hatte lachend
gesagt: »Jetzt bist du bei mir zu Gast, Pietro; aber wenn du groß
bist, komm' ich zu dir und trink' meinen Chianti umsonst. Für die alte
Kundschaft hätt' ich's verdient, mein' ich.«
Und der kleine Pietro hatte ernsthaft genickt und gesagt: »Aber die
Annunziata bringst du dann immer mit, Vincenzo?«
Die kleine Annunziata war des alten Vincenzo Enkelin und sein Augapfel,
ein zierliches, elfenhaftes Ding mit großen, frommen grauen Augen.
Um Annunziatas Gunst hatte es mit den Nachbarskindern Emilio und
Giovanni in späteren Jahren blutige Schlägereien gegeben. Wenn Pietro
mit zerschundener Nase und trotziger Schweigsamkeit von der Straße
ins Haus kam, lachte seine Mutter und sprach: »Die Hexe mit den
Madonnenaugen hat euch wohl wieder aneinandergehetzt? 's geschieht euch
recht, warum seid ihr solche Narren!«
Später, als Pietro beim Marmorarbeiter Lukkoli in die Lehre trat und
täglich nach Nervi hineinwanderte, geschah es, daß Annunziata mit ihrem
Blumenkorbe dieselbe Straße zog. Aber sie ging stets auf der anderen
Straßenseite und sprach kein Wort. Nur unter den langen, seidenen
Wimpern warf sie ihm einen Blick von der Seite zu -- einen Blick, der
sich wie glühendes Eisen in seine Seele brannte. An der Ecke, wo ihre
Wege sich trennten, griff sie mitunter in ihren Blumenkorb und warf
dem hübschen Gesellen mit koboldartigem Lachen einen Veilchenstrauß
zu. Dann war der Tag voll Sonne für Pietro, auch wenn die grauen
Wolken trübe niederhingen. Hoffnungen und Wünsche wurden in ihm groß,
vor deren Seligkeit er selber erschrak, ja einmal fand er den Mut,
Annunziata um eine rote Nelke zu bitten. Sie aber schüttelte lachend
ihr schwarzlockiges Haupt, und nun blieben auch die Veilchenspenden aus.
Er hatte gesehen, mit leibhaftigen Augen gesehen, wie sie dem
langen Giovanni, der einst dicht hinter ihr herschritt, ein
Veilchensträußchen wie unversehens vor die platten Füße fallen ließ.
Von nun an haßte er den langen Giovanni wie seinen Todfeind und suchte
Händel mit ihm, wo er konnte. Barkenführer war der, und sein Geschäft
war, die Fremden ins blaue, schillernde Meer hinauszurudern. Sonst aber
lag er stundenlang faul auf dem Rücken und ließ sich die Sonne ins
Gesicht scheinen.
Zwei Jahre waren hingegangen und ein Gerücht verbreitete sich,
Annunziata wolle den dicken Bäcker Philippo Grimaldi in Genua
heiraten. Pietro verlor den Schlaf und ward rauflustiger denn je.
Beim Bocciaspiel hörte man sein zorniges, rauhes Lachen, und bei
seinem Meister arbeitete er mit einer Vehemenz, die ihm den Spott der
übrigen Gesellen und die Achtung des Meisters eintrug. Wenn die anderen
laute sozialistische Reden führten, nickte er nur grimmig und ward
schweigsamer und trotziger denn je.
Da geschah es an einem strahlenden Morgen, daß Annunziata auf ihrem
gewohnten Wege nach Nervi eine rote, glühende Nelke aus ihrem Körbchen
zog, quer über die Straße ging und die Blume mit einem leisen Nicken
ihres Madonnengesichtchens dem Pietro vor die Füße fallen ließ.
»Komm um die Mittagszeit an den großen Stein,« lispelte sie.
Pietro glaubte seinen Sinnen nicht zu trauen. Versteinert stand er da.
Leicht war sie an ihm vorübergeschritten -- aber da lag ja die Nelke --
er hob sie hastig auf und preßte sie an die Lippen. Er hatte also nicht
geträumt, und die Worte vom Stein hatte sie wahrhaftig gesprochen. --
Lange vor Mittagszeit fand er sich auf dem Platz ein.
Fiebernd vor Erwartung stand er da. Wenn sie ihn angeführt hätte ...!
Aber da kam sie mit sittig gesenkten Augenlidern um die Ecke
geschritten, leicht wie eine Elfe, schön wie eine Madonna.
Sie warf einen scheuen Blick auf die Nelke in seinem Knopfloch.
»Pietro,« sprach sie leise, »der dicke Grimaldi ist mir zuwider. Dir
bin ich gut. Sprich du mit dem Großvater ...«
Er starrte sie an wie eine Erscheinung. Träumte er denn nicht?
»Annunziata ...« stammelte er, »o Annunziata!«
Er griff nach ihrer Hand, sie drückte seine zitternden Finger leise --
dann war sie davongehuscht.
Pietro fühlte den Mut eines Löwen in sich. Und mit dem Ungestüm eines
hitzigen Knaben verdarb er sich seine Sache.
Der feiste Vincenzo hörte ihn ruhig lächelnd an und sprach: »So! Ihr
junges Volk seid also einig, und nach uns Alten fragt ihr nicht. Nun,
wollen sehen, wollen sehen, mein Sohn. Ich gebe keine Versprechungen.
Die Zukunft wird's ja zeigen.«
Und was die Zukunft zeigte, das war so entsetzlich gewesen, daß Pietro
beschloß, nach Amerika auszuwandern, um nicht vor Wut und Gram zu
ersticken und zum Mörder zu werden.
Annunziata wurde zwar nicht mit dem dicken Bäcker Grimaldi versprochen,
aber mit dem reichen, hübschen Kaufmann Torresino, und das Schlimmste
-- sie war ganz glücklich.
»Ich hab' mein Herz nicht gekannt, Pietro -- jetzt erst weiß ich, was
Liebe ist. Verzeih mir.«
Er verzieh nicht. Mit dem ersten besten Schiff zog er aus nach Amerika,
ein ruheloser Mann.
Viele Jahre trieb er die verschiedensten Hantierungen; Straßenarbeiter
war er und Steinklopfer, Hausierer, Handlungsreisender und Diener.
Nach zwölf Jahren erfuhr er vom Tode seiner Eltern. Die Osteria war
verkauft. Er erbte einige tausend Lire. Nun eröffnete er ein eigenes
Kolonialwarengeschäft. Es glückte ihm nicht. Sein Geld sickerte ihm
durch die Finger. Wieder stand er mittellos wie einst auf der Straße.
Da nahm sich seiner ein deutscher Maler an. Es war ein echter Künstler
mit einem weiten, warmen Herzen. Pietro blieb bei ihm als Diener und
sah ihm so viel von seiner Kunst ab, daß er sich selbst darin zu
versuchen begann. Der Maler hatte seine Freude daran, und für Pietro
erschloß sich ein neues Leben.
Er blieb bei seinem gütigen Herrn, der ihm mehr ein Freund war.
Sie durchstreiften auf langen Reisen Amerika, hielten sich in den
verschiedensten Städten auf, und der Künstler sprach davon, den treuen
Pietro zu seinem Erben zu machen. Ehe er an die Ausführung seines
Testaments ging, ereilte ihn der Tod.
Nun war Pietro ganz und gar vereinsamt. Nur das Malgerät seines
Freundes und Herrn durfte er sich aneignen. Wieder stand das Leben leer
und öde vor ihm wie ein dunkles, fragendes Rätsel.
Da packte ihn die Sehnsucht wieder, in seine Heimat zu ziehen -- nach
dreiundzwanzig Jahren.
So saß er nun auf seinem Stein, dem einzigen Gegenstande, der im
Wechsel der Zeiten der gleiche geblieben war -- heimatlos, vereinsamt
wie zuvor.
Mit einem schweren Seufzer stand er auf, faßte den Ranzen gleichgültig
am Riemen und warf ihn über den Rücken. Suchend schritt er die hohe
Häuserreihe entlang. Wäschestücke flatterten melancholisch an Seilen
über seinem Haupte. Aus den Fenstern eines weitläufigen Gebäudes
schallte wüster Streit.
Behäbig stand der Schenkwirt in Weste und Hemdsärmeln an der Tür
einer Osteria und horchte lachend zu den Schimpfreden empor, die wie
abgeschossene giftige Pfeile aus zwei getrennten Fenstern desselben
Hauses auf die Straße flogen.
Zwei wirre, ungekämmte, von Wut entstellte alte Weiberköpfe bogen sich
heraus, jeder an seinem Fenster, und schimpften mit auserlesener Übung
und Liebe zur Sache.
Zwischen ihnen lag ein geschlossenes Fenster. Die Sicherheit, daß die
Streitenden nicht zueinander gelangen konnten, gab ihren Mienen und
ihren Worten eine außerordentlich gesteigerte Ausdrucksfähigkeit.
Pietro schob sich an dem Schenkwirt vorüber in die dunkle Osteria und
setzte sich an einen Tisch.
»Einen Salami und ein Viertel Chianti!« befahl er kurz.
Der Schenkwirt brachte das Geforderte und stellte sich neugierig vor
ihm auf.
»Ihr seid wohl fremd hier?« begann er.
»So ziemlich.«
»So dacht' ich, denn sonst müßtet Ihr Eure Freude an dem Konzert da
oben haben. Das geht nun schon seit fünf Jahren alle Tage so her. Ohne
diese lebhafte Begrüßung hätten die alten Hexen keinen Appetit.«
»Worum handelt sich's denn?« fragte Pietro gleichgültig.
»Jeden Tag um etwas anderes. Heute hat die alte Carmela es gewagt, ihr
Kamisol auf die Wäscheleine der Barbara zu hängen, und morgen behauptet
Barbara, die Carmela hätt' ihren Liebsten, den Michele Punta, der vor
dreißig Jahren nach Amerika ausgewandert ist, zu kapern versucht. Die
Wahrheit ist, er war ein kluger Mann und ist seiner sanftmütigen Witwe
beizeiten ausgerückt. Hätt' ich auch getan, an seiner Stelle. Ah, ~per
bacco~!«
Pietro verzog keine Miene. »Ist das Zimmer zwischen den beiden bösen
Nachbarinnen zu vermieten?« fragte er.
»Jawohl. Da wird sich so bald keiner finden, der in die Höhle zieht.
Zu beiden Seiten die täglichen Explosionen -- tausend Dank! Von unten
hört sich das ganz erfreulich an, aber so mitten drin -- das ist kein
Vergnügen!«
»Mir kommt's auf die Billigkeit an -- ich bin taub und stumm, wenn ich
will.«
So ward die Sache beschlossen und eingerichtet. Noch an demselben Tage
bezog Pietro die einfenstrige Kammer zwischen den beiden feindlichen
Gewalten.
Es war, wie er gesagt hatte. Er war taub und stumm. Die wütenden Reden
der geifernden Weiber prallten ohne jegliche Wirkung an ihm ab und
gingen über ihn hinweg wie Wellenschaum über Felsenklippen, selbst wenn
er sein Fenster öffnete und gelassen hinausschaute. Seine Gegenwart
schien im Gegenteil die Hexen zu ausgesucht tückischen und wortreichen
Schmähungen zu entflammen.
Eine Woche hatte der Trödel nun schon gedauert -- endlich riß auch
Pietro die Geduld. In demselben Moment, da die Alten wieder einmal
ihren üblichen Morgengruß austauschten, die zusammengekrallten Finger
erhoben und mit fletschenden Zähnen aufeinander losgeiferten -- erhob
Pietro, der sie bisher niemals beachtet hatte, gebieterisch seinen
Zeigefinger, faßte sie nacheinander fest ins Auge und sprach: »Basta!
Nun ist's aber genug. Wenn ihr nicht aufhört, werde ich euch das
Schweigen schon beibringen.«
Starr vor Staunen fuhren sie einen Augenblick zurück, stürzten aber
sofort gleichzeitig wieder hervor, beugten die Oberkörper weit zum
Fenster hinaus, und schmetternder und wütender als zuvor erhob sich das
ohrenzerreißende Gekeife -- nun gegen ihn.
Ruhig blinzelte Pietro sie an, eine nach der anderen, dann stülpte er
seinen Hut auf und wanderte an seinen Lieblingsplatz, den großen Stein.
Er zog ein Stück Kohle aus der Tasche und begann mit sicheren, festen
Strichen auf der Steinfläche zu zeichnen.
Zwei geöffnete Fenster mit halb aufgeklappten Jalousien -- aus jedem
beugte sich ein alter Weiberkopf von grotesker Häßlichkeit. Die
krummen Hände hielten beide wie Krallen gegeneinandergerichtet. Das
dazwischenliegende Fenster war geschlossen.
Neugierig trat ein Vorüberwandernder nach dem anderen an den Stein und
blieb stehen. Bald war eine ganze Gruppe versammelt. Ein Lachen ging
durch den Kreis.
»~Benissimo! Bravo!~ Die alten Hexen, wie aus der Kanone geschossen!
Das leibhaftige Leben!«
Pietro sah sich nicht um. Schweigsam zeichnete er weiter und fügte neue
Einzelheiten zu dem Gesamtbilde.
»~I say!~« klang eine näselnde Stimme. »~That's well done!~«
Ein Lirestück flog auf den Stein.
Bewundernd stand ein Engländer in kariertem grauen Anzug daneben.
Pietro schaute ihn düster an, dann schob er die Lire gleichmütig in die
Tasche.
»~Non capisco!~« log er, rückte den Hut in den Nacken und trollte sich
davon.
»~A strange fellow!~« murmelte der Brite.
Vergnügt und gestikulierend blieben die Italiener stehen und suchten
ihm begreiflich zu machen, um was es sich handle.
»~Aoh, I see! A funny chap!~«
Damit ging er weiter. Der Stein aber blieb bis zum späten Abend der
Sammelpunkt regen Interesses und heiterer Unterhaltung.
Als es zu dämmern begann -- sah man die alte Carmela, ein schwarzes
Schleiertuch über dem Haupt, sachte zu dem Stein hinschleichen und fünf
Minuten später die Barbara.
Für sie war er ein Stein des Anstoßes geworden.
Stumm, gelb und bleich vor Entsetzen und Wut standen sie da, dann
ergriff jede einen Rockzipfel und scheuerte keuchend über ihr eigenes
Bildnis. Ein lautes Bravorufen schallte ihnen von der anderen
Straßenseite entgegen, und flüchtig wie graue Gespenster huschten sie
davon, jede in einer anderen Richtung.
Von nun an hatte Pietro seine Ruhe.
Aber zum monatlichen Zahlungstermin des Mietzinses stand ein großer
Karren vor der Haustür, drei langgespannte, hochbeinige Maultiere
davor, und kunterbunt und einträchtig war das Hausgerät der beiden
Feindinnen übereinandergeschichtet. Sie zogen beide friedlich aus,
um ihre grausam gestörten Feindseligkeiten in einem anderen Hause
einer anderen Straße wieder aufzunehmen. An einem lang andauernden
erzwungenen Frieden wären beide erstickt.
Die längste Zeit seines Tages begann Pietro an seinem Stein
zuzubringen. Die Erfahrung mit dem Engländer hatte ihm einen
praktischen Gedanken eingegeben. Passierte irgend etwas Bemerkenswertes
auf der Straße, gab's irgendwo Händel oder eine Schlägerei, oder zogen
die Burschen mit ihren Mandolinen singend durch die Straßen -- Pietros
Kohlenstift wußte die Gestalten festzuhalten, und mancher Soldo flog
als klingender Lohn auf seinen Stein.
Endlich begnügte er sich nicht mehr mit den schwarzen
Kohlenzeichnungen. Er brachte bunte Pastellstifte mit hinunter und
begann die Osteria seines Vaters hinzuwerfen, wie sie in der Erinnerung
an seine Jugendjahre vor ihm stand. Es wurde eine schmerzlich süße
Beschäftigung.
Die Unebenheiten der Steinfläche wußte er geschickt auszunutzen, hier
nur mit ein paar Lichtern nachzuhelfen, dort den graubräunlichen
Grundton stehen zu lassen. Lebendig wuchs das alte, zusammengesunkene
Häuschen vor ihm auf, mit den grünen Jalousien, dem lichtdurchstrahlten
Weinlaubengang und dem blauen Himmel darüber. Vorn auf der Bank die
breite Gestalt des festen Trinkers Vincenzo und vor der Haustür -- ein
schlankes Weib im roten Rock, seine Mutter. Das Bildchen rief lebhafte
Anerkennung hervor.
»Der versteht's« riefen bewundernde Stimmen, und mehrere Soldi rollten
klappernd auf den Stein.
Aber es war niemand von den Alten da, die das Haus wiedererkannt
hätten, und Pietro empfand seine Einsamkeit mit einem Gemisch von
drückender Schwüle und wehmütiger Befreiung.
Sein Stein und er waren die einzigen Wissenden; sein Stein und er
hatten sich allein etwas zu sagen.
Und aus der Tiefe seiner Seele quoll der Wunsch in ihm hervor, seinem
Stein ein anderes geliebtes Bild aufzuprägen.
In feierlicher Stimmung begann er an einem stillen, heißen Sommertage
die Züge Annunziatas in Pastellfarben auf den Stein zu zeichnen.
So wie sie damals vor dreiundzwanzig Jahren vor ihm gestanden,
lieblich, berückend, mit grauen Madonnenaugen in dem schelmischen
Elfengesicht.
Er gönnte seiner Seele diesen Feiertag. Wer wußte hier noch von ihr und
ihm?
Es wurde kein Meisterwerk, aber sein Meisterwerk war's immerhin. Nie
hatte er Besseres geschaffen. Sein Herz, sein Blut und seine Trauer
hatten mitgemalt, und lebendig leuchtete ihm die Annunziata seiner
Liebe aus der graubraunen Fläche des Steins entgegen.
Wie immer sammelten sich die Müßigen um den wunderlichen Gesellen.
Die freudige Neugierde, der zufriedene Stolz auf den Künstler und
Landsmann machten sich in lauten Beifallsworten Luft.
Der einsame Pietro, er, in dessen verschlossene Seele kein anderer
hineingeschaut hatte, er gehörte zu ihnen. Ihnen gehörte dieser
Sonderling, den sie nicht begriffen, dieser weltfremde Schweiger, so
wie ihnen das stumme Vorgebirge Portofino gehörte, das blaue Meer und
die stachligen Agaven. Ein Gewächs ihres schönen Landes war er wie sie.
Wer fragte danach, warum das Meer so blau, warum Portofino so schön,
warum die Agavenblätter so spitz und drohend aussahen wie Schwerter? Es
war so, und daher nahm man die Dinge so, wie sie waren, die Dinge und
die Menschen. Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und einer Note
von überlegenem, gutmütigem Spott.
Pietro Ferrari war der Ihre. Er war viele Jahre außer Landes gewesen.
Er war in der Fremde geworden -- was kümmerte das sie? Ob seine engere
Heimat Genua gewesen oder Florenz -- danach fragten sie nicht. Genug,
er war Italiener.
Nun aber trat ein Genuese an den Stein heran und betrachtete das
Bildnis lange.
»~Per bacco!~« sagte er, »das ist ja die schöne Signorina Maria
Torresino, wie sie leibt und lebt! Die soll ja nächstens Hochzeit
machen mit dem reichen Seidenfabrikanten Andrea Parrini aus Bergamo.«
Er warf ein blankes Zwanzigcentesimistück auf den Stein.
Pietro zuckte zusammen, aber er würdigte ihn keiner Antwort.
»Der, der den Pietro zum Reden bringt, wenn er nicht will, der muß
noch erst geboren werden!« höhnte ein brauner, schmucker Bursche in
Hemdsärmeln. »Das ist ein Schweiger aus eigenen Gnaden und ein Künstler
dazu! Jeder Mann hat eben sein Vergnügen!«
Zu aller Erstaunen wendete Pietro sich um.
»Wo soll die Hochzeit sein und wann?« fragte er kurz.
Die Frage kam so unerwartet, daß alle ihn verblüfft anstarrten.
»Nun, übermorgen, im Lorenzodome. Halb Genua spricht ja davon. Hoch
soll's hergehen dabei. Wie schön die Braut ist, davon redet ja sogar
Euer Stein! Das brauche ich Euch nicht erst zu sagen.«
Schweigsam packte Pietro seine Pastellstifte zusammen. Dann fuhr er
mit dem Ärmel gleichmütig über das blühende Antlitz, und in eine
unkenntliche, farbenreiche Masse aufgelöst, starrte ihm sein zerstörtes
Werk entgegen. Er wandte sich zum Gehen.
Ein einziger Laut des Bedauerns ging durch die Reihen.
Pfiffig zwinkerte der Genuese mit den Augen.
»Solche Künstlergrillen haben ihre Geschichte,« flüsterte er. »Ich
wette, euer seltsamer Maler hat sein Herz an die schöne Maria Torresino
verloren!«
»Dann muß er ein Genuese sein!«
»Nein, er stammt hier aus Quinto. Das weiß ich von dem alten
Eisenwarenhändler Philippo -- der will ihn sogar erkannt haben.«
»Wie, der alte Maulwurf mit seinen triefenden, halb blinden Augen?«
»Vor dreiundzwanzig Jahren soll der Pietro ein schöner Bursch gewesen
sein!«
»Dreiundzwanzig Jahre! Das ist eine lange Zeit!«
»Nun freilich. Aber einen Maler Pietro Ferrari hat's damals hier nicht
gegeben.«
»Wenn Euch die Sache keine Ruhe läßt, so geht doch selber zu ihm hin
und fragt ihn.«
So schwirrten die Reden und Gegenreden durcheinander. Pietro war schon
längst in seiner Stube und starrte trübsinnig vor sich hin. Was gingen
ihn all die schwatzenden Leute an? Er sehnte sich nach seinem Stein und
dem verlorenen Bildnis seiner Annunziata.
Maria Torresino -- das also war ihre Tochter.
Er mußte sie sehen. Er mußte.
In aller Frühe, noch ehe der glühende Sonnenball über das Vorgebirge
Portofino hervorschaute, wanderte er am nächsten Morgen nach Genua.
Zwecklos trieb er sich in den lärmenden Straßen umher. Aber am
folgenden Tage fand er sich im Lorenzodome ein.
Er sah sie wieder. Seine Annunziata, verjüngt, verklärt in dem Bilde
der wunderschönen, lieblichen Braut Maria Torresino.
Seine Annunziata aber erkannte er nicht wieder. Eine dicke, gemächliche
Frau, laut und aufdringlich in Stimme, Kleidung und Bewegungen. Und
er sah Maria Torresino als Maria Parrini über die breiten marmornen
Kirchenfliesen zurückgehen -- nein, Annunziata, noch immer seine
Annunziata ...
Und alles, was vom Künstler und vom einsamen, um sein Glück betrogenen
Menschen in ihm war, schrie auf und heftete sich in einem langen,
verzehrenden, glühenden Blick an ihre Züge.
Sie hatte er gemalt. So ähnlich war sie ihrer Mutter. Sie war die
Sehnsucht seines Lebens gewesen! Zurück -- zurück zu seinem Stein!
Dort mußte sie wieder auferstehen ...
Ärmer denn je, verlassener denn zuvor -- nur sein Stein, sein Stein,
der stumme Gefährte all seiner verschwiegenen Bitternisse, der
Wissende, der einzige Freund -- zu ihm zurück!
Er lief mehr als er ging, die Landstraße entlang. Brütende Mittagglut
über dem blauen, schillernden Meer. Rasselnde Fuhrwerke hüllten ihn in
Wolken von Staub. Der Schweiß troff in Strömen von seiner Stirn. Er
achtete es nicht. Zurück zu seinem Stein!
Er allein war Heimat ihm und Freund, er allein gab Nahrung ihm und
Arbeit, gab ihm die wehmütig-trübe Freude der Erinnerung.
Sein Stein!
Vor Pietro tauchten die ersten Häuser Quintos auf. Erschöpft
verlangsamte er seine Schritte.
Wie nach langer, mühseliger Lebenswanderung fühlte er sich von den
wenigen Meilen entkräftet und zerschlagen.
Schon sah er die beiden gegabelten Straßen, die nach dem nahen
Nervi führen. Dort, wo die Wege zusammentrafen, stand eine lärmende
Menschengruppe.
Er hatte doch nichts Neues auf seinen Stein zeichnen können, weshalb
wären denn die vielen Menschen da? War ihm jemand im Zeichnen
zuvorgekommen?
Mit erzwungener Gemessenheit schob er sich heran.
Da blieb er stehen, als hätte ihn ein Schlag vor den Kopf getroffen.
Bleich wie Kreide stand er da und blinzelte hastig und unsicher mit den
geröteten Lidern.
Um der Barmherzigkeit willen -- was war geschehen? Wo war denn sein
Stein?
Ein tief eingedrücktes Viereck im harten, trockenen Erdboden war die
einzige Spur seines letzten Freundes.
Wo war sein Stein hin ...?
Ratlos, benommen stierte Pietro nach dem leeren Platz. War er verhext?
»Wo ... wo ist ...?«
Heiser und kraftlos gurgelte er die wenigen Worte hervor. Er wies auf
die leere Stelle.
»Ah, der Alte da -- das war harte Arbeit -- einen Riß hat er beim Heben
davongetragen. Angekauft ist der Platz zum Hausbau. Den Stein hat man
soeben fortgeschafft -- ins Meer soll er, ist ja zu nichts mehr gut.«
Pietro atmete kurz und schwer. Ein Schwindel wirbelte ihm alle Dinge
wild im Kreise. Häuser, Menschen tanzten auf und nieder, hin und her.
»Mein Stein ...« sagte er nur mechanisch vor sich hin, »mein Stein ...«
Rasch eilte er die untere der Parallelstraßen entlang. Dort um die Ecke
bog ein schwerer, zweiräderiger Karren, von fünf Maultieren langsam
fortbewegt. Darauf sah er seinen Stein.
Atemlos rannte er ihm nach. Unbarmherzig hieben die Lastfuhrleute auf
die müden Tiere ein. »J--uh! J--uh!« tönte es aufmunternd aus drei
rauhen Kehlen.
Pietro hielt seinen Stein mit beiden Armen umklammert. »Nicht ins
Meer,« bettelte er mit zerbrochenem Ton, »nicht ins Meer ... den Stein!«
Die Treiber sahen den wunderlichen Gesellen an.
»Das ist so Befehl vom Syndako,« sagte einer gleichmütig.
»Fortgeschafft soll er werden.«
Und weiter mit »J--uh! J--uh!« karrte der hochräderige Wagen.
Betäubt, zerbrochen folgte Pietro dem Fuhrwerk. So war es gewesen, als
man seinen Herrn begrub.
Das Letzte hatte man ihm genommen. Das Allerletzte.
Am Klippenstrand von Nervi, dort, wo ein vormaliger Sarazenenturm
trotzig aufragt, steht jetzt ein Frauenkloster, die letzte Zuflucht der
aus Frankreich vertriebenen grauen Schwestern.
Still und lüstern funkelte tief unten das blaue Meer ...
Auf den äußersten Vorsprung dieser mächtigen, graubraunen Klippen
lenkte man das Fuhrwerk.
Still standen die geduldigen Maultiere -- wie aus Stahl gegossen.
»~Uno momento -- -- avanti!~«
Wie zwei Säulen durchschnitten die Fehmerstangen des Karrens plötzlich
die mittagsblaue Luft -- der Karren kippte -- mit dröhnendem Krachen
sauste Pietros Stein hinein in die azurblaue Tiefe.
Weit beugte sich Pietro vor. In dem glasklaren Wasser von
tiefsmaragdenem Grün sah er seinen einzigen Freund.
»~Ecco! Basta!~« rief einer der Maultiertreiber.
Und wieder über den knirschenden Kies knarrte das leere Fuhrwerk
weiter -- --
Pietros Leben hatte allen Inhalt verloren. Auf einem anderen Stein
konnte er nicht zeichnen -- es war ja nicht sein Stein.
Verstört und ruhelos schlich er in den Straßen umher. Die Leute
beobachteten ihn scheu.
»Es ist nicht richtig mit ihm!« flüsterten sie.
»Wie er an dem alten Stein hing!«
»Nie war er ein Mensch unter Menschen!«
»Was redet ihr da? Ein Stein ist er unter Steinen, und zu den Steinen
gehört er auch hin ...«
Pietro hatte die letzten seltsamen Worte gesprochen, düster, mit
bitterem Grimm.
Betreten wichen sie zurück.
Und eine Woche später war er verschwunden.
Man suchte ihn vergebens. War er verunglückt? Niemand wußte es
zu sagen. Vielleicht war er von den schlüpfrigen Felsenklippen
hinabgeglitten ... denn immer wieder hatte es ihn zu seinem Stein
getrieben.
In seiner Kammer fand sich kein Bissen Brot, kein einziger Soldo --
nichts außer dem Malgerät und ein paar Kleidungsstücken.
Trübe schüttelte der Schenkwirt das Haupt.
»Mich dünkt, er war ein Mensch unter Steinen!« sprach er gedankenvoll.
Ende.